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In diesem Vortrag der Serie „Magna Conflictio“ beleuchtet Christopher Kramp die Geschichte der Reformation, beginnend mit den Vorläufern wie Jan Hus und John Wycliffe. Er thematisiert den Mut zur Wahrheit, die Verfolgung von Glaubenszeugen und die Bedeutung des Glaubens in Zeiten großer Umbrüche. Der Vortrag führt bis zu Martin Luther und seinen 95 Thesen, die eine tiefgreifende Veränderung in der Kirchengeschichte einleiteten.

In diesem Vortrag von Christopher Kramp wird die Geschichte der Reformation beleuchtet, beginnend mit den Vorläufern wie Jan Hus und John Wycliffe. Es wird die Bedeutung der 95 Thesen von Martin Luther und der Mut zur Wahrheit in einer Zeit großer kirchlicher Umbrüche thematisiert. Der Vortrag zeigt auf, wie sich die Wahrheit trotz Verfolgung und Widerstand durchsetzte und wie wichtig es ist, auch heute noch für die Wahrheit einzustehen.


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Serie: Magna Conflictio (Vortragsreihe über die Kirchengeschichte und die Endzeit)

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Transkript

[1:21] Wunderschönen guten Abend. Schön, dass Sie alle heute hierher gekommen sind und herzlich willkommen allen Zuschauern auf www.magna-conflictio.de zu unserem dritten Abend und dem vierten Thema. Und wie es gerade angeklungen ist, haben wir auch heute ein Quiz. Wer von uns war am Samstagabend hier? Die allermeisten. Jetzt sind wir gespannt. Dann sollten wir auch in der Lage sein, folgende fünf Fragen zu beantworten. Frage Nummer eins, und das ist natürlich eine recht einfache, die können wir beantworten, auch wenn wir nicht da gewesen sind. Welche Stadt befindet sich auf sieben Hügeln? Ja, das ist noch etwas verhalten. Sie hätten auch Rio de Janeiro sagen können, das wäre auch richtig gewesen. Aber in der biblischen Prophetie und auch in der Geschichte war die Stadt mit sieben Hügeln, die wirklich von Interesse gewesen ist, natürlich Rom. Zweite Frage. Und darüber haben wir gesprochen. Welcher römische Kaiser verbannt das Christen mit dem Heidentum? Wer war das? Das war Kaiser Konstantin, genau. Wir haben über die konstantinische Wende gesprochen, 313, und dann in den Jahren danach. Dann haben wir folgende Frage. Bin ich mal gespannt, wer sich das gemerkt hat. Wer schrieb das Diktatus Papaei? Gregor VII. Sehr gut. Fantastisch. Das war nämlich auch der, weiß jemand noch, was mit dem noch gewesen ist? Nicht nur hat der gesagt, die Kirche ist unfehlbar und hat sich niemals geirrt und kann sich niemals irren. Das war auch der berühmte Kaiser mit dem Kanossergang, der den deutschen Kaiser dort drei Tage im Schnee hat stehen lassen. Und er war so einer derjenigen, der die Macht des Papsttums an die Spitze getrieben hat. Und dann hatten wir folgende Frage. Wofür ist das Tal Pellice berühmt? Wer weiß es? Das Tal Pellice war eines der drei berühmten Waldenser Täler, über die wir gesprochen haben, wo über ungefähr 1000 Jahre hinweg die Wahrheit am Leben erhalten worden ist durch treue Männer und Frauen, die die Bibel abgeschrieben haben, auswendig gelernt haben und in die Welt hinausgetragen haben. Neben dem Tal Pellice war es natürlich auch das Tal Germanaska und das Tal Chisono. Und dann die letzte Frage. Wer war im 14. Jahrhundert Rektor von Lutterworth? Das war John Wycliffe, der erste große offene Reformator der Kirchengeschichte, über den wir das letzte Mal am Ende gesprochen haben und wo wir heute auch anknüpfen werden.

[4:00] Heute, wie gesagt, geht es um 95 Thesen, Mut zur Wahrheit. Und auch heute haben wir fünf Fragen, die wir im Laufe des Vortrags beantworten werden. Ich bin gespannt, welche davon wir vielleicht jetzt schon im Kopf beantworten können. Hier sind die fünf Fragen. Sind Sie bereit? Okay. Und wie gesagt, nicht laut rausrufen, einfach nur sich selbst erstmal checken und überprüfen, ob ich das wissen könnte. In welchem Königreich war Jan Hus als Reformator tätig? Wir werden also heute auch über Jan Hus reden und wissen Sie, in welchem Königreich er tätig gewesen ist? Zweite Frage. Wo wurde Jan Hus verbrannt? Und das ist eine sehr richtige Antwort. Schauen wir überlegen, ob wir das auch im Vortrag dann sehen können. Jetzt nochmal, zum selben überlegen. Wie hieß der Beichvater von Martin Luther? Schon mal gehört? Und dann, in wessen Auftrag handelte der Ablassprediger Tetzel? Und die letzte Frage heute zum Nachdenken. Wo begegnete Luther dem päpstlichen Legaten Kardinal Cajetan? Und ich denke, heute Abend sind wir nicht nur bezüglich dieser fünf Fragen deutlich schlauer.

[5:19] Und wie es schon angeklungen ist, 95 Thesen, Mut zur Wahrheit, da kann es sich natürlich nur um Martin Luther handeln. Aber wir möchten dieses Thema ganz anders beginnen, als man es normalerweise beginnt. Nicht zuletzt möchten wir es zunächst einmal mit Gebet beginnen. Denn es ist ein Thema, das wirklich von großem Interesse ist. Und wir wollen den Heiligen Geist bitten, dass er uns in alle Wahrheit führt, auch diesbezüglich. Lassen Sie uns gemeinsam beten zu Beginn. Lieber Vater im Himmel, wir möchten dir von Herzen Dank sagen für dein wunderbares Wort. Wir möchten dir Dank sagen, dass wir auch heute aus der Geschichte kostbare Lektionen lernen dürfen. Wir möchten dich bitten, dass du alle Störende fernhältst, dass wir verstehen dürfen, was wir zu lernen haben. Und dass du unser Herz berührst. Das bitten wir von ganzem Herzen. In deinem Namen, Herr Jesus. Amen.

[6:07] Ja, wir werden heute über Martin Luther sprechen. Wir werden aber nicht in Wittenberg beginnen und auch nicht im 16. Jahrhundert. Sondern wir gehen an einen ganz anderen Ort zurück. In eine ganz andere Zeit. Zurück in das 9. Jahrhundert. Nach Böhmen. In den Böhmerwald. Im 9. Jahrhundert, da ist das Königreich Böhmen gerade am entstehen. Aus den slawischen Stämmen entsteht dieses Königreich. Es wird geeint. Und mit dieser Einigung des Königreichs kommen auch die ersten christlichen Missionare aus West und Ost. Und bringen im 9. Jahrhundert die frohe Botschaft des Evangeliums nach Böhmen. Das hat zur Folge, dass in jener Zeit, um überhaupt die slavisch sprechende Bevölkerung dort zu erreichen, man ihnen das Evangelium in ihrer Landessprache predigt. Und auch Bibeln übersetzt werden, die in ihrer eigenen Landessprache zur Verfügung stehen. Weiß jemand, was für eine Sprache das hier ist? Das ist das Altkirchenslavische. Genau. Wird heute noch zum Teil verwendet. Und das wurde dort gesprochen. Und so war Böhmen einer der wenigen Orte außerhalb der Waldenserzähler, wo für einen gewissen Zeitraum während des Mittelalters Menschen in ihrer eigenen Sprache Gottesdienst hören konnten und die Bibel erklärt bekamen. Das hielt aber nicht lange vor.

[7:37] Denn schon bald kam jener Mann auf die Szene der Weltbühne. Weiß jemand noch, wer das war? Das war der, der auch Diktatus Papel geschrieben hat. Und das war Gregor VII. Ganz genau. Dieser berühmte Kaiser. Und nicht nur hat er diesen päpstlichen Diktat erlassen, nicht nur hat er den Kaiser im Schnee warten lassen, er hat auch Folgendes über die böhmische Kirche gesagt. Er hat ihn verboten, weiterhin im slavischen Gottesdienst zu haben und hat dann folgendermaßen begründet. Es würde nämlich dem Allmächtigen gefallen, wenn der Gottesdienst in einer unbekannten Sprache durchgeführt wird und dass viele Übel und Ketzereien durch Missachtung dieser Regel entstanden sind. Also ich weiß ja nicht genau, was für ein Bild Sie von Gott haben, aber was würden Sie wahrscheinlich von einem Gott denken, von dem es heißt, ihm gefällt es, wenn man ihn in einer unbekannten Sprache anredet. Ich weiß nicht, wer von Ihnen hat einen Partner? Was würde wohl Ihr Partner sagen, wenn Sie mit ihm Chinesisch reden, ohne dass Sie selbst Chinesisch sprechen? Da kann sich keine wirklich gute Beziehung aufbauen, nicht wahr? Und das war eines der Mittel, die dazu geführt haben, dass die Menschen keine echte Beziehung zu Gott hatten, ihn irgendwie nur noch als eine Instanz wahrgenommen haben. Aber Gott hatte andere Wege und Möglichkeiten, dass auch in Böhmen das Wort Gottes weiter verbreitet werden konnte. Das hatte natürlich damit zu tun mit den Waldensern, von denen wir schon gehört hatten, dass sie und gesehen hatten, dass sie bis auch nach Böhmen ihr Einflussbereich gehabt haben durch ihre Wanderprediger. Und so hat es auch nach diesem 12. Jahrhundert, nach Gregor VII. immer wieder Menschen gegeben, die die Wahrheit geglaubt haben in Böhmen, die die Bibel verstanden haben und gepredigt haben und die dafür schrecklich verfolgt worden sind.

[9:20] Einer von ihnen hat auf dem Scheiterhaufen Folgendes ausgesprochen, wir wissen nicht genau seinen Namen, wir wissen nicht genau, wann er gestorben ist, aber wir wissen noch, was er gesagt hat und es ist fast prophetisch, wenn hier heißt, jetzt hat die Wut der Feinde die Oberhand über uns, aber es wird nicht für immer sein. Es wird sich einer aus dem gemeinen Volk erheben, ohne Schwert und Autorität, gegen den sie nichts vermögen werden. Als könnte er sozusagen am Horizont schon einen besseren Tag sehen, so hat er wahrscheinlich schon vorausgeahnt, was sich in Kürze eignen sollte dort in Böhmen, nämlich die Geburt von Jan Hus.

[10:06] Jan Hus wurde hier in Husinetsch geboren, wahrscheinlich wird er nach seinem Geburtsort Husinetsch benannt, im Südböhmen und er kam aus sehr bescheidenen Verhältnissen. Hier haben wir sein Geburtshaus und sein Vater ist sehr früh gestorben, war bald schon halbweise. Hier haben wir eine Tafel, ich kann kein Tschechisch, aber es wird wohl heißen, dass hier Jan Hus geboren worden ist, 1369. Das ist also die Zeit, in der Wycliffe gerade so seine Karriere hat.

[10:46] Jan Hus war ein ziemlich intelligenter Schüler, hat auf einer Lateinschule in der Provinz gelernt und hat dann ein Stipendium bekommen, obwohl er ein sehr, sehr armer junger Mann war. Wie gesagt, sein Vater früh gestorben, seine Mutter hatte auch nicht viel. Hatte ein Stipendium bekommen, um in der größten Stadt der damaligen, bis heute, des Königreiches Böhmen, nämlich in Prag, zu studieren. Und die Geschichte berichtet, dass seine Mutter, seine arme Mutter, ihn bis nach Prag begleitet hat. Und als sie dann so über den Hügel gekommen sind und Prag gesehen haben, da hat sie sich mit ihrem jungen Sohn niedergekniet und hat für ihn gebetet und hat den Segen Gottes für ihn erbeten. Und so ist der junge Jan Hus Ende des 14. Jahrhunderts dort in Prag auf die Universität gegangen. Circa 1390 begann er im Alter von 21 Jahren in Prag zu studieren. Nach sechs Jahren hat er das Magisteratium abgeschlossen. Das waren die sieben freien Künste. Das waren Dinge wie Musik und Astronomie und Geometrie und Rhetorik und Grammatik usw. Und danach wurde er bereits Lehrer an der Universität. Zwei Jahre später begann er das Studium. Der Theologie wurde zwei Jahre später zum Priester geweiht. Ein Jahr später wurde er Dekan der Philosophischen Fakultät. Noch ein Jahr später war er Professor. Und wie würde man so eine Karriere bezeichnen? Steil! Innerhalb von wenigen Jahren wurde aus einem armen Battlestudenten aus der Provinz, einer der angesehensten Gelehrten ganz Europas, der war der Stolz der böhmischen Nation.

[12:27] Ebenfalls 1402 wurde er berufen an die Bethlehemskapelle. Die war nicht in Bethlehem, sondern in Prag. Und sie hieß deswegen Bethlehemskapelle, weil einige Jahre zuvor ein Prager Geistlicher dort eine Kapelle gründen wollte, wo man Gottesdienst in böhmisch hören kann. Weiß jemand, was Bethlehem übersetzt heißt? Zufällig? Bethlehem heißt Haus des Brotes. Und diese Kirche sollte ein Haus des Brotes sein. Ein Ort, wo man geistlich ernährt wird, wo man nicht einfach nur lateinische Sentenzen hört, von denen man keine Ahnung hat, sondern wo man tatsächlich etwas aus der Bibel versteht, wo man ernährt wird. Ein Bethlehem sozusagen, ein Haus des Brotes. Und diese Kirche, diese Gemeinde hat schon einige Jahre existiert dort in Prag. Und Jan Hus, als dieser junge, aufstrebende, nationale Gelehrte, wird jetzt eingeladen, dort Prediger zu sein. Und Hus predigt mit Leidenschaft. Man sagt, wenn er gepredigt hat, dann war die Bude nicht nur rappelvoll, es war zum Teil unermesslich. Bis zu 3000 Leute haben sich in dieser Kirche zusammengefunden, um seine Predigten zu hören. Und er war nicht nur ein Gelehrter, er war nicht nur ein intelligenter Mann, er hat mit Leidenschaft gegen die Missstände in der Zeit und in der Kirche gepredigt. Die Leute waren begeistert.

[13:55] Und so ging es einige Zeit. Er hatte bereits seit einigen Jahren durch einen Freund etwas Interessantes mitbekommen. Das ist sein Freund, ungefähr zehn Jahre jünger. Damals war er noch nicht so alt, wie auf dem Bild. Leider sind diese Bilder immer aus der Spätzeit der Reformatoren. Als 1398 Hieronymus von Prag aus England zurückkommt, ist er 19 Jahre alt. Hus ist 29, an der Universität. Hieronymus kommt als 19-Jähriger zurück. Und er war eine Zeit lang in England gewesen. Und kann sich noch jemand erinnern, wer war zu dieser Zeit sehr berühmt in England? John Wycliffe. Und die Böhmen hatten eine ganz besondere Beziehung zu Wycliffe. Das lag an dieser Frau hier. Weiß jemand, wer das ist? Das ist Anna von Böhmen. Und Anna von Böhmen, die böhmische Prinzessin, war keine geringere als die englische Königin. Verheiratet mit Richard II. Und nicht nur eine Böhmen, sondern auch eine bekehrte Anhängerin von Wycliffe. Und so hatte sie besonders das Bedürfnis, die Lehren von Wycliffe nach Böhmen zu bringen. Und einer von diesen jungen Gelehrten, die dort in England studiert hatten und jetzt die Schriften von Wycliffe mitgebracht hatten nach Böhmen, war jener Hieronymus. 19 Jahre alt. Die Reformation war schon damals im Mittelalter, auch wenn die Leute auf den Bildern immer lange Bärte haben, eigentlich eine Jugendbewegung. Ein 19-Jähriger bringt die Schriften nach Böhmen. Und Jan Hus, wie gesagt, 10 Jahre älter, immer noch relativ jung, liest das und ist relativ angetan. Er glaubt nicht gleich alles, ist auch an manchen Stellen skeptisch, aber er sieht viele Dinge dort in den Schriften, die ihn begeistern.

[15:47] Zu jener Zeit passiert es dann, dass zwei weitere, und hier haben wir nochmal Schriften von Wycliffe, wie das letzte Mal gesehen, dass zwei weitere Missionare, diesmal echte Engländer, aus London kommen. Die kommen nach Prag und predigen gegen das Papsttum. Wycliffe hat ja gesagt, der Papst ist der Antichrist. Und so predigen auch seine Anhänger, selbst in fernen Landen, der Papst ist der Antichrist. Nun, wenn man das predigt, naja, Anfang des 15. Jahrhunderts in Böhmen, dann bekommt man relativ schnell Redeverbot. Und so ist es ihnen ergangen, haben Redeverbot bekommen. Aber diese Missionare waren nicht auf den Kopf gefallen. Als sie nicht mehr reden durften, haben sie andere Mittel zur Verfügung gehabt. Sie haben sich Bilder genommen und haben Bilder gemalt. Auf dem einen Bild einen Papst, wie er so in all seinem Prunk und all seiner Pracht durch die Straßen reitet. Auf dem anderen Bild Jesus, wie er auf einem Esel demütig reitend in Jerusalem einzieht. Diese beiden Bilder hat man wortlos auf den Marktplatz von Prag hingestellt. Das war natürlich eine Predigt, die jetzt keiner wirklich verbieten konnte. Und vor allem, die eine gewaltige Wirkung gehabt hat. Jan Hus, der das gesehen hat auf dem Marktplatz, war zutiefst beeindruckt. Und das hat ihn dazu geführt, noch mehr zu studieren, was der Wycliffe wohl gemeint hat. Er hat seine Bibel noch mehr zur Hand genommen und hat in der Bibel noch tiefer versucht, das Evangelium zu verstehen und auch die Prophezeiungen zu studieren. Und hat sich auch mehr in die Schriften von Wycliffe vertieft. Wir sehen hier also gleich eine Verlinkung, eine Verbindung zwischen Wycliffe und Jan Hus.

[17:25] Und so predigt er das, was er herausfindet. Und die Leute sind begeistert. Er wird zum nationalen Helden. Und ganz Böhmen ist stolz auf ihn.

[17:40] Es kommt dann aufgrund gewisser Spannung an der Universität zu einem sogenannten Dekret. Hus war mittlerweile Rektor geworden, der Universität sogar. Er hatte zwischenzeitlich sogar Redeverbot erhalten vom Prager Erzbischof, weil er so nahe an den leeren Wycliffe schon gewesen ist. Aber Jan Hus hat sich an dieses Redeverbot nicht gehalten. Hat einfach weiter gepredigt, weil er wusste, das Volk liebt ihn. Dann am 18. Januar 1409 ergeht das sogenannte Kurtenberger Dekret, was dazu führt, dass die Böhmen an der Universität gestärkt werden. Damals haben nicht nur Böhmen dort studiert, sondern auch Sachsen, Polen und Bayern. Und alle diese vier Nationen hatten jeweils eine Stimme. Das Problem war nur, dass die Sachsen, Polen und Bayern immer einig waren in ihren politischen Entscheidungen und die Böhmen irgendwie nie zum Zuge kamen. Dann hat der böhmische König Wenzel tatsächlich beschlossen, dass ab sofort die Sachsen, Polen und Bayern nur noch eine Stimme gemeinsam haben und die Böhmen drei Stimmen. Das hat natürlich dazu geführt, dass die Sachsen, Polen und Bayern nicht besonders erfreut waren und deswegen zu Haufe die Universität in Prag verlassen haben. Vor allem nach Deutschland, nach Sachsen und nach Bayern. Dort wurden dann Universitäten wie Leipzig gegründet. Aber was diese Studenten mitgenommen hatten, das ist übrigens das Dekret, das war ein Wissen und eine Kenntnis von den Predigten von Jan Hus. Und so war es, dass diese universitäre Angelegenheit plötzlich zu einem Mittel wurde, das Evangelium ganz unvermittelt nach Deutschland zu bringen. Zumindest ansatzweise.

[19:24] Und dieser Prediger Jan Hus, der ganz Böhmen, vor allem Prag in Aufruhr versetzte mit seinen Worten und damit sich gegen den Papst stellte, hat natürlich in Rom jetzt auch für Notiz gesorgt. Wenn man von einer römischen Kirche zu jener Zeit spricht, spricht man eigentlich von einer gespaltenen Kirche. Wir hatten ja letztes Mal gesehen, dass zur Zeit von Wycliffe es zu einer Kirchenspaltung gekommen war. Mittlerweile gab es nicht mehr zwei Päpste, es gab jetzt drei Päpste. Das war zwar nicht die heilige Dreinigkeit, denn einig waren sie auf jeden Fall nicht. Wir hatten gleichzeitig Alexander V. in Pisa und Gregor XII. in Rom und Benedikt XIII. in Avignon, die also viel Zeit und Geld damit verbracht haben, sich gegenseitig zu bekämpfen. Aber alle drei waren nicht besonders gut auf Jan Hus zu sprechen. Und er wird nach Rom eingeladen, um sich dort zu verteidigen. Und wenn man nach Rom eingeladen wird, als jemand, der gegen Rom gepredigt hat, um sich zu verteidigen, dann weiß man, das Ende wird wohl nicht gut ausgehen. Und so setzt sich der König von Böhmen und die Königin setzen sich ein, dass er bleiben darf.

[20:45] 1410 am 9. März eröffnet dann Alexander V. einer dieser drei Päpste eine Bulle gegen Wycliffe, der mittlerweile schon längst tot ist, und ordnet an, dass Wycliffe's Handschriften verbrannt werden. Das heißt, die Maßnahme richtete sich noch nicht direkt gegen Jan Hus, aber gegen den, den er gepredigt hat. Und wenn man von Wycliffe begeistert ist und ihn predigt und plötzlich dessen Handschriften verbrannt werden, dann sieht man schon, in welche Richtung das ungefähr gehen wird. Und so ist es Hus ergangen. Er wird jetzt angeklagt in Rom. Aber nicht mal zwei Monate später stirbt Alexander V. und so muss der Prager Erzbischof, der unbedingt gegen Jan Hus vorgehen möchte, sich erneut an Rom wenden. Im Juli wird dann Hus mit einem Bann belegt. Hier haben wir den König von Böhmen, Wenzel, und hier einen dieser drei Päpste. Das ist kein besonders schönes Bild, nicht wahr? Naja, wie auch immer. Und im Februar wird er von einem anderen der Gegenpäpste ebenfalls mit dem Bann belegt und er wird aus Prag verwiesen. Zunächst einmal hält er sich nicht dran, bleibt einfach da, predigt weiter. Aber die Päpste wissen schon, wie sie ihn bekommen können, denn man legt den Bann auf ganz Prag. Und wenn eine Stadt gebannt ist, dann hat das im mittelalterlichen Denken enorme Konsequenzen gehabt. Das bedeutet, dass dort alle Kirchen geschlossen werden. Man kann nicht mehr zum Gottesdienst gehen. Man kann keine Hochzeiten mehr feiern. Stellen Sie sich vor, Sie wollen heiraten und Sie kommen da mit Ihrer Braut oder Ihrem Bräutigam zur Kirche und der Priester sagt, nein, hier gibt es keine Hochzeit. Stellen Sie sich vor, jemand stirbt, dann wurde ein Begräbnis auf dem Friedhof verweigert. Die Leute wurden auf dem Acker verbuddelt. Und das sollte natürlich der Bevölkerung sagen, mit Rom ist nicht zu spaßen. Wenn ihr wollt, dass das Leben weitergeht, dann müsst ihr dafür sorgen, dass der Kirchenbann aufgehoben wird. Und damit der Kirchenbann aufgehoben wird, muss was geschehen. Hus muss raus. Und das hat natürlich seine Wirkung gehabt. Und wenn man nicht mehr heiraten kann und nicht mehr Begräbnisse haben kann und nicht mehr zum Gottesdienst gehen kann, dann verzichtet man vielleicht auch auf den Lieblingsprediger. Und so hat sich ein großer Teil der Prager Bevölkerung gegen Hus gewandt und Hus musste dann 1412 fliehen. Nicht zuletzt hatte sich auch der König gegen ihn gewandt, aus folgendem Grund. Jan Hus hatte auch gegen den Ablass gepredigt und der Ablass hatte Geld gebracht. Und so musste Hus fliehen.

[23:27] Er schreibt dann Folgendes. Aber die Bibel sagt, wir vermögen nichts gegen die Wahrheit, sondern nur für die Wahrheit.

[23:49] Was ist wohl passiert, als Hus Prag verlassen musste? Hat er sich in Luft aufgelöst? Wohl eher nicht. Was hätten Sie gemacht, wenn Sie Prag verlassen müssten? In eine andere Stadt gehen, nicht wahr? Und genau das hat er gemacht. Er ist jetzt von Ort zu Ort gewandert, ist als Reiseprediger durch Böhmen gezogen und statt jetzt nur Prag für das Evangelium zu gewinnen, hat er jetzt nach und nach ganz Böhmen erreicht. Und so zeigt sich immer wieder, dass wenn wir versuchen gegen die Wahrheit zu kämpfen, dass genau diese Maßnahmen nur dazu führen, dass die Wahrheit sich mehr verbreitet. Und das ist etwas Wunderbares an der Wahrheit, dass man nicht wirklich etwas gegen sie unternehmen kann. Und Jan Hus hat genau das erlebt.

[24:41] Er verbringt noch mehr Zeit im Studium der Bibel und hat dann einige Zeit hier auf einer berühmten Burg in Böhmen, auf der Ziegenburg verbracht, um dort seine Schriften zu verfassen, vor allem sein berühmtes Werk, die Ekklesia, wo er die Idee entwirft, dass nicht die römisch-katholische Kirche per se die Gruppe aller Gläubigen ist, sondern dass es quasi eine unsichtbare Gruppe gibt von Geretteten, von Menschen, die gläubig sind. Und manche von denen sind in der Kirche und manche vielleicht nicht. Das heißt, nicht durch Kircheneintritt bin ich gerettet, sondern wenn ich der Bibel folge, wenn ich wirklich Jesus als mein Erlöse angenommen habe. Und das war natürlich ein starker Tobak für die damalige Zeit. Aber es hat natürlich Großes bewirkt.

[25:30] Nach einiger Zeit ist er dann zurückgekommen nach Prag. Die Wogen hatten sich etwas geglättet. Und sein Freund Hieronymus, der damals immer noch jünger war, als ihr hier ausseid, hat sich jetzt voll an seine Seite gestellt. Eine interessante Beobachtung in der Reformation ist die, dass Gott selten Einzelpersonen berufen hat. Meistens waren es Personengruppen, meistens zwei oder drei, die sich stark ergänzt haben. Inwiefern haben sich die beiden ergänzt? Hieronymus war der absolut Brillante. Er war genial. Hieronymus war ein Rhetoriker durch und durch. Er konnte die Volksmassen begeistern. Hus dagegen war charakterfest, demütig und etwas bedachter. Und wo der eine vielleicht etwas zu forsch war, war der andere etwas bedachter. Und wo der andere vielleicht etwas zu einfach war, war der andere wieder clever genug. Und zusammen haben sie genau das erreicht, was erreicht werden sollte.

[26:39] Es war in jener Zeit, gerade als Hus, bevor er nach Prag zurückkam, sich in der Ziegenburg versteckt hielt, dass er sich wirklich Gedanken gemacht hat. Bin ich wirklich auf dem richtigen Weg? Ich weiß nicht, ob Sie es schon mal erlebt haben, dass Sie plötzlich einen Weg eingeschlagen sind, der Sie mit der Mehrheit in Konfrontation gebracht hat. Wenn man plötzlich eine Wahrheit entdeckt, etwas Neues entdeckt, was vorher einem nicht klar gewesen ist, und man ist begeistert davon, erlebt man ganz schnell, dass sich ganz viele gegeneinwenden. Und ja, man kann vielleicht sehen, dass es wahr ist, man kann sehen, dass das so sein muss, aber dann stellt man sich schon die Frage, warum sollte ausgerechnet ich die Wahrheit erkannt haben und so viele andere nicht? Und Jan Hus hat sich auch diese Frage gestellt, woher weiß ich, dass ich recht habe? Und wie kann es sein, dass diese Kirche, die seit Jahrhunderten, seit über tausend Jahren anerkannte Herrscherin der Welt ist, dass die falsch liegt? Und Jan Hus hat das Problem so für sich gelöst, er hat gesagt, die Kirche hat schon die richtige Autorität, aber sie missbrauchen ihre Autorität. Und er hat das so ein bisschen verglichen mit dem Volk Israel. Und so wie es für das Volk Israel, wo es auch immer wieder Abfall gab, Propheten brauchte, die die Wahrheit gepredigt haben, so hat er sich auch als jemand gesehen, der die Missstände wieder in Ordnung bringen musste.

[28:03] Wie gesagt, Hieronymus beginnt ihn zu unterstützen und gemeinsam tun sie ein Werk, was keiner von beiden alleine hätte tun können. Übrigens, diese beiden Männer haben längst nicht alle Wahrheiten der Bibel entdeckt. So wie Wycliffe haben sie die ersten Schritte gemacht, sie haben grundlegende Dinge des Evangeliums verstanden, sie haben die Bibel versucht zu studieren, aber nur Schritt für Schritt sind sie der Wahrheit näher gekommen. Und wenn wir in dieser Serie vorangehen, werden wir sehen, wie Gott die Wahrheit Schritt für Schritt offenbart hat. Es ist etwas, was wir in unserem eigenen Leben auch erleben. Ich habe es in meinem Leben erlebt, dass Gott mir nicht alle Wahrheiten auf einmal gezeigt hat. Und ich kann Ihnen versprechen, dass Gott auch in Ihrem Leben genau das gleiche tun wird. Schritt für Schritt zeigt er, worauf es ankommt. Aber an jedem Schritt brauchen wir den Mut zur Wahrheit, um dieser Wahrheit auch Ausdruck zu verleihen. Wir werden sehen, dass die Reformation nur deswegen voranging, weil jedes einzelne Glied in der Kette die Wahrheit, die es erkannt hat, auch verteidigt hat. Wycliffe hat das, was er erkannt hat, genommen und verteidigt. Und Hus, der dann von Wycliffe abhängig war und das gesehen hat und dann weiter studiert hat, hat das, was er entdeckt hat, verteidigt. Und so geht die Kette dann immer weiter.

[29:25] Wie gesagt, Europa befand sich in der Dreifachspaltung des abendländischen Schismas. Und das konnte so nicht weitergehen. Während Hus immer weiter im Konflikt mit Rom steht, muss die Kirche selbst dringend reformiert werden. Das sah nicht nur Jan Hus, das sah sogar der deutsche Kaiser. Und während Hus immer wieder diese Frage gestellt wird, die schon Elia gestellt worden ist, bist du da, der Israel ins Unglück bringt? Man hatte Jan Hus damit verantwortlich gezeichnet, dass er die ganze Nation Böhmen in Aufruhr bringt.

[30:03] Während das immer so weitergeht, entschließt sich der Kaiser vom Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, übrigens der Bruder des Böhmischen Königs, Siegesmund, ein allgemeines Konzil einzurichten, das jetzt diese Kirchenspaltung überwinden soll. Das ist einer der drei Päpste, Johannes der 13., 23., und der sollte dieses Konzil jetzt einrufen. Und auf diesem Konzil sollte nicht nur die Kirchenspaltung überwunden werden, es sollte auch alle Heresie, alle Ketzerei ausgerissen werden. Und naja, dazu musste Jan Hus ebenfalls eingeladen werden.

[30:43] Weiß jemand, wo das ist? Das ist Konstanz, das ist das Konzilsgebäude. Kann man heute noch besuchen. An keinem anderen Ort der Reformation bin ich so oft gewesen wie in Konstanz. Ich liebe es. Es gibt ganz, ganz viele Stellen, die man da besuchen kann. Wenn Sie mal nicht wissen, wo Sie hinfahren sollen die nächsten Wochen und Monate, fahren Sie mal nach Konstanz. Ist wirklich eine Reise wert, wenn man diese Geschichte hier gut kennt.

[31:03] Die Freunde von Hus haben ihn gewarnt, geh nicht nach Konstanz. Sie werden dir dort nichts Gutes tun. Aber Jan Hus war bereit, seinen Glauben zu verteidigen. Und er schreibt dann einen Abschiedsbrief an einen seiner Freunde, der mich schon immer sehr bewegt hat, wenn ich ihn gelesen habe. Er sagt, möge die Herrlichkeit Gottes und das Heil von Seelen dein Gemüde in Anspruch nehmen und nicht der Besitz von Fründen und Vermögen. Hüte dich davor, dein Haus mehr zu schmücken als deine Seele und verwende deine größte Sorgfalt auf das geistliche Gebäude. Ich glaube, das sind Worte, die uns heute noch tief treffen. In einer Zeit, wo wir auch heute noch oftmals die meiste Sorgfalt auf unseren äußerlichen Besitz, unser äußerliches Ansehen verwenden. Da kommen diese Worte, die mehr als 500 Jahre alt sind, glaube ich ganz gelegen. Er sagt weiter, sei liebevoll und demütig den Armen gegenüber und verschwende deine Habe nicht durch Festgelage. Solltest du dein Leben nicht bessern und dich des Überflüssigen enthalten, so fürchtig wirst du hart gezüchtigt werden, wie ich selbst es bin.

[32:06] Jan Hus erkannte in der größten Krise seines Lebens, wie viel er in seinem Leben vergeudet hatte. Er hatte gesehen, wie viel Zeit er mit Unnützem verschwendet hat. Als die Krise kam und er plötzlich vor Kaiser und Reich und Konzil gestellt wurde und sich verantworten musste und als er zurückblickte auf sein Leben, als er wusste, vielleicht kommt er nie wieder zurück, da sah er in seinem Leben so viele Punkte, wo er gesagt hat, hätte ich nur meine Zeit besser genutzt. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich weiß nicht, wie es dir geht, lieber Freund, liebe Freundin, wenn du heute auf dein Leben zurückschaust, gibt es da Dinge, wo du sagst, hätte ich nur meine Zeit besser genutzt?

[32:56] Vielleicht lernen wir heute von Jan Hus etwas und ändern das in unserem Leben, bevor wir dann selbst mal erst am Ende unseres Lebens dieser Entscheidung fällen. Er sagt, du kennst meine Lehre, denn du hast meine Unterweisung von deiner Kindheit an Empfang, deshalb ist es unnütz für mich, dir weiterzuschreiben, aber ich beschwöre dich bei der Gnade unseres Herrn, mich nicht in irgendeiner der Eitelkeiten nachzuahmen, in welche du mich fallen lässt.

[33:28] Als Jan Hus, dieser große Mann Gottes, auf dem Weg ist zum Konzil, wo er weiß, dass ihm nur Feinde erwarten, und er die letzten Instruktionen gibt seinen Nachfolgern, Anhängern, da sagt er, schau nicht auf das, was ich verkehrt gemacht habe, auf die Eitelkeiten. Selbst dieser Mann Gottes wusste, als er zurückschaut in seinem Leben, es gab vieles, für das er nicht stolz sein konnte. Wie ist es in deinem Leben, wenn du zurückschaust? Gibt es da auch solche Eitelkeiten, von denen du dir wünschst, dass die nächste Generation oder die, die auf dich schauen, sie nicht imitieren? Jan Hus wusste, gerade weil er so eine große öffentliche Figur gewesen ist, ein Mann, auf den alle aufgeschaut haben, war es nur wahrscheinlich, dass die, die ihm nachfolgten, auch seinen Fehlern nachfolgen würden. Und wir lernen hier etwas sehr Einfaches, aber sehr Profundes, dass egal wer wir sind, wir einen Einfluss haben auf die, die nach uns kommen. Und Jan Hus wusste und musste diese Bitterelektion lernen, dass wenn man nicht von Anfang an ein gutes Beispiel ist in allen Dingen, dass man dann unter Bitten und Flehen versuchen muss, den schlechten Einfluss wieder auszumerzen.

[34:49] Auf dem Umschlag des Briefes fügte er bei, ich beschwöre dich, mein Freund, dieses Siegel nicht zu erbrechen, bis du die Gewissheit erlangt hast, dass ich tot bin.

[35:03] Er machte sich auf den Weg nach Konstanz. Man kann heute noch sein Haus besuchen, wo er gewohnt hat, die ersten Wochen. Hier die Herberge, wo er 1414 angekommen ist. Kleines Museum drinnen, das sehr informativ ist. Am 3. November erreicht er Konstanz und nur zwei Tage später kommt auch Papst Johannes der 23., einer dieser drei Gegenpäpste, an. Er ist der einzige von den drei Päpsten, der persönlich kommt, weil er das Konzil auch einberufen musste, auf Druck von Sigismund. Die anderen lassen sich nur durch Vertreter vertreten. Aber dieser Papst kommt mit allem Prunk und Gepränge, obwohl er auf dem Weg dorthin in den Alpenwohl gestürzt ist und sein ganzer Wagen umgefallen ist, worauf ihm wohl der etwas unpäpstliche Ausspruch »Hier liege ich nun in Teufelsnamen« entfleucht sein soll, ist er dann doch in Konstanz mit großem Prunk eingezogen. Ganz anders als der arme Hus, der so ganz nebenbei in die Stadt hineingegangen ist.

[36:01] Hus kommt an. Er bekommt noch bei Anfang November ein sicheres Geleit, nicht nur von Sigismund, sondern auch vom Papst selbst. Und wird dann doch am 28. November gefangen genommen. Nur wenige Tage später wird er auf die Dominikaner Insel verlegt. Und dann am 24. Dezember zu Weihnachten kommt König Sigismund selbst. Er hatte von den Vorgängen keine Ahnung, war bitterböse, dass sein Wort gebrochen worden ist. Er hatte dem Jan Hus versprochen, du kannst hier sicher her und kannst auch wieder zurück. Aber die Papstanhänger haben ihm gesagt, weißt du was, er ist ein Heretiker. Und einem Heretiker muss man kein Wort halten. So einfach ist das. Und naja, dabei ist es geblieben.

[36:47] Das Dumme war nur, übrigens hier ist die Kerker Insel, der Dominikaner Insel, wo er gefangen genommen worden ist, hier ist der Rhein, mittelalterliches Bild von Konstanz. Das Dumme war nur, dass derselbe Papst, Johannes der 23., der mit solch einem Prunk und solch einer Pracht hinein marschiert ist, dass der selbst wusste, dass wenn man ihn untersuchen würde und seine Handlungsweise der letzten Jahre, dass er nicht lange Papst bleiben würde. Das ist auch passiert, er ist schnell abgesetzt worden. Und dann wusste er, würde es ihm schnell ergehen. So ist Johannes dann am 20. März 1415 geflohen. Übrigens, nur nebenbei, Jan Hus wurde gefangen genommen, weil der Papst behauptet hatte, der würde wahrscheinlich fliehen. Jan Hus hatte aber niemals die Absicht gehabt zu fliehen. Währenddessen hat der Papst selbst die Absicht zu fliehen und ist auch geflohen, wurde dann aber am 29. April in Freiburg gefasst und in dasselbe Gefängnis geworfen wie Jan Hus. Stellen Sie sich das mal vor.

[37:50] Jetzt man würde ja denken, wenn Jan Hus, der das Papsttum kritisiert, im Gefängnis ist und dann das Konzil zu dem Schluss kommt, dass dieser Papst tatsächlich ein Monstrum gewesen ist, das Konzil sagt, er hat Sünden begangen, die man nicht namentlich erwähnen kann. Man würde doch denken, dass man dann eigentlich Jan Hus rehabilitiert hat, oder? Aber dasselbe Konzil, das diesen Papst abgesetzt hat und diese Sünden allesamt aufgedeckt hat und die Missstände versucht hat zu verändern, dasselbe Konzil hat weiter Jan Hus als einen Heretiker betrachtet. Denn Jan Hus war nicht einfach nur in einen Missbrauchsskandal involviert von weltlicher oder geistlicher Hand. Jan Hus war in einem Magna-Konflikt, in einer gewaltigen Auseinandersetzung.

[38:44] Im Gefängnis wird er schwer, schwer krank. Die damaligen Gefängnisse waren nicht wie heute, wo man alle Annehmlichkeiten hatte. Die damaligen Gefängnisse waren ein Loch und da gab es als Gesellschaft Ratten, wenn überhaupt. Da haben wir den Papst in seinem Gefängnis. Das hat er sich wahrscheinlich nicht so geträumt, aber so ist es dann auch für ihn ausgegangen. Und am 4. Mai werden dann auf dem Konzil Wycliffe's leeren Posthum verdammt kurz Zeit später sind ja dann, wie wir letztes Mal gesehen haben, seine Gebeine ausgegraben worden und in den Bach geworfen worden. Und dann wird Hus im Juni vom 5. bis 8. Juni vier Tage lang im Franziskanerkloster vom Konzil verhört. Und ein Bild, wie man ein Künstler sich das vorgestellt hat, ihm werden allerlei Dinge vorgeworfen, aber Jan Hus steht treu zur Wahrheit.

[39:41] Das ist auch eine schöne Lektion, die wir lernen können, dass selbst wenn wir in unserem früheren Leben zwar schon gläubig gewesen sind, viel getan haben, aber doch manchmal nicht so gelebt haben, wie wir es hätten leben sollen. Wenn wir am Ende unseres Lebens treu sind, wir den Sieg davon behalten. Jan Hus hält eine beeindruckende Rede. Und er schreibt dann nach seinem Verhör aus dem Gefängnis. Ich schrieb diesen Brief im Kerker und in Ketten, mein Todesurteil morgen erwartend. Was der gnädige Gott an mir bewirkt und wie er mir beisteht in wunderlichen Versuchungen, werdet ihr erst dann einsehen, wenn wir uns bei unserem Herrn Gott, durch dessen Gnade in Freuden wiederfinden.

[40:25] Gerade dann, wenn der Konflikt am größten wird, gerade dann, wenn wir von allen Seiten am meisten bedrängt werden, gerade dann ist Gott uns am allernächsten. Jan Hus hat das erlebt. Gerade dann, als es nichts mehr zu hoffen war, sagt er, was der gnädige Gott an mir bewirkt hat und wie er mir beisteht. Könnte es sein, dass wir manchmal die Nähe Gottes und den Beistand Gottes gar nicht so sehr erfahren, weil wir dem Konflikt in unserem Leben ausweichen und lieber den Kompromiss suchen? Jan Hus ist dem Kompromiss, also ist dem Konflikt nicht ausgewichen. Jan Hus stand für die Wahrheit, die er erkannt hatte. Und Gott stand ihm bei.

[41:09] Dann am 6. Juli wird der Urteilspruch im Konstanzer Münster erwartet. Und dazu findet sich das gesamte Konzil in seiner Pracht ein. Der Kaiser selbst ist gegenwärtig. Hier haben wir das Münster. Ein Bild von dem Konzil aus einer zeitgenössischen Chronik. Und hier soll jetzt das endgültige Urteil gefällt werden. Böhmische Adlige haben übrigens dagegen protestiert, dass Hus eingekerkert wird. Aber sie hatten keinen Erfolg gehabt. Und wiederum steht er dort, verteidigt sich und dann sagt Jan Hus am Ende, ich bin aus eigenem freien Entschluss vor dem Konzil erschienen. Unter dem öffentlichen Schutz und dem Ehrenwort des hier anwesenden Kaisers dreht sich um, schaut auf Siegesmund. Das gesamte Konzil dreht sich um, schaut auf Siegesmund. Und Kaiser Siegesmund errötet. Er hatte sein Wort gegeben. Aber er hat sein Wort nicht gehalten. Jan Hus darf nicht frei zurückgehen. Er wird verurteilt. Verurteilt bedeutet, ihm wird zuerst seine Priesterweihe abgenommen. Das heißt, man degradiert ihn. Man setzt ihm so hässliche Masken auf und so Mützen und mit Teufeln drauf. Nennt ihn den Erzketzer und dann verspottet man ihn. Und hat das alles sehr würdig ertragen. Ich weiß nicht, wer von uns ist schon mal so richtig verspottet worden? So richtig von oben nach unten verlacht worden?

[42:57] Schau mal, was Jan Hus gesagt hat. Unser Herr Jesus Christus wurde zum Zeichen der Schmierung mit einem weißen Mantel bedeckt, als Herodes ihn vor Pilatus bringen ließ. Und als man ihm dann diese hässliche Mütze aufgesetzt hat, hier mit den Teufeln drauf, hat er gesagt, ich möchte diese Mütze dir zu Ehren tragen, Herr Jesus, der du für mich die Dornenkrone getragen hast.

[43:20] Magna Conflictio bedeutet in unserem Leben manchmal nicht nur, dass wir roher Gewalt ausgesetzt sind, manchmal auch dem Hohn und Spott der anderen. Manchmal ist das schwerer zu ertragen, oder? Hohn und Spott. Aber Jan Hus hat es ertragen und dann ging es hinaus in die Stadt, an jenen Ort, an dem er verbrannt werden sollte. Es gab eine große Prozession. Jan Hus hat nicht etwa traurig reingeschaut. Weiß jemand, was er getan hat währenddessen? Er hat gesungen, ganz genau. Er hat gesungen. Und er hat sogar noch gesungen, als das Feuer um ihn herum angezündet worden ist. So lange gesungen, bis man seine Lippen noch sehen konnte, aber kein Ohr, also kein Laut mehr hören konnte.

[44:15] Das ist der Ort, an dem er verbrannt worden ist, höchstwahrscheinlich. Heute steht dort der sogenannte Hussenstein. Sehr bewegend, wenn man dort steht. 1415. Man hat seine Asche genommen und wollte sie verbrennen, also wegtun, und hat sie dann wohngeworfen in den Rhein. Und der genauso wie schon bei Wycliffe hinaus in den Ozean führt und dort die Wahrheit symbolisch verbreitet hat.

[44:43] Aber es gab noch jemanden, der nach Konstanz gereist war. Manchmal fokussiert sich die Geschichtsschreibung sehr auf Jan Hus, diesen Helden, der dorthin kam, für die Wahrheit einstand und dann verbrannt worden ist, heroisch. Was für ein großes Zeugnis des Glaubens. Aber es gab noch jemanden. Das war Hieronymus. Als Hieronymus gehört hatte, dass sein Freund und sein Kollege Jan Hus eingekerkert worden ist, da konnte er nicht in Prag bleiben. Und er hat sich sofort auf den Weg gemacht und ist nach Konstanz gereist. Als er in Konstanz war, ist ihm aufgefallen, dass das keine gute Idee war. Ich weiß nicht, ob wir schon mal so etwas erlebt haben, dass wir ein bisschen zu vorschnell reagiert haben. Vor lauter Begeisterung jemanden helfen wollten und plötzlich gemerkt haben, es bringt gar nichts. Denn Jan Hus saß im Kerker und als er die Stadt Konstanz betritt, merkt er, auch er ist ein gesuchter Mann. Das Problem ist nur, Jan Hus hatte einen Geleitbrief vom Kaiser und selbst der ist nicht wirklich beachtet worden. Er selbst ist ohne Geleitbrief dort. Völlig auf eigene Gefahr. Übrigens auch eine interessante Lektion, dass wir uns manchmal in eigene Gefahr begeben, weil wir nicht wirklich nachdenken. Und weil wir noch so geistlich motiviert sein mögen, einem Freund zu helfen.

[45:59] Also tut er das, was er tun kann. Er flieht. Und vielleicht hat es jemand mal gelesen, dass er geflohen ist. Aber weiß jemand, wie weit er gekommen ist? Er war fast wieder in Böhmen. Er wurde erst in Hirschau gefasst. Er ist den ganzen Weg von Prag nach Konstanz gekommen, um ihm zu helfen, hat festgestellt, man kann Hus nicht helfen, ist wieder zurückgereist und wurde diesen ganzen Weg verfolgt. Er hätte es beinahe geschafft und wäre beinahe wieder in Sicherheit in Böhmen gewesen. Er wurde dort gefasst und den ganzen Weg wieder zurück nach Konstanz gebracht. Und er wird vor das Konzil gebracht. Er möchte sich verteidigen. Er kann sich nicht verteidigen. Die einzigen Rufe, die er hört, sind in die Flammen mit ihm. Und jetzt weiß er, worauf er sich eingelassen hat. Er wird dann in ein Gefängnis gebracht und hat Zeit, darüber nachzudenken. Auch er wird schwer krank und nach etlicher Zeit wieder vor das Konzil gebracht. Und dort steht er. Und er wird gefragt. Möchtest du die Lehren von Wycliffe und Jan Hus widerrufen? Was wünschen wir uns, was er sagt? Nein, ich stehe fest im Glauben. Wissen Sie, was er gesagt hat? Ich widerrufe. Das Konzil hat Recht gehabt. Wycliffe war ein Heretiker. Und mein Lehrer, Jan Hus, war ein Heretiker. Ich widerrufe. Ich möchte ein treuer, römischer Katholik sein. Nichts zu tun haben mit dieser Heresie.

[47:45] Lieber Freund, liebe Freundin, hast du schon mal die Wahrheit verleugnet? Die Wahrheit verleugnet? Aus Angst vor den Konsequenzen? Warum macht man das? Warum sagt man etwas gegen das eigene Gewissen? Wir hören Hieronymus. Ist es nicht, weil wir Angst vor den Konsequenzen haben? Ist es nicht, weil wir Angst um unser Leben haben oder was auch immer? Hieronymus dachte, dass er durch diese Klugheit vielleicht sein Leben retten kann. Aber was er nicht bedacht hatte, war, als er wieder im Gefängnis saß, war es immer noch dasselbe Gefängnis, aber diesmal war es ganz anders. Bevor er vor dem Konzil stand, saß er im Gefängnis, aber mit Frieden im Herzen. Jetzt saß er im gleichen Gefängnis, ihm ging es immer noch nicht besser, aber sein Gewissen nagte und nagte und nagte und nagte. Er konnte keinen Frieden finden.

[48:45] Oftmals versuchen wir in unserem Leben, den notwendigen Entscheidungen aus dem Weg zu gehen. Aus Angst. Aber meistens fühlen wir uns danach noch viel miserabler. Fast ein ganzes Jahr bleibt er dort. Und während er darüber nachdenkt, was er getan hat, fasst er einen Entschluss. Und hier ist die gute Nachricht von Hieronymus. Gott kann Niederlagen in einen Sieg verwandeln. Und wenn wir noch so grandios gefallen sind, kann der Sieg noch umso größer sein. Mir persönlich gefällt die Geschichte von Hieronymus noch besser als die von Hus. Denn wenn ich mich mit beiden vergleichen sollte, kann ich mich noch eher in Hieronymus wiederfinden. Als Jan Hus. Es ist toll zu wissen, wenn jemand dort hingeht und von Anfang bis Ende treu zur Wahrheit steht. Und das ist das Ideal. Und das, glaube ich, sollten wir immer anstreben. Aber ich glaube, wir alle kennen eigentlich in unserem Leben eher den Hieronymus in uns. Der einknickt. Der versucht irgendwie den einfachen Weg zu gehen. Aber der an Gewissensbissen leidet. Haben Sie auch schon mal in Ihrem Leben Gewissensbisse gehabt? Vielleicht sich die Frage stellt, kann ich das jemals wieder gut machen?

[50:03] Die Frage war auf Hieronymus, kann er das jemals wieder gut machen? Und die Antwort kam schnell. Er wurde wieder vors Konzil gestellt. Und als man ihm dann wieder nicht erlauben wollte zu antworten, eine richtige Antwort zu geben, hat er Folgendes gesagt. Ganze 340 Tage. Habte mich in dem schwersten, schrecklichsten Gefängnis, das nichts als Unfall hat gestanden. Habe den Fußfessel neben höchstem Mangel aller notwendigsten Dinge gehalten. Meinen Gefeinden wehrt Ihr, gnädige Audienz. Mich aber wollt Ihr nicht eine Stunde anhören. Ihr werdet Lichter der Welt genannt. Und verständige Männer, so seht zu, dass Ihr nichts unbedachtsam wieder die Gerechtigkeit tut. Ich bin zwar nur ein armer Mensch, welches Haut es gilt. Ich sage Euch dies nicht, der ich sterblich bin. Meinetwegen, das verdrießt mich, dass Ihr als weise, verständige Männer wieder alle Billigkeit ein Urteil fällt.

[50:49] Als er das gesagt hat, das ist selbst den etwas laxen Kardinälen etwas mulmig geworden. Okay, dann gebt ihm eine Stunde. Soll er sich wenigstens verteidigen. Wirklich ein bisschen ungerecht, wenn jemand ein Jahr im Loch gelegen hat und nicht mal sich verteidigen darf. Wisst Ihr, was Hieronymus gemacht hat? Er hat sich niedergekniet. Er hat sich niedergekniet, vor dem ganzen Konzil, hat gebetet, ist aufgestanden und hat eine Rede gehalten, wie sie das Konzil noch nicht gehört hat. Man hatte gedacht, naja, der hat 340 Tage lang im Dunkeln gelebt, mit Ratten sich unterhalten, im eigenen Kot gelebt, der wird wahrscheinlich das meiste vergessen haben von seinen Lehren. Ganz im Gegenteil. Was Jesus gesagt hatte, fürchtet Euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten mögen, fürchtet vielmehr denen, der der Seele und Leib verdämmen kann in der Hölle. Hieronymus hat in diesem Moment Kraft bekommen von dem, von dem hier die Rede ist. Bei Euch aber sind selbst die Haare des Hauptes alle gezerrt. Er predigt und stellt die Wahrheit so klar wie deutlich heraus und die Leute sind tief bewegt. Tief, tief bewegt. Man hatte gehofft, ihn zum endgültigen Widerruf zu bringen, aber er verteidigt die Wahrheit stärker als die je zuvor.

[52:27] Einige versuchen ihn hinterher im Gefängnis noch umzustimmen und sagen, hey, pass auf, wir sind so begeistert von der Rede gewesen, wir glauben ja, dass Du die Wahrheit hast, aber mach hier noch einen Kompromiss und dann schaffen wir es vielleicht politisch das hinzubiegen und Du kannst wieder nach Böhm zurück und dann schaffen wir es später. Sei jetzt vernünftig, mach ein bisschen Kompromiss mit. Aber Hieronymus hatte gelernt, dass wenn er Kompromisse schließt, er sein eigenes Gewissen verliert und so bleibt er standhaft. Auch er wird zu Tode verurteilt.

[52:59] Eine Sache sagt er, bevor der endgültige Todesurteil kommt. Er sagt über dem nagt und plagt mich keine Sünde, die ich von Jugend an getan habe, so hart, als die an diesem pestilentischen Ort begangene, da ich dem billigen Urteil, so wie er Wickliffe und den heiligen Märtyrer Huss, meinen getreuen Lehrer verhängt wurde, beistimmte und aus Zargheit und Todesfurcht sie verfluchte. Deshalb bin ich an derselben Stelle dagegen, durch Hilfe, Trost und Beistand Gottes und des heiligen Geistes, frei, öffentlich mit Herz und Mund und Stimme bekenne, dass ich meinen Feinden zu gefallen sehr viel Übles getan habe. Ich bitte Gott, mir solches aus Gnaden zu verzeihen und aller meiner Missetaten, wo unter diese die größte ist, nicht zu gedenken.

[53:47] Er hat die Wahrheit verteidigt. Er hat seinen Erlöser Jesus Christus verteidigt, seine Bibel und wir waren bewusst, dass er die Gnade Gottes bedarf. Wie steht es, lieber Freund, liebe Freundin, in deinem Leben? Kennst du den Hieronymus in dir? Siehst du die Notwendigkeit der Gnade? Und die Notwendigkeit, treu zu dem zu stehen, der dich erlöst hat. Er sagt, ihr habt Weikliffe und Hus verdammt, nicht etwa, weil sie an den Lehren der Kirche gerüttelt, sondern weil sie die Schandtaten der Geistlichkeit, ihren Aufwand, Hochmut, ihre Laster gebrannt markt hatten. Ihre Behauptungen sind ungelegbar. Auch ich halte daran fest, gleich wie sie. Und das war natürlich sein Todesurteil.

[54:29] Was ruft er aus? Meint ihr, ich fürchte mich zu sterben? Wie viel anders als ein Jahr zuvor, als er gesagt hat, ja, ja, ja, ja, ja, ich widerrufe. Das ist das Zeugnis umwandelnder Kraft Gottes. Hieronymus in seiner menschlichen Kraft konnte nur sagen, ich hab's nicht so gemeint. Als er Christus ganz annahm und fest in sein Herz geschlossen hat, konnte er sagen, meint ihr, ich fürchte mich zu sterben? Ihr habt mich ein ganzes Jahr in einem fürchterlichen Verließ gehalten, schrecklicher als der Tod selbst. Ihr habt mich grausam behandelt, denn einen Türken, Juden oder Heiden, das Fleisch ist mir buchstäblich auf meinem Knochen bei lebendigem Leibe verfault. Und dennoch erhebe ich keine Anklage, denn Klagen ziehen sich nicht für einen Mann von Herz und Mut.

[55:19] Wow. Wer von uns hat das letzte Mal gesagt, oh, das Leben ist so anstrengend. Ich könnte mich beklagen. Ich hab so viel Stress, es ist so furchtbar. Wenn es nur so wäre. Wer von uns hat schon mal 340 Tage lang in einem Kerker gelebt, bis einem das Fleisch am Knochen verfault ist. Dieser Mann konnte sagen, ich beklage mich nicht. Ich möchte nur, dass ihr die Wahrheit erkennt. Was muss das für eine umwandelnde Kraft sein, die im Wort Gottes ist? Was können wir lernen heute von diesen Männern, die vor fast 600 Jahren diese Worte gesagt haben?

[55:55] Er sagt, ich wundere mich nur über so unmenschliche, will nicht sagen, unchristliche Grausamkeit. Er wurde auf den Scheiterhaufen gebracht. Aber es gibt ein besonderes Detail, eine Geschichte Hieronymus, das mich immer wieder fasziniert. Denn als der, der ihn anzünden soll, von hinten kommt und ihn anzünden will, sieht jemand, was er tut? Was seine Geste ist? Er sagt, komm hier nach vorne. Er hat auf dem Scheiterhaufen gesagt, als hinter ihm das Feuer angezündet werden soll, kommt er mutig nach vorne und zündet ihn vor meinen Augen an. Wenn ich mich gefürchtet hätte, wäre ich nicht hier. Derselbe Hieronymus, der aus Furcht den Glauben verleugnet hat, kann jetzt sagen, wenn ich mich gefürchtet hätte, wäre ich nicht hier. An seinem schwächsten Punkt war er am Ende der größte Sieger. Wissen Sie, dass aus unseren schwächsten Punkten unsere stärksten werden können? Das Kanus-Evangelium. An diesem Punkt war er sogar heldenhafter als Huss selbst. Da ist Kraft im Evangelium, selbst für den Hieronymus in mir.

[57:13] Herr, allmächtiger Vater, mal deine letzten Worte, erbarme dich mein und vergib mir meine Sünden, denn du weißt, dass ich deine Wahrheit alle Zeit geliebt habe. Und so verbrennt auch er. Seine Asche wird ebenfalls in den Rhein geworfen, aber die Wahrheit geht weiter. Die Hussiten, die sich nach Huss benennen, predigen weiter in den Wäldern Böhmens und haben bald ganz Böhmen unter ihrer Kontrolle. Das ist eine Lektion für uns enthalten. Wahrheit ist nicht abhängig von Menschen. Rom hatte geglaubt, wenn man Huss und Hieronymus beseitigt, dann hört die Sache auf. Die Sache ging weiter. Und die Sache ging sogar ziemlich dramatisch weiter. Die Hussiten blasen zum Aufstand. Am 30. Juli werden einige Fragerbeamte aus dem Fenster geschmissen. Das war damals andere Zeit nicht, was? Und am 16. August stirbt dann ihr König Wenzel, Kaiser Sigismund, der eigentlich der Nachfolgekönig gewesen wäre. Nach dem Erbrecht ist beim Volk als Mörder von Huss verschrien und traut sich nicht wirklich die Krone anzunehmen. Und dann kommen schon Kaisertruppen, werden dann von den Hussiten besiegt und jetzt geht es sehr schnell in ein Ort, wird gegründet mit Namen Tabor, von dem aus die Hussiten den Widerstand gegen das Kaiserreich organisieren. Der neue gewählte Papst ruft zum Kreuzzug aus, aber die Hussiten siegen. Immer in Unterzahl. Das ist ihr größter Führer gewesen, Jan Ziska, ein gewaltiger General, der kurz nach dem Ausbruch des Hussitenkrieges blind geworden ist und trotzdem keine einzige Schlacht in seinem Leben verloren hat. Gewaltiger Mann gewesen. Immer wieder rufen die Kaiser und die Päpste zu einem Kreuzzug nach dem anderen auf. 1421, der zweite Kreuzzug. Wiederum ein gewaltiges Kaiserherr wird bei Saad zusammengezogen und bricht dann in wilder Panik aus, ohne dass nur ein Hussit zu sehen ist. Der dritte Kreuzzug endet im Januar 1422. Die Hussiten wenden moderne militärische Mittel an, die Wagentechnik zum Beispiel und dann stirbt Ziska 1424. Prokop wird sein Nachfolger, der ebenfalls in den weiteren Kreuzzugen die Hussiten gewaltige Siege erringt. Hier am 4. August zum Beispiel. Am 2. Dezember wird die Sache sogar vor den Frankfurter Reichstag gebracht und man tut eine Steuer beschließen, weil das Geld alle gegangen ist. Denn jeder Kreuzzug gegen die Hussiten endet in einer Katastrophe. 1431, der fünfte Kreuzzug endet mit einer schweren Niederlage. Immer größere Heere werden zusammengezogen, um dieses kleine Königreich Böhmen irgendwie klein zu kriegen. Aber man kriegt es nicht klein. Gott scheint seine Hand über diesen Hussiten zu halten.

[1:00:19] Und so entscheidet man sich, die Taktik zu ändern. Kennen wir schon vom Samstagabend. Wo bloße Gewalt nichts bringt, schafft es vielleicht die Diplomatie. Ein Konzil wird einberufen in Basel und die vier Prager-Tigel der Hussiten, Freiheit für die Predigt, Freiheit für den Kelch, damals gab es, wie heute in der katholischen Kirche, nur die Hostie, die Hussiten wollten auch den Wein haben, den Kelch. Die Freiheit von säkularer Kirchenherrschaft und die Freiheit von ungerechter weltlicher Herrschaft, das waren ihre vier Punkte, für die sie jahrelang gekämpft haben, als Nachfolger von Huss und seinen Lehren. Und das Konzil sagt, ja, ihr dürft diese vier Punkte bekommen. Fußnote, das Recht ihrer Auslegung, also die Bestimmung ihrer genauen Bedeutung sollte dem Konzil mit anderen Worten dem Papst und dem Kaiser zustehen. Ihr habt eure vier Punkte. Nur was genau sie bedeuten, das entscheiden wir. Die Hälfte der Hussiten geht darauf ein, die andere Hälfte nicht. Der Magna Conflictio ist jetzt wieder innen dran. Es ist immer dasselbe Spiel. Der Kompromiss führt dazu, dass sich die beiden hussitischen Gruppen gegeneinander wenden und sich gegenseitig bekämpfen. Und in der Schlacht von Lipan werden diejenigen, die nicht den Kompromiss anerkennen, geschlagen. Jetzt kämpft Böhmen gegen Böhmen. Blutvergießen folgt. Und 1436 ist es geschafft. Der Hussitenaufstand ist niedergerungen. Und Sigismund kann König werden von Böhmen. Er hat alles investiert. 20 Jahre seines Lebens hat er seine gesamten Ressourcen, seine gesamten Armeen investiert, um diese Wahrheit zu bekämpfen. 1436 scheint er es geschafft zu haben. Ein Jahr später stirbt er. Nichts gewonnen. Aber die Wahrheit geht weiter.

[1:02:17] 1467 werden die böhmischen Brüder gegründet. Das sind Nachfolger der Hussiten, die in den Wäldern Böhmens Wahrheit der Bibel und des Evangeliums weiter predigen. Es sind diejenigen, die die Vorläufer der heutigen Brüdergemeinde sind. Und sie haben Kontakt zu den Waldensern. Und über Jahrzehnte hinweg ist dieser Austausch zwischen Waldensern und zwischen den Brüdern in Böhmen die Gemeinde Gottes. Es heißt, die letzten Jahre des 15. Jahrhunderts bezeugen den langsamen, aber sicheren Zuwachs der Brüdergemeinden. Obgleich sie durchaus nicht unbelästigt blieben, erfreuten sie sich verhältnismäßiger Ruhe. Am Anfang des 16. Jahrhunderts teilten sie in Böhmen und Mähren über 200 Gemeinden. So groß war die Zahl der übriggebliebenen, die der verheerenden Wut des Feuers und des Schwertes entgangen waren und die Dämmerung jenes Tages sehen durften, den Huss vorhergesagt hatte. Wissen Sie, was Huss gesagt hatte? Huss hat gesagt, es dauert noch ungefähr 100 Jahre. Dann wird sich die ganze Sache ändern. Und es dauerte genau 100 Jahre. Die Sache geändert. Was war passiert? Jener Tag, von dem Huss gesprochen hatte, der kam in der Form dieses Mannes. Martin Luther.

[1:03:41] Martin Luther war der gewaltigste Reformer aller Zeiten. Ein Mann, der wie kein anderer Gott gefürchtet hat. Und Gottes Furcht gelebt hat. Martin Luther wurde am 10. November 1483 in Eisleben geboren. Am 11. November wurde er auf den Namen Martin getauft. Das sind seine Eltern. Weiß jemand, wie seine Eltern mit Vornamen hießen? Martin war er selbst. Es waren Hans, genau. Hans und Margarete. Es waren strenge Eltern. Und Luther sagt an manchen Stellen, dass er manchmal etwas zu streng behandelt worden ist. Ist jemand von uns auch zu streng behandelt worden? Aber er sagt an anderer Stelle auch, dass es ihm am Ende doch ganz gut getan hat. Hier hat er die größte Zeit seiner Kindheit verbracht, in Mansfeld. Und er ist dann von Mansfeld nach Magdeburg gegangen, zur Schule und dann nach Eisnach, dort aufs Gymnasium. Und er begann dann im Jahre 501 das Studium in Erfurt. Im Jahre 505 wird er zum Magister Art. Das sind die sieben freien Künste, von denen wir schon gesprochen haben. Im Sommer beginnt er dann das Jurastudium. Weiß jemand, warum? Weil sein Vater wollte, dass er ein guter Jurist wird. Aber während seines Studiums hatte er schon in der Bibliothek, dort in Erfurt, eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Er war ja ein guter Christ, er war ein guter Katholik, aber er hatte dort etwas entdeckt, was er vorher noch nie gesehen hatte, von dem er nicht einmal wusste, dass so etwas existiert. Dort entdeckte er die Biblia Sacra, eine lateinische Bibel. Er kannte schon die Geschichten aus den Evangelien, er kannte auch einige Psalmen, aber er wusste gar nicht, dass es eine Bibel gibt. Das wusste er nicht mehr. Und jetzt entdeckte er sie und liest in ihr. Das war wahrscheinlich noch vor seinem Jurastudium. Er war übrigens jemand, der sehr, sehr fleißig war, sehr gute Leistungen in der Universität erbrachte und diesen Erfolg auf sein religiöses Leben zurückgeführt hat. Er sagt, fleißig gebetet ist über die Hälfte studiert. Hat jemand von uns sehr viel Stress in seinem persönlichen Leben? So auf Arbeit und im Studium oder worüber? So wenig haben sich gemeldet, dass ich glaube, es ist eine äußerst unrepräsentative Zusammenkunft hier. Die meisten Menschen, mit denen ich sonst rede, haben immer nur Stress. Keine Zeit für nichts. Aber dieser brillante Student Martin Luther sagt uns, fleißig gebetet ist über die Hälfte studiert. Könnte es sein, dass fleißig gebetet auch über die Hälfte gearbeitet ist? Ich weiß nicht, ob Sie in Ihrem Leben, auf die Sie live zuschauen, ab und zu mal beten. Ich kann Ihnen diese Empfehlung machen. Selbst wenn Sie vielleicht nicht viel verstehen von der Wahrheit. Luther kannte nicht einmal die Bibel. Wusste nicht mal, dass es eine gibt, aber hat schon gebetet. Und es ist ihm geholfen. Vielleicht kennen Sie wenig von der Bibel bis gar nichts. Aber beten kann auch Ihnen helfen.

[1:06:55] Zum Entsetzen seines Vaters tritt er schon kurze Zeit nach Beginn seines Jurastudiums

[1:07:03] Sein Vater hasste die Mönche. Nicht zu Unrecht, weil die als Bettelmönche ja nur das Geld ausgesaugt haben aus der Gesellschaft. Wahrscheinlich kennen Sie die Legende mit diesem Gewitter und dem Baum dort. Ob das stimmt oder nicht, weiß keiner so genau. Es scheint auch sehr unwahrscheinlich, dass aufgrund dieses Gewitters plötzlich Luther einfach religiös geworden ist.

[1:07:29] Vielmehr scheint es so zu sein, dass durch das Lesen der Bibel er das Gefühl hatte, etwas in seinem Leben ändern zu müssen. Und er das einzige getan hat, was man damals hätte tun können, in ein Kloster gehen. Und er geht in dieses Kloster, wird Mönch. Damals Augustinerkloster in Erfurt. Und auch dort, in diesem Kloster, zeichnet er sich aus als jemand, der wirklich brillant ist und fleißig ist. Er wird schon am 27. Februar 1507 zum Diakon geweiht und am 4. April 1507 zum Priester geweiht.

[1:08:07] Aber all diese Erfolge, seien es in der Universität, seien es im Kloster, wo er schnell kometenhaft aufsteigt, können ein Problem in seinem Herzen nicht lösen. Wohin mit meiner Schuld? Er hatte dort in der Universität beim Lesen der Bibel festgestellt, dass irgendetwas in seinem Leben nicht funktioniert. Deswegen war er ja Mönch geworden. Und er dachte, wenn ich jetzt nur fleißig alle Regeln des Mönchslebens absolviere, dann werde ich Frieden in meinem Herzen bekommen.

[1:08:35] Er sagt später: „War ich ein frommer Mönch gewesen und habe so streng meinen Orden gehalten, dass ich sagen darf: Ist je ein Mönch gen Himmel gekommen durch Möncherei, so wollte ich auch hineingekommen, denn ich hätte mich, wo es länger gewährt hätte, zu Tode gemartert mit Wachen, Beten, Lesen und anderer Arbeit.“ Gibt es da jemanden, der schon mal so richtig heilig werden wollte und alles dafür getan hat?

[1:09:01] Martin Luther war wirklich daran interessiert, in den Himmel zu kommen. Er wollte wirklich Frieden in seinem Herzen haben. Es gibt ja viele Menschen, die wollen das gar nicht, die interessiert das gar nicht, die interessiert nur, wie das letzte Fußballspiel gewesen ist oder was die neuesten Mode ist. Ich weiß nicht, wie ihr so, wie sie so denken, wie ihr Gefühl diesbezüglich ist. Wollen sie wirklich echten Herzensfrieden haben? Wirklich ernsthaft wissen, dass alles in Ordnung ist zwischen Ihnen und Gott?

[1:09:33] Martin Luther war jemand, der wollte das. Er wollte wissen, dass er ein reines Gewissen hat. Und er hat alles versucht. Er hat gesagt, er hat gefragt, was kann ich tun? Man hat ihm gesagt, mach das, mach das, mach das, mach das und er hat es alles erfüllt, übererfüllt, 120% mindestens, damit es auch ja klappt. Was hat geklappt? Gar nichts.

[1:09:55] In seiner Zelle ist ihm einmal die Verzweiflung nahe und er fragt sich: Gott, wenn es dich gibt, wo bist du? Schon mal diese Frage gestellt? Gott, wenn es dich gibt, wo bist du?

[1:10:13] Es war sein Beichtvater, Johann von Staupitz, der ihn auf etwas aufmerksam gemacht hat, was er sein Leben lang nicht vergessen würde. Staupitz sagte zu ihm: „Statt dich wegen deiner Sünden zu kasteien, wirf dich in die Arme des Erlösers. Vertraue auf ihn, auf die Gerechtigkeit seines Lebens, auf die Versöhnung in seinem Tode. Horche auf den Sohn Gottes, er ist Mensch geworden, dir der Gewissheit seiner göttlichen Gunst zu geben. Liebe ihn, der dich zuerst geliebt hat.“

[1:10:41] Wenn man heute über Luther etwas hört, dann konzentriert man sich meistens auf diese spannenden Legenden, der Sturm dort, sein Gelübde dann später, der Tintenfleck, wo der Teufel durchgekommen sein soll. Aber das Leben Luther hat ganz andere Schwerpunkte gehabt. Und es war kein Wunder, keine dramatische Sache, wie er zu Christus gefunden hat. Es war durch einen anderen.

[1:11:03] Ja, stimmt, er hat im Turm dort auch über Römer 1, Vers 17 nachgedacht und hat entdeckt: Gerechtigkeit durch Glauben. Aber das war keine Entdeckung aus sich selbst heraus. Er kam zum Glauben durch jemand anderes. Genauso wie Jan Hus zum Glauben kam durch die Schriften von jemand anderes, kam Luther zum Glauben durch jemand anderes. Ja, stimmt, es gibt Leute, die entdecken die Wahrheit ganz alleine, so wie Wycliffe. Aber viel mehr entdecken die Wahrheit durch jemand anderes.

[1:11:33] Könnte es sein, dass Gott auch heute zu dir, lieber Freund, liebe Freundin, lieber Zuschauer spricht, durch jemand anderes? Nicht durch ein Buch, das von Wycliffe kommt, aber vielleicht durch den Internet-Livestream.

[1:11:51] Luther denkt über die Worte nach und er studiert die Bibel sich bezüglich und er entdeckt tatsächlich, dass wenn er einfach den Worten dieses Buches glaubt, wenn er Christus als seinen persönlichen Heiland annimmt, dass er Frieden bekommt. Etwas, das durch alles Lesen, Wachen, Beten, sich selbst schinden nicht möglich gewesen ist.

[1:12:17] Lieber Freund, liebe Freundin, hast du dein Leben Jesus übergeben? Hast du diese Erfahrung gemacht, dass jemand dir alle Schuld wegnimmt und du frei wirst? Das war das große Thema von Luther. Er spricht später immer von der Freiheit eines Christenmenschen. Wenn die Sorge, die auf uns drückt, weggenommen wird, wenn die Schuld, die uns fast niederkrachen lässt, gelüftet wird. Wenn der Weg, der plötzlich, der vorher nur versperrt war, weil man keinen Ausweg wusste, wenn dieser Weg plötzlich frei wird. Luther hat das erlebt. Dort im Kloster.

[1:13:01] Er begann dann im Herbst 1508 auf Anraten von Staupitz ein Theologiestudium in Wittenberg. Wurde schon im März, nach einem halben Jahr, Bakalarius Biblicus und konnte jetzt Vorlesungen halten über die Bibel. Und dann ein Jahr später oder zwei Jahre später, die Forschung ist sich uneins, reist er nach Rom. Noch war er ein absoluter Rom-Anhänger. Ein Katholik, wie er im Buche steht. Und hat diesen weiten Weg auf sich genommen. Das war damals eine Weltreise. Auch heute wäre es noch ziemlich lange zu Fuß.

[1:13:29] Und er macht eine Entdeckung. Dort bei sich, in Deutschland, sind die Klöster sehr streng. Und man muss sich kasteien. Je weiter er nach Süden kommt, desto laxer ist die Moral. Und desto mehr Unmoral entdeckt er. Und er fragt sich, vor allem in Italien, was ist da los mit den Mönchen? Aber er denkt sich, naja, das wird alles ein Ende haben, wenn ich in Rom selbst bin. Der ewigen Stadt.

[1:13:55] Und als er Rom sieht, von Ferne, vom Hügel, da wirft er sich auf die Erde und sagt: „Gegrüßt seist du mir, heiliges Rom. Jetzt endlich werde ich Ablass bekommen von meinen Sünden und werde, naja, diese religiöse Erfahrung machen, in Rom zu sein.“ Aber je mehr da ist, desto mehr ist er schockiert.

[1:14:17] Er sagt später: „Niemand glaube, was zu Rom für Büberei und gräulich Sünde und Schande gehen. Er hat so eine tolle Sprache, nicht wahr? Er sehe oder höre und erfahre es denn. Daher sagt man, ist irgendeine Hölle, so muss Rom darauf gebaut sein. Denn da gehen alle Sünden im Schwang.“

[1:14:35] Aber noch, noch war er nicht wirklich getrennt von diesem römischen Denken. Noch hat er immer geglaubt, dass, ja, Jesus vergibt mir, aber es ist doch Wert darin, diese ganzen Dinge zu tun. Und so versucht er, diese Treppe hier kniend hoch zu gehen. Das ist die angebliche Treppe von Pontius Pilatus, auf der Jesus Christus entlang gegangen ist, die sogenannte Santa Scala, die heilige Treppe. Sie soll durch ein Wunder von Jerusalem nach Rom gekommen sein, durch eine Frau. Und wenn man auf ihr hochkniet, wird einem generell der Ablass aller Sünden gewährt.

[1:15:13] Und was macht Luther? Er geht zu dieser Treppe und kniet sich nieder und betet. All die Gebete, die er gehört hat, nicht wahr? Und es ist gar nicht so anstrengend, auf Knien eine Treppe hoch zu gehen. Das wird mir jetzt schon gelingen, hier die drei Stufen. Aber während er so dabei seine Gebete spricht, dann ist es ihm, als würde hinter ihm die Tür schallen, die Folgendes sagt: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“ Ein Text, den er schon lange studiert hat.

[1:15:47] Und als dieser Text ihm in den Sinn kommt, springt er auf, rennt weg und schämt sich, dass er überhaupt dort auf der Treppe gewesen ist. Das Bibelstudium, das er vorher betrieben hat, kommt im entscheidenden Moment wieder zu ihm zurück.

[1:15:59] Und hier ist eine interessante Lehre für uns. Wenn wir in der Bibel lesen, im entscheidenden Moment kann Gott bestimmte Bibeltexte in unser Gedächtnis bringen und uns davor bewahren, dass wir große Dummheiten tun. Und so hat er auch das Gefühl gehabt, dass er hier von einer Dummheit bewahrt worden ist, das weiterzutun.

[1:16:19] Als er zurückkommt aus Rom, wird er im Oktober zum Doktor der Theologie. Und er hat jetzt alle Zeit, sich in die Bibel hinein zu vertiefen. Er studiert das Hebräische, er studiert das Griechische und er predigt über die Bibel. Er predigt auch gegen die Theologie seiner Zeit. Er predigt gegen die Philosophien. Und das bringt natürlich Ärger. Aber was es vor allem gebracht hat, war Licht zu Tausenden. Zunächst einmal dort in Wittenberg. Er war sehr berühmt, sehr angesehen und hat viele, viele Menschen zu einer rettenden Beziehung mit Jesus Christus geführt.

[1:16:59] Aber Jesus hatte schon gesagt, wir haben es schon angesprochen: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Und Martin Luther hatte nicht eher die Wahrheit erkannt und fing nicht eher an, sie deutlich zu predigen: Erlösung aus Glauben allein, dass der Magna Conflictio, der gewaltige Konflikt über ihn hereinbrach.

[1:17:25] Und das kam so. Das Ganze basierte auf einem Grundfundament der katholischen Kirche. Nämlich Petrus selbst. Hier angeblich ist irgendwo Petrus begraben, nicht wahr? Und über diesen Begräbnisplatz sollte eine neue Kirche errichtet werden, die Petersbasilika. Das sind nun die Pläne aus der damaligen Zeit. Das hat übrigens eine enorm lange Zeit gedauert, bis die irgendwann mal fertig war. Leo der Zehnte hat versucht, dieses Projekt voranzubringen, aber es fehlte an etwas ganz Entscheidendem. Weiß jemand, was ihm gefehlt hat? An Geld. Ohne Geld kann man so ein Prachtbau nicht vollenden. Und so musste Geld her.

[1:18:07] Und woher nehmen, wenn nicht stehlen? Ein Plan wurde erfunden. Vor allem im Auftrag von Erzbischof Albrecht von Mainz und Magdeburg war dieser Mann hier unterwegs. Sein Name war Tetzel. Und Tetzel war ein gemeiner Krimineller, der Mönch geworden war und deswegen der Strafe entzogen hat. Und jetzt als Wanderprediger den sogenannten Ablass gepredigt hat. Und damit war er sehr erfolgreich. Hat den Menschen deutlich gemacht.

[1:18:37] Also bevor wir das erzählen, vielleicht ganz kurz, was sagt die Bibel zum Ablass? Es gab jemanden schon im Neuen Testament, der wollte Gottes Gabe für Geld kaufen können. Weiß jemand, wer das war? Es war ein Simon. Nicht Simon Petrus, sondern Simon Magus. Man nennt das Ganze auch Simonie. Wenn man Gottes Gabe mit Geld kaufen möchte. Petrus hatte gesagt: „Dein Geld fahre mit dir ins Verderben.“ Aber diejenigen, die angeblich die Nachfolger von Petrus sind, haben genau diese Methode verwendet, um eine Basilika über Petrus Grab zu errichten. Dem vermeintlichen.

[1:19:15] Und so ist dieses ganze Geschäft aufgerichtet worden. Naja, für manch einen ist es ja auch einfacher, Geld zu bezahlen, oder? Als die Bibel lesen, seine eigenen Sünden erkennen, zu bereuen und dann vielleicht auch noch zu lassen, dass ein Zehner schneller aus der Tasche geholt. Und so hatte diese Methode enormen Erfolg. Enormen Erfolg.

[1:19:51] Vielleicht kennt jemand diesen Spruch: „Wenn der, wie war es das? Wenn der, wenn das Geldstück im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer sprengt oder in den Himmel springt.“ Gibt es verschiedene Varianten, nicht wahr? Er war sehr findig, dieser Tetzel, mit Predigtsprüchen.

[1:20:09] Luther war das Ganze ein Dorn im Auge. Denn mittlerweile war ihm so klar geworden: Ein neues Herz, Frieden im Herzen, bekommt man nicht durch Geld und gute Werke, man bekommt es durch Glauben an Jesus und ein Studium der Liebe. Und so predigt er bereits 1516 gegen den Ablasshandel.

[1:20:27] Und am 4. September 1517 formuliert er, wie viele Thesen? Schon gewusst? Es waren ursprünglich 97 Thesen für eine Disputation. Er möchte das Ganze mit anderen Gelehrten an der Universität besprechen und diskutieren. Aber dann kommt ihm eine Idee.

[1:20:47] 4. September, gar nicht mehr lange hin, bis zu Allerheiligen, haben wir auch bald, nicht wahr? Wann haben wir Allerheiligen? Am Freitag, nicht wahr? Also stellen wir uns vor, wir wären jetzt im Jahre 1517, am Freitag ist Allerheiligen. Zu Allerheiligen kommen gewaltig viele Pilger nach Wittenberg, denn Wittenberg hat eine berühmte Sammlung von Reliquien und wenn man Reliquien angeschaut hat und das alles angeguckt hat, dann hat man Sündenablass bekommen.

[1:21:19] Also hat er sich überlegt, wäre es nicht geschickt, einen Tag vorher meine Thesen dort publik zu machen? Und das macht er. Er kommt zu der berühmten Schlosskirche Wittenberg, dort an die Tür und schlägt am 31. Oktober 1517 seine 95 neuen Thesen an. Da haben wir ihn.

[1:21:41] Und das waren sehr, sehr interessante Thesen, die sich alle mehr oder weniger gegen den Ablasshandel eingesetzt haben und für ein wahres Evangelium. Hier haben wir ein paar Beispiele. Wenn jemand Latein kann, kann er es uns übersetzen. Aber vielleicht verschieben wir es auf ein anderes Mal. Die Zeit rennt uns da weg. Das war die Disputatio Virtute Indulgen. Also der Ablass, nicht wahr? Disputation darüber.

[1:22:07] Luther wollte eine Disputation in Wittenberg. Einige Tage später waren seine 95 Thesen in ganz Deutschland. Einige Wochen später waren seine 95 Thesen in ganz Europa. Schon von Beginn an der Reformation glitt ihm das Ganze förmlich aus den Händen. Es war so, als ob jemand seine guten Ideen nehmen würde und weit über das hinaus verbreiten würde, als er ursprünglich jemals geplant hatte.

[1:22:35] Das lag nicht zuletzt an einem modernen Medienmittel der damaligen Zeit, dem Buchdruck. Das war sozusagen wie das iPhone heute oder das Internet. Das hat es möglich gemacht, innerhalb kürzester Zeit, unvorstellbar schnell, Informationen von A nach B zu bringen. Und Deutschland steht Kopf innerhalb weniger Wochen. Da wagt es doch ein Mönch, gegen den Ablasshandel der großen Kirche zu stehen.

[1:23:01] Manchmal ist es so, dass wenn wir einfach uns für die Wahrheit entscheiden und einfach mal für die Wahrheit Ausdruck verleihen wollen, dass wir plötzlich ins Schlaglicht geraten. Und wir haben es gar nicht gewollt. Und da fand sich Martin Luther jetzt wieder.

[1:23:15] Ihm wird natürlich vorgeworfen, er würde sich nur selbst ins Rampenlicht stellen wollen, er würde sich selbst erhöhen wollen, er sei selbstsüchtig, suche Anhänger. Und dann sagt er Folgendes: „Wer kann eine neue Idee vorbringen, ohne einen Anschein von Hochmut, ohne Beschuldigung der Streitlust? Weshalb sind Christus und alle Märtyrer getötet worden? Weil sie stolze Verächter der Wahrheit ihrer Zeit schienen und neue Ansichten aussprachen.“

[1:23:41] Manchmal ist es auch so in unserem Leben, wir entdecken eine neue Wahrheit und plötzlich sagen alle um uns herum: „Hey, werd nicht so extrem. Du willst nur auf dich aufmerksam machen. Du willst nur was Besonderes sein. Wir sind doch auch alle so groß geworden, wir haben alle in dieser Kirche gelebt, warum willst du etwas anderes machen?“

[1:23:57] Luther sagt: „Schon Christus war ein Verächter der Wahrheit seiner Zeit. Das heißt, ohne die Organe der alten Meinung demütiglich um Rat zu fragen. Ich will nicht, dass nach Menschenrat, sondern nach Gottesrat geschehe, was ich tue. Ist das Werk von Gott? Wer möcht's hindern? Ist nicht aus Gott, wer möcht's fördern? Es geschehe nicht mein, noch ihr, noch euer, sondern dein Wille, Heiliger Vater im Himmel.“

[1:24:21] Von Anfang an hat Luther eine Eigenschaft gehabt, er hat sich nicht von Menschen abhängig gemacht. Das musste sich zwar noch entwickeln, aber es war von Anfang an abgelehnt.

[1:24:29] Auch Luther ist in Zweifel überkommen. Er war nicht immer der polternde, starke Glaubensheld. Es gab Zeiten, wo er sowas gesagt hat: „Wer war ich, elender, verachteter Bruder dazu mal, der sich sollte will des Papstes Majestät setzen, vor welcher die Könige auf Erden und der ganze Erdboden sich entsetzten und allein nach seinen Winkeln und den Winkeln des Papstes sich setzten und allein nach seinen Winken sich mussten richten. Was mein Herz in jenen zwei Jahren ausgestanden und erlitten habe und in welcherlei Demut der Verzweiflung ich da schwebte, ach, da wissen die sicheren Geister wenig von. Die Herrschaft des Papstes Majestät mit großem Stolz und Vermessenheit angegriffen.“

[1:25:11] Was er da sagt, ist ganz einfach: Später, als die Reformation etabliert war, da gab es viele, die gesagt haben: „Ja, ja, der Papst ist Antichrist und Reformation und Gerechtigkeit aus Glauben, wunderbar.“ Das ist relativ einfach, wenn man schon in einen betretenen Pfad geht. Aber wenn man der Erste ist? Wenn da keiner ist, der ihm hilft?

[1:25:31] Er hätte sich schon gefragt: Ist es wirklich, ist es wirklich wert, dafür so einzustehen? Wer bin ich?

[1:25:41] Er sagt: „Es ist vor allem gewiss, dass man die Heilige Schrift weder durch Studium noch mit dem Verstand erfassen kann. Es ist erst Pflicht, dass du mit dem Gebet beginnst und den Herrn bittest. Er möge dir zu seiner Ehre, nicht zu deiner, in seiner großen Barmherzigkeit, das wahre Verständnis seiner Worte schenken.“

[1:26:01] Martin Luther hatte erkannt, dass es nicht darauf ankommt, einfach nur intellektuell zu sein, einfach nur die Bibel von vorne nach hinten durchzulesen, sondern zu beten. Er hat verstanden, darauf anzukommen, dass wir von Gott abhängig sind. Ich weiß nicht, wie es dir geht, bist du in deinem Leben von Gott abhängig? Oder bist du davon abhängig von dem, was du weißt, was du gelernt hast, was du erkannt hast, was du studiert hast? Bist du von Gott abhängig?

[1:26:39] Rom säumte vor Wut über diesen Mönch, der es gewagt hat, in dem größten Land Deutschlands, die Macht des Papstes anzugreifen. Aber Luther sagt weiter: „Das Wort Gottes wird uns von seinem Urheber ausgelegt, wie er sagt, dass sie alle von Gott gelehrt sind.“

[1:26:57] Lieber Freund, liebe Freundin, vielleicht hast du den Eindruck, dass du aus der Bibel nichts erkennen kannst. Du brauchst Leute, die es dir erklären. Aber Luther verstand: Wenn wir wirklich nach dem Willen Gottes suchen, wenn wir die Wahrheit suchen, wenn wir Frieden im Herzen haben wollen, dann musst du es dir erklären. Der Urheber der Bibel wird es auslegen. Hoffe deshalb nichts von deinem Studium und Verstand. Vertraue allein auf den Einfluss des Geistes. Glaube meiner Erfahrung.

[1:27:31] Vielleicht gibt es heute jemanden hier, oder jemanden, der zuschaut, der auch in seinem Herzen dieses Gefühl hat, so wie Hieronymus oder wie Luther am Anfang seines Lebens: Ich brauche Frieden im Herzen. So kann ich ihn bekommen. Ja, es können andere sein, wie Staupitz oder Wycliffe, die uns auf die Wahrheit hinweisen können, aber es muss dann unser eigenes Verlangen sein, in der Bibel diese Gewissheit zu bekommen. Das hat Luther erlebt. Er hat die Bibel studiert und die Bibel zu seiner Grundlage all seiner Predigten gemacht. Sola Scriptura. Das war sein Maßstab. Allein die Bibel. Und das hat die Romanisten fast zur Weißglut gebracht.

[1:28:09] Sie wurden nach Rom vorgeladen. Und das gleiche Spiel geht von vorne los. Wycliffe wurde nach Rom vorgeladen. Hus wurde nach Rom vorgeladen. Und Luther wird nach Rom vorgeladen. Interessanterweise ist keiner von den drei nach Rom gegangen. Weil Gott dann doch immer noch ein Wörtchen mitzureden hatte.

[1:28:27] In dem Fall hatte Gott ein interessantes Instrument in Friedrich dem Weisen. Das war der Kurfürst von Sachsen. Und der hat dem Leo auf Deutsch sagen lassen: „Mach mal halblang. Das ist sehr schön und gut, dass du der Meinung bist, dass Luther ein Ketzer ist. Bei uns hat das noch keiner so richtig erkannt. Vielleicht können wir ihn in Deutschland verhören lassen. Nicht in Rom.“ Friedrich wusste auch, wenn jemand nach Rom kommt, dann kommt er da nicht mehr raus. In Deutschland wäre die Chance einer Unparteilichkeit vielleicht noch höher.

[1:29:01] Und so musste Leo der Zehnte darauf eingehen und hat dann auch zugestimmt, dass im Zuge des Reichstages in Augsburg 1518 das geschehen soll.

[1:29:11] In jener Zeit ist etwas passiert im Leben von Luther, was von großer Wichtigkeit war. Denn am 25. August kam ein junger Gelehrter nach Wittenberg. Und zwar ein griechischer Professor mit Namen Philipp Melanchthon. Und hier haben wir das gleiche Bild wie vorher. Hus und Hieronymus, und Melanchthon. Da haben wir Melanchthon.

[1:29:35] Wo Luther der polternde, starke, mutige Verteidiger der Wahrheit war, da war Melanchthon der sehr bedachte, jugendliche, gelehrte griechische Professor. 14 Jahre jünger als Luther. Hatte einen kleinen Sprachfehler, aber sehr gründlich, sehr bedacht, liebevoll, demütig. Wo der eine zu schnell war, war der andere zu langsam, aber gemeinsam waren sie perfekt. So ein bisschen wie Petrus und Johannes.

[1:30:07] Und es zeigt, wie Gott oftmals Menschen zusammenbringt, dass Gott kein Interesse daran hat, dass wir einfach die Wahrheit für uns selbst entdecken, sondern dass wir Gemeinschaft haben und auch gemeinschaftlich für die Wahrheit einstehen. Melanchthon kommt, wie gesagt, nach Wittenberg und wird bald einer der besten Mitarbeiter von Luther.

[1:30:23] Der Mann daneben, das war Kardinal Cajetan. Der päpstliche Legat, der in Augsburg ihn verhören sollte. Und das geschieht am 12. bis 14. Oktober. Cajetan verhört ihn, aber Luther weigert sich zu widerrufen. Eigentlich soll er nur widerrufen, aber Luther fängt an zu diskutieren und zu erklären, was er meint und das endet dann in einer riesigen Auseinandersetzung hin und vor und zurück und so weiter. Der Reichstag ist völlig aufgelöst. Und Cajetan schäumt vor Wut, wie kann es der wagen, überhaupt mit mir zu diskutieren.

[1:30:55] Da haben wir ein zeitgenössisches Bild davon. Und dann weiß Luther, er muss schnell weg, ansonsten hat es seinen Stündlein geschlagen. Er flieht am 21. Oktober vor Tagesanbruch im Dunkeln. Dunkle Straßen. Und als er dann erstmal aus der Stadt ist, weiß er, dass er sicher ist.

[1:31:15] Rom verlangt jetzt von Friedrich dem Weißen, dass Martin Luther ausgewiesen wird. Aber der Kurfürst schreibt einfach zurück: „Weil der Doktor Martinus vor euch zu Augsburg erschienen ist, so könnt ihr zufrieden sein. Wir haben nicht erwartet, dass ihr ihn, ohne ihn widerlegt zu haben, zum Widerruf zwingen wollt. Kein Gelehrter in unseren Fürstenhäusern hat behauptet, dass die Lehre Martins gottlos, unchristlich und ketzerisch sei.“

[1:31:43] Interessant war, dass die berühmte Reliquiensammlung von Wittenberg fast keine Besucher mehr hatte, aber dass jetzt Studenten ohne Ende nach Wittenberg kamen. Wittenberg wurde nach wenigen Jahren zur führenden Universität von ganz Deutschland und Friedrich dem Weißen, den Kurfürsten, hat es gefreut.

[1:32:01] Und dann ist wieder etwas Interessantes passiert, was den Gang der Sache aufgehalten hat. Am 12. Januar stirbt Kaiser Maximilian I. Und jetzt suchen all die verschiedenen Politiker ihrer Zeit, sie haben keine Zeit, sich mit Luther zu beschäftigen. Und wieder gibt es so ein Zeitfenster, wo Luther Zeit hat, seine Gedanken zu entwickeln, Bücher zu schreiben, weil die ganze Welt damit beschäftigt ist, einen Kaiser zu suchen, hat Luther Ruhe in Wittenberg.

[1:32:29] Und während er so sich gründlicher vorbereitet auf Disputation, auf Diskussion, geht er durch die päpstlichen Schriften durch. Und was er da entdeckt, schockt ihn. Bis zu diesem Zeitpunkt, trotz all seiner Erkenntnis: Gerechtigkeit aus Glauben, war er immer noch ein treuer Anhänger des Papsttums gewesen. Er hatte geglaubt, man müsse den Papst informieren, über das, was alles schiefläuft. Er hatte sogar seine Schriften dem Papst gewidmet, zum Teil. Aber als er dort die Papstschriften durchgeht, sagte er: „Ich gehe die Dekrete der Päpste für meine Disputation durch und bin, ich sag dir es eben ins Ohr, ungewiss, ob der Papst der Antichrist selbst ist, oder ein Apostel des Antichrists. Elendig wird Christus, das heißt die Wahrheit, von ihm in den Dekreten gekreuzigt.“

[1:33:12] Puh. Was man feststellen muss, ist, dass der Luther im Laufe seiner Zeit, je mehr er sich damit beschäftigt hat, von einem Schock in den nächsten gefallen ist. Je mehr er nach der Wahrheit gesucht hat, desto mehr Wahrheit hat er gefunden. Und das hat ihn manchmal ganz schön zu schaffen gemacht. Und es ist auch in unserem Leben, dass wenn wir nach der Wahrheit suchen, werden wir Wahrheit finden. Und das wird uns manchmal zu schaffen machen. Die Frage ist nicht, werden wir Wahrheit finden, die Frage ist, werden wir für die Wahrheit vorbereitet sein. Wenn Gott uns dann die Wahrheit zeigt.

[1:33:41] Ein anderer Punkt war, dass in einer Disputation man gesagt hat: „Luther, du bist in Wirklichkeit nur ein Hussit.“ Und Hussiten, das waren die Ketzer, die vor 100 Jahren verbrannt worden sind. Also sagt sich Luther: „Moment mal, Hus, was hat er denn geschrieben?“ Nimmt sich die Schriften von Hus, liest, was Hus geschrieben hat und ruft dann aus: „Ich habe bisher unbewusst alle seine Lehren vorgetragen und behauptet, wir sind Hussiten, ohne es zu wissen. Aber schließlich sind auch Paulus und Augustin bis aufs Wort Hussiten.“

[1:34:13] Und plötzlich schließt sich der Kreis. Hus hatte gesagt: „100 Jahre werden vergehen.“ Luther liest die Schriften von Hus und sagt: „Es ist genau das Gleiche.“

[1:34:31] „Ich weiß vor starrem Staunen nicht, was ich denken soll, wenn ich die schrecklichen Gerichte Gottes in der Menschheit sehe, weil der König evangelische Wahrheit schon seit über 100 Jahren öffentlich verbrannt ist und für verdammt gilt.“ Er fällt von einem Stock in den nächsten. Und jedes Mal, wenn er eine Wahrheit entdeckt, muss er sich entscheiden. Der Konflikt ist da. Aber Luther hat Gottesfurcht genug und ist abhängig von Gott genug, um sich jedes Mal dafür zu entscheiden.

[1:35:01] Er schreibt einige seiner berühmten Bücher, „An den christlichen Adel deutscher Nation“, im Gefängnis der Kirchen. Und dann schreibt er Folgendes an die deutschen Fürsten. Das muss man sich mal vorstellen. Das ist so, als wenn sie einen Brief schreiben würden an die verschiedenen Ministerpräsidenten.

[1:35:21] „Es ist gräulich und erschrecklich anzusehen, dass der Oberste in der Christenheit, der sich Christi Statthalter und Petri Nachfolger rühmt, so weltlich und prächtig fährt, dass ihn darin kein König, kein Kaiser mag und er soll gelangen und gleich werden. Gleicht sich das mit dem armen Christus und Sankt Peter? So ist es ein neues Gleichnis. Er sagt, sie sprechen, er sei ein Herr der Welt. Das ist erlogen. Denn Christus, der Statthalter und Amtmann, er sich rühmet, sprach vor Pilatus: Mein Reich ist nichts von dieser Welt.“ Es kann doch kein Statthalter weiterregierender sein.

[1:35:55] Der Mann hat scharf gedacht. Und je weiter er sich mit der Wahrheit beschäftigt, desto klarer wird er sein Irrtum deutlich machen und davor warnen. Und das tut er. Und das bringt ihn in den Magna Conflictio seines Lebens.

[1:36:13] Am 28. Juni wird ein neuer Kaiser gewählt. Karl V. Wir werden am Freitag mehr davon hören. Wir sind jetzt gleich am Ende angelangt. Und Karl V. ist ein junger Mann und die Päpstlichen sehen ihre Chance, jetzt Luther doch noch zu bekommen. Am 15. Juli droht ihm Leo X. Der Papst mit dem Bann. Exkommunikation.

[1:36:35] Und die meisten der Freunde Luthers fangen an, wankelmütig zu werden. Es macht ja Spaß, ein bisschen Revolution zu machen, ein bisschen mal gegen die Autorität zu rebellieren. Aber wenn dann die Autorität sagt: „Okay, alles oder nichts. Wenn ihr nicht widerruft, dann seid ihr ausgeschlossen. Ihr seid dann vogelfrei. Jeder kann euch töten.“ Dann sagen die meisten: „Ja, okay.“

[1:36:59] Und selbst Luther hat gezittert. Aber dann hat er Folgendes gesagt: „Wie soll es werden? Ich bin blind für die Zukunft und nicht darum besorgt, sie zu wissen. Wo die Schlag fällt, wird mich ruhig lassen. Kein Baumblatt fällt auf die Erde ohne den Willen des Vaters. Wie viel weniger wir.“

[1:37:17] Lieber Freund, liebe Freundin, egal was für ein Damoklesschwert über deinem Kopf hängt. Egal was für Krisen sich auf deinem Weg sich gerade befinden. Egal wie schlimm oder düster die Zukunft scheint. Kein Baumblatt fällt auf die Erde ohne, dass der Vater es weiß. Wie viel weniger bei uns. Es ist ein geringes, dass wir um des Wortes willen sterben oder umkommen, da er selbst im Fleisch erst für uns gestorben ist. Also werden wir mit demselben aufstehen, mit welchem wir umkommen und mit ihm durchgehen, wo er zuerst durchgegangen ist, dass wir endlich dahin kommen, wohin er auch gekommen ist und bei ihm bleiben ewiglich.

[1:37:55] Die Bulle kommt. Leo schreibt. Er ist exkommuniziert. Luther bekommt die Bulle. Er schreibt: „Endlich ist die römische Bulle mit Eck angekommen. Ich verlache sie nur und greife sie jetzt als gottlos und lügenhaft ganz eckianisch an. Ihr seht, dass Christus selbst darin verdammt werde. Ich freue mich aber doch recht herzlich, dass wir um der besten Sache willen Böses widerfahren.“ Können wir uns erinnern, was Jesus gesagt hat? „Wenn ihr schlimme Dinge erlebt, freut euch und jubelt.“ Kriegen wir mal so ein Jubel hin?

[1:38:25] Kurz vor Schluss unseres heutigen Vortages. Ich zähle bis drei, dann jubeln wir alle nochmal. Eins, zwei, drei. Letztes Mal am Samstagabend war es ein bisschen lauter, aber okay. Wir üben das nochmal.

[1:38:39] Luther, als er jetzt weiß, woran er ist, als er sich für die Wahrheit entscheidet, hat plötzlich ein reines Gewissen und Freude im Herzen. Manchmal, ganz oft in unserem Leben ist es so, dass wir eine Sache wollen, uns dafür entscheiden wollen, aber uns nicht ganz sicher sind, dann sind wir unsicher. Sollen wir es wirklich machen? Soll ich das annehmen? Soll ich dieser Wahrheit folgen? Soll ich diesen Schritt gehen? Ja oder nein? Aber wenn ich den ersten Schritt gegangen bin, dann ist Frieden in meinem Herzen. Dann kann er sagen: „Ich lache sogar über die Papstbulle. Ich bin nun viel freier, nachdem ich gewiss weiß, dass der Papst als der Antichrist und das Satanstuhl offenbarlich erfunden sei.“

[1:39:21] Und dann tut er etwas, was wirklich nur Martin Luther tun konnte. Er nimmt die Bulle und verbrennt sie öffentlich in Wittenberg. Und das war Krieg. Das war die öffentliche Kriegserklärung an den Papst.

[1:39:33] Und dann sagt er: „Ich empfinde täglich bei mir, wie gar schwer es ist.“ Und das finde ich so interessant, dass Luther selbst zu diesem Zeitpunkt immer wieder solche Sachen sagt. Er sagt: „Ich empfinde täglich bei mir, wie gar schwer es ist, langwierige Gewissen und mit menschlichen Satzungen gefangen, abzulegen.“ Jeden Tag aufs Neue kommen da wieder alte Dinge hoch. Hat jemand von uns schon mal die Erfahrung gemacht? Klaren Sieg errungen gestern und heute kommt das schon wieder angekrochen.

[1:40:05] Er sagt: „Wie schwer ist das. Oh, mit wie viel großer Mühe und Arbeit, auch durch gegründete Heilige Schrift, habe ich mein eigenes Gewissen kaum können rechtfertigen, dass sich einer allein wie den Papst habe dürfen auftreten, ihn für den Antichrist halten. Wie oft hat mein Herz gezappelt, mich gestraft und mir vorgeworfen: Du bist allein klug? Sollten die anderen alle irren und so eine lange Zeit geirrt haben?“ Darf man dem das Folgende sagen?

[1:40:33] Wenn jemand solche Gedanken nicht hat und einfach nur predigt: Vorsicht! Alle wahren Prediger der Wahrheit haben lange damit gerungen, ob es die Wahrheit ist. Wenn es kein Opfer gekostet hat, ist es wohl nicht die Wahrheit. Wie wenn du irrest und so viele Leute in den Irrtum verführst, welche alle ewiglich verdammen würden. Er wusste ja, sein Zeugnis ist ein Beispiel für andere.

[1:40:57] Bis solange, dass mich Christus mit seinem einzigen gewissen Wort befestigt und bestätigt hat, dass mein Herz nicht mehr zappelt.

[1:41:09] Liebe Freunde, liebe Freundinnen, wir haben es uns angelangt. Wir haben drei Männer angeschaut. Jan Hus und Hieronymus und jetzt Luther, den ersten Teil seines Lebens. Und in allen drei Fällen haben wir eine Sache deutlich gesehen. Wir brauchen Festigkeit durch das Wort Gottes. Oftmals erkennen wir Dinge in unserem Leben und sagen: Ja, das könnte schon richtig sein. Aber wir tun die Dinge dann nicht, weil wir uns nicht dafür entscheiden. Luther wusste, durch die Bibel, durch das Wort Gottes wird mein Herz gefestigt.

[1:41:43] Am 3. Januar 1521 wird er mit dem Bann belegt. Aber das macht nichts. Denn einer, der größer ist als der Papst oder der Kaiser oder das Reich, hatte gesagt: „Wenn ihr von der Welt wärt, so hätte die Welt das ihre lieb, weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt heraus erwählt habe. Darum hasst euch die Welt.“

[1:42:07] Lieber Freund, liebe Freundin, wenn ich dich aus der Welt heraus erwählen möchte, es heißt: „Sie haben mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen.“ Und wehe euch, wenn alle Dinge, wenn alle Leute gut von euch reden. Klingt ein bisschen interessant, nicht wahr? Reden alle Menschen gut von dir?

[1:42:29] Nun, nicht, dass wir den Streit suchen, aber wer Christus nachfolgt, ist in einem Magna Conflictio. Aber wer hindurch geht, hat Frieden in seinem Herzen.

[1:42:41] Heute Abend wollen wir ein Lied hören, das Luthers Erfahrung wie kein anderes ausdrückt. Wahrscheinlich kennen sie es und sie werden wissen, auf welches besondere Thema es anspielt. Und wir über die persönliche Entscheidung in ihrem Leben. Vielleicht ist es eine kleine Entscheidung, die ansteht, eine große, die Gott auf ihr Herz gelegt hat. Möge Gott ihnen die Festigkeit schenken, diese Entscheidung zu fällen.

[1:43:09] Lieber Freund, liebe Freundin, ist Gott deine feste Burg? Oder ist er nur eine Holzhütte in deinem Hintergarten? Ist Gott deine feste Burg? Gibt es eine Entscheidung in deinem Leben, klein, groß, was auch immer, wo du weißt: Ich muss da hindurch, ich muss das tun, Gott hat es auf mein Herz gelegt. Egal, ob du wenig weißt oder viel weißt von der Bibel, was auch immer. Und du hast vielleicht Bedenken, dass wenn ich diese Entscheidung fällen würde, dann werden meine Freunde komisch von mir denken oder meine Nachbarn oder vielleicht sogar die deutsche Bundesregierung, was auch immer. Wahrscheinlich eher nicht. Noch sind wir nicht in solchen Konflikten, wie sie Luther hatte.

[1:43:57] Wenn es so eine Entscheidung gibt in deinem Leben, möchtest du nicht aussagen: „Herr, ein Wörtlein kann den Feind fällen. Sprich dieses Wörtlein auch für mich. Ich möchte unbedingt auch eine feste Burg haben in dir.“ Wer von uns möchte sagen: Das ist mein Wunsch? Amen.

[1:44:13] Wollen wir noch gemeinsam beten? Lieber Vater im Himmel, wir möchten dir von Herzen Dank sagen. Von Herzen Dank sagen, dass dein Wort zu uns gesprochen hat und dass wir erkennen konnten, dass es notwendig ist, Mut zur Wahrheit zu haben. Es ist nicht immer bequem, es ist nicht immer einfach, aber es ist immer befreiend. Jan Hus hat das erlebt, Hieronymus von Prag hat das erlebt, Martin Luther hat es erlebt. Manchmal sind sie auf Abwege geraten zwischendurch, aber am Ende haben sie gesiegt im Glauben, weil sie ihr Leben übergeben haben, weil sie diese freimachende Botschaft der Gerechtigkeit aus dem Glauben verstanden haben und das Licht ihre Herzen erwärmt hat. Ich glaube, heute hast du zu uns gesprochen und ich danke dir, dass du uns Kraft gibst in den Entscheidungen, die vor uns liegen. Dass wir nicht einfach nur Geschichte betrachten, sondern dass wir Prinzipien dieser Geschichte auch zu unserer Geschichte machen und dass diese Reformation in unserem Leben weitergeht. Sei du bei uns und führe uns bald wieder gesund hier zusammen, damit wir dein Wort weiter studieren können und mehr erfahren können über diesen großen Konflikt und die letzte Auseinandersetzung. Im Namen Jesu, Amen.


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