Emmanuel Tov von der Universität Groningen hat die jahrzehntelang als unknackbar geltende Geheimschrift „Kryptisch B“ aus Qumran entziffert. Ausgehend von der Intuition, dass eine Zeichenfolge „Israel“ bedeuten könnte, identifizierte er fast alle Buchstaben des kryptischen Alphabets. Die entschlüsselten Fragmente enthalten religiöse Wendungen, deren genauer Kontext aber aufgrund des bruchstückhaften Materials unklar bleibt.
Funde & Fakten : „Geheimschrift aus Qumran geknackt?“
Christopher Kramp · Funde & Fakten ·Themen: ArchäologiePodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Funde & Fakten
Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.
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Serie: Funde & Fakten
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Transkript
[0:20] Eine Geheimschrift zu entziffern – das ist wahrscheinlich eines der spannendsten Dinge, die man tun kann, wenn man sich mit alten Texten beschäftigt. Wie ein Wissenschaftler vor wenigen Wochen eine bis dahin als unknackbar geltende Schrift entziffern konnte, das wollen wir uns in diesem Video heute anschauen. Und damit herzlich willkommen zu Funde und Fakten – heute mit der Geschichte einer ganz neuen Entzifferung, nämlich der Geheimschrift B aus Qumran, die jetzt offensichtlich geknackt ist.
[1:01] Qumran ist weltberühmt als der Fundort sehr bedeutender alter Bibelmanuskripte. Auch an anderen benachbarten Orten am Toten Meer hat man eine ganze Reihe von Schriftrollen gefunden, die 2000 Jahre und älter sind und die seit Jahrzehnten intensiv studiert werden – an denen man sehen kann, wie wenig sich der Text der Bibel über die letzten 2000 Jahre verändert hat.
[1:34] Diese Schriftrollen liegen in verschiedenen Sprachen vor: natürlich vor allem in Hebräisch, und zwar sowohl in der aramäischen Quadratschrift, die man auch aus den heutigen Bibeldrucken der hebräischen Bibel noch kennt, als auch in der althebräischen Schrift. Dann gibt es einige Manuskripte in Aramäisch – nicht zuletzt deswegen, weil auch einige kleinere Teile des Alten Testaments in Aramäisch verfasst sind, aber natürlich auch einige andere aramäische Dokumente. Es gibt sogar einige Schriftstücke auf Griechisch und auch vereinzelte Fragmente auf Latein.
[2:16] Was wenige wissen, ist, dass man einige Texte gefunden hat, die keiner bekannten Sprache zugehörig zu sein schienen. Man hat sie kurzerhand als Geheimsprachen bezeichnet: Kryptisch A, Kryptisch B und Kryptisch C. Von diesen drei sogenannten Geheimsprachen hat sich ziemlich schnell herausgestellt, dass Kryptisch C eigentlich nichts anderes als ein ziemlich ungewöhnlich kursives, schnell geschriebenes Althebräisch ist – das also als Geheimsprache ausgefallen ist. Kryptisch A konnte schon vor über einem halben Jahrhundert entziffert werden, 1955 durch Józef Milik, einen der Forscher, die ganz am Anfang schon diese Schriftrollen vom Toten Meer intensiv erforscht hatten. Es stellte sich heraus, dass diese Geheimsprache kein Geheimwissen verbarg – es ging vor allem um Astrologie und Horoskope, wobei man dann fast ein bisschen enttäuscht war, als man das las.
[3:25] Es blieb Kryptisch B übrig, und man hat über Jahrzehnte geglaubt, dass man diese Schrift nicht knacken kann. Hier haben wir ein paar Beispiele – es liegen nur ganz wenige, meist bruchstückhafte Fragmente vor, auf denen diese doch sehr seltsam anmutenden Schriftzeichen zu sehen sind. Das Problem ist: Es gibt extrem wenig Material in Kryptisch B. Nur zwei Manuskripte überhaupt, die zudem extrem fragmentarisch sind – man hat also nicht irgendwie längere Sätze, wo man mal ein bisschen damit spielen könnte. Dazu noch auf zwei anderen Manuskripten ganz wenige Zeichen, manchmal nur einzelne, wie hier auf dem Bild zu sehen. Man hat seit Langem gesagt, es sei einfach unmöglich, diese Schrift zu entziffern.
[4:25] Bis vor wenigen Wochen. Emmanuel Tov von der Universität Groningen, ein Spezialist für Hebräisch und westsemitische Epigrafik, hat sich an die Öffentlichkeit getraut mit der Behauptung, Kryptisch B entziffert zu haben. Hier ist der Artikel in dem bekannten Magazin – zumindest in den Kreisen, die sich mit den Schriftrollen vom Toten Meer beschäftigen – Revue de Qumrân. Der Artikel lautet: „Cracking Another Code of the Dead Sea Scrolls".
[5:05] Er hat sich zunächst überlegt, dass es gut möglich ist, dass auch diese Geheimsprache im Wesentlichen nach den gleichen Prinzipien funktioniert wie Kryptisch A. Dort war es so, dass jeder Buchstabe des hebräischen Alphabets durch ein neues Zeichen ersetzt worden ist. Wenn man also einmal einen Buchstaben mit einem Zeichen identifiziert hat, kann man das an allen anderen Stellen entsprechend einsetzen – eigentlich ein ganz gut durchschaubares System.
[5:34] Das hebräische wie das aramäische Alphabet hat 22 Buchstaben. Wenn man alle Optionen systematisch durchgehen wollte, kommt man zu einer mathematisch unfassbar hohen Zahl: 22 Fakultät Möglichkeiten an Buchstabenkombinationen – das entspricht ungefähr 1,1 × 10²¹. Selbst heutzutage mit KI und Supercomputern ist das nicht systematisch lösbar. Es brauchte also einen Menschen mit Intuition. Er schreibt in seinem Artikel, dass immer wieder Schriften entziffert worden sind, weil man sich einfach mal überlegt hat: „Was wäre, wenn dieses Wort jetzt einfach mal das bedeutet?" Das hat immer mal wieder geklappt.
[6:25] Auch er hatte einen solchen Moment, als er auf diese Textstelle schaute, die hier rechts abgebildet ist, und ihm irgendwie der Eindruck kam – so schreibt er – beim Betrachten dieser Zeichen: Das könnte doch irgendwie „Israel" heißen. Er hat das als Ausgangspunkt genommen, eine ganze Reihe von systematischen Berechnungen und Überlegungen durchgeführt, dies als Schlüssel genommen – und es hat sich tatsächlich als Erfolgsrezept herausgestellt: Tatsächlich sind das die Buchstaben in Kryptisch B für „Israel".
[7:06] Damit konnte er fast alle Buchstaben im Laufe eines längeren Prozesses identifizieren – bis auf fünf Buchstaben, wo so wenig Material ist, dass die Identifizierung bis heute unklar bleibt. Er konnte einige der Fragmente jetzt übersetzen, und da stehen Dinge wie zum Beispiel: „Gott" – auf Hebräisch Elohim – „hat gesalbt", oder in einem anderen Fragment „deine Herrlichkeit", oder „er ist zurückgekehrt". Man merkt schon, da fehlt ein bisschen der Kontext: Sind das Texte aus der Bibel? Sind das Texte, die die Bibel kommentieren? Sind das allgemein religiöse Texte? Das lässt sich nicht so richtig sagen.
[7:58] Der weltweit führende Experte für westsemitische Epigrafik, Christopher Rollston aus den USA, hat sich das angeschaut und es als einen seriösen Entzifferungsversuch bezeichnet. Er sagt, sowohl die Methode als auch die Ergebnisse seien seriös und plausibel. Letztendlich ist es schwer zu verifizieren – man hätte gern noch andere Texte in derselben Schrift, an denen man prüfen könnte, ob das tatsächlich überall funktioniert. Und wie gesagt, fünf Buchstaben sind unklar. Aber soweit wir jetzt sehen können, scheint das System, das er entdeckt hat, zu funktionieren.
[8:43] Leider ist das Material zu fragmentarisch. Einige Wendungen kennt man so aus der Bibel – das könnten Zitate sein, es könnten vielleicht auch Bibelmanuskripte sein. Der Inhalt lässt sich nicht genau bestimmen. Und da stellt sich die Frage: Warum haben die Schreiber am Toten Meer hin und wieder plötzlich in einer Geheimschrift geschrieben, die ein Nichteingeweihter nicht lesen konnte? Es sollten wohl keine Geheimbotschaften übermittelt werden, denn der Inhalt dieser Texte scheint nicht irgendwie anders zu sein als das, was man sonst in den Schriftrollen vom Toten Meer lesen kann. Eher scheint die Idee gewesen zu sein, dass man bei bestimmten Texten einfach spielerisch zeigen wollte, dass nur Eingeweihte sie lesen konnten. Wer das dann lesen konnte, hat sich vielleicht ein bisschen klüger gefühlt als der Rest der Bevölkerung.
[9:44] Das ist interessant, weil eigentlich im Alten Testament genau das Gegenteil gefordert wird. Da heißt es zum Beispiel in Habakuk 2, Vers 2: „Da antwortete mir der Herr und sprach: Schreibe die Offenbarung nieder und grabe sie in Tafeln ein, damit man sie geläufig lesen kann." In der Bibel wünscht sich Gott immer wieder, dass Menschen aller intellektuellen Niveaus seine Botschaft so gut wie möglich verstehen können. Und obwohl wir dankbar sein können, dass in Qumran und an anderen benachbarten Orten die Schriftrollen abgeschrieben und bewahrt worden sind, müssen wir doch feststellen, dass es in der dortigen Gemeinschaft Menschen gab, die Freude daran hatten, manchmal Texte durch Geheimschrift vor anderen zu verstecken.
[10:35] Was nehmen wir heute mit? Die Geheimschrift B von Qumran ist wahrscheinlich entziffert. Wir lernen, dass die Schreiber dort am Toten Meer in bestimmten Fällen Texte vor einfachen Lesern verborgen haben, indem sie kryptische Alphabete anwandten – obwohl in der Bibel der Wunsch besteht, dass die Botschaft Gottes an alle Menschen gut lesbar weitergegeben wird.
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