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Funde & Fakten

Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.

Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:


Ein KI-Modell namens „Enoch“ der Universität Groningen datiert Schriftrollen vom Toten Meer mithilfe paläografischer Analyse und C14-Daten – mit teils überraschenden Ergebnissen: Viele Texte scheinen älter zu sein als bisher angenommen. Besonders brisant ist die Datierung eines Daniel-Fragments (4Q114) auf circa 230–160 v. Chr., was die verbreitete These infrage stellt, dass das Buch Daniel erst nach Antiochus IV. Epiphanes verfasst wurde.


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Serie: Funde & Fakten

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Transkript

[0:21] Wie alt sind die Schriftrollen vom Toten Meer wirklich? Und hat die Antwort auf diese Frage möglicherweise eine Auswirkung auf die Interpretation des biblischen Danielbuches? Das wollen wir uns heute in diesem Video anschauen. Und damit herzlich willkommen zu Funde und Fakten – heute mit der Frage: Sind die Schriftrollen vom Toten Meer möglicherweise älter als gedacht?

[0:54] Qumran und die benachbarten Orte als Fundstätten der Schriftrollen vom Toten Meer sind weltberühmt, seit dort kurz nach dem Zweiten Weltkrieg tausende von Fragmenten von Schriftrollen gefunden worden sind, die damals die Fachwelt erschüttert haben, weil sie gezeigt haben, wie konstant die Überlieferung des hebräischen Textes der alttestamentlichen Bibel über die Jahrhunderte und letztlich Jahrtausende gewesen ist.

[1:28] Eine Frage, die immer schwer zu beantworten war und auch ist, ist die genaue Datierung dieser Manuskripte. Man kann sie zwar sehr grob eingrenzen – so die letzten Jahrhunderte vor der Zeitenwende für die meisten der Manuskripte. In der Regel haben diese Manuskripte allerdings keine Datumsangabe. Man ist also darauf angewiesen, mithilfe der Paläografie, also der Untersuchung der verschiedenen Buchstabenformen, ungefähr abzuschätzen, welche Manuskripte jünger und welche älter sind. Das ist natürlich immer ein bisschen mit Unsicherheit behaftet, weil man versuchen muss zu rekonstruieren, wie sich die Schriftform im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten entwickelt und weiterentwickelt hat – und man nie so ganz abschätzen kann, was eine generelle Entwicklung ist und was vielleicht auch einfach nur die persönliche Handschrift des Schreibers.

[2:31] In den letzten Jahren ist immer mehr auch versucht worden, mithilfe von C14-Datierung Einzelmanuskripte besser zu datieren. Und nun gibt es seit ganz Kurzem einen ganz neuen Versuch mithilfe von KI: Mladen Popović und sein Team – er ist Professor für Hebräische Bibel und antikes Judentum an der Universität Groningen in den Niederlanden und gleichzeitig Direktor des Qumran-Instituts – hat einen solchen äußerst interessanten Versuch unternommen. Publiziert ist das unter dem Titel „Dating Ancient Manuscripts Using Radiocarbon and AI-Based Writing Style Analysis".

[3:19] Was hat man gemacht? Man hat ein ganz spezielles KI-Modell genommen, es trainiert – und zwar mithilfe von 24 Fragmenten aus den Schriftrollen vom Toten Meer, die man bereits mit der C14-Methode in etwa datieren konnte. Man hat dieses KI-Modell übrigens interessanterweise „Enoch" genannt – also Henoch. Enoch sollte lernen, die unterschiedlichen Buchstabenformen paläografisch zu datieren, nach einem ganz neu selbstgelernten System sozusagen. Und nachdem man Enoch so trainiert und anhand der C14-Daten validiert hatte, lag die Fehlerrate bei circa 30 Jahren, was für paläografische Abschätzungen eine ziemlich gute Genauigkeit ist.

[4:32] Man hat dann das Modell noch einmal speziell getestet, indem man einige andere, dem Modell noch nicht zugeführte Manuskripte gezeigt hat, die allerdings auch schon C14-datiert waren, und dann geschaut, wie die Korrelation ist. Man sieht auf diesem Grafen blau die C14-Daten für verschiedene Manuskripte, die alle am linken Rand benannt sind. „4Q" heißt zum Beispiel immer, dass es aus der Höhle 4 von Qumran kommt, mit der entsprechenden Manuskriptnummer. In Rot sieht man die Datierungsabschätzung von menschlichen Paläografen, die das aufgrund ihrer Theorien abgeschätzt haben. Man sieht, dass die meistens ein bisschen zu spät datieren – also im Vergleich mit den C14-Daten oft ein zu spätes Datum ansetzen –, während grün markiert die KI-Ergebnisse relativ gut zu den C14-Ergebnissen passen.

[5:41] Man hat dann 135 bisher nicht durch C14 datierte Manuskripte genommen und sie dem KI-Modell Enoch vorgelegt, das dann entsprechende Datierungsabschätzungen vorgenommen hat. Nachdem das geschehen war, hat man die Ergebnisse noch einmal von erfahrenen Paläografen anschauen lassen und dabei einige ganz offensichtlich falsche Ergebnisse eliminiert – denn KI macht Fehler, nicht nur ChatGPT, sondern auch solche wissenschaftlich trainierten Modelle sind natürlich nicht fehlerfrei. Aber für erstaunliche 79,26 % der Ergebnisse mussten auch sehr erfahrene Experten in der Paläografie zugestehen: Das ist eine realistische Abschätzung.

[6:35] Die Ergebnisse sind sehr interessant, denn fast immer scheinen die Texte aufgrund dieser Analyse doch etwas älter zu sein, als man bisher angenommen hat. Sogar einige Texte, von denen man glaubte, dass sie in der Qumran-Siedlung entstanden sind, wurden von Enoch so datiert, dass sie älter waren als die Entstehung der Siedlung selbst. Die Idee beginnt also langsam unter den Forschern zu entstehen, dass viele dieser Texte sozusagen schon als Texte existierten, als sie nach Qumran gekommen sind.

[7:08] Christopher Rollston, den wir hier in dieser Serie schon einmal erwähnt hatten – wahrscheinlich die größte Autorität in der Paläografie für westsemitische Epigrafik –, hat sich das angeschaut und die Ergebnisse als sehr interessant und vermutlich bedeutsam bezeichnet. Er hat allerdings sogar darauf hingewiesen, dass das KI-Modell nicht das erste war, das zu solchen Schlussfolgerungen gekommen ist. Vor etwa 60 Jahren hat der große Paläograf Frank Moore Cross schon ähnlich frühe Datierungen vorgeschlagen.

[7:50] Ganz besonders interessant bei alldem ist ein Manuskript, das bekannt ist als 4Q114 – das nämlich Teile des Danielbuches enthält, genau genommen Teile von Daniel 10 und 11. Das Manuskript ist nur ein Fragment, deswegen nur einzelne Verse aus diesen beiden Kapiteln. Kritische Theologen behaupten seit langer Zeit, dass das Buch Daniel – insbesondere die zweite Hälfte – von dem seleukidischen Herrscher Antiochus IV. Epiphanes sprechen würde, wenn es dort von einem kleinen Horn und den widergöttlichen Mächten spricht. Antiochus IV. ging 167 vor Christus gegen die Juden vor, und daher sei das Buch Daniel gar nicht von einem Daniel in Babylon oder Persien geschrieben worden, wie das Buch selbst sagt, sondern erst sehr viel später, nach den Ereignissen um Antiochus IV. Epiphanes.

[8:55] Das Bemerkenswerte ist, dass das KI-Modell Enoch dieses Fragment aufgrund all der Analysen auf die Zeit circa 230 bis 160 vor Christus datiert und damit es extrem unwahrscheinlich macht, dass dieses Fragment nach der Zeit von Antiochus IV. Epiphanes geschrieben worden ist – es muss ganz offensichtlich wohl davor vorgelegen haben. Natürlich ist es ohnehin nur ein Fragment einer Abschrift – es ist ja nicht das Original von Daniel. Aber wenn es schon vor Antiochus IV. Epiphanes Manuskripte gab, die Abschriften von Daniel 10 und 11 waren, dann kann der Autor von Daniel 10 und 11 natürlich nicht Antiochus IV. Epiphanes gemeint haben.

[9:44] Und so hat Christopher Rollston dann in seiner Evaluation gesagt: Alles schön und gut, aber Enochs Daten für Daniel sind viel zu hoch – weil es dann ja mit Antiochus IV. Epiphanes nicht passen würde. Für ihn ist diese Deutung so maßgebend, dass deswegen das Datum der KI-Berechnung falsch sein muss. Ein vielleicht instruktives Beispiel dafür, wie sehr liebgewonnene Theorien uns manchmal die Augen versperren können für Daten, die das Ganze erschüttern könnten.

[10:20] Das Buch Daniel spricht nämlich gar nicht von Antiochus IV. Epiphanes. Heute ist hier nicht die Zeit, das ausführlich darzustellen. Wir haben auf Joel Media eine ganze Reihe von interessanten weiteren Videos über das Buch Daniel, wo wir die geschichtliche Erfüllung dieser Prophezeiung in Daniel 7, 8, 9, 10, 11 und 12 darstellen. Das Buch Daniel bezeugt, dass es von einem Mann in Babylon und Persien lebend im 6. Jahrhundert vor Christus geschrieben worden ist. In Daniel 10, Vers 11 heißt es: „Und er sprach zu mir: Daniel, du vielgeliebter Mann, achte auf die Worte, die ich jetzt zu dir rede." Eine wichtige Aussage – auch wir sind aufgerufen, auf die Worte von Daniel zu achten. Und wenn sogar KI mittlerweile vorschlägt, dass das Buch Daniel nicht mit Antiochus IV. Epiphanes zusammenhängt, sondern älter ist, dann lohnt es sich, darüber neu nachzudenken.

[11:20] Was nehmen wir heute mit? Das KI-Modell Enoch von der Universität Groningen datiert die Schriftrollen vom Toten Meer tendenziell etwas älter, als man das bisher angenommen hat in der Wissenschaft. Und das Buch Daniel ist nach diesem Modell bereits vor den Ereignissen um Antiochus IV. Epiphanes geschrieben worden.


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