In diesem Vortrag beleuchtet Rabea Kramp die zunehmende Verbreitung von Mystizismus und spirituellen Praktiken in der modernen Kultur, insbesondere im Kontext der Emerging Church-Bewegung. Sie analysiert die Merkmale der Postmoderne und wie diese traditionelle Glaubensvorstellungen herausfordern. Der Vortrag warnt vor den Gefahren des „alten Giftes im postmodernen Gewand“, das sich in kontemplativen Gebeten und ignatianischen Exerzitien manifestiert und dem Wort Gottes entgegensteht.
Das Lächeln der Schlange: 2. Altes Gift im postmodernen Gewand
Rabea Kramp · Das Lächeln der Schlange (Symposium über Mystizismus und die Emerging Church-Bewegung) ·Themen: Adventgeschichte, Bibel, Christlicher Lebensstil, Erweckung, GemeindeWeitere Aufnahmen
Serie: Das Lächeln der Schlange (Symposium über Mystizismus und die Emerging Church-Bewegung)
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Transkript
[0:00] Ein herzliches Willkommen auch noch einmal von meiner Seite. Ich freue mich, dass die Reihen so voll sind. Das heißt, ihr seid sehr kribbelig und interessiert, worum es heute geht, und das ist gut so.
Ich wollte noch eine Sache ergänzen zu dem Aufstehen. Da erfahrungsgemäß viele, viele, viele Menschen diese Vorträge im Nachhinein sehen werden, wäre es gut, dass ihr nicht aufsteht, aber wenn jemand zu spät kommt, dass ihr ihn am Arm greift und ihn nicht durchs Kamera-Bild laufen lasst, dass ihr hier eine uneingeschränkte Sicht nach vorne gewährt. Und wenn wir darin zusammenarbeiten, dann werden das gute Aufnahmen werden.
Der Titel heißt: Altes Gift im postmodernen Gewand. Und ich habe eine ganze Weile nach dem Bild gesucht, und diese Kapsel, die ihr da seht, die fand ich relativ passend. Denn wenn wir so ein Gift sehen würden, würden wir wahrscheinlich das Weite suchen, um nicht in Kontakt damit zu kommen. Aber wenn so ein altes Gift, von dem wir eigentlich wissen, dass es gefährlich für uns ist, in einer neuen Verpackung kommt, dann entlarvt es sich nicht so einfach.
Ich habe ein ganz bestimmtes Gebetsanliegen und deswegen möchte ich auch noch mal mit euch beten, obwohl Dina es schon gemacht hat. Aber wenn wir uns mit Gift beschäftigen, brauchen wir einen ganz besonderen Schutz. Die Chemiker ziehen Handschuhe an, das machen wir nicht, aber wir brauchen einen ganz besonderen Schutz von oben. Und ich würde euch bitten, ihr dürft sitzen bleiben, euer Haupt neigen und ich möchte noch mal mit euch beten.
[2:13] Lieber Jesus, wenn wir über dieses Thema des Giftes in einem postmodernen Gewand hören und reden, jetzt in den nächsten Minuten, dann möchte ich dich um deinen ganz besonderen Schutz bitten, dass unsere Herzen nicht angezogen werden, sondern dass wir es abstoßend finden, was wir hören über dieses Gift. Herr, behüte und bewahre uns und schick deine heiligen Engel zu uns und ich möchte dafür danken, jetzt schon in deinem heiligen Namen. Amen.
Welcher Vers fällt euch bei diesem schönen Bild ein? Jemand einen Vorschlag? Ja, Essen und Trinken, alles sehr Gottes. Also irgendwie hatte ich einen ganz anderen Gedanken als ihr. Ich hatte folgenden Vers im Kopf: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes hervorgeht." Und ich möchte den Vortrag ganz bewusst auf das Fundament des Wortes Gottes stellen.
Wir werden viele Dinge hören, die gar nichts, aber auch überhaupt gar nichts mit Aussprüchen Gottes zu tun haben, sondern genau dafür geschaffen wurden, um die Aussprüche Gottes kaputt zu machen. Und deswegen ist es so wichtig, dass wir die Bibel an die erste Stelle setzen in diesem Vortrag. Und ich habe einen Vers für euch oder für uns, der uns begleiten soll in dieser nächsten Stunde. Der ist in 1. Chronik 12, 32, wo es heißt: "Von den Kindern Issachar, die sich auf die Zeiten verstanden, um zu wissen, was Israel tun sollte. 200 Hauptleute und alle ihre Brüder folgten ihrem Wort."
Da gab es die Kinder Issachar oder die Söhne Issachar, und die hatten eine ganz besondere Eigenschaft. Sie verstanden sich auf die Zeiten. Sie konnten die Zeiten beurteilen. Sie konnten die Dinge einordnen, die passierten. Und die Brüder sind ihnen nachgefolgt, weil sie Vertrauen hatten. Und als wir uns so vor einem Jahr, mein Mann und ich, zum ersten Mal mit diesem Thema beschäftigt haben, worüber heute das ganze Symposium handelt, da habe ich meinen Mann am Arm gerüttelt und habe gesagt: "Christopher, wir müssen darüber einen Seminartag machen, damit wir verstehen, was die Zeiten mit sich bringen." Und ich bin sehr froh, dass wir das heute machen können.
[5:33] In dem Titel kommt das Wort "Postmoderne" vor, und deshalb möchte ich mit euch im ersten Teil dieses Vortrags über Postmoderne nachdenken. Was bedeutet Postmoderne? Welche Einflüsse hat die Postmoderne auf uns? Was ist ein postmoderner Mensch? Was ist ein postmoderner Christ? Was tut die Postmoderne mit unserem Glauben? Und ich habe verschiedene Zitate verschiedener Quellen, Befürworter der Postmoderne und Gegner der Postmoderne oder kritische Gegner der Postmoderne hier aufgeführt. Dort heißt es: "Der Moderne folgende Zeit, für die Pluralität in Kunst und Kultur, in Wirtschaft und Wissenschaft sowie demokratisch mitgestaltende Kontrolle der Machtzentren charakteristisch sind." Soweit gibt der Duden eine Definition über die Postmoderne.
Ein anderes Online-Lexikon gibt die darunterstehende und sagt: "Es ist eine unklare Sammelbezeichnung für eine Geisteshaltung oder auch neuer Zeitgeist beziehungsweise eine Denkrichtung, die sich als Gegner oder Ablösungsbewegung zur Moderne versteht." Wir hatten erst die Moderne und jetzt haben wir die Postmoderne, die Nachmoderne. Der auf rationale Durchdringung und Ordnung gerichteten Moderne stellt die Postmoderne eine prinzipielle Offenheit, Vielfalt und Suche nach Neuem entgegen, die von ihren Gegnern als Beliebigkeit, "anything goes", sagt man auf Englisch, kritisiert wird. Also wir lernen, die Moderne war eher von Ordnung und Verstand und Rationalität geprägt und die Postmoderne sagt: "Nee, das muss jetzt alles weg. Wir müssen eher offen sein und Vielfalt und, wie es oben steht, Pluralität brauchen wir."
Die Idee der Postmoderne hat ihren Ursprung in den künstlerischen und politischen Umbrüchen der 1960er in den USA. Der Begriff ist jedoch älter und wurde schon Anfang des Jahrhunderts, nämlich 1917, von einem Herrn Pöhlmann gebraucht. Die Postmoderne bricht mit dem elitären Kunst- und Wissensverständnis des Modernismus und geht damit unter anderem auf die Philosophie Friedrich Nietzsches zurück. Da die Welt nicht vollends erfasst und erklärt werden kann, steht sie für eine Relativierung und Pluralisierung von Denkstilen und Formen. Für sie gibt es weder eine umfassende Totalität oder Rationalität, noch einen festen Sinnhorizont bei der Weltdeutung.
So, sehr geschwollen, etwas umständlich formuliert, deswegen habe ich euch die wichtigen Sachen angemarkert. Es geht um Relativierung, um Pluralisierung, haben wir schon einmal gehabt. Und entgegen stehen wieder die modernen Werte der Rationalität und Totalität. Wie tickt nun ein postmoderner Mensch? Der Begriff Postmoderne bezeichnet eine neue Denkweise, die den Optimismus, die Vernünftigkeit, die Einheit und die Ziele der modernen Kultur kritisch hinterfragt. Also alles, was ich da unterstrichen habe, das waren so die Werte der Moderne und die Postmoderne wirft das über den Haufen und kommt zum Ergebnis, dass alles nur Konstruktionen seien. Die Wirklichkeit sei anders, nämlich zersplittert, widersprüchlich, subjektiv, chaotisch. Die postmoderne Wirklichkeitsschau ist darum zunächst eine Dekonstruktion der selbstverständlichen Denkvoraussetzungen der Moderne.
Also die Postmoderne möchte all diese Dinge abschrauben und sagt: "Wir sind eine zersplitterte, widersprüchliche, chaotische Welt und das müssen wir nun mal akzeptieren." Keine Ordnung, keine Vernunft, kein Optimismus. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts hat der Optimismus der Moderne einer tiefen Skepsis Platz gemacht. Professioneller Optimismus, Glaube an Fortschritt und Perfektion ist verdächtig. Ebenso allzu strahlend vorgebrachte Überzeugungen. Man traut denen nicht mehr, die behaupten, für alles gäbe es eine Lösung.
So, dieses Zitat habe ich aus einem Artikel von Reinhold Scharnowski, der ein großer Vertreter der Postmoderne und auch der Emerging Church Bewegung ist. Herr Scharnowski sagt weiter: "Spiritualität und Rationalität sind keine Gegensätze. Der postmoderne Mensch weiß, dass der Verstand allein die Welt nicht adäquat erfassen kann und ist darum sehr offen für spirituelle Führer. Man lebt viel ganzheitlicher als der rationalistisch geprägte Mensch der Moderne." Ist auch so ein geflügeltes Wort unserer Zeit, oder? Ganzheitlich. Alles ist ganzheitlich, die Medizin und die Therapie und alles ist immer ganzheitlich.
Erfahrbarkeit ist wichtiger als rationale Einsichtigkeit. Darüber werden wir heute noch eine ganze Menge hören, in meinem Vortrag, aber ich denke auch in dem von Gerhard und Gaby. Der postmoderne Mensch ist intelligent, aber nicht unbedingt im rationalistischen Sinn. Im Denken des postmodernen Menschen werden Widersprüche bis zu einem gewissen Grad durchaus integriert. Die Logik ist nicht mehr das einzige Kriterium für Wahrheit. Das Paradoxe als Teil unserer Wirklichkeit wird geschätzt. Nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten werden betont.
Jetzt, dieser letzte Abschnitt, der hat es ganz schön in sich. Wir, die wir alle in der postmodernen Zeit leben jetzt, wir wissen, es gibt so viele Widersprüche in der Welt und irgendwie müssen wir es aushalten, oder? Und das ist auch der Wille derer, die diese Postmoderne initiiert haben, oder man könnte auch sagen steuern, dass wir diese Widersprüche und dieses Spannungsfeld, in dem wir leben, aushalten müssen.
Jetzt, alle, die interessiert sind an gesundem Leben, ganzheitlich gesundem Leben, die wissen, dass solche Widersprüche im Leben nicht gerade sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Kein Wunder, dass wir heute so viele Krankheiten haben. Logik ist nicht mehr das einzige Kriterium für Wahrheit. Jetzt als Bibelstudenten in der Adventgemeinde, wie hoch steht bei uns die Logik? Ziemlich weit oben, oder? Ganz oben. Wir versuchen doch, die Bibel mit Logik zu erklären, Vers mit Vers zu vergleichen und logische Schlüsse zu ziehen. Wenn sich Dinge anscheinend widersprechen, versuchen wir, logische Zusammenhänge herzustellen, aber in der Postmoderne ist das nicht mehr in. Das Paradoxe wird geschätzt.
[13:00] Wir sind mit Postmoderne und Glaube. Die Postmoderne akzeptiert das vertrackte Durcheinander, die Mehrdeutigkeit, die Zwiespältigkeit der Welt als Grundkonstante menschlicher Existenz. Sie hebt die Unterschiede bis zur Kenntlichkeit hervor, sie verfeinert unsere Sensibilität für die Unterschiede und verstärkt unsere Fähigkeiten. Das Inkommensurable, so ein schönes Wort, ist das Nichtmessbare und das Nichtvergleichbare, das müssen wir ertragen. Und der grüne Satz hat mich umgehauen. Und die Postmoderne befreit von dem Zwang, sich positionieren zu müssen. Kennt ihr das? Leben wir in einer Welt, wo man sich nicht positionieren will, sich nicht festlegen will, weil man nicht weiß, was morgen kommt?
In der postmodernen Ära ist die von Platon und Aristoteles begründete Philosophie zu guter Letzt verschwunden. Etwas wie zeitlose Realität gibt es nicht. Als letzte Wirklichkeit gilt das Historische. Auch für absolute Wahrheit, die ein Teil von Platons Denkgebäude war, ist nun kein Platz mehr. An ihrer Stelle stehen wieder Pluralismus, Relativismus und Interpretation. Interpretation meint einfach: "Ich sehe das so, wenn du das anders siehst, ist das deine Sache." Entscheidend ist nicht länger Vernunft und Logik, sondern Erfahrung, Intuition und Gefühl.
Ein Merkmal der Postmodernen ist auch, dass sie die Trennmauer zwischen heilig und weltlich abgerissen hat. Und dieser Punkt ist unglaublich wichtig für uns als Christen, als Adventisten. Die Trennmauern zwischen heilig und unheilig oder unheilig und weltlich möchte die Postmoderne niederreißen oder hat sie. Es gibt keinen transzendenten Gott in der Postmoderne, der über und außerhalb des Universums existiert. Vielmehr ist Gott nur innerhalb der Schöpfung zu begreifen, im Sinne des Pantheismus oder des Panentheismus. Alle, die sich in der Adventgeschichte auskennen, die kennen diese beiden Wörter. Die ganze Kellogg-Krise wurde durch diese Dinge ausgelöst und dieser Pantheismus und Panentheismus hat unglaublich viel mit der ganzen Emerging Church Idee auch zu tun.
Eine wesentliche Folge dieser Verschiebung in der Postmoderne ist, dass man zwischen Gott und der Schöpfung kaum unterscheiden kann. Also Gott ist in mir, ich bin in Gott, Gott ist in der Blume, Gott ist im Baum. Das ist sozusagen dieses Denkgebäude des Panentheismus. Eigentlich das, was wir heute Morgen gehört haben mit der Predigt, das Mystizismus, den Satan erfunden hat, der eigentlich sich selbst zu Gott machen wollte. Das alles spiegelt sich im Pantheismus wieder. Wenn wir zu Gott werden, werden wir quasi genau mit dem gleichen Gedankengut infiziert, das Satan auch hatte. Und hier haben wir es nochmal, den Satz: "Die in der modernen Zeit, also errichtete Barriere zwischen Heilig und Säkular wird dadurch niedergerissen."
Nun ist die Frage: Was macht die Kirche in der Postmoderne? Quo vadis? Wo geht's hin? Wo gehen wir lang? Das haben sich diese Pinguine in der Wüste wahrscheinlich auch gefragt. Und auch die Kirche oder die Kirchen müssen sich entscheiden. In dieser Zeit, in der es Hunger gibt, in der es Krieg gibt, in der es viele andere Dinge gibt, die ihr dort seht, hat die Kirche die interessante Aufgabe, Position zu beziehen oder auch nicht.
[17:16] Daher gibt es eine Bewegung, die wir schon gehört haben, so ungefähr seit den 1980ern, sich aufgetan hat, und das ist die Emerging Church. Wenn man es ganz deutschgetreu übersetzt, ist das die emergente Kirche. Aber ich vermute, dass niemand von euch dieses Fremdwort in seinem Wortschatz hat oder benutzt. Und ich möchte euch ein bisschen erzählen, was so diese Emerging Church ist und warum sie entstanden ist, was sie ausmacht.
Erstmal ist dieser Begriff "Emerging Church" nur ein Begriff, den sie selber verwendet. Viele sagen: "Wir wollen keine Kirche sein. Wir sind auch keine Kirche. Wir verstehen uns als Conversation, Emerging Conversation. Wir sind im Gespräch, wir sind im Dialog, es entwickelt sich." "Emerging" oder "emergent" bedeutet laut Wörterbüchern: "im Entstehen begriffen sein." Also es ist etwas, was sich gerade entwickelt. Es ist nicht abgeschlossen, sondern es geschieht gerade. Es ist unerwartet, neu auftretend, plötzlich aufbrechend. Das ist alles mit diesem "Emergent", "Emerging" gemeint.
Die auftauchende Kirche wird als eine christliche, schnell wachsende Bewegung beschrieben, die Ende des 20. Jahrhunderts begann und eine große Bandbreite kirchlicher Tradition umfasst. Sie hat auf der ganzen Welt Anhänger, vor allem in Europa, Nordamerika, Australien und Neuseeland, also eher die westlichen Industrieländer. Die Bewegung besteht hauptsächlich aus evangelikalen Christen, die sich darum bemühen, das Evangelium in unserer postmodernen Ära weiterzugeben.
Also da gab es Christen, die haben sich gedacht: "Die Zeiten haben sich so verändert, wie kriegen wir jetzt dieses verstaubte Evangelium noch zu den Menschen?" Und ihre Lösung war nicht, dass die Menschen sich verändern müssen, sondern die Kirche muss sich verändern. Und deswegen haben sie diese Bewegung der Emerging Church ins Leben gerufen, die sich, so wie der Begriff sagt, auch ständig verändert. Das ist Absicht. Sie wollen nicht etwas statuieren und sagen: "Das ist jetzt unser Glaubensgebäude, unsere Doktrin", sondern sie sagen: "Wir gehen mit dem Zeitgeist, wir verändern uns, je nachdem, wie die Zeit tickt, passen uns an und gleichen unseren Glauben an die Zeit und an die Menschen an."
Die geistigen Führer der Bewegung glauben, dass die Anbetungsformen vieler Kirchen mit der modernen Kultur verwoben sind, in der sie entstanden. Also auf Deutsch gesagt: "Hier in Europa beten wir so an, weil wir das Erbe so und so übernommen haben. In Asien betet man so und so an, weil die Kultur ist da sowieso und so weiter." Problematisch für sie ist dabei, dass "modern" gar nicht mehr zeitgemäß ist, sondern von der Postmoderne abgelöst wurde. Da Glaube kulturell verwurzelt ist, sollte die Kirche einsehen, dass ihre Sprache von postmodernen Menschen nicht länger verstanden wird. So denken die Macher der Emerging Church.
Es ist darum notwendig, Gottesdienstformen, Missionen, Evangelisationen und so weiter so umzugestalten, dass die postmoderne Generation mit dem Evangelium etwas anfangen kann. Wir alle kennen diese schöne Diskussion: "Unsere Gottesdienstform anpassen oder auch nicht." Diese Dinge bereiten uns leider immer wieder Kopfzerbrechen und sind auch sehr aktuell. Die Emerging Church hat zum Beispiel, nur ein Beispiel, Alternativgottesdienste ins Leben gerufen. Darunter gibt es auch richtige Wraith-Gottesdienste. Die jungen Leute unter uns können damit was anfangen und die sehen dann eben so aus wie auf diesem Bild. Hat mit Gottesdienst, wie ihr ihn heute Morgen erlebt habt, wahrscheinlich so gut wie gar nichts zu tun.
[22:07] Die Frage ist, wer schließt sich dieser Emerging Church Bewegung an? Da gibt es die Post-Evangelikalen, also die Evangelikalen, die sagen: "Ja, wir waren Evangelikal, aber jetzt sind wir Post-Evangelikal, weil wir sind postmoderne Menschen." Die Charismatiker sagen: "Oh, wir müssen Post-Charismatiker werden" und schließen sich der Emerging Church an, oder die Post-Liberalen. Auch die Katholiken schließen sich in Scharen der Emerging Church an, ebenso die Orthodoxen und viele andere, auch Freikirchen. Und wir sehen, dass diese ganze Bewegung konfessionsübergreifend ist.
Ich habe euch einen kleinen Absatz aus einer sehr bekannten, berühmten christlichen Zeitschrift übersetzt, nämlich "Christianity Today", und dort heißt es: "Die aufkommende Kirche sind Gemeinschaften, die den Weg Jesu in einer postmodernen Kultur praktizieren." So, und jetzt gibt es neun Punkte. Diese Definition umfasst neun Tätigkeiten. Die aufkommende Kirche: Erstens, identifiziert sich mit dem Leben Jesu, klingt ja schon mal gut. Zweitens, umspannt das Gebiet des Säkularismus. Drittens, lebt ein auf Gemeinschaft ausgerichtetes Leben. Aufgrund dieser drei Aktivitäten heißt sie: Viertens, die Fremden willkommen. Fünftens, dient sie mit Freigebigkeit. Sechstens, nimmt sie als Hersteller teil, also an dem, was dort passiert. Siebtens, schöpft sie als geschaffenes Wesen. Achtens, führt sie als ein Körper und neuntens, nimmt an spirituellen Aktivitäten teil.
Viele dieser Punkte klingen eigentlich ganz gut, oder? Sich um Fremde kümmern, Willkommenskultur, Jesus im Mittelpunkt. Und dann kommt dieser letzte Punkt mit den spirituellen Aktivitäten, und darum soll es heute noch in ganz besonderer Weise gehen, im zweiten Teil des Vortrags. Zuvor ein Zitat von Scott McKnight, auch ein Vertreter dieser Bewegung: "Immersion beschreibt in einem Wort die globale Umgestaltung, wie man heute in einer postmodernen Kultur Kirche macht. Sie hat keine offiziellen Büros und ist so vielfältig wie Evangelikalismus an sich."
Also, ihr könnt jetzt nicht googeln und schauen: "Ich möchte Emerging Church Mitglied werden." Das geht nicht, sondern die Bewegung infiltriert, ist infiltriert sozusagen in die verschiedenen Denominationen und taucht überall auf. Das Anliegen der Emerging Church ist folgendes: "Die aufkommende Kirche ist zuerst einmal eine in der Postmoderne verwurzelte, vernunftbetonte Weltsicht." Weiter heißt es: "Wir müssen feststellen, dass sie gewaltige theologische und weltanschauliche Umwälzungen mit sich bringt, die die christliche Lehre und Praxis in Mark und Bein treffen." Das ist, glaube ich, der Punkt, der uns alle wachrütteln sollte heute, dass diese Emerging Church nicht einfach nur ein bisschen modernen Gottesdienst machen möchte, sondern dass dort ganz gewaltige theologische Veränderungen hineinkommen. Und ich denke, der Gerhard wird darüber noch einiges zu sagen haben über die Theologie der Emerging Church. Dieses Feld berühre ich nicht weiter, aber darüber wird noch einiges zu hören sein.
Ein Merkmal der aufkommenden Kirche ist ihr Verständnis von Christentum im Rahmen der gegenwärtigen Weltsicht auszudrücken, weshalb ihre Vordenker auch betonen, dass es für die Evangelisationsverkündung ein absolutes Muss sein, sich mit der Kultur zu beschäftigen. Wenn wir über Gottesdienstgestaltung reden, über Musik im Gottesdienst, dann gibt es oft immer diese Diskussion mit der Kultur. Ja, aber wir haben die Kultur. Die Jamaikaner haben die und die Kultur und die haben die Kultur. Und je nachdem müssen wir doch auch unseren Gottesdienst gestalten dürfen. Das ist auch die Meinung der Emerging Church.
Denn die Emerging Church möchte den Glauben und die Kultur in Dialog setzen, möchte einen Austausch. Es ist sehr wichtig, die gegenwärtige Kultur zu kennen und auch, dass die Mitglieder oder die Befürworter in der Kultur leben, also aufgehen und aktiv daran beteiligt sind. Und sie möchte alle Kulturklassen erreichen.
[27:22] Jetzt habe ich schon angedeutet, dass es diese spirituellen Praktiken gibt, und darauf jetzt kommen wir zum zweiten Teil dieses Vortrags, diese spirituellen Praktiken, die sozusagen dieses alte Gift in diesem postmodernen Gewand sind. Wir haben auf der einen Seite die Theologie und die Doktrinen, die Logik, den Verstand, den Rationalismus, alles, was wir auch als Adventgemeinde unterstützen, und auf der anderen Seite diese spirituellen Praktiken. Und da gibt es einen ganz besonderen Zusammenhang.
Ich habe ein Zitat von Birte Hertwig aus dem SDR Standpunkte Heft, wo sie sagt: "Wo das Wort Gottes keinen Raum mehr hat, nimmt die Sehnsucht nach Spiritualität zu." Das ist wichtig zu verstehen. Wo das Wort Gottes nicht das Fundament unseres Glaubens ist, da haben wir dieses Verlangen nach Spiritualität. So ist nachvollziehbar, dass sich die Vertreter der Emerging Church für eine neue Spiritualität stark machen, die alte und zeitgemäße Formen vereint. Das passt gut zum postmodernen Menschen, dessen eigener Maßstab für Wahrheit die eigene Erfahrung geworden ist.
Neben dem Musikstil benutzen die Emerging Church, die aufkommenden Kirchen, auch Kreuze, Weihrauch, Gemälde, Dias, Zeichnungen und Kerzen als visuelle Ausdrucksmittel. Der Christopher hat heute Morgen in der Predigt schon mal dieses Visuelle ganz besonders betont und hat gesagt: "Ihr sollt die Augen offen halten." Und es zieht sich so ein bisschen wie so ein roter Faden durch dieses ganze Emerging Church Thema. Und ich habe mich im Vorhinein ganz ehrlich, als ich angefangen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, mich ganz ehrlich gefragt: "Okay, wir sind postmoderne Menschen. Was bringt jetzt ein postmoderner Mensch dazu, sich vor heiligen Bildern niederzuwerfen, eine Kerze anzumachen, irgendwie so aufs Spirituelle zu tun? Wie kommt das zusammen? Warum ist das so?" Und das ist eben dieser Punkt: Wenn das Wort Gottes weggenommen wird, keine Bedeutung mehr hat, dann kommt diese Sehnsucht, irgendetwas tun zu müssen. Irgendwie spirituelle Übungen zu tun, was man aus der katholischen Kirche sehr gut kennt, 30 mal das Ave Maria zu beten, wenn man eine bestimmte Sünde begangen hat. Und diese Dinge sind das alte Gift im postmodernen Gewand.
Ihr Gottesdienst integriert also die mystischen Aspekte der orthodoxen und römisch-katholischen Liturgie. Ich habe hier ein paar Zitate von drei Männern, die Vertreter dieser Bewegung sind. Und sie kommen alle aus dem Buch "Zeitgeist", das der Tobias Feix und der Thomas Weißenborn geschrieben haben. Dort heißt es, da sagt Mike Bischof: "Wer absolute Wahrheit vertritt, ist gefährlich und treibt geistigen Imperialismus, der alle anderen Meinungen unterdrückt. Alle Religionen sind Versuche, dieser Wahrheit näher zu kommen." Auf Deutsch: "Du darfst nicht sagen, dass das die Wahrheit ist, dann bist du imperialistisch, versuchst mir das überzustülpen. Du musst die Widersprüche nebeneinander stehen lassen, meine Meinung gelten lassen."
Ein anderes Zitat von Thomas Feix: "Es gibt keine neutrale oder objektive Bibelauslegung, sondern nur unser objektives Bemühen und Dringen um das richtige Verständnis." Tobias Künkler sagt: "Auch sollte es zu einer Wiederentdeckung des symbolischen und geheimnisvollen kommen, zum Beispiel des kosmischen Christus." Diese Aussagen sind ein riesiger Angriff auf das, was wir als Adventgemeinde vertreten, die wir eine Bibelauslegung vertreten, die eigentlich auf Logik, auf Verstand fußt und sich zum Ziel gesetzt hat, die Wahrheit herauszufinden.
[32:19] Zwei der prominentesten Köpfe der Emerging Church Bewegung sind Brian McLaren und Leonard Sweet. Ich denke, Gaby wird bestimmt noch was über Leonard Sweet sagen. Beide fördern öffentlich römisch-katholischen Mystizismus. In "Quantum Spirituality" zitiert Leonard Sweet positiv den Jesuiten Karl Rahner, ein Deutscher, der sagt, dass der Christ von morgen ein Mystiker sein wird. Das ist ein ganz berühmtes Zitat, das haben vielleicht schon mal der ein oder andere von euch gehört. Ein Jesuit, der sagt, dass der Christ von morgen ein Mystiker sein wird.
Christoph hat heute Morgen im Vortrag schon ein bisschen eine Definition gegeben von Mystizismus und ich wollte das nur noch mal auffrischen, dass wir alle auf dem gleichen Level sind, die alle heute Vormittag nicht da waren. Mystizismus ist ein Versuch, ultimatives Wissen über Gott zu erlangen und zwar durch eine direkte Erfahrung, die den Verstand umleitet. Schlagwort ist hier: die Erfahrung, die den Verstand umleitet. Wir werden gleich noch näher darauf eingehen, wie so etwas geschieht, den Verstand umzuleiten.
Wer von euch kennt mystische Gebetspraktiken? Ein paar von euch, nicht viele, zum Glück. Wir müssen uns heute ein bisschen damit beschäftigen, weil und Gabi wird darüber noch reden, weil diese mystischen Gebetspraktiken nicht nur in der katholischen Kirche zu finden sind, sondern langsam aber sicher auch in unserer Gemeinschaft Einzug halten. Damit ihr das erkennen könnt, möchte ich euch ein bisschen darüber aufklären.
[34:35] So ein Überbegriff ist das kontemplative Gebet. Das Wort Kontemplation kommt vom lateinischen Verb "contemplare" und bedeutet betrachten oder schauen. Es geht in der Kontemplation darum, das Wirken Gottes in uns und unserem Leben wahrzunehmen. Dabei ist die Kontemplation nicht etwas, das man machen oder über das Denken erzielen kann. Sie ist ein reines Geschenk Gottes. Wir können uns jedoch in einer Atmosphäre der Stille, des aufmerksamen Gewahrseins und unter Anleitung dafür vorbereiten und empfänglich machen. Das findet man sozusagen als Beschreibung auf der Homepage kontemplationinaktion.de und die ganzen folgenden Informationen, die ich euch präsentieren werde, kommen alle von diesen Homepages dieser Leute, die das betreiben.
Anders als das gesprochene, gesungene oder nur stumm gedachte Gebet ist das kontemplative Gebet nicht auf Worte, Gedanken, Gefühle oder Impulse ausgelegt. Also man betet nicht laut mit irgendwelchen Worten, die man selber sich gerade ausdenkt, so wie wir das tun im Gebet, sondern es geht ein bisschen anders. Somit ist das kontemplative Gebet nicht auf Intellekt, also Intellekt braucht ihr nicht beim beten, beim kontemplativen, Gefühle und Logik ausgelegt, sondern auf Achtsamkeit und Hinwendung. Nicht Erkenntnis ist die erste Frucht des Gebetes, sondern Liebe und Wandlung. Erkennen und erkannt werden.
Das kontemplative Gebet wird auch als Gnadengebet und Gnadenweg verstanden, denn wir können lernen, uns darauf hin zu bewegen, können unsere Achtsamkeit auf Gott ausrichten, uns demütigen und Preis geben. Aber die Gnade kommt von Gott. Also es geht um dieses Schauen, Betrachten, in sich verweilen. Das kontemplative Gebet ist eigentlich ein Sein vor Gott, leer, ohne Worte, Gefühle und Werte. In voller Achtsamkeit zu Gott warten wir vor ihm, auf ihn.
Als ich das gelesen habe, musste ich mich so sehr an die ganzen fernöstlichen Praktiken erinnern. Ja, wenn ihr ins Yoga geht, hoffentlich nicht, oder in irgendwelche anderen Dinge, die damit zu tun haben, dann geht es auch immer darum, leer zu werden. Das ganze chinesische System fußt darauf, sich selber zu entleeren und dann kann Gott rein. Nur das Problem ist: Wenn ich leer bin und mein Verstand auch nicht mehr in mir wohnt, wie kann ich dann beurteilen, dass das, was da reinkommt, wirklich Gott ist?
Das Ziel der Kontemplation ist es, sich für Gottes Geist zu öffnen. Dies kann in drei Schritten erfolgen. Und es wird sehr lateinisch, weil es ist altes Gift: Via purgativa, das meint die Reinigung von Affekten und Sinneseinflüssen, also dass ihr euch entleert von euren Gefühlen, die ihr gerade habt. Via illuminativa, die Erleuchtung durch Erkenntnis und Einsicht, dass euch Gott eine Erkenntnis schenkt über euch oder etwas anderes. Und den Via unitiva, die Seeleneinheit mit Gott. Da haben wir auch wieder diese pantheistische Idee drin.
Zur Kontemplation im weiteren Sinne gehören auch Askese und geistliche Armut. Und wir haben das heute Morgen schon von den Mönchen gehört, die sehr asketisch gelebt haben und auch sehr armmütig. Und das spielt alles in dieses Kontemplative mit hinein.
[38:53] Bevor wir dazu kommen, möchte ich euch ein Beispiel geben von so einem kontemplativen Gebet, weil das ist jetzt alles sehr viel Theorie. Aber es kann passieren oder ist vielleicht dem einen oder anderen schon passiert, dass man in irgendeiner Versammlung ist oder in einem Gebetskreis und auf einmal fängt jemand an, so kontemplativ zu beten. Und ich möchte euch ein bisschen vorlesen, wie das geht. Am Anfang steht eine kleine Warnung oder ein Hinweis. Ich erinnere noch mal daran, dass dies ist nicht für jeden der richtige Weg, aber es ist einer von vielen Wegen.
Wenn du gehen willst, vor allem, wenn du es das erste Mal gehst, suche dir einen Platz, an dem du wirklich nicht gestört wirst und wo du dich sicher und wohl fühlst. Wenn dieser Platz dein Bett sein sollte, lege dich nicht hin, sondern setze dich aufrecht, aber in einer angenehmen Haltung. Es hat sich nicht bewährt, eine Tageszeit zu wählen, in der der Körper auf Hochtouren läuft, aber auch nicht, wenn er müde ist. Iss nicht direkt vorher sehr viel und gehe noch mal zur Toilette, wenn du viel getrunken hast. Zieh dich warm genug an oder wickle dich in eine Decke. Lies die Anleitung, also die Anleitung für das kontemplative Gebet, so oft, dass du sie nicht mehr ablesen musst. Sei zart und geduldig mit dir selbst.
Jetzt gibt es vier Schritte. Ich lese euch nur die ersten zwei. Erstens: "Lass uns beide die Augen schließen und dreimal ruhig ein- und tief- und lange ausatmen. Nun suchen wir uns in Gedanken einen Ort, den wir mögen. Er ist draußen auf einer Wiese, weit weg von allen Häusern und Straßen. Diese Wiese ist sehr groß und grün. Die Sonne scheint warm auf uns. Wir setzen uns in Gedanken hin, merken, wie weich das Gras ist und wie uns die Sonne wärmt. Nun, da wir uns dort sitzen sehen, geht jeder in Gedanken um sich herum, sieht, dass alles ruhig und schön ist. Wir sehen, dass es uns gut geht. Setze dich wieder hin und fühle, dass du ganz bei dir bist."
Zweiter Schritt: "Jetzt wirst du merken, dass auf jeder Hand ein großer Vogel sitzt. Es sind unsere Wächter. Lass den ersten Vogel fliegen und sieh, wie er uns langsam umkreist. Nun lass den zweiten Vogel auch fliegen. Langsam steigen unsere Wächter höher und ihre Kreise werden immer größer. Sie passen auf uns auf, dass keiner uns stört oder beobachtet. Wenn du meinst, dass die Wächter genauso hoch und weit kreisen, dass sie dich noch gut sehen, aber auch weit genug alles überschauen, dann atme wieder dreimal tief und langsam aus. Genieße die Sicherheit und die Ruhe."
So geht ein kontemplatives Gebet. Alle von euch, die in staatlichen Schulen waren, mir ging es so, haben das erlebt. Das hieß dann Traumreise. Aber eigentlich ist das ein altes Gift im postmodernen Gewand, eine alte Gebetspraktik.
[42:23] Der Mystiker kann sich auf verschiedene Wege dem Ziel der Kontemplation, also dieses Anschauen und Betrachten, nähern. Da gibt es diese Methoden: die benediktinische Methode, die hesychastische Methode und die ignatianischen Exerzitien. Ich habe das echt geübt. Schauen wir uns die nacheinander an.
Die benediktinische Methode spaltet sich in vier Schritte auf: Es geht um die Lectio, die Meditatio, die Oratio und die Contemplatio. Lectio meint die Lesung, dass man die Bibel liest. Aber bitte, sie lesen die Bibel nicht so wie wir. Sie lesen einen Text und lesen ihn und lesen ihn und lesen ihn und lesen ihn und lesen ihn und lesen ihn. Und am Ende wissen sie nicht, was sie gelesen haben.
Die Meditation ist die eifrige Tätigkeit des Verstandes, verborgene Wahrheit durch die eigene Vernunft aufzudecken. Dann kommt das Gebet, dass man sich im Herzen Gottes zuwendet. Und schließlich steht am Ende das Ziel, die Kontemplation, dass man seinen Geist zu Gott erhebt und glückselig darin wird, Gott zu beschauen. Und wie ihr gehört habt in dieser Anleitung, sich selber zu schauen. Man tritt sozusagen aus seinem eigenen Körper raus und betrachtet sich. Komische Vorstellung.
Die eingehende Beschäftigung mit einem Bibelvers durch beständige Wiederholung eines Verses wird als Ruminatio, Wiederkäuen, bezeichnet. Im Alten Testament gelten Wiederkäuer als reine Tiere, die in allegorischer Auslegung für den Beter stehen, der beständig über das Wort Gottes nachdenkt. Also, wenn ich den Text lese und lese und lese und lese und lese und lese und lese, dann bin ich wie ein Tier, das wiederkäut. Aber ich verdaue den Text nicht.
Diese Ruminatio, also diese ständige Wiederholung, führt dann zur Meditation. Ich komme dann auf eine höhere Ebene, ich hebe ab vor lauter Wiederholung. Durch getreue Lesung und Meditation entsteht eine große Vertraulichkeit mit Gott, heißt es. Erfahrungsgemäß werden mit der Zeit die Worte im Gebet weniger und das wortlose, bewusste Verweilen in der Gegenwart Gottes nimmt immer mehr Raum ein. Das ist das, was Meditation eigentlich ist. Ja, ich rede nicht mehr, ich denke nicht mehr, ich bin einfach nur leer, löse mich auf.
Gleichsam als Fundament steht die Lesung an erster Stelle. Sie liefert den Stoff zur Meditation. Die Meditation prüft dann sorgfältig, was sie angreifen soll, gräbt gleichsam, findet einen Schatz und zeigt auf ihn und so weiter. Und dann kommt wieder die Kontemplation oder wie es heißt, die Sonne, die Wonne der Kontemplation.
[45:32] Kommen wir zur zweiten Methode, die hesychastische Methode. Sie wird auch bezeichnet als Jesus-Gebet oder Ruhe-Gebet. Das Beten mit dem Namen Jesus Christus ist eine Gebetsweise, die seit langer Zeit im Christentum praktiziert wird. Die Wurzel ist das sogenannte Ein-Wort-Gebet der Wüstenväter und Wüstenmütter, von denen wir heute Morgen in der Predigt gehört haben, die im vierten Jahrhundert in der ägyptischen Wüste und in Palästina lebten. Johannes Cassian betrachtete diese Gebetsweise nach Westeuropa. Eine weitere Verbreitung fand sie später von Ägypten über den Athos im osteuropäischen Raum und verband sich mit dem Jesus-Namen. Also, es hat ganz andere Wurzeln als das, was am Ende herausgekommen ist.
Das Ruhe-Gebet nach Johannes Cassian ist eine christliche Gebetsweise, die die Anrufung Gottes zum Inhalt hat. Ziel eines durch das Ruhe-Gebet auf Gott ausgerichteten Lebens ist die beständige und ununterbrochene Verbindung mit dem Urgrund der Liebe. Dieses Gebet der Hingabe muss langsam eingeübt werden und dem Lebensrhythmus angemessen sein. Im Hinblick auf die vielfältigen Aufgaben und Aktivitäten wird empfohlen, nicht länger als 20 bis 30 Minuten jeweils morgens und abends zu üben.
Also, ihr müsst Gebete, wenn ihr da solche Mystiker seid, dann müsst ihr Gebete üben. Da muss das geübt werden, dass das mit dem Atem übereinstimmt, dass der Lebensrhythmus stimmt und man muss lernen, sich zu vertiefen, lernen, sich zu beruhigen, zu entleeren und je besser man das kann, umso näher kommt man dieser Kontemplation.
Um das Ruhe-Gebet zu erlernen, wird eine einfache Formel gegeben, die man zunächst lernend ganz in sich aufnimmt. Cassian empfiehlt die folgende Gebetsformel: "Gott kommt mir zu Hilfe, Herr eile mir zu helfen." Ein schöner Psalm, aber der Herr Cassian hat ihn sozusagen zweckentfremdet. Er hat gesagt: "Den musst du so lange beten und üben und wieder kauen, Ruminatio, bis du dann abschwebst."
Wenn wir aufmerksam den Jesusnamen innerlich anrufen, begeben wir uns selbst in seine Gegenwart und öffnen uns für seine Kraft. Im Namen Jesus Christus ist die ganze Person Jesu präsent. Wir richten uns auf seine Person aus, treten mit ihm in Beziehung. Der auferstandene Christus ist in unsichtbarer Weise gegenwärtig und wirksam. Indem wir uns diesem Namen zuwenden, treten wir in einen ungeahnten neuen Beziehungsraum, der sich uns erschließen will. Die beständige, aufmerksame und liebevolle Anrufung des Namens Jesus Christus in einer ruhigen Sitzhaltung in Stille, verbunden mit dem Rhythmus des Atems und der Wahrnehmung der Hände, hilft, unsere Aufmerksamkeit zu verankern und uns tiefer in Kontakt mit der Gegenwart Gottes und dem Göttlichen in uns zu erfahren.
Als ich das gelesen habe, habe ich mir die Frage gestellt: Was denkt Jesus im Heiligtum, wenn Menschen so beten? Wenn sie ständig 50, 100, 150 mal das gleiche Wort wiederholen und sich sozusagen in Trance beten. Es gibt einen Bibelvers, ich habe den nicht in der Präsentation, ich glaube, es ist Matthäus 6 oder 7, wo er sagt: "Wir sollen nicht plappern wie die Heiden beim Beten." Und das ist dieses Wiederholen, Wiederholen, Wiederholen.
Indem wir auf unseren Atem achten, erfahren wir uns als bezogen auf eine Lebensquelle, die leise und unmerklich wirksam ist. Der Atem wird uns geschenkt und geschieht, ohne dass wir daran denken oder etwas dafür tun müssen. Der ganze Grund, warum ich euch diese ganzen Geschichten hier erzähle, ist eigentlich, dass ihr, wenn ihr in so eine Situation kommt, wo jemand so betet oder das anfängt, dass ihr die Beine in die Hand nehmt und den Raum verlasst, weil das kein guter Einfluss ist. Und es ist nicht zu spaßen mit dieser Art von mystischen Gebetspraktiken. Und seid froh, wenn es euch noch nicht passiert ist, aber wenn es euch passieren sollte, dann erinnert euch daran, dass ihr die Beine in die Hand nehmt und geht.
[51:01] Ich möchte am Ende ein bisschen auf die ignatianischen Exerzitien eingehen. Christoph hat heute Morgen schon ein bisschen was umrissen über Ignatius von Loyola und was er gemacht hat, wer er war, wie er dazu kam, diese Exerzitien zu verfassen. Aber ich versuche nochmal, uns alle auf ein Level zu bringen. Also, der Herr Loyola war eigentlich im Militär und wollte dort Großkarriere machen, aber dann hat er diese Kanonenkugel getroffen, sein Bein zerfetzt und er war mehrere Monate ans Bett gefesselt, lag auf diesem Schloss Loyola und hat die Wand angestarrt und hat dann irgendwann gedacht: "Es ist mir zu langweilig." Hat sich die Bücher genommen, die im Haus waren, und es waren nicht gerade die besten. Da waren mystische Gebetspraktiken in diesen Büchern und er hat dann durch das Lesen dieser Bücher sich so da rein vertieft, dass er sozusagen eine Bekehrung erlebt hat und sein Leben der jungen Frau Maria geweiht hat und ihr gesagt hat: "Ich bin jetzt ein Ritter und ich werde die Kirche und dich beschützen."
Und er hat dann, nachdem er wieder genesen war, ein ganzes Jahr im Kloster verbracht, in großer Askese. Danach ist er dann nochmal in die totale Einsamkeit gegangen in der Natur und hat in größter Armut und ohne alles gelebt und hat nach dieser Zeit dann diese Exerzitien verfasst. Das sind 24 und ich habe mir gestern nochmal dieses Buch runtergeladen. Ich werde es auch wieder löschen morgen. Also, ich saß auf der Couch und ich habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gedacht: "Okay, und das finden jetzt postmoderne Menschen so, dass sie das beten müssten und machen müssten." Das hat mich schon ziemlich erstaunt und umgehauen.
Ganz interessant, vielleicht noch zu wissen, über Ignatius von Loyola ist, dass er dann nochmal nach Paris gegangen ist, nach dieser ganzen asketischen Phase und hat in Paris Theologie und auch Philosophie studiert und hat dort mit Kommilitonen, die teilweise auch sehr berühmt sind, zum Beispiel Franz Xaver, eine Bruderschaft gegründet. Und diese Bruderschaft hat sich zwei Ziele gesetzt. Sie wollten die islamische Welt missionieren, hat aber nicht ganz geklappt wegen dem Krieg zwischen Türkei und Venedig. Da kam sie nicht ganz durch. Und der zweite Punkt war aber, dass sie dem Papst total in absolutem Gehorsam versprochen haben und ihm dienen wollten. Und der zweite Punkt, den haben sie dann wirklich umgesetzt, bis heute. Denn aus dieser Bruderschaft ist der Jesuitenorden entstanden, der in Paris gegründet wurde, in der Kirche Montmartre, wem das was sagt.
[54:17] Und mit diesem Hintergrund wollen wir jetzt ein bisschen anschauen, was diese Exerzitien sind und ich habe auch eine solche Exerzitie exemplarisch nochmal dabei, um sie euch vorzulesen in ein paar Minuten. Ignatianische Exerzitien sind eine Abfolge von religiösen Übungen, die sich insbesondere in ihrer Dynamik am Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola orientieren. 1548 vollendete Ignatius die geistlichen Übungen, die Exerzitien. Die Grundgedanken stammen aus der Zeit seines Einsiedlerlebens und waren Vorbild, waren die 1500 erschienenen Übungen über das geistliche Leben des spanischen Abtes García de Cisneros. Das Werk ist im Wesentlichen ein Leitfaden zum Meditieren und zur religiösen Unterweisung.
Bei diesen Exerzitien gibt es verschiedene Punkte. Zum Ersten steht die persönliche Betrachtungszeit, die man drei bis viermal täglich haben sollte. Ich weiß nicht, ob das alle wissen. Ich habe das gestern auch noch mal gegoogelt. Es gibt so Herbergen und Hotels, wo man diese Exerzitienwochen vollführen kann und es ist 1a umgesetzt nach dem, was dort in diesem Exerzitienbuch steht. Die ganzen Gebetszeiten, drei bis viermal täglich und dann diese Askese, Fasten und Kontemplation und alles, was dazu gehört. Dann hat man einzelne Gespräche mit dem Begleiter. Also, man kann diese ganzen kontemplativen Gebete alleine machen, aber besser ist es, man macht sie mit anderen. Dann muss man ganz viel schweigen. Ein anderer wichtiger Punkt ist die Eucharistiefeier und die gemeinsamen Gebetszeiten und auch euthanische Übungen.
Wer von euch weiß, was euthanische Übungen sind? Niemand? Alexander-Technik schon mal gehört? Hat ganz viel damit zu tun. Es ist auch so eine Art Körperbewusstsein zu bekommen für das, was der Körper will. Lieber Finger da weglassen.
[56:49] Jetzt habe ich eine Exerzitie aus der zweiten Gebetswoche, die ich euch vorlesen werde. Sie heißt: "Mich ganz in das Geheimnis einbringen." Man liest zu Beginn Lukas 2, Verse 1 bis 20. Dort steht die Weihnachtsgeschichte. Jetzt übt man das: "Ich setze mich bei der Geburt Jesu zu Maria und Josef. Die Sehnsucht meines Herzens. Ich bitte um Vertrautheit mit Jesus Christus, der um der gesamten Schöpfung willen ein Mensch wie wir wurde. Ich bitte darum, es ihm gleich zu tun in seiner Wertschätzung für alles Leben und ihn in seiner völligen Gemeinschaft mit der gesamten Schöpfung zu lieben."
Einige Punkte zur Reflexion und Erwägung: Erster Punkt: "Es geht darum, während der ganzen Zeit der Wehen und der Entbindung an Marias Seite zu sein, sowie auch bei Josef zu sein, der ihr in allem behilflich ist. Ich bin bei ihnen, als sie in einem Stall Schutz finden und ich unterstütze sie nach meinen Möglichkeiten. Ich sehe und höre, was sie tun und sagen. Ich denke daran, dass Maria Schmerzen hat, dass sie sich fragt, was sie wohl erwartet, so weit weg von daheim und weit weg von Beistand und Unterstützung ihrer Familie. Ich sinne über das Erlebte nach und verkoste es."
Zweiter Punkt: "Ich sehe, wie Maria Jesus in Windeln wickelt und ihnen eine Krippe legt. Ich überlege, dass von denen unter uns, die Eltern sind, keiner das Elend erleben möchte, das Maria und Josef durchmachen. Ich sinne über das Erlebte nach und verkoste es." Zwiegespräch: "Ich spreche mit Maria und Josef über ihre Erfahrung der Geburt Jesu. Hattet ihr Angst? Was sind eure Hoffnungen für euren neugeborenen Sohn?" Dann bitte ich sie oder die drei göttlichen Personen, mich erkennen zu lassen, wie ich junge ausländische oder bedürftige Familien in meiner Gemeinde unterstützen könnte. Ich schließe ab mit dem Gebet, das uns Jesus gelehrt hat."
So gehen die Exerzitien. Man liest einen Bibelvers, versetzt sich in diese Situation, redet so, als wäre man mitten im Geschehen und vertieft sich gedanklich in das ganze Geschehen. Und das Ziel des Ganzen ist wieder diese Kontemplation.
[59:46] Es gäbe noch viel zu sagen über diese ganzen Dinge, aber ich glaube, das reicht, dass ihr einen Eindruck habt und einen Einblick, dass ihr gewarnt seid und dass ihr vor allem den Geist der Unterscheidung habt, dass ihr in einem Moment, wenn sowas auftaucht, wissen könnt: "Das hat nichts mit der Bibel oder dem Gott zu tun, den ich kenne."
Zum Abschluss möchte ich euch ein Zitat von Ellen White mit auf den Weg geben, das sie in einer Zeitschrift veröffentlicht hat im Southern Watchman 1905. "Der Herr möchte, dass sein Volk sich von allen Überflüssigkeiten fernhält, von allem, das zum Mystizismus tendiert. Jene, die versucht sind, sich wirklichkeitsfremden und erfundenen Lehren hinzugeben, sollten den Schaft tief in den Steinbruch der himmlischen Wahrheit hinablassen und den Schatz heben, der dem Empfänger ewiges Leben bedeutet. Im Wort gibt es die kostbarsten Wahrheiten. Sie werden von denen gefunden, die mit Ernsthaftigkeit studieren. Die himmlischen Engel werden sie bei der Suche begleiten."
Der Ratschlag ist, dass wir uns in das Wort Gottes vertiefen, dem Wort Gottes vertrauen, es so lesen, wie es gelesen werden möchte, dass wir logisch denken, dass der Geist Gottes uns die Bibel aufschließt und wir nicht, so wie wir es gehört haben, einfach nur Texte wiederholen und damit in diese mystischen Praktiken eintauchen. Ich wünsche uns allen, dass wir so etwas nicht erleben, dass unsere Gemeinden davon bewahrt bleiben, dass der Mystizismus einen Zug hält. Und ich möchte euch einladen, am Ende nochmal euer Haupt zu neigen, damit wir beten können.
[1:02:06] Lieber Jesus, wir haben etwas ganz dringend nötig. Jeder einzelne von uns, aber auch wir als ganze Adventgemeinde haben eine Gabe des Geistes ganz besonders notwendig, und das ist die Gabe des Unterscheidungsvermögens. Herr, wir müssen in deinem Wort studieren, damit wir die Wahrheit besser erkennen können und sie vor allem vom Irrtum unterscheiden können. Herr, hilf uns dabei, gib, dass wir mit wachen Augen durchs Leben und durchs Gemeindeleben gehen und dass wir da, wo es nötig ist, auch als Wächter ermahnen, Aufmerksamkeit, aufmerksam machen auf Dinge, die nicht in unsere Gemeinschaft gehören. Herr, ich möchte dich bitten für unsere ganze weltweite Adventgemeinde, dass du uns vor diesen Dingen bewahren magst und dass du uns hilfst, die Wurzel rauszureißen, wenn sie um sich greift. Herr, bewahre unsere Herzen und habe Gnade mit uns allen und hilf uns in unserem Gemeindeleben aktiv und positiv aktiv zu sein. In deinem Namen. Amen.
[1:04:14] Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft.
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