Neutestamentliche Textforscher haben es geschafft, 42 Seiten eines antiken Bibelmanuskripts zu rekonstruieren, das als verschollen galt. Erfahre in diesem Video, wie die Forscher des „Annotating the New Testament Codex Age Traditions and the Humanities Project“ diese beeindruckende Leistung vollbracht haben und welche Einblicke sie uns in die Geschichte des Codex Kuslinianus geben.
Funde & Fakten : „42 Seiten eines Bibelmanuskripts rekonstruiert?“
Christopher Kramp · Funde & Fakten ·Themen: ArchäologiePodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Funde & Fakten
Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.
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Serie: Funde & Fakten
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Transkript
[0:18] Kann man eigentlich Manuskripte lesen, die es gar nicht mehr gibt? Neutestamentliche Textforscher haben genau das geschafft und dabei 42 Seiten eines Bibelmanuskripts neu rekonstruiert. Wie sie das geschafft haben, das wollen wir in diesem Video heute uns genauer anschauen.
[0:41] Und damit herzlich willkommen zu Funde und Fakten mit einer Meldung, die in den letzten Tagen für Aufsehen gesorgt hat in der Welt der Archäologie und der Forschung zum Neuen Testament. Es geht um ein altes Bibelmanuskript, das man hier im Ausschnitt sehen kann, geschrieben auf Griechisch, eine Unzialhandschrift, das heißt in Großbuchstaben verfasst. Es handelt sich um den sogenannten Codex Kuslinianus, auch Codex HP genannt. Manchmal findet man im Internet die Bezeichnung Codex H. Es ist nicht ganz genau. Es gibt noch zwei andere Manuskripte, die so ähnlich heißen. Es gibt noch Codex HA mit der Apostelgeschichte und Codex HE mit Evangelien, die beide Jahrhunderte älter sind. Codex HP stammt allerdings schon aus dem 6. Jahrhundert, ist also aus der Spätantike und enthält Teile der Paulusbriefe, deswegen HP.
[1:46] Von diesem Codex Kuslinianus sind nur 41 Blätter bekannt, beschrieben auf Pergament, und jeder, der einmal die Paulusbriefe gelesen hat, weiß, da gibt es eigentlich viel mehr. Es sind also nur Fragmente davon bekannt, Teile der Briefe sozusagen.
[2:09] Ein neues Projekt unter dem Titel "Annotating the New Testament Codex Age Traditions and the Humanities Project". In diesem Projekt widmet man sich erneut diesem Codex H. Einer der Forscher ist Garck Allen. Er hat jetzt in den letzten Tagen auch die Pressemitteilung initiiert. Er ist Professor an der Universität von Glasgow und arbeitet auf dem Gebiet der neutestamentlichen Textforschung.
[2:41] Der Codex stammt eigentlich aus Griechenland vom Berg Athos, wo die griechischorthodoxen Mönche seit Jahrhunderten viele Manuskripte bewahren. Im Kloster Misti Lavra lag er lange, ist dann allerdings im 13. Jahrhundert genau dort auseinander genommen worden und die Blätter wurden dann zum Teil anderweitig benutzt, so dass wir heute nur noch Fragmente dieses Codex haben und diese Fragmente sind auf die verschiedensten Bibliotheken in verschiedenen Ländern verteilt.
[3:14] Was man allerdings wusste war, dass bevor dieser Codex auseinandergenommen worden ist, noch einmal die Buchstaben mit Tinte neu nachgezogen worden sind. Und das war der Schlüssel für eine ziemlich geniale Idee. Man ist drauf gekommen, dass bei diesem Nachziehen die Chemikalien auf der jeweils gegenüberliegenden Seite, wenn man dann den Codex gefaltet hat, zusammengetan hat, eine Art chemischen Abdruck hinterlassen haben, einen Abdruck, den man mit dem bloßen Auge gar nicht wirklich wahrnimmt, nicht sehen kann, der allerdings tatsächlich da ist, zum Teil sogar durch mehrere Seiten hindurch.
[4:05] Um diesen Abdruck sichtbar zu machen, brauchte man modernste Technologie, multispektrale Bildgebung. Die Forscher haben dort mit der Early Manuscripts Electronic Library zusammengearbeitet und haben es möglich gemacht, dadurch den eigentlich verloren gegangenen Text wieder sichtbar zu machen, weil der sozusagen auf der anderen noch erhaltenen Seite als ganz feiner, nur für elektronische Mittel sichtbarer Abdruck enthalten worden ist, zum Teil dann sogar über mehrere Lagen hindurch. Man hat also auf einer Seite dann plötzlich nicht nur den eigentlichen Text, sondern Abdruck von anderen Textseiten, die nicht mehr erhalten sind.
[4:44] Man hat auch noch einmal verifiziert, dass dieser Codex tatsächlich aus dem 6. Jahrhundert stammt. Dazu hat man Radiokarbondatierung durch Experten durchführen lassen und das bestätigen können. Was man entdeckt hat, war dann tatsächlich Text der Paulusbriefe, der in diesem Codex bisher nicht enthalten war. Fehlende Blätter konnten also rekonstruiert werden.
[5:10] Natürlich sind die dadurch wiedergewonnenen Textabschnitte jetzt nichts völlig Neues, weil der Paulus-Text ist uns ja auch sonst aus anderen Manuskripten enthalten äh bekannt. Was man allerdings auch gefunden hat und das ist sehr interessant, sind antike Kapitellisten, die man teilweise auch von anderen Manuskripten auch schon kannte. Denn man weiß, dass in der Spätantike die biblischen Bücher zum Teil ganz andere Kapiteleinteilung gehabt haben, als wir sie heute haben. Unsere Kapitelleinteilung gehen auf eine spätere Zeit zurück.
[5:46] Zudem konnte diese ganze Forschung auch Techniken zeigen, wie die spätantiken Schreiber so vorgegangen sind und wie auch im Mittelalter dann diese Manuskripte neu recycelt worden sind, sozusagen.
[5:58] Um noch einmal auf diese Kapiteleinteilung zu kommen, die in der Spätantike vorgenommen worden ist, dort sieht man hier auf einer dieser neu wiedergewonnenen Seiten eine Inhaltsangabe zum Galaterbrief. In unseren Bibeln heute ist der äh Galaterbrief mit sechs Kapiteln ähm strukturiert. Damals müssen es mehr gewesen sein. Wir wissen aus der sogenannten eutalischen Tradition, die in verschiedenen Bibelmanuskripten fassbar ist und auch hier in diesem Codex sich niederschlägt, dass man damals den ähm den Galaterbrief mit 12 Kapiteln unterteilt hat. Und wir haben hier auf dieser wiedergewonnenen Seite einige dieser Kapitelangaben mit Titeln sozusagen. Da ist z.B. ganz oben das fünfte Kapitel, da steht auf Griechisch "Hoti kai Abraham episteusen idiō typon hemōn", also, dass auch Abraham aus dem Glauben gerechtfertigt worden ist, zum Typus, zum Vorbild für uns. Wenn wir das in einem heutigen Galaterbrief in einer heutigen Galaterbrief-Einteilung äh nachvollziehen, dann wäre das wohl wahrscheinlich Galater Kapitel 3, ein Teil zumindestens. Das war hier dann Kapitel 5. Oder dann ganz unten in der Zeile 14, da geht es um die, die in Freiheit geboren sind. Das ist hier in unserer heutigen Bibel natürlich in Galater 4, war aber in dieser eutalischen Tradition Kapitel 8 im Galaterbrief.
[7:38] Diese Einteilung erinnert so ein ganz kleinen wenig natürlich an das, was Paulus dem Timotheus sagt am Ende seines Lebens in 2. Timotheus 2, Vers 15: "Strebe eifrig danach, dich Gott als Bewährten zu erweisen, als einen Arbeiter, der sich nicht zu schämen braucht, der das Wort der Wahrheit recht teilt." Natürlich meint der Paulus damit nicht zuerst, dass man das Buch in richtige Kapitel einteilt, wobei es durchaus auch sinnvoll ist im Bibelstudium, sich Gedanken zu machen, welche Abschnitte gehören hier eigentlich zusammen, was ist so der größere Zusammenhang und wie ist das Buch strukturiert? Das kann für das Bibelstudium sehr helfen und wenn das misslingt, wie manchmal in unseren modernen Bibeleinteilung die Kapitel nicht ganz gut eingeteilt sind, dann kann das zu Missverständnissen führen. Aber natürlich meint Paulus primär, dass es hier grundsätzlich darum geht, die Bibel wirklich aufrichtig mit Gottes Hilfe, mit Hilfe des Heiligen Geistes so auszulegen, wie sie selbst auch gemeint ist und ja zu uns und unserem Herzen redet.
[8:47] Was nehmen wir heute mit? Mittels modernster Technik konnten über 40 Seiten eines neutestamentlichen Manuskriptes eigentlich, also diese Seiten waren eigentlich verloren. Man konnte das wieder sichtbar machen und diese Entdeckung zeigt uns erneut äh den Paulus-Text. Sie zeigt auch vertiefte Einblicke in die alten Kapiteleinteilung, wie sie im Spätmittelalter, Verzeihung, in der Spätantike verwendet worden sind. Und damit ist das auf jeden Fall eine ganz große Sensation in der neutestamentlichen Textforschung. Das gibt es nicht alle Tage, dass man gleich 42 Seiten neuen Text äh hat, wo man jetzt die einzelnen Lesarten vergleichen kann.
[9:29] Danke, dass ihr heute dabei gewesen seid und wir freuen uns, wenn ihr nächste Woche wieder einschaltet, wenn es hier heißt Funde und Fakten.
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