Können Hühnerknochen und Schneckenhäuser tatsächlich helfen, die Geschichte präzise zu datieren? In dieser Folge von „Funde & Fakten“ nimmt dich Christopher Kramp mit zu Ausgrabungen auf dem Tel Tabor in Israel und zeigt, wie ungewöhnliche Funde Licht in die turbulente Zeit der Seleukiden und Hasmonäer bringen. Entdecke, welche Geheimnisse hinter den Überresten der antiken Stadt Skythopolis stecken.
Funde & Fakten: „Datierung mit Hühner und Schnecken?“
Christopher Kramp · Funde & Fakten ·Themen: ArchäologiePodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Funde & Fakten
Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.
Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:
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Serie: Funde & Fakten
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Transkript
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[0:17] Kann man mit Hühnerknochen und Schneckenhäusern historische Ereignisse datieren? In diesem Video wollen wir uns anschauen, wie Forscher ungewöhnliche Methoden verwenden, um die Vergangenheit noch präziser zu rekonstruieren. Und damit herzlich willkommen zu Funde & Fakten. Heute geht es um Ausgrabungen in Israel, und zwar an diesem Ort hier auf Tel Tabor.
[0:50] Ein Siedlungshügel in der Nähe von Bet-Sche’an, in einem Tal gelegen im nördlichen Samarien, der damaligen antiken Gegend in Palästina. Dort befand sich in hellenistischer Zeit, das heißt in der Zeit, als die Griechen in der Nachfolge von Alexander dem Großen Teile des alten Orients beherrschten, eine Stadt mit Namen Skythopolis, also die Stadt der Skythen. Diese Stadt befand sich auf einem alten Siedlungshügel, es hat also auch vorher schon Ortschaften gegeben. Gegründet worden war sie von dem berühmt-berüchtigten Antiochus IV. Epiphanes, ein König der griechischen Seleukiden, der dort in Syrien seine Machtbasis hatte und der dann auch immer wieder in Konflikt geriet mit den jüdischen Bewohnern von Palästina, gegründet im zweiten Jahrhundert.
[1:51] Diese Stadt hat nur wenige Jahrzehnte existiert und ist dann wieder zerstört worden. Verantwortlich dafür waren die sogenannten Hasmonäer. Gerade die Attacken des Antiochus IV. Epiphanes auf die jüdische Religion haben ja zu einem berühmten Aufstand geführt, dem Aufstand der Makkabäer. Und im Zuge dessen ist dann eine Dynastie entstanden, Könige, die über Palästina regiert haben. Man spricht von den sogenannten Hasmonäern. Einer von ihnen war dann Johannes Hyrkanos I., der dann, wie man hier auf der Karte sehen kann, noch einmal weitere Gebiete erobert hat. Also aus diesem Kerngebiet um Jerusalem und Judäa hat sich dieses Hasmonäerreich immer weiter ausgebreitet. Und der Johannes Hyrkanos, unter anderem kam auch Samarien dazu im Norden, und dadurch wurde auch diese Stadt Skythopolis in den Fokus gerückt der Hasmonäer, und sie sind dann dafür verantwortlich gewesen, diese Stadt zu erobern und zu zerstören.
[3:00] Der berühmte Geschichtsschreiber Josephus redet davon auch in seinem Buch „Jüdischer Krieg“, im Buch 1 hier. Da heißt es: „Da sich auf solche Art der Sieg überall an ihre Fahnen geheftet hatte, loderte auch das Feuer ihrer Kriegslust immer mächtiger auf.“ Gemeint sind also die Hasmonäer, die haben in alle Himmelsrichtungen gefolgt und sie zogen schließlich mit ihrer Macht vor Skythopolis. Da haben wir genau diese Stadt, machten mehrere Stürme, also Angriffe auf die Stadt, und verheerten die ganze Umgebung südlich vom Karmelgebirge. Archäologisch kann man tatsächlich für diese Zeit eine Zerstörungsschicht hier lokalisieren und identifizieren.
[3:45] Und die Frage in der Forschung ist immer gewesen, wann genau ist diese Eroberung von Skythopolis eigentlich gewesen? Man konnte das so aufgrund der äußeren Umstände grundsätzlich auf 111 bis 107 vor Christus eingrenzen. Man findet dort Amphoren aus Rhodos, also aus dem Mittelmeergebiet, die gestempelt sind, und da hat man Daten; da ist das letzte Datum, was man finden kann archäologisch, 109, 108 vor Christus. Es gibt auch einige Münzen, die man identifizieren kann, die die letzten da datieren. So, die Zeit 111, 110 vor Christus. Da der Josephus sagt, dass zeitgleich auch Samaria zerstört worden ist, geht man allgemein davon aus, dass wahrscheinlich die Zerstörung irgendwann im Laufe 108, 107 vor Christus gewesen sein könnte. Aber viel genauer konnte man es bisher nicht eingrenzen.
[4:43] Jetzt haben Forscher mit Hilfe tatsächlich ungewöhnlicher Methoden den Versuch unternommen, das noch konkreter einzugrenzen. Hier in dieser Publikation „For Everything there is a season: more than a year of destruction at Tel Tabor“, veröffentlicht im Fachblatt Antiquity. Und dazu haben sie Hühnerknochen verwendet. Man fand dort eine ganze Reihe solcher Markknochen, die Beinknochen der weiblichen Hühner in der Markhöhle. Da wird besonders Kalzium gespeichert, und zwar nur bei den weiblichen Hühnern, weil dieses Kalzium für die Eibildung notwendig ist, und das wird dann in einem bestimmten Zeitraum besonders gespeichert, wenn nämlich dann das Ei auch entsprechend gelegt werden soll. Das Ganze kann man zoologisch auf Frühjahr/Frühsommer datieren. Das war die Zeit, wo diese Legehennen dann in der Regel geschlachtet worden sind.
[5:44] Dazu fand man eine Reihe von Wildpflanzen als Überreste auf Hausböden, zum Teil auch in Silos gelagert. Und die allermeisten von denen, weiß man, die tragen ihre Früchte im Frühling und im Frühsommer. Und dann hat man interessanterweise noch besonders viele Schneckenhäuser gefunden, und zwar von der sogenannten Feldschnecke, die damals durchaus – also nicht von den Juden, aber von den Griechen, die dort in Skythopolis gelebt haben – durchaus gerne gegessen worden ist. Und man weiß zoologisch, dass im Tal von Bet-Sche’an diese Feldschnecken nur im März und April aktiv sind.
[6:26] All das zusammen mit einem Text auch noch, den man kennt, nämlich aus der sogenannten Fastenrolle, wo davon gesprochen wird, dass der Turm von Sura an einem 17. Siwan erstürmt wurde und dass am 15. und 16. Siwan – das ist so Mai, Juni, also Ende Frühling, Anfang Sommer – die Bewohner von Bet-Sche’an und die der Ebene vertrieben worden sind, also von Skythopolis. All das zusammen, dieser textliche Hinweis und die verschiedenen naturwissenschaftlichen Beobachtungen, deuten sehr stark darauf hin, dass die Zerstörung tatsächlich in einem Frühling oder Frühsommer stattgefunden hat.
[7:09] Interessanterweise sagt uns das Buch Prediger: „Alles hat seine bestimmte Stunde und jedes Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit.“ Das ist natürlich eine sehr allgemeine philosophische Aussage hier. „Geboren werden hat seine Zeit und Sterben hat seine Zeit. Pflanzen hat seine Zeit und das Gepflanzte Ausreißen hat seine Zeit. Lieben hat seine Zeit und Hassen hat seine Zeit. Krieg hat seine Zeit und Frieden hat seine Zeit.“ Die Beobachtungen hier stützen eine These, die immer mehr an Plausibilität gewinnt, dass nämlich Kriegszüge in Israel zu einer bestimmten Zeit, zu einer bestimmten Saison durchgeführt worden sind, nämlich im Frühling und Frühsommer.
[7:47] Was nehmen wir heute mit? Verschiedene archäologische Funde, vor allem Hühnerknochen, Schneckenhäuser und Wildpflanzen, erlauben, ein historisches Ereignis, die Belagerung und Zerstörung von Skythopolis, sehr genau zu datieren, genauer als man es bisher vermocht hätte. Und wir lernen: Kriegszüge wurden in der Regel in Judäa im Frühjahr bzw. im Frühsommer durchgeführt. So viel für heute. Wir freuen uns, wenn ihr nächstes Mal wieder einschaltet, wenn es hier heißt Funde & Fakten.
[8:28] [Musik]
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