In dieser Folge von Sola Veritas tauchen wir in die Jahre 1508 und 1509 ein, eine Zeit intensiver persönlicher und intellektueller Entwicklung für Martin Luther. Wir beleuchten Luthers tiefe Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift und seine Suche nach Gottes Gnade, die ihn durch die Lehren von Johann von Staupitz entscheidende Impulse erhält. Gleichzeitig werfen wir einen Blick auf die politischen und kirchlichen Ereignisse dieser Zeit, die das Fundament für die spätere Reformation legten.
Sola Veritas: 13. Wittenberg und zurück (1508 – 1509)
Christopher Kramp · Sola Veritas - Die wahre Chronik der ReformationPodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Sola Veritas – Die Wahre Chronik der Reformation
500 Jahre ist die Reformation alt: wird sie fortgeführt oder begraben? Wie verhalten sich Luthers Erben und was wird aus seinen (Wieder)entdeckungen? All das sind wichtige Fragen. Doch beantworten kann sie nur, wer das Reformationsgeschehen selbst gründlich kennt. „Sola Veritas – Die wahre Chronik der Reformation“ bietet weitaus mehr als die üblichen bekannten Zusammenfassungen und Anekdoten. Ausgehend vom Jahre 1482 wird alles chronologisch erzählt, was weltgeschichlich und biographisch (sowohl bezüglich Luther als auch vieler anderer, zum Teil sehr unbekannter Reformatoren) wichtig war. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt des Spätmittelalters, erleben sie das zaghafte Aufblühen von Wissenschaft und Kultur, verfolgen sie die Debatten um philosophische und theologische Streitfragen und entdecken sie Schritt für Schritt mit Luther und seinen Mitkämpfern befreiende biblische Wahrheiten. So wird Kirchengeschichte lebensnah und endlich gut verständlich…. Neue Folgen wöchentlich, bzw. wenn es die Zeit erlaubt. Ein Programm von www.joelmediatv.de
Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:
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Serie: Sola Veritas - Die wahre Chronik der Reformation
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Transkript
[0:37] Herzlich willkommen zu Sola Veritas, die wahre Chronik der Reformation. Heute wieder mit einer Folge über zwei Jahre, die vollgepackt sind mit Ereignissen und Ergebnissen der verschiedenen Reformatoren, insbesondere natürlich von Martin Luther, aus denen wir viel lernen können. Und bevor wir beginnen, möchten wir mit einem Gebet starten: Lieber Vater im Himmel, danke, dass wir zurückschauen dürfen. Danke, dass wir aus der Geschichte lernen können und danke, dass wir sehen können, dass bestimmte Kämpfe, bestimmte Prinzipien, bestimmte Auseinandersetzungen in allen Zeitaltern immer dieselben sind. Und vor allem, dass sein Evangelium immer dasselbe ist. So möchten wir dich bitten, dass wir beim Studieren der Geschichte der Reformation, wie er selbst eine Erweckung und Reformation erleben, dass wir dich besser kennenlernen. Und wir danken dir durch Jesus Christus. Amen.
[1:43] Teil 13: 1508 bis 1509 – Wittenberg und zurück. 1508. Martin Luther war ein junger Mönch mitten in einer existenziellen Krise. Wir haben in der letzten Folge gesehen, wie dieser Schrei der Seele sich artikuliert hat. Er wollte heilig werden, er wollte sich sicher sein, dass er bei Gott angenommen ist. Aber genau diese Sicherheit fand er nicht im Leistungskatalog der Kirche. Und die genauen Ereignisse dieser Zeit in den Jahren 1506, 1507, 1508 lassen sich nicht immer genau datieren oder zeitlich eingrenzen. Und doch war es diese Zeit, in der eine enorme Weichenstellung stattfand, von denen wir jetzt hier zu Beginn dieser Folge berichten wollen.
[2:44] Martin Luther hat er insbesondere das Lesen geliebt. Als er Novize war, sollte er das sogar ganz offiziell tun. Danach ist ihm die Bibel aber erst einmal wieder weggenommen worden. Die scholastischen Kommentatoren sollten ja jetzt studiert werden. Luther war trotzdem nicht zufrieden mit dem einen Jahr Bibel, das ihm gewährt worden war. Wann immer es möglich war, in seiner Freizeit, zum Teil unbemerkt, hat er die Bibel aufgesucht, die zum Teil angekettet an einer Mauer zu finden war, um dort jede freie Minute damit zu verbringen, das Wort des Lebens zu studieren. Es war so, als ob dieses Buch wie ein Lichtstrahl in seine verzweifelte Seele wirkte. Und seit dem Sommer 1507, als er Theologie studierte, wurde ihm der Kontrast zwischen den menschlichen scholastischen Kommentaren und dem Wort Gottes immer deutlicher.
[3:46] Und Luther hat die Bibel nicht einfach nur gelesen. Auch dann, wenn er die Liebe nicht vor Augen hatte, hat er immer wieder nachgedacht über Verse, die ihm besonders zusagten oder die er nicht verstehen konnte. Er hat immer wieder nachgedacht und meditiert, versucht den Sinn zu verstehen. An vielen Versen hat er lange zu knabbern gehabt, zum Beispiel an diesem hier in Hesekiel 18, Vers 32: „Denn ich habe keinen Gefallen am Tod dessen, der sterben muss, spricht Gott, der Herr. So kehrt um, und ihr sollt leben!“ Luther hatte lange darüber nachgedacht, was das bedeutet, denn dieser Vers schien nicht so zu passen in das Bild von Gott, das im Mittelalter überall und auch in seinem Kloster gezeichnet wurde.
[4:35] Ein Vers zum Beispiel hat ihn regelrecht erschrocken, als er den Psalm 31, Vers 2 las: „Sei mir, o Herr, eine schützende Burg, ein starker Fels!“ „Vor dir habe ich Zuflucht gefunden, lass mich niemals zuschanden werden. Errette mich durch deine Gerechtigkeit!“ Er war fast verzweifelt, denn unter Gerechtigkeit verstand er, dass der Zorn Gottes, den wir schon in der letzten Folge gesehen haben, Christus ausschließlich als den Weltenrichter darstellte. Die Gnade und die Sympathie, die erhoffte man sich von Maria, von anderen Heiligen. „Er hätte mich durch deine Gerechtigkeit.“ Für Luther war das unverständlich. Er erkannte Christus im Wesentlichen nur als den Richter. Wie sollte das Zorn-Gericht Gottes, das Weltgericht, eine Rettung darstellen?
[5:23] Luther hat mit vielen dieser Verse sehr gekämpft. Er sagte einmal, dass er so viel aufgegeben hätte, wenn er nur endlich mal die Psalmen verstanden hätte. Er konnte sie oft, zum Teil auswendig beten, aber wirklich verstanden hat er sie kaum. Trotzdem hat er geahnt, dass dort ungeheure Schätze verborgen liegen in diesem Buch. Da gab es Verse, die aufgrund seines Bildes von Gott ihm regelrecht Angst einjagten, die er überhaupt nicht mochte. Zum Beispiel zum 21, 11: „Dient dem Herrn mit Furcht und frohlockt mit Zittern.“ Genau das war es doch, was er eigentlich überwinden wollte. So dachte er, diese Furcht und dieses Zittern vor Gott. So las und las und dachte er nach. Und viel hat er noch nicht verstanden, aber Gott legt in dieser Zeit ein breites Fundament, auf dem später das Gebäude der Reformation sicher stehen konnte.
[6:20] Luther kannte sich immer besser aus im Buch der Bücher, weit besser als viele seiner älteren Mitmönche. Trotzdem waren die Fragen, die er hatte, nicht geklärt. Die Zweifel, die Selbstanklage, ja, die Verzweiflung schlugen in dieser Situation. Es war der Johann von Staupitz, der Vorsteher einer reformierten Klöster, der Augustiner-Eremiten, der oft Besuche in Erfurt den jungen Martin an die Hand nahm und ihm wichtige, wichtige Gedanken vermittelte. Ihm war aufgefallen, dass Martin so verzweifelt war. Und in privaten Gesprächen offenbarte sich Martin Luther und erzählte von seiner Seelennot, von dieser Verzweiflung, nicht zu wissen, ob er errettet sei, nicht zu wissen, ob er gut genug für Gott sei, und dass all seine Versprechen er ständig gebrochen hatte.
[7:23] Und Johann von Staupitz, der schon viel Erfahrungen in den Dingen Gottes gemacht hatte und der das Evangelium durchaus besser verstand als die meisten Menschen seiner Zeit, gab ihm ganz entscheidende Hilfestellung. Er sagte zu ihm: „Anstatt dich aufgrund deiner Sünden zu martern, wirf dich in die Arme des Erlösers. Vertraue auf ihn, auf die Gerechtigkeit seines Lebens, auf die Versöhnung seines Todes. Höre auf den Sohn Gottes. Er wurde Mensch, um dir die Gewissheit der göttlichen Gunst zu geben.“ An anderer Stelle sagt er: „Liebe ihn, der dich zuerst geliebt hat.“
[8:03] Luther war zunächst eingebläut worden, dass er die zerknirschte über die Sünde selbst erzeugen müsste, damit Gott ihn wieder lieben könne. Aber Staupitz offenbarte ihm, dass die Liebe Gottes das Erst ist, was im Evangelium beginnt. Dass die Liebe Gottes das Fundament ist, auf dem der Mensch dann reagieren kann. Dass Gott ihn, den Sünder Martin Luther, wirklich liebte. Es war wie ein Sonnenstrahl in die Finsternis. Es war noch nicht die völlige Reformation, aber es war ein erster Hoffnungsschimmer. Luther begann das Evangelium klarer zu sehen. Es dämmerte ihm auch, wenn noch für längere Zeit ein ständiges Auf und Ab sein sollte.
[8:57] Diese einfache, simple Wahrheit des Evangeliums, die gab Staupitz ihm weiter. Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Die entscheidende Hilfe, die Staupitz dem Martin Luther gab, war, seinen Blick von sich selbst wegzulenken auf den Erlöser am Kreuz von Golgatha.
[9:29] Martin Luther wusste von der Gerechtigkeit Gottes, er wusste von der Heiligkeit, aber er schaute auch sich selbst. Und wie viele vor ihm und wie viele nach ihm haben denselben Fehler gemacht: wollten heilig werden aus eigener Kraft und sind dann schier verzweifelt. Und wie viele Menschen brauchen heute vielleicht noch einen Staupitz, wie damals Luther, der ihnen hilft, wegzuschauen von sich, hinzuschauen auf Jesus. Denn wer auf sich selbst schaut, der weiß nicht, wie gerettet werden kann. Wer aber auf Jesus schaut, der weiß nicht, wie verloren gehen kann.
[10:03] Dieses Licht des Evangeliums, von dem der Paulus hier spricht, war auch dem Luther aufgegangen. Denn Gott, der dem Licht gebot, aus der Finsternis hervor zu leuchten, er hat es auch in unseren Herzen Licht werden lassen, damit beleuchtet werden mit der Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi. Wie wenige Jahre zuvor Thomas Wittenbach für Zwingli, so war jetzt Staupitz für Luther derjenige, der ihm den Weg wies zum Kreuz, zu dem Erlöser, zu Jesus Christus.
[10:40] Am 4. Februar 1508 wurde Maximilian der Erste, römisch-deutscher König, 48 Jahre alt, mit Zustimmung des Papstes Julius dem Zweiten ganz offiziell zum römischen Kaiser. Er hatte diese Ehre nicht in Rom empfangen, das war aus politischen Gründen möglich, sondern in Norditalien. Aufgrund dieser Reise war ja Friedrich der Dritte zu seinem Stellvertreter ernannt worden. Als Maximilian dann wieder nach Deutschland zurückkehrte, erlosch auch diese Statthalteramt von Kurfürst Friedrich dem Dritten. Ebenfalls am selben Tag, am 4. Februar, starb mit Konrad Celtes einer der größten und bedeutendsten Humanisten Deutschlands.
[11:34] Am 21. Februar hatte Michelangelo gerade eine große Bronzebüste von Julius dem Zweiten in Bologna beendet. Bekam er vom selbigen Papst den Auftrag, nach Rom zu kommen. Julius der Zweite hatte sich in den Kopf gesetzt, dass die Sixtinische Kapelle ausgemalt werden sollte. Michelangelo hatte eigentlich gar keine Lust auf diese Aufgabe, ist er aber dann doch widerwillig nachgekommen, wie sich zeigen wird, dann doch mit großem Ruhm.
[12:08] Am 21. Februar wurde Bartholomäus Bernhardi, Magister der Freien Künste in Wittenberg. Einiges ist über ihn zu erzählen. Er war in Feldkirch geboren worden als Sohn eines Spruchrichters und hat in Eisenach die Lateinschule besucht, hatte sich dann mit seinem Bruder Johannes Bernardi an der Erfurter Universität immatrikuliert, war dann 1504 schon nach Wittenberg gewechselt, wie viele andere junge Studenten, da diese neue Universität und hatte dann seine Abschlüsse dort 1505, 1508 erhalten. Bernardi würde auch später in der Restauration noch eine große Rolle spielen. Jetzt hat er seinen Magisterabschluss in Wittenberg gemacht.
[12:54] Am 28. Februar starb der Kurfürst der Pfalz, Philipp der Aufrichtige, bei dem Öko Lampadius Prinzen Erzieher gewesen war. Sein ältester Sohn Ludwig der Fünfte, 30 Jahre jünger, wurde neuer Kurfürst. Die Pfalz war immer noch mit der Reichsacht belegt, als Folge des Landshuter Erbfolgekriegs, der einige Jahre zuvor stattgefunden hatte.
[13:20] Ungefähr im Frühjahr 1508 begann jetzt Luther in Erfurt innerhalb des Klosters auch Vorlesungen über Philosophie zu halten. Im Ordensstudium als seine begnadete Gelehrter und jemand, der Philosophie studiert hatte, lag das nahe. Eigentlich hatte er nur Interesse an der Bibel. Und so hat er diese Aufgabe zwar pflichtgemäß erfüllt, aber jede freie Minute dem Wort Gottes gewidmet.
[13:51] In Erfurt zogen damals dunkle Wolken auf, politisch. Die Stadt befand sich in einer dramatischen Geldnot. Sowohl Kurmainz, das offiziell Ansprüche auf Erfurt hatte, als auch Sachsen kämpften um den Einfluss auf diese Stadt. Und in dieser gigantischen Geldnot, die gab, wurden zum Beispiel die Wasserburg Kapellendorf an die sächsischen Fürsten verpfändet. Lange hat man versucht, die Schieflage vor den Bürgern in Erfurt vor, also zu verschweigen, was dann allerdings sich negativ auswirkte.
[14:39] Der gerade frisch gekrönte Kaiser Maximilian erlitt am 6. Juni eine Niederlage gegen die Republik Venedig und musste einige Gebiete an diese aufstrebende Handelsmacht in Nordostitalien abtreten.
[14:53] Am 9. Juni wurde in Radetzky, im heutigen Slowenien, Primoz Trubar geboren, der ebenfalls als ein Reformator noch in die Geschichte der Reformation eingehen würde. Christoph Scheurl, gerade im Vorjahr nach Wittenberg gerufen, reüssierte mit seinen großen juristischen Fähigkeiten dort in Sachsen und wurde am 26. Juli, 26 Jahre alt, zum herzoglich-sächsischen Rat ernannt und zum Beisitzer der Gerichte in Leipzig und Altenburg ernannt. Er hatte also durchaus eine hohe Stellung jetzt und hatte viel Einfluss auch in Wittenberg, wo weiterhin besonders humanistisch gesinnte Lehrer und Studenten, nicht zuletzt wegen ihm, eintrafen.
[15:46] Am 15. September starb noch ein weiterer Kurfürst, nämlich der Erzbischof von Mainz, Jakob von Liebenstein, der einige Jahre Erzbischof in Mainz gewesen war. Das war ja die höchste Position, der wichtigste der sieben Kurfürsten, das war der erste Kanzler von Deutschland. Er hatte das Erzbistum mit den vergangenen Jahren leicht erweitert gehabt, hatte sich stark für die Reichsreformen eingesetzt, hatte aber auch 1507 alle Juden aus dem Erzbistum ausgewiesen. Nach seinem Tod wurde Uriel von Gemmingen neuer Erzbischof und damit neuer Kurfürst und Erztürner von Deutschland.
[16:31] Diese ständigen Neubesetzungen, die das Erzbistum in den letzten Jahren eher hatte vorne müssen, hatte eine enorme Schuldenlast angehäuft, weil jede Neubesetzung auch von Rom mit finanziellen Mitteln bestätigt werden musste. So war das Erzbistum Mainz finanziell immer mehr angeschlagen und auch das war eine Entwicklung, die für die Reformationsgeschichte von Bedeutung sein sollte.
[16:58] Am 23. September wurde in Schattenhalb in der Schweiz Simon Sulzer geboren, ein weiterer Reformator, von dem wir später hören werden. Und dann, im Herbst 1508, geschah etwas sehr Plötzliches im Leben von Martin Luther. In Wittenberg war eine Lehrstelle frei geworden und Staupitz, der ja einer der Theologieprofessoren in Wittenberg war, sah die Gelegenheit, den jungen Martin Luther dort nach Wittenberg zu versetzen. Es war eine Stelle als Philosophie-Lektor. Martin hatte, dass er gerade in Erfurt auch praktiziert und da auch sein ehemaliger Philosophielehrer, Dottor Vetter, dort in Wittenberg Professor war. Gab es also wahrscheinlich mehrere, die diese Idee ganz gut fand und sich dafür einsetzten.
[17:48] So wurde im Herbst Luther abberufen aus Erfurt nach Wittenberg, um dort der Hauptstadt des Kurfürstentums Sachsen, ihrer neuen Universität, Unterricht zu geben in Philosophie. Er kam also jetzt zum ersten Mal nach Wittenberg, diese kleine Stadt, die aber aufstrebend war und in der sich viele moderne gesinnte, humanistisch gesinnte Menschen jetzt befanden und sollte dort Philosophie lehren. Johann von Staupitz war natürlich froh, diesen brillanten Denker für die Universität in Wittenberg gewonnen zu haben. Vermutlich spielte bei ihm auch die Überlegung eine Rolle, dass Martin Luther aufgrund seines schnellen Aufstiegs in Erfurt durchaus auch Neider gehabt hatte.
[18:42] Luther hat sich dann an seine Aufgabe gemacht und insbesondere über die Nikomachische Ethik von Aristoteles gelesen, ein Hauptwerk des antiken Philosophen, ein Hauptwerk in dem mittelalterlichen scholastischen Denken, wie wir schon an anderer Stelle gesehen haben. Ohne Aristoteles wurde niemand Theologe sein. Sein ethisches, sein philosophisches Denken, seine Logik war die Grundlage aller Wissenschaft. Luther selbst hat in diesem Stadium von der Philosophie nicht mehr allzu viel gehalten, zumindest hatte er viel mehr Interesse an der Bibel, die er natürlich dort auch in Wittenberg weiter studiert hat. Er hat sein Theologiestudium einfach fortgesetzt, ob nur im Ordensstudium des Augustinerklosters in Wittenberg oder vielleicht sogar an der Universität, ist nicht ganz klar.
[19:38] Vermutlich, höchstwahrscheinlich war seine Hauptlehrer dabei natürlich Johann von Staupitz, der ja Professor für die Bibel in Wittenberg war. Und es ist anzunehmen, dass Luther hier nicht nur ein paar freundschaftliche Gespräche gehabt hat, sondern auch ganz systematisch grundsätzliche Wahrheiten des Evangeliums von Staupitz gelernt hat.
[20:04] Und mitbekommen hat im Zuge seiner Zeit dort hat Luther auch den grünen Rektor der Wittenberger Universität, Martin Pollich Mellerstadt, getroffen, der ebenfalls eine sehr hohe Meinung von Luther hatte und formte für den jungen Philipp Schwarz, hat den Pforzheimern Schule gingen, gab es im Oktober ein schwerwiegendes Ereignis. Elf Jahre alt war er, als sein Großvater starb. Am 17. Oktober, am 19. Oktober, zwei Tage später, starb dann auch der dritte Kurfürst in diesem Jahr. Es gab ein regelrechtes Chaos, zell dann neue Besetzung in diesem Gremium.
[20:53] Der Erzbischof von Köln, Hermann der Vierte von Hessen, war ebenfalls gestorben. Er galt als äußerst friedliebend und fleißig. Neuer Erzbischof und damit neuer Kurfürst wurde Philipp der Zweite von Daun. Und als ob es nicht schlimm genug für Philipp Schwarz, etwa diesen jungen, brillanten Schüler in Pforzheim, dass sein Großvater gestorben war, starb nur zehn Tage später, am 27. Oktober, auch noch sein Vater. Jetzt zog er endgültig mit seinem jüngeren Bruder Georg nach Pforzheim, wo er schon die Lateinschule besuchte und lebte nun bei Elisabeth Reuter, die eine Schwester seines Großonkels war. Sein Großonkel war bekanntermaßen Johannes Reuchlin.
[21:45] Am 10. Dezember beschlossen sich etliche Staaten Europas zusammen, die sogenannte Liga von Cambrai wurde gegründet. Ihr gehörten an: das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, der Kirchenstaat, das Papsttum, Frankreich, Aragon, Spanien, Ungarn und England. Offiziell war das Ziel, gegen die Osmanen einen Feldzug zu führen, aber der tatsächliche Plan war viel pragmatischer. Man wollte die Handelsmacht Venedig, die bisher immer profitiert hatte von den gegenseitigen Auseinandersetzungen, man wollte diese Republik vernichten.
[22:24] Am 13. Dezember wurde Johannes Eck mit 22 Jahren zum Priester geweiht in Straßburg. Auch er eine Figur, die in der Reformationsgeschichte jetzt in der Folgezeit eine große Rolle spielen würde. Er war der Sohn eines Dorf-Amtmannes und kam aus ganz einfachen Verhältnissen, war in Rottenburg am Neckar aufgewachsen, bei seinem Onkel, einem Pfarrer, hat er seit dem zwölften Lebensjahr Theologie, Philosophie, Philologie, Jura und Naturwissenschaften studiert in Heidelberg, in Tübingen und in Köln. Er war einst Freiburg im Breisgau gewesen, hatte dann zuletzt sogar dort unterrichtet. Er liebte intellektuelle Kontroversen und seine Kollegen schätzten ihn nicht besonders, weil er so ein streitsüchtiger junger Mann war. Das würde noch große Bedeutung für die Reformationsgeschichte haben.
[23:19] Er war ein brillanter Rhetoriker, der sich gut ausdrücken konnte und hat in Freiburg interessanterweise auch Balthasar Hubmaier unterrichtet, dem späteren Führer der Wiedertäufer.
[23:31] Am 21. Dezember wurde Thomas Kirchner in Straubing in Bayern geboren. Es gab noch andere Ereignisse zu diesem Jahr 1508. Zum Beispiel setzte Friedrich der Dritte in seiner Funktion als Kurfürst von Sachsen neue Statuten an der Wittenberger Universität fest. Bis dahin hatte man sich an den Statuten Tübingens unterrichtet. Wir erinnern uns ja, an einer anderen Folge hatten wir gesehen, dass etliche der Gründungsprofessoren, wie zum Beispiel auch Staupitz, vor in Tübingen unterrichtet hatten und man hatte das einfach behelfsmäßig von Tübingen übernommen. Aber jetzt war die Universität voll funktionsfähig.
[24:11] Luther ist also gerade so in diese erste Transformations-, diese erste Übergangsphase hineingekommen in den Universitätsbetrieb dort. Und als Wittenberg sich gerade so formiert hat, Andreas Bodenstein, der auch als Karlstadt bekannt ist, nach seinem Geburtsort, wurde in diesem Jahr mit 22 Jahren Dekan der Fakultät für die Freien Künste in Wittenberg. Hier wird man Luther ihn zum ersten Mal getroffen haben. Er war aus der Nähe, er war aus Würzburg gebürtig und hatte in Erfurt studiert, hatte dann auch in Wittenberg weiter studiert, war auch in Köln gewesen und hat dann auch die ersten kirchlichen Weihen bekommen. Er wird an der Seite von Luther noch eine entscheidende Rolle spielen, von der wir dann später ebenfalls zu berichten haben.
[25:23] Johannes Eccius, der Dichter, der gekrönte Dichter, ist mit seiner polemischen und aneckenden Art in Frankfurt oder nicht wirklich zurechtgekommen, hat sich mit führenden Theologen angelegt, zum Beispiel mit Konrad Wimpina und hat dann die Universität verlassen, ist nach Leipzig gegangen und hat etliche seiner Schüler mitgenommen.
[25:48] Martin Putze, von dem wir letztes Mal gesehen haben, dass er mit 15 Jahren gegen seinen Willen im Dominikanerorden gesteckt worden ist von seinem Großvater, wurde mit 16 zum Akolythen geweiht in Straßburg. Ein Akolyt ist ein Gefolgsmann, ein Begleiter, ist die höchste der niederen Weihen in der katholischen Liturgie.
[26:07] Ebenfalls geweiht wurde Georg Burkhardt, 24 Jahre alt, genannt Bat, ihn zum Priester wurde er geweiht, interessanterweise von demselben Bischof, Johann von Laas, der auch schon zuvor Martin Luther ordiniert hatte.
[26:23] Ulrich von Hutten, dieser abenteuerliche Ritter und junge Student, der von einer Universität an die nächste zog, war jetzt in Leipzig, studierte dort mit 20 Jahren und infizierte sich hier an der Syphilis. Hat also offensichtlich durch sexuellen Kontakt diese damals sehr ernst verlaufende Krankheit sich zugezogen. Danach verliert sich seine Spur etwas im Unklaren.
[26:57] Johann Lachmann, mit 17 Jahren wurde er Magister 1508 an der Universität in Heidelberg. Er war äußerst begabt, galt als sehr intellektuell und seine Prüfung erregte in Heidelberg große Bewunderung.
[27:09] erregte in Heidelberg große Bewunderung. Er begann jetzt Jura zu studieren und hielt bereits Vorlesungen, die zeigten, wie sehr er auch schon vom humanistischen Geist erfasst war. Eine der wenigen Reformatoren, spät und Reparaturen war...
[27:22] ...Agulla von Stauf. Mit 16 Jahren kam sie an den Münchner Hof und wurde Dienerin der Herzogin Kunigunde. Benedikt Burgauer aus der Schweiz begann 14-jährig 1508 sein Studium in Leipzig. Er kam ja aus der Stadt St. Gallen.
[27:49] Tommaso de Vio, jemand, der später von Bedeutung sein wird, wurde in diesem Jahr zum Ordensgeneral, das heißt zum Leiter des gesamten Ordens, in dem Fall zum Ordensgeneral der Dominikaner, dem Predigerorden, die sich ganz besonders der Predigt verschrieben hatten, aber die auch Spezialisten waren im Aufsuchen und Verfolgen von vermeintlichen Häretikern. Thomas de Vio galt als wortkarg, gerechtigkeitsliebend, arrogant und aufbrausend. Ein sehr interessanter Mann, von dem wir noch mehr hören werden.
[28:41] Ein anderer Stelle von Pfefferkorn. Erzählt Johannes Pfefferkorn, einem Juden, der zum Christentum über gewechselt war. In Köln 1508 veröffentlichte er sein vielleicht bekanntestes Buch, den "Judenspiegel". In diesem Buch wollte er zeigen, wie man Juden zu Christen macht, zunächst mit Argumenten, dann aber auch durchaus mit Zwang und Gewalt. Seine Schriften befeuerten den oft latent vorhandenen Antijudaismus in der Gesellschaft und haben seinen eigentlichen Volksgenossen, von denen er sich abgewandt hatte, keine Kunst getan.
[29:24] 1508 starb dann auch Isaac ben Gabriel, von dem wir schon viel gehört haben, der vielleicht einzige jüdische Ausleger des Mittelalters überhaupt gewesen ist. Der ist glasklar in den Prophezeiungen Daniels, das kleine Horn, auf das Papsttum gemünzt hatte, und dieses kleine Horn als das Papsttum identifiziert hatte. Er war in den Diensten Portugals und Spaniens, verschiedener Könige gewesen und starb jetzt mit 71 Jahren.
[29:53] Eines der bekanntesten Bilder von Albrecht Dürer stammt ebenfalls aus diesem Jahr: die berühmte Studie "Betende Hände", die eigentlich nur eine Übung war, ein Altarbild, das er malen wollte.
[30:06] Kommen wir zum Jahr 1509. Luther noch immer in Wittenberg als Lektor für aristotelische Philosophie und Logik und Ethik. Er wird dort seinen alten Schulfreund aus Magdeburg wieder getroffen haben, Wenzeslaus Link, gleichaltrig, der dort ebenfalls, wie er, Theologie studierte. Wenzeslaus bekam am 29. Januar seinen ersten theologischen akademischen Grad, den sogenannten Bakkalaureus Publicus. Was das bedeutet, werden wir gleich noch im Leben von Martin Luther sehen.
[30:44] Am 2. Februar 1509 wurde Jan Beutelsone aus Leiden geboren, später wurde auch dann einfach Jan van Leiden, also Jan aus Leiden, genannt, ein Reformator der späteren Zeit. Am 3. Februar, einen Tag später, fand vor der Küste Indiens eine enorme Schlacht statt. Die Ägypter und Araber hatten sich zusammengetan, um die Portugiesen davon abzuhalten, als dauerhafte Kolonialmacht hier aufzutreten. Doch ihre Flotte wurde von den Portugiesen vernichtend geschlagen. Durch diese Seeschlacht von Diu festigte und etablierte sich die Vorherrschaft der Portugiesen im Indischen Ozean auf Dauer.
[31:35] Der Sohn von dem bereits verstorbenen Christoph Kolumbus, Diego Columbus, wurde nach Hispaniola in der Karibik gesandt, wo er neuer Vizekönig wurde und in Folge dessen hat er dann auch die Insel Jamaika westlich von Hispaniola für Spanien erobert.
[32:05] Martin Luther wurde am 9. März, sowie sein Freund Wenzeslaus Link, zum Bakkalaureus Publicus. Das bedeutet, er hat seinen ersten akademischen Grad in der Theologie erworben, und das bedeutete, dass er jetzt neben seinem Weiterstudium der Theologie auch gleichzeitig verpflichtet war, selbst Unterricht zu geben, Vorlesungen zu halten über biblische Kapitel. Deswegen Bakkalaureus Publicus. Er sollte diese Kapitel kursorisch auslegen, das heißt, sie wurden gelesen und dann nicht besonders tiefgründig, sondern sozusagen kompakt ausgelegt. Man durfte allerdings nicht mehr als ein Kapitel pro Vorlesung auslegen.
[32:48] In Erfurt hätte dieser Vorgang zwei Jahre gedauert, bevor man den nächsten akademischen Grad bekommen konnte. Aber in Wittenberg, vielleicht auch deswegen, weil momentan in Wittenberg noch alles ganz frisch war, gab es solch eine Regel nicht. Man konnte also in Wittenberg sehr viel schneller den nächsten akademischen Grad bekommen als in Erfurt, und diesen Umstand hat man sich zunutze gemacht. Auf dem Bakkalaureat Biblis sollte schnell der nächste Titel folgen, und Johann von Staupitz hatte offensichtlich ein Interesse daran, diesen jungen, begabten Theologen so schnell wie möglich zu fördern.
[33:34] Am 15. März bekam Philipp Schwarzerdt, mittlerweile 12 Jahre alt, von seinem Großonkel Reuchlin ein interessantes Geschenk. Reuchlin, weil er mittlerweile einer der bekanntesten Gelehrten der ganzen Welt seinerzeit, ein einführender Humanist, lehrte nicht nur Griechisch, sondern insbesondere auch Hebräisch, wo er Pionierarbeit geleistet hatte, ein Wörterbuch veröffentlicht hatte, das aber noch nicht viel Anklang gefunden hatte. Reuchlin schenkte dem jungen Großneffen eine griechische Grammatik und schrieb in diese Grammatik einen Widmungsspruch, der ganz interessant ist, nämlich: "Diese griechische Grammatik hat zum Geschenk gemacht Johannes Reuchlin aus Pforzheim, Doktor der Rechte, dem Philipp Melanchthon aus Bretten im Jahr '09 an den Iden des März." Reuchlin war es, der den Namen Philipp Schwarzerdt, das heißt den Namen "schwarzer Hut", auf Griechisch übersetzte und daraus wurde Melanchthon, sodass jetzt Philipp Schwarzerdt künftig Philipp Melanchthon nannte. Zwölf Jahre alt und schon...
[34:59] ...ein anderer Stelle gesehen haben, der beste der Besten an dieser Eliteschule in Pforzheim. Jemand, der mit seinen jungen Jahren so gar nicht nur Latein, sondern auch das Altgriechische immer mehr beherrschte.
[35:14] Luther schrieb zwei Tage später, am 17. März, einen Brief an seinen Freund Johannes Braun, den er schon aus Eisenach als Zeit kannte. Es ist eine der ersten Briefe überhaupt, die von Martin Luther überliefert sind, die uns erhalten geblieben sind. Und wir wollen einen kleinen Blick hineinwerfen in der deutschen Übersetzung. Die Briefe hatte Luther damals alle auf Latein verfasst. Und hier ein kleiner Ausschnitt aus der deutschen Übersetzung von Johann Georg Wild: "Dass sich aber so ohne die etwas zu sagen weggegangen bin..." Er bezieht sich hier auf seinen Wechsel von Erfurt nach Wittenberg im Herbst des vergangenen Jahres. "...darüber darfst du dich nicht wundern, wenn mein Weggang war so plötzlich, dass er fast meinen Hausgenossen verborgen blieb. Ich wollte an dich schreiben, aber ich konnte nicht wegen Mangels an Zeit und Muße. Ich habe aber Leid getragen, denn das vermochte ich, da ich ohne dich begrüßt zu haben, so plötzlich aufzubrechen genötigt wurde. Ich bin daher jetzt durch Gottes Geheiß oder Zulassung zu Wittenberg. Wenn du nun über mein Ergehen Kunde zu haben begehrst, so geht es mir Gott sei Dank wohl nur, dass das Studium mehr aufgedrungen ist, besonders der Philosophie, welche sich von Anfang an am liebsten mit der Theologie vertauscht hatte."
[36:25] Hier sieht man schon sehr deutlich, dass Luther die Philosophie längst nicht mehr liebte, sondern in Wirklichkeit sich nach dem Wort Gottes, nach der Bibel, nach der Theologie sehnte, die er ja auch nebenbei studierte. Welt, wenn wir, obwohl er ja gleichzeitig Philosophie unterrichten musste. Und dann sagt er weiter über diese Theologie: "Mit der Theologie sage ich, welche den Kern der Nuss und das Mark des Weizens und das Mark der Knochen erforscht. Aber Gottes Gott, der Mensch täuscht sich oft, ja immer in seinem Urteil. Dieser ist unser Gott. Er wird uns regieren in Freundlichkeit und in alle Ewigkeit."
[37:01] Man sieht es ja sehr schön, was Luther wirklich im Sinn hatte. Er wollte eine Theologie, die den Kern der Nuss behandelt. Er wollte wirklich zu den wichtigen Dingen, zu den existenziellen Dingen vordringen und sich nicht mit philosophischer Spielerei begnügen. Luther wollte den Dingen auf den Grund gehen. Er brachte die perfekten Voraussetzungen mit diesbezüglich, um ein Reformator zu werden. Und so vertieft er sich immer weiter, immer weiter in die Bibel.
[37:30] Nein, jeder, der selbst die Bibel liest, weiß, dass man nicht über Nacht zum Bibellehrten wird. Viel Zeit, viel Interesse, viel Lesen gehört dazu, die Bibel gründlich kennenzulernen. Und Luther leistete genau das.
[37:45] Am 21. April starb König Heinrich VII. von England nach längerer Krankheit. Sein Tod wurde zwei Tage geheim gehalten, da man befürchtete, dass es wieder bürgerkriegsähnliche Zustände geben könnte. Doch zum ersten Mal seit über 100 Jahren kam es in England zu einem friedlichen Thronwechsel. Einige der schlimmsten Minister wurden erst auch in einem Machtkampf beseitigt, und dann wurde Heinrichs Sohn, Heinrich VIII., 17-jährig, ein starker, sportlicher junger Mann, zum neuen König ausgerufen.
[38:26] Drei Tage später, am 27. April, verhängte Julius II., Papst, ein Interdikt über Venedig. Er war ja selbst Mitglied dieser Liga von Cambrai, die Venedig zerstören wollte, und dieses Interdikt war wie ein Fanal für den jetzt beginnenden Krieg der europäischen Großmächte gegen die Republik Venedig, die sich dessen kaum erwehren konnte.
[38:57] Nur kurze Zeit später, am 14. begann die erste Schlacht. Man sieht hier auf der Landkarte im Westen der Republik Venedig, an der Grenze zum Fürstentum Mailand, das von Frankreich besetzt war, kam es zur Schlacht von Agnadello, in der die Franzosen einen grandiosen Sieg über die Venezianer errangen. Plötzlich begannen jetzt europäische Mächte, sich auf viele Gebiete, viele Gebiete Venedigs zu bringen und zu besetzen, insbesondere die Franzosen und die Deutschen. Übergriffen jetzt auf breiter Front Venedig an.
[39:40] Am 31. Mai kam es zu einem Urteil in einer äußerst merkwürdigen Angelegenheit in Bern. Ein Dominikanermönch namens Eckhard hatte unter Folter ausgesagt, dass er von seinen Brüdern im Dominikanerkloster betrogen worden war. Hintergrund war die Geschichte, dass die Dominikaner gegen die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis ankämpften. Die Franziskaner verkündigten die ja, wäre... das in einer früheren Folge schon mal angedeutet, aber die Dominikaner waren dagegen. Sie bekämpften Duns Scotus, den verstorbenen Scholastiker, diese Lehre auch begründet hatte, wenn auch natürlich nicht biblisch, weil sie nicht üblich ist. Und die Dominikaner griffen jetzt zu einem Trick, wie sich wohl herausstellte. Einige Dominikanermönche verkleideten sich und gaben vor, aus dem Jenseits zu erscheinen, während dieser arme Dominikanermönch jetzt in seinem Bett lag. Er glaubte diesen Erscheinungen und Visionen und verkündete überall, dass die Verstorbenen aus dem Jenseits gekommen wären und die Lehrmeinung der Dominikaner bestätigt hätten. Schlussendlich wurde sogar vorgegeben, die Jungfrau Maria wäre ihm erschienen. Irgendwann flog der Schwindel auf. Eckhard selbst hat wohl unter Tortur und der Folter ausgesagt, und vier andere Dominikanermönche dieses Betrugs bezichtigt, die dann auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden sind.
[41:23] Der gesamte Vorgang, der bis heute nicht endgültig in allen Details aufgeklärt ist, hat dazu geführt, dass in Bern die Bevölkerung ein äußerstes Misstrauen gegen die Kirche bekam. Die Kirche, die ja immer mit vielen Wundergeschichten operierte und sich jetzt herausstellte, dass vieles in diesen Wundergeschichten wohl Betrug war.
[41:47] Am 19. Juni begann ein großer Aufstand in Erfurt, der Stadt, in der Luther so lange gelebt hatte. Die Vertreter der Zünfte stürmten den Ratssaal und vertrieben den Ratsherrn Kellner, der hatte die Zahlungsunfähigkeit der Stadt lange geheim gehalten. Jetzt war publik geworden: 600.000 Gulden Schulden hatte sich angehäuft, und Kellner hatte noch selbstherrlich im Rat sich selbst hervorgetan und entschuldigt. Das war zu viel für die Zünfte, und so begann das sogenannte "Tolle Jahr".
[42:21] Aufstände in Erfurt. Keiner der acht, mittlerweile 18 Jahre alt, heiratete am 11. Juni Katharina von Aragon, die verwitwete Ehefrau seines verstorbenen Bruders Arthur, der einige Jahre zuvor, fünf Jahre älter, gestorben war. Eigentlich war es nach Kirchenrecht nicht erlaubt, dass ein Bruder die Witwe seines Bruders heiraten dürfte, aber der Papst Julius hatte bereits eine Dispensation, eine Erlaubnis erteilt, und so kam es zu dieser Ehe, die noch schicksalhaft nicht nur für England, sondern für die ganze Reformation und für die Geschichte Englands werden sollte.
[43:02] Heinrich VIII. wurde dann am 23. Juni auch ganz offiziell zum König von England gekrönt. Er war beim Volk äußerst populär. Er hatte nämlich einen Schuldenerlass für alle Menschen ausgerufen, die bei seinem Vater Schulden gehabt haben, und viele Menschen glaubten, dass jetzt in England ein neues Zeitalter anbrechen würde. In gewisser Weise hatten sie durchaus recht, aber sie ahnten ja noch nicht, was kommen würde.
[43:36] Am 28. Juni wurde der entlaufene Ratsherr Kellner gefasst. Er wurde gefoltert, und nachdem er gefasst und gefoltert worden war, wurde am 28. Juni auf dem Galgenberg gehängt. Gleichzeitig versuchten Kurmainz und Sachsen in Erfurt, ihren Einfluss geltend zu machen. Luther hat das aus der Ferne, aus Wittenberg, sehr wohl beobachtet, was in seiner Stadt, in Erfurt, vor sich ging.
[44:04] Und am 10. Juli wurde einer der größten Reformtoren geboren, überhaupt: Johann Kowar, besser bekannt als Jean Calvin, wurde am 10. Juli in Noyon, Frankreich, als letzter von vier Söhnen geboren. Sein Vater stammt aus einer Schifferfamilie, hatte sich aber dann hochgearbeitet. Seine Mutter war flämischer Abstammung.
[44:32] Im August drang dann auch der Kaiser mit seinen deutschen Truppen in die Republik Venedig hinein, belagerte Padua und auch Treviso, wie man hier auf der Karte im Zentrum der Republik Venedig sehen kann, die jetzt immer mehr zusammen schrumpfte auf ein vielfach kleineres ihres ursprünglichen Territoriums.
[44:57] Ein schweres Erdbeben am 14. September in Konstantinopel forderte etwa 13.000 Tote.
[45:09] Und schon im Herbst 1509 bekam Luther den neuen Titel des "Sententiarius". Mit diesem Titel war eine neue Verpflichtung verbunden, denn jetzt sollte man nicht einfach nur die Bibelauslegung, sondern das galt als wichtiger und höher. Jetzt durfte man die Sentenzen des Lombardus, das dogmatische Hauptwerk der mittelalterlichen Theologie, kursorisch erklären und auslegen. Das zeigt schon symptomatisch, wo die Bibel im Denken der damaligen Wissenschaft stand. Die Anfänger durften Bibel auslegen, die Fortgeschrittenen dann die Sentenzen des Lombardus.
[45:53] Am 15. Oktober schlossen dann Venedig und das Deutsche Reich Frieden. Maximilian I. zog seine Armeen wieder zurück. Venedig war geschrumpft, wie man hier sehen kann auf der Karte, und kaum noch wiederzuerkennen, was die Größe seines Territoriums betraf.
[46:10] Philipp Melanchthon hatte mit zwölf Jahren dann die Lateinschule, diese Eliteschule in Pforzheim beendet und begann sein Studium an der Universität in Heidelberg. Er wohnte im Haus des Professors Palest, und hatte auch Kontakt mit führenden Gelehrten seiner Zeit, z.B. mit Jakob Wimpheling. Ulrich von Hutten, dessen Spur sich in Leipzig als süßes Kranke verloren hatte, taucht im Wintersemester 1509 in Greifswald auf, mittellos als Student. Er führt ein wirklich abenteuerliches Leben, mit allem, was dafür und dagegen spricht. Der Juraprofessor in Greifswald, Henning Lotze, nimmt ihn bei sich auf und unterstützt ihn finanziell. Vielleicht wer sonst? Ulrich von Hutten, schon hier existenziell gescheitert.
[46:59] Am 25. Oktober wirbt dann auch Luthers Freund Wenzeslaus Link den zweiten theologischen Grad, den Bakkalaureus Sententiarus. Also Luther und Link sind hier fast im Gleichschritt marschiert, was ihre Abschlüsse betraf.
[47:17] Doch Luther hat er nicht mehr lange die Vorlesungen über die Sentenzen des Neuen Batches in Wittenberg halten können. Er wurde kurz nach seiner Prüfung wieder nach Erfurt zurückbeordert. Der offizielle Grund war, dass man ihn halt dort als Lehrer benötigen würde. Vielleicht hat man es aber auch einfach nicht gern gesehen, dass er nicht in Erfurt studierte, sondern in Wittenberg sein Studium fortgesetzt hatte und dort schneller vorangekommen war, als es in Erfurt möglich gewesen wäre.
[47:41] Es war nämlich eigentlich Usus, dass während Erfurt studierte, auch in Erfurt an den Doktor der Theologie machen sollte. Und Luther hatte zwar zu dem Zeitpunkt keinerlei Intention, überhaupt einen Doktorgrad zu erwerben, aber diese Überlegungen haben dann später auch eine Rolle gespielt. So wurde also Luther nach kurzem Intermezzo in Wittenberg wieder zurückgerufen in seinem Kloster nach Erfurt, um dort jetzt weiter zu unterrichten.
[48:11] Ich hatte keine Ahnung, ob er jemals wieder nach Wittenberg kommen würde.
[48:19] Einige weitere Ereignisse auf diesem Jahr noch am Ende hier zusammengestellt. In Wittenberg hatte Kurfürst Friedrich der III. mittlerweile eine große Sammlung an Reliquien zusammengestellt. Er hatte ja auf dem vorangegangenen Reichstag sich Reliquien aushändigen lassen, und in diesem Jahr erschien ein Katalog, das sogenannte "Wittenberger Heiligtumsbuch", und es zeigte sämtliche Attraktionen einmal im Jahr, wo die gesamte Sammlung gezeigt, man konnte große Plätze gewinnen und neun Gänge wurden mittlerweile auf der Empore gebraucht, um all die verschiedenen Splitter und Knochenabsplitterungen und verschiedenen Religionen zu zeigen.
[49:03] Ebenfalls im Jahre 1509 wurde ein weiterer wichtiger Reformator geboren: Anton Frommer im Dauphiné, in einer Provinz Frankreichs. Johann von Watt, genannte Fabian, hatte nach einiger Zeit in Italien und in Österreich dann sein Studium abgeschlossen, in Wien wohl geflohen, war oder test einige Jahre und ging dann zurück in seine Heimatstadt nach St. Gallen, wo er sich den alten Schriften in der Stiftsbibliothek der berühmten von St. Gallen widmete. Später ging er dann wieder nach Wien, wo er Schriften, Editionen und auch lateinische Dichtung herausbrachte.
[49:52] Jacques Lefèvre d'Étaples, auch bekannter als Jakobus Faber, ist der große Humanist Frankreichs. Gab im Jahre 1509 eine Neuausgabe der Psalmen heraus. Wie viele Humanisten war ihm beim Bearbeiten des Bibeltextes immer deutlicher geworden, dass vieles, was in der Bibel steht, mit den Lehren der Kirche nicht unbedingt übereinstimmte. Noch war er der Kirche verhaftet, aber er hatte schon hier und dort Unterschiede bemerkt, und ein immer größeres Interesse an der Bibel begann in seinem Herzen Raum zu nehmen. Er unterrichtete auch in Paris an der Sorbonne, an der Universität, Theologie und Philosophie. Natürlich war er ein großer Experte für Aristoteles. Einer seiner Schüler war der junge Joël, 20 Jahre, der von ihm sehr beeinflusst worden ist. Doch davon später mehr.
[50:56] Die Bibel war auch für Lefèvre und dann sein Schüler Farel eine immer wichtigere Maß und ein immer wichtigere... nur einen Maßstab, an dem er alles andere orientierte und bewerten wollte. Wir sehen also, dass nicht nur mal die Note, sondern zeitgleich verschiedenste Menschen sich zur gleichen Zeit intensiv mit der Bibel beschäftigen. Gott bereitete offensichtlich an verschiedenen Orten, unter verschiedenen Umständen, etwas Gewaltiges vor.
[51:26] Das gilt auch für Pommern, wo Johannes Bugenhagen in Treptow, 23-jährig, sich immer weiter autodidaktisch in die Theologie vertiefte. Hat er sein Studium abgebrochen, war in Treptow tätig als Lehrer und wurde jetzt in diesem Jahr auch als Priester geweiht und als Vikar der Traktor-Kirche, der Marienkirche, bestätigt.
[51:45] Louis de Berg kam, begann auch sein Studium. Er hatte zunächst einige Jahre als jugendlicher Ritter militärische Erfahrungen gesammelt, aber jetzt begann er sein Studium an der Universität von Albi, und auch er wird eine große Rolle in der Reformationsgeschichte spielen.
[51:59] Michael Celsius begann sein Studium in Leipzig mit 17 Jahren, so auch der 15-jährige Johann Agricola. Er hat jetzt begann sein Studium in Erfurt, 14 Jahre alt gewesen, und arme Eltern hat er gehabt. Sein Vater war Schumacher gewesen.
[52:17] Ein großer Tag nach dem Besuch der Lateinschule in Heilbronn begann er jetzt also sein Studium in Erfurt. So auch Johann Drach mit 15 Jahren. Wir sehen also zum Teil sehr jugendlich begabte junge Leute, die hier als spätere Reformatoren ihr Studium begannen. So auch Johannes Zwick, der schon 13, ungefähr, war, als er in Freiburg im Breisgau sein Studium begann. Er war der Sohn des Konstanzer Ratsherrn.
[52:47] Und Peter Schade war 16, als er sein Studium in Köln begann, wo er ganz streng im Sinne von Thomas von Aquin ausgebildet wurde.
[52:58] Dieses Bild von Georg Burkhardt Spalletti ist tatsächlich aus dem Jahre 1509. Der 25-Jährige wurde auf Empfehlung des Humanisten Luitpold zum Prinzenerzieher in Chur, Sachsen angestellt. Der Bruder des Kurfürsten Friedrich III. hatte einen Sohn, einen jungen Johann Friedrich, und sollte als sein Hauslehrer fungieren.
[53:27] Als sein Hauslehrer fungierte Bartholomäus Bernhardi, von dem wir vorhin schon gehört haben, wurde in diesem Jahr zum Professor mit 22 Jahren, Professor für Physik in Wittenberg. Und Agostino Mainardi, ein späterer Reformator Italiens, trat in diesem Jahr in den Augustinerorden ein. Also da gibt es einige Persönlichkeiten, die eine ganz ähnliche Geschichte hatten wie Luther. Auch er war Augustinereremit gewesen.
[53:53] Angela von Stauff erlebte in diesem Jahr 1509, dass innerhalb von fünf Tagen ihre beiden Eltern an der Pest gestorben sind. Das war ein schlimmer Schlag für sie. Ihr Onkel Hieronymus musste sich nun um sie kümmern. Der hatte eine hohe Stellung am Münchner Hof, aber auch die Gräfin selbst hat sich sehr rührend um die junge Angela von Stauff gekümmert.
[54:17] Relativ bekannt ist Hans Sachs, der mit 14 oder 15 Jahren in Nürnberg nicht ein Studium begann, sondern eine Schumacherlehre, für die er dann auch später ganz berühmt wurde. Und Abraham von Kulm, wie er hieß, wurde in Kulm in Polen-Litauen als der spätere Reformator Litauens im Jahre 1509 geboren.
[54:41] Es bleibt noch zu berichten, was Erasmus tat. Er hatte drei Jahre lang Italien bereist, war in Turin sogar zum Doktor der Theologie promoviert. Mittlerweile war er einer der berühmtesten Gelehrten seinerzeit überhaupt. Manche nannten ihn schon den Fürsten der Humanisten. Jetzt war er in Cambridge und unterrichtete dort an dieser Elite-Universität Griechisch.
[55:10] In dieser Zeit verfasste er auch eines seiner bekanntesten Werke, eine Satire: "Das Lob der Torheit", so nannte er es. Eigentlich, so meint er, war es nur eine Stilübung, aber sein brillantes, messerscharfer Sarkasmus hat ihm viel Lob eingebracht.
[55:30] Ihm gelang es in diesem Buch, die Christen und die Kirche sehr deutlich zu kritisieren, ohne überhaupt den Eindruck zu erwecken, dass das von ihm käme, weil er alles als Narrenschrift, als Satireübung versteckt hat.
[55:47] Und vor dem Sarkasmus des Erasmus konnte man es schon bald fürchten. Seine brillante Intelligenz wurde von vielen verehrt. Viele junge Studenten hatten Erasmus zu ihrem Vorbild.
[55:59] Und wären all dessen hat der junge Zwingli seine erste Pfarrstelle im Klerus in der Schweiz genossen. Hat das getan, was man von einem Spät-Binger einfach erwartete und ansonsten, dass das Leben als junger Mensch einfach in vollen Zügen genossen. Es gab, wie gesagt, keine großen Skandale, aber an Reformation war bei ihm erst mal gar nicht zu denken.
[56:26] Während Luther sich tief in die Bibel hineinarbeitete, fiel der junge Zwingli erst einmal gar nicht auf in seinem Pastorenwirken. Und doch bereitete Gott jeden einzelnen von ihnen auf die großen Aufgaben, die noch warten sollten, Stück für Stück vor.
[56:41] Wie das weitergegangen ist, das werden wir in der nächsten Folge sehen, wenn es dann heißt: "Im Bann der Politik". Das Jahr 1509 hat einiges zu bieten der Reformationsgeschichte, und wir freuen uns, wenn wir dann nächstes Mal wieder einschalten.
[57:00] Wir wünschen Ihnen Gottes Segen bis zum nächsten Mal, wenn es hier wieder heißt: Sola Veritas – Die wahre Chronik der Reformation.
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