Zwei kürzlich veröffentlichte Keilschrifttafeln aus der altbabylonischen Zeit enthalten erstmals vollständige amoritische Sätze mit babylonischer Übersetzung – eine Art antikes Reisewörterbuch. Die Tafeln zeigen Alltagsphrasen wie „Komm her!“ oder „Gib uns Wasser für unsere Hände“ und offenbaren eine überraschend enge Verwandtschaft des Amoritischen mit dem Kanaanäischen und Althebräischen.
Funde & Fakten : „Wie redeten die Amoriter?“
Christopher Kramp · Funde & Fakten ·Themen: ArchäologiePodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Funde & Fakten
Archäologie trifft Bibelgeschichte: Christopher Kramp stellt in Funde & Fakten echte Ausgrabungen und historische Entdeckungen vor – von den Schriftrollen vom Toten Meer bis zu König Davids Königreich. Kompakt, spannend und erhellend.
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Serie: Funde & Fakten
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Transkript
[0:21] Die Amoriter sind im Alten Testament ein mächtiges Volk, das die Israeliten auf ihrem Weg in das gelobte Land besiegen. Aber wie haben die Amoriter eigentlich geredet? Genau das wollen wir in diesem Video herausfinden. Und damit herzlich willkommen zu Funde und Fakten – heute mit der Entzifferung von spektakulären, neu untersuchten Keilschrifttafeln, auf denen wir erstmals ganze Sätze auf Amoritisch lesen können.
[0:57] Hier ist ein Beispiel dieser Tafeln, die im Jahre 2022 erstmals veröffentlicht worden sind. Die Amoriter kennen wir wie gesagt aus den Mosebüchern und einigen anderen Büchern des Alten Testaments. Es heißt in 5. Mose 1, Vers 7, zu den Israeliten gesprochen: „Wendet euch nun und zieht weiter, dass ihr zu dem Bergland der Amoriter kommt und zu allen ihren Nachbarn in der Araba, im Bergland und in der Schefela, zum Negev und zum Ufer des Meeres, in das Land der Kanaaniter und zum Libanon, bis an den großen Strom, den Fluss Euphrat." Der Auftrag Gottes, das gelobte Land einzunehmen.
[1:39] Die Amoriter waren allerdings nicht nur Nachbarn der Kanaaniter im heutigen Palästina. Wenn wir in die erste Hälfte des zweiten Jahrtausends vor Christus schauen, sehen wir Amoriter überall im Nahen Osten, überall im Fruchtbaren Halbmond, wie man das manchmal so sagt. Eine ganze Reihe von amoritischen Königreichen waren damals etabliert – unter anderem auch in Babylon. Der so berühmte Hammurapi ist eigentlich gar kein waschechter Babylonier, sondern gehörte einer amoritischen Königsdynastie an. Die Amoriter bildeten sozusagen eine kriegerische Herrscherelite, die dann über die entsprechenden Völker – zum Beispiel die Babylonier – herrschte.
[2:37] Man kennt die amoritische Sprache schon seit Langem ein wenig, weil die Namen, wie so oft in den Sprachen des alten Orients, als Sätze fungieren – als kurze Aussagen. Man hat aus den amoritischen Namen schon ein ganzes Stück weit versucht, die Sprache zu rekonstruieren. Der Altorientalist Michael Streck hat dort schon ganz großartige Pionierarbeit geleistet.
[3:10] Nun ist vor wenigen Jahren ein ganz neuer Schub entstanden durch die Veröffentlichung dieser Tafeln. Eine Tafel kommt aus der Jonathan and Jeanette Rosen Cuneiform Collection in Amerika und eine andere Tafel befindet sich im Privatbesitz – man weiß also jetzt gar nicht mehr genau, wo. Sie war nur für ein kurzes Zeitfenster überhaupt verfügbar; auch die Forscher, die diese Tafel veröffentlicht haben, konnten sie nicht selbst in die Hand nehmen, sondern konnten Fotos davon sehen. Das ist natürlich suboptimal, aber die Fotos sind ganz ausgezeichnet – man kann im Wesentlichen alles darauf erkennen.
[3:54] Die Tafeln kommen offenbar aus Südbabylonien. Wenn man sich die Schriftform und auch die Orthografie anschaut, kann man das sogar ziemlich genau datieren: in die Zeit von Hammurapi und seinem Zeitgenossen Rim-Sin von Larsa. Das ist die berühmte altbabylonische Zeit – das wäre sozusagen noch ein wenig vor Mose, wenn man das ungefähr biblisch-chronologisch einordnen möchte.
[4:22] Die beiden Forscher, die das herausgegeben haben, sind ganz berühmte Altorientalisten: Andrew George, der auch an diesem Buch mitgewirkt hat, Professor für Babylonisch an der Universität London, und Manfred Krebernik, Professor für Assyriologie an der Universität Jena, eigentlich ein Experte für die älteste Keilschriftliteratur der Welt. Ihr Artikel ist in der Revue d'Assyriologie veröffentlicht worden: „Two Remarkable Vocabularies: Amorite-Akkadian Bilinguals!" – und die Tatsache, dass ein wissenschaftlicher Artikel mit Ausrufezeichen versehen wird, zeigt schon an, wie begeistert diese beiden Größen der Assyriologie selbst gewesen sind. So etwas hat es in all den Jahren und Jahrzehnten der Forschung in der Keilschriftkunde noch nie gegeben.
[5:18] Diese Tafeln funktionieren ganz interessant. Sie haben zwei Spalten: Auf der einen Spalte findet man amoritische Wörter – in der Fachliteratur meist „Amurritisch" genannt. Das liegt daran, dass dasselbe Volk, das in der Bibel „Amoriter" heißt, in den Keilschriftsprachen Babylonisch und Assyrisch „Amurru" genannt wird, weshalb in der deutschen Keilschriftforschung man in der Regel von „Amurritisch" spricht, während man im Englischen einfach „Amorite" sagt. Auf der zweiten Kolumne dieser Tafeln findet man immer die entsprechende babylonische Übersetzung – das ist also quasi wie eine Art Wörterbuch, ein kleiner Wörterbuchauszug.
[5:59] Zum Beispiel findet man auf der ersten Tafel das amoritische Wort „lachmu" und entsprechend das babylonische Wort „aklum". Und da wir das Babylonische gut kennen, kann man einfach ein akkadisches Wörterbuch zur Hand nehmen und entsprechend übersetzen. Auf Zeile 17 lesen wir das Wort „šabu", und daneben steht auf Babylonisch „karānum" – das heißt „Wein". So wissen wir, dass amoritisch „šabu" Wein heißt. Das kann man mit vielen anderen Wörtern machen: „didum" zum Beispiel für kleines Bier, babylonisch „bilatum", oder „nachlu" für Schuh, babylonisch „šēnum".
[7:13] Interessant ist dann vor allem die Tatsache, dass nicht nur einzelne Wörter übersetzt werden – amoritisch-babylonisch –, sondern auch ganze kurze Sätze vorkommen. Zum Beispiel „šūta" als Aufforderung, babylonisch „alkam" – „Komm her!" Wenn man sich also vorstellt, wie in 4. oder 5. Mose der König der Amoriter, Og zum Beispiel, dann zu den Israeliten spricht – „Kommt her!" –, dann wäre das so etwas wie „šūta" gewesen. Oder hier: „Steh auf, sei bereit!" Oder auch sehr schön: „Steh auf, gib uns Wasser für unsere Hände." Man vermutet fast, dass diese Tafeln auch dazu dienen sollten, einem Amoriter zu sagen, wie er sich in Babylon entsprechend ausdrücken sollte – also seine eigene amoritische Formulierung und dann entsprechend die babylonische, so wie man das heute noch bei Reisen im Ausland hat, wenn man ein kleines Reisewörterbuch hat, wo die wichtigsten Alltagsphrasen in beiden Sprachen nebeneinander stehen.
[8:27] „Tinam mē la-yadēnī" heißt: „Steh auf, gib uns Wasser für unsere Hände." Oder auch: „lachmam bilam NAMAN" – wobei „NAMAN" als Sumerogramm geschrieben ist und wir nicht genau wissen, wie es ausgesprochen wurde, weil in der Keilschrift durchaus dasselbe Zeichen manchmal verschiedene Aussprachevarianten hat.
[8:47] Interessant ist, dass wenn man sich das Amoritische genau anschaut, man immer wieder Parallelen zum Kanaanäischen und damit zum Hebräischen findet. Zum Beispiel wird Brot hier „lachmam" genannt, und wir wissen: Im Hebräischen ist es „lechem" – wie in Bethlehem, dem „Haus des Brotes". Jüdische und israelische Forscher, die das gelesen haben, konnten bei vielen Wörtern sagen: „Das klingt doch eigentlich ziemlich ähnlich zum Hebräischen." Hier noch eine ganz nützliche Formulierung: „Mach die Arbeit!" – „yunupa ranpa". Und dann die Frage: „Wo gehst du hin?" – „an yakan taliku". Zwei Amoriter treffen sich und fragen: „Wo gehst du hin?" All das können wir heute sagen aufgrund dieser neuen Veröffentlichung, in der wir erstmals amoritische Sätze finden.
[9:50] In 5. Mose lesen wir, dass die Israeliten Krieg geführt haben gegen die Amoriter. Es heißt in 5. Mose 2, Vers 24: „So macht euch nun auf, zieht aus und überschreitet den Arnon-Fluss. Siehe, ich habe Sihon, den König von Heschbon, den Amoriter, samt seinem Land in deine Hand gegeben. Fange an, es in Besitz zu nehmen, und führe Krieg gegen ihn." Und wir können jetzt aufgrund dieser Funde sogar annehmen, dass Israeliten, wenn sie auf Amoriter trafen, sich durchaus vielleicht sogar teilweise verstehen konnten, weil die Sprachen gar nicht so weit voneinander entfernt sind.
[10:28] Was nehmen wir also heute mit? Die ersten vollständigen Sätze in Amoritisch sind entdeckt und übersetzt worden. Und die Sprache Amoritisch hat große Verwandtschaft mit dem Kanaanäischen und damit also auch mit dem Althebräischen.
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