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Manuskript zur Sendung >>> Der Sinn hinter dem Unsinn

In dieser Cannstatt Study Hour wird das Thema „Ein grundloser Fluch?“ anhand des Buches Hiob beleuchtet. Der Vortragende, Dominik Buchner, untersucht die Frage nach dem Sinn hinter Leid und Ungerechtigkeit im Leben. Anhand von Beispielen wie Victor Frankl und der biblischen Figur Hiob wird die komplexe Beziehung zwischen Leid, Sünde und Gottes Handeln erörtert. Der Vortrag betont, dass Leid nicht immer eine direkte Strafe für Sünde ist, sondern auch Teil eines größeren göttlichen Plans sein kann, um Glauben zu stärken und Weisheit zu vermitteln.


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Serie: Cannstatt Study Hour 2016 Q4: Das Buch Hiob

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Transkript

[0:00] Ein herzliches Willkommen zur dieswöchigen Cannstatt Study Hour. Ich begrüße euch ganz herzlich und freue mich, dass ihr euch auch diese Folge anschauen wollt. Und wir haben ein spannendes Thema. Wie eigentlich jede Woche, aber auch diese Woche, wollen wir uns mit Hiob auseinandersetzen und uns die Frage stellen: Der Fluch, der ihn getroffen hat, hat er einen Grund? Ein grundloser Fluch, so lautet das Thema. Wir suchen nach dem Sinn hinter dem Unsinn, den wir oft in diesem Leben erleben.

[0:53] Ich möchte mit einer besonderen Personalie anfangen, die mich auch beschäftigt hat während der Zeit meines Studiums ein Stück weit. Und das ist Victor Emil Frankl. Ein Name, der nicht unbedingt jedem bekannt ist und der einem auch nicht als allererstes einfallen würde, wenn man an die Psyche des Menschen denkt. Aber er war neben Personalien wie Sigmund Freud oder Alfred Adler einer derjenigen, der sich auch mit der Psyche des Menschen auseinandergesetzt hat. Aber nicht nur das, er hat sich auch mit der Frage der Psychotherapie beschäftigt.

[1:33] Doch anders als Sigmund Freud, suchte er nicht die Lösung für psychische Probleme in der Befriedigung der eigenen Lust zu suchen, so wie Alfred Adler, der versuchte, die eigene Macht quasi in irgendeiner Form zu stillen oder beziehungsweise zu befriedigen, das Gefühl nach Macht. Nein, Victor Frankl suchte nach dem Sinn. Und das war der Ansatz, den er vertreten hat in seiner Variante, die Psyche des Menschen zu behandeln. Er vertrat auch nicht die Auffassung wie andere, dass der Wille des Menschen und das, was ihm gut tut, abhängt letztendlich davon, das ganze Verhalten, was er an den Tag legt, dass es davon abhängt, was er für positive Erfahrungen gemacht hat und dass diese positiven Erfahrungen letzten Endes sein Verhalten bestimmen werden. Das ist nicht das, was Victor Frankl vertrat. Adler als Urheber der Logotherapie suchte den Willen zum Sinn und er versuchte das seinen Klienten zu vermitteln. Nicht maximaler Lust- oder Machtgewinn und nicht die Bestimmung durch positive Erfahrungen, die einen quasi wie ein Tier bestimmen, sondern der positive Sinn im Leben.

[2:59] Wie kam er zu dieser Auffassung? Victor Frankl war Jude und er hat viele Jahre seines Lebens in einem Konzentrationslager verbracht, nicht nur in einem, sondern in gleich drei verschiedenen. Er war in den KZs Theresienstadt, Auschwitz und Türkheim. Seine komplette Familie ist umgekommen durch die Nazis. Doch statt Verbitterung in seinem Herzen zu hegen, war sein Ansatz, dass er diesen Menschen, die seiner Familie so immensen Schaden zugefügt hatten, dass er diesen Menschen vergeben wollte. Man muss jedoch im gleichen Atemzug sagen, dass er diese Auffassung, diesen Ansatz der Vergebung nicht mit religiösen Inhalten verknüpfte. Für ihn war Vergebung einfach ein Lebensinhalt und das war auch die Haltung, die er während seiner Zeit in den Konzentrationslagern auslebte und warum er wahrscheinlich auch überlebte.

[4:00] Er legte Wert darauf, sich als Gefangener anständig und kooperativ zu verhalten, seine Würde so weit als möglich nicht preiszugeben. Und anders als andere Gefangene in den Konzentrationslagern, in denen er war, war er nicht einer derjenigen, die anderen das Essen stahlen, wenn er Hunger hatte, sondern er war einer derjenigen, der statt zu stehlen, mit anderen teilte, wenn sie das Bedürfnis hatten, mehr zu essen, als ihnen zur Verfügung stand. Und dieses Verhalten beobachtete er nicht nur an sich selbst, sondern er beobachtete es auch vereinzelt bei anderen Gefangenen, denen er dort begegnete. Und diese Beobachtung brachte ihn letzten Endes zu der Schlussfolgerung, dass egal in welchem positiven oder negativen Lebensumstand sich der Mensch befindet, dass immer ein kleiner Rest Entscheidungsfreiheit übrig bleibt, mit der der Mensch bestimmen kann, wie er sich letzten Endes verhalten möchte.

[5:03] In seiner Arbeit als Arzt für psychisch kranke Personen hat Frankl zu seinen Lebzeiten alle Arten von Patienten behandelt, unabhängig davon, ob sie früher Mitglied in der NSDAP gewesen waren oder nicht. Er behandelte sie alle. Er wehrte sich stets gegen die Auffassung, dass man einer Personengruppe kollektiv die Schuld an einem negativen Ereignis geben konnte. So wollte er auch nie das deutsche Volk als Ganzes beschuldigen, das Schuld quasi hatte an der Zeit des Holocaust. Anderen vergeben, ihnen Gutes tun, einen Unterschied machen und das war alles der Sinn, der ihn antrieb und der ihn am Leben erhielt, der ihn wahrscheinlich auch die Zeit des Konzentrationslagers überleben ließ, auch wenn alles um ihn herum sinnlos zu sein schien.

[6:05] Viktor Frankl war ein guter Mann und auch wenn wir Nuancen seiner Auffassung als Christen vielleicht doch etwas anders auffassen würden, so muss man diesen Menschen doch gerade wegen seiner Erlebnisse und seinem Umgang mit diesem hohen Respekt zollen. Die Frage, die wir uns heute stellen wollen, beschäftigt sich mit dem Sinn oder Unsinn des Leides. Welcher Sinn liegt dahinter, wenn man einen Fluch im Leben erlebt? Welchen Sinn hat das Leid? Gibt es überhaupt einen Sinn hinter dem Leid oder ist es einfach sinnlos? Hat Frankl recht, wenn er hinter allem, was er durch und erlebt, einen Sinn sucht?

[6:52] Welcher Sinn steckt hinter dem 11. September 2001? Welchen Sinn hat es, dass Millionen an Menschen in Dritte-Welt-Staaten an Hunger leiden? Warum sind zahlreiche Flüsse in Bangladesch durch die Kleidungsindustrie dermaßen verseucht, dass die Menschen, die dort leben, allesamt krank werden und an Vergiftungen sterben? Warum gibt es Attentate in Paris, Brüssel, in Istanbul? Welcher tiefere Sinn steht hinter dem Leid, dass Naturkatastrophen, Tsunamis, Hurricanes über uns bringen? Ist es tatsächlich gut, wenn man hinter all dem einen tieferen Sinn sucht? Welchen Sinn hat es, wenn wir das erleben und welchen Gedanken hat Gott dabei?

[7:50] Und bevor wir uns dieser Frage jetzt stellen wollen, möchte ich ein Gebet sprechen. Unser Vater im Himmel, wir wollen dir Dank sagen dafür, dass du uns dein Wort gegeben hast, um Fragen zu beantworten wie diese, die wir uns gerade gestellt haben. Das ist nicht einfach und wir können diese Fragen nur dann richtig beantworten, wenn du uns dein Heiligen Geist schenkst, mir als demjenigen, der das Thema behandelt hat und demjenigen, der zuhört hinter dem Bildschirm. Bitte segne diese Zeit, mach, dass wir daraus lernen und etwas Besonderes mitnehmen können und hab Dank dafür. Amen.

[8:39] Das Buch Hiob beschäftigt sich mit den Fragen, die wir gerade gestellt haben und es beleuchtet verschiedene Bereiche, die wichtig sind in Bezug auf diese Thematik, die wir behandeln wollen und die Menschen bis heute immer wieder beschäftigen. Hiob stellt diese Frage in Kapitel 10, wo er Gott mit dem Leid, das er erlebt, konfrontiert. Er weiß, dass er ein Sünder ist und er fragt sich, ob das Leid, welches ihm widerfährt, aus seiner eigenen Sünde resultiert. In Vers 6, Kapitel 10, Vers 6 stellt er die Frage: Suchst du Gott nach meiner Schuld, um mich dafür zu bestrafen? Der Vers sagt wörtlich, dass du nach meiner Schuld fragst und nach meiner Sünde suchst. Und in den Versen 13 und 14 bringt Hiob sein sündhaftes Wesen klar in Verbindung mit dem aktuellen Leid, das ihm widerfährt. Dort lesen wir, wie Hiob sagt: Aber du verbargst in deinem Herzen und ersprichst mit Gott, ich weiß, du hattest das im Sinn, dass du darauf achten wolltest, wenn ich sündigte und mich von meiner Schuld nicht losspreche.

[9:55] Wir haben das in den letzten Wochen schon gesehen, Hiob wusste nicht den Hintergrund, all das, was hinter den Kulissen geschah, hinter den Kulissen des großen Kampfes. Er wusste nicht, dass ein Dialog im Himmel existiert hatte zwischen Gott und Satan, in dem es genau um seine Person gegangen war. Für ihn ist Gott derjenige, der ihm all dieses Leid zufügt. Und deswegen fragt er ihn, warum er das alles über ihn kommen lässt. Aber wir wissen auch, das haben wir auch gesehen, dass nichts von all dem, was Hiob geschieht, irgendetwas mit seinem eigenen sündhaften Handeln, mit einer bestimmten Sünde, die er getan hätte, zu tun hat. Im Gegenteil, Hiob wird zweimal im Buch Hiob dafür gelobt, dass er in dieser ganzen Situation nicht sündigt. Kapitel 1, Vers 22 sagt: In diesem Allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott. Und in Kapitel 2, Vers 10, letzter Teil lesen wir: In diesem Allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen.

[11:04] Das Buch Hiob zeigt klar, der Grund für Leid, das Menschen widerfährt, darf nicht in der Sünde, in einer bestimmten Sünde eines Menschen gesucht werden. Das Leid ist keine direkte Antwort in Form einer Strafe Gottes auf eine Sünde, die getan wurde. Und auch Jesus widersprach dieser Auffassung. In Johannes Kapitel 9 fragen ihn seine Jünger: Meister, wer hat gesündigt? Dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Und es herrschte die allgemeine Auffassung, dass ein Kind auch die Folgen und Konsequenzen der Sünde, die Strafe der Sünde der Eltern tragen musste. Das war eine allgemein übliche Auffassung. Ganz nach dem Motto: Wer sündigt, der braucht sich nicht wundern, wenn er anschließend von Gott mit Blindheit geschlagen wird. Er hat es nicht anders verdient.

[12:02] Aber die Antwort Jesu auf diese Frage ist bezeichnend. Er sagt: Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden. Und diese Antwort zeigt, dass es Faktoren in Bezug auf das Thema Leid gibt, die wir nur in eingeschränkter Weise nachvollziehen können. Trotzdem bleiben Fragen: Ist nicht der Tod eine Strafe, eine direkte Konsequenz der Sünde? Bestraft Gott nicht an vielen Stellen des Alten Testaments die Übertretung seines Gesetzes?

[12:42] In der Tat kann Sünde nicht unbestraft bleiben, das sagt die Bibel ganz deutlich. Römer Kapitel 6, Vers 23 sagt: Der Sünde Sold ist der Tod. Jeder, der sündigt, muss sterben. Und 5. Mose 28 verheißt, in bedingter Prophetie entweder Segen oder Fluch, abhängig davon, wie sich das Volk Israel in Bezug auf die Bundesanforderungen Gottes verhalten wird. Also müssen Menschen, wenn sie sündigen, bestraft werden, oder? Überall in der Bibel zeigt sich, dass Sünde bestraft werden muss. Aber interessant ist, dass sich die Bibel besonders dann mit der Bestrafung von Sünde beschäftigt, wenn diese mit einer gewissen Verstockung des Herzens einhergeht. Es geht Gott demnach in keinster Weise darum, einen gläubigen Menschen zu bestrafen, wenn dieser sein Gesetz übertreten hat. Eine solche Bestrafung wäre überflüssig, denn hierfür ist Jesus am Kreuz gestorben.

[13:49] Jesaja 53, Vers 3 sagt über Jesus: Er ist um unserer Missetaten willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen und dann die Strafe liegt auf ihm, auf das wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt. Es macht also keinen Sinn, wenn wir sagen, Gott straft uns für bestimmte Sünden, die wir tun und gleichzeitig lesen wir über Jesus, er trug unsere Strafe. Wenn Gott tatsächlich straft, dann hat das damit zu tun, dass derjenige, der gestraft wird, ein verstocktes Herz hat, dass er seine Fehler vielleicht nicht einsehen möchte und die Schuld dieser Menschen konnte Jesus auch nicht auf sich nehmen. Oder eine andere Möglichkeit ist, dass Gott klar und offen durch seine Strafe zeigen wollte, wie zum Beispiel bei Mose oder bei David, dass Sünde trotz existierender Vergebung niemals auf die leichte Schulter genommen werden sollte, dass sie schlimme Folgen haben kann. Beispiele wie die von Mose und David finden wir allerdings auch nur sehr vereinzelt in der Bibel. Sie sind nicht der Regelfall und sie haben vermutlich einen eher erzieherischen Zweck.

[15:16] Stattdessen lehrt die Bibel, dass unmittelbar mit Sünde in Zusammenhang stehende Folgen von Menschen als Konsequenz vom Sünder getragen werden müssen. Jedoch denkt sich Gott nicht extra eine Strafe aus, wenn ein Mensch, der Versuchen erliegt und sündigt. Auch dem Buch Hiob liegt es fern, ein solches Gottesbild zu vermitteln. Stattdessen hat das Leid hier seinen Ursprung in Satans Machenschaften, welche Gott im Rahmen des großen Kampfes zugelassen hat. Aber sie sind keine direkte Strafe, um Hiobs Sünde zu bestrafen.

[15:58] In der Betrachtung dieser Woche haben wir auch einen Abschnitt, in dem es um Psalm 119 geht. Und dieser Psalm ermutigt Gott beständig treu zu sein und die Beziehung zu ihm niemals von Erfahrungen positiver wie negativer Art und Weise abhängig zu machen. Und dies kann nur dann geschehen, wenn wir – und ich nehme einfach ein paar Sachen hier aus den Versen 56 bis 72 heraus – wenn wir seine Befehle halten, wenn wir sein Wort ernst nehmen, wenn wir seine Gnade in Anspruch nehmen und wenn wir sein Gesetz nicht vergessen. Das sind Dinge, die der Psalmist hier aufzählt. Ob positive oder negative Erfahrungen, dies ist die Ausrichtung, welche ein gläubiger Mensch haben muss, egal was er erlebt.

[16:54] Und dann geht der Psalmist noch einmal explizit auf das Negative ein, das haben wir betrachtet. Negative Erfahrungen, sie bringen zur Umkehr von irrigen Ansichten. Sie machen mich demütig und sie helfen mir von Gottes Geboten zu lernen. Das bedeutet nicht, dass Gott sich immer eine Strafe für begangene Sünden ausdenkt, denn sonst müssten wir ständig für alles mögliche bestraft werden. Wiederum bedeutet es das nicht, sondern vielmehr, dass Gott das ein oder andere zulässt, um unsere Glaubenserfahrung zu vertiefen und uns ihm näher zu bringen. Und genau um diese Glaubenserfahrung, die Hiob macht, geht es eben in diesem Buch, was wir in diesem Quartal studieren.

[17:45] Gott verursacht das Leid nicht. Wenn er es verursachen würde, warum hat es dann in Eden nicht existiert? Warum existiert es nicht im Himmel, wenn es etwas Positives am Leid gibt? Nein, Gott verursacht das Leid nicht. Aber auf der Welt lässt er es zu. Das Leid an sich hat keinen Sinn und Gott bringt es niemals über einen Menschen, sondern es ist Satan, der das tut. Wenn Satan es jedoch wie bei Hiob tut, dann nutzt Gott die Situation, die Glaubenserfahrung desjenigen, der das erlebt, zu stärken. Hiobs Glaube wird dadurch tiefer, er wird beständiger und er lernt etwas über Gott, was er bei Auslassung dieser Situation nie über ihn gelernt hätte.

[18:36] Wenn Leid an sich nichts Positives ist, wenn es für sich alleine keinen Sinn macht und nicht von Gott verursacht wurde, so nutzt Gott das Leid dennoch, um gläubigen Menschen eine gewinnbringende und stärkende Erfahrung zu vermitteln. Und damit ist das vielleicht mit dem Leid ein bisschen so wie mit der Sünde. Auch die Sünde wurde nicht von Gott geschaffen, aber er ließ zu, dass die Welt in Sünde verstrickt wurde. Er wollte nicht, dass das passiert, aber er ließ es zu und nun nutzt er die Situation, in der diese sünden-erfüllte Welt steckt, insofern, als dass er am Ende, wenn die Sünde wieder abgeschafft und vernichtet wurde, noch stärker aus dieser scheinbar schrecklichen Situation hervorgeht. Er benutzt die Sünde und ihre Auswirkungen, um sich und seine Rolle als gerechter Gott zu rechtfertigen. Doch nur weil er das tut, wiederum bedeutet es nicht, dass er die Sünde wollte oder dass er sie gar geschaffen hätte.

[19:45] Es scheint so, als ob Gott auch negative Dinge und Erlebnisse, auch wenn es zunächst nicht danach aussieht und auch wenn es von ihm in erster Instanz nicht so gewollt ist, schließlich so nutzt, dass damit mit all dem Schlechten plötzlich positive Randaspekte einhergehen und er die ganze negative Situation in etwas Positives umkehrt. Und so wird die Geschichte Hiobs erst im Nachhinein für ihn zu einer positiven Erfahrung.

[20:20] Nur so wird ein Mensch, der lange blind war, verstehen, was es bedeutet zu sehen. Und nur so können wir verstehen, wie Sünde wirklich ist und warum sie im Vergleich zu einem wahrhaft gerechten Gott eigentlich überhaupt nicht erstrebenswert ist. Und vielleicht ist es sogar ein Vorrecht, ein Bewohner dieser sünden-erfüllten Welt zu sein. Nicht, weil es hier so toll ist, sondern weil, wie Jesus sagt, derjenige, dem wie viel vergeben wird, auch viel liebt. Und vielleicht ist das Verhältnis eines Bewohners dieser Erde, der weiß, was Sünde ist und der weiß, was es bedeutet, aus dieser Sünde gerettet zu werden, der hat eine andere Beziehung zu diesem Gott, als jemand, der nie die Erfahrung der Sünde gemacht hat, der nie in dieses Problem verstrickt war. Vielleicht ist die Beziehung der Gläubigen dieser Welt zu Gott noch grad tiefer und intensiver als jene derer, welche auf anderen Welten leben und Gott zwar ebenfalls lieben, aber nie in Sünde gefallen sind.

[21:44] Leid ist also keine Folge meiner persönlichen Sünde. So lehrt es uns das Buch Hiob. Der Grund für die Existenz von Leid kann nicht sein, dass jemand bestraft werden muss. Trotzdem macht Gott das Erleben des Leides zu einer sinnvollen Erfahrung. Leid an sich macht damit noch keinen Sinn, aber ein positiver Umgang mit Leid ist sinnvoll und macht quasi das Leid zu einer sinnvollen Erfahrung.

[22:21] Und dann wendet sich die Betrachtung dieser Woche den Freunden Hiobs zu und hier besonders einem von ihnen, nämlich Eliphas. Hiobs Freunde hatten das, was wir uns gerade angeschaut haben, nicht wirklich verstanden. Zunächst scheinen sie zwar alles richtig zu machen, sie sitzen einfach da, vor ihnen sitzt das personifizierte Elend. Hiob hat eine Erfahrung gemacht, um die er nicht beneidenswert ist. Er hat alles verloren. Zuerst hat er seinen materiellen Besitz verloren und seine gesamte Familie, abgesehen von seiner Frau. Aber als ob das nicht genug wäre, plötzlich geht es ihm selbst an den Kragen und er wird krank. Er wird schwer krank. Und dieser Hiob sitzt nun seinen Freunden gegenüber und diese wissen nichts weiter zu tun und damit haben sie recht, als einfach da zu sitzen, zu schweigen und zu trauern. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie nach diesen sieben Tagen nicht das Schweigen beendet hätten, sondern weiter mit ihm getrauert hätten, anstatt den Mund zu öffnen.

[23:31] Aber nach Ablauf der sieben Tage eröffnet Eliphas als erster das Gespräch. Hiob, Kapitel 4, Verse 7 bis 8. Hier sagt er zu Hiob: Bedenke doch! Wo ist ein Unschuldiger umgekommen? Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt? Wohl aber habe ich gesehen, die da Frevel pflügten und Unheil säten, ernteten es auch ein. Wo ist je ein Unschuldiger umgekommen? Wo wurde je ein Gerechter vertilgt? Die Frevel säen die Ernten es auch ein. Was du säst, das erntest du. Das braucht dich doch nicht wundern, oder?

[24:27] Und dann gibt er vor, ein Gesicht in der Nacht gesehen zu haben, welches ihn erschaudern ließ. Ich lese weiter in Kapitel 4, Vers 12. Zu mir ist heimlich ein Wort gekommen, sagt er, und von ihm hat mein Ohr ein Flüstern empfangen. Beim Nachsinnen über Gesichter in der Nacht, wenn tiefer Schlaf auf die Leute fällt, da kamen mich Furcht und Zittern an und alle meine Gebeine erschraken. Und ein Hauch fuhr an mir vorüber, es standen mir die Haare zu Berge an meinem Leibe. Da stand ein Gebilde vor mir, vor meinen Augen, doch ich erkannte seine Gestalt nicht. Es war eine Stille und ich hörte eine Stimme. Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott oder ein Mann rein sein vor dem, der ihn gemacht hat? Siehe, seinen Dienern traut er nicht und seinen Boten wirft er Torheit vor. Wie viel mehr denen, die in Lehmhäusern wohnen und auf Staub gegründet sind und wie Motten zerdrückt werden. Es wird von morgen bis zum Abend, so werden sie zerschlagen und ehe man's gewahr wird, sind sie ganz dahin. Ihr Zelt wird abgebrochen und sie sterben unversehens.

[25:51] Was sagt Eliphas hier zu Hiob? Wenn dir schon all dieses Leid widerfährt, Hiob, dann musst du am besten selbst wissen, wieso dir das widerfährt. Schau um dich. Niemand, der all das Leid erlebt, was du gerade erlebst, der erlebt das ohne Grund. Man erntet, was man sät. So viel Unrecht trifft einen Menschen nicht, es sei denn, er hat es irgendwo, an irgendeiner Stelle, sich selbst zu Schulden kommen lassen. Man erntet, was man sät, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Und hier ist es verwurzelt, dieses hoffnungslose, schonungslose Denken, dass Gott hinter dir her ist und dass er den Finger schmerzhaft in deine Wunde legt, weil du gesündigt hast und tief ins Fleisch hineinfährt, damit es auch ordentlich wehtut.

[26:47] Welch ein Gottesbild mag Eliphas gehabt haben, wenn er bei seinem Gesicht derart erschauderte. War es wirklich Gott, der ihm da begegnet ist? Wir wissen es nicht. Aber nichts ist gefährlicher, als wenn man Wahrheit mit Irrtum mischt. Und so ist auch nicht alles, was Eliphas in seinen Ausführungen in Kapiteln 4 und 5 anspricht, von Grund auf falsch. Das müssen wir zugeben. Doch wendet er die Wahrheit, die er hier ausspricht, unter einer falschen Prämisse an und richtet somit bei Hiob massiven Schaden an.

[27:28] Es ist, als ob Satan nach Kapitel 2 vordergründig aus dem Buch Hiob verschwindet, aber er ist trotzdem weiter da. Nur jetzt spricht er durch den Mund seiner Freunde ab Kapitel 3. Und so versucht er Hiob jetzt nicht mehr Dinge wegzunehmen. Es gibt ja nichts mehr, was man ihm wegnehmen könnte, sondern er versucht ihn durch seine Freunde aufs Innerste fertig zu machen. Genauso, wie er es bis heute macht, wenn Menschen durch Leitsituationen gehen und sich selbst und Gott schuldig sprechen, so ermutigt ihn Eliphas, dass er erst einmal bei sich selbst anfängt zu suchen und zu schauen, was der Grund ist, warum ihm das alles widerfährt, dass er sicherlich einen Fehler gemacht hat und den Fehler bei sich suchen muss. Das mag nicht falsch sein, aber in dieser Situation hat es nichts mit dem Leid von Hiob zu tun.

[28:32] Und Satan glänzt auch, wenn sich herausstellt, dass Gott derjenige ist, der straft für Sünden, die getan werden. Denn dann ist Gott plötzlich nicht mehr dieser liebevolle und gnädige Gott, sondern dann ist Gott derjenige, der straft, der den Finger, wie gesagt, in die Wunde legt und tief hineinfährt. Gott ist nicht liebevoll. Gottes Herrschaft beruht auf Tyrannei. Und dann glänzt Satan und alle seine Anfeindungen gegen Gott, alle seine Beschuldigungen scheinen sich zu bewahrheiten. Und hierum geht es im Buch Hiob. Aber Eliphas Ausführungen liegt ein falsches Gottesbild zugrunde.

[29:18] Kapitel 4, Vers 19: Sind wir in Gottes Augen wie Motten? Sicherlich. Können wir vor Gott mit unserer Sünde tatsächlich nicht bestehen? Vers 17: Natürlich nicht. Wir sind Sünder, er ist gerecht. Wir können in seiner Gegenwart nicht bestehen. Sollte man sich der Zucht des Allmächtigen widersetzen? Kapitel 5, Vers 17: Nein! Und Eliphas hat recht. Alle diese Aussagen einzeln genommen, sie sind richtig. Eigentlich sagt Eliphas die ganzen beiden Kapitel hindurch nichts Falsches. Und trotzdem ist die Grundlage, auf der er argumentiert, vorbei an der Realität, die Hiob erlebt. Hiob war sich keiner Schuld bewusst, die solch eine explizite Strafe nötig gemacht hätte.

[30:15] Und wenn Hiob nicht mal weiß, warum er gezüchtigt werden muss und was Gott nun genau an ihm auszusetzen hat, dass ihm diese Strafe trifft, welchen Sinn hat dann all das Leid, das ihm hier widerfährt? Züchtigt Gott und straft Gott einen für etwas, das einem nicht vorher bewusst war und vor Augen stand? Züchtigt Gott für Sünden, die mir unbewusst sind? Möglicherweise, um sie mir bewusst zu machen, aber Hiob wird durch die Strafe nichts bewusst. Die Strafe ist einfach sinnlos, er erkennt einfach nicht den Sinn dahinter.

[30:54] Und so ist die Grundlage, auf der Eliphas argumentiert, erschreckend. Es wirkt, als würde er Hiob das Bild eines rachsüchtigen, grauenhaften Gottes schmackhaft machen wollen, der Sünde erbarmungslos straft, sobald sie geschieht, jedes Mal, wenn sie vollzogen wird. Und auf diese Art und Weise versucht Satan, durch Eliphas, dem Hiob das Einzige zu nehmen, was er an dieser Stelle noch hat: seine Hoffnung, seinen Glauben an einen liebevollen, gerechten und barmherzigen Gott, der nur sein Bestes will und sich auch in seiner Notsituation annimmt. Er hat ihm seine Familie genommen, er hat ihm seine Gesundheit genommen, seinen Besitz genommen und jetzt versucht er Hiob auch noch seinen Gott zu nehmen. Und bereits durch seine Frau kam diese Absicht deutlich zu Tage.

[31:56] Erstaunlich, dass es genau das ist, bis heute, was geschieht, wenn Menschen Leid trifft. Leid kommt nämlich nie allein. Mit dem Leid kommen die Gedanken: Wieso Gott so ist, wie er ist. Oder noch einen Schritt weiter gedacht: Ob es Gott überhaupt gibt. Mit dem Leid kommen die Gedanken, Existenz Gottes oder das Wesen Gottes in Frage stellen. Und vielleicht warst du auch schon einmal in dieser Situation. Vielleicht warst du aber auch ein Eliphas, der genau erklären konnte, warum diese Sachen alle so passiert sind, warum jetzt gerade so viel Leid geschehen ist, wo genau das Problem bei der Person liegt, die das Leid getroffen hat und in tiefster Überzeugung das Richtige zu sagen und zu tun, möglicherweise sogar unter der Verwendung von Bibeltexten, von Bibelwahrheiten, Ellen White Zitaten, dem Gemeindehandbuch oder sonst irgendwelchen Dingen, die alle richtig sind. Aber du hast damit dein angefochtenes Gegenüber entmutigt.

[33:10] Vielleicht hast du genau das Richtige gesagt, aber du hast damit alles falsch gemacht, wie Eliphas. Was Eliphas hier sagt, ist nicht falsch. Aber unter Berücksichtigung des Kontextes des großen Kampfes merken wir, dass er mit seinen Ausführungen über Gott an dieser Stelle nicht recht hat und dass er den gerechten Charakter Gottes absolut falsch versteht. Natürlich sind wir in den Augen Gottes wie Motten. Das lesen wir in den Psalmen. Aber deswegen behandelt er uns nicht wie Motten. Natürlich vergehen wir in seiner Gegenwart. Aber er wird ausreichend Vorsorge treffen, dass wir nicht vergehen müssen, dass wir uns entscheiden können, nicht vergehen zu müssen. Und außerdem ist Leid in diesem Fall von Hiob keine Strafe, sondern einfach Teil des großen Konflikts zwischen Gott und Satan. Und dieses Leid kann nicht an der Sünde von Hiob festgemacht werden.

[34:14] Wahrheit und Lüge vermischen sich in der Rede von Eliphas. Und so spricht Satan durch Eliphas zu Hiob und stellt auch nach Kapitel 2 noch Zweifel. Ich lerne daraus, dass sich ein gläubiger Mensch sehr hinterfragen sollte und die Worte bedenken sollte, die er zu seinem Gegenüber zu sagen gedenkt. Wie schnell wird auch heute frei heraus und aufs gerade Wohl verurteilt, in sogenanntem heiligen Zorn vielleicht auch verdammt und das Gericht Gottes über andere herbei beschworen. Manchmal, weil das Herz einfach nur voll von persönlichen Emotionen ist, aber nicht unbedingt. Manchmal ist es vielleicht einfach nur eine innere, ehrliche Überzeugung, die zum falschen Zeitpunkt geäußert wird. Manchmal ist es eine falsche Erkenntnis, die dann den anderen an den Kopf geworfen wird. Aber manchmal ist es tatsächlich vielleicht auch eine echte und gute Erkenntnis, die der andere auch noch nicht verstanden hat, aber die zu diesem Zeitpunkt besser nicht geäußert werden sollte.

[35:27] Ob richtig oder falsch geredet oder erkannt, manchmal wird aus richtigen Aussagen oder besten Motiven vielleicht auch nur deswegen etwas Falsches, weil man sie zum falschen Zeitpunkt oder in der falschen Situation äußert. Es gibt ein sehr schönes Zitat von Ellen White im Buch "Das bessere Leben", Seite 106. Sie sagt hier: Wer oft nach dem Kreuz von Golgatha blickt und sich vergegenwärtigt, dass seine Sünden den Heiland dahin gebracht haben, wird nie versuchen, seine Schuld mit der eines anderen zu vergleichen. Er wird nicht den Richtersitz besteigen, um andere zu beschuldigen. Wer im Schatten des Kreuzes von Golgatha wandelt, den werden kein Richtgeist und keine Selbstgerechtigkeit beherrschen.

[36:23] Erst wenn du dir gewiss bist, dass du dein Ich, ja selbst, dein Leben opfern kannst, um einen irrenden Bruder zu retten, hast du den Balken aus deinem Auge gezogen und bist damit auch bereit, deinem Bruder zu helfen. Diesen Satz finde ich stark. Ich lese ihn nochmal: Erst wenn du dir gewiss bist, dass du dein Ich, ja selbst, dein Leben opfern kannst, um einen irrenden Bruder zu retten, hast du den Balken aus deinem Auge gezogen und bist damit bereit, auch deinem Bruder zu helfen. Bin ich bereit, für die Person zu sterben, die ich jetzt gerade kritisiere? Wenn ja, dann schreibt sie, nun magst du dich ihm nahen und ihm zu Herzen reden. Durch Tadel und Vorwürfe ist noch nie jemand aus seiner falschen Einstellung befreit worden. Dagegen sind auf diese Weise schon gar viele von Christus abwendig gemacht und dahin gebracht worden, sich gegen jedes bessere Wissen zu verschließen. Sanftmut, Milde und gewinnendes Wesen werden die Irrenden retten und eine Menge Sünden bedecken. Die Offenbarung Christi in deinem Wesen übt neuschaffende Kraft auf alle aus, mit denen du in Berührung kommst. Möge Christus sich täglich in dir offenbaren, möge aus dir die Schöpfermacht seines Wortes hervorbrechen, dann besitzt du jenen stillen, sanften und doch so mächtigen Einfluss, durch den andere in die Schönheit des Herrn unseres Gottes verwandelt werden. Zitat aus, wie gesagt, "Das bessere Leben", Seite 106.

[38:12] Es ist also essentiell, dass man sich zuerst selbst prüft, bevor man sich mit dem Tadel an andere richtet. Ein Tadel aus der Beziehung zu Gott heraus zu sprechen, aus der Verbindung, die ich persönlich mit Gott habe, ist richtig. Aber wenn es nur aus persönlichem Eifer und ohne vorherige Prüfung ist, dann kann das Gesagte aus verschiedenen Gründen, die vielleicht gar nicht an den Inhalten, die ich sage, falsch sein. Denn in die Situation, in die ich Nein spreche, in der Situation, in der ich Nein spreche, kann ich erheblichen Schaden zufügen.

[38:52] Abschließend die Frage: Wie hat es Jesus gemacht? Es gibt Berichte, in denen Jesu Tadel recht hart ausfällt. Beispiel Matthäus 16, Verse 21 bis 23. In der Situation, in der Petrus sagt: Das widerfahre dir nur nicht, dass du ans Kreuz gehst und dort stirbst. Was sagt Jesus zu ihm? Hinweg von mir, Satan, du bist mir ein Ärgernis. Matthäus 23, wo Jesus die Schriftgelehrten und Pharisäer als Heuchler, verblendete Führer, Narren, Blinde, Schlangen, Ottern bezeichnet. An diesen Stellen haben wir es mit besonderen Texten zu tun und ich bin mir der Existenz dieser Texte bewusst, deswegen erwähne ich sie an dieser Stelle kurz. Wir haben keine Zeit, sie zu betrachten. Aber es gibt Antworten, warum Jesus an dieser Stelle auf diese Art und Weise reagiert.

[39:49] Uns beschäftigt jedoch in dieser Betrachtung mehr die Frage, wie Jesus im Regelfall mit Menschen umging, die gelitten haben. Welche Worte hat er gefunden? Waren sie tröstend oder waren sie verurteilend? Und ich hatte eben schon einen Text angesprochen, den wir in Johannes Kapitel 9 finden. Diesen Text möchte ich noch aufschlagen, denn er ist aufs engste mit dem Buch Hiob verbunden. Johannes Kapitel 9, Verse 1 bis 3. Jesus ging vorüber, steht hier, und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden.

[40:45] Jesus lenkt den Blick der Jünger an dieser Stelle weg von ihrer eigenen Spekulation, was die Ursache für das hier geschehene Leid sein könnte. Und er lenkt ihren Blick hin auf die Gnade Gottes. Und was er dann macht, ist bezeichnend: Er heilt den Blinden. Dieser geheilte Blinde wird durch das ganze Kapitel 9 hindurch dann zu einem der stärksten Vertreter des Evangeliums. Ein Verteidiger Jesu. Obwohl er ihn auch gar nicht wirklich richtig gut kennt.

[41:23] Und er wird dermaßen kühn in seiner Verteidigung, fast schon dreist, dass die Pharisäer, mit denen er am Ende des Kapitels spricht, sich schon in ihrem Stolz verletzt fühlen. Vers 24 rufen ihn die Pharisäer noch einmal. Sie rufen den Menschen, der blind gewesen war und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre, wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. Er antwortete: Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht. Eins aber weiß ich: dass ich blind war und bin nun sehend. Da fragten sie ihn: Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan? Er antwortete ihnen: Ich habe es euch schon gesagt und ihr habt es nicht gehört. Was wollt ihr es abermals hören? Wollt ihr auch seine Jünger werden?

[42:12] Und jetzt werden sie sauer. Da schmähten sie ihn und sprachen: Du bist sein Jünger, wir aber sind Moses Jünger. Wir wissen, dass Gott mit Mose geredet hat, woher aber dieser ist, wissen wir nicht. Der Mensch antwortete und sprach zu ihnen: Das ist verwunderlich, dass ihr nicht wisst, woher er ist und er hat meine Augen aufgetan. Wir wissen, dass Gott die Sünder nicht erhört, sondern den, der gottesfürchtig ist und seinen Willen tut, den erhört er. Von Anbeginn der Welt an hat man nicht gehört, dass jemand einen blind Geborenen die Augen aufgetan habe. Und ihr wisst nicht, woher er ist, wenn er mich heilt, wenn ich wieder sehend bin, nachdem ich so lange blind war? Wirklich? Ich sage es euch, wäre dieser nicht von Gott, er könnte nichts tun.

[43:07] Die Pharisäer, denen reicht es. Sie antworteten und sprachen zu ihm: Du bist ganz in Sünden geboren und lehrst uns. Du bist doch blind, weil du gesündigt hast und deine Eltern gesündigt haben. Und jetzt willst du uns auch noch belehren, die wir die Oberhäupter sind, die religiösen Oberhäupter? Raus mit dir! Und sie stießen ihn hinaus.

[43:39] Wer ist es in diesem Text, der Sünder verstößt? Ist es Jesus? Es sind Gottes vermeintliche Verteidiger, die sein Wort am besten kennen. Aber was macht Jesus, Gott selbst? Nachdem man den Blinden, den ehemaligen Blinden, verstoßen hat, Vers 35: Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn? Er antwortete und sprach: Herr, wer ist es, dass ich an ihn glaube? Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist es. Er aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an.

[44:35] Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit die Nichtsehen sehend werden und die Sehend blind werden. Das hörten einige Pharisäer, die bei ihm waren und fragten ihn: Sind wir denn auch blind? Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde. Weil ihr aber sagt, wir sind sehend, bleibt eure Sünde.

[45:11] Vergebung macht in den Augen von Menschen keinen Sinn. Und viele, welche sich als Verfechter der Wahrheit sehen und sich dabei anmaßen, andere beurteilen zu können, müssen sich an dieser Stelle fragen: Wo stehe ich? Wo stehe ich wirklich? Sage ich die Wahrheit und vertrete ich sie mit großem Eifer, das ist gut. Scheine ich mehr als andere zu wissen, auch das ist nichts Schlechtes. Aber es ist etwas Schlechtes, wenn ich dabei immer noch blind bin. Wenn ich die Notwendigkeit nicht sehe, dass Jesus auch mich noch von meiner Blindheit heilen muss.

[46:00] In Matthäus 9, Vers 12 sagt Jesus: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Und in Vers 13, selbes Kapitel: Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten. Als die Pharisäer, die auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin steinigten wollten, richtete sich Jesus auf und sagte: Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

[46:31] Daher stellt uns diese Betrachtung heute die Frage: Bist du ein Hiob? Oder bist du ein Eliphas? Ein Hiob, der in einer sündenbeladenen Welt leidet und Gott anfleht und darauf wartet, dass er endlich Gerechtigkeit herstellt. Bist du auch beladen? Bist du krank, krank, geschlagen? Brauchst du Hilfe von Gott? Heilung von Gott? Wurden dir auch schon Dinge weggenommen? Du hast die Welt einfach nicht mehr verstanden und hast dich dann hilfesuchend an Gott gewendet, damit dieser dir einen Ausweg zeigt. Damit er dir deine Sünden vergibt und dir Recht schafft, unabhängig von allem, was du getan hast.

[47:21] Oder bist du lediglich ein guter Ratgeber wie Eliphas, der für alles und jedes leidvolle Ereignis vom Kopf her eine gute Erklärung parat hat und womöglich auch noch die Ursache bei dem unter Leid niedergebeugten Opfer sucht, der die Bibel, Ellen White, das Gemeindehandbuch verstanden hat, richtig liest, der es auf alles und auf jeden liest, außer auf sich selbst, dessen Glaube nur in der eigenen Theorie existiert, aber sich in der Praxis des Anderen ausschließlich in der Praxis des Anderen vollzieht. Jemand, der sich am praktisch gewordenen Glauben anderer vielleicht sogar etwas abschauen könnte. Bist du ein Hiob oder bist du ein Eliphas?

[48:20] Welchen Sinn, welchen Grund hatte der Holocaust? War er ein grundloser Fluch? Das leidvolle Sterben, das war sinnlos, das war grausam und das war schlecht. Ich denke, das können wir heute mit über hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit sagen. Aber kann man auch irgendetwas Positives aus dem Holocaust mitnehmen, lernen? Vielleicht doch. Vielleicht kann man daraus lernen, dass man dieselben Fehler nicht wiederholen sollte. Vielleicht kann man auch, wie Viktor Frankl, eine vergebungsbereite Haltung daraus erlernen und damit nachträglich einen sinnvollen Umgang mit einer an sich sinnlosen Sache erlernen und anstreben.

[49:15] Und das ist es auch, was Hiob lernte in der Situation, die er erlebte. Und wir werden das auch in den nachfolgenden Betrachtungen sicherlich noch sehen. Das Leid an sich war sinnlos, aber Gott bespickte dieses an sich sinnlose Geschehen mit sinnvollen Randaspekten, sodass die Situation im Nachhinein einen positiven Ausgang hatte.

[49:45] Und gleichzeitig lehrt uns die Betrachtung, die wir heute hatten, und ich betone es noch einmal, dass es wichtig ist, dass wir nicht zu gutmeinenden Verteidigern Gottes werden, die jedoch eigentlich nichts von seinem Wesen verstanden haben. Verteidiger, die zwar richtige Inhalte aussprechen und dabei alles falsch machen, weil sie nicht die persönliche Situation des Angesprochenen berücksichtigen, weil sie überheblich sind und überaus selbstgerecht wirken, weil sie schon alles wissen, die nicht ihren eigenen Zustand sehen und mit dem Herzen begreifen, was sie lediglich verstandesmäßig auffassen, deren Gottesbild möglicherweise auch komplett verzerrt und falsch ist.

[50:38] Wir mögen uns daher durch diese Betrachtung ermutigt sehen, dass wir uns hinterfragen im Lichte des Kreuzes. Es ist wichtig, Gott zu verteidigen, aber es ist noch wichtiger, Gott richtig zu verteidigen. Und es ist wichtig, dass wir demütig werden, dass wir Demut aus der leidvollen Situation erlernen, die wir jetzt erleben, um damit das Leid nicht sinnvoll sein zu lassen an sich, aber der ganzen Situation eine sinnvolle Erfahrung zu geben und daraus eine sinnvolle Erfahrung zu machen.

[51:25] Daher die Frage, die uns diese Betrachtung stellt: Bist du ein Hiob oder bist du ein Eliphas? Das war unsere Betrachtung heute. Ich möchte gerne noch abschließend mit euch beten. Gütiger Vater, dein Wesen, dein Charakter, einfach deine ganze Art, wie du mit uns Menschen umgehst, ist wunderbar. Und du bist nicht der Gott, der den Zeigefinger in die Wunde legt und tief hineinbohrt, damit es wehtut, damit wir auch merken, was wir alles falsch gemacht haben. Gott sei Dank bist du so nicht. Ja, du möchtest, dass wir lernen, ein Leben zu führen nach deinem Willen, aber das machst du nicht. Du lehrst es uns nicht durch Strafen, mit denen du uns peinigst und uns auf den richtigen Weg zwingst. Du prügelst uns nicht in den Himmel, dafür danken wir dir, sondern du gibst uns Zeit. Du hörst auch unsere Anklagen, wie du die von Hiob gehört hast. Du verstehst unsere Fragen und du hilfst uns durch Situationen des Leides hindurch, hilfst uns, dass wir lernen, lernen aus der Situation und lernen über dich.

[52:59] Bitte hilf uns, dass wir in Situationen des Leides mehr über dich verstehen, mehr lernen, wie du bist, aber dass wir auch mehr über uns selbst lernen, dass wir lernen, in Demut vor dich zu treten und auch in Demut anderen Menschen zu begegnen und sie nicht zu verurteilen, sondern, anders als Eliphas, in ihre Situation auf die richtige, auf die richtige Art und Weise hinein zu sprechen. Hab Dank, dass du uns das lehren möchtest und dass du uns mit Jesus das beste Beispiel gegeben hast, das wir haben können und so hilf uns Tag für Tag weiter zu wachsen, damit wir dir ähnlicher werden und dein Bild widerspiegeln dürfen. Amen.

[53:50] Ich bedanke mich herzlich fürs Zuschauen, lade auch herzlich dazu ein, auch in der kommenden Woche bei der Betrachtung wieder dabei zu sein. Ich wünsche Gottes Segen und ein gutes Wochenende.


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