In diesem vierten Teil der Serie beleuchtet Christopher Kramp die tiefere Bedeutung des biblischen Bildes vom „Geruch des Lebens zum Leben oder des Todes zum Tode“. Anhand historischer Parallelen zu römischen Triumphzügen wird verdeutlicht, welche Verantwortung in der Verkündigung der Wiederkunft Christi liegt und wie diese Botschaft das Herz des Menschen prägt.
KBS Bogenhofen 2025: 508, 538 und der Aufstieg des Papsttums – Teil 4/5
Christopher Kramp · Predigten ·Themen: Bibel, BibelstudiumWeitere Aufnahmen
Serie: Predigten
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Transkript
[0:05] Wir werden gleich die Gelegenheit wieder haben, wenn ihr Fragen habt, die zu stellen. Also könnt ihr schon in eurem Kopf überlegen: Sind in den letzten zwei Tagen bei euch noch Fragen hängen geblieben, die sich über Nacht nicht gelöst haben? Dann werden wir die gleich noch beantworten können.
[0:24] Aber ich möchte euch natürlich auch heute Morgen noch mal fragen: Hat jemand von euch heute Morgen in der persönlichen Morgenandacht etwas gelesen, etwas gefunden, entdeckt oder wiederentdeckt, was er in 30 Sekunden mit uns teilen möchte? Ja, bitte.
[0:55] Für mich sind zwei Punkte zusammengekommen in meinen Überlegungen, in meiner Andacht. Es gibt einmal die Beschreibung, dass am Ende, wenn Jesus wiederkommt, zwei Menschengruppen da sind: die einen, die sagen, das ist unser Erlöser, und sie die Hände vorstrecken und anbeten, und die anderen, die Angst haben. Und dann ein Vers, der auch für mich sehr beeindruckend ist: ein Geruch des Lebens zum Leben oder des Todes zum Tode.
[1:27] Meine Zusammenfassung, die sich daraus für mich ergibt, ist meine Bitte an Gott, dass wenn ich von der Wiederkunft spreche, dass es zum Leben ist und nicht zur Angst. Wenn ich die Menschen füttern tue, die nachher sagen: "Ihr Berge, fallt über uns", dann bin ich ein Geruch des Todes zum Tode. Die zwei Verse zusammengenommen ergeben einen sinnigen Zusammenhang in der Verkündigung, wer mit anderen Menschen spricht.
[2:04] Ja, danke schön. Ganz interessanter Zusammenhang. Wisst ihr eigentlich, warum Paulus diesen Begriff verwendet: Geruch des Lebens zum Leben und des Todes zum Tode? Das kommt aus dem römischen Triumphzug. Wenn ein römischer General oder ein Kaiser einen Triumph gefeiert hat in Rom, dann wurde dort immer Weihrauch verbrannt, es wurde ein Geruch verbreitet. Und je nachdem, ob man ein mitmarschierender Soldat oder ein gefangener König war, war der Geruch entweder ein Geruch des Lebens zum Leben oder des Todes zum Tode.
[2:52] Also: Dasselbe Ereignis ist entweder zum Leben, wenn ich auf der Seite des Siegers stehe, oder eine Ankündigung des jetzt nahenden Gerichtes, wenn ich auf der Seite des Verlierers bin. Und das ist die Wiederkunft, nicht wahr? Bei demselben Ereignis werden die einen sagen: "Berge, fallt auf uns", und die anderen werden sagen: "Seht, das ist unser Gott, auf den wir gehofft haben" (Jesaja 25). Und so können wir auch, glaube ich, heute im Alltag jedes Ereignis, das passiert, alles, was auf uns eintrifft, entweder aus der Perspektive sehen: Gott ist auf unserer Seite, wir sind Sieger in Jesus – oder wenn wir alleine stehen und uns für die Sünde entscheiden, dann ist es alles irgendwie gegen uns.
[3:43] Ich habe heute weitergelesen im 2. Mose und ich bin jetzt schon bei 2. Mose 40 angekommen. Ich lese jeden Tag sechs Verse. Und ich habe festgestellt – ich weiß nicht, wie es euch geht –, lieber wenig Verse und drüber nachdenken als einen langen Abschnitt und alles wieder vergessen. Heute ist mir aufgefallen, wie Gott anordnet, dass Mose nicht nur die ganzen Gegenstände, die die Israeliten gemacht haben, entgegennimmt, sondern wie er ihm genau sagt, wo welcher Gegenstand sein soll: Heiligtum dort, Altar dort, Ecken genau dazwischen.
[4:23] Da habe ich mal drüber nachgedacht, dass es für alle Aspekte im Erlösungsplan einen bestimmten Platz gibt. Alles im Erlösungsplan hat seinen Platz, hat seine Ordnung, hat sein Aufeinanderfolgen, davor und danach. Und das finde ich sehr interessant. Ich weiß nicht, wie oft ihr euch so mit dem Erlösungsplan beschäftigt, aber das hat alles eine ganz große Ordnung, einen Sinn. Es ist nicht einfach nur so ein allgemeines Irgendwas, sondern das ist sehr durchdacht. Ich glaube, wir werden die ganze Ewigkeit den Erlösungsplan studieren, und wenn wir das schon die ganze Ewigkeit tun, sollten wir heute schon anfangen. Dann haben wir heute schon ein bisschen Himmel auf Erden. Wer den Erlösungsplan studiert und darüber nachdenkt, wie alles zusammenhängt in unserem persönlichen Leben und im großen Ganzen, der tut jetzt auf Erden das, was er schon im Himmel die ganze Zeit tun wird.
[5:11] Gut, heute geht es um 538. Wir haben heute Vormittag und heute Abend eine Menge vor uns, aber wir wollen natürlich die Zeit nehmen, zunächst einmal Gott einzuladen, unser Studium zu segnen, uns Weisheit zu schenken. Und ihr wisst schon, wenn es euch möglich ist, dann lade ich euch ein, niederzuknien.
[5:39] Lieber Vater im Himmel, wir kommen jetzt zu dir, so wie wir sind, und wollen uns füllen lassen von dir. Wir danken dir für das, was du heute schon zu uns gesprochen hast in der Morgenandacht, in der Andacht eben gerade von der Bär. Wir danken dir, dass du uns lieb hast und dass deine Gnade jeden Morgen neu ist, größer als alles, was wir verdient haben. Wir wollen einfach deine Gnade heute erneut ergreifen, festhalten, in unser Herz lassen, ganz fest bei dir bleiben.
[6:13] Wir möchten dich bitten, dass du uns durch den ganzen Tag führst, dass du uns mit deinem Heiligen Geist erfüllst, deine Liebe in unser Herz gießt und uns zeigst, wie du uns gesegnet hast und wie wir ein Segen für andere sein können. Wir möchten dich jetzt bitten, wenn wir uns über die Prophetie Gedanken machen, dass du uns Weisheit schenkst, dass dein Heiliger Geist uns in alle Wahrheit führt und dass wir auch erkennen, wo wir noch Dinge haben, die wir weiter studieren müssen. Wir möchten dich bitten, dass du uns segnest und dass wir Antworten bekommen auf Fragen, die wir haben. Wir wollen deine Schüler sein. Im Namen Jesu.
[7:03] So, dann habt ihr jetzt die Gelegenheit, noch Fragen zu stellen, die ihr jetzt noch habt, die in eurem Kopf unklar sind. Und bevor wir jetzt dann weiterschreiten zu 538, gibt es bei jemandem noch mal Erklärungsbedarf für Dinge, die wir die letzten drei Einheiten gemacht haben, vor allem über 508 und auch über die ganze Vorgeschichte des Papsttums? Hat da jemand noch Fragen? Dann nehmen wir uns die Zeit jetzt.
[7:41] Ich sehe aber niemanden da. Doch, da ist eine Frage. Ja, kommt ruhig. Und du hattest auch eine Frage.
[7:54] Mich würde interessieren: Du hast ja immer wieder auf die verschiedenen Quellenlagen hingewiesen, und hin und wieder hast du dann doch das Wort "vielleicht" benutzt. Wie sicher kann man sich bei den Quellenlagen über den tatsächlichen Verlauf der Geschichte sein? Oder muss man tatsächlich logisch weiterdenken, oder wie funktioniert das alles?
[8:20] Das ist eine sehr gute Frage. Vielleicht kann ich ganz kurz was dazu sagen. Wenn ihr euch mit antiker Geschichte – überhaupt mit Geschichte, aber vor allem mit antiker Geschichte – beschäftigt, ist das nicht so wie mit der Bibel. Du schlägst die Bibel auf, dort steht es geschrieben, kannst dich drauf verlassen, weil Gott dahinter steht. Und es spielt gar keine Rolle, ob das jetzt assyrische Könige sind oder babylonische, ägyptische, Hethiter, Griechen, Römer – die sagen was. Und wenn du ein bisschen gebildet bist, sagst du: "Hm, wer weiß, ob das stimmt." Ich sage euch ganz ehrlich: In all den Jahren, in denen ich mich jetzt mit antiker Geschichte beschäftige, habe ich noch überhaupt gar keinen gefunden, der immer die Wahrheit sagt. Noch gar keinen.
[9:06] Das ist also erstmal eine Tatsache. Als Historiker kann man – es ist nicht wie ein Mathematiker. Ein Mathematiker kann sagen: "Das ist bewiesen." Ein Historiker kann im letzten Moment eigentlich immer nur sagen: "Das ist die wahrscheinliche Hergangsweise." Es gibt Dinge, die sind relativ klar, natürlich in moderneren Zeiten auch, weil wir dann einfach Videos haben oder Bilder, und es gibt, glaube ich, kaum jemanden, der heute daran zweifelt, dass Alexander der Große die Welt erobert hat. Das sind so Dinge, die dann einfach auch durch die Nachgeschichte zu deutlich sind. Aber wenn es dann ans Detail geht, ist das halt gar nicht so einfach.
[9:47] Aber letztlich muss man sagen, das ist auch in unserer Zeit so. Frag mal zehn verschiedene Adventisten, was 2015 bei der Generalkonferenz in San Antonio passiert ist. Da kriegst du elf Antworten, was genau und wer genau und warum das war und wer was dabei sich gedacht hat und wie das alles abgelaufen ist im Vorhinein. Da musst du auch als Historiker sagen: "Ja, wie war's jetzt?" Und das ist etwas, wo wir also Quellenmaterial ohne Ende hätten.
[10:13] Es gibt natürlich nicht alles gleich. Wenn man sich mit Quellen beschäftigt, dann macht man sogenannte Quellenkritik und man überlegt sich: Wenn man die Quellen anschaut, wie vertrauenswürdig sind sie? Zum Beispiel sagt man – ein ganz anderes Beispiel, nicht aus unserem Thema –: Babylonische Chroniken sind weitaus vertrauenswürdiger als assyrische Königsinschriften, weil die Babylonier durchaus auch mal eine Niederlage einräumen. Wenn jemand auch mal was sagt, was zum eigenen Gegenteil ist, dann ist das schon mal wahrscheinlicher, dass das wirklich so war, als wenn es immer nur im eigenen Sinne ist. Das wäre zum Beispiel ein ganz offensichtliches Beispiel.
[10:55] Dann muss man sich überlegen: Gibt es da Widersprüche mit anderen Dingen? Ist es eine offizielle Darstellung oder ist es nur so nebenbei berichtet? Es geht um was ganz anderes. Wenn es zum Beispiel darum geht, wann hat ein König regiert, und dann gibt es eine offizielle Darstellung, die sagt so und so, aber dann gibt es irgendwo einen Brief, wo jemand einfach einen Kaufvertrag macht und der datiert nach diesem König – der hat dann kein Interesse daran, eine bestimmte Sache zu verkünden, aber sein Datum ist wahrscheinlich sehr viel vertrauenswürdiger als die offizielle Darstellung. So alltägliche Dokumente sind oft dann gewichtiger als offizielle Darstellungen.
[11:36] Natürlich ist die Frage: Wie zeitgenössisch ist das? Am Ende ist es tatsächlich aber trotzdem immer eine Frage der Plausibilität. Das muss man ganz deutlich sagen. Von daher: Wie ich euch gesagt habe, ich kann euch wirklich nicht beweisen, dass 508 getauft worden ist. Ich kann nur sagen, die historischen Belege deuten in diese Richtung. Bei der Sache mit Symmachus finde ich es sogar fast noch eindeutiger, aber auch dort gibt es niemanden, der gesagt hat: "Heute ist das Jahr 508, heute ist das passiert." Und selbst wenn, müsste man das wieder auch hinterfragen.
[12:14] Genau. Also das ist etwas, was vielleicht, wenn wir jetzt von der Bibel herkommen, uns ein bisschen irritiert, weil wir sind es gewohnt – das ist manchmal auch meine Beobachtung –, dass wir als Adventgemeinde oft die Bibel zu lesen gewohnt sind. Wir lesen Ellen White und nehmen das erstmal auch so für bare Münze, was sehr gut ist und was ich richtig finde und auch so unterstütze. Und dann gehen wir aber manchmal zu menschlichen Quellen und behandeln die fast genauso. Wir bekommen ein YouTube-Video zugeschickt, wo irgendjemand etwas behauptet, sei es jetzt über die Kirche oder über die Politik, und wir lesen und hören uns das an, als ob das die Bibel wäre. "Der hat das ja gesagt." Aber mit menschlichen Quellen muss man anders umgehen als mit inspirierten. Das ist eine ganz wichtige Sache.
[13:02] Manchmal wird zu menschlich mit den inspirierten Quellen umgegangen, aber manchmal wird auch zu inspiriert mit den menschlichen Quellen umgegangen. Wenn ihr versteht, was ich meine. Genau. Und das ist natürlich auch interessant, weil man einfach auch so ein bisschen selbst denken muss. Ich glaube persönlich, dass es dabei auch ein bisschen darum geht, ein bisschen Menschenkenntnis zu haben. Ein berühmter Historiker, Theodor Mommsen, hat mal gesagt – mit meinen Worten wiedergegeben –, Historiker sind eigentlich weniger Wissenschaftler als mehr Künstler.
[13:37] Was er damit meinte, ist: Ein Künstler, der ein Poet zum Beispiel, ein Dichter, der versucht sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Der versucht, ihre Gefühle, Emotionen zu verstehen. Und das versuchen wir als Historiker auch. Wir versuchen zu verstehen, warum hat jemand das getan? Wir versuchen uns in die Situation hineinzuversetzen, aber wir können natürlich das Herz nicht erforschen. Wir wissen nicht, was Theoderich sich gedacht hat. Wir können nur anhand der Situation uns überlegen, wie wird es wohl gewesen sein. Das ist also keine physikalische Wissenschaft, aber trotzdem sehr spannend.
[14:12] Genau. Also das so als Hintergrund. Da war, glaube ich, noch eine Frage. Hattest du dich auch gemeldet?
[14:26] Ich habe wahrscheinlich den Faden verloren. Warum ist 508 so wichtig? Das ist meine Frage.
[14:37] Okay. Am besten ist wahrscheinlich, wenn du dir noch mal das Video von Mittwoch anschaust. Aber mein Argument war, dass 508 die Entscheidung von Theoderich offiziell wurde, dass man einen Papst nicht richten darf. Und diese Entscheidung, diese Idee, man darf einen Papst nicht richten, ist eine Entscheidung, die das gesamte Papsttum für Jahrhunderte geprägt hat. Und wie ich euch versucht habe zu zeigen, haben sich im Mittelalter noch – im hohen Mittelalter – die größten Päpste, die dann wirklich an der Spitze ihrer Macht waren, auf diesen Prozess mit Symmachus bezogen und haben gesagt: "Deswegen wissen wir, dass man einen Papst nicht richten darf. Er ist der oberste Richter."
[15:24] Ich habe mir vorgenommen, heute Abend werden wir uns ein bisschen versuchen, diese Themen, die wir jetzt geschichtlich durchgehen, dann an die Bibeltexte ranzubinden und zu gucken, was das jetzt im biblischen Prophezeiungskontext konkret aussagt. Aber unabhängig davon ist das Jahr 508 allein schon deswegen papstgeschichtlich von immenser Bedeutung. Plus: Wenn wir jetzt an die ganze Geschichte mit Chlodwig und den Franken denken, wenn er 508 getauft worden ist, dann bedeutet das, dass das Papsttum im Westen zum ersten Mal nach dem Untergang des weströmischen Reiches wieder eine politische Macht hinter sich hat. Das war ja umgeben von lauter arianischen Völkern, und jetzt mit der Taufe von Chlodwig gibt es ein Frankenreich, das katholisch ist und das jetzt so ein Rückgrat politisch-militärisch für das Papsttum bildet. Also diese beiden Ereignisse haben beide enorme Wirkkraft auf die nächsten Jahrhunderte gehabt. Hilft es ein bisschen? Ja, gut.
[16:24] Hat das mit 1290 Jahren zu tun?
[16:28] Ja, klar. Wir werden heute – also ich habe ja am Montag schon mal versucht zu zeigen, die 1290 Tage beginnen 508. Das werde ich heute Abend noch mal alles genau erklären. Ich glaube, das hilft uns, wenn wir erstmal so den geschichtlichen Hintergrund haben, um dann sozusagen, wenn wir alles so gesehen haben, den Bibeltext noch mal mit neuen Augen lesen können. Aber die 1290 Tage, die beginnen 508. Genau, das ist die Frage. Die beginnen ja 30 Jahre vor den 1260. Das wäre dann so der Punkt. Genau.
[16:56] Zu der Feststellung, dass eben die Welt den Papst nicht richten darf. Geht das okay? Das Verhältnis zwischen weltlichen Mächten und Papsttum war ja rechtlich zwar eindeutig, wie du das sagst, aber politisch doch sehr fragil. Nur zwei Beispiele, was ja heute sicher eine Rolle spielen wird: Der Papst Silverius wurde sehr wohl vom Feldherrn Belisar angeklagt des Hochverrats, obwohl er Rom übergeben hat, und dann auf eine Insel verbannt. Oder 963, ich glaube Johannes XII. war das, der wurde endlich, wie Symmachus, in vier Punkten vor einem Gericht, das der König Otto einberufen hat, verurteilt wegen kirchlicher Verfehlungen, wegen moralischer Verfehlungen. Drum ist es die Frage, wie man solche rechtlichen Dinge, die sich das Papsttum da selber gegeben hat, dann wirklich bewerten kann in dieser Zeit.
[18:20] Ja, pass auf. Erstmal ist es natürlich so, dass nichts von dem, was das Papsttum für sich in Anspruch genommen hat, jemals ausnahmslos durchgezogen werden konnte. Das gibt es halt überhaupt gar nicht. Wenn wir sagen, das Papsttum ist die weltbestimmende Macht im Mittelalter gewesen, wissen wir, dass ab Luther das schon anders aussah. Da gibt es also dann natürlich immer auch Rückschläge, auch für das Papsttum in allen Zeiten. Das ist ja total klar. Und wir wissen, dass auch dann im 11. Jahrhundert die Ostkirche sich abgespalten hat. Das heißt, zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft beim Papsttum immer eine Lücke. Immer.
[19:10] Und das wird auch am Ende so sein. Selbst in der letzten Endzeitverfolgung wird die Wirklichkeit am Ende nicht so aussehen, wie der Anspruch gewesen ist. Sie werden nicht aneinander haften, sie werden wieder auseinanderfallen. Also das ist ganz unbenommen. Und tatsächlich ist dieses Prinzip "Niemand darf den Papst richten" im Laufe der Geschichte auch manchmal gebrochen worden. Das ist also keine Frage. Entscheidend ist allerdings nicht: Gab es mal eine Ausnahme, ist es mal gebrochen worden, hat es dann Rückschläge gegeben? Sondern: Ist das erstmal grundsätzlich anerkannt worden?
[19:44] Es macht ja einen Unterschied, ob ich sage: "Wir sind ein demokratischer Staat", auch wenn es mal eine undemokratische Entscheidung gibt, oder ob ich gar nicht den Anspruch habe, überhaupt diese Demokratie zu haben. Und ich glaube, das ist ein ganz entscheidender Punkt, dass dieser Anspruch, nicht gerichtet werden zu dürfen, dann tatsächlich zunächst einmal umgesetzt worden ist, auch noch in ganz vielen Fällen tatsächlich auch so galt, auch wenn es Ausnahmen gibt. Und du hast richtig gesagt, das hat immer noch einen unterschiedlichen Aspekt zwischen innerkirchlich und dann bezüglich des Kaisers. Das ist natürlich ein sehr weites Feld, was die verschiedenen Staatsoberhäupter dann über den Papst betraf. Da werden wir heute noch ein bisschen drüber sprechen, weil das das Thema heute auch ist.
[20:36] Heißt aber auf Deutsch: Es gibt natürlich immer Abstriche bei der Wirklichkeit. Das ist mit allen Dingen so, oder? Babylon hat auch schwache Phasen gehabt, als es Weltreich war, und die Meder und Perser auch. Die Griechen auch, sogar die Römer, die waren Weltreich und waren trotzdem im dritten Jahrhundert kurz davor, zusammenzubrechen. Das ändert aber nichts daran, dass sie das Weltreich waren. Das ist also der Punkt.
[21:06] Ja, du brauchst nur Ja oder Nein sagen: Ich gehe davon aus, dass die Jahreszahl 508 + 1290 Tage zu 798 reicht, wo das Tier die tödliche Wunde erlitt.
[21:21] Ja, aber kommen wir heute zu. Da kommen wir heute Abend zu. Komm erst dazu. Gut. Danke. Alles klar. Super gut. Ihr denkt mit, das freut mich.
[21:31] Wir machen jetzt weiter. Wir nähern uns jetzt 538. Wir waren im Jahre 508 und werden jetzt im ersten Teil so ein bisschen die nächsten Jahre so wieder ein bisschen mehr aus der Vogelperspektive überbrücken, gucken, was alles los war, wie sich das so entwickelt in Rom und in der Welt, und werden im zweiten Teil uns dann die Jahre um 538 genauer anschauen, um das dann besser zu verstehen. Wir werden vielleicht einen Teil auch heute Abend dann noch machen und heute Abend dann auch den ganzen Sack zubinden, auch mit der biblischen Prophetie.
[22:02] So, also: Wir haben uns erinnert, es ging um den Papst Symmachus und die Frage: Kann ein Papst gerichtet werden? Wir haben gesehen, dass diese Entscheidung von Theoderich ein Präzedenzfall ist. Das ist eine ganz neue Theorie gewesen von Gelasius, und Theoderichs Entscheidung bewirkt, dass das quasi sich ins kollektive Bewusstsein des Abendlandes, überhaupt des ehemaligen römischen Reiches, einprägt: "Prima sedes a nemine iudicatur" – den ersten Sitz, den Bischofssitz von Rom, darf niemand richten. Dass das dann doch mal ab und zu passiert ist im Laufe der Jahrhunderte, steht auf einem anderen Blatt. Aber das ist so diese ganz tiefe Idee, die dazu geführt hat, dass das Papsttum überhaupt diese Macht im Mittelalter entfalten konnte.
[22:53] Wenn wir uns die Frage stellen: Wann oder was ist jetzt eigentlich das Charakteristikum, um die 1260 Jahre beginnen zu lassen? Also, wann genau beginnen die 1260 Jahre nach dem Bibeltext? Dann kann man in Bibelstunden, in Evangelisationen verschiedene Punkte lesen oder hören. Manchmal wird gesagt: "Na ja, wenn dann der Sonntag eingeführt wird, dann beginnen die 1260 Jahre." Aber das geht aus dem Text nicht richtig hervor. Manche denken, wenn halt das dritte Horn ausgerissen ist, ja, aber wie euch der Heinz schon gesagt hat, die Ostgoten sind nicht genau 538 ausgerissen worden. Man kann argumentieren, das war eine wichtige Schlacht, aber da werden wir heute noch zu kommen.
[23:42] Ich möchte euch darauf hinweisen, dass in dem ersten Text, in dem die 1260 Jahre angesprochen werden, der dann in Daniel 12 und in der Offenbarung immer wieder aufgegriffen wird, dass dort das Kennzeichen für den Beginn darin besteht, dass sie in seine Gewalt gegeben werden. "Und sie werden in seine Gewalt gegeben für eine Zeit, zwei Zeiten und eine halbe Zeit." Wer sind "sie"? Hat jemand einen Vorschlag? Wer sind die "sie"?
[24:22] Die Heiligen des Höchsten. Und sie werden in seine Gewalt gegeben, das heißt in die Hand des kleinen Horns. Das heißt, vom Bibeltext her gesprochen beginnen die 1260 Jahre, wenn die Christenheit als Ganzes in die Hand des kleinen Horns gegeben wird. Das ist also die Idee: Wenn sie in seiner Hand sind, wenn er sie alle in seiner Hand hat. Und natürlich – und das wieder auf die Frage gerade, lieber Bruder – wir wissen, dass nicht alle Christen die ganzen 1260 Jahre in der Hand des Papstes waren. Wir wissen, es gab Christen in Indien, von denen hatte der Papst nie was gehört, oder in Äthiopien. Das ist also eine generelle Aussage, die natürlich auch ihre Ausnahmen hat. Es gibt immer eine Ausnahme, aber für die generelle Kirchengeschichte ist das die grundsätzliche Annahme hier, die wir aus der Bibel ableiten können. Der Antichrist hat sozusagen die Christen in seiner Hand. Sie werden in seine Gewalt gegeben für eine Zeit, zwei Zeiten und eine halbe Zeit.
[25:41] Nun, ihr erinnert euch: Unter Symmachus war das Papsttum zu einer Höhe aufgestiegen, so gedanklich, aber hatte keinerlei Möglichkeiten, das umzusetzen, weil es im Westen nur diese arianischen Königreiche gab und im Osten mit dem Osten Streit gab und Kirchenspaltung. Wir haben jetzt gesehen, wie in den Jahren um 508 im Westen durch die Taufe von Chlodwig es jetzt plötzlich Verbündete gab, militärische Macht, da wuchs jetzt etwas. Die Frage, die wir uns heute stellen wollen, ist: Wie sah es zwischen dem Papst und dem Osten aus?
[26:24] Als Symmachus regierte, gibt es noch keinerlei Bewegung in diesem Streit. Wisst ihr immer noch, wie diese Kirchenspaltung mit dem Osten hieß? Kann sich jemand erinnern? Sie hieß das Akakianische Schisma. Genau. Und das war ein ganz besonderes Schisma – nicht das Laurenzianische, das war das in Rom, sondern das zwischen Rom und Konstantinopel. Ich habe euch gesagt: Merkt euch das, weil das kommt wieder. Und auch wenn ihr denkt: "Meine Güte, so ein komischer Begriff in der Kirchengeschichte, wer soll das brauchen?", für die Frage mit 538 ist das wichtig. Kann ich ja auch nichts für. Akakianisches Schisma.
[27:09] Zur Zeit von Symmachus erreicht der Kontakt zwischen dem Papst und dem oströmischen Kaiser einen Tiefpunkt. Es gibt dort nur ein Schreiben vom Papst mit heftigen Vorwürfen, und der Symmachus verteidigt die These von Gelasius und betont, dass der Papst über dem Kaiser steht, und hat aber keinerlei Wunsch, irgendwie ihm die Hand zu reichen oder sonst etwas. Der Historiker hat in seinem Buch über Anastasius geschrieben, dass diese Worte von Symmachus mit zum Schärfsten gehören, was ein Papst und ein oströmischer Kaiser sich überhaupt jemals vorgehalten haben. Also das ist so, man kann kaum einen größeren Konflikt haben als zu dieser Zeit.
[27:59] Nun, Symmachus stirbt 514, und wir haben ein paar interessante Ereignisse jetzt in den nächsten Jahren. Zunächst einmal werden auch die Burgunder katholisch. Ihr wisst, neben den Franken gab es dieses andere Königreich im heutigen Südostfrankreich, die Burgunder, und auch die werden katholisch. Und das heißt: Nicht nur das große Frankenreich, sondern auch ganz Burgund ist jetzt katholisch. Der Papst hat mittlerweile eine ziemlich starke Hausmacht, so politisch-militärisch im Westen.
[28:35] Da fehlt eine Folie. Na egal, habe ich eine vergessen einzuführen. 508 kommt es... Lass mich ganz kurz schauen, vielleicht habe ich die hier klein. Ich habe sie tatsächlich vergessen. Okay. Das tut mir leid. Ich muss nämlich euch sagen, es gibt nämlich jetzt einen neuen Papst, den habe ich jetzt einfach aus irgendwelchen Gründen wieder rausgekopiert.
[29:00] Der Papst nach Symmachus – ich erkläre es euch so – der Papst nach Symmachus heißt Hormisdas, und Hormisdas geht in die Kirchengeschichte ein als der Friedensbringer. Er möchte tatsächlich dieses Akakianische Schisma lösen. Er möchte das aufheben. Und er schreibt einen Brief an den Bischof von Konstantinopel und sagt: "Pass mal auf, das ist unser Glaubensbekenntnis, könntest du damit übereinstimmen?" Und der beantwortet das nicht.
[29:28] Es vergehen ein paar Jahre und dann kommt es zu einer weltgeschichtlich bedeutsamen Veränderung in Ostrom. Die Dynastie, die sogenannte Thrakerdynastie dort, endet. Anastasius stirbt, hat keinen Nachfolger, hat keinen Sohn, hat niemanden designiert. Und ein völlig neuer Mann kommt auf den Königsthron oder Kaiserthron in Konstantinopel. Sein Name ist Justin. Er ist ein ganz einfacher Mann, eigentlich so ein Militärmann aus einfachsten Verhältnissen. Der stammt aus Illyricum, wo Latein gesprochen wird, hat also so einen lateinischen Drall sozusagen, Richtung Westen. Sein Griechisch ist sogar sehr schlecht; die Leute scherzen später, wenn er ein Gesetz unterschreiben wollte, dann brauchte er so eine Schablone, damit er seinen Namen auf Griechisch schreiben konnte. Also war so ein richtiger Haudegen, so ein Soldat.
[30:24] Und er ist anders als all die anderen Kaiser vor ihm jetzt eindeutig für Chalkedon, das heißt für die theologische Position des Papstes. Und damit leitet er plötzlich eine kirchenpolitische Wende ein. Weil wenn der Kaiser sagt: "Wir wollen wieder mit Rom zusammen sein", dann hat der Bischof in Konstantinopel nicht mehr so viel Handlungsspielraum. Und so kommt 519 das Akakianische Schisma zu einem Ende. Es kommt zu einer Einigung, und zwar ganz im Sinne Roms. Alles, was Rom wollte, wird beachtet. Und der Justin, der setzt den neuen Bischof von Konstantinopel, den Johannes II. Kappadokes, unter Druck. Und jemand, der im Hintergrund schon die Fäden zieht, das ist ein Berater von Justin, der auch verwandt mit ihm ist, der heißt Justinian – nicht verwechseln: Justin und Justinian. Und den werden wir gleich auch noch mehr kennenlernen. Der ist besonders stark daran interessiert, dass der Kaiser wieder mit Rom, mit dem Papsttum zusammenarbeitet.
[31:31] Also 519 endet dieses Schisma. Man könnte also denken, nach Jahrzehnten der Auseinandersetzung wird jetzt aus Sicht Roms alles gut, da kommt schon gleich die nächste Schwierigkeit um die Ecke. Und ihr seht schon: Wenn man Kirchengeschichte studiert, dann wird man wirklich zugeballert mit komischen Begriffen. Die theopaschitische Formel – unglaublich, oder? Klingt wie Chemie, ist aber tatsächlich etwas hochtheologisches. Jetzt kommen Mönche auf die Idee im Osten: Man hat Jesus am Kreuz gelitten als Gott. Also, dass er als Mensch gelitten hat, ist vollkommen ohne Frage, aber als er dort – er war ja gleichzeitig Gott – hat er auch in seiner Göttlichkeit gelitten? Also solche Fragen, darüber kann man sich natürlich unfassbar streiten.
[32:23] Da könnt ihr sehen, wie da immer Parteien entstehen. Und die Theopaschiten sagen: "Ja, er hat auch als Gott gelitten", und da gibt es dann diesen berühmten Begriff "Unus de Trinitate passus est" – einer aus der Dreieinigkeit, die zweite Person der Gottheit, hat gelitten. Und Justin und Justinian sehen sich das an und sagen: "Hey, das wäre doch eine gute Möglichkeit, vielleicht die Chalkedon-Anhänger und die Monophysiten zusammenzubringen." Noch mal zur Erinnerung: Chalkedon sagt, Jesus ist Gott und Mensch, beides gleichzeitig, unvermischt, unzertrennt, er ist beides. Und die Monophysiten sagen: "Na, er ist vor allem eigentlich Gott." Und jetzt denken sich Justin und Justinian: "Na ja, wenn wir also sagen, er hat am Kreuz als Gott gelitten, dann können die Chalkedon-Leute sagen: 'Er war Gott und Mensch', aber die Monophysiten haben trotzdem ihre Betonung der Göttlichkeit. Vielleicht wäre das ein guter Kompromiss."
[33:22] Aber natürlich Rom lehnt das ab, sagt: "Nein." Dahinter steckt die Idee – ich weiß nicht, ob ihr das wisst –, dass man in der Antike geglaubt hat und auch bis heute in der Theologie in vielen Kirchen, dass Gott selbst nicht leiden kann. Das hat damit zu tun, dass die Griechen diese Idee der Göttlichkeit hatten, dass Gott quasi unbewegt ist. Also Gott kann durch nichts beeinflusst werden, schon gar nicht leiden. Und dann haben dann die christlichen Theologen dieses griechische Konzept übernommen und gesagt: "Gott, dem kann man nichts antun. Der kann nicht bewegt werden. Der ist unbeweglich sozusagen, unbewegbar. Der kann sich durch nichts aus der Fassung bringen lassen. Der kann nicht leiden. Leiden kann nur der Mensch Jesus sozusagen." Und deswegen lehnt Rom das dann wieder ab. Und das bedeutet, dass nach nur zwei Jahren, das Jahr 521, das Verhältnis sich schon wieder abkühlt und jahrelang es gar keinen Briefverkehr gibt. Also das ist eine ganz diffizile Sache.
[34:21] Nun, Hormisdas, der diesen Frieden erstmal herbeigebracht hat, der stirbt dann, und dann kommt der nächste Papst. Sein Name ist Johannes I. Er ist schon sehr alt und gebrechlich, als er gewählt wird. Und mittlerweile verschärft sich die politische Lage im Ostgotenreich, weil nämlich das Papsttum ja jetzt eine offizielle Einigung mit Konstantinopel hat, sind die Ostgoten ein bisschen, wie soll ich sagen, auf Hab-Acht-Stellung. Der Papst im eigenen Land, der hat da Kontakt zum oströmischen Reich, und man will die so ein bisschen einhegen.
[35:05] Und Justin und Justinian sind sehr theologisch unterwegs, und die verfassen ein Antiarianer-Dekret für das Ostreich. Die Arianer sollen verfolgt werden. Und da die Ostgoten Arianer sind, finden die das gar nicht lustig und sagen: "Hey, was machen die da im Osten?" Und jetzt kommt die kuriose Situation, dass der König Theoderich den Papst Johannes nach Konstantinopel schickt und sagt, er soll mal dort bei seinen Freunden vorsprechen und dafür sorgen, dass dieses Antiarianer-Dekret wieder aufgehoben wird. Jetzt haben wir also die kuriose Situation, dass ein katholischer Papst im Auftrag eines arianischen Königs bei den katholischen Kaisern für die Arianer vorsprechen soll. Das ist wirklich sehr kurios.
[36:00] Und er ist der allererste Papst, der Rom so jetzt längere Zeit verlässt, der eine Reise unternimmt. Heute reisen die Päpste in der ganzen Welt herum, die sind ja überall, aber das ist ganz ungewöhnlich. Er reist nach Konstantinopel, der erste Papst, der dort überhaupt ist. Übrigens, es ist nur so eine Fußnote hier: Ihr wisst vielleicht, dass in diesen Jahren ein Mönch namens Dionysius Exiguus auf die Idee kommt: "Warum berechnen wir die Jahreszahlen immer noch nach heidnischen Methoden? Warum berechnen wir sie nicht nach Jesu Geburt?" Und er sagt im Jahre 525 – was wir heute 525 nennen –, das ist das Jahr 525 nach der Geburt Jesu, also vor Christus, nach Christus. Das wird quasi in diesem Jahr erfunden. Allerdings hat er sich um mindestens vier Jahre verrechnet. Wusstet ihr das? Die Rechnung stimmt nicht. Jesus ist spätestens 4 vor Christus geboren. Wusstet ihr das? Weil Herodes ist 4 vor Christus gestorben, und der Dionysius Exiguus hat sich leider ein bisschen verrechnet, und deswegen stimmt die ganze Rechnung nicht. Aber egal, das hat man später im Mittelalter auch bemerkt, hat aber gedacht: "Na ja, jetzt haben wir das so, ist ja auch egal." Und es hat sich dann im Laufe des Frühmittelalters durchgesetzt, im Lauf der Jahrhunderte, und heute ist das so die gängige Zeitrechnung.
[37:23] Papst Johannes kommt nach Konstantinopel. Er hat wahrscheinlich eigentlich keine große Lust, im Auftrag des arianischen Königs Theoderich jetzt für die Arianer Fürbitte einzulegen, aber er wird dort in Konstantinopel mit ganz großen Ehren empfangen, weil ja Justin und sein Berater Justinian so romfreundlich eigentlich sind. Das geht so weit, dass nach dem Gottesdienst – im Gottesdienst sitzt der Kaiser immer ohne Krone, und nach dem Gottesdienst wird ihm die Krone wieder aufgesetzt. Das macht eigentlich immer der Bischof von Konstantinopel, aber Justin setzt durch, dass das der Papst machen darf. Der Papst darf ihn krönen, weil der Papst jetzt da ist. Und auch in der Sache der Arianer zeigen sich Justin und Justinian gesprächsbereit und sagen: "Okay, alles klar, wir gucken mal, ob wir das irgendwie ändern können."
[38:11] Johannes denkt: "Ja, super, tolle Reise. Bin da großartig empfangen worden." Übrigens sogar der Papst ist der einzige Mensch, vor dem der Kaiser fußfällig die sogenannte Proskynese vollzieht, also der fällt vor ihm nieder. Der Kaiser fällt vor dem Papst nieder. Der einzige Mensch, vor dem er das tut. Johannes ist ganz begeistert, kehrt zurück, kommt nach Italien. In Ravenna wird er plötzlich, ohne dass er weiß warum, festgesetzt, wird gefangen genommen, weil Theoderich, der auf seine alten Tage ziemlich misstrauisch geworden ist – also der alte Theoderich lässt einige Leute denn umbringen, Verschwörung bezichtigen, der wird richtig, wie soll man sagen, alterseifersüchtig. Und er wirft ihm vor, der Papst habe sich mit Ostrom verschworen und würde gegen die Ostgoten vorgehen, und Johannes stirbt in der Haft bei Theoderich.
[39:05] Das ist die Welt um 526. Das ist jetzt spanisch, aber trotzdem uns das anschauen. Hier ist das oströmische Reich, ja, so wie immer. Hier haben wir die Ostgoten als großes Land. Hier die Vandalen immer noch, dann die Westgoten und hier die Franken und die Burgunder. Das sind die beiden katholischen Länder jetzt schon. Hier haben wir die Angelsachsen, da gibt es so kleinere Königreiche und ein Oberkönig immer. Und hier haben wir die Sueben. Das ist so die Lage jetzt 526.
[39:37] Der neue Papst, der gewählt wird, heißt Felix IV. Theoderich hat ihn vorgeschlagen, weil Theoderich jetzt merkt: "Okay, die Päpste, die sind jetzt wieder gut mit Konstantinopel. Ich bin nicht gut mit Konstantinopel. Ich muss jetzt ein bisschen drauf achten, wer hier bei mir Papst ist in Rom." Und so wird jemand gewählt, der absolut nichts gegen die Ostgoten sagt, sehr ostgotenfreundlich ist, und jetzt beginnt eine Phase in der Papstgeschichte, wo die Päpste im Wesentlichen so fast wie Marionetten sind in der Hand der Ostgoten. Und der regiert vier Jahre und denkt dann: "Na ja, wäre doch gut, wenn ich gleich einen Nachfolger bestimme, nehme ich den Bonifatius." Das wird aber vom Senat nicht zugelassen.
[40:19] 526 stirbt Theoderich nach vielen Jahren und sein Enkel Athalarich wird König, ist aber erst 10 Jahre alt. Also, ich weiß nicht, ob ihr mit 10 Jahren euch in der Lage sehen würdet, ein Königreich zu regieren. Und die Ostgoten wissen natürlich, das geht nicht. Seine Mama, seine Mutter, die Amalasuntha – je nach Aussprachetradition –, wird die eigentliche Regentin. Und es gibt einen riesen Stress, wie man dieses Kind jetzt ausbildet. Soll er eine typisch gotische Ausbildung bekommen, ja, mit Kämpfen und Schießen und Reiten, oder soll er mehr eine römische Ausbildung bekommen mit Grammatik und Philosophie und so weiter? Ja, das gibt's großen Konflikt. Auf jeden Fall ist er so ein richtiger Troublemaker, ein richtiger Teenager, der so über die Stränge schlägt, trinkt Alkohol wie nichts Gutes und führt ein ausschweifendes Leben und stirbt mit 18 Jahren, bevor er richtig König geworden ist. Ja, also das Ostgotenreich – das ist jetzt wichtig für unser Thema – versinkt so ein bisschen im Chaos. Der Athalarich ist da nicht so richtig fähig.
[41:32] Im nächsten Jahr stirbt dann der Justin, der Justinian – Verzeihung, der Justin – und sein Verwandter, sein ehemaliger Berater, den er schon zum Caesar nachgezogen hatte, der Justinian wird Kaiser. Und das ist ein richtiges Schwergewicht, also nicht wegen seinem Körpergewicht, sondern wegen seiner politischen Bedeutung. Justinian ist wahrscheinlich einer der wichtigsten römischen Kaiser in der gesamten Geschichte. Ja, also auf einer Stufe mit Augustus und Konstantin dem Großen, der letzte große antike römische Kaiser überhaupt. Der hat dann – vielleicht wisst ihr das – er hat all die römischen Gesetze gesammelt, die es gab, und hat diesen riesigen Codex Justinianus rausgegeben. Und dann hat er nicht nur die Gesetze gesammelt, er hat noch alle möglichen Auslegungen von Gesetzen gesammelt, wie man die Gesetze jetzt verstehen soll – das sind die Pandekten oder die Digesten. Das ist bis heute letztlich die Grundlage der Ausbildung im Jura. Also die haben das quasi über Jahrhunderte hinweg auch geltendes Recht hier in Deutschland gewesen, das justinianische Recht in gewisser Weise.
[42:40] Also der ist ganz bedeutend, und vor allem auch deswegen, weil er es noch einmal schafft, bedeutende Teile – da kommen wir gleich zu – des ehemaligen weströmischen Reiches zurückzuerobern. Er ist verheiratet mit einer sehr illustren Frau, der Theodora. Also, wenn es damals schon die Bild-Zeitung gegeben hätte, dann hätte die jeden zweiten Tag die Theodora auf der Titelseite gehabt. Das könnt ihr... also da gibt es Quellen über die, die würde ich hier nicht zeigen, weil das erstens in diese heiligen Hallen nicht passt und zweitens, also das ist wirklich unterste Schublade, was über die berichtet wird und wie die sich zum Teil gegeben hat und gemacht hat. Also wirklich Stoff für allerschlimmste Hollywood-Filme.
[43:24] Justinian ist trotzdem, obwohl er sehr grausam ist natürlich wie alle Herrscher und sehr machtgierig, auch sehr religiös, und gegen Ende seiner Kaiserschaft wird der regelrecht fanatisch. Ja, also der hat so richtig das Gefühl, dass er berufen ist, das Christentum in die richtige Richtung zu lenken. Das Kaisertum wird extrem sakralisiert. Ja, der heilige Kaiser. Das nimmt nachher Formen an, die dann wirklich ins Mittelalter weisen. Und zu seiner Zeit gibt es dann auch die berühmte Justinianische Pest, aber dazu gleich mehr.
[43:56] Wir sind jetzt in den Jahren, in denen wirklich die Antike endet. Zum Beispiel lässt Justinian die letzte philosophische Ausbildungsstätte in Athen, die Akademie, schließen. Die hatte ja fast 1000 Jahre lang bestanden. Platon hatte die gegründet. Seit Jahrhunderten sind dort Philosophen ausgebildet worden, und jetzt werden all die letzten Philosophen, die es noch gibt, ausgewiesen. Die reisen dann nach Persien, kommen bei den Persern unter. Justinian möchte alles, was nicht römisch-katholisch ist, letztlich aus seinem Reich verbannen.
[44:32] Es ist die Zeit, in der das Mittelalter beginnt. Im selben Jahr wird das erste abendländische Kloster gegründet in Monte Cassino, Benedikt von Nursia. Vielleicht kennt ihr die Benediktiner. Das ist so, da gibt sich jetzt quasi Mittelalter und Antike die Hand sozusagen. Das ist so eine neue... man merkt so richtig, wie in diesen Jahren eine neue Zeitepoche beginnt. In Rom dagegen gibt es schon wieder Probleme, weil 530 es noch mal zu einer Doppelwahl kommt, zwei Päpste gleichzeitig. Die Mehrheit wählt einen gewissen Dioskur, der kommt ursprünglich aus Ostrom, der kann sehr gut Griechisch, hat beste Kontakte nach Konstantinopel. Er hatte als Chefdiplomat die Beilegung des Akakianischen Schismas verhandelt. Also der kennt sich extrem gut aus. Das ist sozusagen der Kandidat, der jetzt für die Weiterführung dieser Einigung steht. Es gibt aber eine kleine Minderheit, die ist dagegen, und die wählt einen Goten, den ersten germanischen Papst, Bonifatius II., weil der Vorgänger den vorgeschlagen hatte.
[45:38] Und jetzt hat man zwei Päpste, aber diesmal kein Problem, weil Dioskur nach wenigen Monaten stirbt. Eigentlich müsste Dioskur der wahre Papst sein, aber er gilt heute als Gegenpapst, weil Bonifatius später sagt, er ist ein Gegenpapst gewesen, und so könnt ihr heute lesen, er war ein Gegenpapst. Aber Bonifatius wird jetzt der erste germanische Papst, und auch er versucht dann wieder einen Nachfolger zu designieren. Also es ist so eine Zeit, wo die Päpste versuchen, den Nachfolger schon festzulegen, damit es gar nicht erst zu Schwierigkeiten kommt. Aber auch das scheitert wieder. Er will einen gewissen Vigilius, einen Diakon, zum Nachfolger machen. Vielleicht muss ich ganz kurz dazu etwas erklären. Ganz oft werden Diakone Päpste. Es hat nicht damit zu tun, dass man in Rom so eine Liebe zur Nächstenliebe hat, sondern es hat etwas mit der Kirchenstruktur in Rom zu tun. Ihr wisst ja, es gibt den einen Bischof über die ganze Stadt, und dann gibt es so viele Presbyter und Akolythen, verschiedene Ämter. Und es gibt auch ganz viele Diakone normalerweise.
[46:45] Nur in einer Stadt ist die Anzahl der Diakone beschränkt auf sieben, nämlich in Rom. Wieso kommen die auf die Idee, es darf nur sieben Diakone geben? Apostelgeschichte. Das ist so ganz typisch römisch. In der Apostelgeschichte steht, es gab sieben Diakone, deswegen darf es auch in Rom sieben Diakone geben. Und wenn man jetzt aber 30, 35 Priester hat oder vielleicht sogar 50, aber nur sieben Diakone, dann sind plötzlich die Diakone oft mächtiger als die Priester und als die Presbyter. Und es gibt in diesen Jahren, so im 6. Jahrhundert, gibt es immer sieben Diakone, und die haben eine enorme Macht in Rom, weil es nur sieben sind und die sich oft absprechen. Und deswegen werdet ihr sehen, wenn ihr die Kirchengeschichte studiert, dass viele Päpste in der Zeit immer Diakone gewesen sind. Das hat damit zu tun. Genau.
[47:39] Also Vigilius wird aber nicht gewählt, weil man sagt: "Hey, mit einem Nachfolger vorschlagen, das ist gegen das Kirchenrecht." Und so kommt es zur Wahl von diesem Mann hier, der heißt eigentlich Merkurius, aber Merkurius ist ein heidnischer Name, und der sagt sich: "Na ja, als Papst einen heidnischen Namen tragen ist auch nicht so schön." So ändert er seinen Namen von Merkurius in Johannes. Er ist der erste Papst, der seinen Namen ändert. Heute ist das gang und gäbe, oder? Da kommt jemand daher, wird Papst gewählt und dann ändert er seinen Namen. Und die Frage ist nur: Wie wird er sich nennen? Das war am Anfang, ja, die ersten Jahrhunderte überhaupt nicht der Fall. Er ist der erste, der damit anfängt, einen Namen sich zu geben.
[48:24] So, jetzt schauen wir uns die Weltlage noch mal an. Wir haben hier das oströmische Reich. Hier unten in Ägypten, da sind die Monophysiten, zum Teil auch in Syrien. Deswegen hat das Konstantinopel immer das Ziel, hier irgendwie die einzubinden. Hier sind die Perser ganz gefährlich im Osten, die letztendlich auch dafür sorgen, dass Ostrom auch so geschwächt wird. Hier haben wir die Ostgoten und hier die Vandalen. Und diese beiden Länder, ja, von den Vandalen und den Ostgoten, das ist jetzt das, was Justinian zurückerobert. Und das hat natürlich, wie die Geschichte jetzt mit Rom, eine große Rolle. Das große Narrativ ist: Justinian, der letzte antike römische Kaiser, hat noch einmal diesen Wunsch, hat noch einmal diese Initiative, den ganzen Westen noch mal zurückzuerobern. Und es gelingt ihm teilweise, aber letztlich nicht auf Dauer. Er erobert dann die Vandalen, und die Ostgoten werden vertrieben. Und dann haben wir hier die Franken und hier die Westgoten und hier die Sueben und so weiter.
[49:35] Als Athalarich stirbt, dieser Trunkenbold von Jugendlicher, dann bleibt die Amalasuntha als Regentin übrig, aber sie denkt sich: "Na, ich bin eine Frau im Ostgotenreich als einzige Regentin, vielleicht gar nicht so gut." Sie nimmt einen entfernten Verwandten, den Theodahad, mit in die Regierungsverantwortung, und der lässt sie aber schnell einkerkern und schließlich beseitigen und wird dann einziger König über die Ostgoten. Und dieser Theodahad ist ziemlich unfähig. Also das Ostgotenreich ist extrem geschwächt. Das warnt man noch gar nicht so sehr in Ostrom, aber das ist wirklich... die haben Pech mit den Regenten.
[50:18] Im Jahre 533 erlässt jetzt Justinian eines seiner wichtigsten Dekrete für unsere Geschichte hier, und zwar das ist 533. Er sagt hier in einem Dekret, das dann auch in den Codex Justinianus, also diese Gesetzessammlung, aufgenommen worden ist... Übrigens, wenn man noch so ein Gefühl dafür bekommen möchte, wie stark das Ganze jetzt so religiös aufgeladen ist: Ungefähr 100 Jahre vorher, knapp 100 Jahre vorher, hat ein anderer römischer Kaiser, der Theodosius I., auch eine Gesetzessammlung schon mal gemacht, und er hat dort alle religiösen Gesetze, die es gab, ganz ans Ende getan, ans Buch. Ja, also erstmal alles die Steuern und das Eherecht und alles, was so an normalen Gesetzen gibt, und dann die religiösen Gesetze ganz am Ende, so quasi als Anhang. Bei Justinian sind die religiösen Gesetze ganz am Anfang. Das Gesetzbuch beginnt mit einem Glaubensbekenntnis.
[51:18] Ja, also da sieht man, wie stark sozusagen der Glaube jetzt für Justinian und seine Leute geworden ist. Und eines dieser ersten Gesetze hier, das wir dort findet, heißt: "Idoneis sacerdotes universalis tractus et vincere et unire nostra sanctitas probamus." Und deshalb haben wir uns beeilt, alle Priester des gesamten Ostens dem Stuhl eurer Heiligkeit zu unterwerfen und zu vereinen. Justinian ist der erste, der jetzt 533 sagt: "Alle Kirchen, alle im Osten müssen sich dem Papst unterwerfen und sich dabei vereinen, damit sie sich unter dem Papst unterwerfen." An anderer Stelle sagt er hier Paragraph 11: "Quae caput est omnium sanctarum ecclesiarum" – weil er das Oberhaupt aller heiligen Kirchen ist. Das hatte bisher noch nie ein Kaiser gesagt. Das hatten zwar die Päpste immer behauptet, ja, könnt euch erinnern, schon seit geraumer Zeit. Aber zum ersten Mal wird jetzt die Frage, wie steht der Papst zu allen Kirchen im Osten, vom Kaiser so beantwortet: Er ist das Haupt über alle. 533.
[52:41] Ja, gut. Der Justinian schreibt das nicht nur als Gesetz, er schreibt auch einen Brief an den Bischof von Konstantinopel. Und erinnert euch, der Bischof von Konstantinopel ist der Hauptrivale mit Rom, weil der immer sich an die zweite Stelle gestellt hat und man gesagt hat: "Na ja, Konstantinopel ist genauso Hauptstadt wie Rom, deswegen ist das ja das Gleiche." Justinian schreibt also explizit auch an den Epiphanius, den Bischof von Konstantinopel, und sagt: "Rom ist das Haupt aller Kirchen." Er sagt es also auch seinem eigenen Bischof vor Ort: "Du musst dich Rom unterwerfen."
[53:22] Das alles 533. Jetzt man hat lange darüber gerätselt, warum tut Justinian 533 jetzt das so klar festlegen? Und in der älteren Forschung hat man gesagt: "Na ja, ist ja logisch, der Justinian plant den Westen zurückzuerobern." Okay, der plant Italien zurück ins Reich zu holen und der plant Nordafrika wieder zurückzuerobern. Der will die Westgoten, die Ostgoten vertreiben. Der will die Vandalen rausreißen. Und weil der das erobern will, sucht er einen Verbündeten. Und deswegen will er sich mit dem Papst verbünden. Er will den Papst an die erste Stelle setzen, damit der Papst ihm wohlgesonnen ist und ihn dann vielleicht bei der Eroberung von Italien unterstützt. Ja, das war die Überlegung. Habe ich früher auch mal so gedacht und auch gesagt, aber die neuere Forschung zeigt, dass vermutlich Justinian gar nicht so weitreichende Pläne hatte. Es sieht so aus, dass er beim Vandalenfeldzug, den wir gleich kennenlernen, erst überhaupt auf die Idee gekommen ist: "Hey, Moment mal, man könnte ja sogar Italien erobern." Gucken wir uns gleich an.
[54:28] Und wenn dem so ist, dann ist Justinians Anerkennung des römischen Primats 533 gar nicht so einfach nur eine politische Sache, sondern tatsächlich theologisch-dogmatisch. Dann hat er das getan, obwohl er noch gar nicht vorhatte, Italien zu erobern, einfach nur der inhaltlichen dogmatischen Sache wegen: Der Papst muss das Oberhaupt der Kirchen sein. Und das wäre ein Hinweis darauf, dass diese Entscheidung jetzt nicht einfach nur so: "Na ja, das passt gerade politisch", sondern der Justinian ist davon überzeugt und trifft eine Grundsatzentscheidung: Der Papst soll über allen Kirchen stehen.
[55:09] Justinian schreibt das alles an den Papst. Der Papst liest das, interessant. Ja, hört sich die Glaubensbekenntnisse vom Justinian an, sichert sich erst noch mal theologisch ab, will auch keinen Fehler machen, dass er jetzt irgendwas hier übersehen hat, was eine Falle sein könnte. Und dann antwortet er im nächsten Jahr 534 zustimmend und sagt: "Okay, das freut uns ja, dass du genauso denkst wie wir, dass du genauso glaubst, dass du uns zum Haupt machst und so weiter." Und für Justinian ist dieser Briefwechsel mit dem Papst so wichtig, dass er diesen Briefwechsel auch in seine Gesetzessammlung aufnimmt. Also da gibt es dann nicht nur seine Gesetze, man kann neben den Gesetzen auch den Briefwechsel mit dem Papst lesen, weil Justinian sagt: "Schaut her, das ist jetzt die Bestätigung für meine Gesetze."
[55:59] Dann geht's los. 533 schon gibt es... es gibt im Vandalenreich ist genauso schwach momentan wie die Ostgoten. Da gibt es verschiedene Parteiungen und Streit. Einige wollen ein bisschen mit Ostrom verhandeln, andere wollen das nicht. Da gibt es dann Bürgerkrieg, und Justin denkt sich: "Na ja, wenn die Vandalen sich streiten, dann greifen wir mal ein. Vielleicht können wir da ein bisschen mitmischen." Ja, und er sendet seinen General, den Belisar. Und während Belisar in Nordafrika so ein bisschen kämpft, merkt er: "Wow, die Vandalen, die sind echt geschwächt. Vielleicht kann ich das Vandalenreich komplett erobern." Und er fängt das an und erobert... Also mein Professor hat mal gesagt, die sind da quasi zur Eroberung gestolpert. Die haben das gar nicht damit gerechnet. Sie haben gedacht, sie helfen nur ein bisschen einer Partei und merken plötzlich, sie können das ganze Ding nehmen. Ja, so wenn man plötzlich realisiert, man kann viel mehr erreichen, als man eigentlich gedacht hat. Und so erobern sie 534 das Vandalenreich komplett, und wie wir glauben aus der Prophetie, reißen das Vandalenreich raus als zweites Horn.
[57:03] Und jetzt sitzt man in Nordafrika, und Justinian mit seiner... natürlich nicht selbst, der sitzt in Konstantinopel, aber seine Armee hat jetzt ganz Nordafrika wieder in der Hand. Seit fast... ja, seit über 100 Jahren ist Nordafrika wieder römisch. Jetzt ist man total begeistert. Wow, was ist... was geht denn da noch? Ja, und vor Nordafrika ist es nur ein Katzensprung bis nach Italien. Das ist der Grund jetzt, warum die neue Forschung sagt: Jetzt kommt der Justinian auf die Idee: "Mensch, hey, ich habe gehört, da in... bei den Ostgoten läuft's auch gerade nicht so rosig. Vielleicht können wir die Ostgoten ja noch gleich miterledigen. Ja, vielleicht können wir die noch gleich noch mitnehmen." So, und hier habt ihr die Karte von dem Feldzug gegen die Vandalen. Eine ganz brutale Sache natürlich.
[57:51] In der Zeit gibt es noch ein weiteres Gesetz von Justinian. Dort bezeichnet er das Papsttum als die Quelle des Priestertums. Also alle Priester sind nur deswegen Priester, weil es das Papsttum gibt. Also nicht von Jesus Christus kommt das Priestertum, sondern vom Papsttum selbst. Und die Begründung ist extrem interessant. Ich habe hier die deutsche Übersetzung vergessen, aber er sagt, weil ja in Rom Gesetze erfunden worden sind – ja, die Römer habe ich euch erzählt, sind ja schon in heidnischer Zeit so stark mit dem Gesetz immer gewesen –, ist es auch nur gut, dass der römische Bischof sozusagen den Ehrenrang hat.
[58:37] Und genau jetzt kommen wir zu den Ereignissen um 538. Aber wir können... also ich bin jetzt noch mal gefragt worden, weil ich gesagt habe, die Vandalen sind das zweite Horn, das ausgerissen worden ist. Ja, das zweite Horn, das ausgerissen worden ist. Was war noch mal das erste Horn? Und ich realisiere, ich überflute euch mit historischen Details und manchmal gar nicht so einfach, dann noch on track zu bleiben. Aber der Grund, warum ich das mache, ist folgender: Wenn ich euch einfach nur fünf Ereignisse sage und sage: "Deswegen ist das wichtig", dann habt ihr keine Möglichkeit, das so richtig nachzuvollziehen. Und wenn man geschichtliche Ereignisse bewerten will, dann muss man auch so ein bisschen in die Geschichte reintauchen. Dann muss man wissen, was davor und danach passiert ist, damit man das so richtig erstmal nachvollziehen kann.
[59:33] Noch mal zu den Hörnern: Also das 534, das zweite Horn, die Vandalen ausgerissen werden, ist ja ziemlich unstrittig. Ihr erinnert euch vielleicht, ich habe am Dienstag ein bisschen drüber gesprochen, Heinz hat am Montag drüber gesprochen, und ich am Dienstag. Ich fasse es noch mal ganz kurz zusammen: Die klassische These schon immer in der Adventgemeinde ist gewesen: Erstes Horn sind die Heruler, die schon in den Anfang der 490er Jahre als erstes germanisches Königreich in Italien vernichtet werden durch die Ostgoten im Auftrag Ostroms.
[1:00:23] Und der Heinz hat euch dann die neue These vorgestellt, weil man so wenig von den Herulern weiß, dass man eventuell stattdessen von den Westgoten spricht, die ja 507 von den Franken besiegt worden sind. Ja, das ist sozusagen die These, die auch letztes Jahr im Sabbatschulheft auch drin war. Westgoten, Vandalen und Ostgoten. Und ich habe am Dienstag noch mal zusammengefasst, warum ich persönlich glaube, dass es besser wäre, bei der alten Sicht zu bleiben. Erstens gibt es klare Quellen, die belegen, das Reich von Odoaker war ein Reich, das mehrheitlich von Herulern gestützt worden ist. Odoaker wird auch in den Quellen unter anderem König der Heruler genannt. Und auch wenn es natürlich nicht nur Heruler dort gab, war es ein Königreich, ein Königreich mehrheitlich Heruler mit Skiren, Rugiern und so weiter, das ausgerissen worden ist. Es existiert danach nicht mehr, und es war ja auch in der Nähe Roms, also in Italien.
[1:01:30] Das Problem mit der Westgotenthese ist – das habe ich euch versucht zu sagen –: Die Westgoten werden gar nicht ausgerissen. Sie verlieren nur ihren gallischen Herrschaftsbereich. Sie bleiben ein wichtiges großes Königreich im sechsten Jahrhundert und auch im 7. Jahrhundert. Dann... sie bleiben ein großes Königreich, dass sich dann sogar ja Ende des 6. zum Katholizismus bekehrt. Also die Westgoten sind nicht deswegen vernichtet worden, weil sie Arianer gewesen sind, sondern sie sind von den Arabern vernichtet worden dann, weil sie Katholiken waren. Und das alles zusammengenommen spricht meiner Meinung nach nicht dafür, die Westgoten als erstes Horn zu nehmen, sondern tatsächlich das Reich von Odoaker, das mehrheitlich von Herulern gestützt worden ist. Also das wäre sozusagen das erste Horn ausgerissen, Vandalen das zweite. Aber wie gesagt, ich habe ja gesagt, wir lernen aus der Generalkonferenz und machen keinen Streit über die Hörner. Ja, keinen Streit. Wichtig ist, dass wir uns darüber einig sind, wer das kleine Horn ist. Ja, das ist dann die viel entscheidendere Frage.
[1:02:55] 538. Jetzt geht's los. Am 13. Mai wird ein neuer Bischof gewählt. Den solltet ihr euch merken. Also, wenn ihr alle anderen wieder vergesst. Okay, das war nur so zum... Ja, was ist eigentlich so passiert? Der ist interessant. Der ist wichtig. Ich glaube persönlich, das ist wichtig, obwohl wir bisher meistens in der Adventgemeinde von dem noch nicht viel gehört haben. Agapetus I. wird am 13. Mai 535 Bischof. Er ist ein Aristokrat. Er gehört der Byzanz-freundlichen Partei an. Sein Vater war schon Priester, der Gordianus. Der war einer von den Opfern im Laurenzianischen Schisma, also als Symmachus und Laurentius gekämpft haben. Wir hören auch nichts von irgendwelchen Einflussnahmen bei der Wahl, und Agapetus ist so ein richtig tatkräftiger Mann, einer, der so richtig das Heft des Handelns in die Hand nimmt, wie man sagt.
[1:03:55] In dem Jahr entscheidet sich jetzt Justinian: Okay, von Nordafrika geht's jetzt Richtung Italien. Sein General Belisar landet in Sizilien, erobert schneller als gedacht die ganze Insel. Also die Oströmer, die taumeln so von Erfolg zu Erfolg, die merken: "Wow, das bricht ja alles zusammen wie ein Kartenhaus", und denken sich: "Okay, wenn Sizilien so schnell zu erobern ist, dann kriegen wir ganz Italien." Und die Ostgoten werden natürlich super nervös, weil die haben gerade gesehen, wie die Oströmer, wie Justinian mit seiner Armee in zwei Jahren das gesamte Vandalenreich rausgerissen hat. Und jetzt steht er schon in Italien, also in Sizilien, im Süden, und bedroht jetzt Italien. Die Ostgoten realisieren: Das könnte ganz bitter für uns werden. Und dieser unfähige Theod...
[1:04:48] Wer sich vor allem eigentlich so um seine eigenen Grundstücke kümmert, ja, und da sich es gut gehen lässt, der kriegt jetzt mit der Panik zu tun und versucht jetzt einen Weg zu finden, irgendwie den Justinian von der Invasion abzuhalten.
[1:05:06] Übrigens, wusstet ihr, dass diese Jahre 535, 36, 37, 38, 39, 40, 41 vermutlich die dunkelste Periode der gesamten Weltgeschichte gewesen sind? Warum? Es werden 535 unter anderem außergewöhnliche Wetterphänomene berichtet. Man weiß heute nicht genau warum, man vermutet, es waren Vulkanausbrüche, entweder irgendwo in Island oder vielleicht auch in der Südsee, vielleicht auch kosmische Kleinkörper.
[1:05:43] Es wird berichtet, dass über ein Jahr lang die Sonne nur so hell schien wie der Mond. Es war alles voller Nebel, alles voller irgendwie so Staub. Es gibt massive Kälteeinbrüche. In China schneit es im Sommer. Es gibt wenig Tageslicht. Die Leute leben richtig förmlich im Dunkeln. Die Ernten reifen nicht. Es gibt in Irland für vier Jahre oder drei Jahre lang quasi kein Brot, so richtig. Und es gibt Wissenschaftler, Mediävisten, also die sich mit dem Mittelalter beschäftigen, die sagen, 536 war wahrscheinlich das schlimmste Jahr, das man hätte erleben können als Mensch.
[1:06:28] Da gibt es hier diesen Historiker Michael McCormick und er sagt, nicht 1349, als der schwarze Tod, die Pest, alles ausgerottet hat, nicht 1918, als die Spanische Grippe irgendwie über 50 Millionen Menschen getötet hat, sondern 536 ist wahrscheinlich das schlimmste Jahr aller Zeiten gewesen. Plus diesen ganzen Wetteranomalien und diesem ganzen Kälte und kein Licht und kein Essen bricht dann auch noch 541 die Pest aus, die justinianische Pest, also gleichzeitig noch dazu dann kurz danach, die allein im Oströmischen Reich ungefähr ein Drittel bis die Hälfte aller Bewohner tötet. Also da bricht alles zusammen.
[1:07:20] Plus natürlich, wir sind in einer Zeit, wo sozusagen ja gerade in Westeuropa immer noch die Germanen da sozusagen ihre Reiche als Warlords haben und sich bekämpfen. Es ist also wirklich richtig apokalyptisch und ich finde das sehr interessant, dass Historiker, die von unserer Prophetie absolut nichts wissen und auch eigentlich wahrscheinlich nichts halten, diese Jahre zwischen 535 bis in die 540er sagen, das war wahrscheinlich einer der dunkelsten Geschichtsabschnitte der gesamten Weltgeschichte. Also, wenn man eine Zeitreise machen könnte, in eine Zeitkapsel steigen könnte und sich aussuchen könnte, wo möchtest du rauskommen, bitte drück nicht auf 536, 540, da müsstest du gleich wieder zurück.
[1:08:11] Und es hat vielleicht auch damit zu tun, ich habe ja schon gesagt, diese ganze Völkerwanderungszeit, das ist ja auch die Zeit, in der dann viele dieser Sagen entstehen, diese Legenden, diese Heldenlegenden, das ist auch eine sehr düstere Umgebung. Da kriegt man so ein bisschen auch den historischen Hintergrund für all diese Sagen, zum Beispiel in England und so weiter. Das geht letztlich alles auch auf diese Zeiten zurück. Also das im Hintergrund, alles was wir jetzt behandeln, immer dran denken, die Leute leiden wirklich brutal. Es ist schlimm, man sieht kaum das Sonnenlicht, überall laufen diese Horden von Soldaten rum und Justinian rüstet für eine Invasion, um die Ostgoten zu vertreiben. Und Agapet, als jemand, der natürlich gute Kontakte jetzt nach Ostrom hat als Papst, der gerät sofort zwischen die Fronten.
[1:09:05] Theodahad droht dem Papst und dem römischen Senat: „Wenn ihr nicht den Justinian von der Invasion abhaltet, dann werde ich euch alle brutal bestrafen.“ Er hat furchtbare Angst und versucht es jetzt mit Druck. Und so lässt er auch wieder einen Papst nach Konstantinopel reisen, nämlich den Agapet. In der Vorbereitung dazu lässt der Papst einiges Kirchengut an Theodahad verpfänden. Man weiß nicht genau, hat er Geldnot? Muss er noch ein bisschen Geld zurückbezahlen für seine Wahl? Oder ist die Reise sowieso vielleicht auch vom Papst direkt initiiert worden, weil es wie immer im Osten wieder theologische Debatten gibt und so weiter und so fort?
[1:09:50] Am 20. Februar 536 kommt Agapet in Konstantinopel an und die westlichen Quellen berichten, Justinian habe ihm einen triumphalen Empfang bereitet, wie einige Jahre zuvor bei Johannes I. Wieder fällt Justinian vor ihm nieder, der einzige Mensch, vor dem der Kaiser das tut. Und Historiker sagen, das, was der Agapet jetzt dort erlebt, da hätte ein Leo der Große nur von geträumt, dass der Papst so universal geehrt wird.
[1:10:26] Nun natürlich muss Agapet auch ganz brav seine Mission erfüllen und sagen: „Du, weißt du was, mein König da in Italien, der würde gern, dass du nicht Italien angreifst. Wie steht's denn damit? Könnten wir das vielleicht irgendwie verschieben oder aufhalten?“ Und der Justinian sagt: „Ach, danke, dass du nachfragst. Ja, das ist jetzt zu dumm. Ich habe schon so viel Geld investiert in die Vorbereitung, wäre doch zu schade jetzt, wenn wir das einfach abblasen.“ Sagt Agapet: „Ah, okay, ja, kann ich verstehen.“ Also er scheint das Thema jetzt nicht mit Nachdruck irgendwie verfolgt zu haben und hat dann auch keine Eile, nach Italien zurückzukehren. Er wird sich ja insgeheim vielleicht schon auch gefreut haben, dass die Oströmer, die katholischen Oströmer, jetzt da Italien zurückerobern, aber das darf er natürlich offiziell nicht sagen.
[1:11:15] Was allerdings für unsere Zwecke viel interessanter ist, was jetzt passiert: Es gibt in Konstantinopel einen Bischof und der heißt Anthimos, und der ist eingesetzt worden durch die Theodora. Theodora, ja, die ist eine echte Skandalfrau schon in der Antike. Allein der Name lässt die Leute zur Wallung bringen. Nicht zuletzt deswegen, weil obwohl Justinian so ganz klar romfreundlich ist, ist seine Frau Theodora so ein bisschen mehr monophysitisch. Da gibt es also im Kaiserpaar eine Spannung: Justinian ist pro-chalkedonisch, pro Rom, und sie ist mehr so Richtung Ägypten, Richtung die Monophysiten. Und sie hat durchgesetzt bei ihrem Mann, dass dieser Anthimos Bischof von Konstantinopel wird. Der musste sich zwar ganz brav verpflichten, alles zu tun, was Rom vorschreibt, aber er hat diese Tendenzen wieder zum Monophysitismus – also Jesus ist nur Gott und nicht Mensch, was ja die Päpste seit Jahrzehnten versuchen irgendwie dort zu bekämpfen und auszutreiben. Dazu kommt, er war schon mal woanders Bischof, nämlich in Trapezunt, und das ist natürlich verboten, das ist natürlich ein gefundenes Fressen. Das darf der natürlich eigentlich gar nicht. Der darf nicht von einem Bischofssitz auf den nächsten versetzt werden. Aber er ist jetzt Bischof von Konstantinopel, also das Amt, was immer gegen Rom ausgespielt worden ist.
[1:12:56] Agapet kommt nach Konstantinopel und er empfängt den Anthimos nicht einmal. Er ignoriert ihn quasi und setzt dann ein formales dogmatisches Verhör an und sagt: „Du verantwortest dich jetzt für deinen Glauben.“ Dann muss der Anthimos schreiben, was er glaubt. Agapet sagt, das ist nicht rechtgläubig, und setzt ihn schriftlich ab. Der römische Bischof setzt den Bischof von Konstantinopel in Konstantinopel ab.
[1:13:40] Also, wenn ihr euch an die ganzen Dinge erinnert, die ich euch versucht habe jetzt die ganze Woche zu erklären, wie sehr ständig Rom und Konstantinopel um die Vorherrschaft gekämpft haben und wie lange man sich in Konstantinopel überhaupt nicht drum geschert hat, was man in Rom gesagt hat, ist das natürlich eine absolute Sensation. Denn wenn der Bischof von Rom tatsächlich den Bischof von Konstantinopel einfach absetzen kann, dann beweist das, er steht tatsächlich über ihm.
[1:14:11] Nun, wie reagiert Justinian? Er hat doch den Anthimos eingesetzt. Wie reagiert der Kaiser, dass dieser Papst jetzt seinen eigenen Bischof einfach absetzt, vor seiner eigenen Haustür? Das überrascht den Justinian, weil das natürlich hochnotpeinlich ist. Es ist sein eigener Bischof und das wirft ja ein schlechtes Licht auf seine Politik. Die päpstlichen Quellen berichten dann auch von dramatischen Szenen, wie der Kaiser versucht hat, den Papst aufzuhalten: „Tu das nicht.“ Der Papst sagt: „Nein, ich werde es trotzdem tun.“ Das ist wahrscheinlich ziemlich übertrieben, um den Papst als Helden darzustellen. Aber mehrere Quellen bezeugen, Justinian hat versucht, den Papst abzuhalten: „Tu das nicht. Das ist mein Bischof. Ich weiß, der ist vielleicht nicht ideal, aber gib mir nicht die Blöße. Wir wollen doch Freunde sein.“ Und den Papst interessiert das gar nicht. Der sagt: „Dieser Mann hat monophysitische Tendenzen. Der soll da nicht Bischof sein. Ich setze ihn ab.“
[1:15:13] Man hat wohl versucht, den Papst zu bestechen, man hat versucht ihn zu bedrohen, vor allem von Seiten der Kaiserin. Die hat dann ihre eigenen Mittel und Wege, da irgendwie aktiv zu werden. Muss wohl extrem intrigant gewesen sein, die gute Theodora. Und der Papst bleibt völlig hart. Er hat ja jetzt im Hintergrund die Gesetze von Justinian: „Der Kaiser ist das Haupt aller Kirchen.“ Und vielleicht hat Justinian gedacht: „Na ja, das ist ja schön, das zu schreiben, am Ende werde ich vielleicht sowieso alles machen, wie ich möchte.“ Jetzt stellt er fest, der Papst nimmt das wirklich ernst. Also, was auf dem Papier stand 533, wird jetzt 536 zum allerersten Mal tatsächlich umgesetzt.
[1:16:05] Der Papst steht über dem Bischof von Konstantinopel. Und der Justinian, der steht jetzt vor der Frage: Verhindert er das und hebt damit sein Gesetz auf, oder akzeptiert er das? Und Justinian akzeptiert zähneknirschend diese Peinlichkeit, und seine Frau auch. Aber sie akzeptieren das und bestätigen damit in der Realität: De facto hat der Papst tatsächlich das Recht, selbst den zweiten Mann, den Bischof von Konstantinopel, abzusetzen. Da sind die also nicht mehr gleichrangig und einer ein bisschen besser als der andere, sondern der Papst steht dann wirklich über dem Bischof. Das ist also eine singuläre Machtdemonstration des Papstes gegenüber dem Kaiser. Das hat's vorher noch nie gegeben. Justinian muss peinlicherweise der Annullierung seiner eigenen Entscheidung zustimmen und Agapet nutzt sein neues Vorrecht, das Justinian ihm gesetzlich gegeben hat, sogar gegen die ausdrücklichen Wünsche des Kaisers. Das ist ziemlich spektakulär.
[1:17:15] Aber jetzt hat man ja noch ein Problem. Jetzt gibt es ja keinen Bischof in Konstantinopel. Der muss neu besetzt werden. Wer macht das? Agapet schreitet zur Tat und er selbst als römischer Bischof, als Papst, weiht einen neuen Bischof in Konstantinopel am 13. März 536, einen Mennas. Der Jakob Speigel, der sich mit diesen Vorgängen sehr genau beschäftigt hat, hat gesagt, das sind spektakuläre kirchliche Veränderungen, in der jetzt das Papsttum tatsächlich solche Dinge tun kann.
[1:17:46] Der Agapet ist so begeistert davon, dass er jetzt einfach hier den Bischof von Konstantinopel absetzen kann, einen neuen einsetzen kann – das hat's vorher noch nie gegeben. Er schreibt einen Brief in Konstantinopel an den Jerusalemer Bischof, der heißt Petrus, und sagt: „Stell dir mal vor, ich als römischer Bischof habe den Konstantinopeler Bischof einfach abgesetzt, habe einen neuen eingesetzt, das hat es in 500 Jahren nicht gegeben.“ Schreibt der Papst: „Das hat es seit den Tagen von Petrus, dem Apostel Petrus, nicht gegeben, dass ein römischer Bischof einfach so hier schalten und walten kann im Osten.“ Hat's noch nie gegeben. Und dieser Brief ist jetzt nicht einfach nur so seine Meinung. Es kommt danach gleich zu einer Synode, erkläre ich gleich. Und diese Synode nimmt diesen Brief von Agapet als offiziellen Akt unter die Akten und zeigt damit, dass das, was der jetzt hier schreibt, so außergewöhnlich ist, ist die allgemeine Ansicht der Synode dort von Konstantinopel.
[1:18:45] Nun, was bedeutet das? Diese gesamte Entwicklung, die ich versucht habe aufzuzeigen von Damasus im 4. Jahrhundert, Siricius, Innozenz, Leo dem Großen, Gelasius, die immer weiter ansteigt und immer höhere Forderungen stellt, das kulminiert in diesem Ereignis. Denn erstmals ist nicht nur de jure, also vom Gesetz her – das war ja schon 533 –, sondern tatsächlich faktisch, handgreiflich, der Papst das sichtbare, alleinige Oberhaupt über die gesamte katholische Christenheit. Bis dahin war das immer so: Er ist über den Westen, Konstantinopel und Alexandria und so, die sind halt für den Osten, und ja, der Papst hat in Lehrfragen dogmatisch dann das Übergewicht, aber so, wenn es um Rechtsfragen geht, entscheiden wir schon selbst. Und 536 ist zum ersten Mal, nicht zum letzten Mal, zum ersten Mal der Papst sichtbar, real das Oberhaupt über die gesamte Christenheit, die sich so katholisch nennt.
[1:19:45] Der Papst hat immer zwei Ansprüche gehabt: dogmatische Führung, also theologische Führung, und juristische Führung. Und die dogmatische Führung, also „wir glauben so wie Rom“, das hat man ihm ja schon lange zugestanden. Denkt an Chalkedon, Leo den Großen: „Wir glauben alle so wie Leo der Große.“ Aber juristisch, im Sinne von „ich darf jetzt hier jemanden absetzen, jemanden neu einsetzen, ich bin Chef, ich bin der Boss, auch in den Disziplinarfragen“, das hat er auch mal behauptet, aber das wird zum allerersten Mal im Jahre 536 realisiert und vom Imperium akzeptiert.
[1:20:27] Nun, der Libellus des Justinian sagt auch, die Patriarchen stehen zu Rom wie die Metropoliten zu den Patriarchen und die Bischöfe zu den Metropoliten. Also mit anderen Worten, was ich versuche zu sagen, ist eine jetzt eine hierarchische Stellung: Bischöfe, Metropoliten, Patriarchen, Rom. Bis dahin war Rom eines von den Patriarchaten. Man hat fünf Patriarchate und Rom hat halt vielleicht theologisch am meisten zu sagen, ein Ehrenvorrang der Liebe. Jetzt ist das eine neue Kategorie, ist eine neue Ebene sozusagen. Nicht mehr der Erste unter Gleichen, sondern drüber.
[1:21:40] Und begründet wird das von Justinian wie folgt. Andersrum, Entschuldigung, der Papst bekommt jetzt dieses Glaubensbekenntnis und sagt: „Das ist ja toll, Justinian, dass du ein Glaubensbekenntnis abgibst. Ich möchte aber nur deutlich machen: Ich bestätige das nicht, weil du der Kaiser bist, sondern ich bestätige das, weil du meine dogmatischen Vorstellungen bestätigst.“ Nicht weil wir die Autorität von Laien anerkennen. Also, weil der Justinian ist ja ein Laie, ist ja kein Priester. „Also, wir erkennen das jetzt nicht als Autorität an, was du schreibst, sondern weil wir das Studium ihres Glaubens gemäß den Regeln unserer Väter bestätigen und stärken.“ Also, wenn du, Justinian, so ein tolles Glaubensbekenntnis schreibst, dann ja nur deswegen, weil du das bestätigst, was wir schon gesagt haben. Und auch das ist später zur Zeit von Gregor dem VII., Canossagang und so weiter, im Hochmittelalter in die Kanonessammlung von Lucca von Anselm aufgegangen, weil man hat realisiert, damals schon im Mittelalter, diese Vorgänge mit Agapet, die sind entscheidend für die Entstehung des mittelalterlichen Papsttums. Das ist ganz entscheidend.
[1:22:49] Und dann passiert's: Am 22. April ist Agapet plötzlich tot. Der stirbt in Konstantinopel. Keiner weiß warum. Manche denken, ah, vielleicht ist er vergiftet worden, ist aber völlige Spekulation. Vielleicht war er auch einfach alt. Er muss ein paar Tage noch gelitten haben und dann ist er gestorben, 536. Und jetzt muss er beerdigt werden. Und Justinian nutzt diese Beerdigung von Agapet, um noch einmal der ganzen Welt – also Konstantinopel ist ja die Welthauptstadt zu der Zeit, Konstantinopel ist fünfmal so groß wie Rom zu der Zeit, was die Einwohnerzahl betrifft – er nutzt diese Gelegenheit, um der ganzen Welt zu zeigen, wie hoch man den Papst ehrt.
[1:23:35] Ich habe damals, als ich mich damit im Studium beschäftigt habe, eine kleine Fußnote entdeckt in einem Werk da bei dem Caspar, und dann bin ich dieser Fußnote nachgegangen und das führte mich auf ein altes Werk von Cesare Baronio. Cesare Baronio ist der große Kirchengeschichtsschreiber der Gegenreformation. Als die Reformatoren dann anfingen, Kirchengeschichte zu machen, ja, die in Magdeburg vor allem, und dann so Jahrhundert für Jahrhundert die Kirchengeschichte zerpflückt haben, da hat man in der Gegenreformation gedacht: „Hey Mensch, die tun die ganzen Schandtaten vom Papsttum auseinanderpflücken hier. Wir müssen was dagegen setzen.“ Und Cesare Baronio war dann derjenige, der quasi aus katholischer Sicht eine Papstgeschichte geschrieben hat, um das quasi alles wieder ins katholische Licht zu rücken. Ganz berühmt, ganz große dicke Bände. Das sind so Bände, wenn man die in der Universität ausleiht, kannst du gar nicht ausleihen, wenn du die lesen möchtest, musst du erst was unterschreiben, dass du sie auch zurückbringst. Die sind dann von 1601 oder so. Und habe ich das da gefunden, das was ich euch gleich zeige, und dort, das ist alles in Latein geschrieben, dort zitiert der Cesare Baronio aus einem anonymen Dokument, das irgendwo im Vatikan liegen würde. Wow.
[1:24:58] Habe ich das damals in meiner Arbeit zitiert und habe ich irgendwann gedacht, na ja, also wer weiß, ob es das Dokument überhaupt gibt, vielleicht hat er es ja nur erfunden. Da habe ich versucht, dieses Dokument im vatikanischen Archiv zu finden. Also, ich bin nicht in den Vatikan gereist. Ihr wisst, der Vatikan hat mittlerweile alle seine Dokumente digitalisiert. Man kann heute im Internet das Vatikanarchiv durchforsten. Das Problem war nur, jedes Dokument hat ja eine Nummer, so eine Bibliotheksnummer. Und die Bibliotheksnummer, die das Dokument 1601 hatte, die galt nicht mehr. Das ist natürlich irgendwann neu nummeriert worden und ich habe eine ganze Zeit lang gesucht, bis ich dieses Dokument ausfindig gemacht habe, und da ist es. Ein Manuskript. Das sind mehrere Dinge in dem Manuskript, aber da ist am Ende so ein Bericht von einem anonymen Zeitzeugen, der damals 536 in Konstantinopel dabei gewesen ist. Da könnt ihr sehen, das hier von DigiVat, das ist also die digitale Vatikan Library, das Manuskript, Urblatt 99, und hier habt ihr den Satz, um den es mir hier geht.
[1:26:14] Dort sagt er, ich habe – also könnt ihr hier das hier lesen, das ist dieser Satz bis dahin bis „visus est“ – dort steht: „Nemo quandoque totius orbis vel episcoporum vel imperatorum vita defunctus inter tantas exequiarum copias funeratus visus est.“ Heißt auf Deutsch: „Niemand auf der ganzen Welt, weder von den Bischöfen noch von den Kaisern, ist jemals im Rahmen einer solchen Vielzahl von Beerdigungsfeierlichkeiten begraben worden gesehen.“ Er sagt, der war dabei, er berichtet, wie bei dieser Trauerfeier, bei der Prozession, die Leute auf den Häuserdächern saßen, die ganze Stadt unterwegs war, weil er sagt: „Niemals zuvor ist weder ein Bischof noch ein Kaiser mit solch einem Pomp und solch einer Zurschaustellung zu Grabe getragen worden.“ Ja, der Justinian hat wirklich alles aufgefahren und Konstantinopel war sehr berühmt auch für große Prozessionen, für symbolische Handlungen. Das ist ganz wichtig in Konstantinopel gewesen. Der hat es auf die Spitze getrieben. Niemand konnte das übersehen, dass Justinian sagen wollte: „Dieser Papst, also das Papsttum, ist Spitze. Das ist absolut das oberste Haupt.“ Und dieser Zeitzeuge berichtet das.
[1:27:38] Agapet war gerade erst beerdigt oder betrauert, da kommt eine Synode in Konstantinopel zusammen, eine Kirchenversammlung, und sie bestätigen all die Entscheidungen von Agapet, also auch die Absetzung und all das und die Einsetzung von Mennas. Und Justinian macht dann all diese Entschlüsse der Synode gleich als Gesetz für immer gültig. Der Anthimos wird dann auch noch von seinem alten Bischofssitz suspendiert, weil der Agapet ihn verurteilt hat, und Mennas, der neue Bischof, sagt: „Ja, wir gehorchen Rom, wir machen jetzt genau das, was Rom gesagt hat.“ Ganz neue Töne, hat man vorher in all den Jahrhunderten so nie gehört. Also, was ich euch hiermit zeigen möchte: Das Jahr 536 ist, was das Verhältnis von Roms erstem Sitz zum zweiten Sitz, Konstantinopel, betrifft, ein absolutes Novum. Das hat's vorher noch nie so gegeben. Das ist absolut das erste Mal, und weil man den zweiten Sitz so unter Kontrolle hat, dann hat er alle anderen auch. Das ist sozusagen die Logik dahinter. Alles, was jetzt quasi zur offiziellen Christenheit gehört, ist jetzt faktisch unter dem Papst vereint.
[1:28:52] So, ja, 536. Bevor die Synode aber überhaupt losgeht, reist jemand sofort aus Konstantinopel ab, weil natürlich klar ist, wenn der Papst tot hier ist, wir brauchen einen neuen Papst. Vigilius, das ist der, der schon einige Jahre zuvor hätte Papst werden sollen. Erinnert euch, der Bonifatius hatte gesagt: „Ich würde gern Vigilius haben“, und dann hat man gesagt: „Ah, wir nehmen doch jemand anders.“ Er ist Archidiakon, also wie ein Diakon, also in dem Fall sogar der Leiter der Diakone. Er war sozusagen der Gesandte des Papsttums in Konstantinopel, hat also in Konstantinopel einige Jahre gelebt als päpstlicher Botschafter sozusagen. Und als Agapet stirbt, reist er sofort nach Rom, weil er natürlich ahnt, jetzt muss es schnell gehen. Aber das ahnt jemand anders auch, nämlich der Theodahad, der Ostgotenkönig, der weiß ganz genau: „Wir brauchen einen...“ Als der hört, der Papst ist gestorben, denkt er: „Okay, bevor da irgendjemand von Byzanz kommt, irgendjemand da von den Leuten von Agapet, da suche ich mir schnell eine Marionette, jemand, den ich kontrollieren kann“, und er wählt den Subdiakon Silverius. Der war ein Sohn von Hormisdas, dem Friedenspapst, und lässt ihn wählen, möchte also einen Papst haben, der jetzt einfach in seiner Hand macht, was er möchte.
[1:30:17] Silverius wird also gewählt. Als Vigilius ankommt, ist schon alles fertig. „Wir haben einen neuen Papst, Silverius“, und Vigilius denkt sich... Von Süden rücken jetzt die Truppen von Justinian vor. Italien wird Stück für Stück erobert, Neapel und immer weiter. Und der Papst Silverius hat jetzt das Problem: Zu wem soll er halten? Soll er zu den Ostgoten halten, denen er sein Amt verdankt, oder soll er jetzt darauf spekulieren, dass die Truppen von Justinian ihn jetzt gleich befreien? Schwierige Situation, oder?
[1:30:56] Nun, nur so viel: Die Quellenlage jetzt, wir hatten am Anfang die Frage zur Quellenlage, in diesen Jahren 536/37 ist unfassbar kompliziert, weil die Quellen alle ein bisschen älter sind und dann von neuen Streitigkeiten überschattet sind und mit diesen neuen Streitigkeiten den Blick dann zurückschauen. Kann ich euch heute jetzt nicht auseinandernehmen, aber es ist wirklich wirklich wirklich kompliziert. Alle, die über das Thema geschrieben haben, sagen alle, da musst du richtig genau sezieren, was jetzt hier gestimmt haben kann und was nicht. Der einzige, der einigermaßen verlässlich schreibt, ist der Prokopios, aber der schreibt fast nichts über den Papst. Also von daher ist das nicht so hilfreich. Aber das geht sogar soweit, dass man in dem Papstbuch, dem Liber Pontificalis, klar sehen kann, dass mehrere Leute an derselben Vita geschrieben haben. Da ändert sich mitten in der Vita der Ton von „kritisch, kritisch, kritisch“ zu „das war der größte Held aller Zeiten“. Da merkt man quasi, dass sogar mehrere Schichten von Autoren da sind, das ist sehr kompliziert.
[1:31:56] Aber interessant. Jedenfalls, der Theodahad, der ist so unfähig, der merkt, die Römer kommen und erobern sein Land, und er hat solche Angst, dass er einfach den Vorschlag macht: „Hey, wenn ihr mir ein gutes Grundstück gebt, dann gebe ich euch Italien.“ Da sagen die anderen Ostgoten: „Ja, bist du verrückt?“ Und die Ostgoten setzen ihren eigenen König ab und wählen jemanden, der gar kein Amaler ist, also nicht aus dem Königshaus kommt, sondern einfach so ein richtiger Militär. In so einer Situation braucht man jemand, der kämpfen kann. Die wählen den Witiges, und der lässt sofort den Theodahad umbringen und der sagt: „Okay, wir organisieren den Widerstand.“ Aber das ist jetzt Ende 536 im Dezember. Die Römer sind schon fast vor Rom und die Ostgoten haben vor allem ihre Stärke in Norditalien. Rom können sie nicht halten. Und jetzt macht Silverius folgendes: Er verpflichtet sich dem Witiges mit einem Eid. Er schwört: „Ich werde den Ostgoten treu sein.“ Und fast gleichzeitig ist er derjenige, der in Rom organisiert, dass die Tore geöffnet werden für Justinians Truppen.
[1:33:12] Am 9. Dezember öffnet Rom die Tore. Belisar kann mit seinen Truppen einmarschieren und es ist so interessant beschrieben bei Prokopios: Während Belisar von Süden einrückt, verlassen die Ostgoten von Norden die Stadt. Die einen kommen rein, die anderen kommen raus und ziehen sich gerade noch rechtzeitig zurück. Hier habt ihr noch mal eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse von 536. Vor allem wichtig ist also hier die Absetzung und Einsetzung von Mennas. Dann Agapet stirbt. Silverius wird dann ein paar Wochen später Papst und dann hier ein halbes Jahr später zieht Belisar in das von den Goten vorübergehend geräumte Rom ein. Übrigens, Agapet hat man auch nach Rom dann noch gebracht, da wurde er auch noch mal bestattet.
[1:34:04] Aber die Goten gehen nur kurz. Witiges organisiert eine Riesenarmee und Ende Februar erscheinen die Ostgoten wieder vor Rom mit einem riesigen Heer. Rom ist natürlich eine große Stadt mit großen Mauern, die sind zum Teil auch schon brüchig, da müssen die Römer dann sehr genau aufpassen. Es beginnt eine Belagerung, die erste Angriffswelle scheitert und man realisiert: „Okay, das wird eine längere Sache.“ Wir sind jetzt Anfang 537 und nur wenige Wochen später lässt Belisar, der General in Rom, der jetzt quasi diese Stadt verteidigt, den Papst Silverius absetzen. Warum? Vermutlich denkt man, dass der Silverius mit den Ostgoten kooperiert und da vielleicht einen Verrat anzetteln könnte. Er hat ja dummerweise einen Eid geschworen auf Witiges. Und jetzt ist er natürlich in der Bredouille. Seine Gegner sagen ihm: „Ja, du hast einen Eid auf Witiges geschworen.“ Er sagt: „Aber das war ja nicht so gemeint.“ „Ja, siehst du, deswegen können wir dir nicht vertrauen. Du schwörst einen Eid und hältst den dann nicht.“ Und also das war einfach, der war nicht mehr haltbar. Und er wird jetzt abgesetzt und Vigilius wird zum neuen Papst.
[1:35:25] Wir haben 537 eine Inschrift, das ist die hier: „Beatissimo Papa...“ und dann, wie ich das abgebrochen habe, also hier Vigilius, der allergesegnetste Papst Vigilius, 537 in Rom. Der Silverius wird verbannt nach Patara in Lykien in Kleinasien. Und jetzt ist natürlich für alle sehr verwirrend: Okay, ein Papst wird abgesetzt, ein Neuer wird eingesetzt, da gibt's zum Teil Verwirrung, bis wann die Pontifikate jetzt gehen. Geht das jetzt bis zur Absetzung oder bis zum Tod? Die wichtige Frage ist aber: Warum ist das passiert? Nun, die ganzen Quellen, die Vigilius feindlich sind – das sind vor allem Liberatus, Viktor von Tunnuna und auch der Verfasser von dem Liber Pontificalis teilweise –, die schreiben alle ein paar Jahrzehnte später und sind deswegen dem Vigilius ganz feindlich. Das werdet ihr in ein paar Minuten verstehen, weil der Vigilius Jahre später einen fatalen Fehler macht und die hassen den Vigilius und deswegen versuchen sie es so darzustellen, dass der Vigilius schon damals irgendwie so richtig dumm war. Aber sie widersprechen sich zum Teil und geben zum Teil offensichtlich falsche Dinge an. Zum Beispiel sagen sie dann, der Vigilius wäre nach Ravenna gekommen, weil das ist unmöglich, weil Ravenna war noch in Ostgotenhand, und also so Sachen, die man widerlegen kann.
[1:36:46] Und der Kerngedanke bei all diesen Verleumdungen ist die Theodora, diese monophysitische Skandalfrau, die hat in Konstantinopel sich den Vigilius geschnappt, hat ihm gesagt, was er alles zu tun und zu machen hat, hat ihm dann Geld mitgegeben, Bestechungsgeld und geheime Briefe, und hat ihn dann nach Rom gesandt, weil dann tatsächlich später der Vigilius Jahrzehnte später einen Fehler macht, da werden wir noch sehen. Da denkt man, es ist bestimmt von langer Hand geplant. Eine Verschwörungstheorie. Okay, die Theodora hat das alles von langer Hand geplant. Und dann in Rom hat er auch noch Unterstützung bekommen von dieser anderen Skandalfrau, nämlich von der Frau des Belisar, die hieß Antonina, die war wie Theodora gleich noch mal, und die haben noch miteinander kooperiert und so weiter. Angeblich hat Vigilius gleich nach seiner Wahl einen geheimen Brief geschrieben an all die Häretiker im Osten, dass er sie unterstützen würde. Das ist natürlich großer Quatsch. Das kann man sich auch an den Ereignissen eigentlich nicht vorstellen. Diese Quellen sind alle ziemlich unglaubwürdig und sie verwenden sogenannte Topoi, also was man jemand, wenn man jemanden schaden will, sagt man: „Er hat was mit Frauen, er hatte Geld, Bestechung.“ Das sind so die Dinge, die man jedem nachredet, den man irgendwie schlecht machen will. Und selbstverständlich hat natürlich Belisar in der Belagerung jetzt nicht gedacht: „Okay, wer könnte theologisch der bessere Papst sein?“, sondern der hat einfach wahrscheinlich aus militärtaktischen Gründen entschieden.
[1:38:25] Nun, trotzdem hat die ältere Forschung immer gesagt: „Na ja, aber trotzdem wird die Theodora da irgendwie eine Rolle gespielt haben.“ Die Frage ist: Wer hat wirklich ein Interesse daran, wer Papst wird? Und wenn man sich das genau anschaut, muss man sagen, der, der das größte Interesse hat, ist Justinian selbst. Er hat doch ein Interesse, dass es einen Papst gibt in seinem Sinne. Und für ihn war Vigilius der naheliegende Kandidat. Sie kannten sich aus Konstantinopel. Wir wissen sogar, dass Agapet, bevor er gestorben ist, sogar einen neuen Botschafter für Konstantinopel eingesetzt hat, was bedeutet, dass Vigilius nicht mehr Botschafter sein muss. Der hat ihn quasi frei gemacht. Er konnte ihn nicht zum Nachfolger designieren, weil wir haben das jetzt mehrmals gesehen, das ist immer gescheitert. Er hat aber quasi einen Nachfolger für den Botschaftsposten gegeben, damit Vigilius frei ist und Papst werden kann. Also Agapet muss gedacht haben und gehofft haben, dass Vigilius sein Nachfolger wird. Justinian hätte wohl daran ein Interesse gehabt und das macht es übrigens extrem unwahrscheinlich, dass Theodora dahinter stand.
[1:39:32] So, wie war es also wirklich? Vigilius ist sofort nach Rom abgereist und eventuell – und das ist natürlich jetzt extrem schwer genau festzulegen – ging diese Absetzung von Silverius also auf Justinian selbst zurück. Es gibt einige Historiker, die das als Fakt nehmen. Ich würde sagen, kann man nicht genau sagen, aber die Pistole raucht, ja, man riecht so ein bisschen Justinians Hand dahinter. Der Silverius ist verbannt worden. Der Bischof von Patara, wo er sich da gewesen ist, der hat dann bei Justinian Fürsprache eingelegt – und nicht für Justinian natürlich, für Silverius muss das heißen – und Justinian hat dann wohl angeblich, das ist auch wieder in den Quellen behauptet, schwer zu sagen, angeblich noch mal den Silverius nach Rom zurückgesandt mit der Bitte, man möchte ihm doch in Rom ein ordentliches Gerichtsverfahren machen und ihn auch dann eventuell rehabilitieren. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass Justinian das wirklich ernsthaft in Erwägung gezogen hat, denn wenn Belisar den Silverius als einen Verräter verbannt hat, kann er ihn schon aus militärtaktischen Gründen gar nicht wieder in die Stadt aufnehmen. Also vielleicht hat er auch einfach quasi, um dem Bischof von Patara eine Gefälligkeit zu tun, gesagt: „Ja, ja, wir schauen noch mal“, und hat genau gewusst, das wird sowieso nichts und das wird niemals passieren.
[1:41:10] Der Silverius wird jetzt auf eine andere Insel verbannt, in Ligurien, und man übergibt dem Vigilius, dem neuen Papst, die Aufsicht. Und lo and behold, kurze Zeit später ist Silverius tot. Und deswegen schreiben dann später Leute, dass dieser Silverius ein Märtyrer gewesen ist. Und 538, wenige Wochen dann oder Monate später, brechen die Ostgoten die Belagerung Roms ab. Das heißt, jetzt befindet sich erstmals ein Papst, nämlich Vigilius, der quasi Nachfolger von Agapet ist, der sozusagen in dieser Rolle, die Agapet in Konstantinopel gehabt hat, als er den Mennas eingesetzt hat, dessen Nachfolger befindet sich jetzt zum ersten Mal in Rom und kann jetzt von dort aus frei schalten.
[1:42:15] Mit anderen Worten, um das besser zu erklären: 533 hat Justinian gesagt, der Papst ist das Oberhaupt. 536 konnte man das zum ersten Mal real testen. Der Papst war tatsächlich das Oberhaupt, indem er den Bischof von Konstantinopel abgesetzt hat. Aber das war in Konstantinopel. Der Papst war gar nicht in Rom. 537 war der erste Papst, der diese Machtfülle hatte, weil Silverius war ja nur so eine Marionette vom Ostgotenkönig. Derselbe Papst mit solch einer Machtfülle, der nächste Papst kommt 537 nach Rom. Jetzt haben wir einen Papst mit dieser Machtfülle in Rom, aber er kann noch nicht schalten, weil die Ostgoten um die Stadt herum sind. 538 brechen die Ostgoten die Belagerung ab und zum ersten Mal gibt es einen Papst mit der faktischen innerkirchlichen Machtfülle, die Agapet schon in Konstantinopel hatte, jetzt in Rom, und kann von dort aus frei schalten. Er ist ab jetzt das tatsächlich hierarchische Oberhaupt aller Kirchen in Rom mit der Möglichkeit, auch auszuüben. Also, wenn ich andersrum die Frage stelle: „Wann war zum ersten Mal ein Papst in Rom Oberhaupt aller Kirchen und konnte das auch ausüben?“, dann muss ich sagen, das war zum ersten Mal im Jahr 538.
[1:43:39] Okay, und da habt ihr noch mal die Zeitleiste. Wir enden hier. Wir sind aber noch nicht am Ende. Ich würde gerne heute Abend hier direkt weitermachen, weil jetzt das Gruppenbild kommt und wir werden heute Abend dann uns anschauen, was die Jahre danach betrifft, weil die Jahre danach das Hauptargument gegen 538 sind. Also bis dahin glaube ich, ist es relativ klar. Man kann deutlich sehen, warum das Sinn macht, 538 als ein Datum zu nehmen. Wir müssen die Jahre danach noch anschauen, weil es bringt nichts, nur Argumente pro zu nehmen, wenn wir nicht die Kontraargumente angeschaut haben. Das machen wir aus Zeitgründen aber heute Abend und werden dann auch alle Fragen, die ihr dazu habt, in Ruhe uns anschauen. Okay, bis dahin sind wir bis 538 gekommen und die folgende Geschichte und dann auch die Einordnung in die biblische Prophetie dann heute Abend. Soweit so gut. Alles klar? Dann sind wir... Wo ist die Luise? Da ist die Luise. Wir sind quasi fertig.
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