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Sola Veritas – Die Wahre Chronik der Reformation

500 Jahre ist die Reformation alt: wird sie fortgeführt oder begraben? Wie verhalten sich Luthers Erben und was wird aus seinen (Wieder)entdeckungen? All das sind wichtige Fragen. Doch beantworten kann sie nur, wer das Reformationsgeschehen selbst gründlich kennt. „Sola Veritas – Die wahre Chronik der Reformation“ bietet weitaus mehr als die üblichen bekannten Zusammenfassungen und Anekdoten. Ausgehend vom Jahre 1482 wird alles chronologisch erzählt, was weltgeschichlich und biographisch (sowohl bezüglich Luther als auch vieler anderer, zum Teil sehr unbekannter Reformatoren) wichtig war. Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt des Spätmittelalters, erleben sie das zaghafte Aufblühen von Wissenschaft und Kultur, verfolgen sie die Debatten um philosophische und theologische Streitfragen und entdecken sie Schritt für Schritt mit Luther und seinen Mitkämpfern befreiende biblische Wahrheiten. So wird Kirchengeschichte lebensnah und endlich gut verständlich…. Neue Folgen wöchentlich, bzw. wenn es die Zeit erlaubt. Ein Programm von www.joelmediatv.de

Dieser Podcast beinhaltet die folgende Serie:


In dieser Folge von Sola Veritas wird die Zeit von Januar bis März 1519 beleuchtet, die von wichtigen Ereignissen rund um die Reformation geprägt war. Im Fokus steht der Amtsantritt von Ulrich Zwingli in Zürich, der mit einer revolutionären Predigtweise begann, die Bibel systematisch auszulegen. Gleichzeitig werden die Entwicklungen rund um Martin Luther thematisiert, darunter seine Auseinandersetzungen mit dem Papsttum, seine Reise nach Altenburg und die Verhandlungen mit Vertretern der Kirche. Die Folge gibt auch Einblicke in die politische Landschaft Europas mit dem Tod Kaiser Maximilians und dem Beginn des Wahlkampfs um die Kaiserkrone.


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Serie: Sola Veritas - Die wahre Chronik der Reformation

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Transkript

[0:38] Herzlich willkommen zu Sola Veritas, die wahre Chronik der Reformation, hier auf www.joelmedia.de. Schön, dass ihr wieder eingeschaltet habt zu einer weiteren Folge, in der wir die Geschichte der Reformation und das Leben der Reformatoren ganz besonders genau unter die Lupe nehmen wollen. Heute wollen wir beginnen, das Jahr 1519 zu erforschen. Bevor wir damit anfangen, möchten wir auch heute mit einem Gebet starten. Lieber Vater im Himmel, wir danken dir für die Gelegenheit, zurückschauen zu können und aus dem Leben von vielen Reformatoren sehr viel Wertvolles lernen zu können. Wir bitten dich, dass du uns heute hilfst, Dinge zu entdecken, die für unser praktisches Glaubensleben von Bedeutung sind und dass wir erkennen, wie du die Reformation geführt hast, damit wir auch deine Hand in unserem Leben, in unserer Zeit erkennen können. Im Namen Jesu. Amen.

[1:35] Teil 29: Zwingli in Zürich, Januar bis März 1519. Es war der 1. Januar 1519 und es war der Geburtstag von Ulrich Zwingli. An jenem Samstag wurde er 35 Jahre alt, und dieser 1. Januar wurde zu einem Meilenstein, einem Wendepunkt der Reformationsgeschichte. An diesem seinem 35. Geburtstag betrat Zwingli zum ersten Mal das Pult, die Kanzel in der Kathedrale von Zürich. Es war der erste Arbeitstag an seiner neuen Wirkungsstätte in dieser Stadt von ungefähr 7000 Einwohnern. Als er dort seine erste Predigt hielt, seine erste Ansprache, wird er wahrscheinlich noch einmal darüber nachgedacht haben, was in den vergangenen Wochen und Tagen alles um seine Person passiert war. Eine kleine Minderheit in Zürich, die allerdings sehr lautstark gewesen ist, hatte seine Berufung zu verhindern gesucht. Man hatte verschiedene Gerüchte in die Welt gesetzt, dass er zu lasch sei in seiner Lebensführung, dass er sich zu sehr der Musik hingebe und deswegen nicht geeignet sei als Prediger in Zürich. Und wie wir gesehen haben, gab es ja auch in seinem Lebenswandel in der Vergangenheit den einen oder anderen dunklen Flecken. Doch seine Freunde hatten sich für ihn eingesetzt und versichert, dass er genau der richtige Mann zur richtigen Zeit sei.

[3:12] Und Zwingli hat in den Jahren zuvor ja wirklich eine tiefe Liebe für die Bibel und für das Evangelium entwickelt. Und obwohl seine ehemaligen Freunde aus Glarus, wo er viele Jahre lang als Pfarrer gedient hatte, ihn auch gerne dort wieder in Glarus gesehen hätten, hat er sich ganz dagegen entschieden. Er wollte nach Zürich, und er glaubte ganz fest, dass Gott dort eine besondere Aufgabe für ihn hatte. Die Konflikte waren vorprogrammiert. Und so schrieb ihm sein Freund Garian aus Paris: "Ich sehe voraus, dass deine Bildung großen Hass hervorrufen wird, aber sei guten Mutes und wie Herkules wirst du die Monster besiegen." Zwingli war am 27. Dezember schon in Zürich angekommen und hatte sich zunächst einmal mit den leitenden Klerikern des Ortes getroffen. Und die wollten ihm zunächst einmal seine Arbeitsbeschreibung deutlich machen. Sie sagten zu ihm: "Du musst nicht versäumen, für die Einkünfte des Domkapitels zu sorgen und auch das Geringste nicht verachten. Ermahne die Gläubigen von der Kanzel und dem Beichtstuhl, alle Abgaben und Zehnten zu entrichten und durch Gaben ihre Anhänglichkeit an die Kirche zu bewähren. Auch die Einkünfte von Kranken, von Opfern und jeder anderen kirchlichen Handlung musst du zu mehren suchen. Auch gehört zu deinen Pflichten die Verwaltung der Sakramente, die Predigt und die Seelsorge. In mancher Hinsicht, besonders in der Predigt, kannst du dich durch einen Vikar ersetzen lassen. Die Sakramente brauchst du nur den Vornehmen, wenn sie dich fordern, zu reichen. Du darfst es sonst ohne Unterschied der Person nicht tun." Mit anderen Worten: Zwingli, deine Hauptaufgabe ist es, Geld einzutreiben für die Kirche. Das Predigen und das Austeilen der Sakramente, das kannst du auch anderen überlassen. Insbesondere die Predigt ist relativ unwichtig."

[5:00] Und das war genau das Gegenteil von dem, was Zwingli sich vorstellte. Und er hörte sich das ganz ruhig an, was ihm so seine Vorgesetzten dort erzählten. Und dann antwortete er, dass er einen anderen Plan habe, wie er wirken würde. Und er sagt hier von der Geschichte Christi, des Erlösers, wie sie der Evangelist Matthäus beschrieben hat, sei wohl schon der Titel länger bekannt, aber deren Vortrefflichkeit sei schon lange Zeit nicht ohne Verlust des göttlichen Ruhmes unter Seelen geblieben. Dasselbe sei nicht nach menschlichem Gutdünken zu erklären, sondern im Sinne des Geistes mit sorgfältigem Vergleich und innigem Gebet. Er sagt: "Ich werde das Matthäusevangelium Schritt für Schritt, von Anfang an, Kapitel für Kapitel, Geschichte für Geschichte einfach auslegen." Das traf auf großes Entsetzen. Selbst diejenigen, die sich für ihn eingesetzt hatten, waren überrascht, denn so etwas hatte es seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben. Seit der Zeit von Karl dem Großen wurde in allen Kirchen immer nur dies, das kleine Stückchen Evangelium vorgelesen, was für diesen Tag gerade ausgewählt war. Aber so durch ganze Bibelbücher durchzupredigen, das war völlig neu. Und man hielt es für eine ganz neuartige Sache.

[6:11] Aber Zwingli sagte seinen Vorgesetzten: "Das ist überhaupt nicht neu. Schon die alten Kirchenväter haben über ganze Bibelbücher gepredigt, und ich werde das ebenso tun." Und so hat er am 1. Januar, an diesem Samstag, angekündigt, ab dem nächsten Sonntag, also auf den 2. Januar, mit einer Predigtserie über das Buch Matthäus zu beginnen. Und genau das tat er dann auch am nächsten Tag. Und er sprach über das erste Kapitel in Matthäus, das beginnt mit den Worten: "Geschlechtsregister Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams." Und er begann über die Vorfahren Jesu im Alten Testament zu predigen. Und Schritt für Schritt arbeitet er sich nun durch dieses Buch hindurch, das so wunderbare Verheißungen und Geschichten enthält, wie Jesus, der den Satan in der Wüste besiegt. Mit jeder wunderbaren Verheißung sprach er und er antwortete: "Und es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht." Das hätte durchaus auch das Motto für die Predigtserie von Zwingli sein können. Er wollte jeden Teil der Bibel, jeden Teil des Evangeliums nach und nach erklären. Und jeder, der kam, sowohl die Vornehmen, die Gebildeten als auch die einfachen Menschen, verstanden das Wort Gottes so, wie es die Evangelisten aufgeschrieben hatten. Die Worte Jesu aus der Bergpredigt, zum Beispiel die berühmten Worte hier aus Matthäus 5, Vers 3 und 4: "Glückselig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Reich der Himmel. Glückselig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden." Und so weiter. Diese Worte erschlossen sich ganz neu der Bevölkerung von Zürich. Und viele sagen, viele Menschen kamen zu seinen Predigten immer mehr, und es entstand eine regelrechte Erweckung. Viele waren begeistert, sie hatten das Evangelium noch nie so gehört. Und Zwingli erlebt genau das, was er sich vorgenommen hatte, was er sich gewünscht hatte, dass das Wort Gottes mit Vollmacht sich in der Gesellschaft Bahn bricht. Eine Reformation, die schon in Einsiedeln sich angekündigt hatte, aber die jetzt in dieser bedeutenden Stadt Zürich volle Fahrt aufnimmt und sich entwickelt.

[8:21] Auch Einsiedeln blieb nicht ohne Zeuge für das Evangelium. Der Freund von Zwingli, Leo Jud, den er noch aus alten Studienzeiten in Basel kannte, der kam jetzt als sein Nachfolger nach Einsiedeln, wo er Zwingli drei Jahre gewesen war. Leo Jud war eigentlich ein Elsässer und auch er war interessiert an der Reform und hat sich in Einsiedeln sehr positiv hervorgetan. Eines seiner Projekte war eine eigene Übersetzung der Bibel. Auch ansonsten ist in diesen Jahren sehr produktiv gewesen. Am selben Samstag, dem 1. Januar, bekam Luther einen Brief von seinem Freund Christoph Schürer aus Nürnberg, der ja in den vergangenen Monaten sehr intensiv auch mit Luther im Kontakt stand und der auch für die Verbreitung der 95 Thesen mit verantwortlich zeichnete. Und Schürer machte sich Gedanken, dass diese Auseinandersetzung mit dem Papsttum, insbesondere mit dem vom Papst beauftragten Gutachter, außer Kontrolle geraten könnte. Und so gab er folgenden interessanten Ratschlag an Luther: "Ich möchte, dass du zum Hafen einläufst", mit anderen Worten: "Hör auf zu kämpfen. Vom Ablass fing das Gerede an, jetzt ist die gehässige Disputation von der Gewalt des Papstes. Die Richter sind verdächtig, also mit anderen Worten nicht unparteiisch. Wer aufschiebt, hebt nicht auf. Es ist genug in Gefahr gesetzt worden. Glaube mir, in kurzem wird eine andere und bequemere Zeit sein, diese Dinge zu besprechen." Also Schürer rät dem Luther: "Hör auf mit der Kontroverse, gib dich zufrieden, und in einem späteren Zeitpunkt kannst du weitermachen, wo du jetzt aufgehört hast." Also Schürer, wie auch vorher schon Capito, rät zur Mäßigung, rät eigentlich im Grunde genommen, den Konflikt zu beenden.

[10:10] Und das sicherlich ein wohlgemeinter Rat, aber völlig zur Unzeit. Denn Gott war gerade dabei, die Reformation erst wirklich in Gang zu bekommen. Am 4. Januar reiste Luther nach Altenburg. Dort wohnte Spalatin, und im Hause Spalatins sollte es jetzt ein Treffen geben mit dem Kammerjunker Miltz, der ja als Gesandter des Papsttums in Sachsen unterwegs war. Am 5. Januar schrieb Philipp Melanchthon einen Brief an Erasmus von Rotterdam. Und der Grund war, Philipp hat in einer seiner Vorlesungen sich kritisch über die Paraphrase des Römerbriefes von Erasmus geäußert. Und jemand von den Studenten hatte das an Erasmus weitergeleitet. Erasmus ist zwar ein sehr weiser Mann gewesen, allerdings auch sehr leicht verletzbar. Und so versuchte Melanchthon dem sehr viel älteren, geliebten Humanisten Fürsten wieder ein bisschen Honig um den Mund zu schmieren und sagen, er habe sehr viel von Erasmus gelernt und ihm viel zu verdanken und er wollte ihn keinesfalls verletzen. Und interessanterweise erwähnt der Melanchthon auch den Luther, der sich empört. Wie gesagt, Erasmus war äußerst sensibel und Melanchthon wollte unter keinen Umständen hier eine neue Front aufmachen.

[11:39] Am 5. und 6. Januar kam es dann zu der Verhandlung im Hause von Spalatin zwischen Luther und Karl von Miltz. Auch Fabian von Feilitz, einer der Räte des Kurfürsten, ist anwesend gewesen. Und Miltz hatte geglaubt, dass Luther ein alter Professor sei und war ganz überrascht, dass er doch nur ein wenig älter war als Miltz selber, also relativ jung noch. Und es geht dann um den Ablass hin und her. Und Miltz sagt zwar, Luther sei ein Verführer, aber auch Tetzel und Albrecht von Brandenburg hätten eine Schuld. Und so ging das ein bisschen hin und her. Miltz versucht ein bisschen zu vermitteln. Die Hauptfrage wird aber schnell die Papstfrage. Luther bietet seines seinerseits an, sich zu entschuldigen beim Papst für seinen doch etwas hitzigen Ton, der beim Luther immer wieder schnell aufkam. Und er macht auch deutlich, er werde öffentlich zum Gehorsam gegenüber Rom aufrufen, hat das versprochen und schließlich habe er die ganze Zeit ja eigentlich für die römische Kirche gekämpft. Das war ja sein durchaus ehrliches Ansinnen. Wie auch in Augsburg bietet er erneut an, dass er ab sofort schweigen möchte, wenn die Gegenseite auch schweigt. Und erneut wird vorgeschlagen von Feilitz, dass man die ganze Rechtssache überträgt, möglicherweise an den Salzburger Bischof, den Erzbischof Matthäus. Trotz alledem schließt Martin Luther nach der gegenwärtigen Sachlage einen Widerruf aus. Und er hatte bereits einen Brief an den Papst verfasst, der allerdings nicht abgeschickt worden ist. Nachdem die Verhandlung vorbei ist, hat man den Stand erreicht, dass beide Seiten die Ablasskontroverse nicht weiter erörtern wollen. Und Miltz sagt dann, er werde sich dafür beim Papst einsetzen, dass er die Sache an einen deutschen Bischof übergibt, der dann mit Luther weiter verfahren soll.

[13:31] Anfang Januar erhält Luther auch die Antwort von Prierias, der ja dieses Gutachten in drei Tagen erstellt hatte damals. Und diese Antwort ist ebenfalls äußerst schwach. Luther ist so enttäuscht, dass er nicht einmal es für nötig hält, darauf zu antworten, sondern stattdessen macht er das, was er auch schon vorher mit den Werken von Prierias getan hat: Er veröffentlicht es einfach, mit einem Vorwort versehen, um zu zeigen, wie schwach die Argumentationsgrundlage Roms ist. Am 7. Januar reist dann Luther von Altenburg zurück nach Wittenberg und zwar über Leipzig. Und dort trifft er sich mit den Theologen der Universität und erfährt, dass die Theologen ihm sagen, dass die Disputation zwischen Eck und Karlstadt nicht stattfinden wird. Wir haben wir letztes Mal gesehen, dass die Universität in Leipzig gegen diese Disputation war. Und Luther ist relativ ärgerlich darüber, schreibt auch direkt an Eck. Und in diesem Brief mit Eck, in diesem Kontakt mit Eck, geht es unter anderem auch um Tauler. Noch ein Autor, den Luther so ein bisschen entdeckt hatte und der ihn auch ein bisschen so auf das Evangelium, auf die evangelische Lehre gebracht hatte. Eck hatte sich daran gestoßen, weil er meinte, Tauler sei in der Kirche vollkommen unbekannt. Und Luther hat ihn jetzt ein wenig in Schutz genommen.

[14:46] Derweil ging die ganze Debatte um die geplante Disputation weiter. Neben den Theologen in Leipzig hat sich auch der Bischof von Merseburg eingeschaltet und versucht, den Herzog Georg, der ja in Leipzig über für Leipzig zuständig war, davon zu überzeugen, diese Disputation abzusagen. Und Georg war äußerst ungehalten. Er saß es überhaupt nicht ein, warum so eine wichtige Disputation nicht an seiner Universität in Leipzig stattfinden könnte. Er vermutete gar, dass die Theologen lediglich faul und verfressen seien und sie sollten sich wenigstens vernünftig vorbereiten. Sie sollten jetzt schon gar nicht als ein Urteil fällen. Und so hat sich Herzog Georg durchgesetzt. Der wollte unbedingt, dass in seiner Universität Leipzig äh Karlstadt und diese Sache austragen.

[15:33] Ebenfalls in jener Zeit hat dann Friedrich II. überlegt, ob er ein Antwortschreiben an den Papst verfassen soll und wo er die bisherige Geschichte dieser ganzen Kontroverse ein bisschen schildert und einige mögliche Lösungsoptionen aufzeigt. Aber dieses Schreiben wird dann doch nicht ausgeführt und zwar aus taktischen Gründen. Friedrich II. möchte, entscheidet sich eine andere Taktik zu fahren. Statt sich direkt zu involvieren, möchte er möglichst passiv erscheinen und nicht involviert. Und wie sich noch zeigen wird im Laufe der nächsten Jahre, ist das eine äußerst erfolgreiche Taktik, die Luther noch sehr viel helfen wird.

[16:13] Am 12. Januar dann ereilte das Heilige Römische Reich deutscher Nation die wichtige Nachricht, dass Kaiser Maximilian gestorben war. Auf einer beschwerlichen Reise zum Landtag nach Linz, vermutlich hat er Darmkrebs gehabt. Und als dann klar war, dass er sterben würde, hat er, und das war durchaus mittelalterliche Tradition, seinen Tod regelrecht orchestriert, regelrecht inszeniert. Hat die letzte Ölung empfangen und dann hat er das kaiserliche Siegel übergeben und dann hat er verboten, ihn mit seinen kaiserlichen Titeln anzureden und hat sich dann quasi so als Büßer präsentiert. Er hat dann verfügt, dass nach seinem Tod seine Haare abrasiert werden sollen, seine Zehen ausgebrochen werden sollen und dass sein toter Leichnam gegeißelt werden soll. Das war so, so diese mittelalterliche Bußvorstellung. Und na ja, hier ein Bild von ihm, das relativ realistisch sein Totenbildes zeigte, dass er doch recht krank auch gewesen ist.

[17:20] Maximilian war tot und damit war die Frage: Wer würde neuer römischer König werden und dann möglicherweise auch Kaiser des Heiligen Römischen Reiches? Es gab zwei Bewerber: einmal Karl, der Enkel von Maximilian, der schon König von Spanien war und den man in Rom unbedingt verhindern wollte. Und auf der anderen Seite Franz I., der König von Frankreich, der auch nur wenig älter war. Beide also, wenn sie gewählt werden würden, würden über längere Zeit das Reich prägen und beide hatten die Idee, Europa zu vereinen und zu zentralisieren. Und je nachdem, ob man sich für Frankreich entschied oder für Spanien, würde das auf jeden Fall die Mächteverhältnisse in Europa deutlich verschieben, zugunsten des einen oder des anderen. Ein weiterer Kandidat übrigens war auch Heinrich VIII., der englische König, der später noch sehr berühmt geworden ist in der Reformationsgeschichte, aber seine Kandidatur war im Wesentlichen aussichtslos. Es beginnt jetzt ein intensiver Wahlkampf zwischen den beiden Hauptanwärtern um die Gunst der sieben Kurfürsten.

[18:32] Und weil die Kurfürsten so wichtig sind und weil Rom unbedingt Karl verhindern will, beginnt man jetzt sehr viel vorsichtiger von Seiten Roms in der Luther-Sache zu agieren. Mitte Januar kommt dann Miltitz zu Friedrich dem Dritten, dem Kurfürsten, und will dessen Vorschläge hören. Miltz schlägt vor, dass Luther sich demütigen soll in Rom, dass er nicht mehr predigen dürfe, aber dann könne er auch in Sachsen bleiben. Und unabhängige Gerichte würden dann über ihn ja das Urteil sprechen. Und Miltz warnt den Kurfürsten und sagt, die Kirche habe bisher immer gegen ihre Gegner gewonnen und Luther soll einfach dieses neue Dogma zum Ablass anerkennen.

[19:24] Und auch Spalatin, der mischt sich ein und fragt jetzt, wie weit soll denn der Widerruf gehen. Also man versucht am Hof von äh Friedrich dem Dritten durchaus verschiedene Optionen ähm durchzuspielen. Spalatin sagt auch, wenn es einen Verhandlungsort geben soll, dann muss der neutral sein. Luther selbst ist durchaus auch zu dieser Zeit noch zum Widerruf bereit, wenn man ihm seine Irrtümer aufzeigt aus der Bibel. Und er selbst benennt drei mögliche unverdächtige Richter: den Erzbischof von Trier, den Erzbischof von Salzburg oder auch den Bischof von Naumburg und Freising. Und in diesem Gespräch fügt dann Luther noch ein bisschen frech hinzu, dass die Unterdrückung von wahren Christen schon seit der Zeit des Arius bekannt sei. Und das ist natürlich eine Anspielung auf die Verfolgung der Antitrinitarier zur Zeit des Kaisers Konstantin. Und das war natürlich etwas über das Ziel hinausgeschossen. Luther macht sehr deutlich, dass er das neue Ablassdogma ablehnt, weil es sich nicht auf die Bibel gründet. Und äh, wenn er jetzt dem zustimmt, dann würde das vielen kritischen Anfragen äh nur Vorschub leisten.

[20:42] Ebenfalls im Januar hat Luther über die Ehe gepredigt, und da zeigt sich, dass er noch ein recht konventionelles Verständnis hatte. Die Sexualität ist bei ihm auch noch mit Sünde durchaus behaftet, obwohl die Ehe ein wertvolles Sakrament ist. Das Ziel der Ehe war für Luther zu diesem Zeitpunkt, dass man Kinder bekommt und sie erzieht. Und hier zeigt sich schon ein bisschen Neues im Denken Luthers. Obwohl die Erziehung sehr streng sein soll, ist eine gute Erziehung besser als Wallfahrten. Also mit anderen Worten, statt diese von der Kirche verordneten Werke zu tun, sollte man lieber viel Energie in die Erziehung hinein investieren. Und dadurch wird die Ehe durchaus auch aufgewertet. Sie ist nicht mehr so nebensächlich neben der Ehelosigkeit der Kleriker.

[21:23] Ebenfalls im Januar verfasste Luther auf den Wunsch Spalatins eine kleine Schrift mit dem Titel "Eine Unterweisung, wie man beichten soll". Die wird zunächst nicht gedruckt, sondern handschriftlich verbreitet. Spalatin wünscht sich sogar noch eine Vorlage für das Fürbittegebet für die Toten, aber Luther zögert damit, weil er eigentlich nicht immer noch mehr Vorschriften und Regeln im kirchlichen Leben haben möchte. Das ist ihm eigentlich zu viel.

[21:50] Im Januar verlässt nach wenigen Monaten der Hebräisch-Professor Buchenstein, von dem wir auch schon in einer früheren Folge gehört haben, die Universität in Wittenberg. Und Philipp Melanchthon, jung und begabt, wie er ist, springt dafür ein und unterrichtet neben Griechisch...

[22:05] und unterrichtet neben Griechisch jetzt auch noch Hebräisch und das mit großer Brillanz. Am 20. Januar ungefähr hat dann auch Tetzel sich mit Miltitz unterhalten, als dieser durch Leipzig gereist ist. Also auch die waren miteinander im Kontakt. Erst am 24. Januar hat dann Friedrich II. vom Tod des Kaisers erfahren. Damals gingen die Nachrichten nicht so schnell und der Kurfürst Friedrich II. ist in dieser Zeit ohne Kaiser, gemeinsam mit dem pfälzischen Kurfürsten, der Reichsverweser, so quasi der Stellvertreter. Das zeigt schon seine besondere Rolle auch innerhalb der Kurfürsten. Und das bedeutet jetzt erstmal ist ihm klar, die Kirche wird nicht mehr wirklich erstmal gegen Luther, oder zumindest das Heilige Römische Reich wird nicht erstmal gegen Luther vorgehen. Und Kursachsen hat plötzlich sehr viel mehr Spielraum in der Luther-Sache.

[23:03] Am 28. Januar kommt es zu einem kriegerischen Vorfall. Ulrich von Württemberg, der Herzog, überfällt die Reichsstadt Reutlingen und das führt zum Krieg mit dem Schwäbischen Bund. Eine Sache, die auch Luther dann noch kommentiert hat, wie wir nachher gleich sehen werden. Am 1. Februar lädt dann die Universität Leipzig Karlstadt offiziell ein zur Disputation. Denn Herzog Georg hat sich durchgesetzt und die Universität muss sich beugen. Früh im Jahre 1519 wird auch Martin Bucer mit 27 Bakkalaureus in Heidelberg. Er war ja seit der Disputation in Heidelberg im Frühjahr 1518 ein überzeugter Lutheraner und hat das auch damit nicht hinter dem Berg gehalten. In seinen Studien in Heidelberg Anfang Februar beginnen die Vorverhandlungen zur Kaiserwahl und Friedrich II. macht sehr deutlich, dass er keine politische Beeinflussung wünscht. Und das war natürlich an der Tagesordnung, dass alle Seiten versuchen, irgendwie auf die Kurfürsten Einfluss zu nehmen. Und Friedrich II. macht sehr deutlich, dass auch Rom sich bitte nicht einschalten sollte.

[24:15] Cajetan war natürlich immer noch im Land, der Legat für die päpstlichen Interessen und er wirbt selbstverständlich für den französischen König, für Franz I., als neuen Kaiser. Und später sendete das Papsttum auch noch den Nuntius Orsini, um diesen ganzen Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen. Anfang Februar ist der Galaterkommentar von Luther fertig. Ein Projekt, das ihm sehr am Herzen lag, wie wir schon gesehen hatten in früheren Folgen, weil im Galaterbrief ja eine besonders gute Gelegenheit gefunden hat, diese neuen Ansichten des Evangeliums, die er wieder entdeckt hatte, zu präsentieren. Und er widmet diesen Galaterkommentar seinen Wittenberger Kollegen, nämlich insbesondere Lupinus und Karlstadt.

[25:09] Zu dieser Zeit erfährt Luther auch von den 12 Thesen, die Eck verfasst hat und er ist sehr empört, weil nämlich Eck in Wirklichkeit ja ihn angreift und gar nicht Karlstadt. Und Luther ist sich bewusst, es wird jetzt immer mehr um die Frage des Papstes selbst gehen. Er hat sich seit Ende 1518 immer mehr mit dem Thema befasst und er sagt dann in diesem Zusammenhang folgendes: Wenn Rom schon trauerte über die sterbenden Ablässe, was wird es erst tun, wenn seine Dekrete den Geist aufgeben? Mit anderen Worten, Luther selbst geht immer weiter weg von der Ablassfrage zu den mehr grundsätzlichen Fragen, dem Kirchenrecht, der ganzen Grundlage des Papsttums. Und weil er sich herausgefordert fühlt in diesen 12 Thesen von Eck, die zwar formal an Karlstadt gerichtet sind, aber vor allem Themen behandeln, die Karlstadt nie angefasst hat, sondern Luther, formuliert jetzt Luther Gegenthesen gegen Eck. Und da geht es unter anderem auch um die Frage, ob ein Mensch nach seiner Bekehrung immer noch mit Sünde zu kämpfen hat, was die römische Kirche ja ablehnt. Luther sagt: Ja, die Sünde dauert an, auch in einem Christen. Er bleibt dabei, das Fegefeuer ist eigentlich die Verzweiflung. Er leugnet, dass der Schatz der Kirche, der Schatz des Ablasses ist. Und er sagt, es ist unbewiesen, dass der Papst Sündenstrafen aufheben kann.

[26:29] Und dann sagt er einen Satz, der sich als Bombe herausstellt in den nächsten Wochen und Monaten. Er sagt, dass die römische Kirche über die anderen gestellt sei, wird bewiesen aus den ganz kalten Dekreten der römischen Päpste, die in den letzten 400 Jahren entstanden sind. Gegen sie stehen die anerkannte Geschichtsdarstellung von 1100 Jahren, der Text der Schrift und das Dekret des für alle Heiligen Konzils von Nicäa. In Nicäa hatte man damals noch 325 beschlossen, dass die verschiedenen Patriarchen von Konstantinopel, von Jerusalem, Alexandria und Rom gleichgestellt sind. Und dass Rom die absolute Oberherrschaft habe, sagt Luther, gibt's erst seit 400 Jahren. Und das ist natürlich eine Bombe, weil er damit sagt, es gibt nie die Vormachtstellung Roms, basiert lediglich auf römischen Dekreten, die erst einige hundert Jahre alt sind und ist nicht so selbstverständlich, wie man das gerne haben möchte.

[27:23] Luther ist bei allem immer noch im Glauben, dass die Universität eigentlich die Disputation ablehnt und versucht dann dementsprechend da auch noch einzuwirken, dass es doch stattfinden kann. Er veröffentlicht diese Gegenthesen übrigens, ohne sich mit Leipzig vorher abgestimmt zu haben. Am 5. Februar berichtet dann Miltitz, dass er einen entsprechenden Bericht über die Verhandlung mit Luther nach Rom gesandt habe. Und der meinte, wenn Luther sich jetzt ruhig verhält, geht alles gut aus. So war die Meinung des 28-jährigen Karl Miltitz, von dem viele Historiker glauben, dass er die ganze Tragweite der Angelegenheit gar nicht richtig überblickt hat. Er war mehr so ein Lebemensch gewesen.

[28:09] Am 7. Februar hat dann Luther sich an Spalatin gewandt und ein bisschen berichtet über das, was gerade in der Diskussion mit Eck vor sich geht. Er schreibt hier übrigens: "Hat unser Eck das Rütlein", also typisch Luther, "einen Zettel herausgegeben, indem er nach Ostern zu Leipzig wieder Karlstadt disputieren will. Und da der Mensch in seiner ungereimten, rumoren Handlungsweise seiner schon lange gegen mich gefassten Gehässigkeit genug tun will, so stürzt er sich gegen mich und meine Schriften."

[28:41] Am 14. Februar schreibt der Buchdrucker Froben aus Basel, dass schon 600 Exemplare der Gesamtausgabe der Werke Luthers, die Froben letztes Jahr begonnen hatte, 1518, nach Frankreich gegangen sei und nach Spanien gegangen sei und überall die finde diese Gesamtausgabe, diese frühe Gesamtausgabe der bisherigen Werke. Das große Zustimmung, so z.B. auch an der Pariser Universität in des Bon. Manche Exemplare sind auch nach Italien gegangen, nach England, nach Brabant. Die erste Ausgabe, die erste Edition ist schon beinahe vergriffen. Und auch die Acta Augustana, das heißt die Protokolle von den Verhören in Augsburg, werden von Froben nachgedruckt. Und dieser Froben, der setzt sich dafür also ein, dass Luthers Werk, das bisher so stand, in der ganzen Welt sich verbreitet. Und er hätte es auch gern weitergegeben, wenn nicht Erasmus von Rotterdam, der ebenfalls von Froben verlegt wird, jetzt Druck macht und aus vermutlich politischen Gründen Froben quasi anordnet, unter Druck setzt, nicht mehr Luther zu drucken und zu verlegen. Also hier sehen wir, wie sehr Erasmus eigentlich auch ein politisch denkender Mensch war und hier so ein bisschen die Verbreitung der Schriften Luthers unterdrückt hat.

[30:00] Am 15. Februar beschwert sich dann die Leipziger Universität beim Herzog Georg darüber, dass Luther sich einmischt, der doch offiziell gar nicht bei der Disputation dabei sein soll, weil es doch eine Disputation zwischen Eck und Karlstadt sein soll.

[30:18] Am 18. Februar hat dann Luther sich erneut an Eck gewandt und ihn heftig kritisiert. Und das geht schon in der Begrüßung los. Man lass dich, sag sich das mal auf der Zunge zergehen, wie Martin Luther hier Eck begrüßt. "Martin Luther, Augustiner zu Wittenberg, wünscht dem hochgelehrten Theologen Johann Eck, Prokanzler der Universität zu Ingolstadt, seinem Erlöser Christus Heil." Ja, was wünscht er ihm Heil und dass er endlich ablasse, das christliche Volk zu verführen. Also hier sieht man, die Freundschaft ist völlig zerbrochen. Und Luther wirft ihm vor, dass Eck nicht für die Sache Gottes kämpfe, sondern eigentlich nur für seinen eigenen Ruhm, um sich selbst hervorzutun und dafür selbst über Leichen gehe.

[31:06] Gleichzeitig schreibt auch Eck an Luther. Also die Briefe kreuzen sich quasi nur. Einen Tag später schreibt er, und die kommen dann jeweils später an. Und in diesem Brief gibt Eck ganz freimütig zu, dass er mit den 12 Thesen gegen Karlstadt eigentlich Luther gemeint habe. Und er fordert jetzt Luther auf: Beuge dich dem Papst und der Kirche. Kann er nicht all die vier Jahre lang geirrt haben? Ja, beuge dich.

[31:32] Am selben 19. Februar entschuldigt sich dann Luther bei Herzog Georg für seine vermeintliche Einmischung in die Sache. Und er sagt, er habe angenommen, dass er sowieso zugelassen werde für die Disputation, weil er ja der eigentlich von Eck attackierte ist. Und entsprechend schreibt er auch an die Universität und versucht dort die Wogen zu glätten. Die Universität stimmt dann zu, ja, könne Luther für die Disputation mit dazu nehmen. Man wolle aber auf jeden Fall erst die Einwilligung von Eck dazu haben. Und am Ende soll der Herzog entscheiden. Der will allerdings erst die Einwilligung von Eck schriftlich haben. Und die lässt auf sich warten. Die kommt einfach nicht. Und so hängt Luther so ein bisschen in der Schwebe. Er weiß nicht, ob er zur Leipziger Disputation überhaupt zugelassen werden wird.

[32:27] Am 20. Februar schreibt dann Luther erneut an Spalatin, wieder über Eck. "Unser Eck, welcher seine Unsinnigkeit wieder mich bisher gar schön versteckt hat, hat sie endlich an den Tag gegeben. Siehe, was es für ein Mensch ist. In dieser Sache werden wir uns in nichts dienlich sein, wie der Eck sich noch ich mir. Also mit anderen Worten, diese Disputation wird keinem wirklich nützen für die Karriere oder für sonst etwas. Aber er sagt, es scheint mir, dass Gottes Rat hier ausgeführt werde." Also so Luther hat dieses Bewusstsein, dass diese Diskussion, dieses Streitgespräch mit Eck in Wirklichkeit eine Vorhersehung Gottes ist und dass Gott hier etwas Großes vorhat.

[33:09] Er führt dann weiter aus in dem Brief und da deutet er schon an, was jetzt auf die Welt zukommen wird. Ich habe öfters gesagt, dass ich bisher gespielt habe. Nun, für viele ist der Luther jetzt schon zu extrem gewesen. Wir haben gesehen, wie Capito oder Schal versuchen, ihn einzuhegen und wieder zu besänftigen. Aber Luther sagt: "Bis habe ich nur gespielt, jetzt wird endlich ernst gemacht werden wieder den römischen Papst und die römische Anmaßung." Das zeigt schon, in welche Richtung Luther eigentlich jetzt schon denkt.

[33:45] Er erwähnt übrigens in diesem Schreiben auch den Krieg zwischen Württemberg und dem Schwäbischen Bund und sagt, das ist ein Anfang von Übeln, eine durchaus auch apokalyptisch gemeinte Phrase in der Zeit. Er hält Luther auch Nachrichten von Capito und der sagt ihm: "Luther, wenn alles schief läuft und du nicht mehr weißt, wo du hingehst, sei dir sicher, in der Schweiz findest du Asyl. Das bieten wir dir an, bei Freunden kannst du da unterkommen." Und das zeigt also, wie sehr man sich auch Sorgen gemacht hat um das Wohlergehen von Luther in der Zeit.

[34:23] Ungefähr erreichen die Schriften von Luther auch Zürich, durch diese Ausgabe von Froben in Basel kommt sie nach in die Schweiz. Und der Zwingli beschäftigt sich jetzt erstmals intensiv mit Luther. Und das zeigt also, dass er sein eigenes Reformationsprogramm, das Evangelium, ganz unabhängig von Luther eigentlich entdeckt hat. Und hier zwei Bewegungen quasi zeitgleich, aber doch mehr oder weniger unabhängig voneinander entstanden sind, was wiederum zeigt, wie sehr Gott das orchestriert. Zwingli hat das übrigens immer wieder auch betont, dass er sein Evangelium, das Evangelium aus der Bibel entdeckt hat und nicht von Luther einfach nur gelernt hat. Und sie waren sich dessen bewusst, dass hier Gott am Wirken war.

[35:15] Während also, wie gesagt, die Ausgabe in Basel erstmal vorerst gestoppt war, gibt es an anderer Stelle Möglichkeiten, Luthers Werke zu verbreiten. Matthias Schürer druckt in Straßburg die Gesamtausgabe aus Basel einfach nach. Auch Christoph Schürer stellt fest, diese Gesamtausgabe von Froben wird überall mit großer Zustimmung gelesen, so z.B. auch in der Diözese Speyer. Also gerade jetzt dieser Zeit verbreitet sich noch einmal das Gedankengut von Luther sehr, sehr systematisch. Und viele Menschen werden jetzt erst langsam, wird er erst bewusst, was da eigentlich vor sich geht.

[35:57] Ebenfalls im Februar wenden sich Luther und auch der Kanzler der Universität in Wittenberg, Bernhardt, an den Kurfürsten. Und sie unterbreiten diese Reformidee, die sie schon im Dezember ausgehackt haben, dass nämlich eine ganze Reihe von Vorlesungen entfallen sollen. Nicht alle Magister in der Universität sind damit einverstanden, verständlicherweise, gerade diejenigen, deren eigene Lehrstellen betroffen sind. Aber Luther sagt, es sei wichtiger, dass die Ausbildung auf höchstem Niveau ist, als dass man einfach nur die Stellen für Lehrer erhält. Und so wird auch hier die Universität weiter umgestaltet. Die Scholastik verliert enorm an Einfluss, das quasi fast nicht mehr gegenwärtig in Wittenberg. Und die modernen Fächer, wie Hebräisch und Griechisch und die Bibelfächer und all das nimmt viel größeren Platz jetzt ein.

[36:51] Außerdem wünscht man sich eine bessere Druckerei. Die bisherige kommt den Bedürfnissen ein fürchterlich nach. Luther beklagt sich im Februar auch darüber, dass Staupitz nicht schreibt und er fühlt sich so ein bisschen alleine gelassen von ihm. Er würde ihn gerne sehen, aber daraus wird vorerst erst einmal nichts.

[37:13] Im Februar senden auch Theologen aus Löwen einige Ausschnitte, Exzerpte aus dieser Gesamtausgabe nach Köln. Köln ist ja eine Hochburg des römisch-treuen Katholizismus. Und die sollen das prüfen an der Theologischen Fakultät, was Luther da geschrieben hat. Aber in Köln ist diese Gesamtausgabe noch gar nicht vorhanden. Die muss erst noch besorgt werden.

[37:35] Luther beginnt dann im Februar auch mit einer Neubearbeitung seiner Auslegung des Vaterunsers. Am 21. Februar kommt es zu einer wirklich tragischen Angelegenheit. Die Regensburger Juden werden vertrieben. Das hat auch damit zu tun, dass ein späterer Reformator, Balthasar Hubmaier, dort sehr antisemitisch auftritt und die Synagoge wird zerstört. Ein echter Schandfleck auch in der Geschichte der Stadt Regensburg.

[38:07] Und am 24. Februar macht sich Spalatin Sorgen und er fragt bei Luther nach, warum er immer deutlicher gegen den Papst selbst Stellung bezieht. Und das, obwohl die anderen Wittenberger Kollegen, also Lupinus und Karlstadt vor allem auch und Amsdorf, in diese Sache gar nicht mit Luther übereinstimmen.

[38:27] Und Luther erklärt sich jetzt am 24. Februar brieflich. Er sagt: "Ich habe noch gar nicht alles gesagt, was die Bibel über Rom sagt, denn mir scheint", sagt er, "dass die Bibel in Wirklichkeit, dass Rom in Wirklichkeit das apokalyptische Babel ist, das Babylon aus der Offenbarung." Und er sagte: "Ich fürchte mich nicht, die Wahrheit kann nicht untergehen. Wenn du möchtest, dass ich als Theologieprofessor bleibe, dann muss ich auch die Wahrheit sagen können. Und wenn mich meine Freunde verlassen, wird die Wahrheit doch nicht untergehen und ich werde für die Wahrheit einstehen." Er bezieht sich hier auf Stellen der Offenbarung, wie in Offenbarung 14, Vers 8: "Ein anderer Engel folgt ihm, der sprach: Gefallen, gefallen ist das große Babylon, weil sie mit dem Glutwein ihrer Unzucht alle Völker getränkt hat." Oder Offenbarung 17, Vers 2 und 3: "Die Frau, die in Purpur und Scharlach gekleidet ist, übergoldet mit Gold und Edelsteinen und Perlen, und sie hatte einen goldenen Becher in ihrer Hand, voll von Gräueln und der Unreinheit ihrer Unzucht. Und auf ihrer Stirn war ein Name geschrieben: Geheimnis, Babylon, die Große, die Mutter der Huren und der Gräuel der Erde."

[39:28] Und Luther sagt, das bezieht sich höchstwahrscheinlich auf die römische Kirche. Und er erklärt auch, was er mit seiner bombenformulierungen, den Thesen gegen Eck gemeint hat, mit dieser Idee von den 400 Jahren Papsthoheit. Er sagt, er wisse auch, dass es ältere Quellen gebe, aber er wolle Eck eine Falle stellen, denn wenn Eck diese alten Quellen aufgreift, dann werde er zeigen, dass Gratians Kirchenrechtssammlung eine Privatarbeit ist. Also er will da auch strategisch vorgehen in seiner Argumentation.

[40:03] Und für Luther ist eigentlich die Papstgewalt gar nicht das eigentliche Problem, sondern vor allem die falsche Bibelauslegung, die zur Begründung herangezogen wird. Dann Ende Februar muss er, wie vereinbart, die quasi Entschuldigung veröffentlichen, die Unterricht auf etliche Artikel, die ihm von seinen Gegnern aufgelegt und zugemessen werden. Wo er also sagt: "Ich wollte nicht gegen Rom kämpfen, was er damals in Altenburg mit Spalatin und mit Miltitz ausgemacht hat." Und er sagt hier also ganz deutlich: "Man soll der römischen Kirche folgen und meine Schriften sind nicht gegen sie eigentlich gerichtet gewesen." Und er erklärt noch einmal, dass dann, was er mit dem Ablass eigentlich wirklich gemeint hat. Und quasi sagt durch die Blume, na ja, man kann den Ablass zwar schon haben, aber nur für den dritten Teil der Buße und er ist weniger wert als gute Werke und freigestellt. Also er versucht hier eine Kompromiss-Position zu finden, irgendwie diesen Frieden zu wahren, den man in Altenburg versucht hat zu konstruieren.

[41:01] Er sagt, die Gebote der Kirche sind zu achten, aber immer wieder schränkt er das ein und bringt es eine Perspektive, sagt, das Gesetz Gottes ist wichtiger. Und eigentlich sollte man die Gebote der Kirche reduzieren. Also Luther geht so weit, wie irgendwie gehen konnte. Aber es wird schon deutlich, das ist eigentlich nicht das, was Miltitz und schon gar nicht der Papst sich erhofft haben von dieser Schrift. Er sagt dann: "Gute Werke sind wichtig, aber sie können nur die von einem gerecht gefertigten, gerechtfertigten werden, denn ohne Gnade sind gute Werke immer Sünde." Und er präsentiert eigentlich seine Theorie, wenn auch in sehr konzilianter Form.

[41:35] D. sagt diesen interessanten Satz: "Auch Gott hat an den Demütigen gefallen, nicht an den sicheren." Und dann beginnt er sich noch einmal richtig auf die Disputation in Leipzig vorzubereiten, indem er Kirchenrecht studiert, Kirchengeschichte liest und immer mehr Material entdeckt, dass seine These stützt. Ja, er ist selbst noch einmal richtig überrascht. Er ist schockiert über das, was er in der Kirchengeschichte und im Kirchenrecht findet.

[42:09] Und der Spalatin, der weiß, Luther darf hin noch einmal. Erinner dich, wir haben abgemacht, halte still. Nicht ja, halte still. Das war die Abmachung mit Miltitz. Und am 13. März schreibt dann Luther folgenden berühmt gewordenen Satz an Spalatin: "Ich gehe auch die Dekrete der Päpste durch für meine Disputation und ich sage es dir ins Ohr, also geheim, sag's nicht weiter. Ich weiß nicht, ob nicht der Papst der Antichrist sei oder sein Apostel." Bum! Das ist die Bombe. Zum ersten Mal nennt Luther das Wort in den Mund. Der Papst ist vielleicht selbst der Antichrist. Aufgrund seines Studiums der Kirchengeschichte, sogar jämmerlich. Das ist die Wahrheit wird von dem Christus verderbt und in den Dekreten gekreuzigt. Er es martert mich außerordentlich, dass das Volk Christi durch das Vorgeben des Gesetzes der Gesetze und des Namens Christi so getäuscht ist.

[42:59] Halten wir fest: Luther kam auf diese Ideen nicht durch ein Studium von Daniel und Offenbarung der Prophetie, sondern durch ein Studium des Evangeliums und dann im Vergleich, wie die Kirche mit dem Evangelium umgeht. Und er sagt, die Kirche kreuzigt das Evangelium, sie kreuzigt Christi in dem Kirchenrecht. Und deswegen ist der Papst vermutlich der Antichrist. Und was ihn besonders nervt ist, dass das Papsttum den Anschein erweckt, das wahre Evangelium zu verkündigen. Und deswegen martert es ihn so.

[43:30] Der Luther macht dann den Kurfürsten auf eine heikle Situation aufmerksam. Er, der Prias, hat ihm geschrieben, aber aufgrund der alten Burgerabmachung darf er jetzt ja nicht antworten, und das könnte vielleicht missverstanden werden. Also keine leichte Situation. Und Luther hat noch einmal die Gelegenheit ergriffen, den Aristoteles scharf zu kritisieren, dessen Werke sein total unnütz. Und wir erinnern uns, das war eigentlich ursprünglich sein Hauptkampf gewesen. Eck bringt dann am 14. März seine 20 Thesen noch einmal heraus, die gegen Karlstadt gerichtet waren, aber jetzt sagt er in dieser neuen Edition, na, sie sind eigentlich schon gegen Luther auch gerichtet. Trotzdem will er mit Karlstadt disputieren und fügt auch noch eine These H hinzu, die gegen Karlstadt gerichtet ist, die er angeblich vorher vergessen hätte. Er sagt: "Die Freundschaft habe ich nicht gebrochen, denn wer ein Feind der Kirche ist, kann ja gar kein Freund sein. Und ich, so nach dem Motto, wie kann ich mit Luther überhaupt Freund gewesen sein?" Er, so sagt Eck, hatte sich zur Aufgabe gemacht, den Papst zu schützen.

[43:30] Für den Psalmenkommentar von Luther schreibt dann Melanchthon ein Vorwort und sagt dort interessanterweise, dass nach 400 Jahren Gefangenschaft der Kirche jetzt wieder Hoffnung auf Freiheit bestünde. Die Scholastik habe alles in die Starre geführt, aber jetzt kehre man zur ursprünglichen Theologie zurück. Und er sagte, das liegt vor allem an den Exegeten Erasmus, Chin, Capito, Ökolampad und Karlstadt, alles ja bekannte Namen hier aus unserer Serie. Aber der vielleicht beste Ausleger der Psalmen ist Luther. Und in den Psalmen geht es ja vor allem auch um das Evangelium.

[45:13] Im März äußert sich Zwingli zu der ganzen Luther-Angelegenheit und sagt gegenüber Beatus Rhenanus, dem Humanisten, dass er Luther bewundert, dass er vor Cajetan im Herbst nicht eingeknickt sei und diese Standhaftigkeit ein Vorbild sei. Am 22. März beginnen dann vier Theologieprofessoren in Köln mit der Prüfung der Schriften Luthers. Und Luther widmet dann seinen Psalmenkommentar für Melanchthon, dem das Vorwort geschrieben hat. Er widmet diesen Kommentar dem Kurfürsten, obwohl er diesen Kommentar gar nicht Kommentar nennt, sondern nur "Arbeiten über die Psalmen". Und er sagt: "Ich brauche dich nicht zu rühmen, Kurfürst Friedrich, weil jeder weiß, wie sehr du dich um die Wissenschaft bemüht hast. Ich muss auch nicht danken, weil ich mit meiner ganzen Angelegenheit dir nur Ärger eingebracht habe. Aber aus echter Liebe zu dir möchte ich dir das widmen, weil ich weiß, dass die biblische Botschaft dich interessiert und dass du diese kalten, formalen, scholastischen Predigten ablehnst."

[46:18] Am 28. März schreibt dann Luther auch an Erasmus von Rotterdam und er lobt Erasmus sehr und er versucht irgendwie so ein bisschen eine Brücke zu schlagen, sich diesem Humanisten anzunähern. Er macht ganz deutlich, dass er Erasmus sehr viel höher ansieht als sich selbst und er bettelt förmlich um die Anerkennung von Erasmus, der sich allerdings erst einmal nicht an Luther zurückschreibend wendet.

[46:48] Am 29. schreibt dann im Gegensatz dazu der Papst selbst an Luther. Er nennt ihn "geliebten Sohn" und er schreibt ihm, er sei so erfreut darüber, dass Luther bereit sei, in der Ablasssache zu widerrufen. Und da, um das ganz Ding festzumachen, soll er doch gleich nach Rom kommen, um da noch einmal den wirklich richtig zu widerrufen. Offensichtlich hat wohl Milz Luthers Aussagen sehr verzerrend wiedergegeben und vermeintlich hätte Luther eingesehen, alles wäre falsch gewesen. Und so glaubt der Papst kurzzeitig, Luther wäre zum Widerruf bereit. Aber Luther diesen Brief vielleicht gar nicht erhalten und er ist dann auch schon bald überholt gewesen.

[47:32] Ende März hat dann Luther einen Sermon, eine Predigt veröffentlicht über die Betrachtung des heiligen Leidens Christi. Gerade zur Passionszeit war es ja gang und gäbe, sich mit äußeren Riten zu beschäftigen. Und Luther sagt: "Nein, wir sollten das Evangelium nachdenken, wir sollten bei Christus nachdenken, was er für uns am Kreuz getan hat, und das ist die wahre Art und Weise, wie man die Passionszeit verbringen sollte."

[47:53] Zu Ostern vertritt Thomas Müntzer den Prediger Franz Günther in Jüterbog. Franz Günther war so der erste lutheranische Prediger außerhalb von Wittenberg, der so ganz systematisch das Evangelium gepredigt hat und dafür sehr viel Attacke erlitten hat von den Franziskanern und sich jetzt erstmal zurückgezogen hat. Aber Müntzer kommt und er führt das Werk von Günther weiter und schon bald beschwert man sich auch über Müntzer. Aber Müntzer folgt nicht einfach Luther, sondern Müntzer hat so seinen eigenen Ansatz und er hat sich viel auch mit der Mystik beschäftigt und er fängt an, so diese Rolle von Träumen und Visionen zu erfragen und hat diese Sehnsucht nach einer ursprünglichen Form des Christentums, sich sehr viel mit dem frühen Christentum beschäftigt und sieht sich dieser Zeit zurück, wo quasi noch prophetische Gabe da gewesen ist. Und er pflegt doch eine sehr enge Korrespondenz mit Karlstadt.

[48:52] Dann im Frühjahr beauftragt Kurfürst Friedrich II. einen jungen Mann, nämlich Justus Jonas, der in Erfurt an der Universität ist, einer der großen Nachwuchs-Wissenschaftler und Theologen der damaligen Zeit in Erfurt. Und Kurfürst Friedrich II. beauftragt ihn. Friedrich hat mittlerweile auch über Erfurt die politische Kontrolle. Er soll nach Holland reisen, Erasmus besuchen, vielleicht in Belgien, in Löwen, und eine Vermittlung zwischen Erasmus und Luther herbeiführen. Denn so sagt sich der Kurfürst, wenn der große und allseits geschätzte Erasmus sich auf Luthers Seite stellt, dann wird die ganze Sache einfacher. Und so trifft auch Jonas den Erasmus und der sagt ihm zumindestens: "Justus, wende dich der wahren Theologie zu, höre nicht auf die, die nur Menschenmeinung predigen." Aber wie ist seine angewohnheit? Das hält er sich doch sehr zurück und ist sehr zurückhaltend, was die Luther-Sache angeht.

[50:00] Aber eins ist deutlich: Der Kurfürst sucht nach Wegen aus diesem Dilemma herauszukommen und seine Chance, die er gerade hat aufgrund der politischen Lage, zu agieren, diese Chance zu nutzen. Ob es ihm gelungen ist und was vor allem auch aus der geplanten Disputation in Leipzig geworden ist, das werden wir in der nächsten Folge sehen, wenn es dann heißt "Der Weg nach Leipzig". Dann wird es um den April bis Juni 1519 gehen. Bis dahin wünschen wir Gott reichen Segen und hoffen, dass Sie bald wieder einschalten hier auf www.julmediatv.de, wenn es heißt "Sola Veritas - Die wahre Chronik der Reformation".


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