Diese Folge von „Sola Veritas“ beleuchtet die turbulenten Jahre 1482 bis 1484 und wirft einen Blick auf die weltpolitische und kirchliche Situation Europas. Von den Entdeckungsreisen der Portugiesen über die aufkeimende humanistische Bewegung bis hin zu den gravierenden Missständen im Papsttum und dem Beginn der spanischen Inquisition werden die komplexen Ereignisse dieser Zeit dargestellt. Die Folge endet mit der Geburt eines Kindes in Eisleben, das eine entscheidende Rolle in der kommenden Reformation spielen wird.
Sola Veritas: 1. Funken im Dunkel (1482-1484)
Christopher Kramp · Sola Veritas - Die wahre Chronik der ReformationPodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Sola Veritas – Die Wahre Chronik der Reformation
500 Jahre ist die Reformation alt: wird sie fortgeführt oder begraben? Wie verhalten sich Luthers Erben und was wird aus seinen (Wieder)entdeckungen? All das sind wichtige Fragen. Doch beantworten kann sie nur, wer das Reformationsgeschehen selbst gründlich kennt. „Sola Veritas – Die wahre Chronik der Reformation“ bietet weitaus mehr als die üblichen bekannten Zusammenfassungen und Anekdoten. Ausgehend vom Jahre 1482 wird alles chronologisch erzählt, was weltgeschichlich und biographisch (sowohl bezüglich Luther als auch vieler anderer, zum Teil sehr unbekannter Reformatoren) wichtig war. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt des Spätmittelalters, erleben sie das zaghafte Aufblühen von Wissenschaft und Kultur, verfolgen sie die Debatten um philosophische und theologische Streitfragen und entdecken sie Schritt für Schritt mit Luther und seinen Mitkämpfern befreiende biblische Wahrheiten. So wird Kirchengeschichte lebensnah und endlich gut verständlich…. Neue Folgen wöchentlich, bzw. wenn es die Zeit erlaubt. Ein Programm von www.joelmediatv.de
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Serie: Sola Veritas - Die wahre Chronik der Reformation
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Transkript
[0:37] Herzlich willkommen zur Sola Veritas, die wahre Chronik der Reformation. Ich möchte Sie mitnehmen auf eine besondere Geschichte, eine Geschichte von Päpsten, Kaisern und Fürsten, eine Geschichte von Handwerkern, Mönchen und Bauern, eine Geschichte von Wissenschaft und Religion, von Fortschritt und Tradition, eine Geschichte von Freundschaft und Verrat, Liebe, Hass und Eifersucht. Vor allem eine Geschichte über die Krise des Menschen, über die Suche nach der eigenen Identität, nach der Lösung der ganz grundlegenden Fragen. Eine Geschichte über persönliche Überzeugung, eine Geschichte über den Glauben. Es ist eine Geschichte, die viele Brüche hat, die so komplex und faszinierend ist wie unser eigenes Leben. Eine Geschichte, von der wir sehr viel lernen können. Eine Geschichte, die uns zeigt, dass es jemanden gibt, der die Geschichte lenkt. Eine unsichtbare Hand, die Völker, Nationen, Kirchen, Institutionen, einzelne Personen lenkt und leitet, um ein großes Ganzes hervorzubringen. Um die Wahrheit leuchten zu lassen. Wir werden in dieser Geschichte sehen, dass die sogenannte Reformation nicht nur ein Geschichtsereignis war, sondern vielmehr viele Prinzipien, die wir aus dem Leben der Reformatoren, der bekannten und auch der sehr unbekannten Faktoren, die wir gleichermaßen hier betrachten wollen, übertragen können in unsere Welt. Auch wenn inzwischen ein halbes Jahrtausend vergangen ist. Bevor wir uns auf diese spannende und wirklich faszinierende Reise begeben, möchte ich mit einem kurzen Gebet starten und lade Sie, liebe Zuschauer, dazu ebenfalls ein. Lieber Vater im Himmel, wir möchten dir danken, dass du ein Gott bist, der die Geschichte lenkt und leitet, dass du jemand bist, der sich um uns kümmert. Und auch wenn wir oftmals falsche Wege gehen, rufst du uns zurück zu einer Reformation. Wenn wir jetzt die Geschichte der Reformation des Mittelalters betrachten, möchten wir dich bitten, dass du mit einem guten Geist und mit aller Wahrheit führst, denn wir wollen die wahre Geschichte dieser Reformation verstehen. Im Namen Jesu. Amen.
Teil 1: 1482-1484 – Funken im Dunkel. Wir schreiben das Jahr 1482. Auf dem nordamerikanischen Kontinent leben die Ureinwohner seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur und relativ friedlich miteinander. Weiter im Süden haben die blutrünstigen Azteken ein gewaltiges Imperium errichtet und frönen den Menschenopfern. Noch viel weiter südlich sind es die Inka, die große Teile der Anden beherrschen. Auf der anderen Seite des gewaltigen Ozeans, dem dunklen, schwarzen Kontinent Afrika, haben sich mehrere Königreiche gebildet, doch allzu viel ist nicht bekannt von den politischen Gegebenheiten dort. In jener Zeit besser sind wir unterrichtet über den südostasiatischen Raum. Diverse Königreiche in Indien und auch im südostasiatischen Gebiet sind uns bekannt, doch alles wurde überragt durch die kraftvolle Dominanz der chinesischen Kaiser der Ming-Dynastie. In Zentralasien waren es die Nachkommen der Mongolen, die in verschiedenen Khanaten und Horden den zentralasiatischen Raum unter sich aufgeteilt hatten. Der Islam war im Nahen Osten und auch im Mittleren Osten die beherrschende Macht und er hatte seine Fühler weit nach Europa vorgestreckt, vor allem durch das Osmanische Reich, das große Teile des Balkans beherrschte. In ganz Europa zitterte und fürchtete man sich vor dem Türken. In Osteuropa war es vor allem das große Polen-Litauen, das beherrschend war. Die Ungarn waren auf dem Vormarsch. Der Deutsche Orden regierte im Baltikum und ganz weit im Nordosten sahen wir den Aufstieg des Großfürstentums Moskau. Ganz Skandinavien war in der Hand Dänemarks. England hatte einige Jahre zuvor die Abspaltung der rebellischen Schotten hinnehmen müssen. Frankreich war zu neuer Größe aufgestiegen, aber die Welt wurde eigentlich beherrscht durch die beiden Seefahrernationen Portugal und das wiedervereinigte Spanien. Dort waren die beiden Königreiche Kastilien und Aragon vor kurzem zusammengekommen in einer Heirat und gemeinsam wollte man die letzten Überreste der islamischen Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel vernichten. Noch war dort so ein Brückenkopf, das Emirat Granada, ganz im Süden war in islamischer Hand, doch den Spanien gehörten auch weite Teile des Mittelmeerraumes, unter anderem ganz Süditalien, das Königreich Neapel. Direkt darüber schloss sich der Kirchenstaat an, das vielleicht seltsamste Gebilde der ganzen Weltpolitischen Situation, ein Staat für die Kirche.
[7:26] Das Papsttum war das religiöse Oberhaupt in der ganzen zivilisierten westlichen Welt. Die orthodoxe Christenheit, die im Osten ihren Schwerpunkt hatte, hatte kaum noch eine politische Handhabe, seit Konstantinopel einige Jahrzehnte zuvor gefallen war. Das Papsttum hatte allerdings nicht nur geistliche Oberhäupter, sondern regierte ganz weltlich als souveränes Königreich über ganz Mittelitalien. Und im Zentrum Europas war das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, ein Konglomerat aus vielen verschiedenen Fürstentümern, zum Teil so klein, dass man sich auf einer Karte gar nicht alles zeigen konnte, ein bunter Fleckenteppich, auf dem einige größere Reiche wie das Herzogtum Bayern, das Königreich Böhmen oder die habsburgischen Erbländer Österreich, Flandern etwas herausgestochen sind. Viele dieser Fürstentümer waren gar nicht mal im Besitz von weltlichen Herrschern, sondern standen ebenfalls unter der Herrschaft der Kirche: Erzbistümer, Hochstifte, Erbstifte. Viele Territorien wurden direkt von der Kirche verwaltet. Über dieses gigantische Konstrukt, das Heilige Römische Reich, das eigentlich so war die Ideologie, eine Art Fortsetzung des antiken römischen Reiches sein sollte, oder Vorherrschaft der katholischen Kirche über dieses große Territorium herrschte Kaiser Friedrich der III. Er war schon alt und nicht besonders aktionsfreudig. Spätere Historiker bezeichneten ihn auch als die Schlafmütze des Reiches. Er verbrachte viel Zeit in seinem habsburgischen Österreich, in der Steiermark, wo er sich seinem Gemüsegarten widmete. Und doch war er vor allem in den letzten Jahren zu einem geschickten Diplomaten herangereift, der viele wichtige Weichenstellungen für sein Kaiserreich auf den Weg gebracht hatte.
[9:50] Es war eine Zeit der Entdeckung. Und obwohl im Großen und Ganzen noch die mittelalterliche Welt der Ritter und der Burgen und der Religion gesellschaftsbestimmend war, klopfte schon der Drang nach Neuem an die Herzen der Menschen. Es waren die Portugiesen, die neue Länder entdecken wollten. Im Jahre 1482, im Januar, erreichten solche portugiesischen Schiffe die Goldküste in Westafrika. Hier errichteten die Portugiesen das erste europäische Fort südlich der Sahara. Sie nannten es São Jorge da Mina oder einfach auch Elmina genannt. Hier ein Bild von diesem Fort, das bis heute noch steht und das später einen unrühmlichen Beitrag in der Geschichte der Goldküste gespielt hat. Aber der Entdeckergeist war nicht nur auf die Geografie beschränkt. Viele Menschen suchten nach neuen intellektuellen Herausforderungen. Da waren zum Beispiel die Humanisten in Italien. Ihre Bewegung war geboren worden seit vielen Jahrzehnten. Es versuchte man, die Klassiker der alten Griechen und der alten Römer wieder zum Leben zu erwecken. Namen wie Angelo Poliziano oder Eugenio O. stehen für eine ganze Generation von Gelehrten, die genug hatten von der Vorherrschaft der Kirche über das Studium. Sie wollten freie Wissenschaft, sie wollten die alten Klassiker wieder entdecken und so wurden klassische Studien betrieben, lateinische Literatur wiederentdeckt und herausgebracht. Das Zentrum ihrer Bewegung war in Florenz, vor allem Poliziano erwarb sich den Ruf, das klassische Latein wieder zum Leben zu erwecken, das über so viele Jahrhunderte gelitten hatte in den Kirchenlatein von viel niedrigerer Qualität. Die Philosophie und viele andere Wissenschaften begannen wieder aufzublühen, allerdings unter den misstrauischen Augen der Kirche, die nur sehr zaghaft dieser Freiheit Raum gewähren wollte. Dieser Humanismus verbreitete sich bald auch über die Alpen hinaus in verschiedene andere europäische Nationen, z.B. auch in Deutschland, vermittelt durch Rudolf Agricola. Und einer der ersten, die diesen Humanismus auch in deutschen Landen zu Ruhm verhalfen, war ein junger Mann aus Pforzheim namens Johannes Reuchlin. Er diente dem Grafen von Württemberg-Urach, Eberhard im Bart, und in dessen Diensten nahm er an einer Reise nach Italien statt, um dort in Rom mit dem Papst zu verhandeln. Auf dem Weg kam er auch nach Florenz und hörte einige dieser berühmten Humanisten, die die allerberühmtesten Gelehrten der damaligen Zeit waren.
[13:27] Rom selbst war natürlich eine Reise wert, allein schon des Namens wegen. Die Stadt war weitaus weniger bewohnt und besiedelt als noch in antiken Zeiten. Die Stadtmauern waren viel zu groß für die wenigen tausend Menschen, die jetzt 1482 in Rom lebten. Viele antike Ruinenstädte wurden von Kühen begrüßt und beweidet, aber doch war der Name Rom allein schon etwas ganz Besonderes. Hier wohnte ja der Papst, mit dem galt es Verhandlungen zu führen. Der Papst in jener Zeit war Sixtus IV., mit bürgerlichem Namen Francesco della Rovere. Er sollte eigentlich der Kirche neue Impulse verleihen, doch er entpuppte sich als ausschweifend und als jemand, der den persönlichen Lieblingen, den Günstlingen, den Verwandten alle möglichen Ämter zuschanzte. Er war es gewesen, der vier Jahre zuvor den Konzilialismus aufgehoben hatte, eine Idee, die Jahrzehnte zuvor auf dem Konzil von Konstanz entwickelt worden war, dass nämlich der Papst von einem allgemeinen Konzil zu einem dem allgemeinen Konzil unterstellt ist. Papst Sixtus, wie die Päpste vor ihm, hielt nicht viel davon und er entschied, dass der Papst den absoluten Vorrang in der Kirche habe, sogar noch vor dem Konzil. Im selben Jahr, 1478, hatte er mit einer Bulle die neue Inquisition geschaffen, und zwar ganz besonders in Spanien, aus der sich später die gefürchtete spanische Inquisition entwickeln sollte.
[15:15] Apropos Spanien: Wie bereits angedeutet, war dieses Land vor kurzem entstanden durch die Hochzeit zweier Könige. Die Königin Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II., König von Aragon, hatten geheiratet. Ihre beiden Territorien zusammengebracht und dadurch entstand das katholische Spanien. Sie nannten sich beide die Katholischen Könige, die sich anschickten, die letzten Reste des Islam aus Granada zu vertreiben. Dazu brauchten sie tatsächlich inquisitorische Unterstützung. Den Juden und den zum Christentum übergelaufenen Mauren, den Morisken, wurde nachgespürt, ob sie auch wirklich Christen sind oder nur heucheln. 1482 war es den beiden gelungen, in einer militärischen Überraschungsaktion tief im Kerngebiet von Granada die berühmte Festung Alhama einzunehmen. Und so war bereits für das Emirat Granada die Zeit gezählt. Schon bald würde sich zeigen, ob dieser Vorposten des Islam überhaupt noch zu halten sei.
[16:26] In jedem Jahr 1482 traf ein weiterer Schicksalsschlag. Das sagenumwobene, altbekannte reiche Fürstentum, Herzogtum Burgund, und die Herzogin Maria von Burgund erlitt einen Reitunfall. Sie war die Erbin von Karl dem Kühnen, dem letzten großen Herzog von Burgund, der nicht nur über die burgundischen Lande, sondern auch über Flandern regiert hatte. Frankreich hatte seitdem ein Auge auf dieses Gebiet geworfen und Maria hatte sich nur mehr schlecht als recht dessen erwehren können. Sie galt als die schönste Frau ihrer Zeit, doch sie starb noch im selben Jahr. Sie hatte Maximilian den Ersten, den Sohn von Kaiser Friedrich, geheiratet, der bereits Erzherzog von Österreich war, aber er konnte natürlich ihren Tod nicht verhindern. So gelangten all diese Gebiete von Burgund in den Besitz von Österreich, in den Besitz von Habsburg. Aber das wollten die Franzosen nicht gerne zulassen.
[17:41] Ebenfalls im Jahre 1482 starb Diether von Isenburg, der Kurfürst von Mainz. Der Kurfürst von Mainz war allerdings nicht irgendjemand. Es war eine der wichtigsten Positionen im ganzen Reich. Sieben Fürstentümer – drei geistliche und vier weltliche – hatten die sogenannte Kurwürde. Sie bestimmten, wer der nächste Kaiser sein würde. Diese sieben Kurfürstentümer waren: Das Erzbistum Mainz, der Erzbischof von Mainz war der Reichskanzler für Deutschland, dann der Erzbischof von Köln als der Reichskanzler für Italien, der Erzbischof von Trier als der Reichskanzler für Burgund. Sodann der König von Böhmen als der Mundschenk, der Pfalzgraf bei Rhein als der Truchsess, deswegen spricht man auch von der Kurpfalz. Dann der Herzog von Sachsen als der Marschall und der Markgraf von Brandenburg. Das waren die sieben mächtigsten Fürsten im Reich und ohne die wurde niemand Kaiser und konnte auch niemand wirklich als Kaiser regieren. Diether von Isenburg, also Erzbischof von Mainz, starb und wurde ersetzt durch einen jungen Mann, Albert von Sachsen, der nur 15 Jahre alt war und jetzt Erzbischof oder das Erzbistum leiten sollte, obwohl er noch nicht einmal das notwendige Alter für die Bischofsweihe hatte. Deswegen wurde er zunächst nur als Administrator eingesetzt.
[19:16] Derweil eroberten die Portugiesen immer weitere Gebiete auf ihrer Fahrt nach Süden. Der Portugiese Diogo Cao erreichte die Kongo-Mündung im Sommer 1482. Auch dort entstanden Niederlassungen. Die Welt stellte man sich damals noch ganz anders vor, als sie wirklich war. Im Jahre 1482 wurde die erste deutsche Weltkarte gedruckt. Es war die Cosmographia, die der griechische Geograf Claudius Ptolemäus im zweiten Jahrhundert angefertigt hatte. Also über ein Jahrtausend hatte man keinen wirklichen Fortschritt in Sachen Geografie gemacht. Das nach ihm benannte ptolemäische Weltbild, das geozentrische Weltbild, war nach wie vor Standard für die gesamte Wissenschaft.
[20:11] Das war am 16. Juli gewesen und fünf Tage später erschütterte ein Skandal Basel. Das war eine der Städte, die zur schweizerischen Eidgenossenschaft gehörte, und Basel war am 21. Juli sich konfrontiert mit einer Reihe von Pamphleten, die überall angeschlagen waren, in denen der Papst kritisiert wurde. Ein neues allgemeines Konzil, wie das Konzil von Basel einige Jahrzehnte zuvor, wurde dort gefordert. Missstände in Rom wurden angeprangert. Dahinter stand der Erzbischof von Köln, Andreas Reutting. Er war Dominikaner, hatte sogar mit dem gegenwärtigen Papst gemeinsam an der Universität Padua Theologie gelehrt und war von Kaiser Friedrich zum Erzbischof von Köln ernannt worden. Er hatte schon mehrfach gegen Rom protestiert, vor allem, weil er als Erzbischof öfter mal dort gewesen war, die Missstände erkannt hatte. Doch der Kaiser hatte sich gegen ihn gestellt, ihm die Immunität entzogen und er war bereits im Jahr zuvor, 1481, auf der Engelsburg gefangen gewesen. Dort hatte man ihn freigelassen, doch Andreas Reutting hatte daraus nichts gelernt. Wieder wollte er verschiedene Bischöfe zu einem allgemeinen Konzil zusammentrommeln. Dabei wurde er durchaus von der Stadt und der Universität Basel unterstützt, die standen hinter ihm, genauso wie mächtige Fürsten Italiens, wie z.B. Lorenzo de' Medici. Aber der Papst war natürlich über diese Sache keinesfalls erfreut. Und als sich herausstellte, dass Basel hinter Reutting stand, da benutzte man das Mittel, das schon so oft gewirkt hatte: Das sogenannte Interdict. Basel wurde mit dem Bann belegt und so musste die Stadt reagieren. Andreas Reutting wurde in einem Turm eingesperrt, den man hier auf dem Bild sehen kann, dem sogenannten Spannturm. Mehrere päpstliche Abgesandte kamen, um seine Überführung nach Rom zu fordern, wo er mit Sicherheit eines jammervollen Todes gestorben wäre. Aber die Stadt Basel blieb standhaft und wollte ihn nicht herausgeben. Lieber nahm man die wirtschaftlichen Konsequenzen der Androhung Roms in Kauf.
[22:45] In der Tat war es mit der Geistlichkeit in Rom in jenen Tagen nicht weit her. Man führte stattdessen Krieg und zwar nicht aufgrund von Glaubensfragen, sondern weil der Papst den kleinen Streifen hier zwischen dem Kirchenstaat und der Republik Venedig, dieser kleine blaue Streifen, das Fürstentum Ferrara, einem Günstling zu schieben wollte. Deswegen hatte er sich mit dem Herrscher von Venedig verbündet und führte jetzt Krieg, den sogenannten Ferraresischen Krieg. Aber einige andere italienische Staaten, Fürstentümer, wandten sich gegen ihn und bildeten eine Allianz, darunter auch der König von oder das Königreich Neapel, das unter spanischer Herrschaft stand. Und so kam es zum Feldzug zwischen dem Kirchenstaat und Neapel und zur Schlacht am 21. August, der Schlacht von Campo Morto, die als eine der blutrünstigsten Schlachten der ganzen Renaissance-Zeit gilt. Der Papst konnte diese Schlacht gewinnen. Der Herzog Alfons von Kalabrien wurde mit seiner Armee vollständig aufgerieben. Der Papst hatte also keinerlei Skrupel, wegen belangloser Begierden seiner Untergebenen Krieg zu führen und Menschenleben zu opfern. Der Jurist und Chronist Stefano Infessura schreibt dazu folgendes über Papst Sixtus: "Dass in ihm keine Liebe zu seinem Volk gewesen sei, nur wahlloser Prunk, Sucht, Eitelkeit, aus Geldgier habe er alle Ämter verkauft, Wucher getrieben, Abgaben auferlegt, das Recht fallengelassen, treulos und grausam hat er zahllose Menschen durch seine Kriege umgebracht."
[24:47] Es war eine Zeit, in der tatsächlich viele Missstände herrschten. Wir lesen hier in einem Geschichtsbuch, dass ein enthusiastischer Franziskaner 1482 intonierte, dass der Papst durch seinen Willen das Fegefeuer leeren könnte. Im selben Jahr verkündete die Kirche in Sant'Angelo nach Erhalt einer Ablassbulle von Papst Sixtus dem IV., dass jede Seele in den Himmel vom Fegefeuer den Himmel flügel, sobald für sie zur Reparatur der Kirche bezahlt würden, unabhängig davon, wie lange die von der göttlichen Gerechtigkeit endlich Strafe auch gewesen sein mag. Das heißt, egal wie schlimm angekündigt hatte, wenn man ein paar Taler zahlte und damit eine Kirche repariert werden konnte, dann, so klärte man, und so glaubte man, würde die Seele aus dem Fegefeuer direkt in den Himmel fliegen.
[25:41] An vielen Stellen war gegen solchen Unsinn protestiert worden. Verschiedenste Geistliche hatten oftmals schon in den vergangenen Jahren ihre Stimmen erhoben und waren meistens in irgendwelchen Kerkern zum Verstummen gebracht worden. Ungefähr um 1482 schrieb Heinrich Kramer, mit 42 Jahren ein erfahrener Inquisitor aus dem Orden der Dominikaner, folgendes: "Die ganze Welt ruft und verlangt nach einem Konzil, aber es gibt keine menschliche Kraft, die die Kirche durch ein Konzil reformieren kann. Der Allhöchste wird andere Mittel finden, die uns gegenwärtig unbekannt sind, obwohl sie vor unserer Tür liegen mögen, um die Kirche zu ihrem ursprünglichen Zustand zurückzubringen." Er hatte wohl keine Ahnung, dass die Mittel des Allhöchsten buchstäblich vor der Tür lagen.
[26:45] Genauer genommen in Eisleben. Im selben Jahr ereignete sich etwas, was ich tausendfach im selben Jahr ereignete: Ein junges Ehepaar bekam ein Kind. Sie kamen eigentlich aus der Gegend von Eisenach, aus dem Thüringischen und waren mehr oder weniger fast nur auf der Durchreise in Eisleben. Eisleben gehörte damals zu einer kleinen Grafschaft, gehörte nicht zu Sachsen, sondern zur Grafschaft Mansfeld. War dort in der Grafschaft der größte Ort und hierhin kam das damals noch junge Ehepaar Luther. Hier die Bilder natürlich aus späterer Zeit, weil es keine Jugendbilder von ihm gab. Aber Hans Luther und seine Ehefrau Margarete waren 23 Jahre alt. Beide kamen aus Bauernfamilien und Hans hatte den Bauernhof seines Vaters nicht gehabt, weil einen älteren Bruder hatte, er den Bauernhof gehört hatte. Und so wollte er sich in einem neuen Beruf versuchen als Bergbauarbeiter. Sie kamen nach Eisleben wohl schon mit der Absicht, später weiter zu ziehen, als hier im November Margarete ein Kind bekam. Es ist im Grunde genommen nicht genau sicher, ob es das Jahr 1482 oder 1483 war. Für beide Daten gibt es gute Gründe und entsprechend ist das sehr unsicher. Wir haben uns in dieser Serie entschieden, einmal mit dem Jahr 1482 zu gehen, weil 42, 83 meistens verwendet, obwohl es mindestens genauso gute Gründe auf 1482 gibt, was die Chronologie betrifft. Wie dem auch sei, wir werden in den nächsten Folgen immer wieder mit dieser Einjahresdifferenz rechnen müssen, dass nicht genau sich jetzt, ob es 482 oder 1483 habe. Was sich erst es war ein 10. November, als in jedem Haus ein Junge zur Welt kam.
[28:48] Es ist nicht genau so sicher, ob er der Erstgeborene Sohn und letzte, zweitgeborene Sohn ist. Die Überreste des Originalhauses können heute noch besichtigt werden. Es ist ja, wie viele Zeit später verbrannt worden oder...
[28:59] Zeit später verbrannt worden oder abgebrannt. Und noch heute steht dieses Luther-Geburtshaus als UNESCO-Welterbe. Dort, ein Kind war geboren worden, nichts Außergewöhnliches. Und sicherlich hat Heinrich Kramer, der Inquisitor, nicht geahnt, dass just in jener Zeit, als er diese Worte aussprach, tatsächlich der Allerhöchste längst für ein Mittel gesorgt hatte, um die Missstände, die es gab, anzusprechen.
[29:33] In der Bibel lesen wir, dass Gott sagt: "Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich ersehen." Und das, bevor du aus dem Mutterschutz hervor kamst, habe ich dich geheiligt. Lange vor diesem 10. November 1482 oder 1483 hatte Gott einen Plan für einen Menschen, der in einer besonderen Art und Weise für die Reformation einen Stand machen sollte.
[30:02] Einen Tag später, am 11. November, sollte er getauft werden, wie das so ganz üblich war. Jedes christliche Kind wurde nach seiner Geburt getauft. Und so gingen die Eltern, Hans und Margarethe Luther, in die nächstgelegene Kirche Sankt Peter und Paul in Eisleben. Und der Pfarrer taufte das Kind auf den Namen des Tagesheiligen. Der 11. November war der Tag und ist der Tag des Heiligen Martin. So wurde das Kind Martin Luther getauft.
[30:45] Derweil zeigte sich der Krieg in Mittelitalien dem Ende zu. Man schloss einen Frieden in diesem Krieg zwischen Ferrara und dem Kirchenstaat und Venedig. Und sobald der Frieden geschlossen war, entschied sich der Papst aus politischen Gründen einfach mal, die Seiten zu wechseln und sich jetzt mit Neapel zu verbünden gegen Venedig, die vorher seine Verbündeten gewesen waren. Also von Integrität und tiefer Überzeugung konnte da weniger die Rede sein. Der Papst agierte wie alle anderen Fürsten derzeit einfach als ein politischer Akteur, der nach Gewinn und Vorteil strebte.
[31:25] Gegen Ende des Jahres konnte der junge Johannes Reuchlin Zeuge der Tatsache sein, dass die beiden verfeindeten Linien in Württemberg, nämlich die Uracher und die Stuttgarter Linie, sich einigten. Den sogenannten Münchinger Vertrag wurde die Grafschaft Württemberg wiedervereinigt. Regierungssitz wurde nach Stuttgart verlegt. Weniger einheitlich ging es mit dem Herzogtum Burgund zu. Nach kriegerischen Auseinandersetzungen wurde es geteilt. Große Abschnitte oder große Territorien gingen tatsächlich nach Frankreich, während Maximilian der Ehemann der verstorbenen Herzogin zumindestens Flandern, die Niederlande, für Österreich behalten konnte. Burgund wurde somit aufgeteilt und die lange, sagenumwobene, legendäre Geschichte dieses Herzogtums kam damit im Grunde genommen zu einem Ende durch diesen Frieden von Arras.
[32:27] Es war ebenfalls im Jahre 1482, dass in Weinsberg in der Kurpfalz, nahe Heilbronn, was damals noch nicht zu Württemberg gehörte, ebenfalls ein Kind geboren wurde mit Namen Johannes Häuschen. Zu dem Zeitpunkt hat wohl nur der Allmächtige und allwissende Gott im Himmel gewusst, dass dieses Kind einmal als Ökumen Lombard eine große Rolle in der Reformation spielen würde.
[32:58] Genauso wie der relativ wenig bekannte Agostino de' Medici, der im selben Jahr in Cardito im Piemont, den Füßen der Westalpen geboren wurde. Und auch ein Ereignis ist aus dem Jahre 1482 zu berichten: Girolamo Savonarola, 30 Jahre alt, ein Dominikanermönch, wurde von Ferrara, das um das er gerade Krieg geführt worden war, nach Florenz berufen, um dort an der Kirche San Marco zu unterrichten. Dieser Savonarola würde in der Zukunft noch von sich reden machen.
[33:45] Das Jahr 1483. Am 8. Januar wurde in Colditz in Sachsen Wenzeslaus Link geboren. In diesem Jahr begann Reuchlin, fest angestellt zu werden bei dem Grafen von Württemberg, musste jetzt auf zahlreichen diplomatischen Missionen unterwegs sein und für den Grafen verschiedene wichtige Aufgaben übernehmen.
[34:13] Die junge Familie Luther zog nach nur wenigen Monaten weiter von Eisleben, jetzt in die Hauptstadt des kleinen Kaders, der kleinen Grafschaft nach Mansfeld. Selbst dort lebten allerhöchstens 2000 Menschen. Die Straßen waren nicht gepflastert. Hier dort wollte Hans Luther in gerade aufstrebenden Bergbau des Südharzes sein Glück versuchen. Mit diesem Bild sieht man, wie das einfache Volk links unten im Tal lebte, während die Grafen ganz sichtbar ihre Macht demonstrierten in dieser prächtigen Burg. Das war die Gegend, in der der ganz junge Martin Luther aufwachsen sollte.
[35:02] Derweil drohte Unheil in den großen Nationen Europas. Der erst 41-jährige Edward IV., König von England, starb völlig überraschend. Und sein Sohn, Edward V., war erst zwölf Jahre alt. Es waren unruhige Zeiten. Zwei Häuser, das Haus York und das Haus Lancaster, waren miteinander verfeindet und stritten um den Thron. Weil beide eine Rose im Wappen trugen, nennt man diese Zeit auch die Zeit der Rosenkriege.
[35:31] Die Spanier waren derweil beschäftigt, die Kanarischen Inseln zu erobern und die Sklaven, die Ureinwohner dort, in die Sklaverei zu verkaufen. Der junge Edward V., der eigentlich Thronfolger werden sollte, wurde dann allerdings kurze Zeit später in den Tower of London gelegt, mit seinem Bruder zusammen. Richard III., der Bruder des verstorbenen englischen Königs, nahm die Macht an sich und wollte sich der beiden Thronfolger entledigen. Die kamen in den Tower und kamen dort nie wieder heraus. Was genau mit ihnen passiert ist, weiß niemand genau. Natürlich gab es viele Gerüchte, dass sie ermordet worden sind, aber nie konnte das nachgewiesen werden. England war jetzt im Tumult.
[36:36] Sixtus dagegen widmet sich seinen architektonischen und kulturellen Projekten. Er hatte eine neue Kapelle in Auftrag gegeben, die 1483, und zwar am 15. August eingeweiht wurde und nach ihm benannt wurde als die Sixtinische Kapelle. Damals, freilich, noch ohne die berühmte Innenausmalung. Und nicht nur England wurde von einer Krisenkrise erschüttert, sondern auch Frankreich. Der alte und ehrwürdige König Ludwig XI., der viel dafür getan hat, Frankreich wieder zu einem starken Einheitsstaat zu machen, starb. Sein Sohn Karl VIII. war ebenfalls erst 13 Jahre alt und seine ältere Schwester musste jetzt die Regierungsgeschäfte übernehmen. Und auch dort gab es viele Intrigen und Streitigkeiten.
[37:25] Streit war allerdings nicht nur auf der politischen Ebene zu verzeichnen, sondern auch bei den verschiedenen Orden und Bruderschaften, die es in der Kirche da gab. Da gab es zum Teil ganz handfesten theologischen Streit, zum Beispiel über die Frage, wie ist Maria. Die Franziskaner jedenfalls behaupteten, dass Maria bereits bei ihrer Empfängnis, dass Maria selbst sündlos war, als sie Jesus empfing. Man nannte das die Lehre von der unbefleckten Empfängnis. Maria sei also zwar ganz biologisch gezeugt worden, aber hätte nicht die Erbsünde vererbt bekommen.
[38:12] Die Dominikaner dagegen waren vollkommen dagegen und beschimpften die Franziskaner für diese, so wie sie meinten, ihre Lehre, die tatsächlich auch sich in der Bibel nicht findet und sich auch nicht mehr belegen lässt. Diesen Streit, der immer heftigere Züge annahm, wollte der Papst jetzt schlichten. Vergab eine Bulle heraus und forderte beide Seiten auf, still zu halten und sich nicht mehr gegenseitig als Ketzer zu bezeichnen.
[38:38] Gleichzeitig machte er deutlich, dieser Bulle mit dem Namen "Gratia Dei", dass er auf der Seite der Franziskaner stand. Auch er glaubte ganz fest an die unbefleckte Empfängnis Marias, sie bereits selbst sündlos war, schon vor Jesus.
[38:59] Am 3. Dezember 1483 wurde in Torgau in Sachsen ein Nikolaus von Amsdorf geboren. Er war Sohn eines Amtmanns und seine Mutter Katharina von Amsdorf war eine geborene Staupitz, die Schwester eines gewissen Johann von Staupitz, von dem wir hier in dieser Serie noch viel hören werden.
[39:24] Die neue Technologie des Buchdrucks hatte zwar gewaltiges Potenzial, brauchte aber doch eine ganze Zeit, bis sie sich so in der Welt verbreitet. Zum Beispiel war es erst jetzt im Jahre 1483, dass das erste gedruckte Buch in Schweden erschien. Die "Alu Guss Kreatur" herum, zum Beispiel. Das Ganze braucht also wirklich Zeit, um erst einmal die Gesellschaft zu erreichen.
[39:50] Savonarola begann im Jahre 1483 dort in Florenz an San Marco, im Zentrum des weltoffenen Humanismus, über Profit zu predigen. Und schon bald zeigte sich, dass dieser Savonarola ein feuriger Prediger war, der nicht hinter dem Berg hielt, wenn er mit Dingen nicht einverstanden war, ihnen in der Gesellschaft und in der Kirche. Oder eine Gesellschaftskritik konnte man viele Beispiele finden. Florenz, der Name "Florenzer" war ein Schimpfwort, sogar in Deutschland, wegen des ausgesprochen unmoralischen Lebenswandels der Italiener dort in dieser Stadt.
[40:36] Die Portugiesen eroberten derweil immer weitere Teile der afrikanischen Westküste. Im Jahr 1480 stießen die ersten Portugiesen nach Angola vor und machten auch das zu einer portugiesischen Kolonie. Der König von Portugal, der junge Johann II., hatte immer wieder neue Abenteuer, die zu ihm kamen und neue Routen vorschlagen und neue Länder entdecken wollten. Aber es war schon etwas merkwürdig, als die Italiener Christoph Kolumbus, nur wenige Jahre älter als er selbst, auf ihn zukam mit der Bitte, ihm zu erlauben, auf dem Westweg, auf dem Seeweg nach Indien zu gelangen.
[41:25] Wahrscheinlich hat der König seine Wissenschaftler kommen lassen, von denen nicht etliche endlich wahrscheinlich den Christoph Kolumbus, wir besser bekannt ist, darauf aufmerksam gemacht haben, dass dort im Westen irgendwann die Erde sei. Wobei man dazusagen muss, dass es auch viele Wissenschaftler gab, die mit Kolumbus glaubten, dass tatsächlich die Erde eine Kugel gestellt habe und dass man tatsächlich die Erde umrunden können. Aber so etwas hatte noch niemand gewagt. Zumindest schien das so. Einen Seeweg nach Indien, wobei Indien damals grundsätzlich ganz Ostasien meint und genauso gut auch China mit beinhaltete, einen Seeweg nach Indien zu finden, das erschien sinnvoll. Aber die Portugiesen hatten bisher immer versucht, irgendwo südlich um Afrika herumzukommen.
[42:14] Der Vorschlag von Kolumbus wurde demzufolge abgelehnt. Noch eine Kuriosität, die verbunden ist mit dem König von Portugal, weil die Tatsache, dass er dem deutschen Kaiser Friedrich einen Elefanten schenkte. Man hatte ja nun genügend Mitbringsel aus Afrika gesammelt. Es war der erste Elefant seit 700 Jahren in Deutschland und er löste eine nachgerade eine Sensation aus. Die Menschen waren absolut fasziniert von diesem Tier. Das letzte Mal hatte man einen gesehen zur Zeit von Karl dem Großen.
[42:53] 1484. Es war noch ein anderer wichtiger Reformator, den Gott im Plan gehabt hatte, der sozusagen von einer anderen Seite aus dasselbe Werk der Reformation beginnen sollte. Er sollte nicht in Sachsen geboren werden, sondern in der wunderschönen Schweiz, zwischen dem Säntis-Massiv und den Churfirsten, in Wildhaus im Toggenburg. Dort wurde Ulrich Zwingli im Januar, am 1. Januar 1484 geboren. Sein Geburtshaus steht heute noch und kann besichtigt werden. Es ist etwas stabiler gewesen als das von Martin Luther. Es ist nicht abgebrannt und sogar noch die Schlafkamer, in der höchstwahrscheinlich der junge Ulrich geboren worden ist, ist heute noch zu besichtigen.
[44:01] Gut zwei Wochen später wurde in der Nähe von Nürnberg das Kind Georg Burkhardt geboren, der aufgrund seines Geburtsnamens sich später Spalletti nannte und auf den wir auch noch in der Zukunft öfters zurückkommen werden.
[44:21] Nachdem die beiden Thronfolger, weil der Thronfolger Edward V. und sein Bruder im Tower mysteriös verschwunden war, nun nicht mehr auftauchte, musste das Parlament in England eine Erklärung für das Volk finden. Und man fand einen Mann, der behauptete, dass die Ehe des verstorbenen englischen Königs, aus dem die beiden Söhne hervorgegangen waren, dass die illegitim waren und deswegen auch die Söhne illegitim waren und deswegen Richard III. der legale Thronfolger sei.
[45:04] Als dann allerdings jeden Tag eine frühe 1484 begannen sich die Ungarn erneut zu erheben. Ihr Ziel war es, Österreich, die habsburgischen Erblande anzugreifen. Sie dirigierten ja von der kroatischen Adriaküste bis weit über Böhmen und Mähren hinaus, bis in das Tiefebene der Oder und der Neiße. Und diesem Angriff waren die Österreicher nicht wirklich gewachsen. Mehrere Städte fielen und andere Burgen wurden und Festungen wurden umzingelt.
[45:43] Noch einmal zurück nach England. Als am 9. April der Sohn von Richard III. starb, da glaubte die Bevölkerung Englands, dass Gott ein Urteil gesprochen habe. Das war die sehr tief sitzende Religiosität der Menschen damals. Und das Volk begann sich von ihrem König, der gerade erst gekrönt worden war, mit Hilfe des Parlamentes wieder abzuwenden.
[46:10] Derweil wüteten die Ungarn unter ihrem König Matthias Corvinus. Friedrich III. konnte dem wenig entgegensetzen. Als er eine Armee des Heiligen Römischen Reiches aufbrachte, wurde diese in der Schlacht bei Loipersdorf vernichtend geschlagen, als man versuchte, die Korneuburg zu entsetzen. Jetzt hatte Friedrich kaum noch Handhabe gegen den Ansturm der Ungarn.
[46:45] Derweil war der gerade erst eingesetzte Reichskanzler, der Kurfürst von Mainz, Albert von Sachsen, schon wieder gestorben. Und wir werden in späteren Folgen sehen, warum diese Todesfälle in Mainz noch schwerwiegende Folgen haben sollten. Und so musste ein neuer Erzkancellor für Deutschland gefunden werden. Diesmal wählte man Berthold von Henneberg als den Kurfürsten von Mainz.
[47:13] Am 11. August erfuhr Papst Sixtus IV., dass die verschiedenen Parteien im italienischen Konflikt miteinander Frieden geschlossen hatten, ohne dass er davon etwas gewusst hatte, gegen seinen Willen. Und am nächsten Tag erlitt er einen Schlaganfall vor lauter Schock und starb. Ein unrühmliches Ende für eine unrühmliche Herrrschaft. Der Verleger Festus Bastian O. Da bist sagte über ihn: "Es hätte diese Wahl beinahe zum Niedergang der Kirche des Herrn geführt." Es musste ein neuer Papst gewählt werden.
[47:54] Das Konklave kam in Rom zusammen und das Geld floss in Strömen, vor allem von Giovanni Battista Cybo, der nachweislich mit Bestechung zum nächsten Papst gewählt wurde. Allerdings ein sehr schwacher Papst, körperlich angeschlagen, gesundheitlich angeschlagen, so dass die eigentliche Macht in den Händen von Giuliano della Rovere, dem Neffen des verstorbenen Papstes, lag.
[48:30] Papst Innozenz VIII. hatte tatsächlich mit sieben oder acht Kindern von verschiedenen Frauen, so dass damals das Sprichwort umherging, dass jeder in Rom ihn als den Vater Roms bezeichnen würde.
[48:52] Naja, am 13. November 1484 fand man Andreas de' Armini, der mit den Pamphleten gegen das Papsttum aufbegehrt hatte, tot in seiner Zelle in Basel. Man behauptete, dass er sich selbst umgebracht hatte. Nachgewiesen konnte das nicht wirklich. Etwas mysteriöser Fall. Man ließ ihn allerdings noch die Wochenlang in seiner Zelle tot liegen und verwesen.
[49:22] Am 29. November wurde in St. Gallen, gar nicht weit weg von dem Geburtsort von Ulrich Zwingli, Joachim von Watt geboren. Er war wurde geboren in eine sehr reiche Familie, die dort in dieser berühmten mittelalterlichen Stadt St. Gallen mit Leinen handelte.
[49:45] Am 3. Dezember fiel Korneuburg und jetzt waren nur noch Wien und Wiener Neustadt nicht in ungarischer Hand. Für Friedrich III. war das eine ziemliche Katastrophe.
[50:00] Nur zwei Tage später erschien eine der berühmtesten Bullen, die das Papsttum jemals hervorgebracht hat: die Bulle "Summis desiderantes affectibus", auch genannt die Hexenbulle. Die einzige Bulle, die das Papsttum produziert hat, in der explizit zur Hexenjagd sozusagen aufgerufen wird. Kurioserweise hatte Papst Innozenz VIII. sie nicht einmal selbst verfasst, sondern Heinrich Kramer, derselbe, der zwei Jahre zuvor von den Mitteln Gottes zur Reformation der Kirche gesprochen hatte. Er hatte die Bulle vorgeschrieben und der Papst nicht einfach mal abschreiben und seinen Namen drunter setzen. Und mit dieser Bulle hoffte der Inquisitor, Ulrich Kramer, oder auch Heinrich Institoris, ist sie auch genannt wurde, mehr gegen die vermeintlichen Hexen vorgehen zu können, von denen er viele in der Gesellschaft vermutete.
[51:04] Am 13. Dezember wurde Paul Stett in Riedlingen und in Röhlingen in Ellwangen geboren. Johannes Reuchlin, mittlerweile 29, heiratete und seine Frau war vermögend. Und das ging sich gut an. Mit den finanziellen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, konnte er seine weitere Karriere ausbauen. Er konnte an der neu gegründeten Universität Tübingen, die seit einigen Jahren existierte, einen Doktortitel in kaiserlichem Recht erwerben.
[51:33] Die Frage von der unbefleckten Empfängnis wurde, wie gesagt, heiß diskutiert. Im Jahre 1484 wurde extra ein Orden gegründet, der Orden der Conceptionis Mariae oder auch der Orden von der unbefleckten Empfängnis Mariens, lateinisch Ordo de Conceptione Immaculata Virginis Mariae, gegründet wurde sie von der sogenannten Heiligen Beatrice von Silva, die zu diesem Zeitpunkt fast tot schon war, in Toledo in Spanien.
[52:06] Wurde dieser Orden gegründet, der ebenfalls die Lehre von der unbefleckten Empfängnis Marias durchsetzen sollte. Dort in Spanien. Das hatten wir bereits gesehen, regierten diese beiden katholischen Könige und sie erhielten 1484 Verstärkung für ihre Administration durch einen reichen, einflussreichen Juden. Sein Name war Isaac Abravanel. Warnen der eigentlichen portugiesischen Diensten gestanden hatte, allerdings dort fliehen musste. Und dieser Mann war äußerst noch sein, weil er ein sehr gebildeter Philosoph, ein Gelehrter, der sich auskannte mit verschiedenen Geistesrichtungen und Strömungen, aber vor allem jemand, das macht ihn so interessant für uns, der sich für biblische Prophezeiungen interessierte.
[53:00] Er glaubte, dass das berühmte Standbild aus Daniel 2 die Weltreiche in ihrer Situation darstellte und da war er der einzige Erfolg haben, der ganz klassischen Auslegung der jüdischen und auch der frühchristlichen prophetischen Auslegung. Babylon, Mitte, Persien, Griechenland und Rom. Genauso auch in Daniel 7, wo die wilden Tiere, die der Prophet Daniel dort gesehen hatte, der Löwe für Babylon, da der Bär für Mesopotamien, der vierköpfige Leopard für Griechenland und das schreckliche Tier mit zehn Hörnern für das römische Reich. Und Abravanel war sogar so kühn zu behaupten und als Jude fühlen, dass relativ einfach zu sehen, dass das sogenannte kleine Horn, das nach den zehn Hörnern aus diesem vierten Tier im Vorstieg, dass dieses kleine Horn der sogenannte Antichrist, das Papsttum, zur Um sei.
[53:58] So glaubt er. Und so sagt er, obwohl er das oft hinter vorgehaltener Hand tun musste, weil seine katholischen Arbeitgeber natürlich nicht allzu begeistert gewesen wären. Er glaubt übrigens auch, dass es keine ewig brennende Hölle gäbe, etwas, was relativ ungewöhnlich war für seine Zeit.
[54:23] Zum Abschluss, irgendwann in dieser Zeit zwischen 1484 und 1496, das Geburtsdatum ist sehr vage, wurde in Offenplay in England William Wyll geboren. All diese geborenen Kinder haben dem Zeitgenossen damals wahrscheinlich nichts gesagt. Nur die Vorsehung, dass das allwissende Gedächtnis Gottes, konnte wissen, dass all diese Personen später einmal zu einer Bewegung zusammengeschweißt wurden. Es waren wie Funken im Dunkel einer ziemlich aufgewühlten Zeit.
[55:11] Und ganz zum Abschluss muss berichtet werden von den Tälern in Peru. Just in jener Zeit um 1484 berichten Chronisten, dass dort, wo seit fast 1000 Jahren ursprüngliche Christen sich in den Tälern und den Anhöhen aufgehalten hatten, die sogenannten Waldenser, das um diese Zeit herum, Ende des 15. Jahrhunderts, dort wir neue Aktivitäten zu verzeichnen waren. Ein Historiker sagt, das war, als ob die alten Wurzeln neue Triebe hervorbrachten. Wieder hörte man aus verschiedenen Dörfern dort in den Tälern der sogenannten Waldensertäler Männer und Frauen sagen, dass die Kirche von Rom die Kirche von Teufeln sei und dass niemand in eine Kirche gehen müsse, um zu beten. Man könnte genauso gut auch unter freiem Himmel beten.
[56:05] Diese wiedergewonnene Aktivität der Waldenser war ein weiteres Anzeichen, dass Gott etwas Großes vorhatte und dass Großes zu erwarten sein.
[56:21] Die Bibel spricht von diesen Christen in der Offenbarung als eine Frau, die in die Wüste floh, wo sie von Gott einen bereiteten Ort hat. Und seit Jahrhunderten hinweg hatten diese Waldenser in den Tälern ausgeharrt. Doch jetzt, jetzt nahm sich die Zeit ihrer theologischen und geistlichen Befreiung.
[56:44] In der nächsten Folge werden wir sehen.
[56:44] In der nächsten Folge werden wir sehen, wie Ereignisse im Leben des jungen Martin Luther, sowohl persönlich als auch weltpolitisch, die nachkommende Geschichte der Reformation tief geprägt haben. Bis dahin wünschen wir Ihnen Gottes Segen.
[57:02] Wir hoffen, dass wir uns bald wiedersehen zur nächsten Folge von Sola Veritas – die wahre Chronik der Reformation.
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