Naturwissenschaftliche Analysen des Zahnschmelzes von Kühen aus den Königsgräbern von Ur zeigen überraschend: Die königlichen Herden wurden nicht anders gehalten als gewöhnliche. Statt strenger Regeln praktizierten die Hirten ein flexibles, pragmatisches System – ganz ähnlich wie Abraham, der in der Bibel je nach Lage seine Herden führte.
Funde & Fakten : „Was fraßen die Kühe in Ur?“
Christopher Kramp · Funde & Fakten ·Themen: Archäologie, BibelPodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Funde & Fakten
Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.
Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:
Weitere Aufnahmen
Serie: Funde & Fakten
-
0:0
-
0:0
-
0:0
Transkript
Warum interessieren sich Archäologen für den Zahnschmelz von Kühen? Und was hat das mit dem Leben im alten Mesopotamien, zum Beispiel der berühmten Stadt Ur, zu tun? Das wollen wir heute in diesem Video einmal anschauen. Und damit herzlich willkommen zu Funde und Fakten – heute mit einer ganz neuen naturwissenschaftlichen Analyse über das Leben in Ur: Was fraßen die Kühe dort?
Ur ist aus dem Alten Testament gut bekannt – die Heimat von Abraham und seinen Vorfahren. 1. Mose 11, Vers 31: „Und Terach nahm seinen Sohn Abraham, dazu Lot, den Sohn Harans, seinen Enkel, auch Sarai, seine Schwiegertochter, die Frau seines Sohnes Abraham. Und sie zogen miteinander aus von Ur in Chaldäa, um ins Land Kanaan zu gehen. Als sie aber nach Haran kamen, blieben sie dort."
Ur ist eine Stadt in Südmesopotamien, eine der ältesten Städte der Welt, gehörte im Gebiet der Sumerer zu den ganz bedeutenden Zentren. Sie lag wahrscheinlich damals sogar am Golf, von dem viele Wissenschaftler vermuten, dass er damals weiter nördlich seine Ufergrenze hatte. Die Stadt Ur ist schon Anfang des 20. Jahrhunderts vom britischen Archäologen Sir Leonard Woolley ausgegraben worden. Das war damals eine Riesensensation, vor allem als man die Königsgräber entdeckte – ungefähr vergleichbar mit dem Grab von Tutanchamun. Hier ein Bild von der Ausgrabungsstätte, wie man sie heute noch sehen kann: am Horizont ganz hinten die berühmte Zikkurat, dieser Stufentempel für den Mondgott, den man heute noch sehen kann, und Häuser, die man hier im Wohnviertel ausgegraben hat.
Aber heute soll es um die Gräber gehen. Die Gräber sind seit den Ausgrabungen von Sir Leonard Woolley ganz berühmt gewesen, aber uns geht es heute gar nicht so sehr um die Menschen, die dort begraben worden sind, sondern um die Kühe. Ja, ganz genau – die Archäologen interessieren sich auch für die Kühe, und zwar genauer für deren Zähne. Wissenschaftler sind auf die Idee gekommen, diese alten Zähne einmal genau unter die Lupe zu nehmen und den Zahnschmelz der Kühe von Ur, die seit Jahrtausenden dort begraben liegen, sich genau anzuschauen.
Tina Greenfield hat mit einer Reihe von anderen Wissenschaftlern diese Studie veröffentlicht, im Magazin PLOS ONE, unter dem Titel: Gab es königliche Herden? Aus den Texten der damaligen Zeit, den Verwaltungstexten, den sumerischen Urkunden, kann man den Eindruck gewinnen – und das war bisher der Konsens der Wissenschaft –, dass es dort ganz rigide Regeln gab, wie die Herden gehütet worden sind, und dass es ganz besondere königliche Herden gab, die abgesondert gewesen sind. Man wollte jetzt mit wissenschaftlichen Methoden der Sache auf den Grund gehen, ob das wirklich so ist.
Man hat eine ganze Reihe von Analysen gemacht, und die Ergebnisse sind ganz interessant: Tiere wurden vermutlich mit Schilfrohr gefüttert – das wächst dort überall in Südmesopotamien –, natürlich auch mit Getreidekörnern und Ernteresten. Das überrascht jetzt nicht so sehr. Die Herden wurden auf brachliegenden Feldern gehalten, an den Ufern von den kleineren Entwässerungskanälen. Das gesamte Land konnte ja eigentlich nur bebaut werden, weil man mit einem sehr ausgeklügelten und wirklich fortschrittlichen Entwässerungssystem mit vielen Kanälen dafür gesorgt hat, dass die Felder genügend Wasser bekamen.
Erstaunt waren die Forscher, als sie feststellten, dass es in den Zähnen der Tiere keinen signifikanten Unterschied gibt zwischen den Tieren, die in Königsgräbern begraben worden sind, und denen, die in gewöhnlichen Gräbern begraben worden sind. Nach längeren Analysen kommt man zu der Erkenntnis, dass die königlichen Herden wohl gar nicht anders gehalten worden sind als gewöhnliche Herden – was ziemlich überrascht hat. Man hat auch gesehen, dass die Kühe nicht alle lokal aufgezogen worden sind; es gibt Hinweise auf Wanderbewegungen im Zusammenhang mit der Tierhaltung. Und wie schon erwähnt, haben diese Ergebnisse den sumerischen Wirtschaftstexten deutlich widersprochen, wo man immer den Eindruck einer streng verwalteten königlichen Herde hatte.
Diese Daten vom Zahnschmelz der Kühe legen übrigens nahe – und das ist im Grunde genommen auch nicht wahnsinnig überraschend –, dass die Hirten, statt strengen Regeln zu folgen, sehr flexibel gewesen sind und je nach Situation verschiedene Pflanzen und Wasserressourcen ganz pragmatisch genutzt haben.
Das ist interessant, weil wir von Abraham einen ähnlichen Pragmatismus im Alten Testament sehen. 1. Mose 12, Vers 10: „Da aber eine Hungersnot im Land herrschte, zog Abraham nach Ägypten hinab, um sich dort aufzuhalten." Oder ein Kapitel später, als es zum Streit kommt zwischen den Hirten seines Neffen Lot und seinen eigenen Hirten, weil das Land nicht groß genug ist, um die Herden zu ernähren. Da heißt es in 1. Mose 13: „Aber auch Lot, der mit Abraham ging, hatte Schafe, Rinder und Zelte. Und das Land ertrug es nicht, dass sie beieinander wohnten, denn ihre Habe war groß, und sie konnten nicht beieinander bleiben." Die Geschichte wird dann erzählt, wie Abraham eine ganz pragmatische Lösung findet, um mit diesem Problem umzugehen und nach neuen Weidegründen für die Tiere zu suchen.
Was nehmen wir heute mit? Abrahams Vorfahren haben offensichtlich in Ur ein sehr flexibles und pragmatisches System der Herdenhaltung kennengelernt. Das hätte man aus den sumerischen Wirtschaftsurkunden gar nicht so herauslesen können, aber die naturwissenschaftliche Analyse des Zahnschmelzes dieser seit langer Zeit begrabenen Kühe hat das sehr wahrscheinlich gemacht. Und dieses pragmatische System der Herdenhaltung hat Abraham dann auch in Kanaan so praktiziert.
Lizenz
Copyright ©2017 Joel Media Ministry e.V.Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.