Was macht eine Bibel so wertvoll, dass sie für 38 Millionen Dollar versteigert wird? In dieser Folge von „Funde & Fakten“ wirft Christopher Kramp einen Blick auf den Codex Sassoon, eine der ältesten und fast vollständig erhaltenen hebräischen Bibeln der Welt. Erfahre, warum dieses über 1.100 Jahre alte Manuskript eine wissenschaftliche Sensation ist und was es von anderen bedeutenden Funden unterscheidet.
Funde & Fakten: „Eine Bibel für 38 Millionen Dollar?“
Christopher Kramp · Funde & Fakten ·Themen: ArchäologiePodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Funde & Fakten
Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.
Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:
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Serie: Funde & Fakten
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Transkript
[0:17] Wie viel Geld würdest du für eine Bibel ausgeben? 38 Millionen ist eine unfassbar große Zahl. So viel ist bezahlt worden für ein ganz besonderes Bibelmanuskript, und in diesem Video schauen wir uns etwas genauer an, was dort passiert ist. Und damit herzlich willkommen zu Funde und Fakten. Es geht heute um dieses alterwürdige Bibelexemplar, den sogenannten Codex Sassoon.
[0:46] Benannt worden ist er nach dem berühmten Sammler David Solomon Sassoon, der vor etwas mehr als 100 Jahren eine ganze Reihe von wertvollen alten Manuskripten und anderen Dingen gesammelt hat, die in irgendeiner Weise etwas mit der jüdischen Geschichte zu tun haben. Es handelt sich dabei um eine mittelalterliche Handschrift der hebräischen Bibel, des Tanach, wie man auch zu sagen pflegt. Genau genommen ist es der Codex Sassoon 1053. Es gibt noch einen anderen Codex Sassoon mit einer anderen Nummer, der lediglich den Pentateuch, also die fünf Bücher Mose, umfasst und auch sehr bedeutend ist.
[1:34] Hier haben wir ein Bild von diesem Kodex und wir sehen, es ist eine sehr schön geschriebene hebräische Bibel, hier aus den Psalmen. Geschrieben ist dieses Manuskript ungefähr – man kann es natürlich nicht auf das Jahr genau festlegen, aber mit Hilfe verschiedener Datierungsmethoden, zum einen C14, zum anderen auch mit der Analyse der Buchstabenform, also der Paläographie, hat man herausgefunden, es ist geschrieben worden ungefähr um 900 nach Christus. Damit ist das eine der ältesten erhaltenen hebräischen Bibeln, und zwar eine erhaltene Bibel, die fast vollständig ist. Es fehlen von diesem Codex tatsächlich nur 12 Seiten.
[2:20] Dieser Codex ist damit ungefähr 100 Jahre älter als der berühmte Codex Leningradensis, der die Grundlage aller unserer modernen Bibelübersetzungen ist und auch aller wissenschaftlichen Ausgaben des hebräischen Textes. Der ist nämlich ca. 1008 geschrieben worden. Hat allerdings den Vorteil gegenüber dem Codex Sassoon, dass er komplett vollständig erhalten ist, also man tatsächlich jede einzelne Seite dort hat und deswegen das gesamte Alte Testament dort zur Verfügung hat. Der liegt, aufgrund seines Namens kann man es ja vermuten, in St. Petersburg.
[2:57] Es gibt noch andere sehr alte und berühmte Manuskripte, z. B. den Codex Cairensis, der ist ungefähr auch aus der Zeit, aus der der Codex Sassoon stammt, 895 geschrieben, und enthält all die Bücher, die man in der hebräischen Bibel zu den Propheten zählt. Deswegen nennt man diesen Kodex auch den Kairoer Prophetenkodex. Und dann gibt es natürlich den berühmten Codex von Aleppo, der eigentlich die absolute Musterhandschrift darstellt. Genannt wird er auch „die Krone“. Bis 1947 war es tatsächlich die älteste, vollständig erhaltene Handschrift. Man hat sie leider nie so richtig gut auswerten können, weil sie in einer Synagoge dort in Aleppo aufbewahrt worden ist und nicht so gut zugänglich gewesen ist. Und dann, aufgrund einer Katastrophe dort in der Synagoge, ist ein Teil verloren gegangen. Also offiziell heißt es, er ist verbrannt, also dieser Teil ist verbrannt worden, ungefähr ein Viertel. Allerdings tauchen immer wieder mal auch Seiten davon auf, deswegen ist es durchaus möglich, dass da auch ein Teil noch auf unlauteren Wegen verschwunden ist. Eine sehr tragische Sache; dieser Codex von Aleppo war eigentlich die Musterhandschrift, an der sich alle anderen orientiert haben.
[4:18] All diese Handschriften gehen zurück auf die Zeit der sogenannten Masoreten. Der hebräische Bibeltext ist ja eigentlich nur in Konsonanten ursprünglich geschrieben worden und dann auch entsprechend überliefert worden. Und das war schon recht früh eine sehr klare, sehr einheitliche Überlieferung. Es gibt natürlich hier und da kleine Abweichungen von Manuskript zu Manuskript. Die Masoreten haben dann den schon seit Jahrhunderten treu überlieferten Konsonantentext – das kann man ja vergleichen z. B. mit der großen Jesaja-Rolle in Qumran – wirklich noch mal festgelegt, konsolidiert sozusagen. Und das geht auf eine Entwicklung zurück, die schon ein paar Jahrhunderte vorher angefangen hatte, man hatte sich da ein bisschen an den syrischen Handschriften des Neuen Testamentes orientiert.
[5:08] Man hat angefangen, und die Masoreten haben dann Vokalzeichen und Akzente zugefügt. Die Vokalzeichen sagen natürlich aus, wie die Worte ausgesprochen werden mussten; sie hatten ein ganz eigenes System dafür, das wir bis heute noch in den Bibeldrucken haben. Die Akzente dienten dann dem gottesdienstlichen Vortrag. Wenn man den Text sozusagen im liturgischen Gottesdienst in der Synagoge vorgetragen hat, dann hat es eine gewisse Sprachmelodie gegeben. Es wurde auch mit Hilfe von den Akzenten genau festgelegt, wo so die Mitte des Verses ist, was so die einzelnen Sinnabschnitte sind. Das hat natürlich auch zur Interpretation beigetragen. Außerdem haben die Masoreten noch ein ganz umfangreiches System entwickelt von lauter Statistiken, also welches ist das mittlere Wort auf der Seite, welches ist das mittlere Wort in dem Bibelbuch, womit man dann neue Handschriften immer wieder gegenchecken konnte, ob sie tatsächlich auch korrekt gewesen sind, um den Text halt wirklich so zu bewahren.
[6:06] Unter diesen Masoreten gab es dann auch verschiedene Schulen. Die für uns heute maßstabsetzende Schule war die der Familien Ben Ascher und Ben Naftali aus Tiberias, die das Vokalzeichensystem angewandt haben, das wir noch heute in den biblischen Ausgaben des Alten Testaments finden. Und die sind auch mit verantwortlich gewesen für die entsprechenden Manuskripte hier, die wir uns gerade angeschaut haben. Der Codex Sassoon ist in seinem Konsonantentext sehr, sehr nahe am Codex von Aleppo, also hat einen sehr guten Konsonantentext. Allerdings sind, was die masoretischen Zusätze betrifft, immer wieder Abweichungen; da merkt man, er ist nicht ganz so sorgfältig geschrieben worden wie z. B. der Codex Leningradensis. Es gibt immer wieder auch Anleihen an andere Systeme; da ist derjenige, der diesen Codex geschrieben hat, nicht ganz konsequent gewesen in den Detailfragen.
[7:12] Was auch interessant ist, ist die Tatsache, dass in diesem Codex die Anordnung der Bibelbücher eine andere ist. Da gibt es vor allem im dritten Teil der hebräischen Bibel immer wieder auch Unterschiede zwischen den Manuskripten. Es gibt ja in der hebräischen Bibel die Dreiteilung zwischen dem Gesetz, den Propheten und den sogenannten Schriften, den heiligen Schriften. Das Gesetz ist natürlich die fünf Bücher Mose, dann die Propheten sind das, was wir eigentlich die Geschichtsbücher nennen würden und dann halt eben die Propheten, und die sogenannten Schriften, das sind die Bücher, die man hier auf der Folie sieht. Und im Codex Sassoon ist es tatsächlich so, dass das Buch Chronik, das z. B. im Codex Leningradensis das letzte Buch ist, das erste dieser Schriften ist, sogar noch vor den Psalmen. Das ist ein bisschen ungewöhnlich und dadurch rücken dann z. B. Daniel und Esra weiter nach hinten.
[8:04] Die Auktion war auf jeden Fall ein großer Erfolg. Die großen Medien der Welt haben davon berichtet. 38,1 Millionen – ein Rekord, so hat hier CNN getitelt. Ersteigert ist das Ganze worden von einem Unterstützerkreis des ANU-Museums in Tel Aviv, ein modernes Museum in Israel, das die Geschichte des jüdischen Volkes über die Jahrhunderte hinweg dokumentiert. Mittlerweile ist dieser Codex aufgrund dieses Erwerbs dann in der Daueraufstellung dort in Tel Aviv zu sehen. Auf jeden Fall war es wohl ein echter Rekord. Der Codex ist jetzt vermutlich das teuerste Manuskript aller Zeiten. Hat damit den Rekord gebrochen, der zuvor vom Codex Leicester gehalten wurde, ein Manuskript mit Schriften von Leonardo da Vinci. Das war damals für 30,8 Millionen versteigert worden.
[9:10] Die Bibel, diese Bibel ist also sehr, sehr wertvoll, aber selbst wenn unsere Bibeln nicht 30 oder 31 Millionen gekostet haben, sind sie trotzdem mindestens genauso wertvoll. In Psalm 119, Vers 105 steht: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“ Weil dieses Buch zu uns spricht, weil Gott durch sein Wort uns zeigt, wie wir in unserem Alltag mit ihm leben können, ist dieses Buch so wertvoll, dass man es auch für 38 Millionen nicht wirklich aufwiegen kann. Deswegen steht im selben Psalm in Vers 72: „Das Gesetz, das aus deinem Mund kommt, ist besser für mich als tausende von Gold- und Silberstücken.“
[9:57] Auch wenn unsere Bibeln vielleicht nicht so alt sind und nicht so begehrt bei Sammlern, sind sie unschätzbar wertvoll und wir können dankbar sein, dass wir heute Bibeln auch für einen erschwinglichen Preis bekommen können. Ich wünsche mir und ich hoffe, dass du eine Bibel besitzt. Wenn nicht, kauf dir unbedingt eine und kauf dir eine, die erschwinglich ist. Vor allem aber kauf dir eine Bibel, damit du in ihr liest und damit Gott durch sein Wort auch Licht in dein persönliches Leben hineinscheinen kann. Ich habe das in meinem Leben so oft erlebt. Ich möchte dieses Buch unter keinen Umständen mehr missen.
[10:36] Was nehmen wir heute mit? Der Codex Sassoon, eine mittelalterliche Handschrift der hebräischen Bibel, die älteste, fast vollständig erhaltene hebräische Bibel, ist für über 38 Millionen Dollar versteigert worden. Und wie gesagt, das ist eine der bedeutendsten Handschriften des hebräischen Alten Testaments. Wir freuen uns, wenn ihr nächstes Mal wieder einschaltet, wenn es hier dann wieder heißt: Funde und Fakten. Auf joelmedia.de findet ihr weitere Informationen.
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