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Sola Veritas – Die Wahre Chronik der Reformation

500 Jahre ist die Reformation alt: wird sie fortgeführt oder begraben? Wie verhalten sich Luthers Erben und was wird aus seinen (Wieder)entdeckungen? All das sind wichtige Fragen. Doch beantworten kann sie nur, wer das Reformationsgeschehen selbst gründlich kennt. „Sola Veritas – Die wahre Chronik der Reformation“ bietet weitaus mehr als die üblichen bekannten Zusammenfassungen und Anekdoten. Ausgehend vom Jahre 1482 wird alles chronologisch erzählt, was weltgeschichlich und biographisch (sowohl bezüglich Luther als auch vieler anderer, zum Teil sehr unbekannter Reformatoren) wichtig war. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt des Spätmittelalters, erleben sie das zaghafte Aufblühen von Wissenschaft und Kultur, verfolgen sie die Debatten um philosophische und theologische Streitfragen und entdecken sie Schritt für Schritt mit Luther und seinen Mitkämpfern befreiende biblische Wahrheiten. So wird Kirchengeschichte lebensnah und endlich gut verständlich…. Neue Folgen wöchentlich, bzw. wenn es die Zeit erlaubt. Ein Programm von www.joelmediatv.de

Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:


In dieser Folge von Sola Veritas taucht Christopher Kramp in das Jahr 1511 ein, ein entscheidendes Jahr in der Reformationsgeschichte. Er beleuchtet Martin Luthers Reise nach Rom, seine tiefgreifenden Eindrücke von der Stadt und den dortigen religiösen Praktiken. Die Episode schildert Luthers persönliche Erlebnisse, von der Enttäuschung über die Oberflächlichkeit der Messen bis hin zu einem prägenden Moment auf der Heiligen Treppe, der sein Verständnis des Glaubens revolutionierte.


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Serie: Sola Veritas - Die wahre Chronik der Reformation

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Transkript

[0:37] Herzlich willkommen zu Sola Veritas, die wahre Chronik der Reformation, hier auf Joelmedia.de. Heute soll es um ein besonders wichtiges Jahr in der Reformationsgeschichte gehen. Wir wollen ein wichtiges Ereignis betrachten und natürlich auch weiter die verschiedenen Reformatoren auf ihrem Lebensweg verfolgen. Bevor wir beginnen, weil man nach guter Gewohnheit, mit einem Gebet starten.

[1:03] Lieber Vater im Himmel, wir möchten dir von Herzen Dank sagen, dass wir die Gelegenheit erneut haben, in die Geschichte zu schauen und aus der Geschichte zu lernen und zu sehen, wie du Menschen geführt hast, Schritt für Schritt zur Erkenntnis der Wahrheit. Wir möchten dich bitten, dass du mit deinem Heiligen Geist auch uns die Wahrheit zeigst, dass wir erleuchtet werden von deiner Wahrheit und der Erkenntnis des Evangeliums. Und möchte dich bitten, dass du uns zeigst, wie sehr du auch in unserer Zeit Entdeckung und Reformation schenken kannst. All das bieten wir im Namen Jesu. Amen.

[1:56] 1511 – Eindrücke aus Rom. Das Jahr 1511 ist in gewisser Weise ein Wendepunkt in der Reformationsgeschichte. Luther war in Rom. Nach klassischer Chronologie fand dieses Ereignis Ende 1510, Anfang 1511 statt, so im Dezember bis Januar. Allerneueste Forschungsergebnisse deuten an, dass es möglicherweise eine Neubewertung geben könnte, dass dieses Ereignis erst ein Jahr später, also im Dezember 1511 und im Januar 1512 gewesen ist. Allerdings ist das so unsicher, dass wir hier in dieser Serie weiterhin an dem traditionellen Datum festhalten, mit dem Hinweis, dass wir gesagt, das ist eine kleine Unsicherheit gibt, das vielleicht das Ganze 12 Monate später stattgefunden haben könnte.

[2:57] Luther war in Rom, so viel steht fest. Aufgrund der Ordenspolitik und zumindest in der klassischen Platzierung war er unterwegs, um gegen den Kompromiss des Staupitz zu appellieren im Auftrag des Erfurter Klosters, mit einem namentlich nicht weiter genannten Mönch. Dieses Ansinnen ist total gescheitert. Luther und sein Kompagnon hatten dort in Rom keine Gelegenheit, ihr Anliegen wirklich vorzubringen und scheiterten in ihrer Mission absolut.

[3:38] Trotzdem hat Luther die Gelegenheit genutzt und so war das ja auch gedacht, einige Zeit in Rom zu verbringen als Wallfahrt, das Ganze zu betrachten und als Pilger die vielen geistlichen Segnungen, die die Hauptstadt der Christenheit den Pilgern versprach, in Anspruch zu nehmen. Luther war etwa 27, 28 Jahre alt und hatte sich so sehr auf diesen Ort gefreut. Wir hatten das letzte Mal gesehen, wie rausrufen, du heiliges Rom. Und jetzt war er mitten drinnen.

[4:14] Er hat dort in Rom viele Zeugnisse der Antike gesehen. Die vielen Reste und Ruinen des römischen Reiches waren dort ganz einfach zu sehen. Die Stadt lag in vielen Teilen einfach brach. Es gab nur noch etwa 40.000 Einwohner. Das heißt, das ursprüngliche Gebiet der Weltstadt Rom, wie sie zur Zeit der Kaiser, der Antike sich ausgedehnt hatte mit über einer Million Einwohner, diese große Stadt war viel zu groß. Weite Teile der ehemaligen römischen Hauptstadt wurden jetzt als Weidefläche genutzt. Dort, wo früher Cäsaren herrschten, grasten jetzt die Ochsen und Kühe.

[5:02] Und Luther hat diese Überreste gesehen. Für ihn waren sie ein Zeugnis, dass das Heidentum gescheitert war. Er hat ein Strafgericht Gottes darin gesehen und das ja nicht zu Unrecht, wie auch die biblische Prophetie uns zeigt. Er kam dort und natürlich an den Messen teilzunehmen oder kam vor allem, um auch eine Generalbeichte abzulegen. Zum dritten Mal in seinem Leben wollte er sämtliche Sünden bekennen, die er in seinem Leben getan hat. Er hat das schon zweimal getan, einmal vor dem Kloster und jetzt sollte es ein drittes Mal hier geschehen.

[5:44] Aber er musste enttäuscht feststellen, dass er dort an völlig ungeklärte Beichtväter geriet, die ihm überhaupt gar nicht in seiner sehr schwierigen Seelenlage helfen konnten. Und er war äußerst enttäuscht, dass es mit dieser Generalbeichte einfach nicht klappen wollte.

[6:03] Er hat in vielen Gottesdiensten teilgenommen und zum Teil auch selbst Messen dort gehalten. Dabei war er entsetzt, wie profan die Priester und überhaupt die Kleriker in Rom mit den heiligen Sakramenten umgingen. Aus Deutschland war er eine gewisse Würde, wenn Gottesdienst nur gewohnt, aber dort in Italien ging alles sehr sarkastisch und unheilig zu. Er wunderte sich über den zügellosen Wandel, der auch der Kirchenbeamten und der Kleriker.

[6:38] Er hatte schon auf dem Weg in Italien vieles gesehen, was ihn äußerst gestört hat, aber er hatte geglaubt, dass in Rom, an diesem Ort der Heiligkeit, alles anders sei. Aber hier war es jetzt am allerschlimmsten. Er berichtet später selbst einmal Folgendes: "Ich bin nicht lange in Rom gewesen, habe aber dort viele Messen gehalten und auch viele Messen halten sehen. Es graut mir, wenn ich daran denke. Da hörte ich die Höflinge bei zwischen Lachen und Prahlen, wie etliche Messen hielten und über Brot und Wein sprechen. Brot ist so, Brot bleibst du, und dann Brot und Wein hochhielten."

[7:16] Noch nicht war ein junger und recht frecher Mönch eine solche Worte wert. Er hat also gesehen, dass viele Priester während der Ausübung des Gottesdienstes sich einen Scherz erlaubt und es mit dem heiligen Abendmahl gar nicht so ernst nahm. Mal davon abgesehen, dass wird natürlich hier dieser Stelle auch ein falsches Verständnis von der Wandlung hat, oder ein falsches Verständnis nicht von der Wandlung hatte, zeigt, dass mit welcher Distanz gerade auch die Höflinge am päpstlichen Hof eigentlich zum kirchlichen Glaubensstand.

[7:56] Luther war schwer irritiert. Er sagte weiter: "Und überdies ekelte mir sehr, wie sie so rips raps die Messe halten konnten, als trieben sie ein Gockelspiel, denn ehe ich zum Evangelium kam, also während er selbst die Messe gehalten hat, hatte meinen ebenfalls schon eine Messe zu Ende gebracht und schrie zu mir: 'Passt, passt, halt ein Weg im Abschluss!'"

[8:21] Die Italiener hatten nicht viel Zeit, so scheint es zu sein. Und obwohl selbst in Rom die Messe auf mindestens zwölf Minuten festgelegt war, berichtet Luther, wie in manchen Kirchen, z.B. in San Sebastiano vor den Mauern, sieben Messen in einer Stunde durchgezogen wurden. Zum Teil zelebrierten dort zwei Priester gleichzeitig an einem Altar, nur durch ein Bild getrennt. Und so konnte man noch mehr Messen schnell durchwinken. Es war ein reines Geschäft.

[8:53] Und für Luther, der eigentlich hier viel Andacht und Heiligkeit gesucht hat, war das ein tiefer Schock. Lediglich in der deutschen Nationalkirche der Katholiken in Santa Maria dell' Anima, dort ging es würdiger zu. Dort war auch ein deutscher Priester, der den Gottesdienst leitete. Insgesamt war Luther wirklich niedergeschlagen, als er sah, wie es um den Gottesdienst und die Frömmigkeit in Rom selbst bestellt war.

[9:27] Es gab natürlich eine ganze Reihe auch von touristischen Höhepunkten, die er in Anspruch nahm. Dazu gehört natürlich die berühmte Wallfahrt zu den sieben Pilgerkirchen Roms, die man an einem Tag absolvieren musste und zwar fast and. Und diese Karte zeigt diese sieben Kirchen, wenn auch natürlich nicht maßstabsgetreu. Die lagen zum Teil weitaus weiter auseinander. Diese sieben Kirchen sind Sankt Paul vor den Mauern, Sankt Sebastian an der Via Appia, ebenfalls vor den Mauern des antiken Roms, dann San Giovanni in Laterano, also die eigentliche Hauptbasilika des Papsttums, dann Santa Croce in Gerusalemme, die Kirche vom Heiligen Kreuz, St. Laurentius, Santa Maria Maggiore und am Ende die Peterskirche auf dem Vatikan, wo dann mit einer Messe diese besondere Wallfahrt abgeschlossen wurde.

[10:26] Es gab einen Rom-Pilgerführer, die dann genau beschrieben, wo man welche Plätze unter welchen Konditionen, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten des Jahres bekommen konnte. Das war schon ein touristisch relativ durchdachtes Konzept und Luther hat das ganz aufgezogen, in der Hoffnung, möglichst viel Applaus zu bekommen.

[10:51] Er schreibt oder sagt dann später: "Stelle zu Rom, da ich auch ein so toller Heiliger war, ließ sich durch alle Kirchen und Klüfte, glaubte alles, was da selbst erlogen und erstunken ist. Ich habe in Rom auch wohl eine Messe oder zehn gehalten und es tat mir damals fast leid, dass mein Vater und meine Mutter noch lebte, denn ich hätte sie gerne mit meinen Messen und anderen trefflichen Werken und Gebeten aus dem Fegefeuer erlöst." Das muss man sich mal vorstellen. Aber es war ein zu großes Gedränge und ich konnte nicht hinzukommen.

[11:28] Da es sich einen gesalzenen Hering dafür. Also es gab immer wieder Situationen, wo Leute auch nicht zum Zuge kam. Das war zum Beispiel in San Giovanni in Laterano, in der Hauptbasilika des Papstes, wo an einem bestimmten Tag eine besonders gnadenreiche Messe angeboten wurde. Wer sie zelebrierte, konnte als Priester seine eigene Mutter automatisch selig machen. Das hat Luther versucht, aber hier kam er nicht zum Zuge, weil der Andrang zu groß war.

[12:01] Luther hat dann natürlich auch die Katakomben besucht. Er berichtet selbst davon, wie dort die Totenschränke liegen, tausende Gräber, die dort zu besichtigen waren, auch etliche von den frühen Gemeindeleitern Roms und den frühen Päpsten. Und auch dort gab es für den Ansatz vollen Besuch und das Durchschreiten dieser Katakomben, die Vergebung aller Sünden.

[12:29] Luther war sehr beeindruckt auch von der Architektur des Pantheons, des ehemaligen heidnischen Göttertempels, der jetzt natürlich auch als Kirche fungierte. War ganz angetan von der Art und Weise, wie dieses Pantheon gebaut war. Hat dort also einiges an touristischen Sehenswürdigkeiten mitgenommen, obwohl er nicht der große Kunstkenner war, der jetzt an Geschichte so wahnsinnig interessiert war. Er hat wirklich mehr den geistlichen Aspekt gesucht und war so innerlich enttäuscht, dass er das nicht wirklich dort finden konnte.

[13:09] Er hat die Zeit auch genutzt, einen bekannten Rabbi aufzusuchen, Elia David Levi, weilte zu der Zeit in Rom. War bekannt für seine pädagogischen Fähigkeiten im Unterrichten des Hebräischen und Luther hat dort in den wenigen Wochen, die er in Rom war, Hebräischunterricht genommen und damit ein erstes Fundament gelegt, dann auch später für seine Studien in dieser Sprache. Also von daher war sein Rom-Aufenthalt auch in dieser Hinsicht durchaus von Nutzen.

[13:42] Das vielleicht entscheidende Erlebnis war allerdings beim Besuch der sogenannten Scala Santa, der Heiligen Treppe oder auch der Heilige Stieg. Von der hieß es, dass es angeblich die Treppe sei, die in Jerusalem stand, als Jesus von Pontius Pilatus herabgeführt wurde und Jesus da diese Treppe abgestiegen und auf wundersame Art und Weise, so war das im Mittelalter als Erklärung dient, immer die vermeintlichen Wunder dieser Treppe nach oben gekommen hatte.

[14:14] Dort zunächst einmal als Eingangstreppe für den Lateranpalast gedient und stand zu Zeiten nicht wie heute überbaut, sondern frei. Und Luther ist dort zu dieser Zeit gekommen und wie heute auch galt es damals, diese Treppe auf Knien hochzurutschen und entsprechend da eine Vaterunser zu beten. Und auch hier sollte es einen Ablass geben.

[14:38] Luther wollte diese fromme Tat seinem Großvater Heine, der sollte der Nutzen dieser seiner Gebet und seines Rutschens werden. Und er war gerade dabei, dort auf dieser Treppe hochzurutschen und sich anzustrengen und besonders heilig zu fühlen, als ihm plötzlich innerlich eine Stimme einen Bibelvers ins Gewissen rief, den er schon aus seinem Bibelstudium kannte und der wie ein Donnerschlag ihn plötzlich traf: "Der Gerechte wird aus Glauben leben."

[15:18] Es war fast so, als hätte der Staub nochmals ihm gesprochen, aber diesmal viel deutlicher, nicht mit den Worten "Stop it", sondern direkt mit dem Wort Gottes. Der Heilige Geist selbst schüttelte den frommen Luther, der vor lauter Selbstgerechtigkeit den Blick von Jesus weggewandt hatte. Er war zwar schon durch Staupitz bis dahin unterrichtet worden, auf Jesus zu schauen, aber noch sei dieser Frömmigkeitsgedanke, dieser Leistungsdruck so tief in den dritten.

[15:56] Doch als diese Stimme ihn trifft, mitten auf den Treppenstufen, da hat es ihn gepackt und er ist aufgesprungen. Und dieses Bibelwort war ihm im Kopf jetzt so fest verankert. Er hat es seitdem nie wieder vergessen.

[16:17] Diese Geschichte wird heute übrigens in vielen Biografien von Luther ausgespart und ausgeklammert. Das liegt vor allem daran, dass Luther selbst sie nicht erzählt hat, zu müssen, es nicht schriftlich fixiert hat. In den Aussagen Luthers, Luther selbst hat ein Jahr vor seinem Tod bei einer Tischrede nur lapidar gesagt, er hätte Zweifel gehabt, als er die Treppe hochgerutscht wäre und hätte am Ende gesagt: "Naja, wer weiß, ob es stimmt." Aber diese Geschichte, die wir gerade berichten, ist tatsächlich eine wahre Geschichte, die sich kein Historiker ausgedacht hat. So wie sie berichtet sie in seinem berühmten Werk "Von der Historie der Reformation" und bezieht sich auf einen Historiker namens Eggendorf, der wiederum einen Historiker namens Georg Nelius als Referenz angibt, der eine Generation nach Luther lebte und der in seinem Kommentar zum Römerbrief sich auf eine direkte Aussage des Sohnes von Luther beruft, von dem der Sohn Lukas, so wird das natürlich von Martin Luther selbst gehabt haben. Also eine Geschichte, die historisch verbürgt ist und die zeigt, was für eine besondere Rolle diese Reise gehabt hat.

[17:29] Obwohl Luther so sehr geschockt gewesen ist, hat er sein Leben lang immer betont, dass er diese Reise habe machen müssen. Zum einen, um zu sehen, was eigentlich in Rom wirklich Realität ist. Zum anderen hat dieses Erlebnis auf der Treppe ihn darin bestärkt, die Gerechtigkeit im Glauben zu suchen und nicht in seinen eigenen Werken. Er sei jetzt schon deutlicher, wenn auch noch nicht hundertprozentig, aber schon viel deutlicher, dass es unsinnig ist, durch eigene Werke Gott gnädig stimmen zu können.

[18:05] Es war, wie gesagt, nicht das erste Mal, dass dieser Vers 10 durch den Sinn kam. Er hat ihn ja vorher schon gelesen, aber an diesem Tag hat sich erfüllt, was Jesus über den Heiligen Geist sagte: "Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch alles erinnern, was ich euch gesagt habe." Es war, als ob das Licht jetzt ganz deutlich in die Finsternis schien. Ein neuer Tag brach an im Denken von Luther.

[18:33] Noch hatte er längst nicht alles verstanden, noch war vieles offen in seinem theologischen Denken, aber innerlich hatte er sich von Rom getrennt, in vielerlei Hinsicht, ohne dass ihm das selbst vielleicht in vollem Maße schon bewusst gewesen war. Das Licht leuchtet in der Finsternis, und das braucht Zeit, um die Finsternis Stück für Stück zu vertreiben. So war das Jahr 1511 in jeglicher Hinsicht ein Meilenstein in der Entwicklung Martin Luthers.

[19:08] Er hat, wie gesagt, dort in Rom einen echten Realitätsschock bekommen, hat gesehen, dass seine Vorstellung von dem päpstlichen Zentrum völlig falsch gewesen sind. Und obwohl er trotzdem 100 Prozent nach wie vor zu der römischen Kirche stand und auch zum Papst, war sehr viel mehr Nüchternheit, zumindest innerlich, jetzt eingetreten. Und damit verbunden war natürlich jetzt auch eine gewisse Offenheit für Neues und ein Drang nach Wahrheit zu suchen, den er ohnehin ja schon durch die Bibel hatte und der durch das Bibelstudium gefördert worden ist.

[19:44] Was passierte sonst im Jahre 1511? Schon am ersten Januar vermeldet das englische Königshaus eine freudige Nachricht. Heinrich VIII., der junge König Englands, hatte mit seiner Katharina von Aragon, die er geheiratet hatte, nachdem ihr Ehemann, der ältere Sohn von Heinrich, gestorben war, mit ihr hatte er einen Sohn bekommen, der wenige Tage später, am fünften als englischer Thronfolger auf den Namen Henry getauft wurde. Also Heinrich aus lauter Dank begab sich Heinrich der Achte auch auf eine Pilgerreise, nicht nach Rom, sondern an den englischen Pilgerort Rollingham, wo auch ein Schrein gewesen ist.

[20:35] Gegen Ende Januar, Anfang Februar hat Luther dann die Heimreise angetreten und ist auf einem Weg zugegangen, so etwas westlicher lag als der Hinweg, den er genommen hatte. Er hat jetzt auch einen gesehen gehabt, dass der Widerstand gegen die Ordenspolitik nicht nutzte und ist auf diesem Heimweg über den Brennerpass, vermutlich ging zunächst am Mann Tor, dann über den Brennerpass und dann nach Innsbruck und über Innsbruck dann nach Augsburg.

[21:13] Und in Augsburg traf er eine damals sehr berühmte Frau, nämlich Anna, genannt Ursula. Berühmt deswegen, weil sie im Ruf stand, seit Jahren ohne Nahrung zu leben und keinerlei Ausscheidungen zu haben. Es galt als ein göttliches Wunder. Selbst der Kaiser Maximilian gehörte zu ihren Bewunderern. Jahre lang wurde sie als eine Art lebende Heilige dort in Augsburg gefeiert. Sie würde sich angeblich nur von dem Brot vom Heiligen Abendmahl, von der Eucharistie ernähren, von nichts anderem.

[21:57] Dabei ist interessant, dass sie als junges Mädchen eigentlich durch einen relativ unsittlichen Lebenslauf aufgefallen war und dann nach einiger Zeit mit dieser besonderen heiligen Ekstase aufgetreten war. Und Luther hat sie besucht, hat mit ihr gesprochen und war durchaus ein wenig skeptisch schon, aber hat auch jetzt nicht offen dagegen, dass in Zweifel gezogen. Er hat dann nur verdutzt festgestellt, dass die diese vorgebliche Heilige so gar kein Interesse am Himmel zu haben schien, sondern sich immer nur auf die Erde und auch die irdischen Freuden bezog.

[22:33] Und Luther hat dann einfach nur ihr mitgegeben: "Sieh zu, dass es auch recht zugeht." Kurze Zeit später, einige Jahre später, ist dann diese Anna Ursula von Regensburg als Betrügerin entlarvt worden und entsprechend den spätmittelalterlichen Sitten auch sehr rasch, nämlich mit Todesstrafe dafür bestraft worden.

[22:56] Aus lauter Freude über den Thronfolger hatte Heinrich der Achte ein Ritterturnier stattfinden lassen, am 12. Februar. Doch schon zehn Tage später war der junge Kronprinz Henry tot. Die Todesursache ist ungeklärt, aber das war natürlich für das englische Königshaus eine Katastrophe und auch ein Mosaiksteinchen in der Vorgeschichte der englischen Reformation, die wir noch sehen werden.

[23:28] Ende März kam dann Luther wieder in Erfurt an. Und die renitenten Klöster, die sich gegen diese Ordenskompromiss, dass nämlich Staupitz sowohl für reformierten Klöster als auch gleichzeitig der Provinzial aller nicht reformierten sächsischen Klöster sein sollte, die dagegen sich weigerten, diese Klöster haben mit dieser Weigerung nicht aufgehört. Luther zwar berichtet, dass nichts gefruchtet hat, aber man gab sich hartnäckig.

[23:58] Luther selbst dagegen hat er jetzt eine sehr moderate Position eingenommen, aber in Erfurt wollte man weiter protestieren. Auch in Erfurt hat man versucht, weiter diesen Kompromiss zu umgehen. Man fürchtete nämlich, dass die reformierten Klöster ihre Identität verlieren würden, wenn ihr Oberster Staupitz gleichzeitig für nicht reformierte Klöster zuständig wäre.

[24:25] Und so hat dann der Nürnberger Rat direkt an den Ordensgeneral der Augustiner-Eremiten appelliert, am zweiten April, um doch noch eine Appellation, einen Einspruch zu erreichen. Am 19. April brach im Osmanischen Reich im Südosten, im Taurusgebirge, unter den Turkmenen eine Rebellion aus, die das Reich in Atem halten sollte. Und am 27. April starb einer der sieben Kurfürsten, Erzbischof von Trier, Jakob II. von Baden. Starb unter Richard von Greiffenklau zu Vollrads wurde sein neuer Nachfolger und damit Kurfürst und Erzbischof von Trier.

[25:10] Und 1511 wurde dann Andreas von Piräus in Flandern geboren, auch ein Reformator, von dem später mehr zu berichten sein wird. Nach jahrelangem Rechtsstreit gelang es dem Sohn von Christoph Kolumbus, Diego Columbus, oder auch Diego Colón, wie im Spanischen genannt wurde, die Rechte durchzusetzen.

[25:31] genannt wurde die rechte durchzusetzen, die sein verstorbener Vater damals in der Kapitulation von Santa Fé eigentlich erworben hatte. Aufgrund dieses Gerichtsentscheides des königlichen Rates erhielt Spanien ein Fünftel alles gefundenen Goldes auf Hispaniola und auch ein Zehntel aller anderen Einnahmen und durfte sich jetzt Vizekönig von Hispaniola, dieser ersten großen Kolonie der Spanier in der Karibik, nennen. König Ferdinand von Aragon hat aber von Anfang an versucht, diese Rechte einzuschränken.

[26:06] Erfurt kam unterdessen nicht zur Ruhe, und Luther hat mitbekommen, wie immer noch die Unruhen dort, auch unter den Studenten, an der Tagesordnung waren. Und das war eine echt schwierige Situation für diese doch so ehrwürdige Stadt. Luther hat in dieser Zeit zu Johann von Staupitz folgendes gesagt: "Wer kann Gott dienen, wenn er gerade so um sich schlägt?" Er hat also angesichts der Unruhen, des zum Teil des Tot-Schlages und der vielen Verbrechen, die begangen worden sind in der Zeit, durchaus diese Frage gestellt: Warum lässt Gott das zu? Diese alte Frage, die Menschen seit allen Zeitaltern bewegt, ist auch an Luther nicht vorbeigegangen, gerade dann, als durch Ausschreitungen in der Gesellschaft auch sein persönliches Wohl bedroht gewesen ist.

[27:05] Als direkte Folge dieser Ausschreitungen ist übrigens Justus Jonas, ein hochbegabter junger Student in Erfurt, der dort dem Humanistenkreis sich gebildet hatte, nach Wittenberg geflohen. Regelrecht im Sommersemester hat er dort das Jura-Studium begonnen. Er war ein äußerst stark ausgeprägter Student, der sich vor allem auch an Erasmus orientierte. Justus hat sich dort in Wittenberg mit dem etwas älteren Georg Burkhardt Spangenberg verbündet und befreundet. Spangenberg war in diesem Jahr nach Wittenberg gekommen, weil der Kurfürst großes Vertrauen in ihn bekommen hatte durch seine bisherigen Dienste. Er sollte jetzt als Tutor der braunschweigischen Herzöge dienen, als Lehrer sozusagen, und auch den unehelichen Sohn von Friedrich dem Dritten unterrichten. Außerdem bekam er den Auftrag, weil er ein begnadeter Historiker war, eine Geschichte Sachsens zu verfassen. Und er hat mehr und mehr auch geholfen als Übersetzer bei politischer Korrespondenz. Spangenberg war ein äußerst breit aufgestellter Gelehrter, der große Fähigkeiten vor allem im Gebiet der Geschichte und auch der Theologie hatte und der von seiner ganzen Persönlichkeit ein sehr ausgleichendes Gemüt hatte und entsprechend schnell noch Freunde fand.

[28:33] Wie gesagt, diesen Justus Jonas. Justus Jonas hat auch sehr gerne die Predigten von Wenzeslaus Link besucht. Er dort ja ebenfalls in Wittenberg tätig. Philipp Melanchthon hat dann mit 14 Jahren am 18. Juni völlig mühelos, ohne mit der Wimper zu zucken, den Bakkalaureatsgrad in Tübingen zum frühstmöglichen Zeitpunkt erlangt. Vor allem, weil er ja schon auf dieser Eliteschule in Pforzheim sich so hervorgetan hatte, war das Grundstudium für ihn überhaupt keine Schwierigkeit. Und er hat wirklich geglänzt dort als junger, brillanter Gelehrter. In Tübingen an derselben Universität war auch sein Freund Ambrosius Blarer, fünf Jahre älter. Der war ja, werden wir in den folgenden Folgen sehen, in das Benediktinerkloster Alpirsbach im Schwarzwald eingetreten und war dann postwendend zurückgesendet worden von seinem Vorgesetzten im Kloster, weil er gesehen hat, was für ein Potenzial beim Blarer zu finden ist. Er sollte in Tübingen weiter studieren. Und so erhielt auch Blarer in diesem Jahr seinen Bakkalaureatsabschluss in den freien Künsten und war, wie gesagt, mit Melanchthon befreundet.

[29:52] Und zweiter Juli endete in dieser weit ausgreifenden Rebellion im Osmanischen Reich, die auf die Schah-Rebellion genannt wird, mit einem Sieg der herrschenden Osmanischen Elite. Die Portugiesen weiteten unterdessen ihr Handelsimperium aus. Die Stützpunkte auf Indien, so oder in Indien, sollten dazu dienen, den Gewürzhandel zu kontrollieren. Die Gewürze kamen von den Gewürzinseln auf den Molukken, die in Ostindonesien liegen, und auf dem Weg nach Indien, das sieht man auf der Karte sehr schön, gibt es einen strategisch wichtigen Punkt. Wie wir hier auf der Karte sehen können, ist die Straße von Malakka zwischen Sumatra und Malakka das geostrategische Nadelöhr. Alle Schiffe müssen dort hindurch auf einer äußerst engen Wasserstraße. Wer diese Straße kontrolliert, der hat den gesamten Gewürzhandel in den Händen. Und so entschlossen sich die Portugiesen, Malakka anzugreifen, das damals in muslimischer Hand war. Es gab einen Sultan von Malakka, aber dieser Angriff scheiterte zunächst.

[31:13] So begann man die Stadt zu belagern. Dann am 15. August begann die gewaltsame Besiedelung von Kuba. Dort entstand jetzt die erste spanische Siedlung, die allerdings bekämpft wurde von Einwohnern, die zuvor aus Hispaniola geflohen waren und nicht einverstanden waren, dass die Spanier jetzt schon wieder sie vertreiben sollten. Und dann, einen Monat nach Beginn der Belagerung, nahmen die Portugiesen doch mal locker ein. Das war der 24. August 1511. Der dortige Sultan wurde vertrieben. Ein Fort wurde errichtet, Formosa, das wir hier sehen können, und dieser Posten wurde jetzt zu dem Hauptstützpunkt für die Gewürzroute. Es kam zu einem regelrechten Massaker, vor allem an den chinesischen Händlern, die dort lebten. Und das hat von Anfang an also diese Kommunalpolitik ein schlechtes Vorzeichen gestellt.

[32:23] Am 30. August erwarb Wenzeslaus Link, der Freund von Luther, seinen Lizentiat in Wittenberg und war damit jetzt berechtigt, Theologie auch zu unterrichten. Staupitz hingegen begann weiterzuverhandeln, vor allem mit den renitenten Klöstern. Er wollte doch irgendwie einen Ausgleich aushandeln. In Jena ist das gewesen im September, und dort kam es tatsächlich zu einer Annäherung. Man spricht auch von dem sogenannten Jenaer Rezess, der jetzt eine Mittelposition ermöglichen sollte, so dass alle irgendwie gedient war. Und binnen zweier Monate sollte dieser Jenaer Rezess jetzt auch von den Widerständlern, den renitenten Klöstern, unterzeichnet werden und gebilligt werden. Aber das wurde insbesondere auch in Nürnberg abgelehnt.

[33:18] Die Nürnberger waren auf einer ganz entschieden anderen Natur unterwegs. Für sie war es nur denkbar, dass es Staupitz über die sächsischen, nicht reformierten Klöster gebieten sollte, wenn die reformiert werden. Und das stand natürlich nicht in Aussicht, dass er, unrealistisch. Und so ist auch der Jenaer Rezess gescheitert. Übrigens hat diese Frage auch das Kloster in Erfurt sehr beschäftigt. Die meisten Mönche in Erfurt standen mit den Nürnbergern zusammen und waren gegen diese Kompromisslösung, auch gegen den Jenaer Rezess. Aber Luther, der in Rom gemerkt hatte, wie unsinnig diese Operation war, Luther war jetzt auf der Seite von Staupitz und war gegen unnötigen Widerstand und hat sich für diese Harmonie und für diesen Kompromiss eingesetzt. Und damit befand er sich jetzt in einer Minderheit.

[34:24] Und ohne dass wir genaues Quellenmaterial haben, lässt sich ableiten, indirekt, dass jetzt wohl die Lage für Luther im Kloster in Erfurt äußerst unangenehm wurde. Er war plötzlich Außenseiter, er war plötzlich ein Abweichler, und das Leben wurde jetzt sehr unangenehm für ihn, inmitten seiner Hardliner-Kollegen, die dort im Kloster gegen Staupitz jetzt immer noch rebellieren. Und das führte dazu, dass Staupitz selbst eingriff und Luther herausholte. Und das ist vielleicht einer der großen Momente in der Biografie von Luther, dass nämlich der Staupitz aufgrund dieser etwas verworrenen Ordenspolitik-Situation Luther aus dem Erfurter Kloster herausgelöst und ihn nach Wittenberg versetzt. Und das war der Wechsel des Lebensstandortes, der jetzt die großen Weichen stellte für die künftige Reformation.

[35:30] Wird aber, wie gesagt, wir haben schon gesehen, in der vorletzten Folge, schon einmal für eine kurze Zeit in Wittenberg gewesen, um dort zu unterrichten und auch etwas weiter zu studieren. Aber jetzt wurde er dauerhaft nach Wittenberg versetzt durch Johann von Staupitz, mit dem er jetzt sehr viel Zeit verbrachte, was den Luther noch einmal sehr stark geprägt hatte. Staupitz war ja so ein bisschen wie sein Ziehvater, der ihm so viele Wege bisher geöffnet hatte, und er war dafür natürlich sehr dankbar.

[36:05] Wittenberg war natürlich ein ganz anderes Pflaster als Erfurt, nicht diese ehrwürdige alte Stadt, sondern eigentlich mehr ein Dorf. 400 Häuser gab es dort, 2000 Einwohner ungefähr. Die Häuser waren klein, hässlich, aus Lehm gebaut, mit Stroh gedeckt. Die Straßen waren kotig. Man hatte also nicht den Eindruck, dass man wirklich in der Zivilisation lebte, sondern eher so im Grenzbereich des ehemaligen slawischen Kolonialgebietes. Die dort lehrenden Professoren und Gelehrten waren sich dessen noch durchaus bewusst. Das war mehr ein Abenteuerprojekt. Die Universität war ja auch noch ganz jung, nur wenige Jahre alt und damit auch kein Vergleich zu den staatlichen Universitäten von Erfurt mit ihrer langen Geschichte.

[36:50] Trotzdem war Wittenberg die Hauptstadt von Kur-Sachsen, und Sachsen war das damals vielleicht mächtigste Territorium im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Friedrich der Dritte war einer der sieben Kurfürsten, vielleicht einer der einflussreichsten überhaupt. Und so unangenehm die äußeren Umstände in Wittenberg zunächst einmal waren, so spannend war schon das politische Potenzial, das in dieser Stadt lag.

[37:19] Die Wittenberger, die Erfurter Augustiner-Eremiten haben zunächst einmal nicht verstanden, dass sie einen ihrer besten Nachwuchs-Zöglinge haben ziehen lassen. Das haben sie dann freilich erst später bemerkt. Und dort hat Luther natürlich seinen alten Freund Wenzeslaus Link wieder getroffen, mit dem er sehr eng zusammenarbeiten.

[37:43] Auch im Kloster von Wittenberg, das viel kleiner war als und auch viel bescheidener als das Erfurter Kloster, gab es auch andere, auf die er traf, von denen später zu reden sein wird: Heinrich von Süßwind, Johann Westermann und auch Thielemann Schnabel. Deutschland für die Reformationsgeschichte ist aber auch, dass Luther einen Freund mitbrachte aus dem Erfurter Kloster, nämlich Johann Lang, mit dem er sich dort befreundet hat in Erfurt. Etwa 24 Jahre, ein paar der junge, und auch der würde dann in den nächsten Jahren sehr eng mit Luther zusammenwirken.

[38:18] Luthers Gesundheitszustand dieser Zeit war übrigens sehr schlecht, nicht zuletzt auch eine Spätfolge der sehr radikalen Askese-Versuche, die er in seiner jungen Klosterzeit unternommen hat.

[38:40] Am 13. Oktober immatrikulierte sich dann Simon Grün, 18 Jahre alt, an der Universität in Wien. Er war in Pforzheim auf eine Schule gegangen und hatte dort sich mit Melanchthon, dann noch mit Berthold Heller befreundet. Als erste Universität kam, konnte er schon nicht nur Latein, sondern auch Griechisch und Hebräisch. Waren also völlig up to date, ganz vorne an der wissenschaftlichen Front. Studierte er erst die feinen Künste natürlich und dann später Medizin.

[39:09] Wenzeslaus Link, Luthers Freund, ist dann auch bald nach der Ankunft Luthers am 16. Oktober zum Doktor der Theologie promoviert, 28 Jahre alt, und wirkte nun als Theologie-Professor dort an der jungen Wittenberger Universität.

[39:28] Am 8. November wurde Paul Eber in Kitzingen geboren und am 20. November geschah eines der größten Schiffsunglücke der Menschheitsgeschichte: Das portugiesische Flaggschiff "Nossa Senhora da Ajuda" mit dem größten Schatz, der jemals mit einem Schiff untergegangen ist: Diamanten, Rubinen und allein 60 Tonnen Gold sind mit diesem Schiff untergegangen. Der größte Schatzverlust in der Geschichte der Seefahrt. Nach verschiedenen Berichten sind die größten Teile der Schätze dann später von Räubern geplündert worden.

[40:15] Im Dezember hat dann Christoph Scholl, gegen den Wunsch von Friedrich dem Dritten, Wittenberg wieder verlassen. Er hat einen Ruf bekommen nach Nürnberg, eine der berühmtesten und größten Städte der damaligen Zeit. War dort im Rat mitwirken sollte, und dieser Ruf war zu attraktiv und zu verlockend und hatte sehr viel bewegt in den wenigen Jahren, wo Wittenberg gewesen war, hatte die Universität noch mal deutlich nach vorne gebracht. Aber jetzt verließ er sie, um in Nürnberg seine Karriere fortzusetzen.

[40:53] Weitere Ereignisse aus dem Jahre 1511: Wolfgang Capito hat in Freiburg im Breisgau ebenfalls ein Lizentiat erworben, 33 Jahre war er, was ihn jetzt befähigte, Theologie zu unterrichten.

[41:12] Eine spannende Geschichte ist aus Rostock zu vermelden, wo ein gewisser Nikolaus Kurs, dessen Alter nicht genau feststellbar ist, in diesem Jahr begann, offen gegen das Papsttum zu predigen. Das war ihm nicht von alleine eingefallen. Er hatte Besuch bekommen, vorher zweimal von böhmischen Brüdern, von Gläubigen, die Nachfahren der Hussiten waren, die jetzt auf diesem Wege die Wahrheit über den biblischen Antichristen nach Rostock gebracht haben. Ein kleines Vorflackern dessen, was nur in wenigen Jahren später über die Welt brechen sollte.

[41:52] Johannes Eck, der streitbare deutsche Humanist, hat es sich dann nach verschiedenen anderen Orten auch in Leipzig mit den alteingesessenen Kursbürgern verscherzt. Nach einer umstrittenen Rede wird er auf Geheiß und mit Erlaubnis von Herzog Georg aus der Universität und aus Leipzig vertrieben und ist dann nach Rom gegangen, um dort beim Papst persönlich Einspruch zu erheben. Weil Papst Julius der Zweite und dort in Rom hat Eck auch seine Promotion zum Doktor der Theologie gemacht.

[42:36] Ein anderes Streitthema hat sich in diesem Jahr sehr ausgebreitet in deutschen Landen, zwischen Pfefferkorn und Reuchlin. Andere Folgen schon davon berichtet, wie dieser zum Christentum übergetretene Jude versucht hat, die Juden mit Druck zu konvertieren. Und in seinem Buch "Der Handspiegel" hat er sich dann gegen Reuchlin gewandt, der für Toleranz gegenüber dem jüdischen Schrifttum und auch der jüdischen Religion eingetreten war. Reuchlin antwortete postwendend auf dessen "Handspiegel" mit dem "Augenspiegel".

[43:13] Und immer mehr Gelehrte wurden einbezogen in diese weltanschauliche Frage: Kann sich das Christentum es erlauben, jüdische Schriften zu tolerieren oder nicht? Reuchlin hat dabei die Position der Toleranz und der Gewissens- oder der Meinungsfreiheit auch im Sinne der Wissenschaft vertreten und ist dafür sehr scharf attackiert worden, nicht zuletzt natürlich von Pfefferkorn selbst.

[43:41] Erasmus von Rotterdam hatte in diesem Jahr seine Satire "Das Lob der Torheit" an verschiedenen europäischen Großstädten drucken lassen und ist damit noch einmal wirklich weltberühmt geworden. Schon jetzt zu Lebzeiten war er der Humanistenfürst, an dem niemand vorbeikam.

[44:04] Hier wäre ist in diesem Jahr geboren, in der französischsprachigen Schweiz, auch er ein späterer Reformator. Und in Nikolaus von Amsdorf, 27 Jahre alt, also fast so alt wie Luther, wurde in diesem Jahr ebenfalls mit einem Lizentiat betraut in Wittenberg. Das heißt, auch er durfte jetzt Theologie an der Universität unterrichten.

[44:29] Caspar Schlenkfeld, der spätere Reformator, ist in diesem Jahr Berater des Herzogs von Liegnitz geworden in Schlesien. Georg Röhrer, mit 19, begann sein Studium in Leipzig und er hat Schleck mit jungen 15 Jahren wechselte, nachdem er dem Bakkalaureatsgrad erworben hatte, dort in Erfurt nach Heidelberg. Also jemand, der auch mit sehr jungen Jahren schon sehr erfolgreich war, wie auch Melanchthon.

[44:58] Einer der genau Pietro Mariano Familie erlebte ein tragisches Ereignis, als seine Mutter starb. Zwölf Jahre alt war er, und er war der Sohn eines italienischen Schuhmachers. Er hatte ein großes Interesse für die Priesterschaft und wünschte sich schon in jungen Jahren ein katholischer Priester werden zu können. Hatte keine Ahnung, dass er einmal als Reformator in die Geschichte eingehen würde.

[45:25] Einer der wenigen Hauptpersonen der Reformationsgeschichte, die nicht studiert haben, ist der Hans Sachs, der mit 16 Jahren seine Schumacherlehre in Nürnberg abgeschlossen hatte und sich dann, wie das damals üblich war, auf eine Gesellenwanderung begab.

[45:39] Konrad Gräbel, der spätere Reformator, war 13 Jahre alt, als seine Familie, sein Vater Werk Kaufmann und auch Landvogt von Grüningen, nach Zürich zog und dort ist dann Konrad zur Lateinschule gegangen, direkt in der Nähe des Zürcher Grossmünsters.

[45:56] Georg Mario ist mit jungen neun Jahren nach Wittenberg gekommen, hat sich dort in die Matrikel der Universität eingetragen, allerdings nicht als Student, sondern zunächst einmal als kurfürstlicher Sängerknabe.

[46:11] Michael Stiefel in Esslingen am Neckar ist im Augustinerkloster in diesem Jahr zum Priester geweiht worden, obwohl er keinerlei theologische Vorbildung gehabt hat.

[46:21] Erasmus von Rotterdam ist übrigens in diesem Jahr auch mit einer Pfarrstelle betraut worden, ist in Erding Pfarrer geworden und unterrichtete weiter in Cambridge.

[46:33] Und dann gibt es einiges zu berichten von Ulrich von Hutten, diesem doch recht abenteuerlichen Studenten und späterem Reichsritter. Er tauchte im Jahre 1511 wieder in Wittenberg auf und verfasst dort ein Werk, nämlich die Verse "Wie kann die", ein Lehrbuch über die Kunst, Verse zu schreiben, also zu dichten. Und dieses Buch macht ihn auch im Ausland bekannt, wo es als Lehrbuch verwendet wird und er wird fast über Nacht berühmt als ein lateinischer Schriftsteller.

[47:12] Er ist dann über Leipzig nach Wien gereist, immer in Bewegung, immer unruhig, immer auch auf der Reise. Und dort hat er in der Gegend, oder auf den Kaiser Maximilian, ein nationales Epos verfasst, bei dem es vor allem auch um den vor kurzem ausgefochtenen Krieg des Römischen Reiches gegen Venedig ging. Hatte gehofft, vom Kaiser gefördert zu werden, aber der hat sich nicht für ihn eingesetzt, und auch die Universität hat ihn links liegen lassen. So ist dann Ulrich von Hutten weitergezogen, das gelobte Land der Humanisten, nach Italien.

[47:48] Die besondere Begebenheit aus dem Leben von Andreas Bodenstein ist noch zu berichten. Über 25 Jahre alt, werden wir in der letzten Folge gesehen, wie er zum Priester geweiht worden war. Er wollte seine Primiz, seine erste Messe, in seiner Heimatstadt in Karlstadt zelebrieren und auf dem Weg dorthin ist er in einem Hohlweg, dem sogenannten Hall, den es heute nicht mehr gibt, von Räubern überfallen worden und ausgeraubt worden und schwer verletzt worden. Ja, das Ganze gerade so überlebt und hat daraufhin ein Gelübde abgelegt, nach Rom reisen zu wollen.

[48:34] Ganz interessante Geschichte. Er war auf dem Weg eigentlich gewesen zu seiner Schwester in Eußenheim in Unterfranken, wohin er einen Zwischenstopp machen wollte. Und er hat es dann dorthin auch noch geschafft, hat sich dann wieder erholt und ist dann tatsächlich nach Karlstadt noch gereicht, hat dort tatsächlich seine erste Messe absolviert und ist dann zurück nach Wittenberg gegangen, wo seine Karriere jetzt fortgesetzt wurde. Er hat sich habilitiert und nannte sich ab sofort Doktor Karlstadt. Mit 25 Jahren war Doktor der Theologie, obwohl er sich in der Bibel gar nicht so gut auskannte. Das war damals für einen Doktorgrad in der Theologie nicht unbedingt erforderlich.

[49:16] Er hat hier jetzt auch eine sehr enge Freundschaft mit dem er ebenfalls in diesem Jahr nach Wittenberg gekommen. Spangenberg begonnen. Wir sehen also, wie gerade im Jahre 1511 einige Schlüsselfiguren der Reformation hier jetzt in Wittenberg eintreffen und beginnen, mit Freundschaften sich zu verbinden. Er hat dann auch an der Universität unterrichtet als Dozent der theologischen Fakultät, war ein Anhänger von Thomas von Aquin, also ein Turm in der philosophischen Diskussion und wurde auch noch Diakon an der Schlosskirche in Wittenberg.

[49:56] Ferdinand von Aragon, der spanische König, macht im Jahre 1511 eine bemerkenswerte Feststellung, die den Lauf der Weltgeschichte verändert hat. Er bemerkt, dass ein Schwarzafrikaner viermal so viel arbeitet wie ein Indianer. Und aus dieser vermeintlichen Einsicht entsteht dann schon bald das Konzept, Schwarzafrikaner aus Afrika nach Amerika zu bringen, um dort als Sklaven zu wirken. Eine Feststellung mit tragischen Konsequenzen für die nächsten Jahrhunderte.

[50:33] Übrigens ist in diesem Jahr in Mekka etwas Neues gesehen worden. Zum ersten Mal sind dort in dieser heiligen Stätte des Islam Kaffeehäuser entstanden, die ersten Kaffeehäuser der Welt, die aber nach kurzer Zeit wieder geschlossen worden, weil man, man höre und staune, den Kaffee als Getränk wieder verboten hat. Das ist vielleicht eine ganz interessante Anekdote der Geschichte.

[50:56] interessante Anekdote der Geschichte: In England wurde in diesem Jahr die Pferderennen populär, deren Ruhm verblasst ist seitdem. Und Raffael hat nach einigen Jahren Arbeit im Apostolischen Palast seine berühmten Stanzen des Raffael vollendet, die auch heute noch als ein Meisterwerk der Renaissance-Malerei gelten.

[51:17] Zum Ende noch ein Blick auf das, was Martin Luther den Rest des Jahres so in Wittenberg getan hat. Man weiß vor nichts über seine theologischen Studien in diesen Monaten, nur dass er offensichtlich in diesen Monaten auch, weil er auf der Suche war nach etwas, was ihm Halt geben könnte, sich für eine gewisse Zeit wohl auch mit der Mystik beschäftigt hat. Gerade die Heilige Birgitta von Schweden, die zur Zeit beim Konzil in Konstanz angesprochen worden war, die von Visionen berichtet hatte, die sie gehabt haben will. Die hat er gelesen und hat sich daher in Mysterien vertieft und auch in die Schriften des Pseudo-Dionysius Areopagita.

[52:02] Dionysius war einer der ersten Menschen, die sich in Athen durch Paulus bekehrt haben, so sagte die Bibel. Und im 15. Jahrhundert hat ein Philosoph, Theologe, sich diesen Namen zugeschrieben, hat in dessen Namen Werke verfasst, die deutlichen mystischen Anklang haben und die gewissermaßen auch ein bisschen die christliche Mystik mitgeprägt haben. Luther hat sich dahin hinein vertieft und hat gedacht, dass das vielleicht die Lösung sei seiner Suche und dass das vielleicht der Weg sei, wo er seinen inneren Seelenfrieden finden könnte.

[52:35] Und das hat ihn tatsächlich eine Zeit lang beschäftigt. Ebenfalls viel studiert hat Zwingli, der immer noch in Glarus Pfarrer war. Nachdem er ja jetzt 50 Gulden pro Jahr bekam vom Papst, vermittelt durch den reichen und mächtigen Schweizer Kardinal Schiner, hat er dieses Geld investiert in allerlei Literatur, in Kirchenväter, in theologische Standardwerke, die er eifrig studiert hat und die dazu geführt haben, dass Zwingli sehr wohl über den aktuellsten Stand der Forschung der Theologie immer auf dem Laufenden war und sich immer weiter hinein vertieft hat auf der Suche nach echter Wahrheit.

[53:15] Wohin die Suche von Zwingli und Luther geführt hat und wie es auch im Leben der anderen Reformatoren weiterging, sehen wir in der nächsten Folge. Dann heißt es: "Doktor der Theologie". Bis dahin wünschen wir Ihnen Gottes reichen Segen und freuen uns, wenn Sie das nächste Mal wieder einschalten hier auf Joelmedia.de, wenn es dann wieder heißt: Sola Veritas – Die wahre Chronik der Reformation.


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