Entdecke eine bisher unbekannte Hymne an Babylon, die durch die Rekonstruktion antiker Keilschriftfragmente ans Licht gekommen ist. Erfahre, wie moderne Technologie und KI helfen, die Gedanken der alten Babylonier über sich selbst zu entschlüsseln. Tauche ein in die faszinierende Welt der Assyriologie und die Entdeckung eines jahrhundertealten literarischen Schatzes.
Funde & Fakten : „Eine unbekannte Hymne für Babylon?“
Christopher Kramp · Funde & Fakten ·Themen: Archäologie, BibelPodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Funde & Fakten
Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.
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Serie: Funde & Fakten
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Transkript
[0:17] Wie haben eigentlich die antiken Babylonier über sich selbst gedacht? Ein neu entdeckter Text liefert uns interessante Einblicke und in diesem Video zeigen wir erstmals Auszüge in deutscher Sprache. Und damit herzlich willkommen zu Funde und Fakten.
[0:39] Heute geht es um Keilschriftfragmente, die neu zusammengesetzt worden sind und eine völlig neue, bisher unbekannte Hymne ergeben haben. Es kommt nicht alle Tage vor, dass man in der Assyriologie, in der Forschung zur babylonischen Literatur, komplett neue Texte entdeckt. Im Jahre 2025 ist das gelungen. Hier die offizielle Pressemitteilung der LMU München. Beteiligt war der Professor dort für altorientalische Literaturen. Sein Name ist Professor Dr. Enrique Jimenez. Er ist auch der Gründer des Projektes Electronic Babylonian Literature, wo mit Hilfe von KI der Prozess beschleunigt werden soll, einzelne Fragmente zusammenzusetzen. Bis heute gibt es tausende von kleinsten Fragmenten von Tontafeln, wo man oft nicht genau weiß, zu welchem Text gehören sie. Es dauert oft Jahre und Jahrzehnte, dann dieses Puzzlespiel zu beenden, meinen Text dann vollständig oder zumindestens soweit erhalten ist, zu rekonstruieren. Mit Hilfe von KI gelingt das jetzt immer schneller und in diesem Fall konnten etwa 30 einzelne Fragmente, äh, besser gesagt 30 Manuskripte aus einzelnen Fragmenten zusammengesetzt werden.
[2:02] Publiziert ist das alles in dem renommierten Journal Iraq unter dem Titel "Literary text from the Siple Library: Five hymns in Praise of Babylon and the Babylonians". Und dieser Text kann nicht genau datiert werden. Wir wissen, dass das älteste Manuskript ungefähr aus dem 7. Jahrhundert vor Christus stammt, allerdings dort schon als ein Schultext verwendet worden ist und das deutet darauf hin, dass der Text wohl Jahrhunderte älter sein muss. Er wird dann immer wieder abgeschrieben worden sein. Man weiß aus äh anderen Fällen, dass es bestimmte Texte gab, die in den babylonischen Schulen äh immer wieder durchgenommen worden sind, die abgeschrieben worden sind, an denen die Schüler das Schreiben und auch die babylonische Kultur kennengelernt haben. Und diese Hymne hat offensichtlich dazu gezählt. Aufgrund inhaltlicher Erwegungen nimmt man momentan an, dass die Erstkomposition dieses Textes wohl in die zweite Hälfte des zweiten Jahrtausends fallen könnte. Das ist allerdings noch äh recht vage und hat mit einigen Indizien zu tun, die auch auf anderen äh Ebenen nicht exakt genau verifiziert werden können.
[3:23] Im Grunde genommen ist dieser Text nicht eine Hymne, sondern eine Sammlung verschiedener Hymnen, wie diese äh diese Übersicht hier zeigt. Die Eröffnungszeilen sind eine Hymne zur Eröffnung für den berühmten Stadtgott Babylons, für Marduk. Das ist übrigens ein Hinweis auf die Datierung, weil der Aufstieg Marduks im babylonischen Pantheon dann sich erst im Laufe des zweiten Jahrtausends vor Christus vollzogen hat. Dann gibt es eine längere Hymne eines nicht weiter benannten Gottes an Marduk, Hymne auf Esagil, den Tempel Marduks, den Haupttempel in Babylon. Und dann, und das ist für uns besonders interessant, eine Hymne auf die Stadt Babylon. Das ist in der babylonischen Literatur gar nicht so häufig. Das gibt es eher bei den Sumerern, dass es so Hymnen auf Städte gibt. Man kennt noch eine Hymne z.B. auf die Babylonstadt Borsippa, aber das ist wie gesagt, eher selten. Und dann eine Hymne auf die Babylonier, die in der Stadt leben. Und dann muss es noch ungefähr 100 Zeilen mehr gegeben haben, die allerdings nicht erhalten sind, wo wir nicht genau sagen können, was da inhaltlich im Text gestanden hat.
[4:32] So sieht eine Erstedition aus. Ähm, man sieht hier immer eine Zeile und jeweils unter der Zeile die äh jeweiligen Vertreter, die Textvertreter, Manuskripte, die diese Zeile haben. Nicht alle Textvertreter haben alle Zeilen. Und entsprechend wird es dann übereinander gelegt, damit man die Gemeinsamkeiten der einzelnen Manuskripte sieht und auch die Unterschiede. Man nennt das dann eine sogenannte Paritour, hat nichts mit Musik zu tun, sondern damit werden sozusagen alle Textvarianten auf einen Blick sichtbar und dann wird immer in der Zeile äh dann oben der wahrscheinlichste Text daraus rekonstruiert, wie er wohl nach unserem heutigen Verständnis der babylonischen Grammatik ausgesehen haben muss.
[5:19] Und hier sind ein paar Auszüge. Wie gesagt, die Edition ist auf Englisch und es gibt meines Wissens nach noch keine deutsche Übersetzung. So haben wir hier eine Übersetzung direkt aus dem Babylonischen für diese Sendung hier angefertigt. Einige Zeilen, um so einen Eindruck zu bekommen, wie die Babylonier ihre eigene Stadt gesehen haben. Wir lesen hier ab Zeile 100: "Der Ort, an dem dies geschaffen oder auch gebaut wurde, das Wort banu kann beides bedeuten. Vollkommen sind seine Riten." Wenn so eckige Klammern hier zu lesen sind, dann heißt das, das ergänzte ist abgebrochen im Original und Worte in kursiv ergänzen wir einfach, weil sie für unsere deutsche Grammatik wichtig sind. Im Akkadischen kommen sie nicht vor, weil es dort äh diese sogenannte Kopula, das ist und sind, nicht immer braucht.
[6:13] Äh weiter heißt es hier: "Eidu ist sein Name. Babylon ist seine Benennung. Eidu ist in der babylonischen Mythologie der Ort der ersten Stadt, der Name der ersten Stadt nach der Sintflut." Interessanterweise und da gibt es immer wieder in der babylonischen Literatur diese Gleichsetzung: Eridu ist gleich Babylon. Etwas weiter dann in Zeile 109: "Wie das Meer trägt es seinen Überfluss. Wie ein Obstgarten blüht sein Wohlstand. Wie eine Flutwelle bringt seine Stärke immer wieder. Seine Güte bewahrt es." Hier ist die Grammatik sehr schwierig und auch die äh die Ersteditoren haben da ein bisschen Mühe gehabt, eine eine etwas andere Lösung gefunden, aber inhaltlich ungefähr genau in die gleiche Richtung gehend. Das hat vor allem mit dem Ende zu tun und mit den äh mit den ja, mit den Kasus, die dort verwendet werden, aber das muss uns hier nicht weiter interessieren.
[7:09] 112: "Der Stern Marduks, prächtige, kostbare Sonne. Gutes ist sein Zeichen." Interessanterweise wird die Sonne hier besonders hervorgehoben. Auch in diesem Kontext. "Wo immer die Sonne ist, ist sein Tor." Gemeint ist also Babylon. "Im Gungill ist seine ursprüngliche Mauer, der Berg des wahren, beständigen." Später hat dann Nebukadnezar, der berühmte König Babylons zur Zeit von Daniel, noch eine weitere Mauer, eine äußere Mauer noch um die Stadt gebaut. Die ist dann Nimeti-Enlil, aber Imgur-Enlil ist die eigentliche babylonische Stadtmauer.
[7:52] Und dann heißt es weiter: "Alalu ist sein König." Das bezieht sich auf einen äh König, der in der im babylonischen Mythos vor der Sintflut regiert hat. "Der Vater zukünftiger Völker." Diese Idee sozusagen, dass all die verschiedenen Menschengruppen und Generationen letztlich von diesem Alalu herkommen. "Der Euphrat ist sein Fluss." Also Fluss Babylons, "etabliert vom weisen Herrn Nudimmud." Das ist eine sumerische Variante des Namens Ea oder Enki, wie auch sumerisch heißt, des Gottes, der rebelliert hat, der Rebell, der allerdings auch bei der Erschaffung der Menschen eine entscheidende Rolle spielt. Eine ganz interessante Verdrehung des biblischen Weltbildes. "Er bewässert die Ebene." Also der Euphrat und drängt das Schilf vor. Die Rolle des Euphrats für Babylon ist uns ja gut bekannt.
[8:47] Und dann etwas weiter, ab Zeile 135 heißt es hier: "Die Fremden, die bei ihnen sind." Im Kontext geht es vor allem allerdings um verschiedene Priester auch aus dem Ausland, z.B. aus Elam. "Die Fremden, die bei ihnen sind, machen sie nicht zu Schanden." Sie sind also nicht fremdenfeindlich. So singen die Babylonier über sich selbst. "Den Niedrigen beschützen sie. Ihre Schwachen unterstützen sie."
[9:13] Äh, wenn hier Fragezeichen stehen, deswegen, weil die Worte teilweise erst einmal irgendwo sonst aufgetaucht sind in der gesamten babylonischen Literatur, zum Teil nicht mal in den Wörterbüchern stehen, die wir haben und deswegen manchmal unklar ist, was genau sie bedeuten. Wir können manchmal nur vom Kontext her ungefähr uns annähern. "Unter ihrem Schirm leben die Machtlosen und Kränklichen. Dem Weisen," interessanterweise auf Babylonisch wörtlich "der Sohn des Toten", "leisten sie Hilfe. Erweisen Gunst den Gefangenen, entlassen sie. Den Gebundenen befreien sie für ein Talent Silber."
[9:49] Die Babylonier haben also dieses dieses Selbstverständnis, dass sie freundlich sind zu den Kranken, zu den Weisen, zu den Hilfsbedürftigen, dass sie die Gefangenen sogar mit Geld befreien. Und wenn man das liest, hat man eigentlich so den Eindruck, man liest Dinge, die man im Alten Testament liest, das was Gott seinem Volk Israel als Ideal der Lebensführung eigentlich gegeben hat.
[10:10] Weiter heißt es hier: "Für den Nichtwohnenden bestimmen sie ein Erbe." Hier weicht unsere deutsche Übersetzung ein bisschen von der englischen ersten Edition ab. Ähm, ich glaube, das ist eine noch buchstäblich genauere Übersetzung als das, was die erste Editoren äh dort vorgeschlagen haben. "In der Stimmung von Ehrfurcht hören Sie zu oder beten Sie." Äh, da gibt es verschiedene Manuskripte mit verschiedenen Worten. "Vergelten mit Gutem. Sie achten auf das Gesetz Gottes." Und tatsächlich steht hier Gott im Singular und nicht im Plural. Es meint also wahrscheinlich ein göttliches Gesetz. "Und bewahren Gerechtigkeit bzw. Wahrheit." Das Wort kītu kann beides interessanterweise bedeuten. Die erste Stele äh hiermit könnte möglicherweise die berühmte Stele von Hammurabi gemeint sein, wo der Kodex Hammurabi, dieses Gesetzbuch äh festgehalten worden ist.
[11:09] "Den Plan der Vorzeit." Wir sehen also ein sehr interessantes Bild, dass die Babylonier über sich selbst entwerfen. Und wir finden interessanterweise in der Bibel auch diese Idee, dass Babel allgemein etwas ganz Besonderes angesehen worden ist. Jesaja 13, Vers 19: "So wird Babel, die Zierde der Königreiche, der Ruhm, der Stolz der Chaldäer, umgekehrt von Gott wie Sodom und Gomorra." Man kann das auch herausspüren aus Jesaja 47, Vers 1, wo es heißt: "Steige herab und setze dich in den Staub, oh Jungfrau, Tochter Babel, setze dich auf die Erde ohne Thron, du Tochter der Chaldäer, denn man wird dich nicht mehr die verwöhnte, unverzärtelte nennen."
[11:57] Also, wir sehen hier, dass hier eigentlich Babylon so eine Aura des Besonderen hatte, des äh des äh sehr luxuriösen, des des gesegneten, des besonders bedachten und dass dann die biblische Prophetie zeigt, mit Babylon wird es bergab gehen, die Stadt wird zerstört werden und all der Ruhm hört auf. Wir sehen also, dass die Babylonier selbst ein sehr frommes Bild von sich gepflegt haben, den Eindruck also erweckt haben, dass hier besonders Gerechtigkeit und Wahrheit, Nächstenliebe, Fremdenliebe praktiziert werden. Wenn die Bibel uns auf der anderen Seite allerdings ein durchaus anderes moralisches Bild von Babylon zeigt.
[12:37] Und das ist deswegen auch interessant, weil genau diese Stadt Babylon dann im Neuen Testament und auch vor allem im letzten Buch, in der Offenbarung, als ein Typus, ein Symbol, eine Metapher benutzt wird, um die endzeitliche Verführung zu beschreiben. Mit den Worten Offenbarung 14, Vers 8: "Und ein anderer Engel folgte ihm, der sprach: Gefallen, gefallen ist Babylon, die große Stadt, weil sie mit dem Glutwein ihrer Unzucht alle Völker getränkt hat."
[13:08] Mit unserem heutigen Studium können wir feststellen, dass die Babylonier selbst von sich ein ganz anderes Bild propagiert haben. Eines, das von Gott gesegnet ist, das dem Gesetz gehorsam ist, das äh Liebe zu dem Nächsten und Liebe zu dem Kranken und Schwachen übt und entsprechenden Segen empfängt. Dieses Bild war allerdings nur eine fromme literarische Tradition, die mit der Realität nicht wirklich übereingestimmt hat. Und entsprechend ist es interessant drüber nachzudenken, dass möglicherweise tatsächlich auch in der Endzeit genau dasselbe eine Rolle spielt, dass eine Macht und so offenbart es ja tatsächlich die biblische Prophetie, den Eindruck erweckt, besonders von Gott gesegnet zu sein und besonders das göttliche Wort hochzuhalten, während es stattdessen genau das Gegenteil tut.
[13:56] Und wir haben hier in dieser Sendung nicht die Zeit, das weiter auszuführen, aber auf Joelmedia.de gibt es eine ganze Reihe von Videos, die dieses Thema von Babylon in der Offenbarung, überhaupt von der Endzeitprophetie, genauer beleuchten. Und da lohnt es sich einmal hineinzuschauen und sich damit zu beschäftigen.
[14:12] Was nehmen wir heute mit? Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz konnte ein neuer literarischer babylonischer Text, eine Hymne an Babylon, den Gott Babylons, den Tempel Babylons und die Babylonier, rekonstruiert werden. Ungefähr 30 Manuskripte dieses Textes sind jetzt sozusagen durch KI bekannt und dieser Text zeigt uns, welches religiöse Selbstbewusstsein die Babylonier selbst gehabt haben. Schön, dass ihr dabei gewesen seid und bis zum nächsten Mal, wenn es hier wieder heißt Funde und Fakten.
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