In dieser Folge von Sola Veritas wird die historische Begegnung zwischen Martin Luther und Kardinal Cajetan im Oktober und November 1518 beleuchtet. Luther reiste nach Augsburg, um sich einem Verhör zu stellen, nachdem in Rom ein Ketzerprozess gegen ihn eingeleitet worden war. Die Episode schildert die Reise Luthers, die Ängste seiner Unterstützer und die ersten Gespräche mit Cajetan, die von theologischen Differenzen und politischen Manövern geprägt waren.
Sola Veritas: 27. Luther vor Cajetan (Oktober – November 1518)
Christopher Kramp · Sola Veritas - Die wahre Chronik der ReformationPodcast Diese Aufnahme ist teil eines Podcasts
Sola Veritas – Die Wahre Chronik der Reformation
500 Jahre ist die Reformation alt: wird sie fortgeführt oder begraben? Wie verhalten sich Luthers Erben und was wird aus seinen (Wieder)entdeckungen? All das sind wichtige Fragen. Doch beantworten kann sie nur, wer das Reformationsgeschehen selbst gründlich kennt. „Sola Veritas – Die wahre Chronik der Reformation“ bietet weitaus mehr als die üblichen bekannten Zusammenfassungen und Anekdoten. Ausgehend vom Jahre 1482 wird alles chronologisch erzählt, was weltgeschichlich und biographisch (sowohl bezüglich Luther als auch vieler anderer, zum Teil sehr unbekannter Reformatoren) wichtig war. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt des Spätmittelalters, erleben sie das zaghafte Aufblühen von Wissenschaft und Kultur, verfolgen sie die Debatten um philosophische und theologische Streitfragen und entdecken sie Schritt für Schritt mit Luther und seinen Mitkämpfern befreiende biblische Wahrheiten. So wird Kirchengeschichte lebensnah und endlich gut verständlich…. Neue Folgen wöchentlich, bzw. wenn es die Zeit erlaubt. Ein Programm von www.joelmediatv.de
Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:
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Serie: Sola Veritas - Die wahre Chronik der Reformation
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Transkript
[0:33] Herzlich willkommen zu Sola Veritas, die wahre Chronik der Reformation, hier auf www.joelmedia.de. Schön, dass ihr wieder eingeschaltet habt, um mit uns gemeinsam die Geschichte der Reformation, das Wirken der Reformatoren, insbesondere das von Martin Luther, zu betrachten und zu studieren.
[0:54] Heute haben wir eine ganz besonders interessante Folge vorbereitet. Und bevor wir dort direkt hineingehen, möchten wir gerne ein Gebet sprechen. Lieber Vater im Himmel, wir danken dir, dass wir zurückblicken dürfen auf das Reformationsgeschehen und sehen können, wie du dort Menschen gebraucht hast, einfache Menschen, um dem Evangelium einen großen Wirkungskreis zu geben, um durch einfache Menschen zu zeigen, wie du bist und was das Evangelium bewirken kann. Wir möchten dich bitten, dass wir dadurch Trost, Mut und Hoffnung schöpfen können, dass doch in unserem Leben und für Spotlight ist und eine echte Reformation schenken kannst. Gib, dass wir das tatsächlich erleben, durch deinen Heiligen Geist. Im Namen Jesu. Amen.
[1:45] Teil 27: Oktober und November 1518. Luther vor Cajetan.
[1:57] Luther war auf dem Weg zu dem Verhör nach Augsburg. Er war ja dort eingeladen worden, weil in Rom der Ketzerprozess gegen ihn eröffnet worden war. Und weil der Kurfürst und auch Spalatin sich dafür eingesetzt hatten, dass die Sache Luthers zunächst einmal auf deutschem Boden verhandelt wird und er nicht direkt sofort nach Rom muss.
[2:24] Am ersten Oktober zirkulierte sich Johannes Kessler aus, dieser war 19 Jahre alt in Wittenberg. Und auch er wurde zu einem dieser Nachfolger von Luther und Melanchthon. In dieser Zeit bildete sich ein richtiger Kreis von jungen Studenten heraus, die an den Lippen der Reformatoren hängen sollten.
[2:47] Währenddessen, wie gesagt, war Luther gar nicht in Wittenberg, sondern er war unterwegs. Nachdem er bereits in Weimar Stopp gemacht hatte, kam er dann am vierten Oktober in Dritter Vierer-Tor in Nürnberg an.
[3:01] Und hier in Nürnberg haben verschiedene Leute, die ihn gut kannten – der war ja mittlerweile recht bekannt und er hatte auch Freunde in Nürnberg – das schöne Leute haben versucht, ihn dahingehend zu bewegen, bloß nicht nach Augsburg zu reisen. Man hatte Angst um ihn und man fürchtete, dass die Versprechungen der Kirche in Augsburg nicht eingehalten werden würden.
[3:30] Und Luther hat daraufhin eine kurze und knappe Antwort gehabt. Da schreibt hier in einem Brief: „Ich habe etliche kleinmütige Leute in meiner Sache gefunden, so dass sie auch anfingen, mich zu versuchen, ich solle nicht nach Augsburg ziehen. Aber ich bleibe fest, es geschehe der Wille des Herrn, auch zu Augsburg, auch mitten unter seinen Feinden herrscht Jesus Christus. Es lebe Christus, es lebe Martin und jeder Sünder.“
[4:03] Wie geschrieben steht, für Luther war klar, er wollte nach Augsburg. Er wollte nicht einfach feige zurückbleiben. Er wollte für die Wahrheit einstehen.
[4:15] Der Kurfürst hatte sich eigentlich gewünscht, dass Christoph Scheurl, der in Nürnberg als Jurist auch tätig war, den Luther begleiten würde und ihm als Rechtsbeistand zur Seite stehen könnte. Doch der war leider nicht anwesend, als Luther in Nürnberg ankam.
[4:36] So war es ja auch gewesen, der die 95 Thesen verbreitet hatte und sich eigentlich sehr zum Anwalt Luthers gemacht hatte. Das war natürlich ein kleiner Schlag, dass er ihm nicht helfen konnte. Aber stattdessen kam nun Wenzeslaus Link mit Luther nach Augsburg.
[4:53] Er war sein alter Freund gewesen, schon aus den alten Magdeburger Zeiten, und gemeinsam hatten sie im Orden ja viel Zeit miteinander verbracht. Und Link war ja auch in Wittenberg gewesen, bevor dann weitergezogen ist. Dort in Nürnberg hat er auch andere getroffen, zum Beispiel den Lazarus Spengler, der zu einem eifrigen Anhänger dann auch wurde.
[5:15] Und Luthers Sache hatte sich ja mittlerweile weit verbreitet. Einige Tage später, am 7. Oktober, hat Luther dann Augsburg erreicht.
[5:23] Er war total erschöpft und hatte eine Magenverstimmung, also nicht in der besten körperlichen Verfassung für das jetzt anstehende Drama. Er hatte den Schluss der Reise auch in so einem mittelalterlichen Wagen verbracht, weil er nicht mehr aus Krankheitsgründen zu Fuß gehen konnte.
[5:47] Der Kurfürst hatte dafür gesorgt, dass er in Augsburg eine Unterkunft haben konnte, und zwar im Kloster der Karmeliten von St. Anna. Sophie ist dieses Kloster. Der Prior, der Leiter des Klosters, wollte in Wittenberg gern seine Doktorpromotion machen. Und der Kurfürst hatte dann einen Handel vorgeschlagen: „Wenn du den Luther in deinem Kloster unterkommen lässt für einige Tage, dann spendiere ich dir mit meinen finanziellen Mitteln die Doktorpromotion.“ Und der Prior von Kloster St. Anna, Nürnberg, dachte, das ist ein guter Handel. Und so kam der Luther hier unter in dem Kloster.
[6:31] Luther hat sofort den Kardinal Cajetan, der immer noch in Augsburg weilte, informiert, dass er anwesend ist. Aber keine Spur hat ihn sofort vorgeladen. Luther war ja unterwegs mit einigen Bekannten und Freunden, auch mit Leonhard Mayer, der ihn schon seit Wittenberg unterstützt hatte, mit ihm gereist war aus seinem Orden.
[6:52] Und Mayer ist sofort weitergereist, um Staupitz zu treffen, der in Salzburg mittlerweile lebte und starb. Jetzt hat sich dann noch entschieden, nach Augsburg zu kommen, um Luther beizustehen.
[7:09] Insgesamt ist Luther in Augsburg sehr positiv aufgenommen worden. Das lag unter anderem auch daran, dass Spalatin sich bereits darum gekümmert hatte, dass etliche Personen da sein würden, die sich um Luther sorgen.
[7:27] Er hat sogar dann nachträglich noch ein kaiserliches Geleit bekommen, dass er ein sicheres Geleit hat. Doch das ist durch diese Freunde geschehen, die die Stadt ihn angeworben hat. Und die wussten natürlich nichts davon, dass Cajetan und der Kurfürst schon intern abgemacht hatten, dass Cajetan sehr milde und freundlich mit Luther umgehen sollte.
[7:51] Insgesamt, nicht nur in Nürnberg, auch in Augsburg, war also eine Stimmung vorhanden, dass man Angst hatte um Luther. Zwei Tage nach seiner Ankunft, am 9. Oktober, hat Luther dann ein Gespräch geführt mit einem Mann, den Cajetan vorgeschickt hat. Es handelte sich um Urban von Serr, der war ein Gesandter des Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, eine kleine Markgrafschaft im heutigen West-Italien, den Alpenvorland.
[8:27] Und Cajetan war gut bekannt mit diesem Markgrafen, die waren vertraut. Und dieser Gesandte Urban von Serr sollte jetzt das Gespräch, das Luther mit Cajetan haben würde, schon mal so vorbereiten, als Vermittler den Weg ebnen. Und entsprechend hat dieser Urban von Serr lange mit sehr freundlichen Worten den Luther umschmeichelt und hat ihm gesagt: „Du kannst einfach nachgeben, weil der Papst darf auch für einen guten Zweck selbst falsche Thesen aufstellen. Erinnere dich einfach daran, wie es anderen gegangen ist in der Kirchengeschichte, die auch mal dem Papst widersprochen haben und die dann aber einfach widerrufen haben und es ist nichts passiert. Und so kannst du doch einfach auch machen.“
[9:16] Das war so die Botschaft, die der Urban von Serr lange übermitteln wollte. Er hat dann auch gesagt: „Man darf den Papst nicht kritisieren.“ Also von Anfang an ist Luthers Auftreten als Kritik, als fundamental Opposition zum Papst selbst aufgefasst worden, obwohl das der Luther ja eigentlich nie so wirklich vorgehabt hat.
[9:39] Und was der Urban dann auch sagte, hatte dann schon eine gewisse Drohung in sich, nämlich: „Der Kurfürst wird dich nicht immer schützen können. Luther, er wird ja nicht immer zur Seite stehen können. Und du solltest du jetzt überlegen, ob du weiterhin darauf vertraust, dass der Kurfürst so ein bisschen wohlgesonnen ist, dort nicht lieber gleich in den Schoß der Kirche zurückkehrst, wie wir uns das vorstellen.“
[10:02] Und Luther hat für all das überhaupt gar nichts übrig. Er ist gekommen, um in der Sache mit dem Legaten, mit dem Kardinal, theologisch zu diskutieren. Und von dieser politischen Schmeichelei hält er überhaupt nichts. Er sieht das als eine Überlastung an und geht auf die Vorschläge von Urban von Serr überhaupt gar nicht ein.
[10:26] Übrigens, innerhalb dieser Zeit, die er in Augsburg verbracht hat, hat Luther auch den Johannes Eck getroffen, seinen fast, ja schon muss man sagen, was seinen Erzfeind mittlerweile. Aber als sie sich dort getroffen haben, haben sie in sehr sachlicher und professioneller Atmosphäre miteinander gesprochen.
[10:43] Es ging vor allem um die geplante Disputation, die Eck mit Karlstadt ausführen wollte, nachdem er Karlstadt öffentlich angegriffen hatte mit seinen 380 Thesen. Und Eck jetzt diese Disputation wollte, obwohl es auch um die Inhalte Luthers ging, war formal eigentlich Eck mit Karlstadt in Konflikt. Und Luther hat jetzt ein bisschen an Stelle von Karlstadt verhandelt, wo die Disputation stattfinden sollte.
[11:11] Eck hat er bereits ein Datum vorgeschlagen im Frühjahr 1519 und hatte es den Wittenbergern überlassen, wo das Ganze stattfinden sollte. Und die Wittenberger haben jetzt Leipzig oder Erfurt vorgeschlagen. Und Köln, so war die Idee, sei zu weit entfernt. Und hat sich dann entschieden: „Okay, wenn Leipzig oder Erfurt zur Wahl stehen, dann machen wir das in Leipzig.“ Und so ist hier in Augsburg die Entscheidung gefällt worden, dass es im nächsten Jahr eine Disputation in Leipzig geben solle über die Fragen, die zwischen Eck und Karlstadt öffentlich aufgeworfen worden waren.
[11:51] Diese Diskussion, die ist ja dann sehr berühmt geworden, über die wir dann später Folgen noch ausführlich sprechen.
[12:04] Am 12. Oktober begann dann das Verhör. Es war ein Dienstag, und das Verhör fand statt im Vogelhaus. Dort war Cajetan untergebracht. Hatte also auch da, hatte ich durchaus signalisiert, dass er in einen guten Kontakt zu diesen Bankiers und Finanziers hatte, wie die Kirche ja im Allgemeinen.
[12:26] Man hat dem Luther vorher beigebracht, wie er dem Kardinal, diesem hohen Legaten Roms, zu begegnen habe. Er sollte sich zunächst einmal ganz auf den Boden werfen, dann nach innen auf die Knie gehen, und dann dürfe er aufstehen. Und das hat Luther auch tatsächlich so gemacht.
[12:42] Es stellte sich heraus, dass die beiden von ihrer Persönlichkeit auch sich gar nicht so sehr mochten. Also sie haben sie persönlich nicht gut zusammengepasst. Und das hat dann, dass die jetzt folgende Gespräche etwas beeinträchtigt. Beide kamen natürlich auch mit bestimmten Vorstellungen, was geschehen solle, und hatten auch eine gewisse distanzierte Sicht des anderen.
[13:06] Cajetan war die Sache klar, er war gekommen, um einen Widerruf entgegenzunehmen. Ja, und wie er meinte, wenn das geschieht, können wir alle wieder ruhig schlafen, dann ist die Sache gegessen. Und dann brauchst du dir keine Gedanken zu machen.
[13:22] Aber Luther war enttäuscht darüber, weil er hatte nicht den weiten Weg auf sich genommen, um einfach nur zu sagen: „Ich widerrufe.“ Er wollte wissen, was eigentlich falsch war an seinen Thesen und wollte jetzt inhaltlich diskutieren. Das wollte eigentlich Cajetan unter allen Umständen vermeiden.
[13:36] Hat sich aber doch jetzt hinreißen lassen für eine inhaltliche Diskussion, die an diesem ersten Verhandlungstag sehr sprunghaft war. Man ging so von einem Punkt zum nächsten, und dass man irgendetwas so richtig inhaltlich ausdiskutieren konnte.
[13:48] Cajetan hatte ja im Wesentlichen zwei Punkte herausgegriffen, die für ihn so das Anliegen Luthers herauskristallisiert hatten. Das war einmal die Frage des Ablasses, und dann war das die Frage, ob man sich wirklich sicher sein kann der Erlösung, wenn man einfach glaubt. Ja.
[14:06] Und zunächst aber ging es um diese Frage des Ablasses. Und da hat Cajetan sich auf eine Bulle berufen eines mittelalterlichen Papstes, nämlich von Clemens dem VI., die „Unigenitus“. Und in dieser Bulle hatte der Papst verfügt oder gesagt, dass der Papst Kraft seines Amtes über die Verdienste Christi verfügt und dementsprechend der Ablass vollständig vom Kirchenrecht abgedeckt ist, so wie er momentan praktiziert wird.
[14:38] Daraufhin entgegnete Luther, dass genau diese Bulle, die er ja durchaus kannte, die Bibel nicht richtig benutzt und Bibelverse hier aus dem Zusammenhang reißt.
[14:53] Und als dann Cajetan mit Thomas von Aquin kam, der für ihn eine der größten Kirchenlehrer überhaupt war und die Autorität hat, wird er das sofort abgebügelt und gesagt: „Thomas von Aquin ist keine Autorität gegen den Papst.“
[15:06] Thomas hat er schon lange etwas und den wollte er nicht gelten lassen. Und Cajetan hat sofort daraufhin Luther ist so ein bisschen in die Ecke stellen wollen und deutlich machen wollen: „Was du sagst, geht gegen den Papst.“
[15:21] Es gab ja in den Jahrzehnten zuvor und 100 Jahre zuvor, gerade im Zusammenhang mit dem Konzil von Konstanz, diese Bewegung des Konziliarismus, wo man gesagt hat, das Konzil, das allgemeine Konzil, wo alle Würdenträger der Kirche zusammenkommen, hat noch höhere Autorität als der Papst. Das war damals aufgekommen, weil es ja mehrere Päpste gab und dieses abendländische Schisma.
[15:43] Und mittlerweile haben aber sich sehr deutlich davon auch wieder distanziert. Und Cajetan versucht jetzt so ein bisschen in diese Richtung zu drücken, was natürlich eigentlich in der Sache ja ein interessanter Versuch war.
[15:58] Luther hat darauf reagiert und gesagt: „Na ja, schau mal, Cajetan, selbst die berühmte Sorbonne, die Universität in Paris, hat gerade erst das war in diesem Jahr gewesen, wäre es einfach Folge schon thematisiert an ein Konzil appelliert.“ Also so offensichtlich ist das wohl nicht, dass der Papst über dem Konzil steht, wenn sogar die Pariser das so formal tun.
[16:20] Das hat Cajetan natürlich nicht gefallen, und er hat dann etwas erzürnt geantwortet: „Man werde die Pariser auch genau deswegen bestrafen.“
[16:34] Insgesamt ging es, wie gesagt, hin und her, gerade bei dem Thema Rechtfertigung. Dann hat Luther keinen Schritt auf Cajetan zugemacht. Der Cajetan war der Meinung, dass die alte kirchliche Lehre, dass man sich nie ganz sicher sein kann, dass man erlöst ist, weil man immer noch eine gewisse eigene menschliche Leistung mit dazugehört, und bei der weiß man nie genau, ob sie gut genug war.
[16:56] Und davon wollte Luther nichts mehr wissen. Er hat später gesagt, er wäre bereit gewesen, in der Ablass-Sache auch zu widerrufen, mit sich reden zu lassen. Aber in dieser Sache, diese Frage des Glaubens und der Glaubensgewissheit, die konnte er nicht widerrufen. Hier war keine Einigung möglich.
[17:15] Luther wollte nicht abrücken. Und das hat natürlich Cajetan ziemlich aufgebracht. Er hat dann irgendwann die Beherrschung verloren. Der galt ja eigentlich als sehr weise, nach Recht wortkarg, aber auch sehr aufbrausend. Konnte dann sehr autoritär wirken und mit seiner ganzen Autorität versuchen, dann den Luther einzuschüchtern. Und da kamen mehrmals in Schreien jener Leute angeschrieben. Und das war natürlich auch nicht förderlich für die ganze Sache.
[17:43] Also dieses erste Treffen verlief relativ ergebnislos und hat nur gezeigt, dass hier die Fronten relativ verhärtet waren.
[17:50] Am nächsten Tag, am 13. Oktober, Mittwoch, gab es eigentlich keine eigentliche Verhandlung, sondern Luther erschien jetzt samt Staupitz und vier kaiserlichen Räten, sowohl dann auch einem Notar und verschiedene Zeugen, um eine Protestaktion zu verkünden. Also er wollte an diesem Tag nicht irgendwie diskutieren, er wollte einfach nur einen formalen Protest einlegen. Und wie gesagt, da war von etlichen Leuten umgeben, unter anderem auch natürlich von Staupitz, der ihm hierbei stehen wollte.
[18:28] Nun, was war der Inhalt dieser formalen Protestaktion, die jetzt in Angriff nimmt Cajetan vom Notar aufgenommen wurde?
[18:36] Luther bekennt hier, und das ist sehr interessant, er bekennt sich in dieser Position vollkommen und oder eingeschränkt zur römischen Kirche und sagt: „Ich will der römischen Kirche folgen.“
[18:53] Luther auch im Herbst '18 geht es in keinster Weise darum, die römische Kirche umzustürzen und das Papsttum aufzulösen. Er will der römischen Kirche folgen, das macht er hier feierlich sehr deutlich.
[19:07] Des Weiteren sagte er aber auch: „Ich lehne es ab, einen unbegründeten Widerruf zu leisten.“ Mit anderen Worten, sagte er: „Ich habe Dinge gesagt, Rom sagt oder die Kirche sagt, dass das falsch ist, und ich bin gerne bereit, diesen Irrtum aufzugeben, wenn mir irgend jemand erklären kann, warum das falsch ist.“
[19:25] Und deswegen sagt Luther, er möchte ein faires Gremium haben, dem er sich stellen kann. Er ist ja insgesamt eigentlich auch der Meinung, dass Cajetan war doch eher ein Dominikaner ist und sehr von Thomas von Aquin eingenommen ist, eigentlich kein fairer, unvoreingenommener Richter ist oder das beurteilen kann.
[19:50] Er möchte einfach nur von unparteiischen Gelehrten beurteilt werden. Er möchte einfach wissenschaftlich, geistlich, biblisch wissen, was ist sein Fehler und nicht einfach widerrufen, ohne überführt zu sein.
[20:01] Und diese Grundeinstellung, die zieht sich dann durch die Jahre durch und wird zu einem Markenzeichen der lutherischen Reformation: die Bereitschaft zu reden, aber die Weigerung, einfach nur aus politischen Gründen oder aus An sich zu beugen, ohne inhaltlich überführt zu sein.
[20:19] Des Weiteren lesen wir in dieser Protestaktion, dass er ausführt, dass die Papstbulle „Unigenitus“ nicht ausreicht, auch wenn das Kirchenrecht ist. In gewisser Weise kann man aufgrund dieser Papstbullen nicht Luther überführen. Und er weist Cajetans Argumentationen damit ein Stück weit von sich.
[20:40] Als diese Protestaktion aufgenommen ist, handelt dann Staupitz noch persönlich ein bisschen mit Cajetan und erreicht, dass Luther sich schriftlich verantworten kann, dass er eine schriftliche Erklärung zu all den Punkten, die man am gestrigen Tage diskutiert hat, verfassen dürfe. Und Cajetan hat sich vorgenommen, väterlich und milde zu sein.
[21:01] Der erlaubt das und stellt dann aber auch fest, er sei nicht gekommen, um sich mit Luther hier herumzustreiten, sondern sein Auftrag sei lediglich, Luther wieder in die Kirche zurückzuführen, so in das Verständnis der Kirche.
[21:15] Nachdem also Staupitz jetzt diese Möglichkeit ausgehandelt hat, dass Luther jetzt schriftlich sich darlegen kann, hat er dann am nächsten Tag, am 14. Oktober, am Donnerstag, diese schriftliche Verantwortung, diese schriftliche Antwort dann übermittelt.
[21:33] Er ist diesmal begleitet worden, sogar von einigen sächsischen Räten des Kurfürsten, insbesondere von Roll und Feile. Und die sind auch noch gleich aktiv geworden und haben Cajetan ihrerseits noch einmal um ein mildes und faires Verfahren gebeten.
[21:50] Und Luther hat jetzt die Gelegenheit dahin, ein Schriftstück vorzutragen und das zu übergeben. Und die Punkte, die er dort anführt, sind es auch wert, einmal kurz angeschaut zu werden.
[22:06] Er sagt in diesem Schriftstück, dass die Papstbulle „Unigenitus“ unüblich ist und dass auch ein Papst irren kann. Wie gesagt, er will der Papstkirche folgen, dem Papst folgen, aber er will den Papst nicht mit Kadavergehorsam folgen, sondern er stellt fest, auch der Papst ist ein Mensch und er kann irren.
[22:26] Und er begründet das biblisch mit einer sehr interessanten Argumentation, die er dann immer wieder aufgreifen wird im Laufe der Reformation. Nämlich mit der Tatsache, dass Petrus, der ja vermeintlich und nach Kirchenlehre der erste Papst gewesen sein soll, was die katholische Kirche so behauptet, dass auch Petrus sich geirrt hat, lange nachdem er den Heiligen Geist empfangen hat und lange nachdem er eine so große Rolle für die Gemeinde gespielt hatte.
[22:51] „Als aber Petrus nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er war im Unrecht.“ Und Luther sagt: „Wenn der Petrus sich irren kann, dann kann das mit Sicherheit auch derjenige, der sich Nachfolger des Petrus nennt.“
[23:12] Und es ist interessant, dass Luther auch einen Kirchenrechtler zitiert, nämlich den Kirchenrechtler Panormitanus. Und da hatte Cajetan schon ein bisschen den richtigen Riecher in seiner Behauptung zwei Tage zuvor, dass das allgemeine Konzil...
[23:30] Zwei Tage zuvor, das Generalkonzil als die höchste Autorität bezeichnet und nicht den Papst. Also Luther sagt, wenn ich ein faires Gremium erwarte und wenn ich die Unfähigkeit der Unfehlbarkeit des Papstes prinzipiell erst mal in Frage stelle, dann bin ich nicht nur mit der Bibel in Übereinstimmung, ich bin sogar mit dem Kirchenrecht in Übereinstimmung. Und das ist ein sehr interessanter Punkt, war Luther jetzt von verschiedenen Seiten versucht, seinen Standpunkt hier zu begründen.
[23:59] Trotzdem versucht Luther dann in dieser schriftlichen Antwort einen Weg zu finden, eine Brücke zu bauen und irgendwie diese Papst-Bulle doch mit der Bibel in Einklang zu bringen. Er sagt, erstens, die Papst-Bulle ist unüblich, oder der Papst kann irren. Aber wahrscheinlich hat der Papst, denke ich, das gemeint, oder versucht ein bisschen konstruiert jetzt doch noch irgendwie eine Harmonie zwischen der Papst-Bulle und dem der Bibel herzustellen. Das wird dann aber tatsächlich ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Und diese ja, diese Lösung löst auch das Platzproblem nicht wirklich.
[24:35] Und des Weiteren stellt er fest, das Thema von der Glaubensgewissheit ist sehr viel wichtiger, wie gerade angedeutet. Das war ihm die wirkliche Hauptanliegen. Glaube, das war für ihn immer eigentlich noch ein Nebenthema, sondern die Erfahrung, die er selbst gemacht hatte, dass der Glaube allein selig macht, dass man nicht auf eigene Werke, auf eigene Buße vertrauen muss, mit der man dann Gott irgendwie überzeugen kann, sondern dass der Glaube an das Wort Gottes das ist, was uns gerecht macht. Davon wollte er nicht zurück und das wollte er unter keinen Umständen aufgeben.
[25:11] Und hier gab es viele Zitate aus der Bibel und auch bei den Kirchenvätern. Und für ihn war die Sache glasklar und darüber war nicht zu diskutieren. Und er erwähnt natürlich auch den Vers, der ihm selbst so viel Licht gebracht hat: Römer 14, 17. Denn es wird darin offenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“
[25:38] Und schlussendlich sagt er dann: Hier kann ich nur meinem Gewissen und der Bibel folgen. Und da ist egal, was da kommt, nicht mehr egal, was die Konsequenzen sind. Das ist meine Position. Und damit hat er einen enormen reformatorischen Standpunkt hier eingenommen.
[25:58] Des Weiteren bittet er in dieser schriftlichen Antwort, das kann sich doch bitte in Rom dafür einsetzen, soll, dass man nicht so streng gegen Luther vorgeht. Damit endet so im Wesentlichen die Argumentation dieses Schriftstücks. Und Cajetan verspricht tatsächlich, dass er diese schriftliche Antwort nach oben senden wird. Aber er hält inhaltlich nichts davon. Er verachtet sie, hatte sehr arrogant der Caritas gewesen. Und gerade auch das, was Luther zur Papst-Bulle schreibt, doch da, wo es, ist ein Versuch, ein bisschen diplomatisch so, ja, auf den so eine Einheit zu erzeugen. Das verachtet er.
[26:39] Das ist ihm alles zu zu ungenau und zu zu weich. Und die ganzen Bibelverse hält er für unzutreffend. Er glaubt, die ganzen Jubelverse, die Luther da bezüglich der Rechtfertigung aus dem Glauben anführt, die passten alle nicht dazu. Die gehören nicht zum Thema und sind nicht zutreffend. Und so sagt Cajetan erneut: Du musst wiederrufen.
[27:01] Ja, also viel gesagt, der Verein beantwortet, verachtet diese Antwort und hält sie für falsch und schwach und fordert jetzt Leute auf, widerrufen. Und als Luther dann immer noch nicht wirklich widerrufen möchte, weil er nach wie vor nicht weiß, was eigentlich falsch ist, fängt wieder an zu schreien und droht mit Bann und Internet. Versucht jetzt quasi so ein bisschen mit Einschüchterungen den Luther doch noch zu dem zu bekommen. Weil Cajetan war durchaus in diese Zwickmühle.
[27:29] Er hatte von Rom den Auftrag ganz klar, hier klare Fakten zu schaffen. Aber er hatte dem Kurfürsten versprochen, Luther nicht gefangen zu nehmen. Und um beiden jetzt gerecht zu werden, konnte er nur darauf hoffen, dass Luther endlich widerruft. Aber der wollte einfach nicht widerrufen. Und das hat Cajetan natürlich jetzt aufgeregt.
[27:52] Und dann beginnt Cajetan noch einmal ganz gründlich, Luther auf den Zahn zu fühlen. Er hält eine längere Rede, in der er sich insbesondere auf Thomas von Aquin bezieht. Also er hat merken können, dass das Paar nicht zieht, aber das war nun mal seine Autorität. Und er fängt jetzt an, noch mal ganz ausführlich Luther zu belehren, wieder der Kirchenlehrer Thomas von Aquin, dass das sieht. Und jedes Mal, wenn Luther ihn unterbrechen möchte, um da einzuhaken, donnert er dazwischen und sagt: „Nein, jetzt nicht.“ Ungefähr zehn Mal hat Luther versucht einzuhaken und Cajetan hat das abgewiesen.
[28:30] Und irgendwann hat dann Luther, der ja auch nicht gerade ein introvertierter Mensch war, die Fassung verloren und hat ebenfalls angefangen zu schreien und hat dann dem Cajetan entgegengeschleudert: „Wenn wirklich jener Papst-Bulle drinsteht, dass der Verdienst Christi dasselbe ist wie der Schatz der Ablöse, dann widerrufe ich.“ Und das war natürlich ein spektakulärer Moment, weil plötzlich Luther gesagt hat: „Okay, egal, sagt, egal, was die Kirchen dafür sagen. Wenn deine eigene Quelle, die du anziehst, wirklich das sagt, was du sagst, dann widerrufe ich.“
[29:03] Und das hat Cajetan überrascht und er musste noch mal nachfragen, ob das wirklich so drin steht. Hat die Papst-Bulle geholt, kam außer Atem, musste keuchen und hat dann gefunden, dass tatsächlich sogar in der Papst-Bulle die Sache nicht so explizit drin stand, wie er, Cajetan, das behauptet hatte, sondern dass differenzierter beurteilt wurde. War natürlich relativ peinlich. Hat versucht, das irgendwie unter den Tisch zu kehren, aber Luther hat sofort nachgehakt.
[29:31] Und darauf hat Luther fast schon frech geantwortet und gesagt: „Der Kardinal sollte nicht meinen, dass die Deutschen keine Grammatik verstünden. Es verstehen gegeben. Hey, ich kenne die Papst-Bulle besser als du selbst.“ Das hat dann dem Gespräch so ein bisschen den Stempel aufgedrückt. Jetzt war das ganze Gespräch weniger zu Ende. Cajetan hat gesagt: „Geh mir aus den Augen und kommt nicht wieder, es sei denn, du widerrufst.“
[30:04] Tja, Gespräch beendet. Das Ganze ging also im Grunde genommen eigentlich erfolglos vonstatten. Und Luther hat danach zu Mittag gegessen mit Staupitz und den sächsischen Räten und ein bisschen beraten, was man jetzt machen soll. Das Ergebnis war nicht so, wie sich alle das gewünscht hatten. Aber Luther hat ganz deutlich gemacht: Ich kann nicht widerrufen. Und auch seine Freunde haben das natürlich inhaltlich so gesehen, wie er.
[30:33] Am Nachmittag des gleichen Tages hat Cajetan noch mal die Freunde Luthers eingeladen. Luther selbst sollte ja nicht mehr kommen, aber Staupitz und Wenzeslaus von Link wurden noch einmal hier in das Gasthaus geladen. Cajetan wollte jetzt über die Freunde Luthers ihn doch noch dazu bewegen zu widerrufen, weil ihm ging es so sehr darum, Luther widerruft und sollte also mit Staupitz und auch mit Wenzeslaus von Link debattiert und gesprochen.
[31:05] Und Staupitz hat dann folgendes gesagt: „Jetzt gesagt, na ja, ich habe Luther schon geraten, sich der Kirche zu beugen, aber ich bin halt selbst nicht theologisch gewachsen.“ Das ist natürlich eine interessante Antwort gewesen ist, für ein bisschen das Gefühl vermittelt, dass er versucht hat, ein bisschen zu lavieren. Und irgendwann ist dann auch Staupitz gegangen und Cajetan hat noch mit dem Wenzeslaus von Link weiter verhandelt.
[31:33] Dabei wird dann noch einmal fixiert, welche Punkte Luther widerrufen soll, weil Cajetan durchaus als Kompromiss vorschlägt, das muss ja nicht alles widerrufen werden. Vieles kann man auch durch theologische Dispositionen lösen. Aber bestimmte Punkte muss er widerrufen. Aber die Freunde Luthers haben zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr wirklich Vertrauen zu Cajetan.
[31:55] Am nächsten Tag, am Freitag, 15. Oktober, kommt das Gerücht auf, dass Luther mitsamt Staupitz und Link festgesetzt werden sollen, und zwar von der Ordensleitung des Augustiner-Eremitenordens Roms. Und in dieser Not-Situation bestellt Staupitz den Luther ein und sagt: „Hey, ich möchte jetzt folgendes sagen: Du bist mir ja als wenn ich zum Gehorsam verpflichtet, weil ich dein Oberer bin.“ Ja, der Staupitz war sein Vorgesetzter im Orden. Und hiermit, sagte, hat dann Staupitz gesagt: „Hiermit löse ich dich von deinem Gehorsams-Skript.“ Mit anderen Worten, der Staupitz hat jetzt den Luther freigelassen.
[32:43] Und damit dieser jetzt freier agieren könnte und nicht mehr über Staupitz dann unter Druck gesetzt werden kann. Und Staupitz hat ihm auch Mut zugesprochen, nämlich folgendes Zitat: „Du sollst ein Gedenkstein werden, dass du dieses im Namen unseres Herrn Jesus Christus begonnen hast.“ Also gerade in dieser Krisen-Situation hat Luther das wie eine göttliche Bestätigung aufgefasst, dass sein alter Mentor und theologischer Berater Staupitz ihm versichert: „Das ist nicht mein eigenes Werk, sondern du kämpfst hier für Jesus.“
[33:18] Aber was auch zur Geschichte gehört, ist, dass noch am selben Tag sowohl Staupitz als auch Wenzeslaus von Link, die beide eine seiner engsten Freunde waren, fast schon fluchtartig die Stadt Augsburg verlassen haben und Luther allein zurückgelassen haben. Jetzt hat jeder Angst um seinen Lebensstil. Weg und Link war weg. Und Luther hat intellektuell verstanden, dass das das beste war, was sie machen konnten, weil sie würden sich nur in Gefahr bringen und es würde keinen Sinn machen, sie zu opfern. Aber emotional hat ihn das sehr getroffen.
[33:49] Man hat ihm sehr geschätzt, dass jetzt seine Freunde weg sind und er alleine jetzt hier in Augsburg aus hat, nicht wissen, was passieren wird und was Cajetan jetzt vielleicht noch machen wird. Am selben Tag, am 15. Oktober, ist Karl von Miltitz, von dem wir schon gehört haben, offiziell zum päpstlichen Nuntius, also zum päpstlichen Gesandten, ernannt worden für Kurfürst Sachsen. Und nicht nur die Luther-Sache ist ihm aufgetragen, sondern auch die Angelegenheit der Türkensteuer, die ja schon auf dem Reichstag ausgiebig diskutiert worden war.
[34:19] Und auch die Frage der Königswahl. Karl von Miltitz soll sich dafür einsetzen, dass der Kurfürst eben weiter bei seiner Opposition gegen Karl von Spanien bleibt. Man hat diesem Lebemann Karl von Miltitz auch in Rom nicht allzu sehr vertraut und ihm gesagt: „Du gehst nicht eigenständig vor, sondern sprich dich immer mit Cajetan ab.“ Und so war Karl von Miltitz ein bisschen auch gebunden.
[34:44] Luther hat dann die nächsten Tage in Augsburg gewartet, aber keine Antwort von Cajetan erhalten. Und er hat dann etwas umgesetzt, was ihm Staupitz und auch die sächsischen Räte geraten haben, nämlich noch einmal offiziell und juristisch formal zu appellieren. Also quasi eine Art Revision zu fordern. Ist dort zudem Augsburger Notar Gallus Coniander gekommen und hat dann appelliert. Ja, an wen kann man appellieren, wenn es um den Papst geht? Es gab die theoretische Möglichkeit, die Luther jetzt ausgeschöpft hat, nämlich vom Kardinal und einem schlecht unterrichteten Papst an einen besser zu unterrichteten Papst appellieren.
[35:24] Also mit anderen Worten, die Idee war, der Papst ist nicht über die gesamte Ausgangslage informiert und kann momentan so kein Urteil fällen. Man muss ihn erst über alle Seiten informieren, dann kann ein Urteil fällen. Und an diesen besser unterrichteten Papst möchte Luther, oder hat Luther appelliert. Und das war rechtlich möglich.
[35:42] Und so ein letzter Strohhalm. Übrigens wurde im Oktober, just in der Zeit, wo er in Augsburg war, in Basel anlässlich einer Herbstmesse die erste Gesamtausgabe aller bisherigen lateinischen Schriften von Luther herausgebracht. Verantwortlich dafür war der bekannte Drucker Froben. Basel war ja so ein Eldorado des Buchdrucks und der Wissenschaft auch. Erasmus hat dort viele Bücher drucken lassen. Und das Vorwort für die Gesamtausgabe stammte von Wolfgang Oechsle, der die Ausgabe auch angeregt hat, er es initiiert hatte.
[36:19] Und er schrieb dieses Vorwort allerdings anonym. Die wir in der letzten Folge sehen haben, doch eher sehr vorsichtig war. Aber der Inhalt war interessant. Er verglich den Luther mit einem von Gott gesandten Daniel für diese Zeit. Und durch diese neue Gesamtausgabe auf Latein hat sich das Gedankengut von Luther sehr schnell noch einmal verbreitet, weit über die deutschen Grenzen in der ganzen gelehrten Welt.
[36:46] Luther hat dann am 17. Oktober, auf Rat von Staupitz und auch von Link, noch einen weiteren Brief an Cajetan verfasst, einen sehr persönlichen persönlichen Brief. Und dann über den Augustiner Prior, den an Cajetan gesandt. Luther entschuldigt sich in dem Brief, dass er nicht demütig genug gewesen ist. Er verspricht in dem Brief auch nicht, weiter wird das Ablass-Thema zu sprechen, wenn die Bedingung ist, wenn die Gegenseite, das heißt die päpstliche Seite, auch nicht mehr diese diese dieses Thema aufwirft, quasi wie so eine Art theologischen Waffenstillstand.
[37:21] Er ist auch bereit, alles zu widerrufen, aber eben, und das ist der Punkt, nicht gegen sein Gewissen. Er braucht einfach biblische Gründe. Und Thomas von Aquin reicht nicht aus. Cajetan erhält den Brief und ist enttäuscht und frustriert. Er möchte einfach diesen Widerruf und er bekommt ihn nicht. Und er hat keine böhmischen Anfordern, dem Luther entgegengehen kann. Und weil er so enttäuscht ist, antwortet er nicht. Und das enttäuscht den Luther wiederum. Und so kommen sie einfach nicht zusammen.
[37:55] Am nächsten Tag hat Luther noch einen zweiten Brief verfasst und kündigt dann an, er werde jetzt demnächst abreisen und erklärt: „Ich habe appelliert, und das war notwendig. Diese Aktion musste, um wirklich wirksam zu sein, öffentlich angeschlagen werden.“ Aber das war bisher noch nicht geschehen. Und so wartet Luther, ob vielleicht Cajetan doch noch irgendwie einlenkt. Erwartet den 19. Oktober und da war den 20. Oktober ängstlich, was jetzt passieren wird. Und es kommt keine Antwort.
[38:24] Und dann entscheidet sich Luther, es das beste ist, jetzt die Flucht zu ergreifen, solange die Möglichkeit noch besteht. Und am Abend des 20. Oktober flieht er aus Augsburg mit einem Pferd, Reiter die gesamte Nacht 60 Kilometer bis nach Monheim. Die Appellation wird immer noch nicht veröffentlicht, weil man versucht von Seiten Cajetans, den Notar, der die Appellation an sich genommen hat, einzuschüchtern, damit er sie nicht veröffentlicht.
[38:53] Und trotzdem wird sie dann am 22. Oktober, noch einige Tage später, offiziell angeschlagen an der Tür des Augsburger Doms und war damit dann rechtskräftig. Am selben Tag hat Luther Nürnberg erreicht. Und dort hat man den geraten, schnell nach Wachsen zu kommen, wo er dann sicher sein wird. Am 24. Oktober schrieb der Papst an den Kurfürsten einen Brief anlässlich der geplanten Überreichung der Tugendrose. Und der Brief war sehr schmeichelhaft geschrieben, dann versucht über diese Ecke jetzt irgendwie in die Sache einbringen zu können.
[39:31] Und nicht nur an den Kurfürsten wurde geschrieben, auch an den an Spannt ihn und einen Rat und den Amtmann von Wittenberg und all diese Briefe sollten auch den Weg ebnen für Karl von Miltitz. So hat auch Cajetan an den Kurfürsten geschrieben und zwar ein Tag später, am 25. Und Cajetan berichtet jetzt, wie dieses Gespräch in Augsburg ausgegangen ist. Luther spricht gegen den Papst, das war seine These. Und Cajetan fordert von den Kurfürsten: „Liefer Luther aus nach Rom, und zumindestens sollte er aus Kurfürst Sachsen vertrieben werden.“
[40:09] Und wieder kommt so eine leichte Drehung. „Der Kurfürst solle doch nicht seine Ehre und die Ehre seiner Vorfahren aufs Spiel setzen wegen einem Bettelmönch.“ Also damit ist versteckt diplomatisch angedeutet, Friedrich, wenn du weiter den Luther beschützt, dann könnte es auch dir selbst schädlich sein.
[40:34] Am 31. Oktober hat Luther dann wohlbehalten Wittenberg wieder erreicht. Und er wusste zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, wie seine Sache ausgehen werde. Er hat noch drüber nachgedacht, noch eine weitere Appellation zu verfassen, nicht nur an einen besser zu unterrichteten Papst, sondern möglicherweise tatsächlich formaljuristisch, wie die Pariser auch, an ein Konzil.
[40:56] Er muss jetzt allerdings erst wieder dem Alltag an der Universität widmen, obwohl er sich ungewiss war, was mit seinem Leben jetzt weiter passieren würde. Er hatte auf vielfachen Wunsch, dass er noch einmal über die Psalmen eine Vorlesung halten würde. Und so begann er jetzt im Wintersemester mit einer solchen Vorlesung. Hatte in den vergangenen Semestern vor allem über das Neue Testament gelesen, mit Hebräerbrief, über den Galaterbrief, mit dem Römerbrief. Mit dem Psalm hat er ursprünglich mal angefangen. Und jetzt sollte seine zweite Vorlesung folgen über die gesamten Psalmen. Das war über mehrere Jahre angelegt.
[41:30] Die Psalmen waren zeitlebens ein ganz besonderer Schatz für Luther, in denen er das ganze Evangelium fand und vor allem diese praktische Frömmigkeit, dieses praktische Leben mit Gott, das ihn so sehr interessiert hat. Er war in diesem Semester sogar turnusmäßig der Dekan der theologischen Fakultät. Und sein Freund und Mitstreiter, Bartholomäus Bendel, wurde für dieses Semester sogar zum Rektor dieser Universität in Wittenberg.
[42:00] Er ist in dieser Zeit auch in die theologische Fakultät aufgenommen worden als Lizenziat. Und als in der im nahegelegenen Kemberg der Pfarrer an der Pest stirbt, ist dann Bartholomäus Bendel dort zum Pfarrer gewählt worden. Und er war dann tatsächlich der erste gewählte Pfarrer, der die neue Lehre, die satirische reformierte Lehre in seinen Predigten verkündigt hat. Ebenfalls in dem Wintersemester als neuer Lehrer angestellt worden war.
[42:38] Der Scapius, der IWF nun formal gesehen, haben auch mal gekrönter Dichter war durch den Kaiser und ein bekannter Humanist war, der fast überall an den Universitäten schon unterrichtet hatte und überall nicht lange ausgehalten hat, weil auch etwas komplizierter Charakter war. Er wurde nach Wittenberg berufen, um dort antike Schriftsteller zu unterrichten. Aber hat schon bald auch mit theologischen Vorlesungen begonnen, vor allem über Hieronymus. Und das hat Luther nicht so sehr gefallen. Er war da nicht so der größte Freund davon.
[43:09] Anfang November ist die Frage vollkommen unklar, wie geht es weiter mit Luther in Nürnberg. Wird darum mit spekuliert, dass Friedrich der Dritte möglicherweise zu unterhalten könnte, weil ihm ja an der Universität gelegen sein musste. Derweil verfasste auch Tobias, der von Rom beauftragte Gutachter, eine Antwort auf Luthers Antwort auf sein Gutachten. Und daran stellte fest, Luther hat nichts widerrufen. Und das ist natürlich sehr ärgerlich über die persönlichen Angriffe, die Luther gegen ihn vorgenommen hat. Und er sagt, Luther ist ein Schismatiker, einer, der die Kirche trennt und teilt. Und laut ist ein Bürger.
[43:47] Also immer wieder sehen wir hier schon, wie Luther in die Ecke des Hustens gestellt wird, ohne dass Luther überhaupt sich dessen bewusst. Und Papier, das verteidigt natürlich auch Thomas von Aquin als einen großen Kirchenlehrer. Wie wir hier eine Antwort sehen können. Nun, am 9. November geschieht dann etwas, was der Sache eine dramatische Wendung nimmt.
[44:16] Oder gibt Papst Leo der Zehnte, er lässt eine Bulle, die heißt "Cum postquam". Und in dieser Bulle sagt er, dass das, was bisher die gängige Praxis in der Ablass-Sache gewesen ist, ist ab dem heutigen Tag mal der Kirche. Vermutlich hatten das angeregt, weil das Schlupfloch, durch das er bisher immer durchgekommen war, war die Tatsache, dass über den Ablass bisher keine dogmatische Definition gegeben hatte. Und alles, was nicht dogmatisch definiert.
[44:42] und alles was nicht dogmatisch definiert war, so war das Verständnis in der Kirche.
[44:45] Über das durfte diskutiert und diskutiert werden. Was als dogmatisch festgelegt war, war nicht mehr anzuzweifeln.
[44:53] Und da bisher der Ablass nicht dogmatisch festgelegt war, konnte Luther immer sagen: Na ja, es ist doch eine Sache, die wir diskutieren dürfen. Und er wollte wissen, was von der Fallschläge.
[45:03] Und die Antwort von Rom war: Ab heute ist es Kirchenlehre, du darfst nicht mehr darüber diskutieren.
[45:09] Und das hat den Luther natürlich zutiefst schockiert, weil es den Geist Roms ihm deutlich offenbarte. Damit war ein Teil der Argumentation, die Methodik zerstört.
[45:21] Er kommt jetzt nicht mehr sagen: Naja, darüber darf nicht darf jedoch diskutiert werden. Es zeigte sich jetzt also, dass Rom wirklich diese Sache mit Vehemenz durchziehen wollte.
[45:35] Mit Remember hat sich dann Miltitz schlussendlich auf die Reise gemacht nach Chur-Sachsen, um dort seine Mission aufzunehmen.
[45:47] Und Luther war jetzt emotional sehr aufgewühlt. Er wusste, aus Rom ist keine Gnade zu erwarten. Die scheren sich nicht einmal um eine inhaltliche Diskussion, sondern die sagen einfach: Wir haben gesprochen und so muss es geglauben.
[46:02] Von Rom und vom Legaten konnte er nichts erwarten. Seine Hoffnung bestand jetzt darin, dass der Kurfürst, dessen Macht er stand, ihn jetzt nicht nach oben ausliefert.
[46:11] Und so schreibt Luther am 19. November einen Brief, der unter die wichtigsten Briefe Luthers überhaupt gerechnet werden kann. Ein wirklich eindringlicher Appell und ein sehr emotionaler Brief, in dem er den Kurfürsten sehr persönlich auch anspricht.
[46:29] Und hier geht es plötzlich um existenzielle Fragen. Zunächst aber legt Luther in diesem Brief noch einmal seine Sicht da, was eigentlich wirklich in Augsburg geschehen ist.
[46:39] Weil der Kurfürst konnte bisher die Sicht von Cajetan sehr ausführlich beschreiben. Luther beschreibt jetzt dem Friedrich, was gesagt worden ist und warum er wie reagiert hat und wie das so gewesen ist.
[46:52] Und dann macht er einige wirkliche, bewegende Aussagen. Er sagt hier: Darum bitte ich auch oder bitte auch ich wiederum und wiederum und zum dritten Mal wiederum, also sind wirklich wichtig, Ihre Durchlaucht, wollen denen nicht glauben, diese Täter sagen, der Bruder Martin habe übel geredet, er gehört und belehrt werde.
[47:14] Darüber geredet habe. Petrus hat wird auch nachdem er den Heiligen Geist empfangen hatte, er ist kann auch ein Kardinal irren. So gelehrt auch sein Vater Sohn.
[47:22] Und er sagt: Bitte, lieber Kurfürst, glaube nicht der Darstellung von Cajetan, bevor nicht alle Fakten gehört hast. Lass dich nicht von ihm bezirzen oder einschüchtern.
[47:32] Weiter sagt er: Daher nehme Ihre Durchlaucht, Ihre Ehre und Ihres Gewissens war, indem Sie mich nicht nach Rom schicken.
[47:42] Denn der Mann hat dies Eurer Durchlaucht nicht zu befehlen, da es unmöglich ist, dass ich in Rom sicher sein sollte und dies nicht anderes wäre, als Eurer Durchlaucht zu gebieten, dass sie das Blut eines Christen verriete und ein Mörder würde.
[47:54] Das sind wirklich spektakuläre Sätze. Luther sagt: Lieber Kurfürst, mit aller ergebenen Unterwürfigkeit, der Kardinal hat nicht das Recht, dich jetzt zu befehlen, mich ohne echte Gründe auszuliefern.
[48:12] Weil dadurch, lieber Kurfürst, würdest du selbst zum Mörder werden. Also hier hat Luther wirklich alles in die Waagschale geworfen, hat gesagt: Ich bin unschuldig, bitte verrate mich nicht.
[48:23] Aber ihm war bewusst, dass er das nicht in den Händen hält, sondern dass der Kurfürst sich jetzt entscheiden muss, wie er vorangeht.
[48:28] Auch für den Kurfürsten stand einiges auf dem Spiel, denn mit Rom war nicht leicht zu streiten. Und Luther sagt: Glaube ja nicht, wenn sie dann sagen, ja, du wirst ein faires, der Luther wird ein faires Verfahren und Rom bekommen.
[48:42] Er sagt hier: Sie haben Papier und Tinte und Federn in Rom, sie haben unzählige Notare. Es wird leicht sein, auf Papier zu verzeichnen, worin und weshalb ich geirrt habe.
[48:52] Ich kann mit geringeren Unkosten abwesend durch Schriften belehrt werden, als anwesend durch hinterlist umgebracht. Mit anderen Worten, er sagt: Wenn ich erst mal nach Rom komme, werden die mich umbringen und sie werden dann mit irgendwelchen Notaren behaupten, ich hätte das und jenes gesagt.
[49:06] Das Papier ist geduldig. Wenn ich erst mal nach Rom gekommen, dann ist es aus. Und mir bitte schickt mich nicht nach oben.
[49:14] Das war seine inständige Bitte. Und dann sagt er sogar folgendes, das ist sehr interessant, es zeigt ein bisschen die Geisteshaltung von Luther, aber ich wünsche, bitte und begehre, dass Ihre Durchlaucht in allen Dingen der Kirche und dem Papst an hänge, mir aber in allem entgegen sei und antworten.
[49:37] Er sagt: Ich wünsche mir, Kurfürst, dass du dem Papst folgst und nicht auf meiner Seite stehst. Du kannst gerne gegen mich sein, ausgenommen dies eine, wollen sie für mich, viel mehr für die heilige Wahrheit, für die Ehre der Kirche und des Papstes, ja auch für die Ehre des hochwertigsten Herrn Legaten, also Kardinal Cajetan, endlich auch um des guten Namens willen.
[49:56] Eurer Durchlaucht, dicksten Hoheit, erbitten. Also er sagt: Ich möchte nicht, dass du auf meiner Seite stehst, Kurfürst. Du kannst auf der Seite des Papstes stehen, du kannst auf der Seite Roms stehen, du kannst gegen mich sein.
[50:05] Aber bitte, bitte, bitte, bitte, tut mir nur einen einzigen Gefallen. Was der Gefallen, dass endlich einmal die Gründe und Schriftbeweise an den Tag kommen, durch welche man meint, man irrtum da getan werde.
[50:19] Und er sagt: Ich brauche keinen Freund, der meiner Meinung ist. Was alles, was ich wissen will, ist, wo widerspreche ich der Bibel? Erst Bibel, Professor, erst Christ.
[50:29] Er war bisher in dem Glauben aufgewachsen, dass die Kirche, die einzige wahre katholische Kirche in Rom, der Bibel folgt. Und er hat die Bibel entdeckt, hat Dinge der Bibel entdeckt, die er bisher nicht gehört hatte und kommt jetzt plötzlich in Konflikt mit Rom.
[50:42] Und sagt: Alles, was ich wissen möchte, ist, wo liege ich falsch? Und alle Versuche mit dem Kardinal oder mit überhaupt mit Rom, das auszuloten, sind gescheitert, weil niemand mit ihm auf der biblischen Ebene argumentierte.
[50:53] Der sagt: Bitte, lieber Kurfürst, schickte mich nicht nach Rom, bevor das nicht biblisch behandelt worden ist.
[51:03] Und dann, weil er weiß, dass dem Kurfürsten, wenn der Kurfürst ihn jetzt da behält in Wittenberg, möglicherweise das Interdict droht. Das heißt, das Land, das in dem Land vom Kurfürsten, keine Messe mehr gelesen werden dürfen, keine Hochzeiten gefeiert werden dürfen.
[51:20] Sei ein echtes Druckmittel gewesen, um die Fürsten und die weltlichen Könige dann wieder auf Linie zu bringen.
[51:25] Deswegen schreibt Luther folgende bewegenden Worte: Deshalb, damit nicht Eurer Durchlaucht, texten Hoheit um meinetwillen irgendein Übel wiederfahre, was ich am allerwenigsten wollte, so verlasse ich Euer Land und will gehen, wohin der barmherzige Gott will und mich in seinen göttlichen Willen ergeben.
[51:44] Er mache es, wie er wolle. Luther hat Ende November 1518 ernsthaft erwogen, Wittenberg zu verlassen und in ein fernes Land zu ziehen, um den Kurfürsten zu schützen.
[52:01] Luther hat tatsächlich in der Zeit vor allem mit dem Gedanken geliebäugelt, nach Frankreich auszuwandern, um dort neu anzufangen.
[52:08] Und das war nicht einfach nur daher gesagt, es war eine ernsthafte Option, die er sich stellte, die ihm eigentlich relativ realistisch vorkam.
[52:23] Der Universität hat dann ebenfalls auf Initiative von Luther an den Kurfürsten geschrieben und sich dafür eingesetzt, dass der Kurfürst doch bitte beim Papst erreichen solle, dass man die Gründe für Luthers Beurteilung bekannt mache.
[52:38] Ja, es geht um die Ehre der Kirche, es geht um die Ehre des Papstes. Und man vermutet nach wie vor, dass der Papst selbst vielleicht gar nicht wirklich über die wahre Sachlage informiert ist, sondern dass auf irgendeiner anderen Ebene böse Ränkespiele versuchen, den Luther zu schaden.
[52:56] Der Kurfürst selbst hat dann auch über seine Kamera nachfragen lassen, was bisher die kaiserlichen Räte unternommen haben. Das ganze, weil es auf höchster politischer Ebene sein großes Politikum.
[53:07] Und es ging darum, ob man weiterhin die Luther-Sache nach deutsche, auf deutsche Gerichte übertragen könnte.
[53:23] Eine weitere Professur in diesem Spätherbst ging in Wittenberg an Johann Böschenstein für Hebräisch. Und sein Unterricht ist sehr zwiespältig aufgenommen worden, nach einigen Meldungen, weil enorm langweilig und hat das Hebräische, Sturm des Hebräischen gemacht.
[53:39] Andere waren es wohl ganz interessant, aber er ist ja nicht mit großer Begeisterung im Allgemeinen aufgenommen worden.
[53:45] Am 25. November hat dann Friedrich der Dritte erlaubt, dass die sogenannten Acta Augustana doch veröffentlicht werden dürften.
[53:54] Das war eine schriftliche Dokumentation dessen, was in Augsburg geschehen war, bei dem Verhör um Klettern. Und erst hat er das nämlich abgelehnt, hatte er wollte nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen.
[54:08] Aber jetzt hat er sich dafür ausgesprochen, okay, es dafür öffentlich werden, damit die Welt erfährt, was dort genau passiert ist.
[54:15] Und dann hat Luther diese Option gezogen, oder am 28. November in der Heilig-Geist-Kapelle tatsächlich eine zweite formaljuristische Appellation verfasst, vom Papst an ein Konzil, so wie es auch die Pariser Universität getan hatte.
[54:36] Auch formal hat er sich relativ an der Pariser Appellation orientiert. Also Luther kannte sich aus, auch aus dem, was so in der weiten Welt geschehen ist und hat versucht, das auch für seine Zwecke auszunutzen.
[54:52] In dieser Appellation hat Luther dann noch einmal so im Kurzgang die bisherigen Ereignisse zusammengefasst, seit dem Anschlag der 95 Thesen. Und hat sehr deutlich, hier deutlich als vielleicht zuvor, die Irrtumsfähigkeit des Papstes dargestellt.
[55:08] Und wie schon gesehen, auch in Augsburg mit Galater 2 begründet: Petrus hat sich gehört, dann kann man nicht behaupten, dass der Papst und viel mehr sein kann.
[55:19] Aber diese Appellation, und das war auch Teil der Idee, sollte zunächst einmal nicht veröffentlicht werden, sondern erst mal so als als Ass im Ärmel noch zurückgehalten werden, obwohl sie jetzt auch schon formal ausgeführt worden war.
[55:31] Ende November hat Karl von Miltitz Augsburg erreicht. Und da hat er kurz noch den Kaiser getroffen, der ist dann aber dem kaiserlichen Hof weiter nachgereist.
[55:50] Und Miltitz ist dann in Gespräche gekommen, der die sächsischen Kamera, der sächsische Camera ist dort in der Gegend gewesen mit ihm. Hat er erste Sondierungen gehabt, ist dann auch von Augsburg nach Nürnberg weitergereist.
[56:09] Und die Goldene Rose, die an den Kurfürsten übermitteln wollte, und auch die Briefe sind aber zunächst in Augsburg verblieben.
[56:16] Ende November sah die Sache ungemein ungewiss aus. Er wusste nicht, was die Zukunft bringt und alles schien offen, dass der Kurfürst ihn nach Rom übersendet und er dort als Märtyrer stirbt.
[56:28] Dass er vielleicht nach Frankreich geht und neu anfängt, alles war irgendwie offen. Er rechnete jetzt fest von Rom gebannt zu werden.
[56:39] Und Spalatin hat dann mit ihm gesprochen und ihm davon abgeraten, jetzt überhastet nach Frankreich zu gehen.
[56:45] Und trotzdem ist dieser Gedanke bei Luther nicht gleich abgestorben. Hat auch gegenüber der Wittenberger Gemeinde diese Idee angedeutet, er könnte jetzt bald weggehen.
[56:53] Das war auch nicht auf Württemberg beschränkt, sondern auch in Nürnberg kursierten diese Gerüchte, Luther könnte vielleicht außer Landes gehen.
[57:04] So war also Wittenberg Ende 1518 in einer äußersten Schwebesituation. Man wusste nicht, ist das, was wir angestoßen hat, ist das überlebensfähig oder wird es in den nächsten Wochen und Monaten in sich zusammenbrechen unter dem eisernen Hammer Roms, der alles zerschmettert?
[57:22] Wie es weitergegangen ist und was dann aus der Sache geworden ist, sehen wir in der nächsten Folge. Dann wird es heißen: Tage der Entscheidungen.
[57:32] Wir uns anschauen, wie das Jahr 1518 gegangen ist und natürlich auch, was so viele andere Reformatoren in diesem Jahr erlebt haben, ohne dass man das immer genau datieren kann.
[57:41] Bis dahin wünschen wir Ihnen Gottes reichen Segen und freuen uns, wenn Sie das nächste Mal wieder einschalten hier auf Joelmedia zu Sola Veritas, die wahre Chronik der Reformation.
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