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Dieses Video beleuchtet das Konzil von Konstanz, ein entscheidendes Ereignis im frühen 15. Jahrhundert, das das abendländische Schisma beenden sollte. Im Fokus stehen die komplexen politischen und kirchlichen Verwicklungen, die zur Einberufung des Konzils führten, sowie die dramatischen Ereignisse rund um die Verurteilung und Hinrichtung des böhmischen Reformators Jan Hus.

Die Darstellung des Konzils zeigt nicht nur die Bemühungen um die Beilegung der Kirchenspaltung und die Verurteilung von Ketzern wie Jan Hus und John Wyclif, sondern auch die tiefgreifenden theologischen Debatten, wie die Frage des Abendmahls in beiderlei Gestalt. Das Video beleuchtet die mutige Haltung von Jan Hus und Hieronymus von Prag angesichts des Widerrufs und ihren unerschütterlichen Glauben, der sie bis zum Martyrium führte.


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Serie: Jan Hus - Sola Scriptura - Die Fackel der Reformation

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Transkript

[0:28] Mit der Krönung von Sigismund von Luxemburg zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches 1413 trat eine neue Situation in Europa ein. Er musste schnell und entschieden handeln, denn das christliche Abendland drohte auseinanderzubrechen.

[0:47] Das abendländische Schisma bedrohte die Christenheit in Europa. Drei rivalisierende Päpste kämpften um die Vorherrschaft, und Kaiser Sigismund wusste, dass nur ein allgemeines Konzil die Kirchenspaltung überwinden konnte. Und so berief er für den 1. November 1414 ein solches Konzil hier in Konstanz ein.

[1:06] Papst Johannes der 23. war von dieser Idee überhaupt nicht begeistert. Seine vielen Verbrechen konnten eine Untersuchung gar nicht vertragen. Doch zumindest sagte er seine Teilnahme zu, im Gegensatz zu den anderen beiden Päpsten, die nur Delegierte schickten. Ansonsten waren alle Politiker von Rang und Namen anwesend: Kurfürsten, Herzöge, Markgrafen, Grafen und viele andere Adlige, die sich hier versammelten, nebst vielen Kardinälen und kirchlichen Würdenträgern. Zudem gab es viele Pilger, sodass sich hier in der kleinen Stadt Konstanz mehr als 100.000 Menschen versammelten. Es sollte eines der größten Ereignisse der ganzen mittelalterlichen Geschichte werden, eines der wichtigsten Konzilien, die die Geschichte der Kirche auf Dauer verändern würden.

[1:49] Dieses große Schisma war eine Spaltung innerhalb der lateinischen, also der abendländischen westlichen katholischen Kirche. Es dauerte von 1378 bis 1417. Es begann schon recht früh, die Vorgeschichte zumindest, nämlich Anfang des 14. Jahrhunderts. Damals bereits wurde Avignon in Frankreich immer wichtiger als Sitz der französisch dominierten Päpste. Der Papst, der in Avignon damals saß, hatte keinen autonomen Staat mehr um sich herum, wie in Rom sonst der Vatikanstaat, wurde damit immer abhängiger von der französischen Politik und wurde von daher auch immer mehr Spielball der Politik.

[2:29] Es gab daraufhin Proteste und 1376 musste Papst Gregor XI. aufgrund des öffentlichen Drucks nach Rom zurückkehren, wo er allerdings schon zwei Jahre später verstarb. So gab es jetzt große Befürchtungen, dass der nächste, neu gewählte Papst wieder nach Frankreich abwandern könnte, und das führte zu chaotischen Verhältnissen bei der Papstwahl im Jahre 1378. Damit begann dann das Schisma, die große Kirchenspaltung. Damals stürmten Bewaffnete das Konklave und störten damit die Papstwahl und forderten die Wahl eines Römers, damit er auch wirklich in Rom bleibt und nicht nach Avignon abwandert.

[3:04] Es wurde dann ein Italiener gewählt, Urban VI., der sofort nach Amtsantritt 29 neue Kardinäle ernannte, um die französische Vormacht in der Kurie zu brechen. Die französisch dominierten bisherigen Kardinäle akzeptierten das nicht und erklärten Papst Urban VI. schlichtweg für abgesetzt. Daraufhin wurde ein anderer Papst, ein Gegenpapst, Clemens VII. Diese beiden Päpste waren nicht bereit, auf ihre Ansprüche zu verzichten. Eine Schlichtung war auch nicht in Sicht. Und so kam es schließlich, nach langem Hin und Her, zu dem Konzil von Konstanz im Jahre 1414 bis 1418.

[3:43] Eine Kirche, drei Päpste, das konnte auf Dauer nicht mehr sein. Gregor XII. in Rom, Benedikt XIII. in Avignon und dann auch noch seit dem Konzil in Pisa 1409 ein dritter Papst, der jetzt als Nachfolger mittlerweile Johannes XXIII. war. Alle in Europa wussten, dass eine Lösung herbeigeschafft werden musste. Doch wie die aussehen sollte, wusste keiner so genau. Alle drei Päpste beanspruchten das Recht auf den Thron und schreckten selbst vor Waffengewalt nicht zurück.

[4:29] Eins konnten alle Beobachter deutlich merken: Aus solch einer Quelle war das Wasser des Lebens nicht länger zu erwarten. Und es ist kein Wunder, dass allein deswegen Jan Hus und seine Reformationsbewegung durchaus Sympathie in ganz Europa bekamen.

[4:52] Dem Aufruf zum Konzil folgte alles, was Rang und Namen hatte im Christentum: Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, Prälaten, Kurfürsten, Herzöge und zahlreiche Gelehrte, darunter Poggio Bracciolini, Dietrich von Niem, Enea Silvio Piccolomini, Manuel Chrysoloras, Peter von Ailly und viele andere. Chronist des Konzils war Ulrich von Richenthal, dem wir eine detaillierte Beschreibung der Ereignisse als auch eine lebendige Skizzierung der Konstanzer Verhältnisse zur Zeit des Konzils verdanken.

[5:30] In Konstanz hatten wir einen mittelalterlichen Staat mit allem, was dazugehört: Patrizier, Reiche, Zünfte und Handwerker, Arme, Klerus, Adel, alles war da. Am Anfang regierten die Patrizier und der Adel, später aber zur Zeit des Konzils bereits waren es die Zünfte. Ein Konzil war eine Chance, eine Chance reich zu werden, und mancher konnte davon profitieren. Allerdings, wenn beim Konzil die hohen Herrschaften zu Hause waren, bedeutete das auch den drohenden Bankrott für viele Händler, denn die hohen Herren bezahlten einfach nicht. Und nicht zuletzt Wein, Weib und Gesang, Glücksspiel und Prostitution – es gab von allem etwas. Eine Stadt im Konzil war eine Stadt im Rausch. Konstanz war im Rausch dreieinhalb Jahre lang.

[6:23] Ein solches Großereignis zog selbstverständlich zahlreiche Pilger an. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 100.000 Menschen sich in der kleinen Stadt aufhielten. Die Zustände waren dementsprechend gefährdet.

[6:49] Die Zustände waren dementsprechend geradezu chaotisch. Über vier Jahre mussten diese Massen versorgt und unterhalten werden. Für Konstanz bedeutete dies einen unvorstellbaren Kraftakt.

[7:05] Ein Kraftakt war auch die Anreise der Teilnehmer, insbesondere für die aus Italien kommenden Würdenträger, die auf dem Weg die Alpen überqueren mussten. Papst Johannes XXIII. stürzte gar bei der Überquerung eines Gebirgspasses. Manch einer sah darin bereits ein Vorzeichen, dass der hochmütige Pontifex Maximus auch auf dem Konzil gestürzt werden würde.

[7:35] Am 28. Oktober 1414 hielt Papst Johannes XXIII. Einzug in Konstanz. Es war eine überwältigende Zeremonie. All die Würdenträger der Kirche und der Stadt begleiteten ihn, als eine Hostie vor ihm getragen wurde, ein goldener Baldachin über seinem Haupt war. Und die ganze Stadt war auf den Beinen, um dieses Spektakel zu sehen. Doch tief im Innern wusste Papst Johannes XXIII., dass es mit seiner Macht bald zu Ende sein könnte.

[8:12] Ausgestattet mit einem Geleitbrief des Kaisers selbst, machte sich Jan Hus auf die Reise. Er ahnte, was auf ihn zukommen könnte. Doch auf dem Weg nach Konstanz sah er überall Anzeichen, dass sein Wirken positiv aufgenommen worden war. In Nürnberg wurde er gar mit offiziellen Ehren durch die Stadt eskortiert. Das Evangelium hatte sich über seinen eigenen Wirkungskreis verbreitet.

[8:42] Hier im Münster zu Konstanz wurde das Konzil feierlich eröffnet. Für die nächsten vier Jahre waren alle Augen in Europa hier auf Konstanz gerichtet, und es schien so, als ob die Zukunft des christlichen Abendlandes von den Entscheidungen der hier versammelten kirchlichen Würdenträger abhingen.

[9:03] Noch ein anderer Reisender erreichte Konstanz wenige Tage später, am 3. November. Jan Hus betrat durch dieses Stadttor, das Schnecktor, die Stadt Konstanz, nachdem er mit zwei böhmischen Adligen sich auf die lange Reise von Prag hierher gemacht hatte. Auf dem Weg war er in vielen Städten sehr freundlich und fast enthusiastisch begrüßt worden, und er hatte gewusst, dass viele Menschen von seinen Ideen gehört hatten und ihm Sympathie entgegenbrachten.

[9:29] Als er hier die Stadt betrat, wurde er durch die Adligen dem Papst vorgestellt, der zunächst einmal ihm auch zusicherte, dass er hier sicher sei. Auf der Suche nach einer Unterkunft wurde er bald fündig. Ganz in der Nähe des Stadttores gab es eine Witwe, die genau in diesem Haus hier in der heutigen Hussenstraße wohnte. Und Jan Hus verglich die Witwe so ein bisschen mit der Witwe von Zarpath aus der Bibel, die ihm Unterkunft gewährte.

[9:54] Doch er blieb nicht viele Tage hier, in diesem Haus, das heute das Jan-Hus-Museum beherbergt. Obwohl Historiker für viele Jahrhunderte davon ausgegangen sind, dass Jan Hus in der Hussengasse 64 gewohnt hat, wo heute das berühmte Jan-Hus-Museum zu finden ist, hat die moderne Wissenschaft es wahrscheinlich gemacht, dass er eher einige Meter weiter in diesem Haus, in der Hussengasse 22, gelebt hat. Heute heißt das Haus zur Roten Kanne. Wie dem auch genau sei. Lange hat Jan Hus ohnehin nicht seine Witwe, die Witwe von Zarpath, in der Hussengasse 64, gewohnt.

[10:27] Wie dem auch genau sei. Lange hat Jan Hus ohnehin nicht in Freiheit hier in Konstanz gelebt. Obwohl Jan Hus vergleichsweise freundlich aufgenommen worden war hier in Konstanz, hatte er doch mächtige Feinde im Konzil. Allen voran die beiden Würdenträger Paul von Kardinal von Mailand und Johannes von Gerson, Kleriker aus Prag, deren erklärtes Ziel darin bestand, dem Reformator das Handwerk zu legen. Sie waren bereits vor ihm angekommen und versuchten die Konzilsväter gegen ihn aufzubringen, und mithilfe geheimer Intrigen gelang ihnen das auch sehr bald.

[11:09] Was das Versprechen des Papstes wert war, das bekam Jan Hus nur allzu bald zu spüren. Er wurde nur kurze Zeit nach seiner Ankunft in Konstanz doch verhaftet und dem Verantwortlichen für die Kathedrale zunächst einmal übergeben.

[11:26] Die Gefangennahme von Hus löste heftige Reaktionen in Böhmen aus. Zahlreiche Adlige vereinten ihre Stimmen zu einem Protestschreiben, das sie an Kaiser Sigismund richteten, um ihn daran zu erinnern, dass er dem böhmischen Reformator sicheres Geleit gewährt hatte.

[11:45] Die ersten Wochen des Konzils fanden ohne Kaiser Sigismund statt. Der kam hier in Konstanz zu Weihnachten an. Er hatte den geheimen Plan gefasst, Johannes den 23. abzusetzen, obwohl er das Gegenteil öffentlich bekundet hatte. Und so war seine Ankunft in Konstanz natürlich ein wichtiger Schlüsselmoment in der Geschichte dieses Konzils.

[12:08] Ja, die Frage, ob Sigismund sich durchgesetzt hat oder nicht, ist schwierig, weil nicht klar ist, wie er sich durchsetzen wollte. Man muss sich das so vorstellen, dass Sigismund sich selber auch als Reformer sah. Wir leben in einer Zeit, in der es drei Päpste gibt. Das wollte niemand in der Christenheit. Und es galt, dieses Problem zu lösen. Gleichzeitig gab es unter den Kaisersiegen in Konstanz ein Problem. Und so wollte Sigismund das Problem dadurch lösen, dass er Hus zum Konzil in Konstanz vorlud. Und Hus kam, weil Sigismund ihm freies Geleit versprach.

[12:46] Als Kaiser Sigismund erfuhr, dass Jan Hus geflüchtet war, hat Kaiser Sigismund in Konstanz gefeuert. Er hat Kaiser Sigismund in Konstanz gefeuert.

[12:58] Als Kaiser Sigismund erfuhr, dass Jan Hus gefangen genommen worden war, war er erbost. Er fürchtete um seinen Ruf. Schließlich hatte er doch sicheres Geleit dem böhmischen Reformator versprochen. Doch die Kasuisten des Konzils hatten bereits eine passende Beschwichtigung. Jan Hus sei ein Häretiker und einem Häretiker müsse man nicht das Wort halten, auch wenn man deutscher Kaiser sei, so war ihr Argument. Schließlich müsse das Konzil eine allgemein verbindliche Entscheidung treffen, und bis dahin könne man ihn gut und gerne auch gefangen halten. Sigismund hielt sich an diesen Rat.

[13:39] Es gab verschiedene Agendapunkte, mit denen sich das Konzil beschäftigte. Zunächst war da die Heiligsprechung der Schwedin Birgitta Birgersdotter, die im 14. Jahrhundert als Mystikerin einen neuen Nonnenorden gegründet hatte. Insbesondere beschäftigte man sich auch mit der Autorität des Konzils in Bezug auf das Papstamt. Dessen Unfehlbarkeit wurde von den Konzilsvätern einem allgemeinen Konzil unterstellt, was zur Heilung des Schismas unerlässlich war. Außerdem wurden vermeintliche Irrlehren besprochen. Zum Beispiel befasste man sich mit den Lehren von John Wyclif, jenem englischen Reformator, der auch als der Morgenstern der Reformation gilt. Seine Lehren wurden verdammt, seine Bücher dem Scheiterhaufen übergeben. Man urteilte sogar per Dekret, dass seine Gebeine aus dem Grab in England hervorgeholt werden müssten, um noch einmal verbrannt zu werden.

[14:30] Aber nicht nur den vermeintlichen Häretikern ging es hier an den Kragen. Die Päpste selbst wurden zum Gegenstand der Untersuchung, allen voran Johannes der 23., der sich vieler abscheulicher Verbrechen schuldig gemacht hatte.

[14:48] Auf dem Konzil von Konstanz, auf dem auch Jan Hus verurteilt und schließlich dann getötet wurde, wurden auch die Lehren von Wyclif behandelt und verurteilt. Da er selbst aber bereits verstorben war, konnte man ihn nicht mehr verurteilen. Also sagte man, man lässt seine Gebeine ausgraben und verbrennt diese dann, um damit die kirchliche Verachtung ihm gegenüber und seinen Lehren gegenüber zum Ausdruck zu bringen. 13 Jahre später, im Jahre 1428, wurde das dann auch vollstreckt.

[15:18] Für die Anhänger Wyclifs war das weniger ein Zeichen der Verachtung, vielmehr ein Zeichen der Hoffnung. Sie sahen darin ein Symbol, so wie die Asche, die sie in England verbrannten. So wie die Asche der verbrannten Gebeine in den Fluss gestreut und sich überall hin verteilt haben, so würde auch seine Lehre von Fluss zu Fluss bis schließlich ins Meer über die ganze Welt sich hinweg verbreiten.

[15:40] Natürlich widmete sich das Konzil auch theologischen Fragestellungen, die durch Jan Hus und seine Mitstreiter aufgeworfen worden waren. Das Abendmahl in beiderlei Gestalt, so wie es von den böhmischen Reformatoren gefordert worden war, wurde abgelehnt. So blieb der Abendmahlskelch lediglich den Klerikern vorbehalten. Der Abendmahlskelch war früher in der Kirche für Laien durchaus gestattet, allerdings nur in wenigen Tagen im Jahr. Es kam dann an diesen Tagen oft zu einem derartigen Andrang, dass der Wein verschüttet wurde. Nach katholischem Verständnis aber war in diesem Wein wirklich Jesus Christus voll und ganz gegenwärtig, ebenso wie in einem Abendmahlsbrot, wodurch ein solches Verschütten einfach nicht hinnehmbar war. Und man bemühte sich, das dann mehr und mehr den Laien vorzuenthalten und alleine für die Priester zu belassen.

[16:32] Es kam dann dazu, dass im Jahre 1415 auf dem Konzil von Konstanz, als eine Art Reaktion gegen Jan Hus, der Laienkelch gänzlich verboten wurde. Jan Hus hatte nämlich gefordert, dass die Kommunion in beiderlei Gestalt durchgeführt werde, dass also die Laien sowohl das Brot als auch den Wein zu sich nehmen dürften. Das wurde im 16. Jahrhundert überhaupt ein wichtiger Punkt der reformatorischen Kirchen, womit sie sagten: Jesu Wort steht für uns höher als die Worte der Konzilien und Päpste. Und Jesus selbst sagte ja: Trinket alle daraus.

[17:04] In der heutigen Zeit ist es in der katholischen Kirche nicht mehr so. Inzwischen wird es sogar als wünschenswert erachtet, dass auch Laien von dem Kelch trinken. Allerdings geschieht es nur zu besonderen Anlässen.

[17:28] Hier auf der sogenannten Dominikanerinsel, wo das gleichnamige Laienkelch, wo das gleichnamige Ordenskloster stand und heute ein großes Hotel zu finden ist, wurde Jan Hus zunächst eingesperrt. Und diese Gefangennahme löste großen Protest, insbesondere in Böhmen aus.

[17:51] Hier im Dominikanerkloster wurde Jan Hus gefangen gehalten. Die Haftbedingungen waren wahrscheinlich viel schlimmer, als sie abgebildet sind auf dem Gemälde hier im Kreuzgang des heutigen Steigers. Jan Hus war sich sicher, dass alles, was passieren würde, in Gottes Hand ist. Und so zweifelte er nicht an den Umständen und an der Führung Gottes und erwartete einfach, was das Konzil jetzt mit ihm tun würde.

[18:12] Die Krankheit von Jan Hus wurde so dramatisch schlimm, dass das Konzil fürchtete, dass er vor einer Verurteilung bereits sterben könnte. Und so schickte man tatsächlich päpstliche Ärzte, um ihn noch länger abzuhalten. Den Konzilsvätern war es wichtig, ein Exempel zu statuieren.

[18:33] Die Kardinäle kamen hier in das Dominikanerkloster mit ihrer Liste der vermeintlichen Irrtümer in den Schriften von Jan Hus. Sie lasen ihm diese Irrtümer vor und baten ihn um Widerruf. Jan Hus, der von der Krankheit schwer gezeichnet war, wurde in den Schriften von den Kardinälen ausgesucht. Dies wäre unter allen normalen Umständen jedem Kriminellen zugestanden worden. Doch Jan Hus erhielt dieses Recht nicht.

[19:03] Aber Jan Hus war nicht der Einzige, der während des Konzils verhört wurde. Papst Johannes der 23. selbst wurde auf einer geheimen Sitzung angeklagt. Sein Sekretär, die Verurteilung des Konzils, berichtete, die Anklage beinhaltete alle Todsünden. Mindestens 43 schwere Verbrechen wurden ihm nachgewiesen, darunter Vergiftung seines Vorgängers. Außerdem Häresie, Simonie, Lüge, Heuchelei, Mord, Glücksspiel, Ehebruch und viele andere Vergehen.

[19:41] Papst Johannes XXIII. ahnte, dass die Untersuchung nicht günstig für ihn ausgehen würde. Und so beschloss er, sich einfach zu fliehen. Er, der mit solch großem Pomp und Gepränge hier in die Stadt eingezogen war, verkleidete sich und floh durch Winkelgassen, mitten in der Nacht unerkannt aus der Stadt. Doch nach einigen Tagen hatte man ihn in einer anderen Stadt in Süddeutschland gestellt und man brachte ihn wieder hier zurück.

[20:16] Das Konzil war in der Zwischenzeit in helle Aufregung geraten. Die Menschen waren voller Panik. Ein Papst, der vom Konzil flieht, das bedeutete einigen Tumult. Die Flucht war unbemerkt geblieben, weil der Herzog von Österreich, ein guter Freund des Papstes, zur Ablenkung ein Ritterturnier außerhalb der Stadt organisiert hatte. Als die Nachricht Konstanz erreichte, dachte man, das Konzil müsse abgebrochen werden. Doch Kaiser Sigismund ritt persönlich um die Stadtmauern und versicherte, dass alles geordnet weitergehen werde.

[20:51] Mit Johannes dem 23. waren auch die Wächter des Dominikanerklosters geflohen, sodass Jan Hus, der hier inhaftiert war, ohne Bewachung war. Man musste sich nach einem neuen Gefängnis umschauen und fand bald eine passende Lösung. Jan Hus wurde von Konstanz nach Gottlieben verlegt. In der Burg Gottlieben, die heute als Schloss in privater Hand ist und nicht der Öffentlichkeit zugänglich ist, wurde er in einen Kerker gesperrt und bei schlimmsten Bedingungen auszuharren, um auf das Urteil des Konzils zu warten.

[21:25] Kaiser Sigismund hatte erkannt, dass nur entschiedenes Vorgehen das Konzil retten könne. Mit breiter Unterstützung begann er einen Angriffskrieg auf Österreich. Gleichzeitig erklärte das Konzil, dass es letztlich über dem Papst stehe. So konnte auch formal der Prozess eingeleitet werden, der am 29. Mai mit der Verurteilung von Johannes dem 23. endete. Auch die beiden anderen noch verbliebenen Päpste wurden für abgesetzt erklärt.

[21:53] Im Grunde genommen hatte das Konzil durch diese Beschlüsse Jan Hus bestätigt. Dieser hatte ja genau diese Verbrechen angeklagt, die nun im Konzil zum Vorschein gekommen waren. Trotzdem ging man mit unverminderter Entschlossenheit gegen Jan Hus vor. Das Konzil hatte zwar die schlimmsten Exzesse verurteilt, doch war es weit davon entfernt anzuerkennen, dass die Kirche in vielen Punkten grundsätzlich auf falsche Fundamente baute. Für eine echte Reform hatte man kein Ohr.

[22:25] Papst Johannes der 23. wurde nach seiner Gefangennahme dem Konzil vorgeführt, das über ihn Gericht hielt. Er wurde der schlimmsten Verbrechen für schuldig befunden, unter anderem, so heißt es in den Originalakten, Verbrechen, die nicht schicklich sind, überhaupt genannt zu werden. Er wurde dann hier auf die Burg Gottlieben verlegt, wo schon Jan Hus einsaß. Und nun hatten wir den Reformator und den Papst, beide im selben Gefängnis.

[22:53] Hier an der heutigen Stephansschule befand sich 1415 das Kloster des Franziskanerordens. Einigen Berichten zufolge soll an dieser Stelle Jan Hus zum ersten Mal gefangen genommen worden sein, was auf jeden Fall sicher belegt ist, dass er hier das erste Mal von dem Konzil verhört worden ist.

[23:19] Am 5. Juni 1415 trafen sich die Konzilsväter in diesem Kloster, um die Anschuldigungen gegen ihn zu verlesen und ihm die Fragen zu stellen, wie er dazu sich verhalten würde. Diese Anschuldigungen waren eine Mischung aus wahrheitsgemäßen Darstellungen seiner Theorien, gleichzeitig waren Übertreibungen und auch glatte Lügen darin enthalten. Als Jan Hus darauf antworten wollte, hatte er nur die Chance, wenige Sätze zu sagen. Sofort brachen die Konzilsväter in lautes Gelächter und Geschrei aus. Mehrmals ging das so, bis die ganze Sitzung im Chaos abgebrochen werden musste. Jan Hus hatte keine Chance, sich zu verteidigen und war vollkommen erstaunt, dass bei diesem Konzil keine Gerechtigkeit herrschte.

[24:01] In der Zwischenzeit war Hieronymus von Prag angereist, um Hus beizustehen. Hus hatte ihn davor gewarnt, doch Hieronymus glaubte ernsthaft, etwas ausrichten zu können. Als er in Konstanz angekommen war, erkannte er, dass dies nicht der Fall war und er sich unnötig in Gefahr begeben hatte. Er reiste wieder ab und hatte beinahe Böhmen erreicht, als er gefangen genommen wurde. Auch er wurde vor das Konzil gestellt, niedergebrüllt und dann in ein Kerkerloch gesperrt.

[24:36] Nachdem die erste Sitzung solch eine Katastrophe gewesen war, baten einige der böhmischen Adligen Kaiser Sigismund bei der zweiten Sitzung, beim zweiten Verhör von Jan Hus dabei zu sein. Und so war Sigismund anwesend, als am 7. Juni, zwei Tage später, hier erneut im Franziskanerkloster Jan Hus verhört worden ist. Diesmal ging alles geordneter zu und er hatte die Gelegenheit, im Detail auf die Anschuldigungen einzugehen.

[25:02] Man kann heute den Dialog zwischen seinen Anklägern und Jan Hus in den Chroniken nachvollziehen. Dabei stellt man fest, dass Jan Hus in vielen theologischen Punkten noch durchaus mit Rom übereinstimmte. Sein Kampf ging vor allem gegen den Missbrauch in der Kirche und auch gegen das Prinzip der Vorherrschaft des Papstes. Obwohl er nicht alles in der biblischen Wahrheit verstand, war er doch von dem, was er erkannt hatte, felsenfest überzeugt. Und diese zweite Sitzung machte ganz deutlich, dass zwischen ihm und dem Konzil ein unüberbrückbarer Gegensatz bestand. Mit Soldaten wurde er wieder zurück in sein Gefängnis gebracht, und das Konzil musste jetzt überlegen, wie es mit ihm verfahren sollte.

[25:47] Hus hatte nicht nur Feinde. Manche bewunderten seinen Mut und selbst der Kaiser wollte ihn durchaus retten. Man bot ihm diverse politische Kompromisse an, doch Hus lehnte alle ab. Sein Gewissen und die Wahrheit des Evangeliums waren ihm wichtiger als alle Vorteile, die man ihm anbot, wenn er sich doch nur ein wenig auf das Konzil zu bewegen würde. Er hatte einen Frieden im Herzen, wie er ihn noch nie zuvor erlebt hatte. Und obwohl er hinter finsteren Gefängnistüren festgehalten wurde, sah er doch den Sieg des Evangeliums voraus.

[26:24] Die Richter Hussens waren damals sehr berühmte Leute: Pierre d'Ailly, Johannes Gerson, Francesco Zabarella – ein Who-is-who bei all den Leuten, die damals Theologie oder Kirchenrecht machten. Hus selber bemühte sich auch, verstanden zu werden. Seine Richter standen für Fortschritt, Erneuerung, alle wollten die Kirchenreform quer durch Europa. Aber Hus war behaftet mit dem Vorwurf der Ketzerei, weil er Ideen wie Wyclifs vertrat.

[27:00] Welche Ideen waren das? Zum Beispiel, dass die Schrift mehr Autorität haben solle als selbst der Papst. Oder, dass man, um der Schrift gehorsam sein zu können, auch dem Papst ungehorsam sein müsse, wenn er etwas verlangte, was der Schrift zuwiderstünde.

[27:20] Hus wurde von seinen Gegnern so gesehen, dass die Autorität des Papstes angriff mit der gleichen Wildheit wie der Koran der verfluchten Mohammedaner, wie man es damals gesagt hat. Übrigens eine Sache, die gewisse Parallelen auch denken lässt zu unserer heutigen Situation.

[27:41] Jedenfalls, die Schärfe des Widerspruchs Hussens gegen die Autorität der Kirche hat dazu geführt, dass selbst die wohlwollendsten, reformwilligsten Richter ihm nicht helfen konnten. Und der Widerruf, den sie ihm sozusagen sogar in den Mund legten, weil sie versuchten eine Formel zu finden, zu der er doch auch sich verstehen könnte, konnte nicht funktionieren. Denn das kam Hus nicht über die Lippen, dass er die Autorität des Papstes höher achten sollte als die der Bibel.

[28:18] Ich schreibe diesen Brief in meinem Kerker und mit meinen Händen in Ketten. Und morgen erwarte ich mein Todesurteil. Wenn wir uns mit der Hilfe Jesu Christi wiedertreffen in dem köstlichen Frieden des zukünftigen Lebens, wirst du lernen, wie gnädig Gott mir gegenüber war, wie wirksam er mich inmitten meiner Versuchungen und Not getragen hat. Vertraue und glaube, es hilft, es heilt die göttliche Kraft!

[29:49] Und dann kam der 6. Juli 1415. Es war der Geburtstag von Jan Hus und es sollte sein letzter Tag auf dieser Erde sein. Er wurde vom Erzbischof von Riga abgeholt, musste aber außerhalb der Kathedrale warten, bis hier im Münster die Messe zu Ende gesungen war. Als das beendet war, wurde er hineingebeten und hatte eine große Plattform aufgebaut, auf der er sitzen sollte, sodass alle Augen ihn sehen konnten. Ein Bischof predigte eine weitere Predigt über die Gefahren des Schismas und die Gefahren der Häresie und beendete die Predigt mit einem gewaltigen Aufruf an Kaiser Sigismund, diesen bösen Häretiker Jan Hus zu verbrennen.

[30:36] Er bekam eine letzte Chance, noch einmal zu widerrufen. Und dann spielten sich jene berühmten Momente ab, die in die Kirchengeschichte eingegangen sind. Jan Hus sagte ganz ruhig: "Ich bin aus eigenem freien Entschluss vor dem Konzil erschienen, unter dem öffentlichen Schutz und dem Ehrenwort des hier anwesenden Kaisers." In dem Moment drehten sich alle Augen auf den Kaiser, und dieser errötete.

[31:06] So bekannt ist dieses Ereignis geworden, dass 100 Jahre später Kaiser Karl V. sich weigerte, Luther verbrennen zu lassen, weil er nicht erröten wollte. Doch das half natürlich Jan Hus in diesem Moment nicht. Seine Abneigung zu widerrufen führte dazu, dass er jetzt öffentlich zur Schau gestellt wurde. Ihm wurden Geräte und Kleidungsstücke angezogen, die er in die Kirche brachte. Ihm wurden Geräte und Kleidungsstücke angezogen, die ihn lächerlich machen sollten. Und dann wurden sie ihm wieder abgenommen. Ganz offiziell wurde er seiner Priesterwürde entkleidet. Ganz zum Schluss wurde eine große Mitra aus Papier ihm aufgesetzt, die voll bemalt war mit Dämonen. Und drauf geschrieben stand: "Der Erzheretiker".

[31:53] Jan Hus kommentierte das wie folgt: Er sagte: "Mit welcher Freude möchte ich diese Krone tragen für dich, Herr Jesus, der du die Dornenkrone für mich getragen hast." Das waren so ziemlich die letzten Worte hier in Münster, die Jan Hus sprach. Er wurde dann der weltlichen Macht übergeben, die dann in einer großen Prozession ihn zu seinem Exekutionsplatz bringen sollte.

[32:17] Nachdem Jan Hus den weltlichen Behörden übergeben worden war, wurde er zum Exekutionsplatz geleitet. Der Prozession schlossen sich viele Konzilsteilnehmer an, bewacht von 800 Soldaten. Dazu kam die gesamte Stadtbevölkerung, die diesem Schauspiel beiwohnen wollte. Die gewaltige Prozession hatte die Stadttore von Konstanz verlassen, um hier an diesem Ort Jan Hus den Flammen zu übergeben.

[32:51] Ein Scheiterhaufen war vorbereitet worden für diesen größten aller Ketzer. Noch heute steht hier an dieser Stelle der berühmte Hussenstein, um an diesen berühmten Tag, den 6. Juli 1415, zu gedenken.

[33:06] Als Jan Hus diesen Ort erreichte, kniete er nieder, um einige Bußpsalmen zu beten. Er wandte sich auch noch einmal an das Volk und erklärte mit wenigen Worten, was seine grundlegenden Ideen gewesen sind. Beim Gebet war ihm die Spott-Mitra vom Kopf gefallen, auf der Dämonen abgebildet worden waren. Einer der Soldaten rannte zu ihm und platzierte sie wieder auf seinen Kopf mit der Begründung: Man könne einen Ketzer nicht verbrennen, wenn nicht auch die Dämonen auf seinem Kopf zu sehen wären. Und so machte man sich bereit, Jan Hus hier als Märtyrer den Flammen zu übergeben.

[33:45] Jan Hus wurde auf dem Scheiterhaufen platziert und er hat sich wahrscheinlich innerlich schon auf den Feuertod vorbereitet, als man feststellte, dass er mit dem Angesicht gen Osten gewandt war, was, so könnte man sagen, einem Ketzer nicht angemessen war. So musste er noch einmal losgemacht werden und auf der anderen Seite des Scheiterhaufens platziert werden. All das war natürlich letztlich nur Schikane.

[34:10] Als Jan Hus dann auf der westlichen Seite des Scheiterhaufens wieder festgemacht wurde und man jetzt wirklich daran ging, das Feuer anzuwenden, erschien noch einmal der Herzog von Bayern, gemeinsam mit dem Reichsmarschall, die in aller Eile angeritten gekommen waren, um ihn zum allerletzten Mal zum Widerruf zu bewegen. Doch Jan Hus blieb fest. Er rief aus: "Was soll ich widerrufen? Mit all dem, was ich geschrieben und gelehrt habe, habe ich doch nur das Evangelium verkündigen wollen und Sünder zu Christus führen wollen."

[34:40] So wurde das Feuer angezündet. Als das Feuer begann zu lodern, hat Jan Hus gesungen. Er sang: "Jesus Christus, o Herr, erbarme dich mein." Als er das dritte Mal anfing zu singen, hat ein Windstoß die Flammen ihm direkt ins Gesicht gestoßen. Er starb, aber an diesem Tag triumphierte das Evangelium.

[35:11] Für viele der Schaulustigen war deutlich geworden, dass Jan Hus offensichtlich nicht einfach ein fanatischer Ketzer gewesen ist. Man hatte deutlich gesehen, dass die Freude und die Kraft des Evangeliums in seinem Herzen gewohnt waren. Als das Feuer ausgegangen war, stellte man fest, dass nur die unteren Teile des Körpers verbrannt waren, während die oberen Teile noch immer festgebunden hingen. So musste man das Feuer ein zweites Mal anzünden. Als es dann ausging, fand man immer noch in der Asche das Herz. Es war immer noch nicht verbrannt worden. Ein drittes Mal wurde das Feuer angezündet und als dann wirklich alles von ihm verbrannt war, nahm man die Asche und sogar die Erde, die hier um den Scheiterhaufen herum gewesen ist, und brachte sie zum Rhein.

[36:03] Die Asche von Jan Hus und die Erde wurden hier zum Rhein gebracht und in das Wasser gestreut. Die Konzilsväter glaubten, dass damit die Angelegenheit um Jan Hus erledigt sei. Doch darin hatten sie sich stark getäuscht. So wie der Rhein durch halb Europa fließt und in das große Meer mündet, so war die Idee der Reformation, die Jan Hus ausgedrückt hatte, noch lange nicht begraben. Sie würde sich ausbreiten, um Jahrhundert für Jahrhundert neue Früchte zu tragen und schließlich ein großartiges Ziel zu erreichen.

[36:46] Man wollte nicht, dass irgendetwas von ihnen übrig blieb, das die Menschen dann reliquienartig verehren konnten. Man wollte ihr Andenken sozusagen auslöschen, zernichten im wahrsten Sinn des Wortes. Aber es ist nicht gelungen, sondern etwas anderes ist geschehen. Die Wahrheit, die von diesen Menschen verkündigt wurde, wurde nicht mehr zum Schweigen gebracht, sondern so wie das Wasser die Asche sozusagen in alle Welt trug, ging auch die Wahrheit, von der sie überzeugt waren, in alle Welt.

[37:20] Die Nachricht vom Tod von Jan Hus verbreitete sich in Windeseile in ganz Böhmen. Nicht nur hier in seiner Heimatstadt in Husinet, sondern in der ganzen Nation war ein Schock und eine Entrüstung zu spüren. Alle waren sich einig, dass Jan Hus der Boshaftigkeit von Priestern und Kirchenwürdenträgern zum Opfer gefallen war. Kaiser Sigismund galt als Verbrecher. Aber ein Gutes hatte sein Tod auf jeden Fall: Die Menschen begannen jetzt mehr als je zuvor die Bibel zu studieren, die Schriften von Wyclif und von Jan Hus. Und aus der Reformation des Jan Hus wurde eine nationale Bewegung, die Bewegung der Hussiten.

[38:02] Insbesondere hier in Prag war die Entrüstung groß, als bekannt wurde, dass das Konzil Jan Hus den Flammen überantwortet hatte. Der geschätzte Rektor der Universität, der beliebte Prediger der Bethlehemskapelle, ja der gefeierte Nationalheld war tot. Doch der Samen, den er hier in Prag ausgestreut hatte, sollte ja nicht ohne Frucht bleiben. Noch heute steht hier auf dem alten Marktplatz von Prag ein monumentales Mahnmal und Denkmal, das an Jan Hus erinnern soll.

[38:33] Aber noch ein Reformer saß in Konstanz im Gefängnis: Hieronymus. Die unmenschlichen Bedingungen zerrten an seinen Kräften. Nach vielen Monaten des Wartens wurde er erneut dem Konzil vorgeführt, das einen Widerruf anbot. Von Krankheit gezeichnet und verlassen von Gefährten sah Hieronymus keinen anderen Ausweg, als sich zu beugen. Er willigte in einen sehr moderaten Widerruf ein und hoffte damit, sein Leben zu retten.

[39:09] Doch die erhoffte Freiheit wurde ihm nicht gewährt. Die Kirchenväter hofften, ihn zu noch weitreichenderen Aussagen bewegen zu können. Wieder wurde er ins Gefängnis gesteckt, wo er nun sehr deutlich sah, welche Feigheit er begangen hatte. Von tiefem Schmerz getroffen, verglich er seinen faulen Kompromiss mit der mutigen Treue seines Weggefährten Jan Hus. Mehr als alles andere wünschte er sich, ihn niemals verleugnet zu haben. Das Eingeständnis seiner Sünde und Schwäche beugte ihn zutiefst und nagte an seiner Seele. Schließlich entschloss er sich, dort im Kerker doch noch treu zur Wahrheit zu stehen, komme, was kommen möge. In Gedanken studierte er die Beweise für den Glauben, den er und Hus verkündigt hatten, und Gott stärkte ihn.

[40:01] Am 23. Mai 1416 kam Hieronymus endlich wieder vor das Konzil. Die Konzilsväter hatten eigentlich vor, ihn nicht lange zu befragen, er sollte nur mit Ja und Nein antworten. Doch Hieronymus beschwerte sich und protestierte, dass nach 340 Tagen im Gefängnis, wo, wie er sagte, nur Kot und Unrat und Mangel an allem Notwendigsten herrschte, er so ungerecht behandelt werden sollte. Wiederum gab es einen Tumult unter den Konzilsvätern, aber man einigte sich doch, dass er einige Tage später eine ganze Anhörung haben sollte, hier im Münster von Konstanz.

[40:43] Drei Tage später, am 26. Mai, war es dann soweit. Hieronymus von Prag hatte die Gelegenheit, hier im Münster seine letzte große Verteidigungsrede zu halten. Es war eine große Stunde der Reformation. Bevor er begann, kniete er nieder und bat Gott darum, ihm die rechten Worte zu geben. Und an jedem Tag erfüllte sich die Verheißung von Jesus, dass der Heilige Geist uns die Worte eingeben wird, wenn wir sie brauchen.

[41:16] Hieronymus begann eine exzellente Verteidigungsrede, wie es niemand erwartet hätte von einem Mann, der fast ein ganzes Jahr in einem Kerkerloch ohne Studium, ohne Bücher gelebt hat. Er ging durch das Alte und das Neue Testament, durch die Geschichte der Völker und zeigte, dass viele gerechte und gläubige Männer von ungerechten Gerichten verurteilt worden sind, allen voran Jesus Christus, aber viele andere. Und er zeigte somit, dass es nichts Ungewöhnliches ist, dass auch jetzt, in dieser Zeit der Reformation, Menschen verurteilt werden, die später wahrscheinlich geehrt werden.

[41:52] Die Konzilsväter waren damit natürlich ganz und gar nicht einverstanden. Aber Hieronymus bezog sich auf die Schriften. Und indem er sich auf die Schriften bezog, zeigte er, dass er die Reformation verstanden hatte. Eine Sache musste er aber doch widerrufen, und zwar seinen Widerruf. Er sagte den Konzilsvätern, dass nichts ihm im Leben so leid getan hat, wie dass er zuvor Wyclif und Hus verdammt hatte. Damit geriet das Konzil in totale Aufregung, und wiederum konnte keine Ordnung hergestellt werden. Aber eins war sicher: Hieronymus hatte damit sein Todesurteil unterschrieben.

[42:39] Das Konzil lebte natürlich auch von den Gelehrten, die hier in Konstanz anwesend waren. Einer von ihnen war Francesco Zabarella, der Sigismund geholfen hatte, das Konzil überhaupt einzuberufen. Von Beobachtern wurde bestätigt, dass er unter die führenden Köpfe des Konzils zählte. Während der Zeit hier in Konstanz lebte er in diesem Haus zum Hohen Hirschen, das heute in der Münzgasse 30 sich befindet. Es war sein erklärtes Ziel, die Reformatoren aus Böhmen zu retten. Und so begab er sich wenige Tage vor der Exekution des schon quasi verurteilten Hieronymus noch einmal ins Gefängnis, um mit Hieronymus zu reden.

[43:19] Er lobte ihn wegen all seiner großartigen Gaben und Fähigkeiten und zeigte ihm, dass, wenn Hieronymus nur ein klein wenig sich auf das Konzil zubewegen würde, er mit großen Ämtern und Segnungen ausgestattet werden würde. Doch Hieronymus blieb standhaft. Er wollte nicht den Ruhm dieser Welt, er tauschte ihn nicht gegen einen Widerruf der Wahrheit.

[43:43] Hieronymus fragte ihn einfach: "Zeig mir doch aus der Heiligen Schrift, wo ich falsch liege." Zabarella lachte ihn fast aus und sagte: "Die Heilige Schrift, wer kann sie schon verstehen? Die Kirche muss sie interpretieren." Doch Hieronymus widersprach. Er sagte: "Die Tradition von Menschen steht nicht über der Bibel." Und als er damit deutlich gemacht hatte, dass er auf die Kompromissvorschläge des Zabarella nicht eingehen würde, schaute ihn Zabarella mit festem Entschluss an und sagte: "Ich bereue es so sehr für dich getan zu haben, ich bereue es, so viel Zeit investiert zu haben. Nun erkenne ich, dass du dem Teufel gehörst." Daran zeigte sich der wahre Charakter Zabarellas, der trotz seines Genies nicht die Tiefe des Evangeliums verstanden hatte, die Hieronymus erfahren hatte.

[44:29] Der Tag der Urteilsverkündigung war gekommen. Am 30. Mai 1416 versammelten sich all die Konzilsväter, die weltlichen und kirchlichen Würdenträger hier in Münster, um das Urteil über Hieronymus zu verkünden. Ein letztes Mal wurde ich hineingebeten in die Kathedrale, ein letztes Mal bekam ich die Chance zu widerrufen. Doch er widerrief erneut nur seinen Widerruf. Erneut zeigte er ganz deutlich, dass er nicht sich dem Konzil beugen würde und dass er zur Wahrheit stehen würde. Das bedeutete für ihn das Todesurteil, und das wurde jetzt auch exekutiert.

[45:04] Er wurde der weltlichen Macht übergeben, nachdem man ihm genauso wie auch Jan Hus eine Krone aufgesetzt hat aus Papier mit lauter Dämonen. Die Soldaten standen bereits draußen bereit, und dorthin wurde er jetzt gebracht. Ganz feierlich ging er, und man sagt, er hat angefangen zu singen. Ein Lied über seinen Glauben an Gott, mit dem er dann diesen Raum, diese Kathedrale verließ.

[45:30] Die ganze Prozession übersang Hieronymus' Lieder des Glaubens. Und einige Beobachter sahen seinen Gesichtsausdruck und schrieben später: Es hatte mehr den Eindruck, er würde zu seiner Hochzeit gehen statt zu seiner Exekution. Schließlich erreichte die gewaltige Volksmenge hier den Ort, an dem fast ein Jahr zuvor Jan Hus bereits verbrannt worden war. Für Hieronymus war das ein besonderer Ort, und er hat es als eine Ehre empfunden, hier sein Leben für das Evangelium geben zu dürfen.

[45:56] An diesem Ort kniete sich Hieronymus nieder und begann zu Gott zu beten. Die Soldaten hatten dafür nicht viel Verständnis und haben mit Gewalt ihn auf dem Scheiterhaufen angekettet. Erneut begann er zu singen, während um ihn herum das Holz gestapelt wurde. Als er fertig war mit dem Lied "Credo in Unum Deum", "Ich glaube an den einen Gott", hat er in deutscher Sprache die Zuhörer und Zuschauer angesprochen und gesagt: "Das ist mein einziges Glaubensbekenntnis."

[46:30] Die Zeit war gekommen, dass er verbrannt werden sollte. Und Hieronymus bemerkte, dass hinter seinem Rücken die Soldaten ihn verbrennen wollten, dass das Feuer hinter seinem Rücken angezündet werden sollte. Er rief aus: "Kommt nur nach vorne, wenn ich Angst gehabt hätte, würde ich heute hier nicht stehen." So kamen die Soldaten und zündeten das Feuer direkt vor ihm an. Ein letztes Mal begann er zu singen, lauter als je zuvor. Schon bald konnte man seine Stimme nicht mehr hören, doch mitten in den Flammen sah man seine Lippen, die sich noch für 15 Minuten unter großer Qual im Gebet bewegten. Schließlich starb auch Hieronymus, und sein Zeugnis war ein gewaltiges für die Kraft des Evangeliums.

[47:22] Kostbar ist in den Augen des Herrn der Tod seiner Getreuen. Jesus spricht: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt." Und ich hörte eine laute Stimme aus dem Himmel sagen: "Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen, und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott."

[48:06] Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, weder Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: "Siehe, ich mache alles neu." Und er sprach zu mir: "Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss." Und er sprach zu mir: "Es ist geschehen. Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben aus der Quelle des Wassers des Lebens umsonst."


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