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In diesem dritten Teil der Serie beleuchtet Christopher Kramp das Wirken des Heiligen Geistes anhand eines anschaulichen Vergleichs mit dem Regen. Erfahren Sie, warum geistliches Wachstum oft mit unangenehmen Erfahrungen verbunden ist und wie Gottes Zuspruch uns in herausfordernden Zeiten stärkt.


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Serie: Predigten

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Transkript

[0:07] So, einen wunderschönen guten Morgen. Geht es euch gut? Ihr wisst, Regen ist etwas Gutes, oder?

[0:18] Der Regen ist ein Symbol für das Wirken des Heiligen Geistes. Ist euch das aufgefallen, dass in der Bibel der Heilige Geist nie mit dem Sonnenschein verglichen wird? Der Sonnenschein ist ein Symbol für die Gnade Gottes, für die Sonne der Gerechtigkeit, und wir lieben den Sonnenschein, oder? Und wir wissen, dass der Regen notwendig ist, aber wir lieben den Regen meistens nicht so sehr. Der Regen macht uns nass.

[0:52] Aber der Regen ist ein Symbol für das Wirken des Heiligen Geistes. Wir sind dankbar für Gottes Gnade, die uns vergibt. Aber der Heilige Geist wirkt auch Dinge in unserem Leben, die uns manchmal vielleicht etwas unangenehm sind. Der Heilige Geist lässt Dinge wachsen, und ihr wisst, wenn die Blumen und die Bäume und das Gras da draußen und das Getreide wachsen wollen, muss es nass werden. Wenn die Pflanzen nicht nass werden, werden sie nicht wachsen.

[1:28] Und wenn wir nicht nass werden, dann wachsen wir auch nicht. Also, wenn unser Glaube, unsere Geduld, unsere Liebe, unsere Freundlichkeit, unsere Höflichkeit wachsen sollen, müssen wir manchmal nass werden. Ja, das ist, was der Heilige Geist macht. Manchmal ist das Wirken des Heiligen Geistes unangenehm, aber absolut notwendig.

[1:53] Wer von euch hat heute Morgen etwas in seiner persönlichen Morgenandacht gelesen, das er in 30 Sekunden heute mit uns teilen möchte? Etwas, was euch bewegt hat, was euch begeistert hat, wo ihr gesagt habt: Gott hat zu mir gesprochen. Jemand? Wir fragen erst die, die sich noch nicht gemeldet haben. Okay, wir fragen erst die anderen 98. Jemand? Ja, bitte.

[2:29] Ja, Bruder, ich habe heute in Jesaja 41 gelesen, da spricht Gott: "Denn ich bin der Herr, dein Gott, der deine Rechte ergreift, der zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir." Und ja, dieser Text hat mich ergriffen, kann man sagen, einfach auch in dieser bildlichen Beschreibung, dass Gott meine Rechte ergreift, weil das ja manchmal notwendig ist, dass Gott mich herausreißt. Und ich habe dieses Bild bekommen: Ja, wenn mich jemand wirklich bei meiner rechten Hand nimmt, dann führt er mich, und dann kommt eine Sicherheit auf, ein Gefühl der Zuversicht. Und das habe ich mir vorgenommen, diese Stelle zu verinnerlichen, damit sie mir dann auch in den Sinn kommt, wenn ich wirklich in schwierigen Situationen oder Herausforderungen bin. Das ist so eine Verheißung, die ich ganz tief in mir drinnen haben möchte, und deswegen hat mich diese Stelle heute Morgen angesprochen.

[3:48] Amen. Amen. Ja, ein wunderbares Kapitel überhaupt, Jesaja 41, die ganze Stelle. Und er spricht zweimal: "Ich helfe dir", das ist noch mal so eine Betonung, die dem Ganzen Nachdruck verleiht, dass wir uns wirklich darauf verlassen können, dass Gott ein Interesse an uns hat. Gott sei gelobt dafür. Also, ich hoffe, ihr merkt und wisst: Wenn ihr morgen früh aufsteht und euch einfach nur fertig macht, anzieht, euch wascht, vielleicht duscht, dann zum Frühstück geht und dann hierher kommt, um Morgenandacht zu hören und euch dann auf die Themen zu freuen, dann habt ihr das Beste des Tagesprogramms schon verpasst. Der beste Teil des Tagesprogramms ist eure Morgenandacht. Jesus möchte euch persönlich etwas geben. Alles andere, was wir hier noch machen, ist Zusatz. Okay? Ist Zusatz. Der beste Unterricht am ganzen Tag ist, wenn Jesus in der Bibel zu uns spricht.

[4:49] Ich habe heute weitergelesen in 2. Mose 39, und mir ist aufgefallen, wie es heißt in Vers 32: "Die Kinder Israels machten alles genauso, wie der Herr es Mose geboten hatte. Genauso machten sie es." Heutzutage ist ja Gehorsam so ein bisschen in Verruf geraten. Ja, man möchte ja nicht legalistisch sein, ja nicht zu gesetzlich. Aber als die Israeliten eine Wohnung für Gott gemacht haben, da haben sie nicht gesagt: "Ach ja, das können wir auch ein bisschen anders machen. Das ist ja egal. Hauptsache, das passt irgendwie. Hauptsache, es ist ein Zelt." Nein, Gott ist für die Details. Sie haben es genauso gemacht, weil Gott gesagt hat: "Ich hätte gern so ein Zelt" oder "Ich würde gern in so einem Zelt wohnen." Sie haben sich Mühe gegeben, alles genauso zu machen, wie er es gesagt hat. Vielleicht ist das eine neue Perspektive für mich und für uns, dass es, wenn es um Gehorsam geht, darum geht, dass Gott in unserem Leben wohnen möchte. Und wenn wir uns überlegen, dass unser Leben auch eine Wohnung für Gott ist, vielleicht sind wir dann auch motivierter, alles genauso zu machen, wie Gott es sich wünscht, damit er sich wohlfühlen kann in dieser Wohnung. Amen.

[6:03] Heute haben wir etwas wirklich Spannendes vor. Heute wollen wir uns noch einmal dem Jahr 508 widmen, und wie ich gestern gesagt habe, wollen wir uns heute gedanklich nach Rom begeben. Wir werden heute nicht wie gestern am Anfang und vor allem vorgestern so einen breiten Überblick über die Geschichte geben mit lauter Daten. Wir werden uns heute auf wenige Jahre konzentrieren. Ja, ihr könnt euch so richtig entspannen. Wir werden uns eine richtige Geschichte anschauen.

[6:37] Das war eine Meldung? Die kommt gleich, kommt gleich. Wir werden uns eine Geschichte anschauen, und ihr werdet sehen, das wird nicht nur trockene Kirchengeschichte sein. Das wird eine Geschichte sein, dass, wenn man sie richtig anschaut, man sich fragt, warum sie bisher noch nicht verfilmt worden ist. Und wir werden einige wirklich interessante Dinge lernen, und vor allem glaube ich, werden wir plötzlich ein paar neue Perspektiven vielleicht auch auf das Jahr 508 bekommen. Bevor wir beginnen, wollen wir gemeinsam beten, und wenn es euch möglich ist, lasst uns gemeinsam niederknien.

[7:22] Lieber Vater im Himmel, danke, dass du jeden Morgen in der Morgenandacht zu uns sprichst. Danke, dass dein Wort so klar und so tief ist, dass jeder von uns auch ohne Prediger, ohne Evangelist etwas über dich lernen kann, was unser ganzes Leben verändert. Herr, wir danken dir, dass dein Wort nicht leer zurückkehrt, sondern ausführt, wozu du es gesandt hast. Und Herr, heute wollen wir dich bei der Hand nehmen oder besser gesagt zulassen, dass du uns bei unserer rechten Hand nimmst. Wir möchten dich einladen, dass du uns richtig führst, und wenn wir in Gefahr stehen, auf Abwege zu geraten – sei es in Gedanken, sei es in Worten, sei es sogar in Taten –, dass du uns fest bei der Hand nimmst und uns richtig führst. Wir möchten dir eine Wohnung bereiten in unserem Herzen. Und wenn wir uns jetzt wieder etwas mit der Erfüllung von Prophetie beschäftigen und uns Geschichte und Kirchengeschichte anschauen, dann bitten wir dich, dass du uns hilfst, es aus einer geistlichen Perspektive zu tun, und dass wir mit deinem Wort im Herzen verstehen, was passiert ist, um daraus wichtige Lektionen für unsere Zeit und auch für unser persönliches Leben zu lernen. Herr, sei unser Lehrer. Wir wollen lernen, um mit dir durch den Alltag zu gehen. Das bitten wir im Namen Jesu. Amen.

[8:56] Wie jedes Mal wollen wir am Anfang ganz kurz die Gelegenheit für Fragen geben. Ich möchte zunächst mal auf eine Frage eingehen, die ich gestern schon bekommen habe, und dann noch kurz etwas nachtragen. Und dann, wenn ihr auch noch konkrete Fragen habt, könnt ihr euch das schon überlegen. Dann werden wir die gleich noch kurz behandeln, damit wir alle Fragen erstmal aus dem Weg kriegen, damit wir dann heute weitermachen können.

[9:20] Jemand hat gestern noch mal gefragt, ob ich noch mal kurz erläutern kann – weil ich das gestern so oft erwähnt habe –, was es mit den Arianern noch mal auf sich hat. Ja, noch mal kurz zur Erinnerung: Wir hatten das ja am ersten Tag schon kurz angedeutet. Das wird auch heute und dann auch die nächsten Tage wichtig. Deswegen ist das vielleicht noch mal ganz gut, sich das in Erinnerung zu rufen. Das geht zurück auf einen Streit im 4. Jahrhundert. Ob der schon vorher existiert hat, wissen wir nicht, aber im 4. Jahrhundert, als Konstantin die Christen von der Verfolgung befreit, taucht das plötzlich auf in Ägypten. Das hat zu tun mit einem Mann namens Arius, der wohl – soweit wir das den Quellen entnehmen können, obwohl das im Detail nicht immer genau zu rekonstruieren ist – die These aufgestellt hat, dass Jesus nicht denselben Rang wie Gott der Vater hat, sondern letztlich einen Anfang. Ja, die berühmte These des Arius ist: "Es gab eine Zeit, wo es Jesus nicht gab." Er ist quasi geboren worden.

[10:22] Und dagegen gab es andere Leute wie den Athanasius, die gesagt haben: "Nein, Jesus ist Gott von Ewigkeit." Und das hat dann diesen Streit, diese Auseinandersetzung gegeben. Das ist auf dem Konzil von Nicäa 325 – also knapp 200 Jahre vor der Zeit, mit der wir uns jetzt beschäftigen – besprochen und entschieden worden. Da hat sich auch Konstantin sehr stark dafür eingesetzt, dass es eine einheitliche Lehrmeinung gibt. Und das Konzil von Nicäa hat dann festgestellt, was auch vorher schon geglaubt worden ist. Es gibt einige Leute, die behaupten, das Konzil von Nicäa hätte die Lehre der Dreieinigkeit erfunden. Das ist aber Quatsch, ja? Sondern es gab offensichtlich Leute, die ein Problem hatten mit der Dreieinigkeit. Aber wenn dort einige wenige Bischöfe das zum ersten Mal erfunden hätten, dann wäre der Streit viel größer gewesen, natürlich. Und wir haben schon im dritten Jahrhundert und vorher schon auch den Begriff Dreieinigkeit und auch Matthäus 28 bei den Kirchenvätern öfter zitiert und so weiter.

[11:28] Das Konzil von Nicäa – übrigens hat es in diesem Jahr sein 1700-jähriges Jubiläum – ist ein großes Ding für die katholische und orthodoxe Kirche. Und nach dem Konzil war der Streit aber nicht vorbei. Könnt euch natürlich vorstellen, wenn Leute theologisch von etwas überzeugt sind und dann kommt ein Konzil und sagt: "Du bist falsch", dann geben die natürlich ihre Meinung nicht auf. Ja, das kann man sich schon vorstellen. Und die haben weitergemacht, und Konstantin hat am Anfang versucht, das sofort zu unterdrücken, weil er der Meinung war: "Na ja, wir haben doch entschieden, jetzt müssen die alle aufhören." Er hat aber im Laufe seiner Regierung dann tatsächlich eher so einen Wankelkurs eingenommen, hat dann manchmal sogar die Arianer wieder begünstigt, und das war dann irgendwie sehr unklar. Als er sich am Ende seines Lebens entschieden hat, hat er sich sogar von einem Arianer taufen lassen. Das war für immer dann der Schandfleck sozusagen für die Katholiken in der Biografie von Konstantin, weswegen man alles dann später umgemodelt hat in den Legenden. Und die Nachfolger Konstantins, seine Söhne, die haben zum Teil dann ganz offen die Arianer – also die Vertreter, die Christen, die geglaubt haben, Jesus habe einen Anfang gehabt – zum Teil sehr stark gefördert.

[12:43] Und in dieser Zeit, Mitte des vierten Jahrhunderts, da hat es einen Mann gegeben namens Wulfila, der den Goten, die da nördlich der Donau gelebt haben, das Evangelium gebracht hat. Er hat dann eine eigene Gruppe von Goten geführt, auch die sogenannten Kleingoten, die haben sich dann auf römischem Territorium niedergelassen. Er hat dazu auch die gotische Sprache zum ersten Mal in Schriftform gebracht. Und ich war jetzt gerade vor zweieinhalb Wochen oder so in Uppsala in Schweden. Da liegt diese gotische Bibel – also die ist dann 200 Jahre später abgeschrieben, eine Abschrift aus dem sechsten Jahrhundert. Jetzt ist diese Abschrift unter der Zeit von Theoderich, von dem wir heute noch mehr hören werden. Und ich habe das einfach mal spaßeshalber mitgebracht. Vielleicht erkennt ihr den Text: "Atta unsar in himinam..." Könnt ihr den Text? Vater unser, unser in Himinam, der du bist im Himmel. "Weihnai namo þein" – geheiligt werde dein Name. "Weih" kennen wir von Weihnachten, heilige Nacht. "Weihnai" – geheiligt werde dein Name. "Qimai þiudinassus þeins" – komme dein Reich. "Wairþai wilja þeins" – es werde dein Wille, "swe in himina jah ana airþai" – so wie im Himmel, so auch auf der Erde. Ja, kann man so fast, klingt ein bisschen wie Deutsch, ja, es ist ja auch sehr germanisch.

[14:39] Genau. Und diese Goten haben dann natürlich weiter Missionare ausgesandt zu anderen germanischen Stämmen. Und so sind die Germanen im Laufe der Zeit – also die Alemannen, die Goten, Vandalen – die sind dann alle quasi wie Wulfila Christen geworden, die geglaubt haben, Jesus habe einen Anfang gehabt. Waren deswegen alle Arianer. Und da hat man also jetzt quasi im fünften, sechsten Jahrhundert, als dann die germanischen Stämme in das weströmische Reich einfallen und Westrom fällt und diese ganzen Königreiche entstehen – Westgotenreich, Ostgotenreich, Burgunder, Vandalen – lauter arianische Königreiche. Das heißt, das sind keine Heiden. Also die Franken waren Heiden, aber alle anderen sind keine Heiden. Sie sind Christen, aber sie haben nichts mit der katholischen Kirche zu tun. Sie haben ein anderes Glaubensbekenntnis, sie haben eine andere Einstellung zu Jesus, haben ihre eigenen Bischöfe, eigene Kirchen, zum Teil auch dann nebeneinander mit den katholischen, und werden halt dann von den germanischen Königen entsprechend gefördert.

[15:45] Und es ist eine große Diskussion darüber, wie weit die Germanen das eigentlich theologisch richtig durchdrungen haben. Ja, ob das einfach dann am Ende sowas war wie: "Wir sind Germanen, also sind wir arianisch; ihr seid Römer, also seid ihr katholisch." Ja, dass das dann vielleicht einfach auch so eine ethnische Sache war. Genau, weil das sind die Arianer. Für das römische Reich war das Ganze dann im Grunde genommen beendet, als Theodosius 380 die Entscheidung getroffen hat, dass im ganzen römischen Reich der Glaube wie in Alexandria und in Rom – das heißt also trinitarisch – gepredigt wird, der soll Gültigkeit haben im römischen Reich. Das war dann quasi schon die Staatsreligion. Genau. Das sind also die Arianer. Dann gibt es noch eine Frage, bitte.

[16:33] Ja, komm. Test. Ja, Test. Also wir haben ja gestern lang und breit darüber geforscht über Chlodwig, dass er wahrscheinlich 508 getauft worden ist. Genau. Aber der Bezug ist ja dann mit den 508 zu Daniel Kapitel 12, Vers 11. Da ist ja die Rede vom täglichen Opfer und vom Gräuel der Verwüstung. Wir haben dann aber leider abgebrochen. Du hast also die Verbindung nicht hergestellt, was das damit zu tun hat mit der Taufe Chlodwigs?

[17:19] Wir sind ja noch nicht da. Wir sind noch mittendrin. Wir machen heute noch weiter.

[17:33] Und wenn ich noch darf, eine zweite Frage: Die Katharer, waren das auch Arianer? Also man weiß ja sehr wenig.

[17:38] Nein, nein. Katharer ist was ganz anderes. Das ist im Mittelalter dann, und Katharer tauchen dann in den Quellen vor allem im 12. Jahrhundert, 13. Jahrhundert auf. Das sind dann eher Leute, die so ähnlich wie die Waldenser sind. Ja, Waldenser sind auch keine Arianer gewesen. Okay, genau. Danke. Gute Frage. Hat jemand noch eine Frage?

[18:03] Frage, Frage, Frage. Da, dann komm schnell.

[18:13] War die römische Kirche, und dann kam irgendwann mal dieses katholische?

[18:16] Ach so, ja genau. Katholisch heißt eigentlich – wisst ihr, was das Wort katholisch heißt? Katholisch heißt allumfassend. Das heißt, die Idee war: Wenn ich von der katholischen Kirche spreche, meine ich sozusagen – oder meinte man damals – einfach die allgemeine Christenheit. Es gab ja noch keine Protestanten, es gab keine orthodoxe Kirche, es waren einfach sozusagen die offizielle Christenheit, wenn man möchte, katholisch. Ja, das hat sozusagen erst später im 11. Jahrhundert, als sich dann die Ostkirchen abgespalten haben von Rom, da gab es die Orthodoxen und die römisch-katholischen halt. Ja, aber wenn man jetzt katholisch meint in dem Fall, erstmal alle Christen, die es so gibt, konkret aber alle, die im römischen Reich erstmal so sind, die sozusagen Nizäa, Ephesus, diese ganzen Konzilien anerkennen, genau das sind die katholische Kirche. Genau. Deswegen, wenn es im alten Glaubensbekenntnis heißt: "Ich glaube an die eine universale katholische Kirche", meint das: Ich glaube, es gibt eine weltweite Kirche. Das ist sozusagen die Idee.

[19:14] Gibt noch eine Sache, die ich euch vergessen habe zu sagen, die vielleicht noch interessant für euch ist. Wir sind ja jetzt quasi gedanklich so an die Jahrhundertschwelle zum sechsten Jahrhundert, so um 500 gekommen. Und etwas, was für uns als Adventisten vielleicht interessant ist zu wissen, ist, dass es um 500 herum eine extreme Wiederkunftserwartung gegeben hat. Es hat damit zu tun, dass zum einen natürlich das römische Reich, das weströmische Reich gefallen war. Rom war gefallen. Schaut mal mit mir ganz kurz in 2. Thessalonicher 2, Vers 9. Die Menschen wussten ja, es wird einen Antichristen geben. Das wusste man in der Christenheit ohne Frage. In 2. Thessalonicher 2, dort Vers 7: "Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Wirken. Nur muss der, welcher jetzt zurückhält, erst aus dem Weg sein."

[20:27] Ich saß in Tübingen im Geschichtsstudium in einem Seminar, wo unser Professor, der Mischa Meier, über diese Zeit referiert hat, und er hat uns dann den 2. Thessalonicherbrief quasi zitiert und uns erzählt, dass der, der da zurückhält, das römische Reich gewesen sei. Hey, wow, das glauben wir auch als Adventisten! Ja, er hat gesagt, dass die Christen damals schon gewusst haben: Solange das römische Reich in Gänze existiert, solange kommt Jesus nicht wieder, weil erst muss das römische Reich fallen, dann kommt der Antichrist und dann kommt Jesus wieder. Jetzt fiel aber 476 nach Christus das weströmische Reich, und die Leute haben die Panik bekommen: "Heißt das, dass jetzt der Antichrist kommt?" Und es gibt um 500, so in den Jahren und Jahrzehnten nach 476, so eine ganz weit verbreitete Naherwartung, die es in Jahrhunderten vorher so kaum richtig gegeben hat.

[21:35] Es hat auch damit zu tun: Man hatte die Theorie von den 6000 Jahren – ich weiß nicht, ob ihr die schon mal gehört habt –, dass Jesus nach 6000 Jahren Weltgeschichte wiederkommt. Und man hat im Alten Testament sich das so zusammengerechnet, dass im Alten Testament angeblich 5500 Jahre vergangen seien und nur noch 500 Jahre fehlten. Da hat man gedacht: Um 500 muss Jesus wiederkommen. Dann war es auch noch so, dass in Ostrom der Kaiser Anastasios hieß. Und Anastasios heißt "Auferstehung". Das waren ja also zu viele der... also könnt euch vorstellen, wenn es damals schon YouTube gegeben hätte, wie die Leute verrückt geworden wären: "Der Kaiser heißt Anastasios, die 500 Jahre sind jetzt abgelaufen, Rom ist gefallen, es ist absolut klar, der Antichrist muss jetzt kommen." Manche waren der Meinung – und jetzt ist das Interessante –, man glaubte allerdings, der Antichrist sei jemand, der von außen kommt und der so eine Einzelperson ist. Ja, deswegen hat man gedacht: "Vielleicht ist ja der oströmische Kaiser der Antichrist", oder "Vielleicht kommt er jetzt gleich demnächst um die Ecke."

[22:42] Was man nicht bedacht hat, ist, dass die Bibel von einem langen Zeitraum des Antichristen spricht. Ja, dazu braucht man das Jahr-Tag-Prinzip und dass er von innen herauskommt. Das ist also ganz interessant. Also, man kann also sehen, wie der Geist Gottes die Menschen schon so in diese Richtung bringen wollte: "Achtung, jetzt kommt die nächste Phase. Rom ist gefallen, jetzt kommt der Antichrist." Aber sie haben es halt falsch gedeutet. Und das führt dann nachher so zu der Krise, weil Jesus nicht wiederkommt, dass man sich überlegt: "Na ja, vielleicht ist ja Rom gar nicht gefallen. Wir haben ja Konstantinopel, und Konstantinopel ist das neue Rom. Das ist quasi Rom ist nur von A nach B weitergegangen. Rom besteht noch immer." Und da hat man für weitere 1000 Jahre das Argument: Rom gibt es ja noch. Das ist der Grund, warum die dann Konstantinopel so unfassbar verteidigt haben. Und als dann Konstantinopel 1453 fällt, ist das wieder so ein Untergang der Welt.

[23:42] Übrigens, das hat es immer mal wieder gegeben. Es hat dann 500 Jahre später, ungefähr um das 11. Jahrhundert, da hat man dann wieder die 6000 Jahre bemüht, hat dann gedacht: Altes Testament waren 5000 Jahre, jetzt kommen 1000 Jahre Neues Testament, dann kommt Jesus wieder. Und das hat dann dazu geführt, dass um 1032, als man dachte, jetzt sind genau 1000 Jahre nach der Kreuzigung, dass dann Pilger nach Jerusalem gegangen sind, weil sie gedacht haben, man muss dort in Jerusalem sein, um Jesus zu begegnen. Und als sie in Jerusalem waren, haben sie gemerkt, wie gefährlich das ist für Christen nach Jerusalem zu gehen, weil dort die Muslime mittlerweile sind. Und dann haben sie das berichtet, was ihnen an Gefahren vorgekommen ist. Und dann hat man tatsächlich sich überlegt: "Na ja, wenn wir demnächst jetzt alle nach Jerusalem müssen, weil Jesus wiederkommt, dann müssen wir uns erstmal den Weg freikämpfen." Und welche Idee haben sie dann gehabt? Der erste Kreuzzug ist entstanden, weil man den Weg freikämpfen wollte, damit man in Jerusalem Jesus begegnen kann. Und dann hat man sich den Weg freigekämpft, man war in Jerusalem und Jesus kam nicht wieder. Da gibt's natürlich noch mehr Kreuzzüge später, aber der erste Kreuzzug hat sozusagen auch mit so einer Erwartung der Wiederkunft zu tun. Aber das ist ein anderes Thema, da kommen wir sonst vom Thema ab.

[24:57] Jetzt geht's los. Seid ihr bereit für eine der interessantesten Geschichten, wie ich persönlich finde, der Hauptgeschichte in der ganzen Papstgeschichte? Und wir sehen werdet, eine, die wirklich für uns von Bedeutung sein sollte. Wir haben aufgehört mit Papst Gelasius, der von 492 bis 496 auf dem Papstthron war. Erinnert euch an ihn. Das war der, der jetzt die Idee des Papsttums als allererster so krass wie noch nie zuvor formuliert hat. Ja, das war der Vertreter einer uneingeschränkten päpstlichen Alleinherrschaft, der erste, der quasi so das Papsttum schon so gesehen hat, wie es im Mittelalter dann auch gesehen worden ist. Ein großer Theoretiker. Und wir haben gesehen, das Problem, dass er hatte: quasi die gesamte mittelalterliche Papstheorie ist bei ihm schon vorhanden. Er kann es nur nicht umsetzen. Warum? Zu Hause sitzt er quasi in den Trümmern des weströmischen Reiches. Es gibt keinen Kaiser mehr. Das ganze weströmische Reich ist aufgeteilt in einzelne Königreiche, die alle arianisch sind, wenn nicht sogar heidnisch wie bei Chlodwig. Und er hat da keine so richtige Handhabe. Westrom scheint im Chaos zu versinken.

[26:15] Und wie war das mit Ostrom? Welche Beziehungen hatten die Römer zu Ostrom? Könnt euch erinnern, da gab es eine Spaltung. Weißt du immer noch, wie diese Spaltung hieß? Das Schisma, das hat einen besonderen Namen. Das gab ja immer mal wieder Schismen, aber wie hieß dieses Schisma? Das akakianische Schisma. Ja, akakianisches Schisma. Das hatte damit zu tun wegen diesem Bischof in Konstantinopel, Akakios, der da diesen Kompromisskurs mit den Ägyptern eingegangen ist, den der Kaiser vorgeschrieben hatte und wo der Papst gesagt hatte: "Das wollen wir nicht, wir bleiben bei Chalkedon, bei dem Konzil, und solange dieser Akakios nicht aus den Listen gestrichen wird, gibt's keine Einheit." Das ist das akakianische Schisma. Also Rom ist ziemlich isoliert, hat jetzt mittlerweile eine Theorie, die buchstäblich bis zum Himmel reicht – ja, der Papst über alle –, aber im Osten interessiert das niemanden. Dort, wo die allermeisten Christen sind und die großen anderen Patriarchate. Und im Westen bricht alles zusammen.

[27:20] Und das ist jetzt ein erster Schritt, den wir gestern gesehen haben. Wir haben gesehen, natürlich die Taufe von Chlodwig ist deswegen natürlich so bedeutsam, weil jetzt tatsächlich eines dieser Königreiche katholisch wird. Ja, und dieser Eindruck, alles bricht zusammen, der Papst hat keine Verbündeten mehr, jetzt plötzlich sich umdreht. Ja, einer der mächtigsten Könige wird Katholik und erobert da ganz Gallien. Ja, und das ist der Grund, warum natürlich auch die Päpste bis heute Frankreich so immer so auch als "ersten Sohn der Kirche" bezeichnen, aber dazu vielleicht später noch mehr. Gelasius stirbt nach nur vier Jahren, und wie das oft so ist, die Politik pendelt so ein bisschen auch auf dem Papstthron. Ja, kommt einer, die Italiener sagen: "Dicker Papst, dünner Papst, dicker Papst, dünner Papst." Ja, das ist einer, der mehr konservativ ist, einer, der mehr liberal ist. Ja, das wechselt immer so ein bisschen. Nach ihm kommt einer, der heißt Anastasius, und der schlägt jetzt einen versöhnlicheren Ton an.

[28:17] Vermutlich steht hinter diesem Papst eine Senatorenpartei. Das heißt also, die Senatoren, das heißt die einflussreichen, mächtigen Leute in Rom, haben den Eindruck: "Also Theologie hin und her und Prinzipientreue hin und her, wir müssen mit Ostrom zusammenarbeiten, weil die sind ja zumindest noch Katholiken sozusagen, und wir haben mit den Arianern nichts zu tun, und das ist so schwierig hier. Wenn wir uns jetzt noch immer noch mit den Oströmern verkrachen, dann haben wir bald gar keine Verbündeten mehr. Lass uns irgendwie einen Kompromiss finden." Ja, und diese Senatoren scheinen sozusagen auch dahinter zu stehen, dass dieser Papst gewählt worden ist. Die möchten sich wieder Konstantinopel annähern. Das sind also quasi die Pragmatiker, die Realos, wenn ihr so möchtet. Ja, also Gelasius war so der Hardliner, und Anastasius ist jetzt mehr so der: "Okay, lass uns jetzt mal Realpolitik machen." Ja, und er ist zu etlichen Zugeständnissen bereit. Jetzt versucht euch in die Lage hineinzusetzen: Was ist wohl in der römischen Kirche dann los gewesen, wenn wir gerade so einen Papst hatten, der so "hier stehen wir und nichts anderes" gesagt hat, und jetzt kommt einer, der so Zugeständnisse macht? Was wird es wohl gegeben haben?

[30:00] Da gab es natürlich Leute, die den Gelasius mochten, die jetzt gedacht haben: "Abfall, Katastrophe!" Ja, der Anastasius sendet sogar den Leiter des römischen Senats, den Festus, nach Konstantinopel. Der verhandelt dort sogar und hat angeblich sogar in Aussicht gestellt, dass der Papst das Henotikon akzeptieren könne. Jetzt müssen wir kurz überlegen: Henotikon, könnt euch erinnern, das war diese Einigungsformel. Ich habe euch gesagt, merkt euch das Henotikon nicht. Diese Einigungsformel, die der Kaiser in Ostrom aufgesetzt hatte. Ja, der oströmische Kaiser wollte ja die Chalkedon-Anhänger und die Monophysiten irgendwie zusammenkriegen, hat dann gesagt: "Okay, wir machen eine Kompromissformel." Diese Kompromissformel hieß das Henotikon. Und dagegen haben die Päpste immer protestiert, gesagt: "Kein Kompromiss mit den Ägyptern, kein Kompromiss mit den Irrlehrern, unter gar keinen Umständen." Und jetzt scheint es so, als ob der Papst anders als seine Vorgänger vielleicht den Kompromiss mitmacht.

[30:38] Großes Drama in Rom. Ja, wird jetzt der Anastasius quasi den Vorgängern in den Rücken fallen? Ja, und da gibt es Unmut. Es heißt hier sogar, dass viele Kleriker und Priester aus seiner Gemeinschaft austraten. Mit anderen Worten, die sagen: "Wir haben mit dir, Papst, nichts mehr zu tun." Da gibt es richtig Streitigkeiten. Leute gehen richtig auf die Barrikaden: "Wie kannst du so liberal sein?" Und der Liber Pontificalis, das ist das sogenannte Buch der Päpste – werde ich heute noch mehr dazu sagen –, ist ein Geschichtsbuch, ein offizielles Geschichtsbuch der römisch-katholischen Kirche, das in der Zeit dann entstanden ist, wo dann über jeden Papst so eine kleine Lebensgeschichte beschrieben wird. Das Buch ist ganz feindlich gegen den Anastasius und sagt, als der nach zwei Jahren stirbt: "Er wurde vom göttlichen Willen getroffen." Gut, dass er gestorben ist, so nach dem Motto, ja?

[31:35] Also, Anastasius stirbt. Wir hatten also vier Jahre diesen Gelasius, der quasi die Papstheorie bis an den Himmel geschossen hat, so im Sinne von: "Wir sind die einzigen und niemand kann uns richten." Und dann den Anastasius, der gesagt hat: "Komm, lass uns jetzt mal verhandeln und Politik machen." Dahinter stehen zwei Parteien: die Hardliner und die Realos, ja, die für Kompromisse, die Pragmatischen. Jetzt ist der Anastasius plötzlich tot. Was denkt ihr, was passiert? Beide Parteien wollen natürlich jetzt einen Papst haben, der ihren Kurs weiterführt, oder? Das ist manchmal so wie heute. Ja, wir brauchen jemanden, der jetzt unseren theologischen Kurs weiterführt. So, am 22. November 498 werden am selben Tag zwei Päpste gewählt. Die Gelasius-Anhänger wählen einen, und die Anastasius-Anhänger wählen einen. Gleichzeitig, am selben Tag, in zwei verschiedenen Kirchen. Die sind so weit, also man braucht nur wenige Minuten von einer Kirche zur nächsten. Jetzt hat man eine Doppelwahl. Kann man zwei Päpste gleichzeitig haben? Das geht nicht.

[32:43] Der Kandidat von der Gelasius-Partei, der heißt Symmachus, und der andere heißt Laurentius. Die beiden werden uns... das sind unsere Hauptpersonen heute, okay? Die beiden, Symmachus und Laurentius. Die Gelasius-Partei, das stützt sich vor allem auf das Volk. Ja, also ihr könnt euch vorstellen, so jemand, der also diese Position "wir in Rom und niemand sonst und wir sind die einzigen und wir sind die Nachfolger Petri" – das ist sehr beliebt beim Volk. Ja, das ist genau: "Starker Mann!" Ja, während die so Politiker, die jetzt mehr verhandeln wollen mit Ostrom, das sind mehr so die Senatoren, die einflussreichen Geschäftsleute, die so ein bisschen mehr für ihr Geld sich interessieren. Ja, also zwei Päpste mit zwei unterschiedlichen Parteien hinter sich, und das ist natürlich ein Problem. Man nennt das jetzt wieder eine Spaltung, also nicht eine Spaltung der ganzen Weltkirche, sondern eine Spaltung der römischen Kirche in Rom, ein Schisma. Ja, und das nennt man wegen dem Laurentius das laurentianische Schisma, und das lernen wir heute kennen.

[33:43] Das hat von Anfang an blutige Konsequenzen. Also, wenn ihr manchmal euch vielleicht geärgert habt, dass bei eurer Gemeindestunde die Fetzen geflogen sind, ja, dass irgendwie Geschwister sich vielleicht mal sogar leider angeschrien haben im Gemeindeausschuss, seid froh, dass ihr nicht zur Zeit des laurentianischen Schismas gelebt habt. Da sind Leute gestorben, die haben sich bekämpft. Straßenkämpfe, der Mob, ja, die einen: "Wir sind für Symmachus!", "Na, wir sind für Laurentius!" Alle hatten dann ihre Schlägertypen dabei, die dann auf den Straßen sich bekämpft haben. Dieses laurentianische Schisma ist die längste Auseinandersetzung um die Besetzung des Papsttums in der gesamten Antike. Und deswegen sehr interessant. Es gibt – und das ist auch spannend – sehr viele Quellen darüber, allerdings ungleich verteilt. Für manche Jahre extrem viele und für manche fast gar nicht. Das werden wir noch gleich ansehen. Warum? Wir können aber ziemlich gut das rekonstruieren.

[34:41] Lernen wir erstmal die beiden Leute kennen. Wer ist Symmachus? Symmachus kommt gar nicht aus Rom. Die meisten Päpste waren bisher immer aus der Stadt Rom. Aber Symmachus kommt aus Sardinien. Sehr ungewöhnlich. Und er war ursprünglich auch ein Heide gewesen. Er ist erst in Rom zum Christentum bekehrt worden. Ist also quasi auch ein Neubekehrter, hat jetzt schon einige Jahre natürlich ist er Christ gewesen, war in der römischen Kirche aufgestiegen, und er muss so der volkstümliche Typ gewesen sein, ja, der Vertreter der Gelasius-Partei, und ist – und das bestreitet keine Quelle auf der Gegenseite nicht – er hat die Mehrheit hinter sich gehabt, also die größere Menge an Leuten hat ihn gewählt. Der Laurentius war vorher ein Erzpresbyter gewesen, also ein hohes Amt in der Kirche. Und angeblich hat der Festus, dieser Senatsvorsitzende, auch ein bisschen nachgeholfen, um Leute zu finden, die ihn wählen. Vielleicht ein bisschen Geld gegeben. Ja, vielleicht unter...

[35:46] Ja, genau. Der hat's nicht erfunden, der Elon. Ähm, das gibt's ja, aber das ist natürlich auch ein Vorwurf, den es immer gibt. Ja. Aber man muss natürlich sagen, die Vorstellung von Antikorruption, die wir heute haben, die gab's in der Antike nicht. Ja, in der Antike ist selbstverständlich, wenn man was von Behörden will, dass man denen auch Gebühren bezahlt. Ja, das ist also ein ganz anderes Mindset auch damals noch. Also Laurentius ist so ein bisschen der Kandidat der Senatoren. Nun, in dem... es gibt verschiedene Quellen. Einige sind pro-Symmachus, einige sind pro-Laurentius. Ja, und das ist eines der wenigen Quellen, die wir haben, die pro-Laurentius ist, ist ein kleines Fragment, man weiß gar nicht von wem, und das heißt, das nennt man das Fragmentum Laurentianum. Das werde ich immer wieder zitieren. Und das sagt jetzt folgendes: "Es war eine so wilde Zwietracht unter der Geistlichkeit und dem römischen Volk ausgebrochen, dass weder göttliche Rücksicht noch königliche Furcht die Parteien vor einem eigenen Zusammenstoß bewahrten." Also, denen hat es... die haben sich weder vor Gott gescheut noch vor dem König. Die haben einfach miteinander gekämpft.

[36:56] So, das geht natürlich nicht. Wie soll man das jetzt lösen? Die ist ganz einfach: Man muss zum König. Ja, der König ist ja letztendlich der König über ganz Italien, auch über Rom. Der muss für die Ordnung sorgen. Jetzt hat man die kuriose Situation, dass zwei römisch-katholische Parteien, die alle beide einen Papst haben wollen, jetzt zu dem arianischen König gehen müssen, dem Theoderich, der gar nicht Teil der katholischen Kirche ist, um den entscheiden zu lassen, wer jetzt Papst ist. Ist schon kurios, oder? Der Theoderich, der ist ja seit 493 König der Ostgoten in Italien. Der sitzt nicht in Rom. Ihr müsst wissen, Rom ist schon lange nicht mehr Herrschersitz. Ich habe schon gesagt, seit über 200 Jahren nicht. Schon im dritten Jahrhundert sind die Kaiser meistens woanders. Dann im vierten Jahrhundert ganz kurz mit Maxentius. Ansonsten sitzen die immer in Mailand und Sirmium, Serdica, dann Konstantinopel natürlich. Und der Sitz der weströmischen Kaiser war im 5. Jahrhundert dann Ravenna gewesen. Ravenna ist unglaublich gut zu verteidigen. Kann man fast gar nicht erobern, weil da ist das Meer auf der einen Seite und Sümpfe auf der anderen Seite. Der sitzt in Ravenna, also wenn man zum König will, muss man nach Ravenna.

[38:09] Und Theoderich hat so die Position, obwohl er Arianer ist und natürlich seinen arianischen Christen auch viele Vorteile gibt, aber die sind natürlich in der Minderheit, weil es gibt nicht so viele Ostgoten wie Römer in Italien. Er toleriert die Katholiken. Er lässt die machen, vermutlich aus politischen Gründen, weil ihm gefällt das ja auch, dass die Katholiken da ein Problem mit Ostrom haben. Das findet er ganz toll. Dann lässt er sie in Ruhe. Ist nicht ganz klar, ob die Streitparteien von alleine den Theoderich gefragt haben oder ob Theoderich gesagt hat: "Jetzt kommt mal her", oder ob Theoderich sie dazu gebracht hat, dass sie ihn fragen. Ja, ist unklar. Jedenfalls erscheinen die dann vor Theoderich, und Theoderich guckt sich das an und sagt: "Okay, Symmachus hat mehr Wähler gehabt. Er ist auch vielleicht ein paar Minuten oder Stunden früher gewählt worden. Rein formal ist Symmachus Papst. Ja, hat mehr Wähler gehabt, etwas früher gewählt, fertig aus."

[39:06] So steht's auch im Buch der Päpste. Ja, zuerst gewählt und hat mehr Wähler gehabt. Jetzt die Laurentianer sagen: "Ah, vielleicht haben die Leute von Symmachus den Theoderich bestochen", aber das ist ganz... nicht ganz, also das kann auch sein, dass sie einfach nur die Gebühren bezahlt haben, ja, für die einzelnen Beamten, um dann bis zum Theoderich vorzukommen, wie auch immer. Jedenfalls Theoderich sagt: "Symmachus ist Papst, Ende aus." Gut, Laurentius akzeptiert die Entscheidung. Ich meine, was soll man auch machen, wenn der König das sagt? Und er ist dann wieder einfach Erzpresbyter seiner Titelkirche, wird sogar so aktenkundlich erwähnt, findet 499. Alles scheint erstmal so oberflächlich okay zu sein.

[39:47] Ein Jahr später, 499, kommt eine Synode zusammen, und man überlegt sich: "Okay, was gerade passiert ist, das sollte man auf jeden Fall verhindern in der Zukunft. Wir müssen irgendwie einen Weg finden, wie man einen Papst wählen kann, ohne dass es zu Straßenschlachten kommt." Ja, und so wird jetzt zum ersten Mal kirchenrechtlich festgelegt, wie man so einen Papst wählen soll, damit es in Zukunft keine Doppelwahl mehr gibt. Und die Gelegenheit nutzt der Symmachus und sagt: "Ja, ja, ja, diese Gegenkandidatur von dem Laurentius, das war ein Schachzug des Teufels. Müssen wir verhindern, dass das nie wieder vorkommt." Und man sagt sogar: "Wenn jemand von euch weiß, dass da sich Leute verschwören und die Wahl manipulieren wollen, dann zeigt das an." Ja, dann wird das verfolgt. Ja, man ist sich also noch nicht ganz sicher, dass das irgendwie vorbei ist.

[40:39] Und dann heißt es hier im Liber Pontificalis, das ist dieses Papstbuch, das ist sehr pro-Symmachus und sagt: "Aus Barmherzigkeit ernannte er Laurentius zum Bischof der Stadt Nocera." Macht ihn also zum Bischof einer Stadt. Ist das nett von ihm? Ja, es klingt nett, oder? Er macht ihn zum Bischof. Das ist natürlich in der Antike... also das Kirchenrecht sagt: Wenn du einmal Bischof einer Stadt bist, darfst du diese Stadt nicht mehr verlassen. Du kannst da nicht mehr Bischof einer anderen Stadt werden. Das sogenannte Translokationsverbot, das ist also quasi damit stellt er sicher, dass Laurentius nie wieder Papst werden kann. Ja, das ist dann sozusagen, er wird quasi auf das Abstellgleis weggelobt. Ja, so weg mit dir. Ja, so läuft das. Laurentius wird also Bischof der Stadt Nocera. So soll das sein.

[41:34] Ein Jahr später, 500, kommt Theoderich nach Rom, so um einfach mal die Stadt zu besuchen. Ja, also er residiert nicht in Rom, aber einfach mal um die Stadt zu besuchen. Und er wird dann auch vom Papst empfangen und von den kirchlichen Würdenträgern. Und es heißt in einer anonymen Quelle, dem Anonymus Valesianus: "Er" – das heißt Theoderich – "begegnete dem seligen Petrus mit größter Hingabe, als wäre er ein Katholik." Ja, also es gibt eine Forschungsdebatte: Meint das jetzt die Peterskirche, wo der Petrus begraben ist, oder meint das den Papst, der den Petrus repräsentiert? Da kann man sich drüber streiten, aber auf jeden Fall der Theoderich versucht mit der katholischen Kirche guten Kontakt zu haben. Ja, soweit scheint alles erstmal gelöst, aber es brodelt im Untergrund, und der Vulkan ist noch gar nicht ausgebrochen.

[42:31] Am 28. September schreibt Symmachus an einen Ennodius in Gallien. Er sagt: "Mein Vorgänger, dieser Anastasius, das kann ich nicht gutheißen, was der gemacht hat. Ja, der hat sich ja quasi über die Entscheidung von Gelasius und den anderen Vorgängern hinweggesetzt." Ja, ihr erinnert euch, Gelasius und Felix, die waren so ganz streng und ganz konsequent, und Anastasius hat halt so verhandelt. Ja, und Symmachus tadelt das und sagt: "Das geht nicht." Und dann sagt er folgendes: "Denn wie viel Ehrfurcht wird man den Stellvertretern des hochseligen Apostels Petrus entgegenbringen, wenn die Dinge, die sie im Priesteramt vorschreiben, mit ihrem Tod aufgehoben werden?" Mit anderen Worten: Wenn ein Papst was entscheidet und dann gilt das nicht mehr, wie wird man dann den Papst noch ehren?

[43:26] Hört ihr da diese Idee raus, dass man eine Papstentscheidung nicht anfechten kann? Ja, das ist also... es gibt ja dann erst 1870 diese Entscheidung, der Papst urteilt unfehlbar. Ja, aber die katholische Kirche hat immer behauptet: "Das haben wir schon immer so im Grunde genommen gesehen", und da seht ihr schon, wie sich das entwickelt. Ja, der sagt: "Also Anastasius war ja verrückt, wenn der quasi den Kurs ändert, dann kann man uns ja nicht mehr als Päpste ernst nehmen." Ja, das ist also diese Idee mit der Unfehlbarkeit, die entsteht halt so auch aus einer echten politischen Situation heraus.

[44:03] So, der Heinz hat euch gestern erzählt, es gab früher immer diese Diskussion um das Osterdatum, ja, auch mit den Iroschotten, die gibt's auch innerhalb der katholischen Kirche. Das liegt daran, es gibt verschiedene Methoden, das zu berechnen. Das würde zu weit führen, das ist ziemlich kompliziert. Aber eins ist sicher: Die im Osten in Alexandria, die haben die weitaus bessere Methode. Alexandria ist ja quasi so der Sitz der Wissenschaft, der Philosophie, der Naturwissenschaften. Die haben sehr genaue Berechnungsmethoden, und eigentlich die ganze Welt folgt Alexandria. Rom hatte immer so ein bisschen eine andere Methode gehabt, die war aber längst nicht so gut, und in den vergangenen Jahrhunderten gab es manchmal so Konflikte: "Sollen wir jetzt das Osterdatum nach Alexandria machen oder nach Rom?" Und die Römer waren dann immer so ein bisschen gedemütigt, wenn sie dann feststellen mussten: "In Alexandria kann man das besser berechnen." Leo der Große hat auch mal diskutiert, hat am Ende aber nachgegeben, hat gesagt: "Okay, dann machen wir es halt da, aber Schwamm drüber, ne?"

[45:05] Aber Symmachus, nachdem er hört, dass Alexandria das Datum auf den 22. April gelegt hat, der sagt: "Das ist mir zu spät. Das ist mir zu spät. Wir machen das am 25. März." Jetzt ist das natürlich für uns vielleicht vollkommen irrelevant, aber für die Christen damals eine totale Katastrophe, weil wenn man an unterschiedlich... also das Osterfest soll ja für alle gleich sein. Ja, jetzt gibt's zwei Daten. Wer hat denn recht? Und Symmachus setzt das durch und sagt: "Wir machen das am 25. März, so wie wir früher immer gerechnet haben." Ja, und das kommt natürlich wieder zu Krisen. Und das ist das gefundene Fressen für die Anhänger von Laurentius. Die sagen: "Schau mal her, der Symmachus, der ist unfähig. Der treibt die Krise, der treibt die Kirche in die Spaltung." Sie gehen zu König Theoderich und verklagen den Papst Symmachus. Ist nicht ganz klar, ob sie das quasi wegen der Osterfrage nur vorschieben oder ob diese Osterfrage jetzt quasi tatsächlich der Punkt ist, um zu zeigen: "Der Symmachus ist unfähig."

[46:14] Aber schon bald schießen sie weitere Munition. Ja, sie sagen: "Symmachus hat übrigens auch komischen Kontakt zu Frauen. Ja, da laufen Dinge, die nicht gut sind. Ach, und übrigens verschleudert er das Kirchenvermögen." Da hört man so ein bisschen die Senatoren, weil die Senatoren, die reichen Leute, die spenden Grundstücke und Gebäude an die Kirche und schreiben dann so dran: "Dieses Grundstück, das wurde gespendet von Senator so und so." Ja, damit für alle Zeiten die Senatoren... Ja, und jetzt der Papst, der sagt: "Aber ich brauche Geld, ich habe ja so viele Projekte, verkaufen wir dieses Gebäude. Ja, was sollen wir damit? Verkaufen wir das, um Geld zu generieren." Da sind natürlich die Senatoren völlig außer sich: "Ach, das haben wir doch gestiftet! Ja, das zu unserem Andenken. Jetzt verkauft er das!" Ja, was... "Der verschleudert das Kirchenvermögen!" Da merkt man, das sind natürlich verschiedene Interessen dahinter. Jedenfalls heißt es hier bei den Laurentianern: "Nach einigen Jahren wurde Symmachus jedoch beim König zahlreicher Verbrechen beschuldigt."

[47:15] So, Symmachus... Theoderich sagt: "Okay, also dann Symmachus, komm mal her, das untersuchen wir jetzt." Symmachus macht sich auf den Weg nach Ravenna, und dann passiert eine wirklich kuriose Szene am Strand von Ariminum. Das ist das heutige Rimini. Stellt euch vor, am Strand von Rimini: Der Papst ist gerade unterwegs, da sieht er eine Kutsche vorbeifahren mit Frauen, und als er sich erkundigt, hört er, dass diese Frauen nach Ravenna gefahren werden, um gegen ihn auszusagen. Und als das der Symmachus realisiert, macht er postwendend kehrt und flieht nach Rom. Lässt sogar seine eigene Delegation in Rimini zurück. Der Mann war wohl nicht ganz unschuldig. Der hat Angst, seine Zeuginnen, also seine Anklägerinnen, zu sehen in Ravenna. Der flieht nach Rom und verschanzt sich in der Peterskirche. Sagt: "Nichts gehört, nichts gesehen. Ich gehe nicht nach Ravenna." Das Fragmentum Laurentianum sagt: "Er floh mitten in der Nacht, als alle schliefen, mit nur einem Komplizen nach Rom zurück, wo er sich innerhalb der Mauern des seligen Apostels Petrus einschloss." Also ein Papst, der angeklagt ist, unmoralisch zu sein, auf dem Weg dann zum Richter die Zeuginnen sieht und flieht und sich in seiner Kirche einschließt. Ist kein Ruhmesblatt.

[48:50] So, sobald das passiert, realisieren natürlich viele in Rom: "Moment mal, also mit diesem Papst stimmt was nicht." Und der Laurentius ist jetzt... kommt dann bald nach Rom, und fast alle Kirchen laufen zu Laurentius über. Es gibt ja in Rom viele Kirchen, ja, die Kirche so und so, die Kirche so und so, viele einzelne Kirchen. Und der Symmachus ist in der Peterskirche, heutige Vatikan, nicht? Ja, die meisten anderen Kirchen in Rom, die Gebäude, die gehören jetzt alle der Laurentius-Partei.

[49:24] So, worum geht es? Erinnert euch an Gelasius. Gelasius hatte gesagt: "Man kann einen Papst nicht richten." Könnt ihr euch erinnern? Niemand kann den Papst richten. Das hatte Gelasius behauptet. Ja, so, der Papst ist so groß, niemand kann ihn richten. Jetzt hat man plötzlich einen Papst, der angeklagt wird. Und was wird aus der These von Gelasius, die er nur wenige Jahre vorher aufgestellt hat, wenn jetzt ein Papst quasi vor Gericht gestellt werden soll und offensichtlich sogar schuldig ist? Die Laurentius-Partei wollte sogar offen am Anfang einen richtigen Kriminalprozess. Ja, Kriminalprozess kann auch bedeuten Folter. Aber Theoderich sagt: "Nein, nein, das ist eine innerkirchliche Angelegenheit. Das klärt ihr innerkirchlich. Ich möchte, dass ihr innerkirchlich die Sache untersucht und ein Urteil über Symmachus fällt. Ja, macht eine Synode, macht eine Versammlung und dann fällt ein Urteil über Symmachus."

[50:22] Okay, heißt es hier also: "Und nach dem Heiligen Fest trat auf Wunsch des Senates und der Geistlichkeit sowie auf Befehl des Königs eine Synode in der Stadt Rom zusammen, um über seine Exzesse zu urteilen." Die Laurentius-Partei ist einverstanden: "Okay, wir machen das innerkirchlich", und Symmachus stimmt auch zu. Er sagt: "Okay." Er hat wahrscheinlich vielleicht Angst gehabt vor einem Kriminalprozess, aber denkt sich: "Okay, wenn das kirchlich geregelt wird, habe ich nicht viel zu befürchten." Er stimmt zu. Und da hat sich in der Forschung gefragt: "Warum? Ist er verrückt?" So, jetzt passen wir auf: Weil ja diese Frage mit dem Osterdatum so kontrovers diskutiert ist, lässt der Theoderich einen sogenannten Visitator nach Rom senden, ein also jemand, der quasi Rom besucht, um nach dem Rechten zu sehen, um in dieser Streitfrage jetzt das durchzudrücken. Sein Name ist Petrus von Altinum, und er soll jetzt an Stelle des Papstes die Osterfeierlichkeiten leiten. Das hat quasi eine Suspendierung des Papstes, aber ist noch nicht vorverurteilt, aber so: "So Papst, du lässt dich erstmal, du bleibst erstmal, wo du bist."

[51:26] Der Petrus leitet jetzt das Osterfest. Aber das mögen die von Symmachus natürlich gar nicht. Die sagen: "Dieser Visitator, der ist parteilich", und so weiter. Und Symmachus und der Petrus arbeiten gar nicht zusammen, geben sich gegenseitig die Schuld dafür. Theoderich hat auch gefordert, dass die Sklaven von Symmachus ausgeliefert werden. Symmachus hatte als Papst auch Sklaven, das war ganz üblich, dass auch ein Papst Sklaven gehabt hat, weil man gedacht hat, die Sklaven wissen vielleicht was über die Frauengeschichten. Ja, wenn man die foltert, dann kann man die vielleicht... dann kann man das auch... wenn man sie nicht foltert, man kann vielleicht dann das die Wahrheit rauskriegen. Aber Symmachus gibt die Sklaven nicht raus. Ja, der arbeitet mit dem Petrus gar nicht zusammen. Und später hat man auch dann gesagt: "Ja, dieser Visitator, das war ganz unrechtmäßig." Und dann verschwindet er wieder aus dem Bild. Also können wir den jetzt erstmal beiseite legen.

[52:14] Jetzt kommt es zu dieser Synode. Sind eigentlich vier Synoden innerhalb von wenigen Monaten hintereinander. Das ist also sehr gut bezeugt. Da gibt's sogar die Akten noch, die man heute lesen kann. Und die Bischöfe, die kommen aus ganz Italien jetzt. Sie haben gehört: "Wir sollen da über den Bischof von Rom irgendwie ein Urteil fällen." Und das Ganze hat der Theoderich angesetzt, eine katholische Synode auf Befehl eines arianischen Königs. Auch sehr merkwürdig, oder? Und die norditalienischen Bischöfe, die sind so verwirrt, die gehen erstmal nach Ravenna und fragen: "Hat der Symmachus zugestimmt? Hat er zugestimmt?" Und der König sagt: "Ja, sicher, der hat zugestimmt hier schriftlich, ne?" Okay, das kann man gar nicht vorstellen. Wieso hat er zugestimmt? Ja. So. Aber warum hat er zugestimmt?

[53:03] Symmachus hatte erwartet, dass bevor die Synode beginnt, er natürlich, weil er Papst ist, erst wieder alle Rechte bekommt und dann als wiederhergestellter Papst in die Synode geht und dann einfach argumentieren kann: "Na ja, ich bin ja Papst, ihr könnt mich nicht richten." Aber Theoderich lehnt das ab. Theoderich möchte eine wirkliche Untersuchung. Damit hat Symmachus nicht gerechnet. Jetzt ist er in der Falle. Jetzt hat er zugestimmt und kommt nicht mehr raus. Er hat sich falliert. Er hatte nämlich gedacht, nach der Wiederherstellung aller Privilegien würde er sich dem Fall widmen und wenn es ihm richtig erschiene, auf die Ausführung der Anschuldigung eingehen. Ja, dann könnte ich ja vielleicht dann antworten, ne? Aber er wird nicht wiederhergestellt. Er soll erstmal so bleiben, wie er ist, und er soll untersucht werden. Und jetzt ist das Papsttum in einer fundamentalen Krise. Diese ganze Theorie von Gelasius steht quasi auf der Kippe, so richtig. Es wird richtig eng für Symmachus jetzt, weil er zugestimmt hat, aber jetzt soll über ihn geurteilt werden. Die These von Gelasius ist in der Realität gefangen.

[54:14] So, jetzt geht's los. Und natürlich könnt ihr vorstellen, bevor es zum Inhalt geht, erstmal 1000 juristische Fragen. Ja, also das, bevor es richtig losgeht, das ist mal wieder wie in der Generalkonferenz: ein Punkt zur Geschäftsordnung. Ja, und ne, wie lange sollen wir reden? Ja, und ein Tauziehen um jedes Teil. Die Leute von Symmachus wollen sogar verhindern, dass die Anklageschrift vorgelesen wird. Aber Laurentius' Partei setzt sich durch, man darf eine Anklageschrift vorlesen. Dann schlagen die Leute von Laurentius vor: "Lass uns die Sklaven von Symmachus vorladen." Dann sagen die von Symmachus: "Nein, nein, nein, nein, nein! Das machen wir gar nicht, kommt gar nicht in die Tüte! Sklaven darf man gar nicht. Sklaven sind keine Zeugen." Ja, das wäre vor einem weltlichen Richter auch nicht erlaubt. Das stimmt zwar gar nicht so genau, aber da sieht man, also die versuchen das so hin und her zu schieben.

[55:03] So, die Lage ist kritisch. Sie ist aber nicht hoffnungslos, denn es gibt viele Bischöfe, die natürlich Gelasius geliebt haben und für diese Gelasius-Idee kämpfen wollen. Symmachus selbst erscheint eigentlich überfordert. Der war kein großer Papst, so von seiner Persönlichkeit her. Es gibt aber immer noch eine reale, also die Chance oder die Gefahr, dass eine reale juristische Untersuchung durchgeführt wird. Und das will man unter allen Umständen vermeiden. Bloß kein Urteil über den Papst, bloß kein Gerichtsurteil. Theoderich hat sich komplett rausgehalten. Der Vorteil für Symmachus ist: Eine Verurteilung muss einstimmig sein. Es gibt in der alten Kirche bei den Konzilien keine Mehrheitsentscheidung, auch nicht zwei Drittel Mehrheit. Es gibt nur einstimmig. Warum? Weil die Konzilien ja angeblich vom Heiligen Geist inspiriert sind, und dann muss es immer einstimmig sein. Und solange es also Leute gibt, die zu Symmachus halten, ist eine Verurteilung gar nicht so wahrscheinlich.

[56:05] So, aber Symmachus denkt sich: "Okay, solange der Theoderich sich raushält und das nur kirchlich ist, vielleicht kann ich ja die Bischöfe beeinflussen, ein bisschen beeindrucken." Er sammelt sich alle Schläger und den ganzen Pöbel, den er finden kann, und organisiert einen Marsch zu der Kirche, wo die Synode stattfindet. Ja, so: "Wir marschieren jetzt auf die Synode zu." Ja, natürlich nicht um einfach nur ein Foto zu machen, sondern um so ein bisschen durch die pure Masse des Volkes Eindruck zu haben. Dass vielleicht die Bischöfe sagen: "Oh, angesichts dieser großen Menge an Leuten hier tun wir vielleicht so..." Und Symmachus ist extrem beliebt. Er hat sich für die Armen eingesetzt. Ja, so ein typischer Mann, so stark nach außen und nett zu den Leuten unten. Ja, so ein Populist vielleicht. Ja, die Leute lieben ihn, und die marschieren alle mit ihm. Und die Laurentianer, also von Laurentius, die befürchten: "Wenn der erstmal bei der Synode so auftaucht, dann ist alles vorbei." Also organisieren sie auch eine Truppe, die auf dem Weg den Symmachus und seine Truppe stellt und überfällt.

[57:14] Dann kommt es zu Straßenschlachten, und der Symmachus kann sich gerade noch so retten. Es gibt Tote, es gibt Verletzte. Symmachus rettet sich zurück in die Kirche und sagt jetzt: "Ha, ich werde gar nicht mehr zur Synode kommen. Ist ja viel zu gefährlich hier in Rom. Ja, wenn ich überfallen werde, ich fürchte um meine Sicherheit. Ich bleibe jetzt einfach hier. Ihr könnt mich... könnt mich nicht verhören, weil ich bin... ich fürchte meine Sicherheit." Ja, mein Professor, der Meier, der hat es mal so ausgedrückt: "Symmachus hatte das Glück, auf dem Weg zur Verhandlung überfallen zu werden." Ja, also er kann es jetzt als Vorwand geben, nicht mehr weiter sich zu unterwerfen. Er sagt: "Ich unterwerfe mich nicht weiter ihrer Prüfung. Es liegt in der Macht Gottes und des Herrn Königs zu entscheiden, was mit mir geschehen soll." Steht dann in den Akten.

[58:06] So, und jetzt sind die Bischöfe ratlos. Wir sollen den Symmachus verhören, aber der kommt nicht, der weigert sich. Was sollen wir jetzt machen? Sagen die. Sie schreiben nach Ravenna und sagen: "Lieber König, könntest du bitte den Fall übernehmen? Wir wissen nicht, was wir machen sollen, ne?" Theoderich sagt: "Nein, ihr müsst ein Urteil fällen." Also die Bischöfe sind so richtig... das ist uns hochnotpeinlich. Wir wissen nicht, was wir machen sollen. Theoderich sagt: "Ihr seid die Bischöfe, eine innerkirchliche Angelegenheit, ihr fällt das Urteil." Er lässt jetzt sogar einen neuen Verhandlungsort ansetzen, nämlich eine Kirche, die direkt dem zum kaiserlichen Patrimonium gehört und deswegen dem König unterstellt ist. Ja, dem König Theoderich, die Basilika des Heiligen Kreuzes in Jerusalem. Und er sendet jetzt ganz hohe Generäle, so Würdenträger, gotische Würdenträger – Gudila, Bedeolf und Arigern – mit ihren entsprechenden Truppen, die sollen für die Sicherheit des Symmachus sorgen, um damit dem Symmachus zu sagen: "Du kannst jetzt wieder zur Synode." Ja, das Hin und Her geht. Aber Symmachus weigert sich trotzdem. Der weigert sich insgesamt viermal, wird viermal vorgeladen und geht einfach nicht. "Nein, nein, nein, nein, nein."

[59:26] So, jetzt steht die Frage im Raum: Kann man einen Papst richten? Die Bischöfe werden von Theoderich dazu gedrängt, ein Urteil zu fällen, aber sie können den Angeklagten ja nicht mal verhören. Wie soll man ein Urteil fällen, wenn man nicht mal verhören kann, oder? Das ist so richtig so eine Sackgasse. Und dann sagen sie: "Ja, Moment mal, aber Gelasius hat doch gesagt, man darf einen Papst nicht richten. Vielleicht müssen wir es einfach mal ganz deutlich dem König sagen." Und sie sagen jetzt: "Pass mal auf, König, wir haben noch mal genau nachgedacht. Eigentlich hat es das noch nie gegeben. Einen Bischof von Rom verhören ist unerhört. Das darf man gar nicht. Das dürfen wir nicht. Das ist quasi gegen unseren Glauben. Wir dürfen ihn nicht verhören." Das war wie gesagt eine ganz neue These von Gelasius, wenige Jahre alt.

[1:00:08] Theoderich antwortet und sagt: "Sag mal, was ist mit euch los? Ihr verschleppt das. Wie lange soll das denn noch dauern? Ja, und jetzt seid doch mal ein bisschen mutig und so weiter." Also ganz große Ermahnung, aber in die Ermahnung tut er ganz subtil ihnen einen Ausweg geben. Er sagt nämlich: "Pass auf, okay, wenn gar nichts hilft, dann würde ich auch ein Urteil ohne Verhör akzeptieren." Und als die Bischöfe lesen: "Ein Urteil ohne Verhör", hast du unsere Chance. Wir sprechen den Symmachus einfach frei, weil man ihn ja nicht richten darf. Da haben wir nicht verhört, haben ein Urteil gefällt, nämlich im Sinne von: Wir fällen kein Urteil. Das ist unser Urteil. Wir fällen kein Urteil. Theoderich hat natürlich irgendwie jetzt gemerkt, es geht nicht vorwärts. Hat jetzt versucht quasi so... hat eigentlich versucht, ihn damit so ein bisschen zu helfen. Er hat bis zuletzt gehofft, man könne einen echten Prozess gegen den...

[1:01:00] Papst führen. Aber jetzt akzeptiert er vermeintlich diese alte These, also die vermeintlich alte These, dass man einen Papst nicht richterlich akzeptiert, der König von Italien. So.

[1:01:13] Am 4. Oktober auf der vierten Synode – Entschuldigung, am 23. Oktober – schreibt man offiziell in die Akten: Man darf einen Papst nicht richten. Deswegen wird Symmachus freigesprochen, ohne Anklage, ohne Verhör, ohne alles. Er wird wiederhergestellt.

[1:01:30] Man geht davon aus, dass viele der Bischöfe, die das unterschreiben, den Symmachus gar nicht kennen, weil die kommen ja aus Süditalien, aus Norditalien. Die machen das wegen der Papstidee von Gelasius. Ja, die wollen quasi diese Papstidee verteidigen. Und die Bischöfe, die für Laurentius sind, die haben schon gemerkt: Okay, wir sind in der Unterzahl hier, da können wir nicht. Die bleiben dem Urteil einfach fern, unterschreiben nicht. Auch viele Kleriker in Rom selbst unterschreiben nicht, weil sie sagen: Das ist nicht richtig. Ja, aber offiziell ist jetzt der Symmachus wiederhergestellt.

[1:02:02] Vielleicht habt ihr euch die Frage gestellt – also ihr habt gemerkt, die Geschichte ist äußerst interessant –, aber warum ist die jetzt so bedeutsam? Also wir haben schon mal gesehen, es geht um diese These von Gelasius. Aber diese Geschichte ist nicht nur interessant, weil sie so spannend von den Ereignissen her ist, sondern sie ist vor allem deswegen bedeutsam wegen der Schriftstücke, die jetzt in diesem Prozess entstanden sind.

[1:02:32] Die Bischöfe hatten auf der Synode das Problem: Sie haben eine ganz klare Theorie, nämlich man darf den Papst nicht richten. So hatte es Gelasius wenige Jahre vorher gesagt. Das Problem war nur: Wie soll man das begründen? Denn diese These war total neu. Gelasius hatte sie als Erster aufgestellt. Das gab es vorher gar nicht. Und normalerweise ist die römische Kirche ja immer mit dem Anspruch unterwegs: Wir machen nichts Neues, oder wir machen immer nur das, was von Anfang an schon gewesen ist. Jetzt hat man aber in den alten Kirchenrechtsdokumenten überhaupt gar keinen Hinweis darauf, dass man den Papst nicht richten darf. Woher nimmt man die Belege? Woher nehmen und nicht stehlen?

[1:03:22] Die Antwort ist: Man geht ins Archiv und entdeckt plötzlich Schriftstücke, von denen noch niemand vorher was gehört hat. Im Zuge dieses Prozesses kommt es zu den berühmtesten Fälschungen wahrscheinlich der Papstgeschichte. Und zwar interessanterweise sogar von beiden Seiten, also sowohl die Symmachianer als auch die Anhänger von Laurentius versuchen ihre Position mit gefälschten, angeblich alten Schriftstücken zu belegen.

[1:04:02] Durchgesetzt haben sich begreiflicherweise die Fälschungen von Symmachus, ja, weil der auch den Prozess letztendlich gewonnen hat. Diese Fälschung der Symmachus-Partei, die nennt man die symmachianischen Fälschungen. Da hat man also quasi alte Dokumente erfunden, die auf alt gemacht sind vom Inhalt, aber in denen man all die Themen vom Symmachus-Prozess so quasi reingeschrieben hat. Also das schließt also diese Lücke.

[1:04:30] Geb ein Beispiel: Zum Beispiel findet man plötzlich das Protokoll einer Synode zur Zeit von Konstantin, von der es eigentlich überhaupt keinen Beleg gibt. Die ist völlig frei erfunden. Angeblich hat diese Synode der Bischof Silvester geleitet. Ja, ihr wisst ja schon, Silvester soll angeblich Konstantin getauft haben. Das war dann schon diese Legende. Und diese Kanones, die man jetzt erfindet, die kreisen alle um den Gedanken: Niemand darf einen Höherstehenden verklagen. So heißt es: „Neque praesul summus quemquam iudicabitur“ – auch der oberste Leiter wird von niemandem verurteilt.

[1:05:06] Also kommen jetzt zur Synode: Schaut mal hier, wir haben eine Akte gefunden aus der Zeit von Konstantin schon. Der Bischof Silvester hat festgehalten, die Synode hat damals festgehalten: Den obersten Leiter, der darf nicht verurteilt werden. Schaut hier, da steht’s! Ja, und dann ziehen die sogar ein Bibelwort rein, Matthäus 10, Vers 24. Wisst ihr, was dort steht? Schaut mal nach. Matthäus 10, Vers 24. Was steht dort?

[1:05:36] Ja, der Jünger ist nicht über dem Meister, der Knecht ist nicht über dem Herrn. Das soll begründen: Der Knecht darf nicht den Herrn anklagen. Er ist ja nicht über dem Herrn, oder? Hat das Jesus gemeint mit dem Satz? Da geht’s darum, dass auch die Knechte leiden, wie der Herr gelitten hat, oder wenn der Herr verfolgt wird, werden auch die Knechte verfolgt. Aber die sagen: Schaut mal hier, zur Zeit von Konstantin ist das schon begründet worden. Es steht ja sogar in der Bibel, oder? So geht das Papsttum jetzt vor.

[1:06:07] Oder sie erfinden eine Geschichte von einem Jerusalemer Bischof, den es nie gegeben hat. Sie finden einen Namen, Polychronius, und da geht es in der Geschichte darum, wie man mit Leuten umgeht, die aus einem niederen Stand sind und die jetzt einen Höhergestellten verklagen. Da steht dann: „Non licet quemquam accusare pontificem suum, quoniam iudex non iudicabitur.“ Es ist niemandem gestattet, seinen eigenen Priester oder Bischof anzuklagen, da der Richter nicht verurteilt wird. Ja, schaut mal hier, wir haben eine Geschichte gefunden aus der Zeit von... also das hat es schon mal gegeben in Jerusalem, dass jemand da den Jerusalemer Bischof anklagen wollte und das damals schon festgesetzt wurde: Das darf man nicht.

[1:06:48] Das Leitmotiv bei allen diesen Fälschungen ist dieses berühmte Motto: „Prima sedes a nemine iudicabitur.“ Prima ist der Erste, ja, Primus, der Erste. Sedes ist der – weiß es jemand? – der Sitz. Der erste Sitz. Wer ist der erste Sitz? Der erste Stuhl. Es ist der Stuhl von Petrus angeblich. Ja, das ist Rom, der erste Sitz. „A nemine“ heißt von niemandem und „iudicabitur“ wird gerichtet. Der erste Stuhl, Rom, der römische Bischof, wird von niemandem gerichtet. Das taucht fast in allen diesen Fälschungen auf, mal so formuliert, mal so formuliert. Diese Idee ist eine der berühmtesten Ideen der Papstgeschichte. Wird nachher die nächsten Jahrhunderte im Mittelalter bis zum Exzess ausgeschlachtet.

[1:07:45] Der erste Sitz wird nicht verurteilt, und diese Fälschungen entstehen alle. Also Gelasius hatte das mal behauptet, und jetzt kommt diese Papstwahl, ein Papst soll gerichtet werden, und jetzt werden diese Fälschungen quasi wie am Fließband erzeugt, die alle sagen: „Ah, schon seit alten Zeiten wissen wir, man darf den ersten Stuhl nicht richten.“

[1:08:04] Noch ein Beispiel: Da erfindet man Dokumente über den tatsächlichen Papst Xystus, also man nimmt auch zum Teil reale Päpste, die existiert haben in der Vergangenheit, und erfindet dann Dokumente, damit es realer aussieht. Da sagt man zum Beispiel über den Papst Xystus: Christus darf nicht geurteilt werden. So hat sogar der Konsul Maximus den Kaiser informiert. Es ist nämlich nicht erlaubt, gegen den Priester ein Urteil zu fällen. Und das Kuriose ist: In diesem Schriftstück wird sogar Bezug genommen auf Johannes 8, die Ehebrecherin. Und viele Forscher sagen, das ist so ein ganz versteckter Hinweis, dass selbst wenn der Bischof Ehebruch begangen hat – ja, weil niemand hat jemals versucht zu behaupten, der Symmachus war unschuldig.

[1:08:56] Wird noch krasser: Dann findet man noch ein Schriftstück über den Marcellinus. Vielleicht könnt ihr euch erinnern, am Montag habe ich euch erzählt, zur Zeit der Verfolgung unter Diokletian, kurz vor Konstantin, als man versucht, das Christentum komplett auszulöschen, habe ich euch erzählt, dass der römische Bischof abgefallen ist. Könnt ihr euch erinnern? Der hat Weihrauch geopfert, den Göttern, hat die Bibeln ausgehändigt. Das wusste man noch. Man wusste, dieser Marcellinus war ein schlechter Papst, der ist quasi vom Christentum abgefallen. Jetzt findet man ein Dokument, wo man nachlesen kann, dass selbst dieser abgefallene Papst erst dann abgesetzt werden konnte, nachdem er sich selbst verurteilt hat.

[1:09:46] Also das Dokument sagt: Schaut mal, selbst der Marcellinus wurde gar nicht abgesetzt, weil die Bischöfe gesagt haben: Wir können einen Bischof von Rom nicht absetzen, selbst wenn er den Göttern opfert, selbst wenn er die Bibeln aushändigt, ja, sondern erst als er sich selbst verurteilt hat, dann konnten wir ihn absetzen. Ja, steht wieder: „Prima sedis non iudicabitur.“ So wird auch der erste Stuhl von niemandem verurteilt.

[1:10:18] Und der Gipfel von alledem ist dann das hier: Auf dieser fiktiven Silvester-Synode aus der Zeit von Konstantin, die es nie gegeben hat, werden dann lauter so Kirchenrechtskanones erfunden. Und der letzte Kanon, da steht dann folgendes: „Neque ab Augusto, neque ab omni clero, neque a regibus, neque a populo iudicabitur.“ Weder vom Kaiser, noch von allen Klerikern, noch von Königen, noch vom Volk wird der Richter gerichtet. Also da geht man so weit: Es gibt überhaupt gar keine richterliche Instanz über dem Papst.

[1:10:56] Jetzt, wenn ihr genau aufpasst: Warum steht da „noch von Königen“? Gab es zur Zeit von Konstantin Könige, die da in Rom regiert haben? Nein, da gab’s nur den Kaiser. Also, wenn das wirklich von Silvester gewesen wäre aus der Zeit von Konstantin, hätte nie „Könige“ dagestanden, weil es gab keine Könige. Warum steht da „Könige“? Wegen dem Theoderich. Weil man natürlich Angst hat, dass der Theoderich jetzt vielleicht ein Urteil über den fällt. Und dann tut man quasi die gegenwärtige Angst, dass der König ein Urteil fällt, in das Dokument reinschreiben und merkt gar nicht, dass man damit sozusagen sich selbst bloßstellt. Weil jemand, der wirklich nachgedacht hätte, hätte sagen können: Das ist eine Fälschung, das kann ja gar nicht aus der Zeit von Konstantin kommen, das ist zu offensichtlich. Ja, aber damals waren die Leute sehr begierig, Fälschungen anzunehmen. Ja, wenn man erstmal der Meinung war, ist man ja dankbar für alles, was das bestätigt. Oder ist es heute anders? Sind die Leute heute bereit, Dinge zu glauben, weil es ihrer Meinung entspricht? Das sind also die Fake News des 6. Jahrhunderts. Ja, hat sich nichts geändert.

[1:12:13] Was bedeutet das? In diesen Fälschungen gehen die Fälscher sogar noch über Gelasius hinaus. Ja, das gibt also noch eine Weiterentwicklung der These. Das heißt, jetzt wird der Papst so absolut gesetzt wie noch nie zuvor. Und das ist natürlich... das hat eine Wirkkraft für die ganzen restlichen Jahrhunderte. Also das ist nicht einfach nur: Der Papst hat was Interessantes gemacht. Hier wird quasi das Mittelalter sozusagen richtig ausformuliert.

[1:12:46] Es gab auch Schriften von der Laurentius-Partei, die haben das Urteil natürlich nicht akzeptiert und die argumentieren auch sehr interessant. Es gibt so eine Schrift, die haben wir nicht mehr erhalten, die kann man nur aus den Antwortschriften quasi so inhaltlich rekonstruieren: „Adversus Synodum absolutis in congruo“, also die inkonsequente Absolutionssynode. Also die sind gegen die Synode, gegen das Urteil, weil dort der Papst einfach absolviert wurde, also ihm vergeben wurde, und das ist inkonsequent. Und sie versuchen das jetzt zu widerlegen. Sie sagen, die Synode hat gar nicht die Meinung von allen Bischöfen widergespiegelt. Und dann sagen sie interessanterweise: Schaut mal, selbst Jesus hatte keine Angst vor einem Gerichtsverfahren. Warum hat der Papst Angst vor einem Gerichtsverfahren? Das ist gut argumentiert, oder?

[1:13:36] Und dann kommen sie auf eine interessante Schlussfolgerung. Sie denken diese neue Papsttheorie zu Ende und sagen: Wenn das so stimmt, wie ihr sagt, dann hat der Papst ja quasi einen Freibrief zum Sündigen. Das kann doch nicht sein! Ja, und das stimmt auch gar nicht mit dem alten Kirchenrecht überein, ja, und mit dem weltlichen Recht. Man fragt sich: Haben die das jetzt erst anhand dieser Krise sich überlegt oder gab es schon länger diesen Widerstand gegen die Papsttheorie? Das ist halt nicht ganz klar.

[1:14:04] Auf diese Streitschrift der Laurentianer antwortet ein Mann namens Ennodius. Den haben wir gestern schon kennengelernt. Das war der, der auch... den haben wir gestern bei Chlodwig auch schon kennengelernt. Ja, der hat da einige Sachen gesagt, die uns geholfen haben bei der Rekonstruktion. Der ist Bischof von Pavia und ein ganz starker Vertreter der Papstidee, und den werden wir halt noch mal kennenlernen. Er antwortet auf die Argumente von den Laurentianern, aber kann keine richtige Erklärung geben, weil das natürlich eigentlich ziemlich deutlich ist. Ja, Freibrief zum Sündigen ist schon ein ziemlich klares Argument, und Jesus hat auch ein Gerichtsurteil akzeptiert, das kann er auch nicht widerlegen. Also er kann keine richtigen Gegenargumente liefern.

[1:14:53] Was macht er? Er sucht sein Heil in der Flucht, also Flucht nach vorne, und macht die Papstthese noch krasser. Er sagt wieder Matthäus 16, Vers 18: „Ja, du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.“ Das ist ja seit dem 4. Jahrhundert immer das Schlagwort gewesen, das immer der Beweistext. Jesus hat Petrus zum Felsen der Gemeinde gemacht. Das wird immer eingehämmert. Und dann sagt er: Wenn das Papsttum stürzt, gibt es keine Hilfe mehr für die Kirche. Deswegen kann man ja den Papst nicht richten, weil ansonsten die ganze Kirche zusammenbricht.

[1:15:27] Müssen wir überlegen: Er versucht gar nicht die Unschuld des Symmachus zu beweisen, sondern er sagt jetzt... er treibt es wirklich auf die Spitze. Er sagt: Selbst wenn Symmachus sündig ist, wird er durch die Verdienste des Petrus geheiligt. Weil er Papst ist, ist er unschuldig, obwohl er als Mensch schuldig ist. So eine Idee! Ja, das heißt, das Amt Papsttum macht letztlich immun gegen jede moralische und juristische Prüfung. Jetzt versteht ihr, warum ich dieser Sache so eine Bedeutung zumesse, weil das ist natürlich die ganze Grundlage für alles, was im Mittelalter und dann bis in die Neuzeit kommt. Das ist diese Theorie: Der Papst mag sündig sein, aber das Papsttum, das Amt, macht ihn unschuldig, macht ihn rein, weil der Petrus ihn heiligt.

[1:16:25] Das geht natürlich so ein bisschen zurück auf Leo, oder könnt ihr euch erinnern an die juristische Sukzession? Der Papst ist auch dann ein Papst, wenn er kein guter Mann ist, weil er Erbe ist. Ja, das war schon da angelegt, aber der Ennodius, der treibt das jetzt auf die Spitze: Selbst wenn er sündigt im Amt, ist er trotzdem noch schuldlos, weil Petrus in ihm ist. Ja, am Ende geht der Ennodius so weit in seinem Schriftstück und lässt quasi den Petrus selbst auftreten. Er legt dem Petrus Worte in den Mund und sagt: Also sollte der Symmachus wirklich gefehlt haben, ja, dann trage ich das. Müsst mal überlegen! Ja, nicht Jesus, Petrus. Petrus trägt notfalls die Sünden des Symmachus, und deswegen kann man den Symmachus gar nicht anklagen, weil er ja schuldlos ist, weil Petrus notfalls seine Sünden trägt.

[1:17:18] Da kriegt ihr so eine Idee, wie weit das reinreicht, übrigens in welche biblische Wahrheit, die damit attackiert wird. Welche biblische Wahrheit wird damit attackiert? Die vom Mittlerdienst von Jesus. Müssen wir nachdenken. Okay. Der fragwürdige Papst wird im Konstrukt des Papstums unangreifbar.

[1:17:43] Ja. So. Und den haben wir gestern auch schon kennengelernt, Avitus, oder könnt ihr euch erinnern? Das war der mit dem Brief an Chlodwig. Der ist auch ein eifriger Verfechter von Symmachus und der Papstidee, und der schreibt jetzt auch einen Brief an zwei Senatoren, an Faustus und Symmachus, also an Symmachus, und nach eigener Auskunft sagt er: Was ich schreibe, das denken auch die anderen in Gallien, also so im heutigen Frankreich. Er sagt: Wenn der Kopf der Kirche angegriffen wird, also der Papst, ist es eine Bedrohung auch für uns in Gallien. Und er sagt: Ich wundere mich überhaupt, dass die Bischöfe gekommen sind. Die hätten das gleich ablehnen sollen.

[1:18:27] Avitus geht nicht so weit wie die Fälscher. Er sagt: Weltliche Gerichtsbarkeit lässt er noch zu. Ja, also das wäre noch okay. Und dann sagt er folgendes: Er sagt: „Denn da der Apostel“ – er meint Petrus – „durch ein berühmtes Gebot verkündet, dass nicht einmal gegen einen Priester eine Anklage erhoben werden dürfe, welche Anklagen gegen die allgemeine Führung der Kirche sollten dann als zulässig angesehen werden?“ Hat Paulus irgendwo gesagt, man darf einen Priester oder Gemeindeleiter nicht anklagen? Er hat es so ähnlich gesagt. Er hat gesagt: Nimm nicht eine Anklage gegen einen Gemeindeleiter an. Wie geht’s weiter? Es sei denn auf zwei oder drei Zeugen. Kennt ihr den Vers? Man soll nicht leichtfertig eine Anklage annehmen, es sei denn auf zwei oder drei Zeugen. Und Avitus nimmt den ersten Teil, lässt den zweiten weg und sagt: „Schau mal, der Paulus hat gesagt, man soll einen Gemeindeleiter nicht anklagen. Wie viel weniger darf man dann den Papst anklagen?“ So, so läuft das. Ja, Bibelverse halbiert und dann zurechtgestutzt und dann so verwendet.

[1:19:40] Das heißt – und das ist jetzt ganz wichtig –: Dieses Thema ist keine stadtrömische Klatschdebatte. Das ist ein Thema, das in der Christenheit diskutiert wird. Es wird in Norditalien diskutiert, Ennodius bezeugt das. Es wird in Gallien zitiert. In der ganzen Christenheit im Westen diskutiert man die Frage: Ist der Papst zu richten oder nicht? Ist also kein Thema, wo jetzt einfach nur ein paar Leute auf einer Synode so einen Wortwechsel haben, sondern es ist ein Thema, das die ganze Christenheit debattiert. Und die Bischöfe von Norden und von Westen, die sagen alle, die wir jetzt fassen können: Den Papst darf man nicht richten. Wir bleiben bei Gelasius, das muss so bleiben. Ja, bloß nicht richten.

[1:20:19] Ja, es heißt hier: Westenburg hat es damals so formuliert: „Die seit Zosimus immer hartnäckiger und anspruchsvoller gelehrte römische These von der direkten und alleinigen Sukzessionskette Christus-Petrus-Bischof von Rom hatte nun zu Anfang des sechsten Jahrhunderts zum ersten Mal zustimmenden Widerhall in den Reihen des Episkopats, also bei den Bischöfen, gefunden.“ Mit anderen Worten: Das, was der römische Bischof im 4. Jahrhundert und Anfang des 5. in Rom behauptet hat, das wird jetzt von den Leuten in Gallien und sonst Italien überall vertreten. Das ist jetzt eine allgemeine Meinung Anfang des 6. Jahrhunderts. Das, was die römischen Bischöfe alleine behauptet haben, ist jetzt mittlerweile Allgemeingut in der Kirche geworden. Und obwohl Symmachus selbst so ein komischer Typ ist, ja, verteidigen sie das, weil das mittlerweile jetzt ihre Überzeugung ist: Man darf den Papst nicht richten. Und das heißt, das ist also ein Thema, das nicht lokal ist, das ist jetzt für die ganze Christenheit relevant, und zwar in dieser Zeit jetzt hier Anfang des 6. Jahrhunderts.

[1:21:22] Das Thema ist aber noch nicht vorbei, denn 502 entscheidet die Synode: Symmachus wird wiederhergestellt. Was dann folgt, ist sehr schwer zu rekonstruieren, weil es fast gar keine Quellen gibt. Ist wie Schweigen. Aber das Fragmentum Laurentianum erwähnt so beiläufig, dass es mehrere Jahre einen Bürgerkrieg in Rom gegeben hat zwischen der Partei des Symmachus und des Laurentius. Und selbst für die Laurentianer war das unangenehm, die sagen, na ja, wir wollen jetzt nicht groß drüber sprechen, wie viel Leute da umgebracht worden sind. Dahinter dürften noch Adelsparteien gesteckt haben, die jetzt versucht haben... und natürlich der Pöbel war natürlich immer für Straßenschlachten zu haben.

[1:22:08] Wir wissen zumindestens, dass dieser Bürgerkrieg vier Jahre gedauert hat. Vier Jahre Bürgerkrieg in Rom. Und das, während dieser vier Jahre, Laurentius die meisten Kirchen in Rom beherrscht hat, obwohl die Synode anders entschieden hat. Ja, so heißt es hier im Fragmentum Laurentianum: „So hielt Laurentius, nachdem er in die Stadt gekommen war, die römisch-katholische Kirche etwa vier Jahre lang inne.“ Das heißt, in Rom selbst hat man eigentlich jetzt gar nicht so richtig diese Synode ernst nehmen wollen. Man hat gesagt: Wir wollen aber doch lieber Laurentius haben. Der Symmachus bleibt im Wesentlichen auf die Peterskirche beschränkt, aber beim niedrigeren Volk ist er sehr beliebt. Bei den Senatoren gar nicht, aber beim Volk ist er beliebt, weil er sich so mit Wohltaten beliebt macht. Bürgerkrieg, wenig Quellen, ziemliches Durcheinander. Heute sagen wir, Laurentius war ein Gegenpapst, aber damals haben wahrscheinlich die meisten Leute dann zwischenzeitlich gedacht: Jetzt, das ist jetzt der Papst, ja? Er lässt sich sogar mit anderen Päpsten abbilden.

[1:23:12] Und in dieser Zeit versuchen jetzt beide, der wiederhergestellte Symmachus, der aber irgendwie da richtig nicht das zu greifen kriegt, und der Laurentius, der tatsächlich in Rom jetzt erstmal regiert, irgendwie sich in die Vergangenheit so einzuschreiben, dass sie so Teil der Tradition sind. In dieser Zeit beginnen beide Seiten die ersten Papstgeschichten zu schreiben, also Lebensgeschichten von den früheren Päpsten. Die Versionen von der Symmachus-Partei, die setzen sich am Ende durch, und die haben wir heute als den „Liber Pontificalis“. Gibt’s ein Buch, kann man heute kaufen, das Buch der Päpste, da kann man für jeden Papst von Anfang, von Petrus an, angeblich eine Lebensgeschichte lesen. Ist natürlich für die ersten Jahrhunderte frei erfunden, völlige Legenden, aber so ab die Zeit des sechsten Jahrhunderts, das sind dann Sachen, die sie selbst miterlebt haben. Ja, das wird dann immer fortgesetzt und so weiter.

[1:24:02] Was macht Theoderich? Interessanterweise schaut Theoderich jahrelang einfach tatenlos zu. Der lässt die da kämpfen und kämpfen, und es scheint sozusagen, als ob ihm das gar nicht ungelegen kam, dass der Senat so gespalten ist, dass die da alle sich gegenseitig bekämpfen. Ja, ihr kennt „Teile und herrsche“. Ja, wenn die sich bekämpfen, dann habe ich ja keinen Stress. Ja. Ähm, und erst nach diesen vier Jahren Bürgerkrieg schreitet er ein. Und als Theoderich einschreitet, als er ein Wort sagt und sich entscheidet, ist der Konflikt schlagartig beendet. Der hat also vier Jahre lang quasi die kämpfen lassen, und dann sagt er nach vier Jahren: „Ich entscheide mich für einen von den beiden“, und dann sagen alle: „Okay, okay, dann ist es aus.“

[1:24:51] So, die Entscheidung: Er beauftragte den Patrizier Festus mit der Erteilung von Anweisungen und ermahnt ihn, alle Titelkirchen, also alle Kirchen, die es in Rom gibt, Symmachus zurückzugeben und in Rom einen einzigen Papst zuzulassen. Also Theoderich entscheidet sich nach vier Jahren Bürgerkrieg: Symmachus ist Papst, so hat die Synode geurteilt, und Laurentius hat zu gehen. Und sofort ist der Konflikt vorbei. Der Senat leistet keinen Widerstand. Laurentius kommt auf einem Landgut unter, ja, darf sein Leben dann auf dem Land verbringen, und Symmachus ist vollständig wiederhergestellt.

[1:25:27] Die Frage ist: Warum entscheidet sich der Theoderich erst jetzt? Was ist der Grund? Er hat ja vier Jahre lang das laufen lassen. Da gibt’s verschiedene Thesen. Die Laurentianer haben gesagt: „Ah, der Symmachus hat den bestochen. Der hat bestochen, hat den umschmeichelt. Der hat so Gesandte gesandt, den Dioscorus, und der hat den Theoderich umschmeichelt.“ Das war alles nur so Intrigen und Renkespiel. Ein bisschen unwahrscheinlich, dass der Theoderich nach all dem, was passiert ist, jetzt wegen so einem Gesandten sich entschieden hat. Andere sagen: „Ah, das könnte vielleicht mit geopolitischen Erwägungen zusammenhängen.“ Ja, der Theoderich hat 504 und 505 einen Feldzug gegen die Gepiden im Osten gemacht. Da ist er mit Ostrom in Konflikt gekommen. Vielleicht wollte er durch die Stärkung des Symmachus auch dieses akakianische Schisma noch verstärken. Ja, andere denken, vielleicht war es... hat auch Angst gehabt, dass die Straßengewalt irgendwann auf ihn sich richtet. Ja, wenn da ständig die Leute sich bekämpfen, wer weiß, vielleicht rufen die irgendwann noch „Nieder mit dem Theoderich“. Ja, muss man das vielleicht das Feuer wieder klein halten.

[1:26:33] Äh, mein Professor hat damals die These aufgestellt in seinem Buch über Anastasius, dass, weil der Anastasius sich dann so dem Monophysitismus zuneigt in Rom, ja, in Ostrom, also in Konstantinopel, dass der Theoderich gesagt hat: „Ah, das ist eine gute Gelegenheit, jetzt den Bischof von Rom, der gegen den Monophysitismus ist, zu stärken“, also das akakianische Schisma zu verstärken. Also verschiedene Überlegungen.

[1:27:02] Die viel interessantere Frage ist jetzt: Wann genau hat sich Theoderich für Symmachus entschieden? Also wann ist diese Entscheidung? Symmachus ist Papst, Ende, aus. Ja, wo er einfach mit dem Tisch... Faust auf den Tisch haut. Weil als sich Theoderich entscheidet, muss der Senat erzwungenermaßen sich für Symmachus einsetzen. Alles, ich erklär’s besser. Es gibt drei Schritte. Erstes: Der erste Schritt, Theoderich entscheidet sich: Symmachus ist Papst, Laurentius hat zu gehen. Er informiert den Senat: Das ist meine Entscheidung. Damit das aber auch rechtskräftig ist, muss jetzt der Senat den Theoderich darum bitten. Das heißt, der Senat muss jetzt erzwungenermaßen sagen: „Lieber Theoderich, könntest du bitte den Symmachus einsetzen? Ja, wir hätten uns doch gerne, dass du das Urteil von 502 anerkennst.“ Und dann sagt Theoderich: „Ja, selbstverständlich mache ich das. Natürlich mache ich das. Ich bestätige eure Anfrage mit einem offiziellen Praeceptum“, und dann ist der Konflikt vorbei. Das heißt also, Theoderich entscheidet sich, das ist also inhaltlich die Entscheidung für Symmachus. Dann muss der Senat offiziell anfragen, wie Theoderich sich entscheidet, damit alles seine Formalitäten hat, und dann beantwortet Theoderich und sagt: „Hier ist meine offizielle Entscheidung, Symmachus ist es.“ Ja, und dieses Praeceptum ist der Schlusspunkt. Dann ist vorbei, dann ist es rechtsgültig. Symmachus ist wiederhergestellt, weil man einen Papst nicht richten darf. Also, um euch das jetzt vor Augen zu führen: Dieses Praeceptum sagt: Der Staat bestätigt, Symmachus darf nicht verurteilt werden. Ja, das ist sozusagen die Quintessenz.

[1:28:58] Wann war das Praeceptum? Es hat ein Datum, und das Datum... die Römer haben ja auch noch nicht so 503, 504 gehabt, das kommt erst später, die datieren mit Konsuln, also jedes Jahr hat zwei Konsuln, und dann wird der Konsul aufgeschrieben und dann kann man in der Liste nachschauen: Wann war dieser Konsul, in welchem Jahr? Der Konsul diesen Jahres ist der Konsul Venantius. Und jetzt lasse ich euch mal die Freude, ein bisschen Geschichtsarbeit zu machen. Ich habe euch auf der nächsten Folie die Liste der Konsuln von Wikipedia. Und ihr sucht mal, in welchem Jahr der Venantius Konsul war. Habt ihr die Liste? W und O ist West und Ost. Das spielt jetzt keine Rolle. Wo ist Venantius? ... Zu klein, ist zu klein zu lesen. Das tut mir leid. ... Habt ihr den Venantius gefunden? Also, wer von euch hat den hier gefunden? Venantius im Jahre 507 und dann Venantius im Jahre 508. Es gibt zwei Venantius. Der Zufall der Geschichte sagt, es gibt zwei Venantius, und wir wissen nicht, welcher von den beiden der ist.

[1:30:44] Das Praeceptum von Theoderich, das diese welthistorische Entscheidung trifft, ist entweder 507 in Kraft getreten oder 508. Und in allen Geschichtsbüchern steht immer 507. Und deswegen ist bisher noch nie jemand von uns auf die Idee gekommen, diese ganze Geschichte mit 508 in Verbindung zu bringen, weil wir machen die Geschichtsbücher auf, ja, wir gucken: Was war 508? Was war 508? Ah, vielleicht Taufe von Chlodwig. Was noch? Wir finden nicht so viel. Ja, 507 ist knapp daneben, aber halt 507, weil in den Geschichtsbüchern immer 507 steht und bisher sich niemand wahrscheinlich die Mühe gemacht hat, herauszufinden, dass das Datum 507 nur eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit hat. Es könnte auch 508 sein, und plötzlich wird eines der wichtigsten Ereignisse der mittelalterlichen Kirchengeschichte greifbar für das Jahr 508.

[1:31:45] So, jetzt kann ich euch erstmal an der Stelle nur sagen: Soweit wie wir jetzt gekommen sind, rein technisch kann die Entscheidung von Theoderich, die offiziell rechtsgültig ist, entweder in das Jahr 507 oder 508 datiert werden, weil in beiden Jahren hieß der Konsul Venantius. So, das heißt jedes Mal, wenn ihr ein Geschichtsbuch lest, wo steht... das Problem an den Geschichtsbüchern, da steht immer ein Datum und man weiß nie genau: Ist das jetzt ein sicheres Datum oder ist das nur ein vermutetes Datum oder ist es nur die Auswahl von zwei möglichen Daten? Ja, das sagt euch das Geschichtsbuch ja meistens nicht, da steht nur Liste.

[1:32:28] Die Frage ist natürlich: Kommen wir dann noch weiter? Also so viel kann ich euch jetzt schon verraten: Es gibt kein... also das wäre das Schriftstück, das es dokumentiert, ja, also dieses Praeceptum, aber das ist sozusagen zweideutig. Jetzt haben wir nur noch die Chance sozusagen indirekt zu überlegen: Was ist wahrscheinlicher? Das ist also nur eine indirekte Beweisführung. Okay, wir haben jetzt kein Datum, da steht 508 oder 507. Wir können jetzt nur indirekt überlegen: Ist eigentlich 507 wahrscheinlich oder 508? Und das ist halt die Aufgabe eines Historikers, jetzt das zu rekonstruieren. Das ist kein mathematischer Beweis, aber so wie bei der Taufe von Chlodwig können wir das jetzt entweder wahrscheinlich machen oder nicht.

[1:33:09] Schauen wir uns mal an. Die Sekundärliteratur sagt immer 507, und zwar aus folgendem Grund: Fest steht, Ende 502, im Oktober 502, hat die Synode entschieden, oder das war die Entscheidung: Symmachus wird nicht verurteilt. Dann wissen wir, es gab vier Jahre Bürgerkrieg, und dann wissen wir, im Herbst eines Jahres XY hat Theoderich sich entschieden, und im nächsten Frühjahr des darauffolgenden Jahres war die Entscheidung rechtswirksam, weil er dieses Praeceptum erlassen hat. Und jetzt ist die Rechnung natürlich ganz einfach: Na ja, 502, vier Jahre Bürgerkrieg, sind wir 506, dann hat er sich 506 entschieden und 507 ist die Rechtsentscheidung rechtswirksam. Das ist ganz nachvollziehbare Logik.

[1:34:06] Die Frage ist aber – und das ist die Achillesferse –: Wann begann der Bürgerkrieg? Ging der wirklich direkt danach los? Die Frage ist: Wann kam Laurentius nach Rom zurück? Das Fragmentum Laurentianum sagt, die Unterstützer von Laurentius haben ihn – nicht ich natürlich – haben ihn aus Ravenna geholt, und zwar jetzt, Achtung, nach eigener Angabe mit der ausdrücklichen Erlaubnis des Königs. Das heißt, dass dieser Bürgerkrieg geht ja deswegen los, weil plötzlich wieder Symmachus und Laurentius beide in der Stadt sind. Aber Laurentius ist nur deswegen in der Stadt, weil der König das explizit erlaubt. Und man hat dann argumentiert, er kann ja gar nicht Bischof von Nuceria werden, weil er ja schon mal Bischof von Rom war. Das heißt, man hat dem König gegenüber argumentiert: Laurentius ist der rechtmäßige Bischof. Und die Frage ist: Hätte man das gleich sofort nach dem Urteil der Synode sagen können?

[1:35:06] Im Fragmentum Laurentianum wird halt erst berichtet: Synode zu Ende, dann kommt Laurentius wieder. Deswegen hat man gedacht, na ja, vielleicht ist das direkt danach passiert. Nun ist es so: Diese Synode hat offensichtlich ziemliches Chaos hinterlassen. Das heißt im Fragmentum Laurentianum: „Und so verließen sie die Stadt in völliger Verwirrung.“ Und jetzt ist die Frage: Wir müssen uns vorstellen, Theoderich versucht ja viermal diese Synode zum Urteil zu kriegen, oder? Er möchte unbedingt, dass die Synode jetzt das entscheidet, und dann entscheidet die Synode: Ja, nämlich kein Urteil, kein Urteil. Ja, er hat ihnen ja angeboten auch ohne Verhör, er entscheidet, sie entscheidet. Hat Theoderich wirklich den Urteilsspruch sofort wieder untergraben, indem er Laurentius nach Rom gesandt hat? Also, müsst euch vorstellen, dass diese Synode... Theoderich schreibt: „Bitte, bitte, bitte, gebt mir ein Urteil, sagt... bitte, gebt mir ein Urteil, bitte, gebt mir ein Urteil, ich brauche ein Urteil.“ Okay, sie machen: Er ist freigesprochen. Hat dann Theoderich im nächsten Moment gesagt: „Okay, dann schicke ich Laurentius wieder zurück“? Das ist sehr unwahrscheinlich, oder?

[1:36:23] Der Theoderich muss doch zumindestens erstmal eine Zeit lang versucht haben, dass das Urteil der Synode umgesetzt wird. Versteht ihr, was ich meine? Das heißt, da muss es eine Zeit gegeben haben von vielleicht ein paar Monaten, wer weiß wie lange, wo der Theoderich erstmal gehofft hat, dass das, was die Synode entscheidet, auch umgesetzt wird. Er muss ja gewusst haben: Wenn Laurentius wieder zurückkehrt, wird die Synode niemals umgesetzt. Ja, also wenn Theoderich unbedingt ein Urteil haben will, dann wäre es das Dümmste auf der Welt, im nächsten Moment zu sagen: „Okay, jetzt wo das Urteil da ist, sende ich den Gegner wieder zurück.“ Das wäre sehr, sehr unwahrscheinlich. Das ist extrem unwahrscheinlich, ehrlich gesagt. Er muss ja gedacht haben und gehofft haben, dass die Synode erstmal umgesetzt wird. Vielleicht hat er also erstmal wirklich abgewartet, ob das Urteil Frieden bringt, und dann erst, als er gesehen hat: „Ah, das geht nicht so richtig und der Symmachus hat gar nicht so den Rückhalt“, hat er gesagt: „Okay, dann Laurentius, kannst du vielleicht doch zurückgehen.“

[1:37:20] Das heißt, es ist überhaupt nicht klar, ob der die vier Jahre Bürgerkrieg direkt nach der Synode 502 begonnen haben. Das ist nicht klar. Da ist so ein X dazwischen. Man weiß nicht genau, wann der Laurentius zurückkam. Das heißt, diese vier Jahre Bürgerkrieg sind dann variabel. Die müssen nicht zwangsläufig 502 begonnen haben, die können auch ein bisschen später begonnen haben. Und hier kommt noch ein interessanter Punkt: Warum ist der Laurentius überhaupt in Ravenna und muss nach Rom zurück? Seine Anhänger sagen: „Ah, er habe sich vor der Verfolgung des Symmachus gefürchtet.“ Das ist natürlich ein bisschen kurios, weil Symmachus selbst die ganze Zeit verschanzt war. Wenn das stimmen sollte, dann ist das am ehesten noch vorstellbar direkt nach der Synode. Ja, als die Synode entscheidet, Symmachus wird freigesprochen, dann kann man sich am ehesten noch vorstellen, dass Laurentius gesagt hat: „Uh, was wird jetzt mit mir? Vielleicht wird sich Symmachus an mir rächen, ich gehe mal lieber besser nach Ravenna und guck mal, was passiert.“ Ja, das heißt, auch das wäre ein Argument dafür, dass direkt nach der Synode der Laurentius erstmal nach Ravenna kam, um dann erst später wieder nach Rom zurückzugehen.

[1:38:31] Ja, aber jetzt kommt noch ein ganz interessanter Punkt, der aus meiner Sicht der wichtigste ist. Ich habe schon von dem Ennodius erzählt. Wir hatten den ja vorhin gerade. Das war der, der gesagt hat: Auch ein sündiger Papst wird von dem heiligen Petrus geheiligt. Also so stark ist der für Symmachus. Der ist ein absoluter Fan von der Papstidee von Gelasius. Ja, Ennodius, dieser Ennodius, der sich so extrem für den Symmachus einsetzt und sogar diese Streitschrift der Laurentianer widerlegt, der bekommt die Gelegenheit im Jahre 507 eine Lobrede auf Theoderich zu halten. Das nennt man ein Panegyrik. Also Lobreden sind immer so eine komische Sache. Ja, da sitzt der Herrscher und der Lobredner lobhudelt ihm. Ja, und ist immer auf der Suche nach Themen, wo er noch loben kann: „Du bist so groß, denn du hast diese Feinde besiegt.“ Ja, „und du bist so groß, denn die musstest du gar nicht besiegen, weil die sind von alleine abgehauen.“ Ja, „du bist so groß, weil schau mal...“ Der sucht lauter Themen, womit er dem Herrscher huldigen kann.

[1:39:42] Und hier ist die kuriose Sache in dieser Lobrede von diesem glühenden Symmachus-Verfechter an Theoderich, wo er quasi nach allem greift, was er irgendwie loben kann an Theoderich: Es findet sich kein einziges Wort über die Entscheidung für Symmachus. Das ist natürlich, was man nennt ein „Argumentum ex silentio“, aus dem Schweigen. Ist in der Regel meistens nicht so gewichtig, aber in dem Fall ist das schon ziemlich bemerkenswert. Weil wenn 506 Theoderich sich schon für Symmachus entschieden hätte, dann könnt ihr euch vorstellen, der Ennodius hätte gesagt: „Und die größte deiner Entscheidungen war, dass du endlich diesem wahren Papst...“ und so großartig, ja, „und das hatte ich ja auch schon gesagt und das ist die richtige Entscheidung und jetzt wird Frieden und Eintracht kommen und die römische Kirche ist dir dankbar, dass du Frieden hergestellt hast“, weil ihr wisst ja, durch die Entscheidung ist sofort Frieden. Ja, er erwähnt weder Symmachus, noch erwähnt er Frieden in der Stadt. Und das ist ein ziemlich... ein schweigendes, ein stilles, aber ein sehr deutlicher Hinweis darauf, dass 507 die Entscheidung noch nicht gefällt war bei dieser Rede. Und das könnte bedeuten, dass die Entscheidung wirklich erst Ende 507 entschieden war und rechtskräftig im Jahre 508 war.

[1:41:15] Also hier ist meine Rekonstruktion: 502 urteilt die Synode: Kein Urteil über Symmachus. Ja, man darf den Papst nicht urteilen. Dann glaubt man im ersten Moment: Ja, jetzt wird alles gut, aber man ist in Rom. Viele, auch Senatoren, sind nicht damit einverstanden. Es geht weiter Streit. Laurentius ist wahrscheinlich erstmal nach Ravenna geflohen aus Angst vor Symmachus, aber Symmachus kriegt die Zügel nicht in die Hand. Ja, er kriegt die Zügel nicht in die Hand, und mit der Zeit merkt man: Diese Synode hat das noch nicht richtig... das hat nicht richtig Gewicht angeblich für die Leute, und Theoderich denkt sich: „Na ja, okay, also wenn... lass sie doch machen.“ Vielleicht hat er erst 503 den Laurentius zurückkehren lassen. So, dann streitet euch, ja, streitet euch, und dann streiten sich vier Jahre lang. Chaos, Chaos, Chaos, Chaos. Und als Ennodius seine Lobrede hält, 507, ist das Chaos immer noch da. Er muss ihn für alles andere loben, aber er kann ihn nicht loben, das Problem in Rom gelöst zu haben und schon gar nicht seinen geliebten Symmachus geholfen zu haben. Erst Ende 507 hätte sich dann Theoderich für Symmachus entschieden und 508 ist die Entscheidung rechtskräftig.

[1:42:28] Das würde bedeuten, dass eine der wichtigsten Weichenstellungen für die Geschichte des Papstums überhaupt auf das Jahr 508 fällt, und das Jahr 508 nicht nur etwas mit den Franken dahinten zu tun hat, sondern mit dem Papsttum selbst. So, und jetzt kann man sich noch überlegen: Was könnte der politische Hintergrund für den Theoderich gewesen sein? Weil im Jahre 507 haben wir gestern gelernt, kommt ja Chlodwig und besiegt bei Vouillé die Westgoten, könnt ihr euch erinnern, und erobert ganz Südgallien. Und als er ganz Südgallien erobert, findet er dort ja ganz viele katholische Christen. Das ist ja auch der Grund, warum wir gestern gesagt haben, warum er sich wahrscheinlich dann entschieden hat, katholisch taufen zu lassen, die jetzt seine Untertanen sind. Wir wissen heute von Avitus, dass diese ganzen katholischen Christen in Gallien für Symmachus gewesen sind. Und vielleicht hat sich Theoderich gedacht, als sein Konkurrent, der Chlodwig, diese ganzen Leute jetzt in sein Königreich integriert, dass er sozusagen auch ein Zeichen senden muss an diese ganzen Christen und sagt: „Hey, ich bin nicht gegen euch, ja, ich bin auch für euch. Ich bin... folgt nicht zu sehr dem Chlodwig, ja, ich gebe euch auch was Tolles, ja, ich bin jetzt für den Symmachus, den ihr so verehrt.“ Es könnte also auch ein geopolitisches Signal an die gallische Bevölkerung gewesen sein, den Symmachus zu unterstützen.

[1:44:03] Also Fazit: Die sogenannte petrinologische Idee, das heißt die Idee, dass der Papst über allem steht, ja, Petrus ist im Pontifikat des Symmachus einem massiven Stresstest unterworfen worden. Ja, Gelasius hatte das zur Spitze getrieben. Wir haben am Montag gesehen, wie das so Schritt für Schritt sich aufgebaut hat, wie das dann unter Leo dem Großen schon richtig groß wurde, und Gelasius hat das dann so: „Bam, das ist der Papst.“ Ja. Und unter Symmachus wird das Ganze in Frage gestellt, und die Frage ist jetzt: Ist das nur eine tolle Theorie, die keinen Hintergrund hat, oder wird sich das in der Realität behaupten? Die kühne juristisch-theologische Theorie vom Primat eines Papstums prallt jetzt auf die wenig erfreuliche Realität eines bestenfalls glücklos agierenden Papstes. Ja, also oder vielleicht kann man sagen: Eines, der ziemlich daneben lag, der tatsächlich angeklagt wird, obwohl das ja eigentlich gar nicht möglich ist. Und jetzt, konfrontiert mit der Wirklichkeit, was eigentlich theologisch als undenkbar erklärt war, muss die These sich jetzt bewähren.

[1:45:09] Vom Gang des Prozesses in die Enge gedrängt, wurde die These immer mehr profiliert. Ihr habt gesehen, die Fälschungen werden entdeckt, ja, und der Ennodius und die tun das alle, diese These noch klarer formulieren, um sie dann durchzusetzen. Das Postulat eines juristisch dem menschlichen Zugriff entzogenen Papstes wurde zur letzten und gleichsam absoluten Rückzugsoption vor allen Anschuldigungen. Mit anderen Worten: Es ist vollkommen egal, was ihr ihm zur Last werft, spielt keine Rolle, weil er ist sowieso rein, er ist sowieso heilig. Ja, hinter der abstrakten Systemtheorie des Papstums verschwand das päpstliche Individuum als Mensch. Eines der Probleme in der Papstgeschichtsforschung – das werden wir am Freitag noch sehen – ist, dass Papstgeschichtsforschung immer auf die Päpste schaut. Dann sagt man: „Das ist ein großer Papst, weil der schreibt viele Briefe, theologisch aktiv, geopolitisch interessiert. Das ist ein schwacher Papst, guck mal, der kann sich gar nicht durchsetzen, ja, der schreibt irgendwie komisch, der macht Fehler.“ Aber was uns als Adventisten interessiert, ist nicht: Ist jemand ein guter oder schlechter, ein großer oder kleiner, ein mächtiger oder schwacher Papst? Was uns interessiert, ist das Papsttum, also das System.

[1:46:32] Und das Interessante ist, dass jetzt quasi in der Zeit eines persönlich schwachen Papstes die Idee des Papstums massiv gestärkt wird. Könnt ihr das sehen? Der Papst selbst ist schwach und macht Fehler und läuft am Strand wieder zurück, ja, aber das führt gerade dazu, dass das Papsttum jetzt richtig gestärkt wird, weil am Ende durch die Entscheidung von Theoderich jetzt alle wissen: Man darf einen Papst nicht richten. Bisher gab es gar keinen Bedarf gegeben an historischen Belegen, aber jetzt braucht man die und jetzt werden die ad hoc konstruiert. Nicht? Wir haben gesehen die Fälschungen.

[1:47:13] Also Symmachus ist kein großer Papst, aber sein Pontifikat ist ein Schlüsselmoment für die Entwicklung der Institution Papsttum. Sein persönliches Schicksal verhilft der Theorie von Gelasius zu realer politischer Geltung. Seine persönliche Schwäche provozierte den Test für das Papsttum als Idee. Um es auf einen Punkt zu bringen: Der Papst wurde angegriffen, das Papsttum ging gestärkt hervor. Diese Entscheidung war ein Präzedenzfall nicht für Jahrzehnte, sondern für Jahrhunderte. Diese Idee: „Prima sedes a nemine iudicabitur“, der erste Sitz, der Bischofssitz von Rom, wird von niemandem gerichtet, ist eine der wichtigsten Ideen der Weltgeschichte. Das hat das gesamte Mittelalter geprägt und wird auch bis ans Ende uns begleiten.

[1:48:08] Wir sind gleich am Ende. Kennt ihr den hier? Das ist Gregor VII. Das ist viele Jahrhunderte später. Kennt ihr die Geschichte von Canossa? Ein Papst, der den deutschen König drei Tage lang im Schnee barfuß stehen lässt, um ihm danach die Füße zum Küssen zu geben? Das ist Gregor VII., das ist Hildebrand. Das ist wahrscheinlich... das ist der Papst, den Ellen White quasi als Beispiel für die absolute mittelalterliche Höhe des Papstums nimmt. Das ist quasi so der Höhepunkt. Ja, könnt ihr nachlesen im Großen Kampf, das ist Gregor VII., Investiturstreit und so weiter. Und dieser hochmittelalterliche Papst, so an dem Punkt, wo das Papsttum wahrscheinlich den höchsten Punkt seiner weltgeschichtlichen Bedeutung gehabt hat bis dahin, der schreibt die berühmten „Dictatus Papae“. Das sind so Sätze, wo er sagt: Der Papst steht über allen und der darf alle Bischöfe und alle Vorrechte des Papstes... so sein Programm.

[1:49:13] Und in diesem Dictatus Papae sagt er im 23. Satz: „Quod pontifex Romanus canonice fuerit ordinatus, meritis beati Petri indubitanter efficitur sanctus, testante sancto Ennodio Papiensi episcopo, multis sanctis patribus faventibus, sicut in decretis beati Symmachi papae continetur.“ Heißt auf Deutsch: Der römische Pontifex, wenn er kanonisch geweiht wurde, wird zweifellos durch die Verdienste des seligen Petrus geheiligt. Der selige Ennodius, Bischof von Pavia – habt ihr heute gelesen, oder? –, der, wenn der Papst sündig ist, sagt: „Petrus werde ich ihn selbst heiligen.“ Ja, das ist genau das, und viele mit ihm übereinstimmende heilige Väter bezeugen, wie es in den Dekreten des seligen Papstes Symmachus enthalten ist. Der Papst, den Ellen White als das Beispiel der päpstlichen Macht der 1260 Jahre zitiert, der sagt: „Ich habe diese Macht, weil schaut in die Dekrete des Papstes Symmachus.“ Da steht: Es ist alles begründet. Ihr habt heute gelernt: Diese Dekrete sind größtenteils alles Fälschungen. Der Papst, der in Canossa sich die Füße küssen lässt, sagt: „Ich habe diese Macht, wie der Fall von Symmachus es bestätigt.“

[1:50:42] Also man kann eigentlich keine wichtigere Geschichte in der Papstgeschichte finden als diese Tatsache. Dass bisher noch kein Adventist in allen unseren 508-Auslegungen diese Sache mit 508 in Verbindung gebracht hat, liegt einzig und allein daran, dass das Datum 507 oder 508 sein könnte und weltliche Historiker dann einfach gesagt haben: „Na ja, 502, 4 Jahre, 506, 507“, und dann einer vom anderen abschreibt und wir bei unserer Suche nach Dingen in 508 immer nur 507 gelesen haben und deswegen das nie... ignoriert haben, wo, wenn man sich die Sache genau anschaut, man feststellt: Es könnte auch 508 gewesen sein. Und wenn man sich historisch rekonstruiert, ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass es 508 gewesen ist.

[1:51:30] Also mich begeistert eine unglaubliche... wir haben heute... die Zeit endet. Du wolltest... ich werde auf jeden Fall mir vornehmen, bevor wir am nächsten Mal dann loslegen mit 538, noch kurz drüber zu sprechen, was das jetzt konkret bedeutet für unsere Auslegung, aber so viel schon vorher: Ihr wisst, dass in Daniel 8... also dass diese 1290 Tage mit dem Gräuel der Verwüstung und dem Wegnehmen des Täglichen zusammenhängen. Was immer wir unter dem Täglichen verstehen, es kommt auch in Daniel 8, Vers 11 vor. Und versucht mal vielleicht selbst ein bisschen drüber nachzudenken: Könnte es für unser Verständnis von Daniel eine Bereicherung sein, wenn der Papst im Jahre 508 sich zum unanfechtbaren obersten Richter macht? Wenn im selben Kapitel, Daniel 8, es dann auch um den Beginn des Gerichtes durch Jesus geht und um das Heiligtum? Ja, könnte man drüber nachdenken, was das... dann geht’s nicht nur um Chlodwig und nicht nur um ein paar fränkische Soldaten, dann geht es um ganz fundamentale Fragen des Evangeliums. Kann man einen Papst richten? Ist er unfehlbar? Und was ist ein sündiger Papst? Ja, gut.

[1:52:55] Bis dahin, wie in gewohnter Weise, haben wir keine Zeit für Fragen, aber ihr wisst jetzt schon, ihr seid ja schon guter Dinge, dass wir das nächste Mal dann Fragen am Anfang stellen können. Ja, also ihr könnt jetzt Fragen überlegen, ihr könnt erstmal eine Nacht überschlafen, und der Plan ist, dass wir morgen uns nicht treffen, sondern dass der Martin dann morgen sein Thema machen kann, weil ich am Freitagabend ja dann für ihn einspringe. Und ihr habt jetzt eine Zeit, einen Tag Pause, im Grunde fast zwei Tage Pause jetzt, erstmal alles durchsacken zu lassen, und 538 wird uns dann am Freitag... der Freitag wird der Tag für 538, Vormittag und Abend. Ja, dann kommt es ganz gewaltig. Okay, Gottes Segen euch.


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