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Funde & Fakten

Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.

Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:


Kann man aus einem fast 3000 Jahre alten Ziegelstein aus dem antiken Assyrien tatsächlich noch DNA gewinnen? In dieser Folge von „Funde & Fakten“ beleuchtet Christopher Kramp, wie moderne Technik die Archäologie revolutioniert und welche Geheimnisse in einem unscheinbaren Fundstück aus der Stadt Nimrud stecken.


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Serie: Funde & Fakten

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Transkript

[0:17] Moderne Technik revolutioniert nicht nur unseren Alltag, sondern auch die Archäologie. In diesem Video wollen wir uns heute ein neues, interessantes Beispiel dafür anschauen und damit herzlich willkommen zu „Funde & Fakten“. Es geht um die Frage: Kann man aus einem Ziegelstein DNA, die fast 3000 Jahre alt ist, herausbekommen?

[0:43] Es geht heute um diesen Ziegelstein hier, und der ist seit längerem bekannt. Er ist gefunden worden bei Ausgrabungen in dem heutigen Nimrud im Nordirak, schon in den 1950er Jahren. Die Stadt Nimrud, das war damals im alten Assyrien im 9. und 8. Jahrhundert vor Christus die Hauptstadt des Reiches, gegründet von Aššur-nâṣir-apli II. mit dem Namen Kalchu, auch in der Bibel erwähnt. Der Ausgräber damals war Max Mallowan, ein ganz berühmter Archäologe, der berühmterweise mit der noch berühmteren Autorin Agatha Christie verheiratet gewesen ist, die ihn dort jahrelang immer wieder bei den Ausgrabungen unterstützt hat und dabei gewesen ist, wie auch dieses Bild hier zeigt.

[1:40] Ein Teil der Ausgrabung ist auch mitfinanziert worden aus dänischen Quellen. Das hat dazu geführt, dass einer dieser Ziegelsteine, die da relativ häufig gefunden werden – jetzt keine an sich spektakuläre Entdeckung sind –, an das Nationalmuseum in Dänemark geschenkt worden ist. Wenn man sich die Inschrift anschaut, dann stellt man fest, sie ist jetzt nicht unglaublich originell, sondern es handelt sich um eine Inschrift, die es ganz oft gibt und die schon oft gefunden worden ist. Hier in der Gesamtausgabe der Inschriften der assyrischen Könige bei Aššur-nâṣir-apli ist es hier gebucht. Es gibt ganz, ganz viele solche Exemplare. Es handelt sich um eine Standardinschrift, die belegt, wem dieser Stein und damit das Gebäude, das damit gebaut ist, gehört.

[2:29] Wenn man sich die ersten beiden Keilschriftzeichen anschaut, und zwar die gelb unterlegten, dann sind das die beiden Zeichen für E und GAL. Das ist É.GAL, das große Haus, das haben dann die Babylonier und Assyrer *ekallum* ausgesprochen, also hier im Konstruktus *ekal*, und das heißt einfach der Palast, der Palast von einer bestimmten Person. Deswegen kommt als nächstes, als drittes Keilschriftzeichen – hellgrün hier unterstrichen – der Personenkeil, der also sagt: Jetzt kommt ein Personenname. Und die nächsten drei Keilschriftzeichen, das ist also Aš, Šur und P, das ist in sumerischer Lesung sozusagen der Name des Königs, der auf Assyrisch Aššur-nâṣir-apli heißt. Und dann dunkelgrün am Ende dieser ersten Zeile die beiden Winkelhaken: Er ist Mann, er ist der König, und dann das KUR, das Land, und dann noch mal dieses Aš für Aššur, also ist er der König des Landes Aššur. Also ganz einfach zu übersetzen: „Der Palast des Aššur-nâṣir-apli, des Königs von Assyrien“.

[3:44] Und die beiden Zeilen da drunter, das sieht man ganz deutlich, geben offensichtlich auch Könige von Assyrien an. Er hat die gleiche Formel dann noch mal jeweils am Ende, und das blau Unterlegte, das ist einfach noch mal dieses A, das ist das Zeichen für den Sohn, den *māru*, der Sohn. Also, und dann sind noch zwei andere Namen, nämlich sein Vater und sein Großvater. Das heißt also wörtlich, wenn man das übersetzt: „Palast von Aššur-nâṣir-apli, König des Landes Aššur, Sohn von Tukulti-Ninurta, König des Landes Aššur, Sohn von Adad-nīrārī, König des Landes Aššur.“ Wir wissen, wann Aššur-nâṣir-apli regierte – das war eigentlich der zweite schon, er hat diesen Namen übernommen, gab schon einen Aššur-nâṣir-apli früher –, wir wissen das ja, also von 883 bis 859 vor Christus regierte. Das wird gleich noch wichtig werden.

[4:40] Wenn man den Ziegel sich aber noch mal anschaut, dann fällt natürlich auf, dass er nicht mehr ganz ist. Er ist gebrochen, und zwar zweimal. Der erste, der horizontale Bruch, der war schon da, als man diesen Ziegelstein dem Nationalmuseum in Dänemark geschenkt hat. Allerdings der zweite, vertikale Bruch, der ist tatsächlich erst passiert, als man 2020 unter sonst sehr sorgfältigen Umständen tatsächlich diesen Stein in den Händen gehabt hat und er dann noch mal gebrochen ist. Das war tatsächlich aus Versehen, aber das hat plötzlich eine Tür geöffnet, eine Gelegenheit gegeben, etwas zu tun, was man vielleicht sonst nicht getan hätte. Dieser frische Bruch machte jetzt die Suche nach unkontaminierter DNA im Ziegel möglich, die dort seit über zweieinhalb Jahrtausenden sozusagen durch den Ziegel eingeschlossen gewesen ist.

[5:33] Das Ganze ist veröffentlicht worden, unter anderem von dem Assyriologen, der in Kopenhagen an der Uni lehrt – ich habe ihn vor einigen Monaten tatsächlich persönlich selbst auch getroffen in Kopenhagen, Troels Pank Arbøll – unter dem Titel „Revealing the secrets of a 2900-year-old clay brick: discovering a time capsule of ancient DNA“. Und man hat dort mit sehr gründlichen naturwissenschaftlichen Methoden, einem Protokoll, das man auch in anderen Fällen schon angewandt hat, DNA, die fast 3000 Jahre alt ist, aus diesem Ziegelstein extrahieren können und dann sequenzieren können. Und so konnte man 34 verschiedene Pflanzen als Taxa identifizieren, die dort bei der Herstellung des Ziegels in der Nähe des Tigris, an den Ufern in der Nähe von Kalchu, vorgekommen sein müssen, denn man hat ja diesen Schlamm dort, den Lehm genommen, der dort am Ufer gewesen ist, hat ihn dann in solche Formen gepresst, solche rechteckigen Formen, hat an der Sonne dann diese Ziegel trocknen lassen und dann für den Bau verwendet. Davor haben sie noch diesen Stempel bekommen mit der Inschrift natürlich. Unter diesen Pflanzen, die man dort identifizieren konnte, waren vor allem Kreuzblütler, also Kohl, vor allem Heidekraut auch, aber auch Birke, Lorbeer, Seggen und verschiedene Süßgräser.

[6:57] Das Ganze hat eine enorme Bedeutung, deswegen, weil es prinzipiell zeigt, dass es möglich ist, aus solchen Lehmziegeln jahrtausendealte DNA zu gewinnen. Und solche Gegenstände aus Lehm gibt es bei Ausgrabungen immer wieder. Diese Lehmziegel sind mit das Häufigste, was man findet. Es gibt ja auch andere Dinge aus Lehm, die man immer wieder findet in großen Mengen. Das heißt, da gibt es potenziell noch sehr, sehr viel Forschungsmöglichkeiten. Dadurch eröffnen sich neue Perspektiven für das Studium des alten Orients. Wir werden in der Lage sein, wenn sich das systematisch durchsetzt, viel mehr noch über die Pflanzenwelt, die Tierwelt und so weiter des alten Orients sagen zu können, aufgrund solcher DNA-Analysen. Das Tolle an diesem Lehmziegel war natürlich, dass er durch die Inschrift auf wenige Jahre genau datiert werden konnte. Man kann also sagen, was dort in der Mitte des 9. Jahrhunderts vor Christus in der Nähe von Kalchu gewachsen ist. Das ist eine ganz interessante Sache.

[7:55] Wenn es um die verschiedenen Pflanzenarten geht, dann fällt einem natürlich auch der Bibelvers aus 1. Mose 1 ein, der deutlich macht, dass das Interesse für die Klassifikation von Pflanzen kein modernes ist, sondern schon in der Antike es natürlich bekannt war, dass die Pflanzen eine ganze Reihe von verschiedenen Arten haben. Das heißt hier in dem berühmten Schöpfungsbericht in Vers 11 und 12: „Und Gott sprach: Die Erde lasse Gras sprießen und Gewächs, das Samen hervorbringt, fruchtragende Bäume auf der Erde, von denen jeder seine Frucht bringt nach seiner Art, in denen ihr Same ist. Und es geschah so, und die Erde brachte Gras und Gewächs hervor, das Samen trägt nach seiner Art, und Bäume, die Früchte bringen, in denen ihr Same ist nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war.“

[8:40] Was nehmen wir heute mit? Forscher konnten in Dänemark aus einem neuassyrischen Lehmziegel, der dort aus Versehen gebrochen worden war, eine Probe von pflanzlicher DNA extrahieren, gewinnen und entsprechend identifizieren, und das verspricht ganz viele neue Erkenntnisse in der Zukunft zur Fauna und zur Flora des alten Orients. Danke, dass ihr heute dabei gewesen seid, und wir freuen uns, wenn ihr nächstes Mal wieder einschaltet, wenn es hier heißt: „Funde & Fakten“.


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