In dieser Folge von „Die Zeit des Endes“ wird das Jahr 1838 beleuchtet, ein entscheidendes Jahr für die Adventbewegung. Christopher Kramp analysiert die Entwicklungen in Großbritannien, wo die Bewegung an Führung verliert, während sie in Amerika durch William Miller an Fahrt gewinnt. Die Veröffentlichung von Charles Darwins frühen Arbeiten und die Rolle von Persönlichkeiten wie Josiah Litsch und Charles Fitch werden ebenso thematisiert wie die persönlichen Herausforderungen von Ellen Harmon.
Die Zeit des Endes: 29. Litch & Fitch (1838)
Christopher Kramp · Die Zeit des Endes (Eine chronologische Darstellung der Adventgeschichte von 1798 bis in die 1850er) ·Themen: AdventgeschichteWeitere Aufnahmen
Serie: Die Zeit des Endes (Eine chronologische Darstellung der Adventgeschichte von 1798 bis in die 1850er)
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Transkript
[0:00] Einen Doktorgrad, einen Ehrendoktorgrad, Doktor des Rechts wird er dort, obwohl er mit Jura eigentlich nicht so viel zu tun hatte, wie auch immer. Und er wird dort ebenfalls zum Priester geweiht in der anglikanischen Kirche, weil er möchte jetzt sich einfach zur Ruhe, nicht zur Ruhe legen, aber zur Ruhe setzen und etwas mit seiner Familie Zeit verbringen. Und so wird er dann berufen als Ortspastor, als Priester an diesem kleinen, verträumten Ort hier in Nordengland, in Linthwaite.
[0:40] Und er ist dann nur ganz kurz dort. Er hat dann einen Brief geschrieben an seinen alten Freund, Henry Drummond, der ihn damals, also noch vor vielen, vielen Jahren aus Rom damals herausgeholt hatte, als er noch Katholik war. Und Drummond war ja einer dieser führenden Leute der britischen Adventbewegung gewesen. Und er sagt ihm jetzt: "Du, Henry, ich bin jetzt Priester geworden in einer Ortskirche." Und dann hat Drummond zurückgeschrieben: "Also, du bist zum Weltmissionar geboren, aber als Ortsprediger bist du genauso geeignet, wie ich als Tanzmeister." Und, naja, ob sich das herausgestellt hat, ob sich das bewahrheitet hat, werden wir sehen.
[1:22] Drummond selbst war mittlerweile völlig abgerutscht in dieser ganz neuen Bewegung, die der Irving ins Leben gerufen hatte. Er war jetzt einer der Gründer der katholisch-apostolischen Kirche, die es heute, glaube ich, nicht mehr gibt, aber die wir heute noch in einer Splittergruppe kennen, der Neuapostolischen Kirche. Nachdem der berühmte Irving gestorben war, waren Drummond und andere der führenden britischen Adventleute ja dazu übergegangen, diese Kirche zu gründen, in der es Apostel gab, zwölf, und in der man in Zungen geredet hat und viele seltsame Dinge gemacht hat. Und man hatte zwei Jahre zuvor bereits ein Testimonium verfasst und an alle europäischen Herrscher, an den Papst geschickt und gesagt: "Wir sind die neue katholisch-apostolische Kirche und alle Christen, egal ob katholisch, orthodox oder protestantisch, sollen alle uns folgen und wir wollen die Einheit der Christenheit erreichen." Und da waren einige Freunde von Wolf mitten in dieser Kirche involviert, aber Wolf hat damit nichts weiter am Hut gehabt. Aber das war einer der Hauptgründer, wie wir schon damals gesehen hatten, dass der Adventglaube in Großbritannien so ein bisschen in Verruf geraten ist und zusammengebrochen ist.
[2:31] Die ganze Adventbewegung in Großbritannien endet mehr oder weniger, was ihre Leiter angeht, im Jahre 1838. Das hat unter anderem damit zu tun, dass einige, wie gesagt, in der katholisch-apostolischen Kirche jetzt sich engagieren, andere ganz offen sogar die alte protestantische Tradition angreifen. Hier an der Universität von Dublin zum Beispiel hält ein berühmter Hebräisch-Professor Vorträge und sagt ganz explizit: "Alle Zeitprophezeiungen sind noch in der Zukunft. Die 70 Wochen sind in der Zukunft, die 1062 Tage sind in der Zukunft, die 2300 Tage sind in der Zukunft. Christus selbst ist niemals der Antichrist und Rom kommt in der Prophezeiung gar nicht vor." Und dieser Einfluss macht sich mehr und mehr breit in Großbritannien und hat dann zur Folge, dass das, was nur wenige Jahre vorher noch leuchtend hell schien in Großbritannien als Adventbewegung, jetzt mehr und mehr zusammenbricht.
[3:28] Den Höhepunkt der hebräischen Adventbewegung, das war eigentlich so zwischen 1826 und 1830, und in der Folgezeit war das schon so ein bisschen ins Schwanken geraten. Aber durch Josef Wolf, der als berühmter Missionar diese Botschaft in die Welt getragen hat, war es immer noch präsent gewesen. Aber als Wolf sich jetzt zur Ruhe setzt und auch ruhiger wird diesbezüglich, gibt es nur noch einzelne Leute, die hier und dort darüber predigen, und viele Laien und viele Ortsprediger, aber keine wirklich echte Adventbewegung mehr in Großbritannien. Und das ist natürlich interessant, weil genau dieses Jahr, wie wir gleich sehen werden, das Jahr 1838 der Wendepunkt ist, wo der Fokus von Großbritannien übergeht, endgültig nach Amerika, was die Adventbewegung betrifft.
[4:13] Dort in Linthwaite war es seiner Frau zu kalt und deswegen hat er innerhalb weniger Wochen den Ort gewechselt, hat sich versetzen lassen, nur wenige Kilometer weiter, ich weiß nicht, ob es da so viel wärmer war, nach High Hoiland, hier so richtig in die britische Provinz, da der kleine Ort und da die Kirche, an der er jetzt gedient hat. Also das ist schon ein Wechsel, wenn man vorher als berühmter Missionar, Tod und Gefahren nicht beachtend, durch die Welt gereist ist und jetzt irgendwo so im verregneten England an so einer Kirche als Vikar, nicht mal als Hauptpastor, sondern als Hilfspastor tätig ist. Das war sicherlich eine Umstellung für ihn, aber er wollte jetzt einfach nur noch das Leben ruhig genießen. Da noch ein Blick in diese Gegend dort.
[5:04] Ebenfalls im Februar dann kam die erste Veröffentlichung von Charles Darwin heraus, und zwar die Zoologie. Das waren so einzelne Teile, die so Stück für Stück herauskamen. Er hatte ja eine ganze Reihe von Fossilien gesammelt und von Vögeln und von verschiedenen Tieren und Pflanzen und jetzt wurden nach und nach die ganzen Beschreibungen veröffentlicht. Und im Februar 1838, wie gesagt, die erste. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch keiner, was im Kopf von Darwin bereits vor sich geht. Diese Veröffentlichungen sind nur Beschreibungen, also man beschreibt, wie die Tiere aussehen, was er da gesehen hat, ohne Interpretation. Aber schon ein Jahr zuvor hatte er auf genau diesem Notizblock hier eine erste Idee niedergeschrieben. Kann das jemand lesen, was hier steht? "I think." Ich denke. Das ist der erste Gedanke, den er gehabt hat zur Evolutionstheorie, so einen Stammbaum von Tieren, also von Abstammung. Das war die erste Idee, ein Jahr zuvor geschrieben. Da kam dieser Gedanke, er schreibt "I think" und dann hat er weiter das ausgearbeitet, aber zu dem Zeitpunkt weiß davon auch kein Mensch außer ihm selber. Das brütet in seinem Gehirn, während erstmal die wissenschaftlichen Beschreibungen der Tiere veröffentlicht werden. Also auch das geht zu diesem Zeitpunkt ab.
[6:22] Wenn man also hinter die Kulissen schaut und so ein bisschen weiß, wer da an welchem Strang zieht im großen Kampf, dann sieht man ganz erstaunlich, wie das alles so aufeinander abgestimmt ist in dieser Zeitepoche. Und im Februar passiert noch etwas, was ganz, ganz entscheidend ist. Wie wir gerade gesagt haben, die britische Adventbewegung war mehr oder weniger, was ihre Führer angeht, nicht was die Laien angeht, aber was ihre Führer angeht, heruntergegangen oder nicht mehr wirklich großartig aktiv, nur noch für einzelne Leute. Aber stattdessen hat jetzt die amerikanische Adventbewegung in Form von William Miller plötzlich neuen Impetus bekommen.
[7:00] Bis zu diesem Zeitpunkt, bis ins Jahr 1838, war William Miller im Wesentlichen der Einzige, der hier im Bundesstaat Vermont und im östlichen Teil vom Bundesstaat New York von Ort zu Ort gereist ist, Jahr für Jahr unermüdlich zu hunderten von Leuten gepredigt hat, zu tausenden von Leuten, immer wieder, immer wieder gepredigt und gepredigt und gepredigt und gepredigt. Und nur wenige einzelne Ortspastoren haben sich dem angeschlossen, viele Laien natürlich, aber es gab keine nationale Bewegung, noch nicht.
[7:29] Anfang des Jahres 1838 geschieht es, dass die Botschaft in den Bundesstaat Massachusetts kommt. Und zwar nicht durch Miller selbst, sondern durch sein Buch. Das Buch, das er 1836 rausgegeben hat, das wir ja ausführlich besprochen haben, kommt durch verschiedene Wege, kommen verschiedene Exemplare in diesen Bundesstaat und lösen dort eine Sensation aus. Und was jetzt in den nächsten Wochen passiert, wollen wir genauer anschauen. Weil es zeigt uns, wie Gott in der Lage ist, die Bemühungen von einzelnen wenigen dann plötzlich zu multiplizieren und eine große Bewegung in Gang zu setzen. Da können wir einiges von lernen. Es war die Literatur, die das bewirkt hat in diesem Fall.
[8:11] Die beiden Ersten, die wirklich später auch von großer Bedeutung werden und die Miller helfen werden, die mit dem Buch in Berührung kommen, sind zwei Prediger mit Namen Litsch und Fitsch. Ganz genau. Da kann man sich gut merken: Litsch und Fitsch. Beide Anfang des Jahres bekommen dieses Buch. Wir wollen ganz kurz etwas über diese beiden Personen lernen, weil wir sie jetzt in den nächsten Wochen und Monaten immer wieder hören werden.
[8:36] Josiah Litsch ist zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt, ein junger, junger Prediger. Er ist recht gelehrt, sehr intelligent und ein Prediger der Methodisten. Die Methodisten-Prediger, die reisen durch ganz Neuengland von einem Ort zum nächsten. Und das ist auch seine Aufgabe. Er bekommt dieses Buch von wem, genau wissen wir nicht, in die Hand gedrückt und er liest das mit dem Titel, naja, "Die Wahrscheinlichkeit, dass Jesus im Jahr 1843 wiederkommt". Und hat kein Interesse an einem Buch, wo die Wiederkunft Jesu berechnet wird. Aber dann liest er es halt doch und während er es liest, wird er mehr und mehr davon überzeugt. Und was ihm großes Kopfzerbrechen bereitet, ist diese Lehre von dem Millenium, weil er seit Kindheit an glaubt, dass man durch die Bekehrung der Welt ein tausendjähriges Friedensreich hier auf Erden schaffen kann. Und selbst beim Lesen des Buches gibt er das noch nicht so ganz völlig auf. Aber was ihn total begeistert, ist die Jahresberechnung 1843, die ganzen Prophezeiungen. Und er weiß ganz genau, als er das Buch gelesen hat: Wenn ich mich dafür entscheide, wenn ich das annehme, als ein bekannter Prediger der Methodisten, dann kriege ich Ärger. Und er wird früher oder später zum Konflikt führen. Aber er entscheidet sich dann auf Millers Seite zu stehen.
[9:54] Die zweite Person, die ebenfalls zum gleichen Zeitpunkt das Buch bekommt, aber die beiden wissen noch nichts voneinander, ist Charles Fitch, der zu diesem Zeitpunkt vier Jahre älter ist, er ist 32 Jahre alt und er ist ein Erweckungsprediger. Zu diesem Zeitpunkt ist er Prediger in Boston, einer der größten Städte Amerikas, die damals ungefähr 90.000 Einwohner hat. Und er ist Prediger der Kongregationalisten. Er hatte sogar an einer Universität Theologie studiert, an der Brown University und war schon an verschiedenen Orten als Pastor tätig gewesen. Ich hatte es vor zwei Wochen auch erwähnt, dass er für den berühmten Prediger Charles Finney die Eröffnungsrede für dessen neue Kirche 1836 gehalten hat. Er war ein ziemlich bekannter Prediger dort in Neuengland. Und, naja, auch er bekommt das Buch und liest es.
[10:47] Und während Miller Anfang im gleichen Zeitraum im Februar eine Vortragsreihe hier wieder in Vermont hat, in Panton, lesen diese beiden Leute, Litsch und Fitch, dieses Buch und kommen beide zum gleichen Schluss: Wir müssen öffentlich diese Sachen predigen. Der Erste, der sich dafür entscheidet, ist nicht Litsch, sondern Fitch. Charles Fitch predigt am 4. März in seiner eigenen Gemeinde in Boston zwei Predigten über die Wiederkunft Jesu und löst eine Sensation aus. Es ist jetzt kein kleiner Ort irgendwo im Westen der USA, sondern eine der Hauptstädte Amerikas und die Leute sind völlig von den Socken.
[11:29] Einen Tag später, am 5. März, schreibt er Folgendes an Miller. Er sagt: "Mein lieber Bruder, ich bin ein Fremder für dich, aber ich vertraue darauf, dass ich durch die freie, souveräne Gnade Gottes keineswegs ein Fremder für Jesus Christus bin, dem du dienst. Ich bin der Pastor einer orthodoxen, kongregationalistischen Kirche in dieser Stadt. Vor wenigen Wochen sind mir deine Vorträge über die Wiederkunft Jesu in die Hände gefallen. Ich habe das Werk gelesen, ohne irgendetwas von den Ansichten zu wissen, die darin enthalten sind. Und jetzt Achtung: Ich habe sie mit einem überwältigenden Interesse studiert, also ich habe das wirklich studiert, so wie ich es bei keinem anderen Buch außer der Bibel bisher gefühlt habe. Ich habe es mit der Schrift und der Geschichte verglichen und ich finde nichts, was ich an deinen Ansichten auch nur im Geringsten bezweifeln müsste. Obwohl ich ein elender, schuldiger Sünder bin, vertraue ich darauf, dass durch die übermäßige Gnade Gottes ich unter denen sein werde, die sein Erscheinen lieben. Gestern habe ich zu meiner Gemeinde zwei Vorträge über das Kommen des Herrn gepredigt und ich glaube, dass dadurch ein tiefes und andauerndes Interesse an den Zeugnissen Gottes erweckt wird. Es gibt morgen ein Predigertreffen und da ich beauftragt worden bin, ein Essay vorzustellen, habe ich vor, dieses ganze Thema zur Diskussion zu stellen und bin mir sicher, dadurch etwas zur Verbreitung der Wahrheit beitragen zu können."
[12:49] Also, der Charles Fitch war so begeistert, er predigte zwei Predigten, schreibt an Miller, er fragt ihn dann auch noch zwei historische Fragen für zwei Daten, für das Datum 508 und 5038, wo er da Quellen hat, möchte noch mehr Informationen haben. Und dann nur einen Tag später kommt diese Predigertagung und Charles Fitch, voller Begeisterung, zeigt all seinen Prediger-Kollegen dort im ganzen Bezirk, im ganzen Gegend die Thesen von Miller. Und was passiert? Alle Prediger lachen ihn aus und verspotten ihn und sagen: "So ein Quatsch und so ein Blödsinn."
[13:26] Was macht Charles Fitch? Er ist so verwirrt, dass er die ganze Sache wieder aufgibt und sich davon distanziert. Ein kurzes Feuer, das zunächst einmal wieder ausgeht. Ganz, ganz, ganz, ganz interessant. Somit bleibt zunächst einmal Josiah Litsch als der Einzige übrig, der sich in Neuengland für Millers Thesen einsetzen wird.
[13:55] Das hatte, das habe ich vergessen zu lesen, das hatte Fitch nur einen Tag vorher geschrieben. Er hatte geschrieben: "Wenn du mir noch wichtige Informationen geben kannst, die nicht im Buch enthalten sind, würde ich mich sehr freuen, denn da ich als Wächter auf der Mauer stehe, möchte ich der Posaune einen deutlichen Ton geben und diesen Ton so voll, explizit und überzeugend wie möglich machen", sagt er am 5. März. Am 6. März hält er den Vortrag vor den Predigern und gibt es danach wieder auf. Das ist eine interessante Lehre, dass wir manchmal von einer Sache, weil sie wahr ist, so begeistert sein können, dass wir sofort es allen sagen wollen und dann nicht so tief gegründet sind, dass wenn wir auf Widerstand stoßen, das erstmal wieder aufgeben.
[14:36] Nun, die Geschichte endet mit Fitch natürlich hier nicht, aber das ist interessant, weil nicht alle Menschen gleich auf diese Botschaft reagiert haben. Und man kann von den verschiedenen Personen Verschiedenes lernen, weil jeder von uns einem der einzelnen Personen vielleicht ähnlicher ist als dem anderen. Naja, aber während Fitch zunächst einmal sich zurückzieht, hat Gott einen anderen Weg, die Botschaft doch in Boston bekannt zu machen und zwar folgenden. Aber dazu kommen wir gleich. Verzeihung, erst einmal muss ich das hier noch vorlesen und zwar am 12. März bekommt Miller eine Einladung und da bekommt man ein Gefühl davon, wie dringend das ist. Und zwar ist diese Einladung geschrieben an seinen Sohn. Da schreibt jemand an den Sohn von Miller: "Sehr geehrter Herr, ich erhielt eine Zeile von Ihnen, datiert 1. März und war erfreut zu erfahren, dass Vater Miller beschlossen hatte, West Troy am letzten Samstag zu besuchen. Mit großer Erwartung warteten wir alle auf diesen Tag, in der Erwartung des Privilegs, etwas über das Thema der Wiederkunft Christi zu hören, aber wehe, wir wurden enttäuscht." Also Miller ist nicht gekommen, hatte was anderes vor, hatte einen anderen Termin. "Sehr geehrter Herr, ich schreibe diese wenigen Zeilen, um Sie wissen zu lassen, wie man hier über das Thema der Vorträge von Mr. Miller denkt. Auf der Straße, im Haus, kurz gesagt fast überall, wo man einen Menschen trifft, ist die erste Frage: Ist Mr. Miller schon gekommen? Wann wird Mr. Miller hier sein? Warum kommt er nicht? Sehr geehrter Herr, wenn Sie dies erhalten, bitte schreiben Sie mir den Grund für die Enttäuschung und auch wann er, wenn überhaupt, kommen kann, sodass ich den Fragenden Auskunft geben kann."
[16:12] Es gibt Städte in Amerika, wo die Leute sich nur noch fragen: "Wann kommt Miller? Warum ist er nicht gekommen? Er muss doch kommen. Wir haben ihn eingeladen." Also da bekommt man ein Gefühl, wie dringend das den Leuten ist. Und Miller selbst wird in diesem Jahr förmlich unfähig, all die verschiedenen Einladungen körperlich einfach noch zu absolvieren. Und deswegen ist es dringend notwendig, dass Gott jetzt andere Leute beruft an anderen Orten, die ihm helfen müssen.
[16:38] Wie gesagt, Charles Fitch hatte sich entschieden, erstmal nicht wieder über das Thema zu sprechen und hat sich von Millers Ansichten distanziert. Aber im selben Monat noch findet Gott eine andere Möglichkeit, das Evangelium doch nach Boston zu bringen und zwar durch die Tageszeitung. Der Editor der Boston Daily Times, einer der größten Zeitungen von Boston, hat ein Buch bekommen von Miller und schreibt dann folgendes: "Wir werden wahrscheinlich am Mittwoch, also am nächsten Tag, damit beginnen, ausführliche Auszüge von diesem außergewöhnlichen Werk abzudrucken. Uns ist nichts bekannt, was in der gegenwärtigen Zeit tieferes und universelleres Interesse hervorrufen könnte."
[17:18] Die Tageszeitung druckt jetzt ab dem 14. März innerhalb von neun Teilen große Abschnitte aus dem Buch von Miller ab. Ohne dass es einen anderen Prediger, der dort vor Ort ist, ist es die Tageszeitung. Und das zeigt, wie wichtig die Medien für die Miller-Bewegung sein werden. Und der Herausgeber dieser Zeitschrift hat die Miller-Theorie wirklich gut erfasst, denn den ersten Ausschnitt, den er abdruckt, ist über Daniel 8, Vers 14. Das war für ihn das Wichtigste und das kommt als erstes vor die Leute. Und ebenfalls kreiert das eine Sensation in Boston, jener großen Stadt.
[17:57] Plötzlich kommt innerhalb von wenigen Wochen die Botschaft, die Miller über Jahre hinweg von einem Ort zum nächsten dort in Westamerika getragen hat, also Nordwestamerika, und die nur Lokalbeachtung gefunden hat. Innerhalb von wenigen Wochen schafft es Gott, diese Botschaft vor ein viel breiteres Publikum zu stellen. Das ist auch eine wichtige Lehre für uns, dass wir, wenn wir unsere Pflichten treu erfüllen und Jahr für Jahr dorthin gehen, wo Gott uns ruft, Gott innerhalb kürzester Zeit es schaffen kann, diese Botschaft vor viele Menschen zu bringen, als wir es uns jemals erträumen könnten. Und das ist nur der Anfang hier. Das Ganze nimmt ja noch explosionsartig zu in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren.
[18:32] Miller unterdessen ist zu einer weiteren Vortragsreise, in diesem Fall hier in Benson, in Vermont, vom 12. bis 19. März. Während das alles vorgeht dort in Neuengland, tut er seine Pflicht immer weiter und geht einer Einladung nach der anderen nach. Und dann bekommt er eine Einladung nach Rom, also nicht das italienische Rom, sondern das amerikanische Rom. In New York gibt es eigentlich keinen Ort, der heißt Rom. Und er bekommt folgende Einladung von einem Prediger dort: "Lieber Bruder Miller, wir haben einiges von dir gehört und möchten dich hier in Person sehen und deine gesamte Vortragsreise hören. Ich denke, die Zeit ist für dich gekommen, das Evangelium auch in Rom zu predigen." Also das ist ein berühmtes Zitat vom Apostel Paulus, der dann das Evangelium auch in Rom predigen sollte. Der Religion wird größere Aufmerksamkeit geschenkt als zuvor. Der Wunsch von dir zu hören ist sehr groß. Wir möchten, dass du sofort kommst, wenn möglich den ersten Sonntag. Ich bitte dich, mache keine Verzögerung oder Entschuldigung, sondern komme auf der Stelle."
[19:32] Die Leute wollten Miller unter allen Umständen hören. Und weil jetzt diese Vorträge auch durch die Tageszeitung dort in Boston bekannt gemacht worden sind, kommt es jetzt zum ersten Mal auch zu richtig offenem Widerstand durch berühmte Leute. Einer von wirklich berühmten Menschen damals, die sich gegen Miller stellen, ist Ethan Smith, den wir in früheren Folgen dieser Serie schon öfter angeschaut haben, einen ziemlich streitbaren protestantischen Prophetieausleger, der ja gesagt hatte, vielleicht erinnern wir uns noch dunkel, dass die 2300 Jahre schon 1819 zu Ende waren. Und als der jetzt liest, dass so ein William Miller aus New York behauptet, es endet erst 1843, ist er natürlich aufgebracht und schreibt zwei Artikel gegen Millers Theorie und er hat drei Punkte. Punkt Nummer 1: Daniel 9 und Daniel 8 haben nichts miteinander zu tun. Punkt Nummer 2: Das kleine Horn in Daniel 8 ist nicht Rom, sondern der Islam. Und Punkt Nummer 3: Daniel 8 Vers 14 ist 1819 zu Ende gegangen, als die griechische Revolution gegen das Osmanische Reich begann. Und jetzt stand das gegeneinander.
[20:46] Und Josiah Litsch entscheidet sich, als er das liest, ein Buch zu schreiben, um Millers Thesen zu bestätigen und zu verteidigen und diese Angriffe noch deutlicher zu entkräften. Und so beginnt er ab April ein neues Buch, ein eigenes Buch zu schreiben, das als das zweite wichtige Buch der Miller-Bewegung dann ganz, ganz bedeutend sein wird, wie wir gleich sehen werden.
[21:12] Währenddessen ist Miller weiter unterwegs, zum Beispiel hier in Troy, das war da, wo er unbedingt hinkommen sollte, wo die Leute so enttäuscht waren. Er verbringt fast den ganzen April dort, erst im Westen von Troy und dann im Osten von Troy und die Leute sind zufrieden, dass sie jetzt etwas hören über die Wiederkunft.
[21:32] Es ist in jenem Monat, am 23. April, dass das erste Dampfschiff, Dampfsegelschiff, von Europa nach Amerika reist. Es ist die Great Western und der Erfolg dieser Sache ist so groß, denn dadurch wird die Reisezeit halbiert. Man kommt jetzt in der halben Zeit von einem Kontinent zum anderen. Das sind alles so technische Entwicklungen, die bald dazu führen werden, dass das Evangelium sich viel schneller um den Globus verbreiten kann. Also Gott wirkt an dieser Stelle auch Punkt für Punkt mit dazu.
[22:09] 30. April wird Nicaragua unabhängig, das nur nebenbei. Und dann am 6. bis 16. Mai die berühmte Vortragsreihe in Rom, wo er dann ein ganzes Stück nach Westen reisen muss, um dort in Rom zu predigen. Und dann am 30. Mai erscheint das Buch von Josiah Litch, das hat fast den gleichen Titel wie das von Miller: "Die Wahrscheinlichkeit der Wiederkunft um das Jahr 1843". Und er wiederholt fast alle Thesen und Argumente von Miller. Nur beim Millenium ist das nicht ganz so übersicher, also er lässt das noch so ein bisschen stehen. Aber alles, was mit Daten und Prophetie zusammenhängt, da ist Josiah Litsch voll auf der Seite von Miller. Und er verteidigt vor allem Millers Ansicht gegen einige dieser Angriffe. Er zeigt noch deutlicher, warum Daniel 9 und 8 verknüpft werden, er widerlegt ganz deutlich, warum das kleine Horn nicht der Islam sein kann und macht auch deutlich, dass die 2300 Jahre nicht 1819 abgelaufen sein können.
[23:10] Es ist auch interessant und das ist sehr interessant für uns auch, dass schon der erste wirklich berühmte Nachfolger von Miller oder der erste, der sozusagen ein Buch in dessen Fahrwasser schreibt, nicht einfach nur Millers Ansichten übernimmt, sondern dort, wo nötig, auch schon korrigiert. Zum Beispiel, obwohl er in allen Hauptpunkten mit Miller übereinstimmt, korrigiert er einige kleine Fehler, die Miller in seinem Buch offensichtlich gemacht hat. Zum Beispiel gibt er die 10 Hörner nicht mit Österreich und England und Italien an, sondern mit den richtigen Bezeichnungen, mit den richtigen Stämmen. Er führt die Hunden, Ostgoten, Westgoten, Franken, Vandalen, Sueben, Burgunder, Heruler, Angelsachsen und Lombarden ein und zeigt auch deutlich, dass die drei Ausgerissenen eben die Heruler, Vandalen und Ostgoten waren. Das haben wir nicht von Miller, das haben wir von Josiah Litsch. Und korrigiert auch einige andere kleine Details, zum Beispiel, dass die Kreuzigung Jesu nicht am 12. Nisan gewesen ist, sondern der Verrat von Judas, wenn überhaupt.
[24:13] Und ganz besonders ist interessant, dass er in Bezug auf Offenbarung 13 eine neue Theorie vertritt, die Miller noch nicht vertreten hatte, aber die richtungsweisend ist für die spätere Adventbewegung. Und zwar hat Miller ja noch geglaubt, dass das erste Tier aus Offenbarung 13 das heidnische Rom ist und das zweite Tier das päpstliche Rom. Und Josiah Litsch geht dazu über, mit Miller noch, das hat Miller auch gesehen, dass im ersten Teil des ersten Tieres auch schon das Papsttum eine Rolle spielt. Aber Litsch sagt dann, dass das zweite Tier aus Offenbarung 13 nicht das Papsttum sein muss, sondern eine Macht nach dem Papsttum. Millers Ansicht war klassisch gewesen und traditionell von allen Protestanten so angesehen, dass Offenbarung 13 einmal den zivilen, einmal den kirchlichen Aspekt vom Papsttum beschreibt. Aber Litsch sagt, das Tier aus Offenbarung 13 muss ein modernes Tier sein, das nach 1798 Macht gewonnen hat. Und kann jemand raten, welche Nation er dort sieht? Als zweites Tier von Offenbarung 13? In den USA ist es noch zu schwer zu erkennen. Welche Nation würde man wahrscheinlich, wenn man 1838 schreibt und sich überlegt, welche große Weltmacht war nach 1798, hat die Weltgeschichte dominiert? Frankreich, Napoleon, natürlich. Das war ja das, was noch ganz tief drin saß. Und das kleine Horn, das Tier hat ja auch zwei Hörner, richtig? Und war nicht Napoleon Kaiser von Frankreich und König von Italien?
[25:56] Und obwohl das natürlich keine richtige Auslegung ist, ist es doch ein wichtiger Schritt, weil es zeigt, das zweite Tier aus Offenbarung 13 muss eine moderne Macht sein und muss nach 1798 kommen. Und das hat eine ganz, ganz weitreichende Konsequenz. Er korrigiert Miller auch dahingehend, dass die sieben Plagen noch zukünftig sein müssen. Warum? Weil wenn das zweite Tier aus Offenbarung 13 mit dem Mahlzeichen und dem Bild des Tieres noch zukünftig ist oder in unserer Zeit ist, dann müssen auch die Plagen zukünftig sein und können nicht in der Vergangenheit gewesen sein. Miller hat ja die Plagen noch bis zur Zeit der Reformation zurückgehen lassen, was auch klassische Auslegung war. Und Dostoyevich macht diese treffliche Bemerkung und klare Analyse, dass die Plagen zukünftig sein müssen.
[26:45] Aber sein größter Beitrag war eigentlich auf dem Gebiet der Posaunen. Warum? Bei den ersten vier Posaunen hat er eine sehr merkwürdige Auslegung, die nach ihm, glaube ich, auch von keinem so richtig übernommen worden ist. Er hatte die erste Posaune als die Verfolgung unter Nero, die zweite Posaune als die generelle Verfolgung im römischen Reich, die dritte Posaune als das Aufkommen der arianischen Häresie und die vierte Posaune als das Aufkommen des Papsttums. Aber dann die fünfte und sechste Posaune, da folgt er Miller und er folgt ihm noch genauer, korrigiert ein paar Daten und macht eine erstaunliche Aussage. Er zeigt, dass in der fünften und sechsten Posaune der Islam eine Rolle spielt. Und während Miller noch die 150 Jahre dort ab 1298 hat anfangen lassen und am Ende dann in der sechsten Posaune im Jahre 1839 rauskommt, studiert Litsch das genauer, geht auf die historischen Quellen ein und findet den genauen Anfangszeitpunkt, nämlich den 27. Juli 1299 beim Historiker, nämlich Gibbon. Und dann sagt er folgendes über das Osmanische Reich: "Wann wird diese Macht besiegt? Gemäß den bereits gemachten Berechnungen endeten die fünf Monate 1449, die Stunde 15 Tage, der Tag ein Jahr, der Monat 30 Jahre und das Jahr 360 Jahre, zusammen 391 Jahre und 15 Tage werden 1840 enden, etwa im August." Miller hatte nur gesagt: "Irgendwo 1839, 1840, so Pi mal Daumen." Litsch geht einen Schritt weiter, studiert es genauer und sagt: "Es wird im August 1840 sein." Dann sagt er: "Die Prophezeiung ist die erstaunlichste und exakteste bis auf den Tag von allen in der Bibel, die mit diesen großen Ereignissen zu tun haben. Die Fakten sind nun vor dem Leser und er muss damit machen, was er für am besten hält."
[28:45] Nun, damit macht Litsch einen enormen Schritt nach vorne. Er sagt: "Innerhalb von wenigen Jahren, innerhalb von zwei Jahren werden wir sehen, ob Millers Theorie recht hat oder nicht. Wir werden sehen, ob das Jahr-Tag-Prinzip gilt oder nicht, denn im August 1840 muss die Macht des Osmanischen Reiches, wie wir sie kennen, zu Ende kommen." Und das löst natürlich ein enormes Interesse aus, bei allen, die das lesen und sagen: "Wow, wollen wir mal sehen, was passiert." Zwei Jahre kann man ja warten. Und, naja, was passiert ist, werden wir dann Anfang nächsten Jahres sehen. Jedenfalls konnte schon der geneigte Beobachter damals erkennen, dass das wohl nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, denn der Sultan des Osmanischen Reiches hatte größere Probleme immer wieder mit dem Pascha von Ägypten, dem Muhammad Ali, haben das ja schon öfter angeschaut. Und auch in diesem Jahr ist Ali wieder kurz und klein daran, Krieg zu führen mit dem Sultan. Er möchte keine Steuern mehr zahlen und keine Tributzahlungen mehr vornehmen und der Sultan ist kurz davor, loszuschlagen und Ägypten zu besetzen. Also dieser Kampf, der hält die Weltöffentlichkeit in Atem und weil Litsch diese Prophezeiung macht, ist das natürlich doppelt interessant.
[29:58] Und er sagt am Ende des Buches in Bezug auf das Jahr 1843 und die nahende Wiederkunft: "Wenn wir so nah an der Schwelle der Zeit stehen und es nur noch so wenig Zeit gibt, in der wir Gelegenheit haben, für Gott und die Seelen der Menschen zu arbeiten, wie wichtig ist es dann, dass wir erwachen und uns in diesem Werk bemühen?" Josiah Litsch hat seine Entscheidung getroffen, anders als Fitch steht er auf der Seite Millers, komme was da wolle. Heute kennt man seinen Namen nicht mehr so sehr, aber ich glaube, das ist zu Unrecht. Er war einer der allerersten Pioniere überhaupt neben William Miller.
[30:34] Miller schreibt im Juli einen Brief an seinen Brieffreund Hendricks und sagt folgendes, fand ich ganz interessant, kann man auch was von lernen: "Letzten Sabbat, also gemeint ist natürlich immer Sonntag, predigte ich in Benson und das ganze Haus war vollgestopft, die Lobby und überall." Was machst du normalerweise mit einem Prediger, wenn er vor einem vollen Raum predigt? Was hat das wohl für eine Tendenz für den Prediger? Könnte ihn stolz machen, freut er sich nicht? Und dann sagt er etwas Interessantes: "Aber mein Bruder, das ist keine besondere Freude an sich für mich. Die Menge mag heute Hosianna und morgen kreuzigt ihn rufen. Herr, was ist der Mensch?" Er weiß ganz genau, ein Teil der Leute, die kommen, kommen nicht, weil sie unbedingt, die kommen nur, weil es halt, wenn es überhaupt ein Aufruf ist, also wenn überhaupt erstmal so eine Aufregung ist und wenn das so eine Bewegung gibt, dann kommen auch viele einfach nur aus Kuriosität und aus Neugier und weil es da was gibt und die Massen. Und der Miller wusste das und hat sich davon nicht blenden lassen und wollte wirklich bekehrte Menschen am Ende seiner Vorträge haben.
[31:42] Er hatte in der Zwischenzeit auch eine Reise nach Kanada unternommen und dort gepredigt in Ostkanada. Und dann ebenfalls in dieser Vortragsreihe war ihm Folgendes passiert: Er hatte hinterher Briefe bekommen von zwei verschiedenen Pastoren und beide hatten behauptet, dass er einen Irrtum habe in seinen Vorträgen, einen Irrtum bezüglich der Erlösungstheorie. Aber beide hatten einen völlig gegenseitigen, gegensätzlichen Angriffspunkt. Mit anderen Worten, wenn man das so illustrieren wollte, der eine Pastor sagt: "Miller ist falsch, weil er A gesagt hat, man müsste aber B sagen." Und der andere Pastor sagt: "Miller ist falsch, weil er B gesagt hat, man müsste aber A sagen." Und was Miller am meisten schockiert: Beide Prediger begründen ihre Sache mit der ganzen Reihe von Bibeltexten, obwohl sie sich direkt widersprechen. Und Miller war nicht auf den Mund gefallen und auch kein Mann sanfter Worte manchmal. Schau mal, was er geschrieben hat über die beiden: Er sagt: "Ich denke, wenn wir Pastor West und Pastor Claflin nehmen könnten, um sie über dem Feuer der Verfolgung zu kochen, sie mit dem Stab christlicher Erfahrung gut umrühren, im Kessel der praktischen Gotteswürdigkeit abkühlen und sie beide durch das Lieb der erwählenden Liebe durchgießen, dann etwas christliche Frömmigkeit als Sauerteig zugeben und sie stehen lassen bis zum Abendessen, wenn der gesegnete Erlöser kommt, dann wären sie zu etwas Nütze." Aber dann schreibt er nur kurz später doch sehr ernsthaft, was er daraus gelernt hat, aus dieser Erfahrung: "Ich bin schließlich zu der Schlussfolgerung gekommen, dass ich die Bibel selbst lesen muss, mich, soweit es mir möglich ist, von Vorurteilen zu befreien, aufrichtig zu urteilen, vom Ego loszusagen, zu predigen, was ich als Wahrheit glaube und zu versuchen, Gott mehr zu gefallen als Menschen. Und dann muss ich alles in die Hände meines göttlichen Meisters übergeben und auf seine Entscheidung warten."
[33:45] Er ist ja jetzt schon 56 Jahre alt und trotzdem trifft es ihn erneut wie ein Schlag. Wie kann es sein, dass zwei Prediger die Bibel zitieren und trotzdem sich direkt widersprechen? Und er fragt sich erneut: Könnte es sein, dass ich auch so viele Bibelzitate habe und doch vielleicht gegen die Wahrheit arbeite? Bin ich wirklich so ohne Vorurteile rangegangen an meine Theorie? Und er will es noch genauer prüfen, obwohl er schon seit Jahren das predigt. Und ich glaube, von dieser Grundeinstellung kann man noch mehr lernen als von den einzelnen Thesen, die er aufgestellt hat, von denen wir natürlich einige vielleicht verwerfen würden. Aber diese Grundeinstellung war enorm gut.
[34:24] Dann im August ist der drohende Krieg noch einmal abgewendet worden zwischen diesen beiden, zwischen dem Sultan des Osmanischen Reiches und dem Vizekönig von Ägypten, weil europäische Diplomaten eingegriffen haben und der Pascha von Ägypten sich dann doch entscheidet, seinem Sultan die notwendigen Tributzahlungen zu gewähren. Aber der Konflikt brodelt und über all dem bleibt die Vorhersage von Josiah Litsch: August 1840, dann verliert das Osmanische Reich seine bisherige Macht. Und die Leute schauen mit großer Aufmerksamkeit.
[34:50] Im Herbst ist Miller auf großer Vortragsreihe, September, Oktober hier in verschiedenen Orten, in Braintree und in White Creek und in Pittsfield und Randolph und Brookfield und so weiter. Und massenhaft kommen dort die Menschen, wirklich in großen, rauen Mengen.
[35:24] Währenddessen lässt sich der technische Fortschritt nicht aufhalten. Am 29. Oktober wird die erste preußische Eisenbahn eröffnet, hier in Potsdam. Und Miller ist weiter unterwegs, am 7. bis 23. November in Montpellier, nicht in Frankreich, sondern in Vermont. Und er sagt da folgendes, er schreibt an seinen eigenen Sohn am 17. November: "Es gibt an diesem Ort große Aufregung über das Thema. Gestern Abend hatten wir eine feierliche und interessante Versammlung. Jetzt Achtung, viele sind zusammengebrochen und es gab viele Tränen." Also wir haben uns ja noch, wir haben ja vor wenigen Wochen angeschaut, was der Miller alles so gepredigt hat, nicht wahr? Daniel 8 und Daniel 9 und Daniel 11 und Offenbarung 2, 3, 4. Und manchmal hat vielleicht der eine oder andere gedacht, ein bisschen trocken, aber das hat das produziert. Keine emotionalen Geschichten, sondern profitiver Knüpfen mit der Geschichte. Und die Leute sind zusammengebrochen, weil sie gemerkt haben, wir haben noch wenige Jahre Zeit. Einige Seelen sind wiedergeboren worden. Ich kann mich kaum von diesen Menschen trennen. Sie möchten, dass ich noch eine Woche bleibe, aber ich werde nächsten Montag in das nächste Dorf reisen. Ich kenne meine Schwachheit." Jetzt sagt er auch etwas Interessantes. Auch da, glaube ich, kann man viel von lernen. "Es ist das Werk des Herrn und wunderbar in unseren Augen. Die Welt weiß nicht, wie schwach ich bin. Sie halten den alten Mann für mehr, als ich es tue." Er hat realisiert, dass die Leute, die ihm zuhören, ihn für talentierter halten, als er sich selbst einschätzt. Und es ist ihm bewusst geworden, dass man meistens überschätzt wird von der Welt, gerade dann, wenn man das Wort Gottes predigt. Ganz, ganz interessante Lehre, die man daraus ziehen kann.
[37:02] Ende des Jahres, am 27. November, beginnt der sogenannte Kuchenkrieg. In Mexiko kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, wo Einwanderer benachteiligt werden. Ein französischer Einwanderer, ein französischer Bäcker, ihm wird in seinem Bäckerladen der Kuchen gestohlen und er fordert dann eine Entschädigung von der Regierung und die gewährt es ihm nicht. Und dann wendet er sich an seine französische Heimat und die stellen ein Ultimatum und sagen: "Entweder ihr gebt diesem Bäcker dort eine horrende Summe an Geld für seine Kuchen, die ihm weggenommen worden sind, ansonsten gibt es Krieg." Und dann gab es Krieg. Die französische Flotte taucht von Mexiko auf und beschießt die Häfen. Wegen jenen Kuchen. Geht in die Geschichte als der Kuchenkrieg ein. Das war damals die Zeit. Ebenfalls Krieg gibt es in Südafrika, wo die niederländischen Siedler, die Voortrekkers, die Buren, das einheimische Volk der Zulu besiegen und sich dort in Südafrika im Landesinneren niederlassen.
[38:05] Und noch eine vorletzte Geschichte und die hängt zusammen mit jenem Mann. Neben Charles Fitch, der kurz begeistert ist wie ein Komet und ganz schnell wieder abflacht und erstmal im Dunkeln bleibt bezüglich der Miller-Theorie, aber weiter darüber nachdenkt. Und neben Litsch, der dieses Buch schreibt und ganz mutig sich an die Seite von Miller stellt, gibt es eine dritte Person, die, obwohl sie noch nicht mit Miller verknüpft ist, später für die Miller-Bewegung sehr wichtig wird und in jenem Jahr ein Buch schreibt, das so als der dritte Klassiker bezeichnet werden könnte der Miller-Bewegung und zwar das Henry Daniel Ward. Henry Daniel Ward ist ein 40-jähriger Mann, ein ziemlich gebildeter Mann, hatte klassische Literatur auch studiert und war ein begnadeter Lehrer und ein bekannter Anti-Freimaurerkämpfer, hat sich gegen die Freimaurerei gewandt, hat ein großes Buch geschrieben, ein berühmtes Buch, wo er die ganze Freimaurerei offenlegt. Und er schreibt 1838 ein Buch, das in New York City rauskommt mit dem Titel "Glad Tidings", also frohe Botschaften, und zwar über das Königreich Gottes, das Königreich der Himmel, das kommen wird. Und er predigt weniger über Daniel und Offenbarung, sondern über das Evangelium, aber mit dem Fokus, dass das Evangelium sich erst entfaltet, wenn Jesus bald in den Wolken des Himmels wiederkommt und dass Jesus erst wiederkommt und dann das Millennium kommt. Und hier haben wir einige seiner Überschriften. Auch Daniel kommt natürlich auch vor, Daniel 2 und Daniel 7. Und er schreibt folgendes, ohne dass er von Miller irgendetwas gehört hat: "Daniels Zeitabschnitt der 2300 wäre hätte sein müssen, ist bald beendet, denn die 70 Wochen oder 70 mal 7 Tage bis zum Tod des Messias, addiert zu 1810 ergeben genau 2300. Gemäß biblischer Chronologie wurde Jesus vier Jahre vor dem allgemein bekannten Datum geboren, da ist er richtig und besser als Miller, und wurde also im Jahre 29 gekreuzigt, da ist er nicht ganz richtig, im Alter von 33 Jahren. Und 1839 wird die Kreuzigung genau 1810 Jahre zurückliegen." Und er weiß, was das bedeuten könnte. Und dann sagt er schon gleich: "Ich werde nicht versuchen, den Anfangszeitpunkt der 2300 Tage genau zu fixieren, aber wenn das 490. Jahr das Jahr der Kreuzigung unseres Herrn waren, dann wird das nächste Jahr, also 1839, das letzte dieser Danielschen Zeitbuchverzerrung sein und der Weise wird alles daran setzen, es zu verstehen. Es scheint also so zu sein, dass die Periode der 2300 Tage in Daniel ganz kurz vor ihrem Ende steht."
[40:45] Also 1838 erscheint in New York City ein gelehrter Mann mit einem Buch und sagt: "Es sieht so aus für mich, dass nächstes Jahr 1839 Daniel 8 Vers 14 sich erfüllt und eventuell Jesus wiederkommt." Er macht das nicht so deutlich und nicht so klar und nicht so überzeugt wie Miller, sondern mehr so: "Ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll, es sieht so aus." Aber das ist ein ganz enormer Schritt auch in der Adventbewegung, wie wir dann sehen werden.
[41:17] Letzte Geschichte für heute. Gehen wir zurück zu Ellen Harmon, die letztes Jahr ihre schwere Verletzung bekommen hat, ihre Nasenverletzung. Noch einige Zitate von ihr, damit schließen wir. Sie sagt: "Um diese Zeit, sie war jetzt so neun, zehn Jahre alt und keiner hat sie wirklich erkannt, so hässlich ist sie geworden und so todkrank war sie. Um diese Zeit fing ich an, den Herrn zu bitten, mich für den Tod vorzubereiten. Wenn christliche Freunde die Familie besuchten, so fragten sie meine Mutter, ob sie mit mir über das Sterben gesprochen habe. Ich hörte dies und es regte mich an. Ich wünschte, eine Christin zu werden und betete ernstlich um Vergebung meiner Sünden, wie gesagt, noch keine zehn Jahre alt. Als Folge davon fühlte ich Frieden in Herz und Gemüt. Ich liebte alle und wünschte, dass alle Vergebung ihrer Sünden haben und Jesum leben möchten, wie ich ihn liebte."
[42:07] Dann sagt sie: "Ich kam nur langsam wieder zu Kräften. Als ich imstande war, mich meinen jungen Freunden wieder anzuschließen und mit ihnen zu spielen, musste ich die bittere Erfahrung machen, dass unser persönliches Aussehen oft einen Unterschied in der Behandlung macht, die uns von unseren Kameraden zuteil wird." Das ist eine Tatsache, hat sie erlebt. Keiner wollte mehr richtig mit ihr spielen. Aber es kam noch schlimmer und das hat vor allem mit dem Jahr 1838 zu tun.
[42:38] "Meine Gesundheit schien hoffnungslos beeinträchtigt. Zwei Jahre lang konnte ich nicht durch die Nase atmen. Also, wenn wir versuchen, den Tag einfach die Nase zu halten und Tag und Nacht nur durch den Mund zu atmen, das ging nicht nur ein paar Wochen, das ging zwei Jahre. Es schien mir unmöglich zu studieren und das Gelernte zu behalten." Und sie war vorher eine gute Schülerin, wie wir gewusst haben. Und jetzt etwas Interessantes: "Dasselbe Mädchen, das die Ursache meines Missgeschickes war, wurde von unserer Lehrerin als Gehilfin angestellt." Also die Lehrerin, die hat ein pädagogisches Gespür und es gehörte zu ihren Pflichten, mir im Schreiben und bei anderen Lektionen zu helfen. Also in der Haut dieses Mädchens möchte ich noch nicht gesteckt haben, der armen Ellen jetzt zu helfen und die ganze Zeit zu sehen, was man angerichtet hat. Es schien ihr immer aufrichtig Leid zu tun, dass sie mir diese Verletzung zugefügt hatte, obgleich ich mich in Acht nahm, sie nicht daran zu erinnern. Auch interessant, nicht wahr? Nee, sie hat nie gesagt: "Ach, hättest du nur, warum hast du nur?" Hat immer darauf, war immer darauf bedacht, gar nicht erst sie daran zu erinnern. Sie war liebevoll und geduldig mit mir und schien traurig und ernst zu sein, als sie mich unter ernstlichen Schwierigkeiten den Versuch machen sah, doch Schulbildung zu bekommen. Mein Nervensystem war zerrüttet und meine Hand zitterte so, dass ich nur wenig Fortschritt im Schreiben machte und nicht weiterkommen konnte, als in großer Handschrift die einfachen Vorlagen abzuschreiben. Wenn ich mich bestrebte, meine Gedanken auf meine Studien zu richten, so liefen mir die Buchstaben auf dem Papier zusammen, große Schweißtropfen standen mir auf der Stirn und ein Gefühl der Ohnmacht und des Schwindels ergriff mich. Ich hatte einen schlimmen Husten und mein ganzer Körper schien sehr geschwächt zu sein."
[44:18] "Meine Lehrer rieten mir, die Schule aufzugeben und meine Studien nicht weiter fortzusetzen, bis meine Gesundheit sich gebessert haben werde. Meine Lehrerin kommt eines Tages und sagt: 'Ellen, hat keinen Sinn, du kannst auch zu Hause bleiben, du brauchst nicht zur Schule kommen.' Und sie sagt, es war der schwerste Kampf meines jungen Lebens, meiner Schwäche nachzugeben und den Entschluss zu fassen, die Schularbeit aufzugeben, samt der Hoffnung, eine Schulbildung zu bekommen."
[44:48] Also während die Miller-Bewegung plötzlich wie eine Initialzündung sich auszubreiten beginnt, bricht für unsere kleine Ellen im Jahre 1838 die Welt zusammen. Keine Schulbildung, keine Hoffnung, keine Zukunft auf ein glückliches Leben, so scheint es. Und wie das weitergehen wird, das sehen wir dann im neuen Jahr, wenn wir das Thema haben: "Wenn Miller bekommt Unterstützung, 1839." Und dann werden wir jetzt sehen, wie all die Fäden, die wir im letzten fast vergangenen Jahr gesponnen haben, zusammenkommen werden und sich diese Miller-Bewegung innerhalb kürzester Zeit zu einer Macht entfaltet, wie sie die Welt so vorher nicht gesehen hat. Dazu aber nächstes Mal dann mehr.
[45:36] Jetzt haben wir eine fünfminütige Pause. Aber bevor wir die haben, wollen wir natürlich am Ende dieses langen Jahres, wo wir schon ein kleines Stück des Weges gegangen sind, nicht vergessen, uns daran zu erinnern, dass wir nichts vergessen haben für die Zukunft, es sei denn, wir vergessen, wir haben nichts zu befürchten für die Zukunft, es sei denn, wir vergessen, wie Gott uns in der Vergangenheit geführt hat. Gottes Segen und bis bald.
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