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Sola Veritas – Die Wahre Chronik der Reformation

500 Jahre ist die Reformation alt: wird sie fortgeführt oder begraben? Wie verhalten sich Luthers Erben und was wird aus seinen (Wieder)entdeckungen? All das sind wichtige Fragen. Doch beantworten kann sie nur, wer das Reformationsgeschehen selbst gründlich kennt. „Sola Veritas – Die wahre Chronik der Reformation“ bietet weitaus mehr als die üblichen bekannten Zusammenfassungen und Anekdoten. Ausgehend vom Jahre 1482 wird alles chronologisch erzählt, was weltgeschichlich und biographisch (sowohl bezüglich Luther als auch vieler anderer, zum Teil sehr unbekannter Reformatoren) wichtig war. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt des Spätmittelalters, erleben sie das zaghafte Aufblühen von Wissenschaft und Kultur, verfolgen sie die Debatten um philosophische und theologische Streitfragen und entdecken sie Schritt für Schritt mit Luther und seinen Mitkämpfern befreiende biblische Wahrheiten. So wird Kirchengeschichte lebensnah und endlich gut verständlich…. Neue Folgen wöchentlich, bzw. wenn es die Zeit erlaubt. Ein Programm von www.joelmediatv.de

Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:


In dieser Folge von Sola Veritas, Teil 26, beleuchtet Christopher Kramp den Augsburger Reichstag von Juli bis September 1518. Er beschreibt die politischen Spannungen, die Forderungen Roms nach Steuern und die wachsende anti-römische Stimmung. Die Folge thematisiert auch die Rolle von Kurfürst Friedrich dem Dritten, die Thronfolgepläne Kaiser Maximilians und die juristischen Schritte gegen Martin Luther, der sich plötzlich mit einem Ketzerprozess konfrontiert sieht.


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Serie: Sola Veritas - Die wahre Chronik der Reformation

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Transkript

[0:32] Herzlich willkommen zu Sola Veritas, die wahre Chronik der Reformation, hier auf joelmedia.de. Schön, dass Sie eingeschaltet haben, zur neuen Folge, der wir die Geschichte der Reformation und das Leben der Reformatoren, insbesondere das von Martin Luther, genauer unter die Lupe nehmen wollen. Wie wir es gewohnt sind, möchten wir vor der neuen Folge auch diesmal ein kurzes Gebet sprechen. Lieber Vater im Himmel, wir danken dir, dass wir sehen dürfen, wie du in der Geschichte dein Wort bewahrt hast und die Reformation Schritt für Schritt geführt hast. Wir möchten dich bitten, dass du unser heute die Augen öffnest für die Dinge, die wir lernen können aus dieser Geschichte, die wir übertragen können auf unser persönliches Glaubensleben. Sende dazu deinen Heiligen Geist und hab Dank, dass du bei uns sein wirst. Im Namen Jesu. Amen.

[1:28] Teil 26: Juli bis September 1518 – Der Augsburger Reichstag. Die Freunde von Martin Luther hatten ihn verschiedentlich darum gebeten, seine jüngste Schrift gegen Tetzel sei so gut, dass man sie noch einmal drucken müsse. Und Luther war eigentlich der Meinung, er habe nur mit Tetzel gespielt und er hätte noch viel deutlicher schreiben sollen. Trotzdem entschied er sich, dieser Bitte seiner Freunde zu entsprechen und seine jüngste Anti-Tetzel-Schrift noch einmal nachdrucken zu lassen.

[2:10] Im Juli 1518, in jenem Juli, erhielt er auch eine Warnung, am 10. Juli um genau zu sein, von Graf Albrecht von Mansfeld. Der warnte ihn, Wittenberg vorerst nicht mehr zu verlassen. Es gäbe erhebliche Sicherheitsbedenken. Und Albrecht von Mansfeld war durchaus auf der Seite von Luther. Er sagte ihm, die wahre Theologie habe ihm diese Verfolgung eingebracht. Luther war jetzt schon in echter Gefahr für das, was er glaubte und verbreitete.

[2:48] Im Juli 1518 begann dann der große Reichstag, der, wie schon so oft, in einer der bedeutendsten Städte des Heiligen Römischen Reiches stattfand, nämlich in Augsburg. Und die Agenda war kontrovers und delikat. Rom forderte eine neue Steuer, mit der man den Krieg gegen die Türken finanzieren wollte. Aber genau diese Türkensteuer war äußerst umstritten. Viele Flugblätter waren im Umlauf, die diese Türkensteuer als eine neue Geldschneiderei Roms und des Hauses Medici brandmarkte.

[3:25] Auch Luther wusste von diesem Gedanken. Die deutschen Städte waren erschienen, um die sogenannten Gravamina vorzubringen, in denen man sich über die Missstände, die schweren Missstände beschwerte. Man stellte in Frage, ob es wirklich so zweckmäßig sei, dass so viel Geld nach Rom fließen muss. Und die Stimmung insgesamt war durchaus anti-römisch.

[3:50] Und einer der Wortführer dieses anti-römischen politischen Kurses war der Kurfürst von Sachsen, Friedrich der Dritte, der Landesherr auch von Martin Luther. Gleichzeitig hatte der Kaiser seine eigenen Pläne. Er wusste, dass er nicht mehr ewig regieren würde und er wollte rechtzeitig die Thronnachfolge regeln. Er hatte seinen eigenen Enkel, Karl von Spanien, auf dem Plan und wollte, dass auf diesem Reichstag der zum neuen designierten Kaiser gewählt wird. Aber wiederum war es Friedrich der Dritte, der genau dagegen etwas hatte und mit allerlei politischen Winkelzügen das zu hintertreiben suchte.

[4:42] Das bedeutete, dass von Anfang an für Luther die Sache politisch nicht besonders günstig war. Der Papst sei potenziell Friedrich den Dritten als eine Gefahr, weil der gegen die Türkensteuer war. Und auch der Kaiser war kein Freund von Friedrich dem Dritten, weil der die Thronfolgepläne hintertrieb. Von daher konnte man weder von der kaiserlichen noch von der päpstlichen Seite mit einem besonderen Wohlwollen gegenüber Luther rechnen.

[5:14] Martin war mitgereist als Berater des Kurfürsten. Noch andere große Namen waren natürlich da: Albrecht von Brandenburg, der Erzbischof, selbstverständlich ebenfalls mit dabei. Er wurde auf diesem Reichstag zum Kardinal erhoben. Und Ulrich von Hutten war als sein Mitarbeiter auch mit dabei, genauso auch wie Albrecht Dürer, der als Vertreter der Stadt Nürnberg dabei war und der bei dieser Gelegenheit wohl sein berühmtes Porträt des reichen Fugger anfertigte.

[5:53] Am 25. Juli wurde Luther Opfer eines Hinterhalts. Er war eingeladen worden von dem Leipziger Hofgeistlichen, Hieronymus Emser. Das war der Hofgeistliche von Herzog Georg zu einem Abendessen. Und einige andere Theologen, also Sylvester Mazzolini Prierias, Thomas von Aquin, Usus Falcon, aus Leipzig waren eingeladen. Und es entwickelte sich eine intensive Diskussion, ein Streit über die Bahnen und über Aristoteles und über Thomas von Aquin. Was Luther nicht wusste, das war, dass hinter der Tür ein Dominikaner sich platziert hatte und lauschte. Man wollte Luther mit theoretischen Aussagen fangen, um ihn dadurch ein Bein stellen zu können.

[6:44] Zurück nach Augsburg, wo Friedrich der Dritte Anfang August eine Anfrage erhielt. Kein Geringerer als der berühmte und ja auch heftig umstrittene, weil zu den Juden so liberale und freundliche Gelehrte Johannes Reuchlin wurde vorstellig und fragte den Kurfürsten, ob er nicht einen guten Christen, einen Griechischlehrer gebrauchen könnte, einen vortrefflichen Gelehrten. Reuchlin stellte ihm seinen Großneffen vor, Philipp Melanchthon, der zu dem Zeitpunkt 21 war und der trotz kleiner, schmächtiger Gestalt eine unglaubliche Begabung, eine wissenschaftliche und pädagogische Begabung hatte.

[7:34] Und Kurfürst Friedrich der Dritte, der hat nicht lange gezögert und hat ohne Weiteres den Melanchthon als neuen Griechischlehrer für die Universität in Wittenberg angestellt. Eine Entscheidung, die noch weitreichende Konsequenzen für die Reformationsgeschichte haben sollte.

[7:55] Am 5. August liest der Kaiser ein Schreiben an den Papst verfassen, das allerdings vermutlich von Cajetan stammte. Cajetan war ja der Legat Roms für den Augsburger Reichstag. In diesem Schreiben warf man Luther neue Irrlehren vor. Ganz besonders bezog man sich auf die Kirchenbannpredigt, deren Aussagen Luther ja aus dem Kontext gerissen worden waren und mit einem fremden Spottgedicht über Rom durch seine Feinde verbreitet worden war. Und um ihm zu schaden.

[8:31] Und das hat jetzt in Augsburg ziemlich die Runde gemacht und Luther wirklich schwer geschadet. Cajetan sandte diesen Brief des Kaisers nach Rom und damit hatte wohl eine noch bessere Position Luther gegenüber, der sich offensichtlich ja so negativ über das Papsttum geäußert hatte. Das hat in Rom natürlich für wenig Begeisterung gesorgt und man war jetzt gewillt, gegen Luther vorzugehen mit aller Macht.

[9:03] Luther hat seinerseits die Notwendigkeit verspürt, das Ganze etwas geradezurücken. Er hat im August diese Predigt über den Kirchenbann nochmals aus dem Gedächtnis rekonstruiert und dann selbst veröffentlicht, um zu zeigen, was er eigentlich gepredigt hatte, um auch diese Verleumdung gegen ihn zu entkräften. Hat hier sehr behutsam und vorsichtig formuliert.

[9:28] Und wir können einige der Hauptpunkte hier kurz benennen. Er hat in seiner Predigt versucht deutlich zu machen, dass ein Kirchenbann lediglich die äußerliche Kirchengemeinschaft entzieht, aber nicht einen Einfluss hat auf das Verhältnis zu Gott. Wenn also die Kirche den Kirchenbann ausspricht, dann ist die Person, die gebannt ist, zwar ausgeschlossen aus der Kirche, kann nicht mehr am Abendmahl teilnehmen, aber das heißt nicht automatisch, dass sie verloren ist oder dass dadurch die Verbindung zu Gott gebrochen ist.

[10:01] Das nimmt natürlich dem Kirchenbann eine ganze Reihe von Macht und Wirksamkeit. Diese biblische Stelle, Luther beschreibt er, sagt, der Bann soll erbauen und ist eigentlich ein heilsames Zuchtmittel, angewandt werden, um wirkliche Sünder wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Aber der Bann wird zu seiner Zeit falsch verstanden und falsch angewandt.

[10:30] So hat er die Predigt formuliert. Außerdem kritisierte Luther, dass der Bann oft auf wirtschaftliche Verhältnisse angewandt wurde. Mit anderen Worten, wenn jemand Geld schuldete und er konnte das Geld nicht bezahlen, hat man ihn mit dem Kirchenbann belegt. Und Luther sagte, das ist falsch. Insgesamt sollte der Bann nur sehr sparsam angewendet werden.

[10:53] Und selbst dann, wenn der Bann falsch gehandhabt wird, so Luther, sollte man ihn trotzdem ehren. Er verglich das mit einer Mutter, die ungerecht strafen, die man trotzdem ehren sollte. Und das war so seine Vorstellung von der Kirche. Die Kirche benutzt die kirchlichen Strafen nicht immer korrekt, trotzdem soll man ihr gehorsam sein. Und das zeigt, dass Luther auch zu diesem Zeitpunkt keineswegs eine Grundsatzkritik an der Kirche übte, sondern einfach nur die Kirche verbessern wollte.

[11:22] Am 7. August erhielt dann Luther ein Schreiben. Er erhielt die Vorladung nach Rom durch Cajetan. Und damit war es jetzt Luther bewusst, dass der Ketzerprozess gegen ihn eröffnet worden ist.

[11:48] Auch das Gutachten wird dem Luther jetzt übermittelt und gedruckt vorgelegt. Und Luther war vollkommen geschockt. Er war wirklich tief getroffen, dass er jetzt offiziell in Rom angeklagt ist. Das Gutachten hat ihn erst mal nicht so sehr beeindruckt. Er hat geglaubt, dass Prierias ohnehin als Dominikaner und Thomas-Anhänger parteiisch ist. Und weil dieses Gutachten so schlecht geschrieben war, hat er eine ganz kuriose Strategie gefahren: hat einfach dieses Gutachten, sowie es war, nachdrucken lassen, damit alle sehen, wie schwach die Argumente Roms gegen ihn sind.

[12:40] Wie gesagt, kam diese Vorladung von Cajetan, der dadurch jetzt auch direkt involviert war in diese Luther-Sache. Und Luther konnte eine Zeitlang sich kaum richtig beruhigen, weil er liebte die Kirche und die Idee, dass in der ewigen Stadt, zu der er einige Jahre zuvor gepilgert war, sein Name jetzt als potenzieller Ketzer gehandelt wurde. Dass er offiziell sich jetzt verteidigen musste, das hat ihn wirklich letztendlich überrascht.

[13:09] Er hat sich dann überlegt, was er noch tun kann, außer das Gutachten zu veröffentlichen. Und er kam auf die Idee, eine Antwort zu verfassen. Und er hat, nachdem Prierias schon in drei Tagen das Gutachten formuliert hat, hat er den noch unterboten und hat seine Antwort in nur zwei Tagen verfasst. Und das war unter anderem auch der Tatsache geschuldet, dass er diesen Sylvester Mazzolini Prierias eigentlich gar nicht wirklich geachtet hat als einen ernstzunehmenden Gelehrten.

[13:44] Am 8. August, ein Tag später, schreibt dann Luther an Spalatin. Er weiß, dass er jetzt auf dessen Hilfe angewiesen ist und dass vor allem die Ehre der Universität auf dem Spiel steht. Wittenberg kann es sich nicht leisten, dass sein bekannter Professor der Ketzerei angeklagt wird. Der Kurfürst soll einschreiten und möglicherweise auch der Kaiser.

[14:04] Luther hofft, dass das Verfahren von Rom transferiert werden kann nach Deutschland. Diese Regelung ist möglich seit dem Basler Konzil, vor allem dann, wenn es ein gewisses begründetes Misstrauen gegen Rom gibt. Und eins ist sicher: Die Zeit, als er soll sich innerhalb von wenigen Wochen den Raum stellen. Jetzt muss schnell gehandelt werden.

[14:31] Interessanterweise versucht im selben Monat Johannes Eck, der mittlerweile sich so zum Feind Luthers stilisiert, sechsmal im August versucht er beim Kurfürsten eine Audienz zu erhalten, um diesen gegen Luther zu beeinflussen. Also, die Intrigen waren jetzt von allen Seiten sehr stark. Doch es war gerade Spalatin, der ihn sechsmal abwimmelt und es verhindert, dass Johann Eck beim Kurfürsten vorsprechen kann.

[15:05] Währenddessen verbessert sich die politische Lage auf dem Reichstag ein wenig, weil Chur-Sachsen und andere so stark gegen die Türkensteuer protestieren, ist der Kaiser durchaus beeindruckt von diesem Widerstand. Ton ist geneigt, jetzt da etwas einzulenken und diese Kritik mit zu unterstützen.

[15:34] Am 14. August antwortet Johannes Eck auf die Thesen von Karlstadt. Er will die Sache jetzt möglichst in der Öffentlichkeit ausfechten und er fordert eine Entscheidung entweder vom Papst oder von den berühmten Universitäten in Paris, Köln oder Rom. Ich will das Ganze jetzt an das grelle Licht der Öffentlichkeit zerren und auf großer Bühne Karlstadt in die Knie zwingen. Er schlägt eine öffentliche Disputation vor und zwar für den 3. April 1519, also in einem Dreivierteljahr. Bis dahin hat man genügend Zeit, das vorzubereiten. Und er gibt das Datum vor und Karlstadt soll den Ort wählen.

[16:21] Mitte August schreibt Spalatin an den kaiserlichen Rat Renner. Man bittet den Kaiser, dass er sich doch irgendwie einsetzen möge beim Papst, dass die Sache Luthers in Deutschland verhandelt, also auf politischer Ebene. Versucht man jetzt von Seiten des Kurfürsten, Luther zu helfen. Man schlägt vor, dass es ein Verhör geben könnte bei dem Bischof von Würzburg zum Beispiel, weil der den Sachsen wohlgesonnen ist, oder auch bei dem Bischof von Freising. Freising ist sogar von Sachsen abhängig. Also gibt es mir ein bisschen auch die politischen Schachzüge, die man versucht zu gehen.

[16:57] Oder aber eine Universität soll darüber entscheiden, wobei Erfurt, Leipzig und auch Frankfurt oder wegen ihrer offensichtlichen Anti-Haltung ausgeschlossen werden. Man möchte, dass das Ganze von Gelehrten entschieden wird und nicht durch die kirchliche Justiz.

[17:16] Eigentlich scheint dieses Ansinnen von Spalatin aussichtslos, weil ja der Kaiser schon nach Rom geschrieben hat, arbeitet tatsächlich. So können wir heute rekonstruieren, scheint der Kaiser doch jetzt hier einen kleinen, leichten Kurswechsel vorzunehmen.

[17:32] Am 16. August promoviert Justus Jonas mit mittlerweile 25 zum Lizentiaten beider Rechte in Erfurt. Er ist mittlerweile eine führende Figur im Kreis der Erfurter Humanisten und hat auch sehr guten Kontakt mit Johannes Lange, dem Freund Luthers. Dadurch interessierte sich immer mehr auch für theologische Fragen und beginnt sich mit den Ideen Luthers vertraut zu machen.

[17:59] Durch Luther angeregt, beginnt er auch Griechisch zu lernen, oder durch Lange eigentlich angeregt, vielmehr. Und dadurch beginnt Diskussion, dass immer mehr an diese Rolle hineinwächst, der später auch in der Reformation noch spielen wird. Er wird in diesem Jahr auch Kanoniker an der Erfurter Severikirche.

[18:19] Am 21. August sind dann endlich die sogenannten Resolutionen zu den 95 Thesen fertig gedruckt. Diese Auflösung erklären, was er, was wird mit den 95 Thesen gemeint hat. Und sie können jetzt von allen gelesen werden und werden verbreitet.

[18:33] Zwei Tage später, am 23. August, gibt es eine kurze Nachricht des Papstes an Cajetan. Diese Briefe heißen: "Es ist Luther ein notorischer Ketzer." Das bedeutet de facto, dass er bereits vorverurteilt ist und die Beweiserhebung jetzt eigentlich schon juristisch gesehen fast abgeschlossen ist.

[18:54] Der Prozess ist aus Roms Sicht schon fast am Ende, obwohl er eigentlich noch gar nicht richtig angefangen hat. Und Cajetan hat jetzt die Aufgabe, Luther in seine Gewalt zu bringen, damit er in Rom vor ein päpstliches Gericht gestellt werden kann. Sollte Luther widerrufen, hat er kann jetzt die Autorität, die Kirche aufzunehmen.

[19:14] Cajetan bekommt sogar die Vollmacht, Luther notfalls zu exkommunizieren und zu bannen und sogar die Unterstützer Luthers mit dem Kirchenbann zu belegen. Das heißt, auf dem direkten Wege zum Legaten ist Rom stundenlang sehr forsch.

[19:30] Parallel dazu versucht man sehr viel diplomatischer auch bei dem Kurfürsten etwas zu erreichen. Sehr behutsam und sehr schmeichelnd wendet sich die römische Kurie an den Kurfürsten und erbittet eine Auslieferung von Luther und verspricht natürlich ein faires Verfahren. Aber Friedrich ist Politiker genug, um zu wissen, dass die Schmeichelei nur halb ernst gemeint sein kann und geht darauf natürlich erstmal nicht so direkt ein.

[19:57] Am 25. August machte Rom den nächsten Schachzug. Das geht jetzt sehr, sehr schnell. Man schreibt an den sächsischen Provinzial des Augustinereremitenordens, den SG Haker. Der soll jetzt gegen Luther vorgehen. Das ist deswegen interessant, weil Haker eigentlich als Vorsteher der gewöhnlichen Augustinereremiten gar nicht zuständig ist, sondern Staupitz. Weil Luther, genau wie Staupitz, zu den reformierten Augustinereremiten gehört.

[20:27] Rom scheint zu dem Zeitpunkt nicht mehr zu glauben, dass man über Staupitz noch an Luther rankommen kann. Dass Staupitz kooperieren würde. Und so versucht man jetzt über diesen römischen Protomagister Luther zu bekommen.

[20:42] Möglicherweise hat Haker sogar Luther zu dieser Zeit persönlich vorgeladen. Luther wendet sich jetzt erneut an Spalatin. Er hat zwar nicht genau die Ahnung, was alles im Hintergrund auf der politischen Bühne hinter den Kulissen läuft, aber er weiß, und das schreibt er an Spalatin, dass jetzt das Licht und die Finsternis miteinander kämpfen.

[21:06] Und er schreibt, dass seine Freunde, seine juristischen Freunde, einen Plan gemacht haben. Und er schlägt denn jetzt Spalatin vor: Wie wäre es, wenn er Luther formal beim Kurfürsten um sicheres Geleit bittet und der das einfach ausschlägt? Dann hätte Luther einfach einen Grund, nicht nach Rom zu gehen. Aber der Kurfürst ist von dieser Idee nicht besonders angetan, und zwar zu Recht. Das ist dann doch etwas fadenscheinig und dieser Vorschlag wird abgelehnt.

[21:41] Gegen Ende August trifft Melanchthon in Wittenberg ein, 10 Uhr vormittags. Er wurde begleitet von seinem Freund Matthäus Alber. Und schon bald, wie wir sehen werden, halt Melanchthon diese kleine Universitätsstadt im Sturm erobert.

[22:05] Ende August ist die Sache mit der Königswahl weiter im Gange auf dem Reichstag. Und wiederum entwickelt sich die Sache jetzt so, dass es Luther zugute kommt, weil Rom sich gegen Karl stellt. Der Papst möchte unter allen Umständen verhindern, dass der junge Karl, der König von Spanien und auch schon König von Sizilien wird, ist auch noch König über Deutschland wird und römischer Kaiser. Weil dann wäre der Kirchenstaat von beiden Seiten, von Süden und von Norden, von Karl eingeschlossen. Und das wäre eine echte politische Gefahr.

[22:46] Deswegen braucht Rom einen Verbündeten. Ende August entwickelt sich die Angelegenheit der Königswahl immer mehr, so dass es Luther zugute kommt. Rom ist, ganz gegen die Vorstellung des Kaisers, der will ja unbedingt, dass sein Enkel Karl der Erste, König von Spanien, auch deutscher römisch-deutscher König wird, aber der ist schon König von Spanien und König von Sizilien, das heißt eigentlich der Faktor von ganz Süditalien. Wenn der auch noch Kaiser des Römischen Reiches würde, dann wäre der Kirchenstaat von Norden und Süden eingeschlossen durch diesen Karl. Und das will das Papsttum unter allen Umständen verhindern.

[23:36] Es wird jetzt zur politischen Notwendigkeit, Karl den Ersten zu verhindern. Und Rom sucht deswegen nach Unterstützern. Da der Kaiser, der künftige, von den Kurfürsten gewählt wird, braucht man die Kurfürsten auf der römischen Seite, damit Karl nicht die notwendigen Stimmen bekommt. Und da der sächsische Kurfürst Friedrich der Dritte insbesondere auch ein Gegner von Karl ist, versucht Rom jetzt den Schulterschluss mit Friedrich dem Dritten.

[24:07] Und das ist für die Luther-Sache günstig, denn damit hat Friedrich der Dritte plötzlich ein Druckmittel in der Hand, um Rom in der Luther-Sache etwas zum Einlenken zu bewegen. So kommt es, dass der Kurfürst mit Cajetan verhandelt am Rande des Reichstags wegen Luther. Und der Legat ergibt sich hier sehr milde und sehr zuvorkommend. Selbst Spalatin sieht jetzt eine Chance, dass Luther verteidigt werden kann.

[24:35] Friedrich erreicht, dass Cajetan sich in Rom dafür einsetzt, dass die Luther-Sache von Rom nach Deutschland übertragen wird. Cajetan hat es mehrfach dem Kurfürsten versichert, dass man mit Luther milde verfahren werde und ihn auf keinen Fall gefangen nimmt, obwohl er ja aus Rom genau diesen Auftrag hat.

[24:58] Damit hat Cajetan sich jetzt selbst die Hände gebunden, weil er, wenn er Luther gefangen nimmt, dann dem Kurfürsten sein Wort gebrochen hat. So kann er, um allen gegenüber das Gesicht zu wahren, eigentlich nur darauf hinwirken, Luther möglichst zum Widerruf.

[25:12] hinwirken, Luther möglichst zum Widerruf zu bewegen. Wenn er gleichzeitig seine Anweisung aus Rom treu bleiben möchte.

[25:24] Am 29. August hält Philipp Melanchthon seine berühmte Antrittsrede in Wittenberg. Darin geht es um die Verbesserung des akademischen Studiums.

[25:33] Und er stellt in seiner Antrittsrede die Geschichte der Wissenschaft und der Kirche über die Jahrhunderte dar, wie es immer mehr zum Verfall gekommen ist.

[25:44] Und er fordert dann alle auf, die griechische Sprache zu erlernen, weil man dadurch die ganzen Quellen der Wissenschaft und die Quellen der Theologie neu erschließen kann.

[25:53] Man solle die Ursprachen studieren und damit die Quellen selbst studieren und nicht immer nur die scholastischen Kommentare, die alles nur verdunkeln.

[26:03] Diese Rede ist intellektuell so scharf und rhetorisch so sauber, dass sie von allen begeistert aufgenommen wird. Man hat es vorher nicht genau gewusst, wo dieser junge Mann aus Süddeutschland steht, aber jetzt ist man mehr als zufrieden.

[26:18] Zufrieden, einen solchen fortschrittlichen und intellektuell überzeugenden jungen Mann als Lehrer für die Universität gewonnen zu haben.

[26:26] Der Melanchthon erobert die Herzen nicht nur der anderen Professoren, sondern vor allem auch der Studenten im Sturm.

[26:33] Selbst Luther ist äußerst zufrieden. Er macht sich aber von Anfang an Sorgen um die Gesundheit von Melanchthon, weil er so schmächtig ist und so unscheinbar und wohl die Arbeitsweise vielleicht nicht vertragen könnte.

[26:47] Mehr lange dauern, aber hat wie gesagt gigantischen Erfolg. Von Anfang an ist er der beliebteste Professor einer ganzen Universität.

[26:58] Zu seinen Vorlesungen kommen regelmäßig 500 bis 600 Studenten, mehr noch als zu Martin Luther, der bis dahin ja der Star in Wittenberg war.

[27:08] Und seine Vorlesungen handeln von Rhetorik und auch über den Plutarch. Später kommen auch Vorlesungen über biblische Bücher dazu.

[27:19] Am 31. August haben wir einen Brief von Luthers Lehrer Spalatin. Da geht es unter anderem über Melanchthon.

[27:24] Er hat eine Rede gehalten, die hochgelehrt und ganz ohne Fehler war.

[27:27] Wir haben unsere Meinung und unsere Seelen gab bald von seiner Statur und seiner Person abgewandt. Mit anderen Worten, sein Erscheinungsbild war jetzt nicht so überwältigend.

[27:37] Ich begehre durchaus keinen anderen Lehrmeister für das Griechische, solange er gesund bleibt. Nur eines fürchte ich, dass er, weil er so zart ist, die Lebensweise unserer Gegend nicht ertragen möge.

[27:48] Im gleichen Brief setzt er sich dafür ein, dass man dem Wähler nicht nur noch ein besseres Gehalt zahle, weil er wohl für einen Hungerlohn erstmal eingestellt worden ist.

[27:53] Und man fürchtet, dass er möglicherweise von den Leipzigern abgeworben werden könnte.

[28:04] Der Brief geht noch weiter. Luthers Lehrer Spalatin schreibt hier: "Ich schicke meine ganz possenhaften und völlig aus dem Stegreif geschriebenen Tändeleien, wie der Sylvester, der Prälat, der dieses Gutachten erstellt hat, meinen recht mäßige – das ist ein Wortspiel, weil Sylvester im Wald mäßig heißt – und bayerischen Sophisten, die ich in zwei Tagen ausgeschüttet habe."

[28:23] Also Luthers rühmt sich noch damit, dass er zwei Tage nur gebraucht hat für diese Antwort, denn "erschien mir nicht wert, dass ich um seine Willen umsonst die Kraft meines Verstandes und die Mühe des Studiums daran setzen sollte."

[28:36] Luther hat also den Sylvester eigentlich im Wesentlichen verachtet. Trotzdem ist seine Antwort durchaus spektakulär.

[28:44] In diesem Antwortschreiben stellte die Prämisse auf, dass alles, aber auch wirklich alles am Evangelium geprüft werden muss.

[28:51] Und er begründet das mit der Bibel. Der Paulus sagt: "Prüft alles, das Gute behaltet."

[28:56] Und er zitiert gerade 1. Thessalonicher 5, 21: "Selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium verkündigen als das, was ihr euch verkündigt haben, der sei verflucht."

[29:07] Und nicht nur sagt die Bibel, dass die Bibel der einzige Maßstab ist, auch die alten Kirchenväter haben das gesagt.

[29:13] Luther zitiert Augustinus, der gelehrt hatte, dass nur die Bibel allein unfehlbare Autorität hat.

[29:19] Einige dankte er auch schon von Karlstadt in seinen 1421 Thesen aufgeführt worden ist.

[29:26] Und das ganze runde tat er dann damit ab, dass auch das Kirchenrecht besagt, dass nur das vorgebracht werden darf, was auch in der Heiligen Schrift enthalten ist.

[29:33] Also Luther hat hier in der Kürze ein sehr durchdachtes, auch nach den damaligen wissenschaftlichen Maßstäben rundes Argument vorgebracht.

[29:40] Biblische Zitate, alte Kirchenväterzitate, Kirchenrecht – alles stimmt überein.

[29:45] Die Bibel ist der alleinige Maßstab und das ist ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zu diesem Prinzip "Sola Scriptura" – allein die Bibel.

[29:53] Dem Luther war vollkommen klar, dass trotz der eigentlichen Offensichtlichkeit seine Aussage, dass trotzdem eine totale Grundlagenrevolution war.

[30:04] Denn selbstverständlich hat man nicht so verfahren in den juristischen noch theologischen Debatten seinerzeit.

[30:12] Weiter schreibt er an den Lektor des Thomas von Aquin, den berühmtesten aller Scholastiker, zu verwerfen ist, weil er die Bibel falsch ausgelegt und nicht mit Paulus harmoniert.

[30:20] Und dass man Christus nur ohne Thomas' Verstand verstehen kann, dass also der Thomas von Aquin mit seiner Lehre das Evangelium verdunkelt, dass er, Thomas vom katholischen Glauben abgewichen ist.

[30:33] Also wirklich starker Tobak, den er hier formuliert. Und in der Sache bleibt Luther bei seiner Meinung: Der Papst hat keine Gewalt über das Fegefeuer, keine Gewalt über die göttlichen Strafen, sondern nur über die Strafen, die er selbst auferlegt hat.

[30:48] Und Luther macht deutlich, dass er nicht das Papsttum angreift, sondern lediglich die Geldsuchttrupps.

[30:55] Denn immer wieder wird von seinen Feinden versucht, ihn in die Ecke zu drängen, dass er in Wirklichkeit ein Gegner des Papsttums an sich ist.

[31:08] Anfangs hat Luther sich dann einigermaßen gefasst. Er schreibt an Spalatin und sagt: "Ich bin jetzt wieder der Alte."

[31:14] Er gibt zu, wie sehr ihn das geschockt hat, zu wissen, dass er jetzt formal angeklagt ist. Aber jetzt hat er sich wieder gefasst.

[31:22] Und er schreibt dann an Spalatin: "Jetzt, dass dieses Verfahren ihn nicht mehr bewegt." Interessant, dass auch dieser mutige und standhafte Luther durchaus seine Zeit des Zweifels und der Verzweiflung gehabt hat, als er mit den Realitäten konfrontiert war.

[31:35] Aber nach einigen Tagen war es damit dann auch vorbei.

[31:41] Am 2. September hatte Luther sich noch einmal an Spalatin gewandt, und dem Fall ging es nicht um seine Sache, sondern um die Universität.

[31:49] Ihm war aufgefallen, dass man zwar die Vorlesung an der Universität reformiert hatte, aber die Prüfungsordnung nicht angepasst hat.

[31:56] Und Luther reklamiert, dass man sagt: "Wir können nicht die Vorlesung ändern, aber noch nach der alten Prüfungsordnung die Studenten prüfen."

[32:05] Und auch in dieser Hinsicht hatte Luther also einiges zu tun.

[32:10] Am 3. September hat der Papst dann eine neue Front eröffnet mit einem neuen, mit einer neuen Idee versucht, in der Luther-Sache was zu erreichen.

[32:18] Er kam auf die Idee, dem Kurfürsten die sogenannte Goldene Tugendrose zu verleihen.

[32:26] Die wurde allen Fürsten gegeben, die sich besonders um die Kirche verdient gemacht haben. Mit ihr war ein besonderer Applaus verbunden, und das sollte den Kurfürsten schmeicheln.

[32:40] Und da hatte er nicht völlig falsch gemacht. In der Tat war der Kurfürst von dieser Idee durchaus angetan, diese Goldene Tugendrose zu bekommen.

[32:46] Und die musste übergeben werden, und dazu wählte Papst Leo X. einen eigenen Gesandten aus, einen sächsischen Kammerjunker, der als päpstlicher Kammerjunker in Rom aktiv war.

[32:58] Sein Name war Karl von Miltitz, ein relativ junger Mann. Als Sachse nur geeignet, nach Sachsen auch zu reisen.

[33:08] Und er ist so in der ganzen Luther-Geschichte so ein bisschen oft als die komische Figur, nicht sagen eine Witzfigur dargestellt worden.

[33:14] Fakt ist auf jeden Fall, er war ein lieber Mensch, der der theologischen Zwölf und den Zusammenhängen in der Sache gar nicht gewachsen war, wie sich bald zeigen würde.

[33:26] Er bekam jetzt den Auftrag, nach Sachsen zu reisen und diese Tugendrose zu übergeben.

[33:35] Möglicherweise hat sich in dieser Zeit auch der Kaiser für Luther eingesetzt. Aber was auf jeden Fall sicher ist, ist, dass auch andere Theologen jetzt auf Luther einwirken.

[33:50] Am 4. September haben wir einen Brief von Wolfgang Capito, der Theologieprofessor war und in Basel am Münster predigte.

[34:01] Und er war Luther sehr wohlgesonnen und war selbst ein Hebraist, das heißt, ein Gelehrter der hebräischen Sprache.

[34:09] Und er schreibt an Luther und berichtet, wie sehr er es muss auch die Applaus-Thesen bewundert usw.

[34:14] Aber dann warnte ihn und sagt: "Sei nichts zu kämpferisch und versuche ja nicht, den Papst irgendwie zu verletzen."

[34:23] Die haben wir einige Auszüge aus seinem Brief. "Glaube mir, stückweise wirst du das ausrichten, was du mit allen Kräften nicht einmal hätte es ins Wanken bringen können."

[34:35] Also er plädiert für ein schrittweises Vorgehen. In solcher Weise haben die Apostel nichts plötzlich nicht so offen betrieben. Überall haben sie eine zierliche Feinheit bewahrt.

[34:43] "Wie sehr wünscht sich doch, dass du immer ein Fenster offen hieltest, auf denen du entfliehen können, wenn auch nur mit einer Disputation geplagt."

[34:50] Also Capito sagt: "Warte, ich nie zu weit vor. Das Thema ein Hintertürchen offen."

[34:56] Und obwohl in gewisser Weise sicherlich solche Aussagen auch dem Luther manchmal etwas sehr geschrieben, Luther angestimmt wird, er etwas helfen konnten, zeigt sich, dass andersrum ein Wolfgang Capito niemals die Reformation vorangebracht hätte, wenn jemand immer nur darauf bedacht, dass ein Hintertürchen zu haben.

[35:10] Dann wird nie etwas Großes entstehen im Werk Gottes. Und das zeigt sich also, wie hier die verschiedenen Reformatoren auch unterschiedliche Herangehensweisen hatten und wie wir von ihnen lernen können.

[35:26] Am 5. September schreibt Spalatin noch einmal an Luther.

[35:30] Und wir haben hier auch einen kurzen Ausschnitt der Kardinal Cajetan: "Wenn er nicht so wohl den Fürsten als auch mich täuscht, ist nicht sogar feindselig gegen dich? Das hat so großes Übel wieder dich bei dem Kaiser und den Großen des Heiligen Römischen Reiches. Vor dem sollte nach meinem Dafürhalten hast du dich gesetzmäßig genug verboten, über deine Sache erkennen zu lassen, an einem unverdächtigen Ort, vor unverdächtigen Richtern."

[35:52] Also das Palatin sagt: "Du, ich denke, dass das wird wird in Ordnung gehen."

[35:57] Und dann sagt er hier: "Ein Ketzer nennt dich nur das tätschelte Gesindel." Das heißt, die Leute, welche von allen schönen Künsten und Wissenschaften nichts verstehen.

[36:05] "Jedoch hüte dich auf das sorgfältigste, dass du nicht entweder im Predigen oder Diskutieren oder im öffentlichen Lehren jene Westen noch heftiger reizt."

[36:13] Also Spalatin schreibt ihm: "Die Sache jetzt steht, kann es gut ausgehen, aber bitte, bitte, bitte keine neuen Provokationen."

[36:20] Ja, nicht die Wespen noch mehr reizen.

[36:26] Am 10. September informiert dann Miltitz den Spalatin über das Vorhaben, dass der Papst gerne dem Kurfürsten die Goldene Tugendrose übergeben möchte.

[36:38] Oder am 11. September gibt es neue Nachrichten und Anweisungen aus Rom für Cajetan.

[36:41] Er soll Luther vernehmen, einen Widerruf entgegennehmen oder ihn verurteilen.

[36:48] Er darf sich, so ist die Anweisung, auf keinen Fall auf eine Disputation einlassen.

[36:52] Und damit liegt jetzt die richterliche Verantwortung tatsächlich in den Händen von Cajetan.

[36:58] Mitte September. Er fährt dann auch Luther. Das ist jetzt wohl so aussieht, dass man seine Sache in Deutschland verhandeln möchte.

[37:06] Und das bedeutet, dass er jetzt nicht mehr fürchten muss, die Vorlage ist Frist nach Rom zu versäumen.

[37:13] Und damit ist ein bisschen Druck aus der Sache erst einmal heraus. Und das hat sicherlich auch zu tun mit den politischen Gegebenheiten auf dem Augsburger Reichstag, Bezug auf die Königs Wahl.

[37:24] Mitte September. Das hat nicht lange gedauert, da ist Melanchthon von Luther voll anerkannt.

[37:30] Kurze Zeit später stellt sich auch Karlstadt ganz hinter den jungen Christen.

[37:35] Und zwischen Luther und Melanchthon formt sich jetzt in den nächsten Wochen und Monaten eine wirklich intensive und enge Freundschaft.

[37:43] Luther wird in gewisser Weise zum Vorbild für Melanchthon. Und als der dann seine Antrittsrede veröffentlicht und drucken lässt, verfasste er noch ein eigenes Gedicht, in dem er Luther als den Verkündiger, den Lehrer der göttlichen Wahrheit preist.

[38:02] Ebenfalls im September wurde in Löwen das Kollegium Trilingue eingeweiht. Das war eine von der Universität unabhängige Einrichtung, mit einer baulichen Substanz, zum Teil heute noch zu finden ist.

[38:19] Es war eine Initiative der Humanisten, indem man einfach diese drei wesentlichen Sprachen, Hebräisch, Griechisch und Latein, in kostenlosen Vorlesungen vermittelte.

[38:29] Und Erasmus war federführend in der Organisation dieses Lehrbetriebes.

[38:35] Am 14. September wendet sich Staupitz nah an an Luther und sagt: "Komm zu mir nach Salzburg." Staupitz ist wirklich ernsthaft besorgt, seitdem er erfahren hat, dass Luther von Rom vorgeladen worden ist.

[38:50] Eine Woche später, am 22. September, reist dann der Kurfürst aus Augsburg ab. Der Reichstag ist beendet.

[38:59] Der Kaiser kam mit seinem Vorhaben, seinen Enkel wählen zu lassen, nicht weiter auf die Türkensteuer ist nicht wirklich so durchgegangen.

[39:09] Und Friedrich III. lässt allerdings zwei seiner Räte zurück, nämlich Johann Riedel und Philipp von Feilitzsch. Die sollen in Augsburg bleiben, um sich dann der Sache anzunehmen, wenn hier Luther verhört werden soll.

[39:24] Einige Tage später ist man dann endlich auch in Wittenberg informiert darüber, dass Karl von Miltitz eingeschaltet worden ist.

[39:32] Und Luther hat die Anregung an die Universität, dass die sich beim Papst dafür einsetzt, doch das wird er wirklich in Deutschland vernommen werden kann.

[39:46] Währenddessen bereitet sich Cajetan auf die Vernehmung Luthers vor.

[39:51] Er verfasst diverse Traktate und beschäftigt sich eingehend mit den theologischen Fragen, die Luther aufgeworfen hat.

[39:57] Und während er das tut, ist ein sehr kluger und sehr gebildeter Theologe. Er stellt fest bei der nüchternen Analyse, wie weit sich Luther theologisch eigentlich schon von Rom entfernt hat.

[40:09] Und Cajetan meint erkennen zu können, dass Luther bereits jetzt eine neue Kirche aufrichtet.

[40:15] Und er versucht so, die entscheidenden Punkte herauszukristallisieren, um ihn dort zu fassen.

[40:20] Und für ihn sind das einmal das Thema der Glaubensgewissheit und die Lehre vom Schatz der Kirche.

[40:28] Besonders mit Luther sprechen möchte so macht sich Martin Luther Ende September auf den Weg nach Augsburg.

[40:33] Er soll fortan auf deutschem Boden in Augsburg verhört werden.

[40:41] Und sein Ordensbruder Leonard Beier begleitet ihn. Der Kurfürst hatte 20 Gulden besorgt, mit denen Luther die Reisekosten bestreiten soll.

[40:52] Und als er sich auf den Weg macht, ist er wirklich besorgt. Der Hauptgrund seiner Sorge ist, dass wenn er tatsächlich als Ketzer verurteilt wird, wäre das eine schlimme Schande für seine Eltern.

[41:06] Und so macht er sich Gedanken, was, was aus meiner Familie, was ist mit meinen Eltern, wenn ich jetzt hier als Ketzer sterben sollte.

[41:13] Und das waren schon sehr ernste Gedanken, mit denen Luther sich auf den Weg gemacht hat.

[41:17] In welcher auf der Karte sehen von Wittenberg ging es Richtung Augsburg.

[41:24] Und am 29. September kam er in Weimar an. Und dort trifft er interessanterweise sogar auf den Hof, der gerade aus Augsburg zurückgekehrt ist.

[41:37] In der Schlosskirche in Weimar predigt er gegen Heuchelei und auch gegen Werksgerechtigkeit.

[41:43] Untergekommen ist er in Weimar bei den Franziskanern. Und als die mit ihm sprechen, warnen die ihn vor einer möglichen Verbrennung.

[41:53] Wären all dessen ist in Einsiedeln Ulrich Zwingli immer mehr in die Rolle eines theologischen Mahners hineingewachsen.

[42:06] Und hat sich dafür eingesetzt, dass das Evangelium so zu predigen, wie es doch eigentlich in der Bibel steht.

[42:10] Wir ändern uns. Einsiedeln war ein Wallfahrtsort von überall kamen die Leute aus der ganzen Schweiz, um dort an der Gnadenkapelle vermeintlich besondere Segen zu halten.

[42:21] Zu hohen Festzeiten kamen die Pilger so aus Deutschland und aus Frankreich.

[42:25] Und jetzt Zwingli hat das mit immer größerem Unbehagen gesehen, hat immer deutlicher und immer lauter dagegen gepredigt.

[42:34] Und wir haben hier einen kleinen Ausschnitt aus dem, was er sagte: "Bildet euch nicht ein, dass Gott in diesem Tempel stärker anwesend ist als in einem anderen Teil seiner Schöpfung."

[42:42] "Was immer auch das Land ist, in dem bewusst Gott ist, um dich herum und fertig können euch ohne zu Werke lange Pilgerfahrten, Gaben, Bilder oder die Anrufung der Jungfrau oder der Heiligen euch die Gnade Gottes verdienen."

[42:55] "Gott schaut auf das Herz, und unsere Herzen sind fern von ihm. Christus, der einst am Kreuz geopfert wurde, ist das Opfer, das wir alle Ewigkeit Genugtuung für die Sünden der Gläubigen getan hat."

[43:06] Hier sieht man, wie dieses klare biblische Evangelium auch in den Predigten des Zwingli jetzt ganz deutlich hervortritt.

[43:14] Das auf Texten wie diese basiert. So wird der Christus, nachdem er sich einmal zum Opfer da gemacht hat, um die Sünden vieler auf sich zu nehmen, zum zweiten Mal denen erscheinen, die auf ihn warten, nicht wegen der Sünde, sondern zum Heil.

[43:28] Zwingli sagte, dass eine echte, wirkliche Opfer, das uns rettet, das ist Christus, und er ist für uns gestorben.

[43:34] Und Gott ist an jedem Ort derselbe. Wir müssen nicht große Pilgerfahrten machen.

[43:40] Gott ist nicht an bestimmten Orten gnädiger als ein anderer. Wir müssen nicht durch bestimmte Taten und Werke und Pilgerfahrten irgendwie gnädig stimmen, sondern überall, wo wir sind, können wir frei auf diese Gnade zugreifen.

[43:51] Das Evangelium, das Luther gefunden hatte, ist auch dem Zwingli deutlich aus der Bibel hervor geleuchtet, ohne die beiden jemals miteinander kommuniziert hätten.

[44:03] Und das wird sich zeigen, wie die beiden jetzt parallel nebeneinander zu großen Reformatoren heranwachsen und ihre Zeit und auch viele Generationen danach noch geprägt haben.

[44:16] In der nächsten Woche wollen wir dann weiter studieren und vor allem sehen, was aus dem Verhör Luthers geworden ist in Augsburg vor Cajetan.

[44:28] Dann heißt es: Luther vor Cajetan. Und wir freuen uns, wenn Sie dann wieder einschalten, wenn es hier heißt: Sola Veritas – die wahre Chronik der Reformation.

[44:38] Bis dahin, das Wirken Gottes, Segen und alles Gute.


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