In diesem Video tauchen wir in das Jahr 1507 ein, ein entscheidendes Jahr im Leben Martin Luthers. Wir erleben seinen Alltag als Bettelmönch im Augustinerkloster Erfurt, geprägt von strengen Regeln, Gebeten und der ständigen Suche nach Heiligkeit. Das Video beleuchtet die psychische Belastung und die inneren Kämpfe Luthers mit seinem Gottesbild und der Angst vor Verdammnis. Gleichzeitig werden wichtige weltliche Ereignisse des Jahres 1507 wie der Tod Cesare Borgias und die Ernennung von Margarete von Österreich zur Statthalterin der Niederlande thematisiert. Ein weiterer Fokus liegt auf der Ankunft von Christoph Scheurl in Wittenberg und der Priesterweihe Martin Luthers, die zu einem tiefgreifenden persönlichen und familiären Konflikt führt.
Sola Veritas: 12. Schrei der Seele (1507)
Christopher Kramp · Sola Veritas - Die wahre Chronik der ReformationPodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Sola Veritas – Die Wahre Chronik der Reformation
500 Jahre ist die Reformation alt: wird sie fortgeführt oder begraben? Wie verhalten sich Luthers Erben und was wird aus seinen (Wieder)entdeckungen? All das sind wichtige Fragen. Doch beantworten kann sie nur, wer das Reformationsgeschehen selbst gründlich kennt. „Sola Veritas – Die wahre Chronik der Reformation“ bietet weitaus mehr als die üblichen bekannten Zusammenfassungen und Anekdoten. Ausgehend vom Jahre 1482 wird alles chronologisch erzählt, was weltgeschichlich und biographisch (sowohl bezüglich Luther als auch vieler anderer, zum Teil sehr unbekannter Reformatoren) wichtig war. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt des Spätmittelalters, erleben sie das zaghafte Aufblühen von Wissenschaft und Kultur, verfolgen sie die Debatten um philosophische und theologische Streitfragen und entdecken sie Schritt für Schritt mit Luther und seinen Mitkämpfern befreiende biblische Wahrheiten. So wird Kirchengeschichte lebensnah und endlich gut verständlich…. Neue Folgen wöchentlich, bzw. wenn es die Zeit erlaubt. Ein Programm von www.joelmediatv.de
Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:
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Serie: Sola Veritas - Die wahre Chronik der Reformation
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Transkript
[0:37] Herzlich willkommen zu Sola Veritas, die wahre Chronik der Reformation. Heute wollen wir ein Jahr betrachten, das insbesondere eine große Rolle gespielt hat im Denken und Erleben von Martin Luther. Es soll um ein Jahr gehen, in dem wir besonders intensiv gerungen hat. Es soll um Geschichten und Ereignisse gehen, in denen auch wir uns wiederfinden können. Und damit uns das auch wirklich gelingt, wollen wir, wie wir es gewohnt sind, Gott beten, dass er uns diese Einsicht auch heute beim Betrachten dieses Videos schenkt.
Lieber Vater im Himmel, wir möchten dir von ganzem Herzen danke sagen für die Gelegenheit, wieder zurückzuschauen in die Geschichte. Wir möchten dich bitten, dass du uns hilfst zu verstehen, was wir aus dieser Reformationsgeschichte lernen können für unser persönliches Leben. Dass wir sehen können, wie das Ringen von Martin Luther auch oft unser eigenes Ringen ist. Und dass wir in den Antworten, die das Stück für Stück gefunden hat, das Evangelium sehen, dass du für jeden Menschen bereithältst. So möchten wir dich bitten, dass du jetzt mit deinem Heiligen Geist unsere Gedanken führst und leitest. Und danken wir dir dafür durch Jesus Christus. Amen.
[2:03] Teil 12: 1507 – Schrei der Seele. Das Jahr 1507 sah nun Martin Luther als Mönch im Augustinerkloster in Erfurt. Er war jetzt Bettelmönch, das heißt, er musste von Haus zu Haus gehen, um sich das Essen zu erbetteln. Das, was er eigentlich als Kind in Magdeburg und auch in Eisenach getan hatte, wo er dann ja aufgenommen worden war in eine begüterte Familie. Und mit den 23, 24 Jahren, die er jetzt alt war, war das natürlich etwas, was sein Gemüt durchaus beeinträchtigt hat, etwas, das seine Psyche nicht gut tun konnte, gerade in dem Alter, in dem man besonders nach der Identität, nach Anerkennung sucht. Jetzt als Bettler von Haus zu Haus gehen zu müssen.
Die Mönche hatten eine einfache Kleidung zu tragen. Alles war aus Wolle, abgesehen von der leinenen Unterhose. Da gab es das weiße Hemd, die weißen Socken, die weiße Tunika, ein schwarzen Lederriemen, das Kapell, eine weiße Kappe und dann natürlich die schwarze Kutte mit Kapuze und Ledergürtel. Wenn der Mönch auf Reisen war, gab es noch einen Hut und einen Mantel dazu. Auch das Bettzeug im Konvent war sehr simpel: zwei Wolltücher, ein Kissen und eine Decke. Geheizt wurde so gut wie gar nicht. Nur ein einziger Raum im ganzen Kloster war beheizt. Das Frieren, so glaubte man, gehörte zu den gottgefälligen Strapazen. Luther hat später einmal gesagt, dass er oft im Gottesdienst fast buchstäblich erfroren ist.
Der Tagesablauf orientierte sich vor allem an den sogenannten Stundengebeten. Immer wieder zu bestimmten, festgelegten Zeiten sollten die Mönche bestimmte Gebete verrichten. Da gab es ganz festgelegte Zeiten, zum Beispiel schon in der Nacht, quasi noch vor dem Aufstehen, gab es die Matutin. Sozusagen, dass der Tag begann. Später gab es dann die Prim um sechs Uhr morgens. Das gibt uns also einen Eindruck, wann die Gebete verrichtet worden sind. Dann um neun Uhr die Terz, die Sext um zwölf Uhr. Dazwischen ein Mittagsmahl. Dann eine Non um 15 Uhr. Dienen dann noch die Vesper und dann das Komplet am späten Abend.
Es mussten Psalmen gebetet werden und es musste natürlich das Vaterunser gebetet werden. Zwischen diesen Stundengebeten gab es auch verschiedene Versammlungen. Am wichtigsten war die Kapitelversammlung zwischen Vesper und Prim. Dort gelangte man mit einer Prozession hin und dort wurden dann die Heiligen und Märtyrer des nächsten Tages verkündet und daher hatte die Veranstaltung ihren Namen. Ein biblisches Kapitel wurde dann am Morgen vorgelesen. Jeden Freitag war eine besondere Veranstaltung, das Kapitel sie es dann Schuld-Kapitel, weil die Gelegenheit bestand für jeden Menschen, Schuld zu bekennen, öffentlich darauf hinzuweisen, was er verkehrt in der letzten Woche gemacht hatte.
Man unterschied vier Grade der Schuld: die leichte Schuld, die schwerere Schuld, die schwere Schuld und die schwerste Schuld. Zur leichten Schuld gehörte sehr vieles Verschiedenes, zum Beispiel Zuspätkommen, schlechtes Lesen oder Singen, dass man die Augen schweifen ließ, Unruhe in der Kirche oder Zelle, Fehlen beim Lesen oder Singen. Lachen galt als leichte Schuld oder sogar Antritt, zum Lachen gebracht zu haben. Vernachlässigung des Altars und der Wände, wenn man ein Buch ausgeliehen hatte und es nicht zurückgestellt hatte, wenn man Gegenstände zerbrochen hatte, eine Speise verschüttet hatte, wenn man geflucht hatte, ein Amt vernachlässigt hatte oder auch das Murren über Kleidung und Speise, sowie das Brechen des Schweigens zu den vorgesehenen Schweigezeiten. Das alles galt als leichte Schuld und wurde dann von dem Prior, dem Vorsteher des Klosters, mit dem zwangsweisen Beten von mindestens einem Psalm bestraft.
Ein sehr merkwürdiges Konzept, dass das Beten eines Psalms als Strafe darstellt. Kein Wunder, dass die Mönche ein äußerst kritisches, ein äußerst angespanntes Verhältnis zum Beten bekamen, wie wir gleich noch sehen werden. Zur schweren Schuld gehörten Dinge wie Streit, Lüge, Zwietracht, Lästern, das Reden mit einer Frau oder auch das Brechen des Fastens. Und das konnte schon bestraft werden mit drei Fastentagen auf der Erde und dann einem Psalm gewählt. Die schweren Schuldvorgänge wie zum Beispiel eine Million Verstopfung, Tod sind oder auch heimlicher Besitz hatten, dann entsprechend noch schlimmere Strafe. Aber Luther hatte mit diesen Dingen meistens nichts mehr zu tun. Wenn er Verstöße zu bekennen hatte, dann waren das meistens eher kleine, vernachlässigbare Dinge, Verstöße gegen die liturgischen Vorschriften zum Beispiel. Aber alles war so streng reglementiert, dass schon der kleinste Fehler als zumindest leichte Schuld galt und man ständig wieder Dinge gut machen musste.
Das ging so weit, dass das Beten selbst sehr konkreten Regeln unterlag. Man musste nämlich richtig beten. Das Beten an sich selbst rettete noch niemand, sondern es musste mit Sinn und Verstand gebetet werden. Gleichzeitig war das allerdings fromme Leistung, denn durch das Beten konnte man hier etwas bei Gott gewinnen. Und so bestand ständig die Angst, die Worte nicht richtig ausgesprochen zu haben oder die Gebete nicht richtig gemeint zu haben. Wer konnte schon wissen, ob er jedes Wort so verstanden hatte, wie er gebetet hatte. Luther sprach später von den "flattr"-Gebeten, die man ständig dort verrichtete.
Hatte die Bibel nicht gesagt: "Betet ohne Unterlass"? Im Mönchswesen hatte man das jetzt so uminterpretiert, dass ständig irgendwo im Kloster gebetet werden musste. Hugo von St. Viktor hatte einst gesagt, dass für jede verachtete Silbe im Stundengebet man am Jüngsten Tag Rechenschaft ablegen müsse. Und entsprechend groß war die Angst der Mönche und vor allem auch des besonders gewissenhaften Martin Luthers, irgendwann irgendwo etwas falsch gebetet zu haben. Wenn man Stundengebet versäumte, musste man sich später nachholen. Ein Mitmensch von Luther hat jahrelang die Stundengebete alle doppelt gebetet, weil er Angst hatte, irgendwann welche versäumt gehabt zu haben. Und um versäumte nachzuholen.
Es war ein Leben in frommen Leistungsdruck und für den Martin Luther, der ja unbedingt nach dieser Gewissheit, nach dieser Sicherheit suchte, war das alles äußerst irritierend. Es gab zwei Mahlzeiten im Kloster: das frühere Mal um die Mittagszeit und dann das Abendessen. Jeden Freitag und von großen Festen wurde gefastet. Außerdem natürlich in der Fastenzeit vor Weihnachten und Ostern. Zusätzlich am Mittwoch und Samstag fast nie. Hieß damals oftmals lediglich kein Fleisch. Ansonsten war das Fasten trotzdem recht gut gedeckt. Es gab aber auch das extreme Fasten, und Luther kannte das aus eigener Erfahrung. Öfter mal fastete er drei Tage lang ohne irgendetwas zu essen oder auch nur zu trinken. Luther mochte die Fastenzeiten, denn durch die Fastenübung konnte man besonders viel Leistung erbringen. Durch strenges Fasten konnte man Sündenvergebung bekommen und deswegen hat er sich besonders diesem Fasten hingegeben, hat seinen Leib gequält in der Hoffnung, endlich heilig werden zu können.
Interessanterweise hat Luther mit der Sexualität eher weniger Probleme gehabt. Viele Mönche hatten zu kämpfen mit dem Gebot "Du sollst nicht..." Aber Luther, so scheinen die Quellen es nahezulegen, hatte keine besonderen Kämpfe mit seiner Sexualität. Er ging Frauen noch ganz bewusst aus dem Weg, doch auch er berichtet von bösen Träumen und bösen Gedanken, denen er nicht ganz entronnen war. All das musste da natürlich gebeichtet werden. Und auch das Beichten war ein besonderes Futter, denn hier konnte man ja die Sündenvergebung bekommen. Es gab ganz spezielle Bücher, wo die verschiedenen Fälle behandelt wurden, zum Beispiel die sogenannte Engels-Summe. Hier ein Beispiel von Angelo di Clavis oder auch Angelo Collectivus. So je nach Quelle wird er unterschiedlich bezeichnet.
Luther hat schon damals diese Bücher nicht gut gefunden, weil es ihm seltsam vorkam, dass man all das so klar, so ist es, so nach Fällen getrennt durchexerzieren könnte. Es kam beim Beichten auf die vollständige Erinnerung an alle Sünden an. Und deswegen hat Luther immer wieder auch Generalbeichten abgelehnt, in denen er versucht hat, sich an alles zu erinnern, was er im Leben verkehrt gemacht hatte.
Die Angst war natürlich groß vor dem Fegefeuer. Jemand, der nicht ganz heilig geworden war in diesem Leben, würde ja dort dann, so war die Lehre Roms, obwohl diese in der Bibel sich nicht finden lässt, würde dann in diesen Flammen zusätzlich gereinigt werden. Und die Mönche hatten natürlich, wie der Rest der Menschheit, große Angst vor diesem Fegefeuer. Aber sie hatten ja die Gelegenheit durch besonders vieles Beten und besonders viele Singen zu ihrer Gottes- und besonders vieles Beichten, diesem Fegefeuer hoffentlich zu entrinnen. Dass man bei der Beichte die Absolution bekam, das heißt die Zusicherung der Vergebung, hing davon ab, dass man aufrichtig gewesen ist und dass man die Genugtuung, die ihm auferlegt wurde, dann auch richtig absolviert. Mit anderen Worten: Man musste seine Sünden, die Sünden, man musste dabei aufrichtig sein. Aber der Beichtvater gab dann eine Genugtuung auf, also eine gewisse Anzahl von Psalmen, die gebetet werden mussten, eine gewisse gute Tat. Und nur wenn sie auch richtig getan worden waren, dann konnte man darauf in Anspruch nehmen, Vergebung erhalten zu haben.
Da man sich aber nie ganz sicher sein konnte, ob die eigene Reue auch gut genug war und ob die Taten auch so richtig waren, gab es diese ständige Unsicherheit, ob man jetzt wirklich erlöst ist oder nicht. Man lernte die Mönche, dass sie die Zerknirschung über die Sünde selbst erzeugen sollten. Aber alles, was der Mensch tut, ist immer mit Unsicherheit behaftet. Und so war man sich nie ganz sicher. Man hat auch versucht, die Mönche von falschen Heilsgewissheit abzuhalten und deswegen immer wieder besonders betont, dass man sich nie zu sicher sein konnte. Und Luther, der von dem wir gesehen haben, dass er gerade nach Sicherheit suchte, hat das schier gemacht. Er sagt: "Einmal habe ich sechs Stunden gebeichtet." Er wollte alles loswerden. An anderer Stelle sagt er: "Da war solch Laufen, dass man sich nimmer concil beichten." Und einmal sagte er: "Wir machten die Beichtväter müde." Einige Beichtväter von Luther haben sich irgendwann geweigert, seine seinem Beichten entgegenzunehmen, der Form, wie Luther sie immer hervorbrachte, weil ganz deutlich war, dass Luther eigentlich ein Problem mit seinem Bild von Gott hatte.
Dieses Problem war natürlich nicht einfach nur das Problem. Viele Mönche kämpfen mit dieser Vorstellung, dass Gott einfach nur Leistung suche und das für große innere Not gesorgt. Luther dachte, dass wenn er in das Kloster kommt, dass er dann heilig werden würde. Und er tat sein Bestes und gab sein Bestes, doch er fand diese Heiligkeit nicht so wirklich. Er wurde Anfang des Jahres 1507 zum Diakon geweiht. Das war die nächste Stufe. Er war ja auf dem Weg, irgendwann Priester zu werden, so war der Plan. Und während Luther versuchte, durch all diese Übungen und sich die Askese und das heilig sein, heilig zu werden, geschah natürlich viele andere Dinge in der Welt.
Am 12. März kam Cesare Borgia, dieser berüchtigte Prince, ums Leben in seinen frühen Dreißigern ist er gewesen, als er bei einem Aufstand im kleinen spanischen Staat Navarra ums Leben kam und so seine sehr illustre und äußerst provokative Laufbahn ein Ende fand. Am 18. März machte der römisch-deutsche König Maximilian der Erste seine Tochter Margarete von Österreich, die ja noch eine Tochter der verstorbenen Maria von Burgund gewesen war, er machte sie jetzt zur Statthalterin der habsburgischen Niederlande. Und besonders bedeutsam wurde sie jetzt, weil Maximilian veranlasste, dass die Kinder des verstorbenen Philipp von Burgund von ihr erzogen werden sollten. Wir erinnern uns, in einer anderen Folge haben wir gesehen, dass Philipp von Burgund starb und seine Frau als wahnsinnig kalt und eines dieser Kinder von Philipp von Burgund war natürlich der junge Karl, der jetzt von Margarete von Österreich erzogen wurde.
Im Frühjahr war es Johann von Staupitz, der dem Kurfürsten von Sachsen einen Rat gab. Friedrich der Dritte suchte immer noch begabte junge Leute für seine relativ neue Universität in Wittenberg. Und Staupitz gab ihm einen Tipp. Da gab es diesen brillanten Rechtsgelehrten, der in Bologna studiert hatte, Christoph Scheurl, 25 Jahre alt, und der sollte Professor in Wittenberg werden. Gesagt getan. Am 8. April kam dieser Christoph Scheurl tatsächlich in Wittenberg an und begann schon fünf Tage später mit den Vorlesungen. Er unterrichtete das kirchliche Recht und auch humanistische Literatur und begann sofort, das Niveau in Wittenberg noch mehr anzuheben. Er entwarf Statuten, die sich an den Statuten Bolognas orientierten, also damit sozusagen den humanistischen Standard, wie in Italien schon praktiziert wurde, auch jetzt in Wittenberg einzuführen. Und das hat zur Konsequenz, dass noch mehr humanistisch, also moderne gesinnte Gelehrte und auch Studenten sich auf den Weg nach Wittenberg machten. Diese Beschäftigung dieses jungen Christoph Scheurls noch einmal das Ansehen der jungen Wittenberger Universität.
Fast zeitgleich kam nach Wittenberg auch der ehemalige Lehrer von Martin Luther, Johannes von Usingen, oder besser gesagt, er wurde jetzt Professor in Wittenberg. Er war ja schon an der Schlosskirche beschäftigt gewesen und er war dem Humanismus recht aufgeschlossen gegenüber und kam auch mit Scheurl ganz gut zurecht. Im April ist es dann gewesen, dass Martin Luther zum Priester geweiht wurde. Und das war im mittelalterlichen Denken eine unglaublich hohe Ehre, denn der Priester galt als der tatsächliche Vermittler zwischen Gott und Mensch.
Schon bald sollte seine erste Messe stattfinden, die sogenannte Primitz, und dazu liefen jetzt die Vorbereitungen auf Hochtouren. Am 13. April zur gleichen Zeit wurde Konrad Hubert in Bad Bergzabern geboren. Und auch ihm werden wir im Laufe der Zeit noch weiter verfolgen. Und am 30. April begann in Konstanz ein neuer Reichstag. Auf diesem Reichstag war es der Kurfürst von Sachsen, Friedrich der Dritte, der mit päpstlicher Erlaubnis einen Aufruf machte an alle Reichsstände. Er war nämlich ein begeisterter Sammler von Reliquien und er macht diesen Aufruf mit Genehmigung des Papstes, dass all die anderen Stände ihm, wo es Möglichkeit dazu geben, Reliquien überlassen sollten. Er wollte eine besonders große Sammlung dieser Reliquien anfertigen.
Religion war damals im mittelalterlichen Denken etwas ganz Besonderes. Es gab tausende, zehntausende von Splittern des Kreuzes, irgendwelche kleinsten Abbrüche von Knochen von vermeintlichen Märtyrern oder Heiligen oder Aposteln. Und Friedrich der Dritte hat daran ganz fest geglaubt. Er hatte ja schon damals auf seiner Jerusalem-Reise etliches an Reliquien mitgebracht und so einen Grundstock gelegt für seine später wirklich beeindruckende Sammlung. Und so bekam er auch aufgrund dieses Reichstages immer mehr Reliquien in seinen Besitz.
Am ersten Mai wurde der frisch angekommene Christoph Scheurl dann auch Rektor der Akademie in Wittenberg. Und dann kam der große Tag, der zweite Mai. Martin Luther sollte seine erste Messe lesen. Die Primitz. Luther hatte vor diesem Tag großen Respekt und als es dann kam, hat er es förmlich mit der Angst zu tun bekommen. Als er dann während der Messe zu den entscheidenden Worten kam, als es darum ging, das so war ja die, wenn auch unglaubliche Vorstellung, dass Gott buchstäblich in Hostie ist, da hat Luther förmlich einen Todesschreck bekommen und wollte am liebsten weglaufen.
Luther war nicht der Einzige, dem so etwas passiert ist. Immer wieder kam das vor, dass er sich so unwürdig fühlte, weil sie in der Hostie den berichtenden Christus sahen, den Richter der Welt, und sie selbst mussten rein, heilig, los sein, um ihm begegnet zu können. Für Luther war das eine enorme Anfechtung. All das geschah unter den Augen von Verwandten und Freunden, die gekommen waren, darunter sein Vater Hans Luther, der mittlerweile 48 Jahre alt war und 20 Reiter mitgebracht hatte, um der ersten Messe, der Primitz seines Sohnes beizuwohnen. Noch immer war er nicht versöhnt mit Martin. Als es hinterher ein Festmahl gab und Martin auf seinen Vater zuging und die Versöhnung initiieren wollte, dabei hatte Hans darauf, dass Martin nicht ohne seinen Willen diesen Schritt hätte gehen können, dass er ihm viel mehr Gehorsam hätte sein sollen. Und er bezweifelte, dass es wirklich eine göttliche Berufung war, die Martin Luther ins Kloster geschickt hatte. Er bezog sich dabei auf das fünfte Gebot, das heißt: "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt." Und für Luther war das also ein durchaus ein Familiendrama, das jetzt an diesem feierlichen Tag, auf den er so lange hingearbeitet und gehofft hatte, sein Vater zwar da war, aber deutlich machte, dass er eigentlich das ganze für nicht richtig hielt.
Andere Freunde waren ebenfalls eingeladen, darunter Johannes Braun, sein ehemaliger Lehrer, Wiegand Güldener oder auch sein Großonkel Konrad Luther aus Eisenach. Dass sein Vater Hans Luther mittlerweile nicht mehr so arm war wie früher, hatten wir bereits in einer anderen Folge thematisiert. Jetzt zeigte sich, dass unter anderem darin, dass er gleich 20 Gulden für das Kloster mitbrachte und sie spendete. Trotzdem blieb die Beziehung zwischen ihm und seinem Sohn Martin angespannt und nicht gelöst.
Luther hat sich dennoch weiter ganz hineingestürzt in das heilige Leben als Mönch. Er berichtet, wie er bei der Fußwaschung am Gründonnerstag sich besonders demütig verhalten hatte und wir dann einen echten Stolz empfand, so demütig gewesen zu sein, bis ihm aufging, dass das ja ebenfalls eine Sünde war und über sich selbst dann erschrak. Er steckte ungemein tief im Leistungsdenken des Klosters. Wenn er eine Messe richtig gelesen hatte, fühlte er sich wie auf Wolke sieben. Aber oftmals nahm er nicht einmal an der Messe teil, weil er sich unwürdig fühlte, und sei es nur, weil er einen nächtlichen Samenerguss gehabt hatte. Für Luther war das Leben als Mönch ein ständiges emotionales Auf und Ab, Auf und Ab und ständig waren da diese Anfechtungen, diese Ungewissheit, ob er wirklich bei Gott angenommen ist. Immer wieder beichtete er, und irgendwann sagt ein Beichtvater ihm, dass er glaube, dass Luther Gott...
Luther hat daneben im Sommer 1507 das Theologiestudium aufgenommen. Es lag hier auf der Hand. Er war ein junger Gelehrter, er war ein brillanter Denker und er interessierte sich für die Bibel. So begann er jetzt in Erfurt das Studium der Theologie. Das war eigentlich auf fünf Jahre veranschlagt, aber Mönche im Orden konnten es in einer verkürzten Fassung studieren. Und dass Luther jetzt als so frischer, männlicher, so jungen Jahren bereits seine solche Angebote erhielt, hat natürlich auch für Neid und den...
[26:52] hat natürlich auch für Neid unter den Klosterbrüdern gesorgt. Das zeigt sich unter anderem darin, dass ihm die besonders unangenehmen Pflichten auferlegt wurden. Zum Beispiel sollte er oft die Latrine reinigen. All das hat ihn nicht davon abgehalten, sich in die Bibel zu vertiefen. Der Leiter des sogenannten Ordensstudiums, wo man also innerhalb des Klosters studieren konnte, war ein gewisser Johann von Staupitz. Aber der hat keinen wirklich bleibenden Eindruck auf Luther hinterlassen. Er war kein besonders tiefgehender Theologe. Luther hat sich stattdessen neben den Pflichtveranstaltungen, dem Pflichtstudium, vor allem dem Bibelstudium gewidmet und hat sich mit Begeisterung in dieses Buch vertieft. Hauptgegenstand des Studiums waren die sogenannten Sentenzen des Petrus Lombardus. Das war ein mittelalterlicher Theologe, der in vielen einzelnen kurzen dogmatischen Sätzen sozusagen das dogmatische Gebäude des mittelalterlichen Christentums zusammengefasst hatte. Da ging es viel auch um die Frage, wer Gott ist und die Dreieinigkeit und verschiedene theologisch-dogmatische Fragen, die in einzelnen kurzen Sätzen, deswegen Sentenzen genannt, abgehandelt wurden. Und das wurde sehr gründlich studiert. Man studierte nicht nur die Sentenzen, sondern auch die Kommentare verschiedener Theologen über die Sentenzen. Und dieses Werk galt sozusagen als das Standardwerk der mittelalterlichen Theologie und Dogmatik.
[28:32] Ebenfalls im Sommer 1507 startet der junge Martin Bucer im Elsass in den Dominikanerorden. Nach eigener Aussage ist er davon von seinem Großvater gezwungen worden. Er hatte vorher ja die Lateinschule in Schlettstadt besucht. Und was die genauen Gründe gewesen sind, ist nicht genau bekannt. Aber das kam nicht selten vor, dass junge Menschen sogar gegen ihren Willen in die Klöster gesteckt worden sind. Am 26. Juli endete dann der Konstanzer Reichstag. Und im Laufe dieser politischen Verhandlungen war auch deutlich geworden, dass im nächsten Jahr der deutsche König Maximilian I. nach Rom reisen wolle, um sich dort dann zum Kaiser ausrufen zu lassen. Er wäre also für einen längeren Zeitraum außerhalb des Reiches und so brauchte er einen Stellvertreter, den sogenannten Reichsverweser, der ihn vertreten würde. Und Maximilian I. entschied sich für einen der sieben Kurfürsten, nämlich für Friedrich den III., den Kurfürsten von Sachsen. Er sollte jetzt für die Zeit der Abwesenheit den König vertreten. Es wurden sogar spezielle Taler gedruckt und geprägt, die bestimmte Taler geprägt, die diesen Titel des Statthalters verewigt haben.
[29:59] Zum Wintersemester 1507 ist ein Jodokus Trutvetter, der ehemalige Lehrer von Luther, sogar zum Rektor der Universität in Wittenberg gewählt worden. Oder am 23. Oktober erteilte der junge Inigo Lopez de Loyola, später bekannt als Ignatius von Loyola, ein Schicksalsschlag. Sein Vater starb und er wurde daraufhin Page bei einem Verwandten Schatzmeister der kastilischen Krone. Seine Mutter war ja schon kurz nach seiner Geburt gestorben und so war er jetzt Waise. Und wie gesagt, am Hofe eines verwandten Adligen tätig. Am 11. November 1507 wurde Petrus Canisius in Köln im Erzbistum geboren. Und auch er wurde später eine Rolle in der Reformation spielen. Und am 15. Dezember stieg Johann von Staupitz noch ein wenig höher hinauf in der Karriereleiter des Ordens. Er war nun nicht nur der leitende Generalvikar aller reformierten Augustinereremiten, nein, er wurde jetzt auch zum Vorsteher, zum Prior der gesamten sächsischen Ordensprovinz gewählt. Das heißt, sämtliche, er war der Vorsteher von sämtlichen Augustinereremitenklöstern in der sächsischen Provinz. Und damit unterstanden ihm nicht nur die reformierten Klöster, sondern auch die normalen, die nicht reformierten Augustinereremiten. Da er allerdings zu den Reformierten gehörte, würde das ja bedeuten, dass all die anderen Klöster jetzt auch den Reformierten quasi mit zugehörig fühlen könnten oder zumindest auch im Sinne der Reformbewegung jetzt verwaltet werden würden. Einige reformierte Klöster interessanterweise haben diese Entwicklung kritisch gesehen. Sie befürchteten, dass wenn sowohl die reformierten als auch die nicht reformierten Augustinereremiten von einem Mann gleichzeitig verwaltet werden, dass dann die Reform darunter leiden würde, dass es zu Kompromissen kommen würde und zu einer Verwässerung der Reformenidee. Sehr interessant, wie bestimmte Schwierigkeiten und Konfliktsituationen bis in unsere heutige Zeit immer wieder auftreten. Zum Beispiel das Kloster in Nürnberg war ganz besonders kritisch und hat sich dagegen gewandt.
[32:43] Ebenfalls 1507 erschien die sogenannte Ottmar-Bibel, einer der wenigen deutschen Bibelübersetzungen jener Zeit. In Augsburg ist sie gedruckt und verlegt worden. Und ein Beispiel zeigt, wie merkwürdig das Bibel-Deutsch damals noch klang. Hier ein Beispiel aus 1. Mose 38: "In der Zeit ging Juda ab von seinen Brüdern und kehrt ein zu einem Mann oder Miete mit Namen Hira. Und Saal, ein Tochter eines Menschen, ran. Das ist ein Kanaaniter mit Namenszug. Und der steelhead genommen zu einem Weiber. Er ging ein zu ihr, sie empfing und gebar einen Sohn und unterließ seinen Namen. Herr, da war also noch einiges zu tun, um die Bibel in ein wirklich gutes Deutsch zu bringen. Aber das ist ja bekanntermaßen die Geschichte spätere Jahre."
[33:48] Ebenfalls 1507 lebte der mittlerweile ja nach Villach geflüchtete Joachim von Watt, der sich selbst "Vadian" nannte, ein Freund von Zwingli in Wien gewesen war. Er lebte jetzt im Benediktinerstift in Ossiach. Er war immer noch nicht nach Wien zurückgekehrt, wo er vor der Pest geflüchtet war. Er bereiste auch Italien und hat so seinen Horizont deutlich erweitert. Weitere Ereignisse noch aus dem Jahr 1507: Die Hand Gramann wurde mit 20 Jahren makellos in Leipzig an der Universität, hat also seinen ersten akademischen Grad erworben. Und eine weitere Person der Reformationsgeschichte gilt es hier einst zu führen: den Lazarus Spengler. 28 Jahre alt, wurde in jenem Jahr vorderster Ratsschreiber in Nürnberg, also der Chef der Kanzlei. Und welche Rolle er noch in der Reformation zu spielen hat, werden wir dann auch in künftigen Folgen sehen.
[34:58] Johann von Staupitz, mit 18, wurde Benediktinermönch in Canon. Also, wir sehen über die folgenden Weg immer wieder, haben Leute studiert und sind dann schon mit frühen Jahren in ein Kloster gegangen. So auch der 18-jährige Paul. Genau, der Benediktinermönch wurde. Kaspar Schlenkfeld hat in diesem Jahr die Universität gewechselt. Er ging von Köln nach Frankfurt, oder an diese ganz frisch gegründete neue Universität. Er war 17 Jahre alt. Und Thomas Wittenbach, den wir kennengelernt haben als den Lehrer von Zwingli in Basel, wurde in jenem Jahr Pfarrer an der Stadtkirche von Glarus. Sein Freund Leo Jud, ebenfalls in Basel, näher kennengelernt, wurde in diesem Jahr Diakon in Basel und hat dort eine Kirche gewürgt. Und dann gibt es etwas zu erzählen aus dem Leben des jungen Philipp Schwarzerz. Er begann mit zehn Jahren die Lateinschule in Pforzheim zu besuchen. Das war nicht nur irgendeine Lateinschule, wie es viele damals gab, es war eine der besten im ganzen Reich. Dort wurde nicht nur Latein, sondern sogar Altgriechisch vermittelt. Und so lernte der junge Philipp die griechischen und lateinischen Poeten kennen, natürlich Aristoteles. Nur die besten Schüler wurden hier unterrichtet. Es war sozusagen eine Art Eliteschule. Doch der junge Philipp Schwarzerz übertraf sie alle schon in diesen jungen Jahren, im Kindesalter zeigte sich, dass er ein Genie war, das seinesgleichen suchte. Und sein Großonkel wurde auf ihn aufmerksam. Sein Großonkel war ja Johannes Reuchlin, der bekannte und allseits geschätzte Humanist, der sich des Hebräischen so sehr verdient gemacht hatte. In jenen Jahren und Reuchlin überlegte, wie er seinen großen Neffen noch besser fördern könnte und wie er dessen Karriere planen konnte. Denn es zeigte sich, dass der junge Philipp tatsächlich zu Höherem berufen war.
[37:30] 1507 haben die Portugiesen versucht, auch den Indienhandel umzustabilisieren. Dazu wurden etliche ost-arabische Städte erobert und außerdem die Insel Hormus am Golf. Und dann ein Moment der Weltgeschichte geschrieben hat auf einer Karte von deutschen Kartografen, unter anderem von Waldseemüller, kommt zum ersten Mal ein Name vor, der jetzt für die neu entdeckten Westgebiete verwendet wird, nach dem Entdecker Amerigo Vespucci, der vor allem im Süden dieser neu entdeckten Gebiete gewirkt hat. Entscheidet man sich, diese ganzen Gegend als Amerika zu bezeichnen. Und dieser Name hat sich bekanntermaßen eingebürgert und ist bis heute der Name sowohl für den Nord- als auch für den Südteil jenes Kontinents. 1507 sind auch bedeutende Schriften des altrömischen Schriftstellers Tacitus entdeckt worden, an allen in einem Kloster in Deutschland, unter anderem auch der Bericht über die Varusschlacht. Und überall, wo die römischen Legionen damals in der Schlacht im Teutoburger Wald in die Flucht geschlagen hatten, das war schon längst nicht mehr so präsent gewesen. Und als man das jetzt entdeckte oder nach und nach untersuchte, hat das natürlich auch dem deutschen Nationalbewusstsein etwas Auftrieb gegeben.
[39:19] Während also Martin Luther 1537 als Mensch sich selbst kastriert hat, zeitgleich zwingt wie jetzt in seiner neuen Pfarrstelle in Glarus ein ganz gewöhnliches Pfarrersleben eigentlich erst einmal gelebt. Er hat auch durchaus hier und dort die Vergnügungen des mittelalterlichen, der mittelalterlichen Gesellschaft in Anspruch genommen, ohne indirekt in Skandale verwickelt gewesen zu sein. Aber noch zeigte sich eigentlich so gut wie nichts Reformatorisches in seinem Wirken. Aber davon wird natürlich später die Rede sein. Schon jetzt 1507 zog ein Mann durch die Lande, von dem wir später noch viel hören werden. Seit 1505 war er in Sachsen unterwegs. Sein Name war Johann Tetzel, aber etwa 47 Jahre zu dem Zeitpunkt alt, deutlich älter als Martin Luther zum Beispiel. Er war der Sohn eines Goldschmieds. Er war der Sohn eines Goldschmieds in Jena gewesen, hatte in Leipzig Theologie studiert und war dann in ein Dominikanerkloster gegangen. Er hatte als Lehrer und Prediger gewirkt und dann den Ablasshandel gepredigt, zunächst für den Deutschen Ritterorden und dann auch in Polen. Seit 1505 war er jetzt als Ablassprediger in Sachsen unterwegs. Und gerade in jener Zeit werden so manche Geschichten erzählt, die deutlich machen, dass er einen äußerst unchristlichen und soliden Lebenswandel wohl geführt hat.
[41:03] Von all dem hat aber Martin Luther nicht viel mitbekommen. Unter seinen Klosterbrüdern galt der, trotz der Skepsis, was einen rasanten Aufstieg betraf, als besonders heiliger und frommer Mensch. Längst nicht alle Klosterbrüder, auch in den reformierten Klöstern, nahmen es so genau mit den Regeln, so genau mit dem Beten, so genau mit dem Fasten und Beichten, wie Martin Luther. Hat sich des Schlafes beraubt, hat jede sich bietende Gelegenheit genutzt, die Bibel zu lesen und gehofft, gut genug zu sein, um Gott gnädig zu stimmen. Er war buchstäblich ein Eiferer für Gott, übereifrig. Er hat andere sogar geworben, in das Kloster einzutreten. Was ihm am meisten zu schaffen machte, das war sein Bild von Jesus. Im Kloster sprach man nie über den Jesus, der auf der Erde als Mensch lebte, nie über den Jesus, der Sympathie mit den Menschen hatte, lieber den Jesus, der sich gebeugt hatte zu den Armen und Kranken. Man sprach über Jesus als den kommenden Richter, über den, der das Weltgericht halten würde. Für Sympathie und für Beistand wandte man sich viel lieber an Maria oder an einen der Apostel. Luther hat besonders gerne zu dem Apostel Thomas gebetet, interessanterweise, der eigentlich für seinen Zweifel bekannt war. Und von denen man meinte, dass die im Himmel sein, nach gängiger römisch-katholischer Lehre. Und hier ist vielleicht der eigentliche Hauptgrund für die vielen Anfechtungen des Luthers zu suchen. Er wusste von Christus, erkannte Jesus, aber er kannte Jesus eigentlich nicht. Er hatte viel Richtiges über Jesus gehört, aber auch vieles, was eben nicht der biblischen Wahrheit entsprach. Und sagte er, ein falsches Bild von Jesus, ein Bild, das ihm Angst machte, so dass er zu anderen Zuflucht suchte, damit diese möglichst Jesus besänftigen würden. Deswegen hat er auch immer wieder solche Angst bei der Messe gehabt, weil in der Hostie, so glaubte er, der tatsächliche, richtende Christus gegenwärtig ist.
[43:35] Manchmal hat Luther es so übertrieben mit dem Beichten und mit dem Fasten und mit der Schlaflosigkeit, dass er regelrechte Ohnmachtsanfälle hatte. Das erkennt Anfälle gehabt hat. Und diese Dinge haben sein Leben lang nie wieder ganz aufgehört. Er ist also wirklich an die Grenzen seiner Existenz gegangen. Und er hätte ohne weiteres andersgläubige verfolgt mit diesen jungen Jahren, die er hatte. Er sagte später: "Ich hätte ärgsten Holz zugetragen über einen solchen Ketzer, der missamt zur Debatte um Head angriff." Mit anderen Worten, wenn jemand die Messe oder das Zölibat in Frage gestellt hatte, wird er sagt: "Ich wäre der erste gewesen, der das Holz für den Scheiterhaufen zusammengestellt hätte." Er war ein übertriebener, übereifriger Sohn der Kirche. Er wollte unbedingt der Beste und der Heiligste und der Frömmste sein. Von ihm kann man durchaus das sagen, was Paulus im Galaterbrief über sich selbst sagt: "Denn ihr habt von meinem ehemaligen Wandel im Judentum gehört, dass ich die Gemeinde Gottes über die Maßen verfolgt und sie zerstört und dem Judentum viele meiner Altersgenossen in meinem Geschlecht übertraf durch übermäßigen Eifer für die Überlieferung meiner Väter." All das lässt sich am besten zusammenfassen in jenen Worten von Martin Luther selbst: "Wenn je ein Mensch mit seinen Anstrengungen ans Ziel gekommen ist, dann hätte das auch bei mir der Fall sein müssen. Hatte nichts unversucht gelassen, er hatte alles todernst genommen und sich mit seiner ganzen Existenz hineingeworfen." Und doch machte er die Erfahrung in diesem Jahr 1507, die der Apostel Paulus machte. Er machte diese Erfahrung, dass egal was er tat, er keinen Frieden im Herzen hatte. Ja, er hatte manchmal religiöse Hochstimmung, aber keinen dauerhaften Frieden.
[45:47] Die heile Welt des Klosterlebens bekam unübersehbare Risse. Und Martin Luther war zu selbstkritisch, zu ehrlich mit sich selbst, als dass er das nicht bemerkt hätte. Seine Erfahrung war die, die der Paulus im Römer 7 beschreibt: "Denn was ich vollbringe, billige ich nicht, denn ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das übe ich aus. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will, das übe ich aus. Eben der Mensch, wer wird mich erlösen von diesem Todesleib?" Dieser Schrei der Seele, den schon Paulus ausgestoßen hat, auch der Schrei der Seele im Leben von Martin Luther. Vielleicht, lieber Freund, liebe Freundin, die bei Zuschauer, ist das auch ihr, ist das auch dein Schrei? Wir werden sehen in kommenden Folgen, wie dieser Schrei der Seele nach Anerkennung bei Gott, nach Frieden im Herzen und einem reinen Gewissen, dieser Schrei beantwortet wird. Und wie es weiterging mit Martin Luther und mit all den anderen Reformatoren und wie nach und nach dieser Schrei der Seele beantwortet worden ist, sehen wir in den nächsten Folgen. Zum Beispiel in der nächsten Folge: Wittenberg und zurück. Bis dahin wünschen wir Ihnen, liebe Zuschauer, Erfüllung mit dem Heiligen Geist und Gottes reichen Segen, bis wir uns nächstes Mal hier wiedersehen, wenn es wieder heißt: Sola Veritas, die wahre Chronik der Reformation.
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