Eine 2012 nahe dem Tempelberg in Jerusalem gefundene Tonscherbe wurde 2023 von Daniel Vainstub als altsüdarabisch identifiziert. Die Inschrift verzeichnet Ladanum – ein begehrtes Räucherharz – und belegt damit Handelskontakte zwischen dem Königreich Saba und Jerusalem in der Mitte des 10. Jahrhunderts v. Chr., genau zur Zeit König Salomos.
Funde & Fakten : „Die Königin von Saba in Jerusalem?“
Christopher Kramp · Funde & Fakten ·Themen: ArchäologiePodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Funde & Fakten
Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.
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Transkript
War die Königin von Saba wirklich in Jerusalem? In diesem Video wollen wir ganz interessante neue Hinweise dazu einmal unter die Lupe nehmen. Und damit herzlich willkommen zu Funde und Fakten – heute mit einer ganz spektakulären neuen Übersetzung, die im Januar 2023 veröffentlicht worden ist. Es geht heute um diese interessante Tonscherbe.
Sie sieht erst mal ganz unspektakulär aus, hat aber schon seit einigen Jahren Wissenschaftlern schwere Rätsel aufgegeben. Sie hat eine etwas merkwürdige Inschrift. Gefunden worden ist sie schon 2012 bei Ausgrabungen in Jerusalem unter Eilat Mazar, in der Nähe des Tempelberges. Auf dieser Skizze kann man sehen: Dort, wo dieser kleine rote Stern ist, direkt etwa 80 m südlich von der Südmauer des Tempelberges, hat man sie ausgegraben – also in der Nähe des Tempels. Aufgrund des Fundkontextes und weiterer Erwägungen kann man diese Tonscherbe ungefähr in die Eisenzeit IIA datieren, das bedeutet in die Mitte des 10. Jahrhunderts vor Christus. Und das ist in der Bibel genau die Zeit, in der König Salomo in Jerusalem regiert hat.
Seit einigen Jahren versuchen Wissenschaftler und Philologen, die sich mit den Sprachen des alten Orients gut auskennen, diese Schrift zu entziffern. Es hat nicht an verschiedenen Interpretationen gefehlt – man hat immer gedacht, das müsste doch irgendwie Kanaanäisch, Hebräisch, vielleicht Aramäisch sein. Man hat herumgerätselt, und keine der bisherigen Interpretationen hat so richtig überzeugt.
Bis in das Jahr 2023. Denn jetzt hat Daniel Vainstub von der Ben-Gurion-Universität einen ganz neuen Vorschlag veröffentlicht: Er hat vorgeschlagen, dass sowohl die Schrift als auch die Sprache altsüdarabisch sind. Altsüdarabisch ist eine semitische Sprache, verwandt mit Hebräisch, mit Akkadisch, Aramäisch und auch mit dem klassischen Nordarabisch, das wir später aus der Sprache des Koran kennen – allerdings eine eigene Sprache, gesprochen und geschrieben in den Ländern, die wir heute Jemen und Oman nennen, in der Antike, als dort mächtige Königreiche regierten. Es gibt dort verschiedene Dialekte, und der bekannteste und wichtigste ist Sabäisch.
Vainstub hat sich diese Inschrift angeschaut und festgestellt, dass die Buchstaben eigentlich ziemlich genau auf das altsüdarabische Alphabet passen. Wenn man die Schrift von links nach rechts liest, hat man erst ein Schin und ein Jod – zwei Buchstaben, die offensichtlich zu einem Wort gehören, das man nicht mehr ganz genau identifizieren kann, weil es leider abgebrochen ist. Aber die nächsten drei Buchstaben – L, D und N – das ist ein identifizierbares Wort: Ladanum. Wie genau es im Altsüdarabischen ausgesprochen wurde, wissen wir nicht, weil die Vokale in diesen Schriften meistens nicht mitgeschrieben wurden. Und dann, schon ziemlich abgebrochen, hat man den letzten Buchstaben – ein Resch. Das ist wohl eine Abkürzung für die Zahl 5.
Ladanum ist ein Gewürz – ein Harz aus der Zistrose –, das in der Antike sehr beliebt war als Räucherwerk. Es hatte ein Aroma, das ein bisschen wie Balsam gerochen hat. Die Fünf war vermutlich eine Mengenangabe: In diesem Gefäß sind fünf Einheiten Ladanum. Vainstub hat vermutet, dass damit das Epha gemeint ist, das man auch aus der hebräischen Bibel kennt – ein Maß von ungefähr 20 bis 24 Litern. Obwohl man nur diese eine Tonscherbe hat, kann man aufgrund der Wölbung und anderer bekannter Funde von solchen Gefäßen abschätzen, wie groß dieses Gefäß gewesen sein muss, und kommt dabei auf ungefähr 110 bis 120 Liter. Das wären genau fünf Epha – würde also ganz wunderbar passen.
Was ist nun die Geschichte dahinter? Man ist zunächst gar nicht darauf gekommen, dass es altsüdarabisch sein könnte, weil die altsüdarabischen Kulturen so weit entfernt von Israel und Jerusalem waren. Aber dort im Süden des heutigen Arabiens gab es mächtige Königreiche. Das Königreich von Saba war gerade im 10. Jahrhundert vor Christus ziemlich mächtig. Sie sind dort gegen Ende des zweiten Jahrtausends schon entstanden, und zur Zeit von Salomo war Saba die dominierende Macht, weil Ägypten gerade in der 21. Dynastie an Macht verloren hatte. Das Neue Reich hatte immer weniger Macht, und dann beginnt, was wir in der Ägyptologie die Dritte Zwischenzeit nennen. Es war also möglich, dass neue Handelsrouten mit anderen Handelspartnern entstanden – vorher war alles von Ägypten kontrolliert. Es gibt also geostrategisch die Möglichkeit, dass Saba und Jerusalem eine Handelsroute eingegangen wären, und diese Tonscherbe belegt, dass so etwas tatsächlich passiert ist.
Wir lesen in 1. Könige 10, Vers 1, 2a und 10: „Und die Königin von Saba hörte von dem Ruhm Salomos wegen des Namens des Herrn, und sie kam, um ihn mit Rätseln zu prüfen. Sie kam aber nach Jerusalem mit sehr großem Reichtum, mit Kamelen, die Gewürze und sehr viel Gold und Edelsteine trugen. Und sie gab dem König 120 Talente Gold und sehr viele Gewürze und Edelsteine. Nie wieder sind so viele Gewürze ins Land gekommen, wie die Königin von Saba dem König Salomo schenkte."
Nun, wir haben mit dieser Tonscherbe nicht die Königin von Saba identifiziert. Vermutlich ist diese Tonscherbe nicht einmal aus Saba selbst gekommen, denn die chemischen Analysen des Tons haben ergeben, dass der Ton aus Israel stammen muss. Mit anderen Worten: Man hat dort ein lokales Gefäß gehabt und Ladanum hineingetan, aber es muss jemand dort gewesen sein – vielleicht ein hoher Beamter –, jemand, der Sabäisch sprechen und schreiben konnte, der diese ganze Produktion beaufsichtigt hat.
Das ist deswegen interessant, weil wir aus einer anderen Quelle wissen, dass die Dinge, die die Königin von Saba mitgebracht hat, dort in Israel auch weiter kultiviert worden sind. Kein Geringerer als Josephus sagt das in seinen Jüdischen Altertümern: „Auch soll sie ihm die ersten Pflanzen des Opobalsamens, der jetzt noch in unserem Lande wächst, geschenkt haben." Also ein Handelskontakt mit sehr weitreichenden Konsequenzen auch für die israelitische Landwirtschaft.
Was nehmen wir heute mit? Diese Tonscherbe, gefunden 2012 bei archäologischen Ausgrabungen und neu übersetzt im Jahre 2023, bestätigt, dass es Handelskontakte gegeben hat zwischen dem mächtigen Saba in Südarabien und Israel, und zwar in der Mitte des 10. Jahrhunderts – also genau in der Zeit von König Salomo. Die biblische Geschichte ist also von historischer Perspektive aus betrachtet äußerst plausibel.
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