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In dieser Folge der „Corona und die Pandemie-Chroniken“ blickt Historiker Christopher Kramp auf die Antoninische Pest im zweiten Jahrhundert zurück. Er beleuchtet die Auswirkungen dieser verheerenden Pandemie auf das Römische Reich, von militärischen und wirtschaftlichen Folgen bis hin zu gesellschaftlichen und religiösen Umwälzungen. Dabei zieht er interessante Parallelen zur heutigen Zeit und zeigt, wie die Krise auch das Christentum stärkte.


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Serie: Corona und die Pandemie- Chroniken

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Transkript

[0:00] Herzlich willkommen zu Corona und die Pandemie-Chroniken. Mein Name ist Christopher Kramp, ich bin Historiker und Evangelist für joelmedia.de und gemeinsam wollen wir uns in einigen kurzen Videos historische Pandemien anschauen, um zu sehen, was wir in der gegenwärtigen Corona-Krise aus der Geschichte lernen können.

[0:25] Alle Menschen reden momentan über die großen, einschneidenden Maßnahmen, die unser Leben bis in den Alltag hinein verändern. Das ist allerdings nicht zum ersten Mal auf diesem Planeten passiert. Wenn wir in die Geschichte zurückschauen, sehen wir immer wieder, dass große Pandemien das Leben von Millionen Menschen bedroht haben oder zumindest schwer beeinträchtigt haben.

[0:53] Heute wollen wir einige kleine Lehren aus der Antoninischen Pest im zweiten Jahrhundert betrachten. Das Römische Reich war zu der damaligen Zeit auf dem Höhepunkt seiner Macht. Einige Historiker haben gesagt, dass es wohl selten einen so glücklichen Zeitraum für die Menschheit gab, wie ungefähr in der Mitte des zweiten Jahrhunderts, als das Römische Reich weit ausgedehnt gewesen ist, der Handel florierte und die Grenzen sicher waren. All das sollte sich binnen weniger Jahre ändern.

[1:28] Die Römer hatten im Osten des Reiches einen recht mächtigen Feind, die Arsakiden-Dynastie der Parther, die weite Teile dessen, was wir heute Irak und Iran nennen, kontrollierten. Im Jahre 165 führten die römischen Legionäre unter Lucius Verus einen erneuten Feldzug und drangen dabei weit hinein nach Mesopotamien, wo man Ende 165 vor der Doppelstadt Seleukia-Ktesiphon, ungefähr dort, wo heute Bagdad liegt, stand. Dieser Krieg und diese Eroberung, die Belagerung dieser Stadt war äußerst erfolgreich und den römischen Legionären gelang es Ende 165, Anfang 166, diese Doppelstadt zu erobern. Man machte große Beute, brachte allerdings auch etwas mit, womit niemand gerechnet hatte.

[2:28] Schon dort vor Ort brach eine seltsame Krankheit unter den römischen Soldaten aus, die sich an schwer beschreibbaren und ganz schmerzhaften Hautveränderungen zeigte. Die Krankheit wird heute die sogenannte Antoninische Pest genannt, benannt nach dem damals herrschenden Kaiser Mark Aurel. Das verwundert vielleicht, man muss dazu wissen, dass er nach dem Vorgänger Antoninus Pius, der ihn adoptiert hatte, um dann sein Nachfolger sein zu können, um ihn als Nachfolger zu haben, eigentlich Marcus Aurelius Antoninus genannt worden ist, daher der Name dieser Pest oder dieser schweren Pandemie, die fast die gesamte Regierungszeit dieses römischen Kaisers das römische Reich verwüstete.

[3:21] Wir wissen von dieser schweren Pandemie vor allem von mehreren historischen Quellen aus der Zeit. Cassius Dio schreibt über diese Krankheit, Lukian, einige andere auch und vor allem Galenus von Pergamon, der vielleicht berühmteste Arzt oder einer der berühmtesten Ärzte der Antike, der gleich zweimal im Epizentrum des Geschehens in der Stadt Rom weilte und die Krankheit nach dem damaligen Kenntnisstand recht genau beschrieb. Aus Angst war er nach dem ersten Ausbruch 166 in Rom in seiner Heimatstadt geflohen, wurde dann aber später vom Kaiser höchstpersönlich zurückgerufen, um an der Eindämmung dieser Pandemie mitzuwirken.

[4:08] In einem seiner Werke, "Methodus medendi vel de morbis curandis", auf Deutsch "Die Methode des Heilens und des Sorgens für die Krankheiten", beschreibt er sehr ausführlich, welche Symptome bei dieser Pandemie auftraten. Dort haben wir zum Beispiel Fieber, Durchfall und auch eine Rachenentzündung. Wissenschaftshistoriker wissen bis heute nicht ganz genau, welcher Erreger dort dahinter steht. Der Favorit der meisten Experten ist die Pocken, dass es sich höchstwahrscheinlich um eine besonders virulente Form der Pocken gehandelt hat und das hat dann bei den großen Zahlen, die vor allem in der Hauptstadt Rom betroffen worden sind, zu erheblichen Todesraten geführt. Cassius Dio beschreibt 2000 Tote täglich allein für die Stadt Rom bei einem späten Ausbruch, erneuten Ausbruch im Jahre 189.

[5:09] Wie kam es zu dieser Pandemie? Interessanterweise hatte sie auch, so sind sich einige Experten sicher, ihren Ursprung mutmaßlich in China. Dort ist sie über die Seidenstraße dann in den Nahen Osten verbreitet worden, wo dann, wie gerade schon geschildert, die römischen Legionäre sie aufgegriffen haben, sich damit infiziert haben und dann in den engen Baracken und in der beengten Atmosphäre der römischen Legionslager diese Krankheit sich schnell ausbreiten konnte.

[5:42] Das römische Reich verfügte ja über ein ausgesprochen gutes Straßennetz, eine hervorragende Infrastruktur, die eigentlich ein großer Vorteil war, aber jetzt sich als ein Nachteil entpuppen sollte. Denn gerade diese große, gute Infrastruktur sorgte dafür, dass die Krankheit sich rapide ausbreitete. Und das ist vielleicht auch eine interessante Parallele zu unserer Zeit, wo die Globalisierung mit all ihren wirtschaftlichen Vorteilen auch dazu beiträgt, dass Krankheiten, wie zum Beispiel jetzt auch der neuartige Corona-Virus, der ja auch in China ausgebrochen ist, sich sehr schnell um den Erdball verbreiten kann, natürlich heutzutage in einer Geschwindigkeit, die noch weit größer ist als damals die Pandemie im römischen Reich im zweiten Jahrhundert.

[6:29] Wir wissen heute, dass diese Pandemie alle Teile des römischen Reiches erreichte, bis nach Britannien ist sie vorgestoßen, sehr wahrscheinlich auch über die Grenzen des römischen Reiches in das sogenannte Barbaricum hinein, aber da fehlen uns die Aufzeichnungen, weil es dort keine schriftlichen Quellen für diese Regionen gibt. Die Todeszahlen müssen ganz gewaltig gewesen sein, aber die Statistiken sind natürlich nur schwer auszuwerten, weil so viel Zeit inzwischen vergangen ist.

[6:57] Was waren die Folgen für die Gesellschaft damals in diesen 15 Jahren der Pandemie? Zunächst einmal hat die Armee besonders gelitten. Die Legionen wurden schwer dezimiert, es mussten dann Leute zwangsrekrutiert werden. Es folgte auch eine Dezimierung der sozialen Eliten. In Athen musste man jetzt auch Menschen in den Areopag wählen, die eigentlich sonst aufgrund ihres Status gar nicht dazu berechtigt gewesen wären. Mark Aurel hatte entsprechende Gesetze erlassen.

[7:28] Es gab Steuereinbrüche, auch das kann man sich gut vorstellen. Wir wissen das heute von Papyri, die sich im trockenen Wüstensand Ägyptens erhalten haben und die deutlich machen, dass das römische Reich erhebliche finanzielle Einbußen durch diese vielen Todesopfer zu verzeichnen hatte. Das öffentliche Bauwesen brach fast vollständig zusammen. Alle Bauprojekte in Rom waren gestoppt. Wir wissen das auch an der Peripherie aus Städten wie Londinium, dem heutigen London, dass auch dort die öffentliche Tätigkeit, was das Bauen von Bauwerken betraf, fast vollständig zum Erliegen gekommen ist. Also ganz interessant, dass auch damals schon solche Pandemien einschneidende Folgen hatten für das gesellschaftliche Zusammenleben.

[8:15] Und Feinde des römischen Reiches nutzten die Gelegenheit aus. Die Markomannen im Norden und die Quaden im Nordosten fielen in das Reich ein und konnten nur mit großer Mühe und unter großen Opfern abgewehrt werden. Aber es gab noch mehr Folgen, die manchmal etwas vernachlässigt werden. Gerade Mark Aurel machte sich, wie viele Eliten in Rom, Gedanken, warum es zu dieser Krise gekommen war. Und Historiker können nachweisen, dass gerade in dieser Zeit es eine erneute Hinwendung zu den römischen Göttern gab. Man glaubte, dass die Götter eine Strafe geschickt haben.

[8:55] Und obwohl keine öffentlichen Bauten mehr gebaut worden sind, gab es doch eine Förderung von Tempeln und Schreinen, die neu gebaut werden sollten. Und durch öffentliche Opfer sollten die Götter ganz milde gestimmt werden. Dazu war die ganze Bevölkerung aufgerufen worden, damit gemeinsam für das Wohl des römischen Reiches gebetet wurde. Dabei fiel auf, dass es eine Gruppe von Menschen gab, die an diesen öffentlichen Opfern nicht teilnahmen und auch auf Anweisung sich weigerten für den Kaiserkult und für Götter wie Jupiter und Merkur zu opfern.

[9:38] Es waren die sogenannten Christianoi, die Christen, eine Gruppe, die man lange Zeit im römischen Reich immer wieder auch zu ignorieren versuchte, die man hin und wieder verfolgt hatte, weil man sie nicht so richtig einordnen konnte, die man zunächst einmal für eine Sondersekte des Judentums gehalten hatte, die sich allerdings ausgebreitet hatte und in jedem Winkel des römischen Reiches zu finden war, mit starker Präsenz, vor allem auch im Osten und natürlich auch in der Hauptstadt Rom. Und diese Christen wurden jetzt aufgrund dieser Weigerung für das allgemeine Wohl des Staates zu den Göttern zu beten, verfolgt.

[10:22] Wir wissen von einzelnen Verfolgungen, speziell in Gallien zum Beispiel, wir wissen, dass Mark Aurel selbst auch Verfolgungen diesbezüglich angeordnet hat. Einige Jahre später schrieb Tertullian folgendes: Er sagt, wenn der Tiber bis in die Stadtmauern steigt, wenn der Nil nicht über die Feldfluren steigt, wenn die Witterung nicht umschlagen will, wenn die Erde bebt, wenn es eine Hungersnot, wenn es eine Seuche gibt, sogleich wird das Geschrei gehört: "Die Christen vor die Löwen!" Und das gibt uns einen Eindruck hier, den der Kirchenvater Tertullian, der auf Latein schrieb, einer der Ersten seiner Zeit in der Kirche, einen Eindruck von der Situation, mit der Christen als Sündenböcke für diese Plage gestempelt wurden.

[11:14] Interessanterweise können heute Historiker nachweisen, dass dieser Versuch, die Christen an den Rand zu drängen und mit Verfolgung dafür verantwortlich zu machen, genau ins Gegenteil umgeschlagen ist. Historiker verzeichnen heute folgende interessante Aspekte über das Christentum in jener Zeit. Zunächst einmal fällt auf, dass Christen damals in der Epidemie den Nächsten halfen.

[11:45] Die Mythologie und die Religion der Römer kannte zwar die Idee, dass man zu Göttern betet für Heilung, aber keinesfalls die Idee, dass man Schwachen hilft. Es war ganz selbstverständlich in der römischen Gesellschaft, dass man kranke Kinder, die krank geboren waren, auf die öffentlichen Stufen des Marktplatzes aussetzte. Es war selbstverständlich, dass man kranke und schwache Sklaven auf einer Insel einfach vor sich hinvegetieren ließ. Niemand kam auf die Idee, den Schwachen und Kranken zu helfen, aber die Christen taten genau das.

[12:21] Sie sorgten für die Schwächsten mit den Grunddingen, die jeder Mensch braucht. Sie sorgten für Wasser, sie sorgten für Nahrung und machten sich damit sehr viele Freunde. Gerade in einer Zeit, in der die Christen auch versuchten, intellektuell durch philosophische Argumente sich mit den Philosophen der damaligen Zeit zu messen, wirkte diese Methode, dieses Verhalten, diese Identität, die die Christen hatten, noch sehr viel stärker. Es zeigte sich, dass dieser Glaube eine echte Kraft im Alltag war und so kam es, dass Christen trotz der Pandemie und vor allem trotz der Verfolgung aufgrund der Pandemie immer angesehener in der Bevölkerung wurden.

[13:09] Dazu kam auch, dass sie eine besondere Botschaft hatten, eine Botschaft, die in dieser schweren Zeit Hoffnung vermittelte, eine Hoffnung über den Tod hinaus. Christen glaubten, lehrten und lebten durch ihr Beispiel, dass der Tod nicht das Ende ist, dass sie eine Hoffnung auf ein ewiges Leben hatten und dass sie deswegen auch bereit waren, möglicherweise ihr eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um anderen Menschen zu helfen. Statt dass das Christentum also während der Antoninischen Plage ausgerottet worden ist, hat es sich sehr stark in der Gesellschaft verankert und einige Historiker scheinen nachweisen zu können, dass gerade in dieser Zeit es einen Anstieg an Bekehrungen gab, dass Christentum sich stark ausbreiten konnte.

[13:57] In diesem Sinne haben die Christen genau das erfüllt, was ihr Herr und Meister Jesus von Nazareth einmal selbst gesagt hatte. In der berühmten Bergpredigt hatte er gesagt: "Ihr seid das Licht der Welt. Es kann eine Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen bleiben." Und damit verwies er eigentlich auch sein eigenes Vorbild und Beispiel, denn er selbst hatte gesagt: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern er wird das Licht des Lebens haben."

[14:34] Die Corona-Krise ist noch zu jung, um sagen zu können, wohin sie sich entwickelt, aber es ist durchaus möglich, dass in dieser Krise, so wie damals die Römer, Menschen anfangen werden, sich wieder auf alte Formen und auf eine kollektive Religion zu besinnen und es könnte sein, dass es dann auch wieder zu religiöser Intoleranz kommen könnte. Hoffen wir, dass es auch in dieser Zeit Menschen gibt, die wie die Christen damals aus Liebe zum Nächsten sich einsetzen, Menschen, die ihrem Herrn und Heiland folgen und wenn sie Jesus kennenlernen wollen, wenden sie sich doch an Menschen, die wirklich aus Überzeugung Jesus nachfolgen. Sie werden sehen, dieses Licht, das unser Herz erleuchtet, dieses Licht des Lebens, das uns froh und dankbar und hoffnungsvoll werden lässt in dieser Krise, das ist für jeden Menschen erhältlich. Gott segne Sie. Bis zur nächsten Folge.


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