[1:30] Unsere Geschichte beginnt hier, im Böhmischen Wald. Einer der letzten Orte in Europa, wo es ruhig, still und zurückgezogen ist. Vor 1200 Jahren war hier Kriegsgeschrei und Lärm zu hören. Karl der Große hatte sich vorgenommen, sein riesiges Reich noch zu vergrößern und Böhmen einzunehmen. Seine Armeen kämpften sich über die bewaldeten Höhenzüge, über die Berge des Böhmischen Waldes. Und für das slawische Volk der Böhmen begann ein ganz neues Kapitel ihrer Geschichte.
[2:29] Mit den Armeen von Karl dem Großen kamen auch christliche Missionare über die Berge des Böhmischen Waldes, um das Christentum in diesem Land einzuführen, das bis dahin in finsterem Heidentum gelebt hatte. Zunächst war das ein schwieriges Unterfangen, weil die Sprache nicht beherrscht wurde, die die Böhmen hier sprachen. Erst Methodius und Kyrillus im 9. Jahrhundert konnten durch das Kirchenslawische die Bibel und damit das Evangelium den Böhmen in ihrer Landessprache bringen.
[2:56] Die römische Kirche begann aber schon bald Latein als einzige Gottesdienstsprache durchzusetzen. Papst Gregor VII., berühmt geworden durch die Geschichte vom Gang nach Canossa, behauptete gar, dass es dem Allmächtigen gefällt, wenn der Gottesdienst in einer unbekannten Sprache durchgeführt wird und dass viele Übel und Ketzereien durch Missachtung dieser Regel entstanden sind. Das Latein stammt schon aus der Frühzeit der katholischen Kirche, damals war es die übliche Sprache, die das Volk gesprochen hat. Nach und nach gab es dann im römischen Reich wieder mehr die nationalen Sprachen. Latein wurde aber beibehalten, weil es die Universalität und Einheit der Kirche ausdrücken sollte. Dass die Kirche eben überall die gleiche ist, mit dem gleichen Ritus, mit der gleichen Liturgie, eben auch der gleichen Sprache, in der das ausgedrückt wird, egal in welchem Land es stattfindet. Das wurde auch beibehalten nach der Reformation, da man damit eben auch deutlich zum Ausdruck bringen wollte, wie wichtig es ist, dass der exakte Ritus eben in dieser Sprache festgelegt weitergegeben wird und man davon nicht abweicht. Das Volk, so meinte man, muss es nicht unbedingt verstehen. Wichtiger ist, dass es in der richtigen Art und Weise praktiziert wird. Die Bibel sollte dem gemeinen Volk vorenthalten werden.
[4:14] Durch das gesamte Mittelalter gab es Menschen, die Rom trotzten. In den Bergen der kottischen Alpen bewahrten die Waldenser die Prinzipien des Urchristentums. Über Jahrhunderte hinweg durchstreiften Missionare der Waldenser und Albigenser, die aus den Westalpen kamen, auf Wegen wie diesen den böhmischen Wald, um nach Böhmen und Mähren zu gelangen, um das Evangelium, das sie in diesem finsteren Mittelalter bewahrt hatten, den Menschen hier zu bringen. Ihr Motto war "Lux lucet in tenebris", das Licht leuchtet in der Finsternis. Und auch hier im finsteren Böhmen leuchtete das Licht des Evangeliums. Gott benutzte diese Missionare, um einen Samen auszustreuen, der Jahrhunderte später im Leben von Jan Hus und seinen Nachfolgern aufgehen sollte.
[5:13] Die Waldenser waren eine Gruppe von Christen, die aber nicht dem römischen Papst untertan waren. Und von daher wurden sie als Ketzer verfolgt, allerdings nicht am Anfang, eher dann ab dem Hochmittelalter. Sie waren, als sie dann immer weiter zurückweichen mussten, die Bewohner der zentralen Alpentäler zwischen Frankreich und Italien, Savoyen, das war ihr Zentralgebiet, und bis hinein nach Italien.
[6:21] Schon lange vor Jan Hus gab es Männer und Frauen hier in Böhmen, die für die biblische Wahrheit machtvoll einstanden. Einer von ihnen war Johannes Militius, der im 14. Jahrhundert hier an der Sankt-Veits-Kathedrale auf der Prager Burg Erzdiakon war. Er nutzte seine Stellung und seine Position, um die Menschen auf biblische Wahrheiten aufmerksam zu machen. Die Menschen kamen in Massen in die Kathedrale, um Militius reden zu hören. Das lag vor allem daran, weil er auf Tschechisch, der Landessprache, predigte. In seinen Predigten griff er die Missstände in der Kirche furchtlos an. Und das kam natürlich beim einfachen Volk sehr gut an.
[7:05] Doch das Schlüsselerlebnis im Leben von Militius war eine Romreise. So wie Luther später glaubte er, in der ewigen Stadt seinen Seelenfrieden endgültig finden zu können. Doch was er sah, schockte ihn zutiefst. Genauso wie Luther musste er feststellen, dass die Sünden, die er zu Hause getadelt hatte, fast nichts waren gegen die großen Laster, die in jener Stadt herrschten. Voller Entrüstung schrieb er an die Tür eines Kardinals die Worte: "Der Antichrist ist gekommen und sitzt in der Kirche." Das blieb den Würdenträgern nicht verborgen und der Papst erließ einen Haftbefehl gegen Militius. Als dieser hier in Prag wieder angekommen war, wurde der Haftbefehl sofort umgesetzt. Doch das Volk, das Militius liebte, protestierte und man ließ ihn letztendlich wieder frei. 1374 starb er einen friedlichen Tod.
[8:03] Neben Militius gab es noch andere Männer und Frauen, die sich für Wahrheiten einsetzten, die sie in der Bibel gefunden hatten und die in scharfem Kontrast zu den Lehren und Doktrinen Roms standen. Einer von ihnen war Stegner, dem es verboten worden war, in den Kirchen zu predigen und der sich deswegen hier auf dem Marktplatz von Prag aufstellte, um die Menschen dort zu erreichen, wo sie waren. Seine Predigt rührte die Menschen zutiefst an und die Behörden sahen das nicht gerne. Man beschloss, alle jene Christen zu verfolgen, die sich den Lehren und Praktiken Roms nicht unterwerfen würden. 1376 wurde sogar der Befehl erlassen, alle jene Christen, die sich nicht Rom unterwerfen würden, auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Viele namenlose Menschen wurden durch diese Verfolgung vernichtet.
[8:51] Einer der letzten dieser Generation, Janovius, sah 1394 mit prophetischem Auge voraus, dass einst jemand kommen würde, der dieser Bewegung einen ganz neuen Impetus geben würde. "Jetzt hat die Wut der Feinde die Oberhand über uns, aber es wird nicht für immer sein. Es wird sich einer aus dem gemeinen Volk erheben, ohne Schwert und Autorität, gegen den sie nichts vermögen werden." Viele dieser Christen flohen vor der Verfolgung in die Berge. Sie suchten Schutz hier in den unendlichen Weiten des Böhmischen Waldes, wo sie ungehindert ihres Glaubens leben konnten. Hier lasen sie in der Bibel und hier an Orten wie diesem stiegen Gebete zum Himmel auf, dass Gott jemanden senden würde, der das Schicksal der böhmischen Nation wenden würde, der das Licht des Evangeliums wieder leuchten lassen würde.
[10:03] Am 6. Juli 1369 erblickte Jan Hus im kleinen südböhmischen Dorf Husinetz das Licht der Welt. Sein Geburtshaus kann heute noch besichtigt werden. Hus stammte aus einfachen Verhältnissen und sein Vater starb, als er noch ein Kind war. Doch Entbehrung und Armut waren für ihn, wie für viele Reformatoren, genau die notwendige Vorbereitung auf sein Lebenswerk.
[10:42] Die Mutter von Jan Hus hielt zwei Dinge für unverzichtbar in der Erziehung: einen starken Glauben an Gott und eine gute Bildung. Und deswegen hat sie den jungen Jan hier nach Prachatitz gesandt, auf die Provinzschule, zehn Kilometer südlich von Husinetz. Und das Gebäude, in dem er gelebt hat, steht heute immer noch. Hier war das früher mal ein gotisches Gebäude, ist im 16. Jahrhundert dann in eine Renaissance-Struktur verändert worden. Heute ist hier das Museum der Stadt zu finden und die Stadtbücherei. Bücher waren ohnehin schon immer die Leidenschaft von Jan Hus, gelesen. Und weil er so gut hier in der Schule war, führte sein Weg ganz schnell nach Prag.
[11:18] Jan Hus wurde von seiner Mutter auf dem Weg nach Prag begleitet. Bevor sie die Stadt erreichten, knieten sie nieder. Und seine Mutter betete, dass Gott den jungen Jan segnen würde. Sie ahnte nicht, wie ihr Gebet erhört werden würde.
[11:57] Die Karls-Universität. Die älteste Universität nördlich der Alpen und östlich von Paris. Gegründet von Karl IV., dem deutschen Kaiser. Hier kam Jan Hus her, um zu studieren. Er war so begabt gewesen, dass er sogar ein Stipendium bekam. Und mit all seiner Kraft stürzte er sich in seine Studien. Universitäten in der Art, wie wir sie heute kennen, gab es etwa seit dem 11., 12. Jahrhundert, also dem Hochmittelalter. Ziel war damals wie heute die Vermittlung von Wissen auf den Gebieten der sieben freien Künste damals, des Rechts, der Medizin und der Theologie. Die Bedeutung war damals auch wie heute eine recht wichtige. Damals noch mehr als heute, weil es weniger Menschen gab, die sich das leisten konnten. Es ging um Ansehen, um Geld, um Einfluss. Man konnte Jurist, Arzt oder Priester werden. Man erlangte eine umfassende Allgemeinbildung und vor allem auch eine gute Kenntnis der Sprachen der Antike, wodurch dann auch für die Reformation der Boden bereitet wurde, weil es leichter war, durch das Griechisch, das man konnte, auch die Bibel besser zu verstehen.
[13:07] Jan Hus, so wird er beschrieben, war als Student dünn und blass, aber er hatte einen großartigen Intellekt und er gab alles, um so viel wie möglich verstehen zu können. Und seine Karriere wurde schon schnell sehr brillant. 1393 hatte er seinen Bachelor in den freien Künsten, ein Jahr später seinen Abschluss in Theologie und 1396 war er Magister. Jahre später wurde er sogar zum Rektor dieser Universität. Er war mittlerweile eine nationale Größe, was Forschung und Wissenschaft in Böhmen betraf.
[13:52] 1402 begann ein neues Kapitel im Leben von Jan Hus. Er wurde zum Prediger hier an der Bethlehemskapelle in Prag berufen. Der Name der Kapelle rührt nicht etwa von dem Geburtsort von Jesus Christus her, sondern hat seine Bedeutung in der hebräischen Übersetzung des Namens Bethlehem. Wörtlich heißt das nämlich "Haus des Brotes" und in diesem Haus sollten die Menschen das Wort Gottes, das Brot des Lebens in ihrer eigenen Sprache zu hören bekommen.
[14:24] Jan Hus nahm diese Aufgabe dankend an und es zeigte sich, dass der brillante Gelehrte der Karls-Universität auch ein begeisternder Prediger für die Massen war. Und so begann Jan Hus hier in der Bethlehemskapelle Woche für Woche den Menschen aus Gottes Wort zu lesen und zu predigen. Und obwohl er zu diesem Zeitpunkt theologisch noch völlig der römisch-katholischen Kirche verpflichtet war, sah er doch, dass Missbräuche das Evangelium verdunkelten. Er klagte diese Missbräuche und Missstände an und ahnte selbst kaum, welchen Weg ihn das noch einmal führen würde.
[15:13] Zu dieser Zeit wurde Hus auf die Schriften des englischen Reformators John Wycliffe aufmerksam. Dieser, oft als Morgenstern der Reformation bezeichnete Gelehrte, hatte aufgrund seines Bibelstudiums erkannt, dass die römische Kirche in vielen Punkten sich von der urchristlichen Lehre abgewandt hatte. Seine Bibelübersetzung und sein großer Einfluss in der englischen Gesellschaft hatten eine Bewegung entstehen lassen, die bereits alle wesentlichen Grundsätze des Protestantismus im Kern vertrat.
[15:51] John Wycliffe wurde 1324 in England geboren und entstammt der adeligen Schicht. Er hatte dadurch auch die Möglichkeit zu studieren und zwar in Oxford. Er hat Philosophie, Theologie, Kirchen- und auch Landesrecht studiert und wurde sehr bald ein sehr angesehener Gelehrter. Er kannte sich sehr gut aus und er wurde dann schließlich Professor für Theologie in Oxford selbst. Er galt als fromm, als sehr aufrichtig und auch resolut und als ein sehr guter Redner. Er begann immer gründlicher die Bibel zu studieren und besonders dann im vorgerückten Alter wurde er zu jemandem, den man als Vorreformator bezeichnen kann.
[16:24] Die wichtigsten Lehren von Wycliffe erkannte er durch sein gründliches Bibelstudium. Das war vor allem, dass der Papst, der in der Bibel prophezeite, Antichrist sei. Auch, dass das katholische Priestertum nicht schriftkonform ist mit seinen Ansprüchen, seiner Autorität. Darüber hinaus, dass die Heiligen, die Bilder und die Reliquienverehrung falsch sind. Dass es dem Götzendienst gleichkommt, der von der Bibel verdammt wird. Daneben auch, dass Wallfahrten und Ablässe nicht biblisch sind, dass das Fegefeuer keine Handhabe in der Heiligen Schrift hat, dass die Ohrenbeichte, auch die letzte Ölung und das Zölibat der Priester nicht richtig ist. Sowie auch das Mönchtum.
[17:09] Er übersetzte dazu, um das auch besser zu verankern, er übersetzte dazu die Bibel in das Englische, auch von der Vulgata, vom lateinischen Text her, sodass das Volk seine Lehre noch nachvollziehen konnte. Er gewann sehr schnell sehr viele Anhänger, die in England umherzogen und seine Lehren dann weiter auch nach seinem Tod noch verkündigten.
[17:23] Huss wurde durch Hieronymus auf die Schriften von Wycliffe aufmerksam. Hieronymus war ein brillanter Gelehrter, der einige Zeit in England gelebt hatte, wo er mit dem reformatorischen Gedankengut in Kontakt gekommen war. Die Verbindung zwischen England und Böhmen war nicht zuletzt durch die Hochzeit von König Richard II. mit der böhmischen Prinzessin Anne intensiv. Anne war eine Anhängerin der Lehren Wycliffes und sorgte dafür, dass dessen Bücher ihren Weg nach Böhmen fanden.
[17:58] 1404 kamen zwei Missionare aus England hier in Prag an. Sie waren unter Wycliffe ausgebildet worden und hatten es sich zur Aufgabe gemacht, dessen reformatorische Ideen in Europa zu verbreiten. Das erste, was sie predigten hier in Prag, war, dass der Papst der Antichrist ist. Das wurde von den Behörden nicht lange geduldet und sie wurden mit einem Redeverbot belegt. Doch die beiden englischen Missionare waren sehr kreativ und fanden einen anderen Weg, ihre Botschaft weiter zu vermitteln. Sie ließen zwei Bilder malen. Eines, das Jesus Christus zeigte, wie er demütig auf einem Esel reitend nach Jerusalem einzog. Das andere zeigte den Papst mit seiner dreifachen Tiara, mit seinem Prunk und seinem Pomp und all den Kardinälen. Diese beiden Bilder wurden in einer Gasse im alten Prag aufgestellt und sie wurden schnell die Sensation der ganzen Stadt, die Menschenmassen kamen und auch Hus sah diese Bilder, war tief beeindruckt und begann noch im gleichen Jahr die Schriften von Wycliffe intensiver zu studieren.
[19:00] Wenn wir über Hus reden, müssen wir immer Wycliffe mitdenken. Es gäbe Hus nicht als Vorreformator, wenn es Wycliffe nicht gegeben hätte. Im Grunde genommen war Wycliffe sogar noch radikaler als Hus. Bei Wycliffe ist ganz klar, dass der Papst vom Prinzip her der Antichrist ist. Hus zum Beispiel kann sich noch vorstellen, dass die Papststelle von einem Menschen gut ausgefüllt werden könnte. Trotzdem wird Hus bei uns stärker als Reformator gesehen als Wycliffe, weil er einfach geografisch und historisch der Reformation näher steht.
[19:41] Es gab ein besonderes Ereignis, das 1409 hier in der Karls-Universität stattfand. Bis zu dem Zeitpunkt hatten die ausländischen, deutschen sogenannten Nationen drei Viertel der Stimmen im Studentenrat besetzt. Jan Hus und andere fanden es ungerecht, dass die Tschechen, die hier auch studierten, nur in der Minderheit waren. Und so setzte er sich durch, dass der komplette Stimmenteil verändert wurde. Drei Viertel wurde jetzt den Tschechen gegeben und nur noch ein Viertel den Deutschen. Die protestierten und zogen zu Tausenden von der Universität fort. Sie gründeten in Leipzig eine neue Universität, brachten aber die theologischen Ideen von Jan Hus mit sich und halfen so, das Evangelium auch nach Deutschland zu bringen.
[20:31] In der Zwischenzeit wurde der Widerstand gegen die reformatorischen Ideen entschiedener. Gegen Papst Alexander V. erließ er eine Bulle, in der er zur Verbrennung aller Schriften von Wycliffe aufrief. Doch kein Feuer konnte den Einfluss des Evangeliums auf das Denken von Jan Hus verhindern.
[21:01] Nachdem er die Schriften von Wycliffe gelesen hatte und intensiv mit der Bibel verglichen hatte, veränderte sich der Ton seiner Predigten noch mehr. Hier in der Bethlehemskapelle begann er noch stärker und deutlicher gegen römischen Missbrauch zu predigen. Und die Menschen waren begeistert, dass jemand es wagen würde, gegen den Papst Stellung zu beziehen.
[21:21] Nachdem die Diplomatie versagt hatte, griff das Papsttum zu anderen Mitteln. Die Stadt Prag wurde mit dem Interdikt, einer Art Bann, belegt und das hatte radikale Konsequenzen für die Gläubigen an diesem Ort. Alle Kirchen wurden geschlossen, es fanden keine Gottesdienste mehr statt und wenn jemand heiraten wollte, so geschah das nicht mehr in einer Kirche, sondern auf einem Friedhof. Tote hingegen wurden auf einem solchen nicht mehr begraben, sondern wurden einfach auf Feldwegen verscharrt. Das war dazu angetan, den Prager Bürgern einzutrichtern, dass er mit Rom sich nicht anlegen sollte und das zeigte Wirkung. Viele in Prag begannen nun sich gegen Jan Hus zu wenden, weil sie glaubten, er sei an allem schuld. Der Reformator musste tatsächlich in dieser Stadt um sein Leben fürchten.
[22:17] Es sind zwei Arten des kirchlichen Interdikts bzw. Kirchenbanns zu unterscheiden. Es gibt den sogenannten kleinen Kirchenbann, das wäre die Beugestrafe, die galt als befristeter Ausschluss von den Sakramenten und kirchlichen Ämtern für solche, die nicht allzu schwere Heretiker waren, für solche, die nicht allzu schwere, unbelehrbare Sünder waren. Darüber hinaus gab es dann aber für die härteren Fälle den großen Kirchenbann, der führte zur Exkommunikation. Das bedeutete, man war vollständig aus der katholischen Kirche ausgeschlossen und damit auch von der Gemeinschaft mit Gott getrennt und hat sein ewiges Leben damit auch verwirkt. Im hohen Spätmittelalter hatte es auch weltliche Folgen. Man verlor auch als Staatsbürger seine Rechte, war also fried- und rechtlos erklärt. Das bedeutete, man war vogelfrei und durfte sogar getötet werden, ohne dass der Täter dafür bestraft werden würde.
[23:13] Jan Hus hat gemeint, was er gesagt hat und sollte die Zeit genutzt, hier in den umliegenden Dörfern und Städten wie in Prachatitz zu predigen. Das Evangelium, das eigentlich Prag hätte hören sollen. Ein befreundeter Adliger hat ihn beschützt und Tausende und Abertausende hingen an seinen Lippen, als er von Kirche zu Kirche zog und das Evangelium verkündigte. Der Versuch Roms, ihn zu verbannen und mit Redeverbot zu belegen, hatte genau das Gegenteil bewirkt. In den Städten und Dörfern des Landes breitete sich das Evangelium mit Vollmacht aus.
[23:51] Aber eine Frage war es, die ihn geplagt hat, während dieser Predigtur. Wie ist sein Verhältnis zur Kirche? Er war felsenfest überzeugt, dass die römisch-katholische Kirche die richtige Kirche ist, aber gleichzeitig wusste er, ihr zu gehorchen in diesem Fall wäre Sünde gewesen. Und so hat er gekämpft und gerungen mit dieser Frage, was sein Verhältnis zu dieser Kirche ist.
[24:28] Alle Reformatoren haben nicht nur durch ihre mündliche Predigt, sondern durch ihre Schriften gewirkt. Und was für Martin Luther die Wartburg war, das war für Jan Hus Kosichradek, die sogenannte Ziegenburg. 1413 hat er sich hier aufgehalten, um Zeit zu finden, alle seine Predigten und Gedanken und Entdeckungen in der Bibel schriftlich festzuhalten. Etliche Schriften aus der Feder von Jan Hus gingen hier von der Ziegenburg aus und erleuchteten ganz Böhmen mit den biblischen Ideen, die er entdeckt hatte. Neben seinem Hauptwerk, der Postilla, waren es vor allem einige Traktate, die die Kerngedanken seiner Theologie festgehalten haben.
[25:15] Jeder, der schon mal in einem dunklen Raum gewesen ist, weiß, wie schmerzhaft es ist, wenn man sofort ins grelle Licht kommt. Vielmehr ist es notwendig, dass sich die Augen nach und nach an das Licht gewöhnen. Genau so hat Gott in der Reformation gewirkt. Schritt für Schritt haben Reformatoren über Jahrhunderte das Licht entdeckt. Jan Hus hat nicht alles verstanden, was es zu verstehen gab. Manches blieb für Luther und Zwingli und Calvin und viele andere. Doch die Bibel sagt: "Der Weg des Gerechten scheint heller und heller bis zum vollkommenen Tag."
[25:51] Als Jan Hus nach Prag zurückkam, kehrte er direkt wieder hier in die Bethlehemskapelle zurück, um diesmal noch mutiger und kraftvoller gegen das Papsttum zu predigen. Die Fronten waren jetzt eindeutig geklärt. Es gab kein Zurück mehr in diesem reformatorischen Schritt. In Prag gab es sowohl Befürworter als auch Gegner von Jan Hus. Der Konflikt spitzte sich zu und die große Reformation in Prag war vorbei.
[26:18] In dieser Zeit des zugespitzten Konfliktes bekam Hus einen Mitarbeiter an die Seite. Hieronymus von Prag stellte sich ganz auf die Seite des Prager Reformators, was sich als wertvolle Unterstützung erweisen sollte.
[26:34] Derweil wurde das Chaos im christlichen Abendland immer größer. Die Reformation war in Prag zu Ende. Statt das abendländische Schisma, die Kirchenspaltung, zu beenden, wählte das Konzil zu Pisa 1410 noch einen dritten Papst, der gleichzeitig mit den anderen beiden seine Ansprüche geltend machte. Die Auseinandersetzung zwischen den vermeintlichen Hirten des Volkes Gottes wurde dabei keineswegs nur mit Worten geführt. Die Päpste heuerten Söldnerheere an und verkauften sie. All das bestätigte natürlich Jan Hus, der in seinen Schriften immer deutlicher die traditionellen Vorstellungen der Kirche angriff.
[27:14] Hier in der Bethlehemskapelle predigte Jan Hus auch aus seinem Traktat über die sechs Irrtümer, das er zuvor auf der Ziegenburg verfasst hatte und das wirklich den Nerv der Zeit traf. In der Kirche gab es in der Zeit des Konflikts immer mehr. In diesen sechs Irrtümern griff er populäre Lehren der Kirche an, zum Beispiel das Verständnis, dass beim Abendmahl der Priester die Hostie in den tatsächlichen Leib Christi verwandeln würde und damit zum Schöpfer seines Schöpfers würde. Zweitens wehrte er sich gegen die Praxis, im Glaubensbekenntnis eben nicht nur Gott anzubeten, sondern auch zu sagen: "Ich glaube an den Papst und die Heiligen." Drittens wehrte er sich gegen das Verständnis, dass Priester die Möglichkeit haben, Sünden zu vergeben. Viertens prangerte er an, dass man kirchlichen Würdenträgern impliziten Gehorsam leisten sollte. Außerdem forderte er, dass man unterscheiden sollte zwischen einer echten wirksamen Exkommunikation und einer, die völlig unbegründet ist. Der letzte Punkt betraf die Simonie, der Verkauf von geistlichen Ämtern gegen Geld.
[28:26] Erneut überzogen Kriegswolken den europäischen Kontinent. Papst Johannes der 23. rief zum Kreuzzug gegen Ladislaus von Ungarn auf. Vergebung aller Sünden und zahlreiche Segnungen in der Kirche standen denen offen, die sich dem Kreuzzug her anschließen würden. Auch in Böhmen sorgte dies für Aufruhr und Spaltung. Hust predigte leidenschaftlich gegen den Kreuzzug und machte sich damit etliche Feinde.
[28:58] Die Stimmung im Lande näherte sich einer offenen Eskalation. Der Erzbischof stellte Prag unter den Bann und Huss floh erneut. Diesmal für immer.
[29:14] Lange hat Hus mit sich gekämpft, ob er in Prag bleiben sollte oder nicht. Er war der Beste für die Gesamtbewegung, wenn er an einen anderen Ort ziehen sollte. Hatte nicht schon sein Meister Jesus Christus gesagt: "Wenn ihr in einer Stadt verfolgt werdet, flieht in die nächste." Und so ging er zurück an den Ort seiner Geburt, nach Husinetz. Aber selbst hier waren seine Gedanken immer bei seinen Freunden in Prag. Und er schrieb einen Brief an sie, indem er Folgendes an sie richtete:
[29:46] "Meine Brüder, ich gehe von hier mit einem freien Geleit vom König, um meinen zahllosen und moralischen Feinden zu begegnen. Ich verlasse mich völlig auf den Allmächtigen Gott, meinen Heiland. Ich vertraue darauf, dass er auf unsere innigen Gebete hören wird und mir seine Klugheit und Weisheit in meinen Mund legt, damit ich ihnen widerstehen kann und dass er mir seinen Heiligen Geist verleiht, um mich in meiner Freiheit zu stärken, damit ich mit Mut den Versuchungen, dem Kerker und, wenn notwendig, einem grausamen Tod entgegengehen kann. Jesus litt um seine Auserwählten willen. Und sollten wir daher überrascht sein, dass er uns ein Beispiel gab, für ihn und unser Heil alles zu erdulden? Er ist Gott und wir seine Geschöpfe. Er ist der Herr und wir seine Diener. Er ist der Herr der Welt und wir sind verachtenswerte Sterbliche. Und doch litt er. Warum sollten wir nicht auch leiden, besonders wenn Leid zu unserer Reinigung dient? Daher, meine Geliebten, wenn mein Tod zu seiner Herrlichkeit beitragen sollte, betet darum, dass er schnell kommen möge und dass der Herr mich befähigt, all meiner Not mit Standhaftigkeit zu begegnen. Doch wenn es besser sein sollte, dass ich zu euch zurückkehre, so wollen wir Gott darum bitten, dass ich ohne Befleckung wieder zu euch komme. Das heißt, dass ich nicht ein Tüttel der Wahrheit des Evangeliums unterdrücke, damit ich meinen Brüdern ein ausgezeichnetes Beispiel liefere, dem sie nachfolgen können."
[31:34] "Vielleicht werdet ihr mein Antlitz in Prag nie wieder sehen. Wenn es aber der Wille des Allmächtigen Gottes ist, mich euch wiederzugeben, lasst es uns mit festerem Herzen in der Erkenntnis und Liebe zu seinem Gesetz vorangehen. Möge die Herrlichkeit Gottes und das Heil von Seelen dein Gemüt in Anspruch nehmen und nicht der Besitz von Pfründen und Vermögen. Hüte dich davor, dein Haus mehr zu schmücken als deine Seele und verwende deine größte Sorgfalt auf das geistliche Gebäude. Sei liebevoll und demütig zu den Armen und verschwende deine Habe nicht durch Festgelage. Solltest du dein Leben nicht bessern und dich vom Überflüssigen fernhalten, so fürchte ich, wirst du hart gezüchtigt werden wie ich selbst. Du kennst meine Lehre, denn du hast meine Unterweisung von deiner Kindheit an empfangen. Deshalb ist es unnütz für mich, dir weiter zu schreiben. Mich nicht in irgendeiner der Eitelkeiten nachzuahmen, in welche du mich fallen sahst. Ich beschwöre dich, mein Freund, diese Siegel nicht zu brechen, bis du die Gewissheit erlangt hast, dass ich tot bin."