Veröffentlicht am
18 Klicks

Podcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts

Funde & Fakten

Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.

Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:


Entdecke die faszinierende Rekonstruktion eines antiken Segelschiffs und erfahre, wie Paulus und andere Reisende im ersten Jahrhundert die tückischen Seewege des Mittelmeers meisterten. Christopher Kramp beleuchtet die Herausforderungen und Lösungen antiker Seefahrt und wirft ein neues Licht auf die berühmte Reise des Apostels nach Rom.


Weitere Aufnahmen

Serie: Funde & Fakten

  • 0:0
  • 0:0
  • 0:0

Transkript

[0:18] Wusstest du, dass Forscher lange Zeit gerätselt haben, wie man in der Antike über das Mittelmeer segeln konnte? Vor kurzem hat es einen Durchbruch gegeben, der Licht auf diese Frage geworfen hat. Und in diesem Video wollen wir uns das genauer anschauen. Und damit herzlich willkommen zu Funde und Fakten, heute mit der praktischen Frage: Wie segelte Paulus eigentlich nach Rom?

[0:50] Es geht um eine Segelschiffreplik, das heißt einen Nachbau eines Segelschiffes, wie es in der Zeit von Paulus im ersten Jahrhundert nach Christus auf dem Mittelmeer, im östlichen Mittelmeer benutzt worden ist. Wer sich mit der Apostelgeschichte auskennt, weiß, dass Paulus eine Reihe von Seereisen über das Mittelmeer unternommen hat, ganz besonders berühmt, vor allem die große Reise nach Rom. Und da lesen wir einfach mal, um ein Gefühl für die Problematik zu bekommen, die ersten vier Verse. Als es aber beschlossen worden war, dass wir nach Italien abfahren sollten, also aus Judäa, übergaben sie Paulus und einige andere Gefangene einem Hauptmann namens Julius von der kaiserlichen Schar. Nachdem wir aber ein Schiff aus Adramyttium bestiegen hatten, das die Häfen von Asia anlaufen sollte, reisten wir ab in Begleitung des Aristarchus, eines Mazedoniers aus Thessaloniki. Also, der Weg führt über die heutige Türkei, über Kleinasien. Und dann am nächsten Tag liefen wir in Sidon ein in Phönizien und Julius erwies sich freundlich gegen Paulus und erlaubte ihm zu seinen Freunden zu gehen und ihre Pflege zu genießen. Und von dort fuhren wir ab und segelten unter Zypern hin, weil die Winde uns entgegen waren.

[2:13] Und damit sind wir beim Thema: Wie war es möglich mit den Mitteln des ersten Jahrhunderts Schiffsreisen auf dem Mittelmeer Richtung Westen zu unternehmen? Warum? Fast alle Winde im Mittelmeer kommen von Westen und das macht es für Schiffe der Bauart, wie sie im ersten Jahrhundert verwendet worden sind, so ziemlich unmöglich eigentlich dann gute, längere Schiffsreisen gen Westen zu unternehmen. Man hat lange Zeit gerätselt, wie das überhaupt möglich gewesen ist.

[2:56] Dr. David Gah hat jetzt 2022 eine interessante Theorie vorgestellt. Er ist eigentlich ehemals Pilot der israelischen Luftwaffe gewesen und hat sich in seinem Ruhestand ganz dem Segeln gewidmet. Ist ein Spezialist auch für die Wetterbeobachtung, die Wetterdatensammlung, um herauszufinden, wann die besten lokalen Gegebenheiten für das Segeln sind. So sehr, dass seine Wettervorhersagen besonders auch von israelischen Seglern benutzt werden, unter anderem auch von dem olympischen Segelteam Israels. Er hat in diesem Zusammenhang auch eine Promotion an der Universität Haifa abgeschlossen, die sich mit der Frage beschäftigt hat, wie das in antiken Zeiten gewesen ist und eben zugelassen kam es auch zu dieser Publikation im Journal of Archaeological Method and Theory, ein Artikel mit dem Titel "Mappings of potential Sailing Mobility in the Mediterranean during Antiquity".

[4:01] Was hat er gemacht? Er hat eine ungeheure Menge von modernen Wetterdaten in der Region ausgewertet. Wetterdaten von 15 Jahren, das waren 750 Millionen Datensätze. Das hat natürlich nicht alleine am Schreibtisch gemacht, sondern mit Hilfe von Big Data Analysen und konnte auch nachweisen, dass das Klima sich in den letzten 3000 Jahren im Mittelmeer nicht wesentlich verändert hat. Das heißt, dieselben Windbedingungen, die es heute gibt, gab es damals im Grunde genommen auch. Man kann also diese sehr exakten, sehr genauen Wetterdaten von heute durchaus auch mit einer gewissen Plausibilität auf die Zeit von Paulus zurückprojizieren.

[4:47] Das eine waren also hochmoderne Wetterdaten, die mit Hilfe sehr komplexer Modelle ausgewertet wurden. Das andere war etwas ganz Handfestes, ein Praxistest. Man hat ein Handelsschiff, das ca. vor 2400 Jahren vor der israelitischen Küste gesunken ist, nachgebaut und entsprechend dann die Ergebnisse getestet. Dieses Schiff hat, so wie es damals üblich war, nur ein einziges Segel, das man mit gelbem Ocker, mit Bienenwachs und Leinenöl bestrichen hat, um es ein bisschen widerstandsfähiger zu machen. Aber mit nur einem Segel ist es ungeheuer schwer gegen den Wind zu segeln.

[5:32] Wir wissen, dass bis ungefähr 700 nach Christus solche Ein-Mast-Schiffe im östlichen Mittelmeer verwendet worden sind. Wir wissen auch, dass in der Antike der Seehandel enorm bedeutsam gewesen ist. Also, sowohl Griechenland als auch Rom hätten ohne den Seeweg keinesfalls eine solche Blüte erleben können. Wir haben aber kaum historische Quellen, wie genau man eigentlich gesegelt ist. Insbesondere die Frage, wie es möglich war, bei den ständigen Westwinden einen Weg von Ost nach West zu segeln. Die andere Richtung ist ja gar kein Problem.

[6:07] Eine Theorie bisher hat besagt, dass die Schiffe auch auf Westrouten immer so an den Küsten entlang gesegelt sind und so tägliche Schwankungen der Brise ausgenutzt haben. Das hat sich allerdings im Praxistest als äußerst unpraktikabel erwiesen.

[6:26] David Gah hat eine neue Theorie aufgestellt. Obwohl die Westwinde stabil sind, hat er in seiner eigenen Erfahrung als Segler festgestellt, dass es immer mal wieder Tage gibt, wo diese Winde drehen, wo es ab und zu kurze Ostwinde gibt. Und er hat sich die Frage gestellt: Ist es möglich durch ein genaues Beobachten des Wetters, durch ein Abwarten dann eventuell auch an bestimmten Häfen, bis der Wind sich wiederdreht, dieses Phänomen für längere Seefahrten tatsächlich zu nutzen?

[6:57] Dazu hat er sich 224 antike Schiffsrouten im Mittelmeer angeschaut, also vor allem im östlichen Mittelmeer und hat dann mit Hilfe dieser massiven Wetterdaten errechnet, zu welchem Zeitpunkt, wann wie eine Schiffsfahrt möglich wäre. Hat dabei 5479 virtuelle Segelfahrten durchgeführt, wobei nicht nur die Winde, sondern auch die Wellenhöhe, die Reisedauer, alles simuliert worden ist und festgestellt, dass wenn man sehr genau auf den Wind achtet und entsprechend einige Wartetage in Kauf nimmt, es möglich ist durch das Ausnutzen dieser bestimmten Tage, wo der Wind plötzlich für kurze Zeit dreht, auch längere Reisen nach Westen zu unternehmen.

[7:48] Er hat dann in diesem Artikel sehr aufwendig für die verschiedensten Umstände, für jeden Monat so Karten erstellt, wo man dann sehen kann: Grün bedeutet, das ist gut möglich, gelb ist dann schon schwierig, rot ist eigentlich nicht wirklich geeignet, welche Routen zu welchem Zeitpunkt nach den heutigen Wetterdaten, in welchem Monat wann wie möglich gewesen ist. Das heißt, die antiken Segler mussten sehr genaue Kenntnisse haben des Kalenders, sehr genaue Kenntnisse der jeweiligen Gegebenheiten, wie der Wind umschlagen kann, um dann abzuschätzen, wann sich eine Seefahrt nach Westen lohnt oder eben auch nicht.

[8:24] Und tatsächlich ist es erst in den letzten Jahren möglich geworden, dieses Phänomen nachzuvollziehen, weil erst jetzt unsere Wetterdaten so präzise sind, eine so hohe Tagesauflösung haben, sozusagen, dass man tatsächlich dieses Phänomen auch wissenschaftlich nachberechnen kann. Vorher hat man eher so allgemeine Wetterindrücke gehabt und die waren vor allem immer auf die Westwinde bezogen.

[8:48] Das heißt, antike Segler müssen sehr trainiert gewesen sein, Wetterphänomene zu deuten, um bereits im Vorhinein zu erahnen, wann wahrscheinlich die günstigsten Bedingungen für eine Westfahrt gegeben sind. Wir wissen aus der Bibel, dass nicht nur die Segler, sondern Menschen allgemein sehr gut darin waren oder sich sehr dafür interessiert haben, wie das Wetter demnächst wird. Jesus selbst sagt in Matthäus 16 Vers 2 und 3 zu den Pharisäern und Sadduzäern: "Am Abend sagt ihr, es wird schön, denn der Himmel ist rot und am Morgen, heute kommt ein Ungewitter, denn der Himmel ist rot und trübe." Jesus benutzt das dann als einen Anlass, sie darauf hinzuweisen. Sie sollten viel mehr die Erfüllung der Prophetie in ihrer Zeit beobachten.

[9:32] Man hat die Ergebnisse dieser Studie von David Gah auch getestet mit dieser diesem Nachbau des Schiffes, etwa 80 Testfahrten durchgeführt. Das Schiff heißt Magan Michael, nach dem Ort, wo das originale Schiff gesunken ist, das man nachgebaut hat. Man hat es unter anderem geschafft, allein mit diesem Prinzip eine Fahrt direkt übers Mittelmeer zu machen und dann wieder zurück durchzuführen. Damit gezeigt, dass es tatsächlich gut möglich ist, dass man nicht immer nur an den Küsten entlang fahren muss.

[10:08] Du bekommst ein Gefühl, wie sehr die Segler damals mit dem Wind gekämpft haben und auch den Wind beobachtet haben müssen, wenn wir in der Apostelgeschichte dann bei dieser berühmten Reise nach Rom weiterlesen. Das heißt, den Vers 7 und 8: "Da wir aber während vieler Tage eine langsame Fahrt hatten und nur mit Mühe in die Nähe von Knidos kamen, weil der Wind uns nicht hinließ." Also hier sehen wir das, was passiert, wenn der Wind eben schlecht ist. "So segelten wir unter Kreta hin gegen Salmone und indem wir mit Mühe der Küste entlang fuhren." Das war also nur die Option, wenn der Wind schlecht war. Das war nicht die Option, wenn man einen guten Wind hatte. "Kamen wir an einen Ort, die schönen Hafen genannt, in dessen Nähe die Stadt Lasea war."

[10:49] Und jetzt heißt es dann etwas später, hat man gewartet und Paulus hat dazu geraten, einfach nicht weiterzufahren. Aber weil die Segler jetzt eine Windveränderung beobachtet haben, sind sie dann doch losgefahren. Das heißt, da nun ein schwacher Südwind wehte, meinten sie, sie hätten ihre Absicht erreicht, lichteten die Anker und segelten nah bei der Küste von Kreta. Die Geschichte geht natürlich dann so aus, dass dann überraschenderweise doch ein großer Sturm kommt und das Ganze in einem Schiffsbruch endet. Aber das ist dann eine andere Geschichte.

[11:27] Was nehmen wir heute mit? Große Wetterdaten zeigen, dass es möglich ist in der Antike unter Ausnutzung plötzlicher Windumschwünge, die dann immer wieder nach bestimmten, heute nachvollziehbaren Zyklen auftreten, zu nutzen. Ein Nachbau eines solchen Segelschiffes hat das auch getestet. Man kann also tatsächlich, man konnte in der Antike unter den damaligen Gegebenheiten Westrouten gut durchführen. Dazu mussten die Schiffsleute echte Wetterkenner sein und auch vorhersagen können, wie wahrscheinlich das Wetter werden wird. Dass es trotzdem schief gegangen ist, sehen wir an der Geschichte des Paulus in Apostelgeschichte 27. Schön, dass ihr heute dabei gewesen seid und bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt Funde und Fakten.


Lizenz

Copyright ©2026 Joel Media Ministry e.V.
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.