[0:00] Herzlich willkommen zur Cannstatt Study Hour. Wir haben jetzt das Quartal Nr. 2 von 2019 und wir sind jetzt bei der Lektion 10 und sie heißt kleine Problemzeiten. Und es ist immer wieder schön und erstaunlich über Familienzeiten, das Thema vom ganzen Viertel, nachzudenken und ich finde es sehr schön, dass der Autor diese Lektion sehr praktisch gehalten hat. Und so wollen wir auch, wenn wir jetzt das anschauen, nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch betrachten. Aber bevor wir in das Wort Gottes hineinschauen und das uns näher anschauen, darf ich euch bitten, mit mir gemeinsam zu beten. Himmlischer Vater, wir danken dir von ganzem Herzen. Wir danken dir, dass dein Wort uns für unser Leben viele wichtige Ratschläge gibt, dass du uns sagst und zeigst, wie Beziehungen gelingen können. Herr, wir bitten dich, dass du mit deinem heiligen Geist mitten unter uns bist, dass wir dein Wort verstehen, wenn wir es jetzt lesen und dass das, was wir auch jetzt hören, in die Tat umsetzen können. Sei du jetzt mitten unter uns. In Jesu Namen. Amen.
[1:18] Ja, kleine Problemzeiten. Beziehungen sind wichtig. Gott hat den Menschen geschaffen, Adam und Eva, damit sie untereinander in Beziehungen leben können. Und deshalb sind Beziehungen, und gerade in der engsten Auswahl, in der Familie, in der Ehe, ist die Beziehung am allerwichtigsten. Der Merktext von dieser Woche lautet nach Epheser 4, Vers 26: „Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Was das bedeutet und wie man das praktisch machen kann, das werden wir im Laufe des Themas gleich uns anschauen. Aber erst mal geht es generell um Beziehungen. Wir haben in dieser Woche fünf Abschnitte und die wollen wir uns auch in dieser Reihenfolge anschauen. Zuerst über das Thema Streit, dann zweitens einige Prinzipien für die Ehe, drittens welche Rolle Wut in einem Streit spielt. Streit, Missbrauch, Macht und Kontrolle Nummer vier und fünftens Vergebung und Friede.
[2:22] Kommen wir zum ersten Punkt, Streit. Wir haben dieses Mal auch sehr viele schöne Bibeltexte in unserer Bibelbetrachtung und ich möchte gerne einige von denen auch zitieren und mit euch lesen, weil die doch uns einiges mitgeben für unseren Weg und für unsere Betrachtungen des Themas. Matthäus 5, Vers 6 und 7 ist unser erster Vers vom Thema Streit. „Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen? Und siehe, ein Balken ist an deinem Auge. Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ Interessant ist, dieser Bibeltext wird oft dazu benutzt, um zu sagen, in der heutigen Zeit, wir dürfen gar nicht mehr irgendjemanden kritisieren. In der Postmodernen ist es so, dass man sagt, jeder kann leben, wie er will und jeder ist für seinen eigenen Lebensbereich verantwortlich und wir dürfen nicht mit dem anderen sagen, was er falsch macht, denn das, was wir denken, was er falsch macht, könnte ja in seinen Augen richtig sein und deshalb ist jegliche Einmischung verboten. Aber das sagt Jesus hier nicht. Natürlich sollen wir nicht gerade nur die Fehler des anderen sehen, weil es oftmals der Fall ist, wenn wir an einem bestimmten Punkt Probleme haben, wenn wir da Lieblingssünden haben, dass wir das bei anderen auch sehen und dass wir dann die anderen umso mehr kritisieren, um von unseren eigenen Fehlern abzulenken. Aber auf der anderen Seite sagt Jesus auch nicht, wir sollen gar nicht mehr kritisieren oder gar nicht mehr Fehler hinweisen, sondern er sagt, wir sollen zuerst unsere eigenen Fehler anschauen.
[4:00] Also bei einem Streit heißt das, wir sollen die Probleme nicht nicht ansprechen. Das heißt, wenn ich nie Probleme anspreche, dann kann es passieren, dass Beziehungen auch kaputt gehen, weil Probleme oder auch Fehlverhalten etwas zerstören kann. Zum Beispiel, wenn meine Frau ein neues Kleid gekauft hat und zieht das dann extra für mich an, weil sie freut, dass sie denkt, ich habe es gern und nach zehn Jahren sage ich ihr, aber das grüne Kleid, was du dann mal vor zehn Jahren gekauft hast, das gefällt mir gar nicht. Dann wird sie sagen: „Ja, Moment mal, warum hast du mir das nicht früher gesagt? Dann hätte ich das überhaupt nicht mehr angezogen für dich, aber ich habe das jetzt jahrelang angezogen, weil ich dachte, dir gefällt es und du sagst mir jetzt nach zehn Jahren, es gefällt dir nicht.“ Also von daher ist es immer gut, wenn man Dinge, die einem nicht gefallen oder Dinge, die schief laufen, wenn man sie möglichst schnell anspricht, um auch Klärungen herbeizuführen. Was Jesus hier mit dem Text meint, ist nicht, dass wir Fehler nicht mehr ansprechen dürfen, sondern dass wir erst die eigenen Fehler sehen sollen, abstellen sollen und dann die anderen ansprechen. Denn wir selbst haben immer mehr auf dem Kerbholz und wir werden selbst immer mehr schuldig als andere uns gegenüber. Deswegen hat Jesus auch den Vergleich, dass im eigenen Auge der Balken ist und im anderen Auge der Splitter ist. Natürlich, wenn jeder diesen Balken in seinem Auge hat, dann hat am Ende jeder einen Balken, aber von der subjektiven Wahrnehmung ist meine Schuld immer größer als die, wo andere an mir schuldig werden. Und hier ist es eben so, dass es gut ist, wenn wir erstmal uns selbst sehen, unsere eigene Problematik.
[5:42] Und das Problem ist natürlich dann, darf ich erst dann jemanden anderen ansprechen, wenn ich selbst keine Fehler mehr habe? Das ist auch nicht so gemeint. Denn irgendwo fehlerhaftig sind wir immer und deswegen sollen wir auch den anderen durchaus ansprechen auf seine Fehler, aber uns bewusst sein, dass unsere Fehler noch größer sind. Und vor allen Dingen, wenn wir kritisieren, nicht kritisieren aus dem Gedanken heraus, ich will dich mal niedermachen, sondern dass wir unsere eigene Fehlerhaftigkeit auch sehen. Ich kann kritisieren um des Kritisierens willen, damit ich selbst ein bisschen besser dastehe. Ich kann aber auch kritisieren, um dem anderen zu helfen. Das nennt man konstruktive Kritik, damit es ihm besser geht. Eine Frau sagte einmal zu ihrem Mann: „Ich liebe dich so wie du bist, aber ich bete dafür, dass Gott dich so verändert, wie er dich haben möchte.“ Das ist ein guter Grundsatz. Das heißt, wir können den anderen nicht verändern, denn wenn wir versuchen, den anderen zu verändern, dann wird er sich dagegen sperren. Aber wir können dafür beten. Wir können uns gegenseitig helfen, dass wir in unserem Charakter Jesu ähnlicher werden, dass wir geschliffen werden und dass wir liebevoller werden. Und vor allen Dingen, dass wir voneinander beten, dass Jesus uns verändert, dass wir so werden, wie Gott uns haben möchte und nicht wie wir uns selbst haben möchten oder wie der anderen haben möchten.
[7:08] Was kann ich aber tun, um Streit zu vermeiden? Erstens, Ich-Botschaften bringen. Oftmals sagt man im Streit: „Du bist, du bist eine Schlampe, du bist das und du hast schon wieder und alles machst du verkehrt.“ Und diese Du-Botschaften sind meistens sehr aggressiv und greifen den anderen an. Und was macht der andere dann? Er verteidigt sich natürlich oder er geht zum Gegenangriff über. Aber wenn ich eine Ich-Botschaft bringe, dann sage ich: „Es stört mich, dass das und das so passiert ist.“ In dem Moment rede ich davon, was das mit mir macht und dass ich mich da angegriffen oder gestört oder verletzt fühle. Und dann ist das mehr eine Aussage. Ich mache mich selbst auch verletzlich und ich provoziere nicht sofort einen Gegenangriff, sondern es ist die Möglichkeit, auf jeden Fall da eine Sache sachlich zu besprechen.
[7:51] Zweitens, dass wir versuchen, uns ineinander hineinzuversetzen. Oftmals sehen wir die Perspektiven nur von unserer Seite her und wir sind der Meinung, das muss so sein und so ist es richtig, wie wir das sehen. Aber wenn wir mal zuhören, ob was der andere mal zu sagen hat und uns einander hineinversetzen, dann merken wir auch, das gibt auch manchmal noch eine zweite Seite. Manchmal hat der andere auch einen anderen Hintergrund, vielleicht von seiner Vergangenheit her oder von seinen Gefühlen her. Es ist manchmal gut, auch den anderen anzuhören, warum das eine oder andere ihn stört oder er das anders sieht oder anders möchte. Das Hineinversetzen in der Antwort ist manchmal gar nicht so einfach. Dazu muss man ein Fingerspitzengefühl haben, da muss man auch mal nachfragen und mit dem anderen sich auseinandersetzen, auch gedanklich und auch verbal.
[8:30] Drittens, wir sollten mit positiven Dingen beginnen. In der Erziehung sagt man, wenn man einmal ein Kind kritisiert, sollte man davor für fünfmal ein Lob aussprechen. Warum? Damit das innere Gleichgewicht des Kindes wieder irgendwo wieder ins Reine kommt, weil eine Kritik ein Kind und natürlich auch einen Erwachsenen in seinem Selbstwert durchaus beeinträchtigt. Und deswegen brauchen wir auch Lob. Beim Lob wird unser Selbstwert wieder gehoben und Kritik wird unseren Selbstwert senken. Und deswegen, wenn wir kritisieren, dann ist es immer gut, wenn wir mit etwas Positivem beginnen, dass wir die Beziehung an sich erstmal als etwas Positives, etwas Stabiles, etwas Gutes darstellen. Es muss natürlich konkret und auch wahr sein, was man dann sagt. Und dann kann man sagen: „Hier ist aber etwas, wo ich ein Problem sehe. Hier sehe ich etwas, wo man die Beziehung verbessern könnte oder wo man etwas verändern könnte.“ Deswegen etwas Positives beginnen und wenn es geht natürlich auch mit etwas Positivem enden und dazwischen dann auch etwas sagen, was einen stört.
[9:39] Viertens, dass wir Lösungen suchen und nicht die Fehler. Das ist der Unterschied zwischen destruktiver Kritik und konstruktiver Kritik, dass wir also nicht nur darauf spezialisiert sind, was machen die anderen falsch, um ihn runterzumachen, um ihn zu kritisieren, sondern dass wir schauen, wo gibt es Lösungen dafür. Und das Beste ist nicht, dass wir gleich die Lösung präsentieren und sagen: „Hier hast du einen Fehler gemacht und das ist die Lösung, wenn du dich so verhältst oder wenn wir das so machen, dann ist alles in Ordnung.“ Das kommt meistens nicht so gut. Deswegen, man kann eine Sache mal darstellen, man kann den anderen dann mal darauf reagieren lassen, wie der andere das denn empfindet und sieht. Und die beste Frage, um eine Lösung zu finden, die lautet: „Was schlägst du vor?“ Was schlägst du vor, ist eine Frage, wo man dem anderen die Gelegenheit gibt, eine Lösung zu sagen. Vielleicht ist die Lösung des anderen ja eine viel bessere oder vielleicht hat er schon lange eine Lösung und ich habe sie nur noch nicht gewusst. Denn wenn jemand ein Fehlverhalten hat, dann ist seine eigene Lösung, das Problem zu lösen, meistens effektiver und besser als eine Lösung, die man von außen ihm vorschlägt. Natürlich, manchmal kann es sein, dass er die Lösung gar nicht sieht und man muss ihm von außen eine vorschlagen und ihm eine sagen. Aber wenn er selber eine hat, umso besser.
[11:10] Fünftens, aktiv zuhören. Wenn ich mich in den anderen hineinversetzen soll, dann sollte ich auch aktiv zuhören. Aktiv zuhören heißt, dass ich, während der andere redet, während der andere seine Argumente bringt und seine Sichtweise, dass ich nicht dann schon meine Argumente mir zurechtlege und dann vielleicht sogar ihn noch unterbreche, um dann meine Sicht der Dinge dann klarzumachen, sondern dass ich aktiv zuhöre, dass ich ihn anschaue, dass ich ihm zunicke oder ihm zeige, dass ich ihm zuhöre, dass ich vielleicht manchmal etwas spiegele und ihm etwas zeige, dass ich das, was er sagt, dass ich das ernst nehme, auf jeden Fall. Und da gibt es eine gute Übung dazu, eine Kommunikationsübung. Die mache ich meistens mit Ehepaaren, entweder wenn sie in der Seelsorge zu mir kommen oder auch in der Ehevorbereitung für eine Hochzeit. Und die sieht folgendermaßen aus: Dann sage ich zu ihnen: „Lasst uns mal über ein Thema diskutieren, wo ihr letztens mal in einen Streit gekommen seid.“ Und dann darf der eine Partner anfangen, meistens lasse ich die Frau anfangen, dass sie die Sache von ihrer Sicht nochmal schildert. Dann muss der Mann, wenn sie fertig ist, sie sollte nicht zu lange reden, vielleicht so drei, vier Sätze. Dann, wenn sie fertig ist, sollte der Mann das, was die Frau gesagt hat, wiederholen mit seinen eigenen Worten. Wenn er das richtig gemacht hat, sagt die Frau: „Ja, ist richtig.“ Und dann darf er selbst weiter argumentieren. Wenn er es nicht richtig gemacht hat, dann sagt die Frau: „Nein, nein, das habe ich so und so gemeint.“ Und dann muss er das nochmal wiedergeben, spiegeln. Und dann muss die Frau nochmal sagen: „Ja, okay.“ Und wenn sie das okay gegeben hat, dann darf er seine Sicht der Dinge. Und wenn er dann sein Argument gebracht hat, dann muss sie erst das wiederholen, was er gesagt hat, mit ihren eigenen Worten. Er sagt dann: „Okay, dann ist gut.“ Oder er sagt: „Nein, habe ich anders gemeint.“ Dann muss sie nochmal das wiederholen, so lange, bis er sagt: „Ja, so war es richtig.“ Und dann ist sie wieder dran. Und dann geht das hin und her. Und natürlich ist das leicht, wenn ein Schiedsrichter dabei ist. Ich war der Schiedsrichter. Und wenn sie das nicht gewohnt sind, dann werden sie, wenn der eine anfängt zu argumentieren, sofort sagen: „Aber so und so.“ Und dann muss man als Schiedsrichter sofort sagen: „Stopp, du bist jetzt nicht dran, du musst erst wiederholen.“ Aber diese Übung, die zeigt und die hilft, aktiv zuzuhören. Was hat der andere eigentlich gesagt? Und auch das zum Ausdruck zu bringen. Und auch, dass der andere den Eindruck hat: „Mein Partner versteht mich.“ Ich erinnere mich an einen Fall, wo ich das mit einem Ehepaar gemacht hatte. Und die haben über eine Sache diskutiert, die eigentlich eine Kleinigkeit war. Aber das war gerade ein paar Tage vorher, das war so ihr Streit. Und dann sagte sie, nach dieser Übung, habe ich sie gefragt: „Wie ist es euch ergangen?“ Und dann sagte sie: „Zum ersten Mal seit zehn Jahren habe ich den Eindruck, dass mein Mann mir wirklich zugehört hat.“ Vielleicht hat er vorher euch auch schon zugehört gehabt, aber sie hat den Eindruck gehabt, er hat mir zugehört. Nur allein durch diese Kommunikationsübung, dass er das wiederholt hat, was sie gesagt hat. Und es ist egal, welche Lösung man am Ende findet. Aber wenn ich den Eindruck habe, mein Partner hört mir zu und er nimmt mich ernst, das ist schon mal das Wichtigste. Und die Lösung, die ist immer noch wichtig, die man dann auch hinterher findet.
[14:17] Und manchmal kommt Streit auch, wenn man irgendwo eine Entscheidung treffen muss. Wo fahren wir in Urlaub? Der eine will in die Berge, der andere an den Strand und so weiter. Und da empfehle ich, wenn man eine Entscheidung treffen will, dass man eine Liste anfertigt. Dass man sich zusammenhinsetzt und dass man dann sagt: „Okay, wenn wir uns für das eine entscheiden, welche Vorteile hat das? Welche Nachteile hat das?“ Denn jede Entscheidung hat Vor- und Nachteile. Wenn wir uns für das andere entscheiden, welche Vorteile hätte das? Welche Nachteile hätte das? Wenn es noch eine dritte Möglichkeit gibt, kann man es auch noch aufschreiben. Und dann kann man überlegen, welche von diesen Punkten, die wir aufgeschrieben haben, sind uns wichtig? Und welche sind uns wichtiger als die anderen? Und dann kann man versuchen, ein bisschen zu gewichten und noch vielleicht noch darüber schlafen, noch mal zu überlegen und zu beten. Und dann kann man dadurch leichter Entscheidungen treffen, wenn man so eine Liste anfertigt, gerade bei größeren Entscheidungen. Ja, deswegen Streit vermeiden ist wichtig.
[15:11] Kommen wir zum nächsten Abschnitt. Einige Prinzipien für die Ehe. Da könnte man jetzt eine ganze Stunde drüber reden oder mehrere Stunden drüber reden. Ich habe jetzt mal die Prinzipien, die wir hier in der Lektion drin haben, mal aufgeführt und noch so ein bisschen erweitert und ergänzt. In der Phase 1, Vers 7 heißt es: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.“ Das ist die Grundlage unserer Erlösung, die Grundlage des Lebens mit Gott, dass Gott uns vergibt, weil wir immer wieder schuldig werden. Ohne Vergebung könnten wir nicht leben und auch nicht erlöst werden. Und das gilt nicht nur für unsere Beziehung zu Gott, für unsere Erlösung. Das gilt auch für unser tägliches Leben. Denn wir sind Menschen, die auch fehlerhaft sind, die Vergebung brauchen. Und deswegen ist Vergebung so wichtig. Denn Sünde ist eigentlich etwas, was die Beziehung stört, was Beziehungen zerbricht. Weil der Egoismus ist eigentlich die Ursünde. Und der Egoismus führt zu sündigem Verhalten. Und Egoismus heißt, dass ich nur für mich denke und nur auf mich schaue, während Beziehungen davon leben, dass ich den anderen höher achte als mich selbst, dass ich dem anderen diene, dass ich den anderen glücklich machen möchte. Und deshalb ist Sünde, ist Egoismus etwas, was Beziehungen sehr schwer macht und zerbricht. Deswegen ist es so, je mehr zwei Menschen mit Gott leben, je mehr sie selbstlos leben, die selbstlose Liebe Gottes im Herzen haben, desto leichter gelingen Beziehungen. Und deswegen sage ich immer als allererstes, wenn ich Seelsorge habe, sage ich immer zuerst: „Wenn ihr jeder für euch, Jesus näher kommt, wenn ihr mehr von Gottes Geist erfüllt seid, dann wird eure Beziehung automatisch besser werden, weil ihr mehr Liebe für den anderen im Herzen habt, die göttliche Liebe, die Gott euch ins Herz schenkt.“ Aber ohne Vergebung keine Beziehung. Deswegen, weil wir schuldig werden aneinander, brauchen wir Vergebung. Und Vergebung, weil wir den anderen enttäuschen, weil wir enttäuscht werden. Und wer nicht vergebungsbereit ist, ist nicht beziehungsfähig. Deswegen dem anderen zu vergeben und auch selbst in Vergebung zu bitten, das sind ganz wichtige Dinge. Jeder Mensch braucht Vergebung. Uns wichtig ist, dass ich mich entscheide zu vergeben. Manchmal sagt mein Herz: „Ich kann nicht vergeben“, aber dass ich sage: „Nein, ich möchte vergeben.“ Wie das funktioniert und wie das geht, werden wir dann nachher anschauen. Am letzten Punkt wird es nochmal um das Thema Vergebung gehen, wo wir es ein bisschen ausführlicher dann betrachten.
[17:39] Ja, nächstes Prinzip für die Ehe finden wir in Römer 3, Vers 23. Nach der Schlachterübersetzung habe ich das hier übersetzt, hier ausgedruckt. „Denn alle haben gesündigt und verfehlen die Herrlichkeit, die sie vor Gott haben sollten.“ Luther übersetzt hiermit: „Sie sind allesamt Sünder.“ Und dieses Wort Sünder, das steht eigentlich im Grundtext nicht da. Denn die Gläubigen werden in der Bibel niemals Sünder genannt. Die Gläubigen sind Heilige, auch wenn sie noch sündigen, aber sie sind zu Gott gehörig. Und Sünder ist jemand, der von Gott getrennt ist. Wir sind Heilige, die zwar auch sündigen, aber vom Zustand her sind wir Heilige. Deswegen ist die Übersetzung: „Wir haben gesündigt“, das ist besser. Das bedeutet, weil wir gesündigt haben, brauchen wir auch alle Vergebung. Und deswegen ist es so wichtig, dass wir uns selbst und den anderen annehmen können. Die Selbstannahme ist ganz wichtig und auch die Annahme des Anderen, des Partners mit seinen Fehlern. Weil wir alle gesündigt haben und auch alle diese Sünde in uns haben und den Hang zur Sünde in uns haben und auch Charakterfehler haben, ist es so, dass es wichtig ist, dass wir unseren Partner lieben und nicht nur die Schokoladenseiten des Partners lieben, sondern dass wir ihn als ganze Person mit allen Fehlern, mit allem Drum und Dran lieben. Und wenn wir das tun, dann wird es so sein, dass wir, wenn er auch mal Fehler macht, dass wir damit großzügiger umgehen können, als wenn wir nur sagen: „Das eine ja und das andere darf nicht sein.“ Und von daher ist diese Grundannahme wichtig. Und natürlich auch von mir selbst. Wenn ich mich selbst nicht annehmen kann, dann fällt es mir sehr schwer, den anderen anzunehmen. Aber wie kann ich mich annehmen? Wenn ich mir vorstelle, dass Gott mich annimmt, so wie ich bin, wenn ich zu ihm komme, mit meiner Sündhaftigkeit, mit meinen Fehlern, mit allem, was ich habe, zu Gott komme, dann nimmt Gott mich an, wie ich bin. Natürlich wird er mich verändern, dass ich ihm ähnlicher werde. Aber durch die Annahme bei Gott darf ich einen Frieden und eine Geborgenheit in ihm haben. Und das führt dazu, dass ich mich auch selbst annehmen kann. Mit meinen Fehlern, mit meinen Schwächen, mit allem, wer ich bin und wie ich bin, mit meinen Stärken und Schwächen und mit meinen Fähigkeiten und auch mit den Dingen, die ich nicht kann. Deshalb die Selbstannahme und die Annahme des anderen sind die Grundlagen einer Beziehung überhaupt für die Ehe. Je stärker diese Annahme ist, Selbstannahme und andere, desto enger ist die Beziehung und desto tiefer ist sie.
[20:05] Wenn zwei junge Leute heiraten, haben sie manchmal so ein Bild von einem Traummann und einer Traumfrau, wie auf dem Bild, was wir hier sehen. Wir heiraten aber nicht das Bild, wir heiraten nicht einen Traummann oder die Traumfrau. Denn diese Traumfrau und diesen Traummann, die gibt es nicht. In unserem Kopf gibt es die vielleicht, aber nicht in Wirklichkeit. Und wenn ich mir sage, ich heirate nur jemanden, der genau dem entspricht, dann werden wir nie heiraten. Denn wenn wir ihn gefunden hätten, dann würde er uns nicht mehr heiraten, weil er ja auch einen Traummann, eine Traumfrau sucht und ich bin vielleicht nicht dieser Traummann, dieser Traumfrau. Deswegen würde er mich dann nicht heiraten. Von daher muss man manchmal, wenn man sich einen Ehepartner sucht, muss man manchmal Abstriche machen. Natürlich gibt es Prinzipien, die wichtig sind, aber man kann nicht sagen, es muss alles nur so sein, wie ich mir das vorstelle. Deswegen das Wichtigste ist, nicht den idealen Partner zu finden, sondern der ideale Partner zu sein. Denn je mehr ich Jesu Liebe widerspiegle, je mehr ich beziehungsfähig bin und auch für andere mich hineinversetzen kann und mitfühlend sein kann, desto mehr fühlt sich der andere meiner Gegenwart wohl und desto besser können Beziehungen gelingen. Ja, das ist der nächste Punkt gewesen. Das, weil wir alle Sünder sind, dass die Annahme des anderen wichtig ist.
[21:30] Ein wichtiges weiteres Prinzip finden wir in Philipper 2, Verse 4 bis 8, was wir auch in unserer Lektion erwähnt haben. „Jeder schaue nicht auf das Seine, sondern jeder auf das des Anderen, denn ihr sollt so gesinnt sein, wie es Jesus Christus auch war. Der, als er in der Gestalt Gottes war, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen. Und in seiner äußeren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.“ Hier ist uns Jesu Vorbild dargestellt, dass Jesus vom höchsten Punkt, Gott, Herr des Universums, sich herabließ, Mensch wurde, nicht nur Mensch, sondern auch Knecht, er hat anderen gedient und bis zum Tod am Kreuz. Das war also ein maximaler Niedergang, eine maximale Erniedrigung Jesu. Und das soll für uns auch ein Vorbild sein, dass auch wir uns selbst erniedrigen. Und selbst erniedrigen heißt, dass wir auch mal den unteren Weg gehen, dass wir nicht immer nur herrschen wollen, nicht immer nur bestimmen wollen, sondern dass wir auch mal überlegen: „Na, vielleicht können wir auch mal so machen, wie der Andere das möchte, ohne dass uns jetzt ein Zacken aus der Krone fällt.“ Wir müssen uns nicht immer durchsetzen, nicht immer recht haben. Ich kann auch mal aus Liebe zum Anderen etwas tun, was der Andere gerne möchte und was mir nicht so viel Spaß macht, aber es wird mir dann irgendwann doch Spaß machen, weil ich es aus Liebe zum Anderen tue. Wenn ich sehe, wie der Andere das freut, dann wird es auch wieder in meinem Herzen Freude hervorbringen. Das heißt, es ist gut, auch mal nachzugeben. Auch mal, wenn es einen Streit gibt, auch mal zu sagen: „Gut, ich gebe nach.“ Und auch, das fällt umso leichter, je mehr wir selbstlos sind. Je mehr wir unser eigenes Ego im Mittelpunkt haben, desto mehr werden wir versuchen, werden wir versuchen, uns auf Kosten des Anderen durchzusetzen. Aber wenn ich eine selbstlose Liebe im Herzen habe, dann werde ich überlegen: „Ja, was dient dir und was dient mir? Was ist für uns beide gut?“ Manchmal ist es gut, dass man mal auch das tut, was der Andere sagt. Es ist nicht gut, wenn immer nur einer sich durchsetzt. Wenn einer immer nur nachgibt und der Andere sich immer durchsetzt, ist das nicht gut. Denn es ist nämlich so, dass dann irgendwann die Gefahr besteht, dass der, der sich immer nur zurückzieht, dass er irgendwann seine Persönlichkeit irgendwo verloren geht, dass er sich ganz aufgibt. Deswegen ist es gut, wenn mal der eine und mal der Andere sich durchsetzt oder manchmal auch mal ein Kompromiss schließt, wo man sagt: „Okay, wo kann man sich auf der Mitte treffen, wo am Ende beide mit leben können.“
[24:03] Und was wichtig ist, wenn störendes Verhalten auftritt, wenn also jemand sich falsch oder negativ verhält, was die Beziehung wirklich belastet und zerstört, dass man dann sich assertiv verhält. Was heißt das? Es gibt prinzipiell so gesehen drei Möglichkeiten, wenn Probleme da sind, sich zu verhalten. Entweder ich kann mich aggressiv verhalten, dass ich den Anderen angreife. Ich kann mich passiv verhalten, indem ich mich zurückziehe und mich mehr selbst, auf mich selbst in mich hineinfresse, oder assertiv. Das heißt, dass ich versuche, das konstruktiv zu lösen. Ich habe hier mal eine Tabelle, die ich euch zeigen möchte. Zwischen passiven, assertiven und aggressiven Verhalten. Auf der linken Seite haben wir alles, was passiv ist. Auf der rechten Seite alle, was aggressiv ist. Und jetzt schauen wir uns das mal so der Reihe nach an, was jetzt hier so assertives Verhalten bedeuten würde. Passiv heißt, ich ignoriere das Problem. Aggressiv heißt, ich greife den Anderen an. Assertiv heißt, ich konfrontiere den Anderen damit. Ich zeige ihm rein sachlich, wo ein Problem da ist, das da ist überhaupt. Passiv heißt, ich wünsche, das wäre anders. Aggressiv heißt, ich übe Druck aus auf den Anderen, dass er sein Verhalten ändert. Assertiv heißt, ich ergreife die Initiative. Nicht, dass ich Druck mache, aber dass ich sage: „Hör mal zu, hier gibt es ein Problem, was können wir tun?“ Passiv heißt, ich bin nett. Aggressiv heißt, ich habe verbale Aggressionen oder auch vielleicht sogar tätliche Aggressionen. Und Assertiv heißt, ich bin ehrlich. Ich bin ehrlich, indem ich sage: „Es stört mich, es tut mir weh.“ Ehrlich sein. Passiv heißt, ich ziehe mich zurück. Aggressiv heißt, ich kritisiere den Anderen. Assertiv heißt, ich gehe auf Distanz. Nur zu dem, was der Andere tut, nicht zu der Person des Anderen. Passiv heißt, ich passe mich an. Aggressiv heißt, ich konkurriere. Ich versuche, mich durchzusetzen. Assertiv heißt, ich spreche meine Erwartungen aus, dass ich sage: „Ich wünschte, dass wir es so und so machen könnten.“ Oder ich wünschte, dass das so und so geregelt werden könnte. Passiv heißt, ich versuche zu vermeiden, unter allen Umständen. Aggressiv heißt, ich kämpfe um die Macht. Assertiv heißt, ich setze Grenzen. Ich sage: „Hier ist eine Grenze überschritten. Das ist für mich nicht möglich, nicht akzeptabel.“ Deswegen müssen wir eine Lösung zu finden, dass die Grenze nicht überschritten wird. Passiv heißt, ich klatsche drüber. Ich sage: „Der und der hat das und das gemacht und ich weiß nicht. Und ja.“ Aggressiv heißt, ich versuche zu kontrollieren den Anderen. Assertiv heißt, ich spreche mit der betreffenden Person selbst, um die Sachen zu lösen. Passiv heißt, ich gehe in die Selbstverleugnung. Das heißt, ich sage: „Ich bin es nicht wert und wahrscheinlich habe ich es verdient und so weiter.“ Ja. Aggressiv heißt, ich weise den Anderen zurück. Assertiv heißt, ich versuche auf Gegenseitigkeit es aufzubauen. Das heißt, dass wir beide davon profitieren am Ende, dass wir eine Lösung finden, die für beide recht ist. Passiv heißt, eine Selbstverletzung. Ich verletze mich selbst, indem ich das nicht angehe und dadurch selbst immer wieder verletzt werde. Aggressiv heißt, ich verletze den Anderen, um ihm jetzt zurückzuzahlen, was er mir gemacht hat. Assertiv heißt, ich wende mich dem Anderen zu. Das heißt, dass ich versuche, eine konstruktive, positive Lösung zu finden. Dieses assertive Verhalten ist etwas, was wir mehr und mehr lernen müssen. Das müssen wir als Kinder schon lernen, dass wir überlegen, wie können wir mit Problemen, mit Schulkameraden, mit einer Familie damit umgehen. Natürlich, so wie die Eltern das machen, so können das auch die Kinder lernen. Natürlich ist es so, wenn ich mir assertiv verhalte, dass nicht immer jedes Problem gelöst wird dadurch. Aber ich habe die Chance, eine Brücke zu bauen, dass Beziehungsprobleme gelöst werden können. Und wenn der Andere das sieht und annimmt und die Brücke auch nutzt, dann kann es auch eine positive Veränderung geben. Deswegen, assertives Verhalten ist etwas, was wir lernen sollten, was uns gut tut, was Beziehungen gut tut.
[28:04] Jetzt kommt Punkt Nummer drei. Welche Rolle Wut in einem Streit spielt? Epheser 4, Vers 26: „Zürnt ihr, so sündigt nicht. Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.“ Was wir hier sehen können, ist die Frage, die viele sich stellen: Ist Ärger, ist Zorn, ist Wut Sünde? Ja oder nein? Wenn ich diese Frage stelle, wenn ich so ein Vergebungsseminar habe, dann sagen einige ja, einige sagen nein. Das ist eine geteilte Meinung. Aber wenn wir den Text hier uns anschauen von Paulus in Epheser 4, dann sagt er: „Zürnt ihr, so sündigt nicht.“ Er sagt also nicht, wenn ihr zürnt, sündigt ihr automatisch, denn der Zorn ist schon die Sünde, sondern er sagt: „Wenn ihr zürnt, dann passt auf, dass ihr nicht sündigt.“ Was will er damit sagen? Erstens, die Wut, der Ärger, der Zorn an sich ist nicht Sünde. Warum nicht? Jesus war auch mal ärgerlich, oder? Als er die Händler aus dem Tempel getrieben hat, war er mal ärgerlich. Gefühle an sich sind keine Sünde. Gefühle sind nicht das, wo wir sagen, ich muss mich schlecht fühlen, ich muss mich sündig fühlen, weil ich die und die Gefühle habe. Gefühle zeigen nur an, dass etwas nicht stimmt, negative Gefühle. Wenn ich ärgerlich bin, dann merke ich, irgendwas ist falsch gelaufen. Und Jesus hat sich auch geärgert, aber er hat den Ärger nicht in Wut ausgelassen, dass er jetzt wütend geworden ist, in dem Sinne, dass er jetzt geschrien hat oder handgreiflich geworden ist. Das heißt, die Wut an sich, der Ärger an sich ist keine Sünde. Aber er führt oft bei Menschen zu sündigem Verhalten, indem wir schreien, indem wir andere unter Druck setzen, indem wir schlagen, indem wir die Kontrolle verlieren über uns selbst. Natürlich, Ärger kann zur Sünde werden, wenn wir diese ärgerlichen Gefühle in uns kultivieren, wenn wir sie stärken und wenn wir sie immer mehr aufputschen. Dann ist das nicht gut, nicht in Ordnung. Deswegen ist die Frage, wie können wir damit Ärger umgehen? Welche Funktion hat Ärger überhaupt? Wofür ist Ärger da? Und zwar, Ärger ist nicht falsch. Er teilt uns unter Umständen etwas Nützliches mit.
[30:19] Wie diese Bank, die wir hier sehen. Wenn ich eine lange Wanderung mache und jetzt komme ich an so einer Bank vorbei und ich wollte mich gerade hinsetzen, weil ich müde bin vom Laufen und jetzt sehe ich diese Bank. Und ich ärgere mich. Worüber ärgere ich mich? Ich ärgere mich, dass irgendjemand die Bank zerstört hat. Oder ich ärgere mich über die Stadt vielleicht, die die Bank noch nicht repariert hat. Ich kann mich ärgern über das morsche Holz, das schon so lange dort ist und morsch geworden ist und jemand sich draufgesetzt hat und kaputt gegangen ist. Also ich kann mich über jedes und alles ärgern. Aber der Ärger über diese kaputte Bank sagt mir erst mal, es ist etwas nicht in Ordnung. Es stimmt etwas nicht. Die Bank sollte, eigentlich ihre Funktion ist, dass man sich draufsetzen kann, aber sie erfüllt ihren Zweck nicht. Sie ist kaputt. Das Problem ist nur, dass Menschen sich meist mehr aufregen als nötig und dass sie länger ärgerlich bleiben, als es gut für sie ist. Das heißt also, wenn ich meinem Ärger zu hoch gehe, das tut nicht gut. Mein Blutdruck tut es nicht gut. Mir selbst tut es nicht gut. Und wenn ich länger ärgerlich bleibe, als es gut ist, tut es mir auch nicht gut. Also wenn mir jemand die Vorfahrt nimmt beim Autofahren und ich noch drei Stunden später oder den ganzen Tag noch missgestimmt bin, nur weil mir jemand die Vorfahrt genommen hat, dann ist das nicht gut. Weil bei jeder Kleinigkeit, wo jemand etwas tut, was mir nicht gefällt, wenn ich dann gleich den ganzen Tag über missgestimmt bin, dann werde ich ja niemals fröhlich werden, weil es immer etwas gibt, was mich enttäuscht. Deswegen ärgerlich sein ist durchaus etwas Normales. Aber wir müssen aufpassen, dass der Ärger uns nicht bestimmt, dass er nicht stärker ist, als es eigentlich gut ist und dass er auch nicht länger andauert, als es gut ist.
[32:09] Und wir können unser Ärger kontrollieren. Warum? Unsere Gefühle sind immer ein Ausdruck unserer Gedanken. Zum Beispiel, wenn ich an dieser Bank vorbeigehe und ich denke jetzt: „Naja, okay, ich weiß, in 500 Metern ist die nächste Bank, dann spielt es keine Rolle, wenn sie jetzt kaputt ist, ich kann mich auf die nächste setzen.“ Also in dem Moment, wo ich andere Gedanken habe, wird mein Ärger über diese kaputte Bank sofort verschwinden oder kleiner werden auf jeden Fall. Von daher, so wie wir denken, so fühlen wir. Natürlich sind die Gefühle nicht so, dass es sofort sich ändert, sondern das ist mehr wie ein Gummiband, was sich dann hinterherkommt. Aber wenn ich deswegen positive Gedanken habe, werden auch meine Gefühle positiver werden. Das heißt, Ärger zeigt an, dass etwas nicht stimmt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Und auch in einer Beziehung, wenn wir uns ärgern, dann zeigt es an, es ist etwas nicht in Ordnung. Und dann muss ich überlegen, warum ärgere ich mich jetzt? Was ist der Grund meines Ärgers? Und wie kann ich jetzt, was kann ich tun? Wie kann ich jetzt diesen Ärger überwinden? Wie kann ich jetzt das Problem lösen, was jetzt durch den Ärger, was da ist?
[33:10] Was tun mit Ärger? Was ist jetzt gut? Sollte ich Ärger herunterschrauben? Sollte ich Ärger ausleben? Manchmal ist es aber so, je mehr wir Ärger aus- und Wut ausleben, desto größer wird es. Das ist auch nicht gut. Verarbeiten, das ist natürlich gut. Ärger verarbeiten. Wie tue ich das? Schauen wir uns gleich ein bisschen an. Ärger ausdrücken ist auch gut, dass ich sage, was mich ärgert. Vergeben, natürlich ist es wichtig. Manchmal kann Ärger am schnellsten verschwinden, wenn ich demjenigen, über den ich mich ärgere, wenn ich ihm im selben Moment auch vergebe. Wie das geht, gucken wir uns gleich ein bisschen genauer an. Sich töten lassen, das ist natürlich nicht gut. Denn wenn ich Ärger behalte, wenn ich mich daran sonne, wenn ich sage, ich habe das Recht, mich jetzt zu ärgern, dann kann das mich soweit führen, dass ich gesundheitlich zugrunde gehe und dass ich dadurch mein Leben beeinträchtigt ist oder ich sogar sterbe durch den Ärger, weil der Ärger auch irgendwann meinen Körper zerstören wird. Der Ärger sollte dazu führen, dass ich mich mit dem Grund des Ärgers auseinandersetze.
[34:09] Guter Umgang mit Ärger. Er führt zur Auseinandersetzung mit dem Grund der Verärgerung. Er sucht Klärung von Zielen und Hindernissen. Und er steigert das Ich und steigert den Selbstwert. Er zielt nach Lösungen, die für alle Seiten vorteilhaft sind. Wenn ich mich ärgere und ich die Selbstkontrolle verliere, dann wird dann normalerweise mein eigenes Ich, mein Selbstwert gesenkt, runtergedrückt, weil ich sage: „Ich habe mich schon wieder nicht im Griff gehabt und ich habe schon wieder das und das gemacht.“ Wenn ich aber Ärger habe und ich dann das Problem angehe und ich merke, ich kann es ansprechen und es wird dann irgendwann gelöst, dann merke ich, durch den positiven Umgang mit dem Ärger bin ich sogar ein Stückchen weitergekommen. Ist ein Problem, was da war, gelöst worden. Und das stärkt meinen Selbstwert und mein eigenes Ich, dass ich merke, ich kann das kontrollieren und der Ärger hat sogar eine positive Funktion in meinem Leben. Nicht, dass ich aus der Kontrolle gerate, sondern dass ich Dinge so regeln kann, wie es gut für mein Leben ist. Und dann merke ich, dass der Ärger sogar dazugehört zum Leben, dass er ein positiver Bestandteil des Lebens ist und nicht Beziehungen zerstören muss. Deswegen ein Grundsatz: Ärger angemessen auszudrücken, hilft uns, Grenzen zu setzen und hält andere davon ab, mich zu überrennen. Denn wenn der andere mich verletzt und ich nichts sage und nichts tue, dann wird er mich irgendwann überrennen und der andere merkt das vielleicht gar nicht. Aber wenn ich mich ärgere und das dann dem anderen sage: „Hör mal zu, hier ist eine Grenze und die Grenze hast du überschritten und das ist nicht gut“, dann kann ich diesen Ärger konstruktiv einsetzen.
[35:55] Gut, das waren die ersten drei Punkte. Der vierte Punkt unserer heutigen Bibelbetrachtung lautet: Streit, Missbrauch, Macht und Kontrolle. Das ist wieder ein ganz, ganz großer Bereich, wo ich nur einige Dinge kurz antippen möchte, die wichtig sind, die für unser Leben wichtig sind. Johannes sagt in 1. Johannes 4, Verse 7 und 8: „Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben, denn die Liebe ist von Gott. Und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht, denn Gott ist Liebe.“ Ein ganz wichtiger Grundsatz. Gott ist Liebe und je mehr wir mit Gott verbunden sind, desto mehr werden wir auch einander lieben, einander Gutes tun und auch den anderen über seine Fehler hinwegsehen können und auch uns so verhalten, dass es dem anderen nützlich ist, dass der andere dadurch aufgebaut wird, dass es dem anderen hilft in seinem persönlichen Leben. Missbrauch, Macht und Kontrolle sind schädlich, denn hier versucht man, sich selbst, seine eigene Persönlichkeit auf Kosten des anderen durchzusetzen. Und das kann schon an kleinen Dingen anfangen. Das ist in Punkten, wo es gar nicht sein muss, dass ich die Meinung des anderen vollkommen überfahre und nur sage: „Du musst alles tun und sagen und was ich jetzt will und was ich sage“ und dass man nur seine eigenen Triebe und Bedürfnisse sieht und den anderen überhaupt nicht anderen fragt, was der andere will. Und das ist etwas, das fängt eigentlich an, dass man Macht ausüben will, dass man versucht, den anderen zu kontrollieren und das geht dann hin im Ende soweit bis zum Missbrauch. Oftmals, wenn es bis zum Missbrauch kommt oder zur starken Kontrolle des anderen, sind das Persönlichkeitsstörungen. Wenn jemand einen sehr geringen Selbstwert hat, ist das oftmals daran sichtbar, dass er versucht, andere zu kontrollieren, sich über anderen wegzusetzen, weil er dann denkt: „Jetzt habe ich Macht über die anderen. Wenn ich über andere Macht habe, dann bin ich ein bisschen mehr wert.“ Aber wenn jemand einen starken Selbstwert hat, dann braucht er nicht, andere zu manipulieren und andere zu kontrollieren. Jesus hat einen sehr starken Selbstwert gehabt und er hat niemals andere manipuliert oder kontrolliert oder missbraucht. Er hat sie versucht, zum Positiven zu führen und hat sie versucht, für Gott zu gewinnen, aber nicht durch Manipulation und durch Missbrauch. Deswegen ist es wichtig, dass wenn wir uns selbst annehmen können, wenn wir uns selbst lieben können, wenn wir die Liebe von Gott ins Herz bekommen für den anderen, dann können wir auch den anderen selbstlos lieben. Und wenn der andere selbstlos liebt, würde niemals ihn kontrollieren oder missbrauchen wollen. Deswegen Missbrauch ist das Gegenteil von selbstloser Liebe. Und deswegen sollten wir nicht so sehr darüber nachdenken, wie kann ich Missbrauch verhindern, sondern wie kann ich die selbstlose Liebe mehr entwickeln. Denn je mehr ich über das Positive nachdenke, über die göttliche Liebe in meinem Herzen, desto mehr kann ich mich in diese Richtung verändern. Denn durch Anschauen werden wir verwandelt.
[39:03] In der Lektion Seite 122 haben wir ein sehr schönes Zitat, was ich unbedingt hier wiedergeben möchte, weil es wichtig ist. Da heißt es: „Eine gesunde Beziehung ist dann gegeben, wenn sich beide Partner geschützt und sicher fühlen, wenn mit Wut auf gesunde Weise umgegangen wird und wenn es die Norm ist, einander zu dienen.“ Das ist ganz wichtig. Hier steht nicht, dass einer sich wohl fühlt, dass einer sich geborgen fühlt, dass einer sich als Pascha fühlt, sondern da steht, dass beide sich geschützt und sicher fühlen in der Beziehung. Und da kann man mal drüber sprechen. Wenn du nicht weißt, ob dein Partner sich geschützt und sicher fühlt in deiner Gegenwart, dann frag ihn mal. Wenn man mit Wut auf gesunde Weise umgeht, wie wir es eben erklärt haben, dass die Wut zu konstruktiven Problemlösungen führt und dass es die Norm ist, aneinander zu dienen, dass jeder dem anderen dient. Wenn der eine dem anderen nur immer dient, dann ist das einseitig und nicht gut. Es geht von beiden Seiten her, dass man von beiden Seiten dient. Natürlich, wenn der eine anfängt zu dienen, dann wird irgendwann der andere auch bereit sein zu dienen und sich immer unterzuordnen. Aber es ist wichtig, diese Grundlage zu haben. Deswegen, je näher jeder Partner bei Jesus ist, desto näher werden sie sich gegenseitig sein. Das ist wie bei einer Radnarbe, bei Speichen. Wenn man so ein Rad hat und da sind viele Speichen, die gehen zur Mitte alle und je näher jeder Punkt zur Mitte kommt, desto näher ist man sich gegenseitig. Und wenn man sich jetzt vorstellt, die Mitte ist Jesus und je näher wir der Mitte kommen, Jesus kommen, desto näher werden wir uns auch gegenseitig kommen. Und das ist ein Prinzip, was einfach ein Grundgesetz der Liebe ist und der Beziehungen ist.
[41:00] Ja, natürlich, wenn Missbrauch vorliegt, dann ist das etwas besonders Schlimmes, vor allen Dingen bei größerem, bei sexuellem Missbrauch. Und oftmals ist es so, dass die Opfer sich schuldig fühlen, dass die Opfer denken: „Ich bin schuld, dass das so passiert ist.“ Obwohl sie irgendwo einen Charme haben, merken, das war nicht in Ordnung, das war nicht gut. Aber die Opfer, gerade wenn es Kinder sind, sind vollkommen überfordert. Deswegen ist bei Missbrauch, bei sexuellem Missbrauch und bei stärkerem Missbrauch fast immer Hilfe von außen notwendig, um die Sachen zu lösen und oftmals auch sogar rechtliche Schritte notwendig.
[41:34] Seite 122 steht ein wichtiger Satz in unserer Lektion, da heißt es: „Missbrauchstäter sind für ihre Entscheidungen und Taten selbst verantwortlich.“ Das ist ganz, ganz wichtig. Ich kann nicht sagen: „Ja, der andere hat mich provoziert und der andere hat doch und der hat auch...“ Nein, wenn ich Missbrauch betrieben habe, wenn Missbrauch vorliegt, dann ist der Täter voll und ganz für seine Tat verantwortlich. Es ist seine Entscheidung, ob er das tut oder nicht tut. Deswegen ist hier keine Entschuldigung da. Wichtig ist natürlich die Vergebung, sprechen wir gleich ein bisschen mehr darüber, dass man, wenn man frei werden darf von, wenn man Opfer ist, dass man professionelle Hilfen in Anspruch nimmt, wenn es stärkere Sachen sind, weil wir manchmal nicht damit selbst zurecht kommen. Und wir haben in unserer Freikirche diesen Beirat sexueller Gewalt begegnen. Wenn da etwas innerhalb der Eventgemeinde vorgefallen ist, dann sollte man diesen Beirat auch anfragen und dass er dann mit professionellem Hintergrund die Sache angeht und versucht zu lösen. Weil innerhalb der Eventgemeinde so eine Sache zu lösen, ist für ein Gremium, Gemeindeleiter und auch für die Gemeinde oder der Gemeindeausschuss so gut wie unmöglich. Das ist gut, wenn man jemanden holt, der weiß, wie man damit umgeht und der sich damit auskennt.
[42:49] Ja, soweit dieser Punkt Streit, Missbrauch, Macht und Kontrolle. Der letzte Punkt Vergebung und Friede. Das ist ein schöner Punkt. Auch hier ist es wieder ein Aspekt, der sehr umfassend ist, wo ich wieder einige Dinge, gerade über Vergebung und auch die Folge natürlich der Vergebung, der Friede, einiges darüber sagen möchte. In Matthäus 18, Verse 21 bis 35, wollen wir jetzt nicht lesen, aber ihr kennt die Geschichte vom Schuldknecht. Da haben wir ein Beispiel, dass ein Mann, zur Zeit damals, von Jesu Zeit, einem König viel, viel Geld geschuldet hat. Wir könnten sagen, ein paar Millionen hat er ihm geschuldet. Der König lässt ihn rufen und er sagt: „Ja, ich gebe mir Zeit, ich will alles bezahlen“ und er jammert und bittet um Gnade. Und der König sagt im Endeffekt: „Okay, ich bin gnädig, ich vergebe dir alles und du brauchst gar nichts mehr zurückzahlen. Ich erlasse dir deine gesamte Schuld.“ Und er freut sich natürlich und ist happy und geht nach Hause und auf dem Weg findet er einen Mitknecht, also einen Mitmenschen und der ist ihm 20 Euro schuldig oder 100 Euro vielleicht. Und er sagt: „Komm, zahl mir zurück, was du immer schuldig bist.“ Und er sagt auch: „Gib mir Zeit und ich will alles zurückzahlen und so weiter.“ Und er sagt: „Nein, keine Chance“ und lässt ihn ins Gefängnis werfen. Und der König hört das, lässt dann diesen Mann zu sich kommen und sagt: „Was, ich habe dir so viel vergeben und du bist nicht bereit, dem anderen die Kleinigkeit zu vergeben und zu erlassen? Deswegen alle Schuld wieder zurück auf dich und komm, du musst jetzt in den Kerker.“ Dieses Beispiel zeigt uns sehr schön, was Vergebung bedeutet. Wir bekommen bei Gott Vergebung. Und der Punkt ist der: Gott vergibt gerne. Und Gott vergibt zuerst. Der König hat dem Schuldknecht gerne vergeben. Er hat das gerne gemacht, weil er ihn gerne hat, weil er möchte, dass er gut lebt und dass er in Frieden leben kann. Und deswegen, wenn wir zu Gott kommen dürfen, wir wissen, Gott vergibt gerne. Wir müssen nicht erst darum betteln und hoffen, dass Gott, nein, wenn wir unsere Sünde bereuen und bekennen, dann vergibt Gott gerne. Uns, wir sollen dann auch vergeben. Gott ist der, der uns zuerst vergibt und wir sollen dann auch vergeben, dem Nächsten, wie auch dieser Schuldknecht. Aber Gott vergibt uns zuerst. Das heißt, wenn wir aus unserem eigenen Leben keine Vergebung erlebt haben, fällt uns da schwer, anderen zu vergeben. Genauso wie, wenn ein Mensch, der keine Liebe erfahren hat als Kind, ist auch schwer in der Lage, selbst Liebe weiterzugeben. So ist es auch mit der Vergebung.
[45:27] Einiges Beispiel haben wir auch beim Vaterunser. Da heißt es im Gebet: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Da haben wir die gleichen drei Prinzipien. Gott vergibt uns gerne. Zweitens, wir sollen auch vergeben. Und drittens, Gott vergibt uns aber zuerst. Das heißt, Gott sagt nicht: „Wenn du vergibst, vergebe ich dir auch. Wenn du nicht vergibst, vergebe ich dir nicht.“ Nein, Gott vergibt uns zuerst und zwar viel mehr Schuld, als andere an uns jemand schuldig werden. Aber wenn wir denn von Gott Vergebung bekommen haben, dann sollen wir auch bereit sein, dem anderen zu vergeben. Und das ist dann das Maß, mit dem uns wieder gemessen wird. Aber es geht natürlich nur, dem anderen zu vergeben, wenn wir Gottes Vergebung angenommen haben und Gott uns zuerst vergeben hat.
[46:16] Ja, das Problem ist nur, dass wir in einem Dilemma leben. Das Dilemma ist oftmals, unser Verstand sagt: „Ich muss vergeben“, wie im Vaterunser. Unser Herz sagt aber: „Ich kann nicht vergeben. Das war zu schlimm. Das ist ungerecht. Wenn ich jetzt vergebe, geht der andere frei aus. Das geht nicht.“ Was mache ich dann? Wichtig ist, dass ich erkenne, auch wenn mein Herz sagt nein, wenn meine Gefühle sagen nein, wenn ich mich entscheide zu vergeben, dann wird irgendwann auch mein Herz das akzeptieren. Wenn ich mit dem Verstand eine Entscheidung treffe, dann werden meine Gefühle wie ein Gummiband hinterherkommen und das irgendwann auch akzeptieren. Das wird zwar einige Zeit dauern, je größer die Verletzung, umso länger wird das dauern, aber es wird passieren, weil unsere Gefühle immer eine Folge unserer Gedanken sind.
[47:01] Die Frage ist, vielen fällt es schwer zu vergeben, weil sie falsche Vorstellungen von Vergebung haben. Und hier habe ich mal eine Aufstellung gemacht, was Vergebung nicht ist. Vergebung ist nicht vergessen. Wir vergessen nur, was nicht wichtig ist. Mancher sagt: „Wenn du nicht vergessen hast, hast du nicht vergeben.“ Nein, das stimmt nicht. Vergeben und vergessen sind zwei verschiedene Dinge. Warum? Vergessen tun wir nur Dinge, wo wir keine großen Gefühle dabei hatten. Wenn ich irgendwas mich daran erinnere an die Vergangenheit, dann erinnern wir uns an die Dinge am stärksten, wo wir die stärksten positive und die stärksten negativen Gefühle hatten. Zum Beispiel, wenn ich so allgemein frage: „Könnt ihr euch erinnern, was ihr gerade am 11. September 2001 gemacht habt, als ihr davon gehört habt, wie gerade die Stürme, die Türme dann eingestürzt sind?“ Über 90 Prozent der Menschen, die ich frage, können sagen: „Ja, genau das und das habe ich gerade gemacht und habe ich davon gehört.“ Wenn ich aber frage: „Was habt ihr denn am 11. Oktober 2001 gemacht?“ Natürlich weiß kein Mensch. Warum? Das war ein normaler Alltag und es waren keine besonderen Gefühle dabei. Aber gerade weil dieser Einsturz der Gebäude bei uns starke Emotionen ausgelöst haben, haben wir genau behalten, was wir da gemacht haben. Die Erinnerung ist genau da. Wenn wir also stark verletzt wurden, dann wird das in unserer Erinnerung, in unserem Gedächtnis eingebrannt bleiben. Wir können das nicht auslöschen. Vergeben heißt, dass ich mich nachher anders daran erinnere, dass ich nicht mehr nicht mehr die gleichen negativen Gefühle haben muss, wie damals, wo es passiert ist, sondern ich kann mich daran erinnern und es tut nicht mehr weh. Vergessen kann ich das nicht und es muss ich auch nicht. Vergeben heißt nicht vergessen.
[48:47] Vergeben heißt auch nicht entschuldigen. Wenn ich es entschuldigen würde, dann würde ich dem anderen jetzt erlauben, es wieder zu tun. Dann würde ich sagen: „Okay, war nicht so schlimm.“ Dann kann ich es ja wieder machen, wenn es nicht schlimm war. Nein, ich muss es ja vergeben, weil es schlimm war. Wenn es nicht schlimm gewesen wäre, dann müsste ich ja nicht vergeben. Dann kann ich sagen: „Ist doch nichts passiert.“ Doch, es ist was passiert und es hat mich geschmerzt und genau deshalb muss ich vergeben. Manchmal ist es so, dass wenn ich verletzt worden bin und ich habe damit vielleicht Schwierigkeiten, darüber hinweg zu kommen und andere sagen: „Ach, habt ihr doch nicht so, war doch nicht so schlimm.“ Woher wissen die anderen, ob es so schlimm war oder nicht? Mich hat es geschmerzt und dieser Schmerz, der war da und der war tief. Deswegen, wenn ich vergeben, heißt nicht, dass ich es entschuldige.
[49:39] Vergeben heißt nicht, dass ich sage, der andere kann es noch wieder tun. Ich darf vergeben und ich darf dann auch Grenzen setzen. Das heißt, ich muss das nicht weiter so erlauben. Zum Beispiel, wenn ein Mann seine Frau schlägt, dann ist es gut, wenn die Frau ihm vergibt, damit sie selbst nicht daran zugrunde geht. Aber sie kann auch sagen: „Ich erlaube dir nicht, es wieder zu tun.“ Sie darf Grenzen setzen und die kann auch sagen: „Wenn du es wieder tust, dann hat das Konsequenzen. Und wenn du es immer wieder tust, dann wird das vielleicht die Konsequenz haben, dass wir uns trennen müssen.“ Aber das heißt also, wenn ich vergebe, dann heißt es nicht, ich erlaube es wieder zu tun. Ich darf trotzdem Grenzen setzen.
[50:17] Vergebung heißt auch nicht, es gut zu heißen. Es gibt keine Entschuldigung für schlechtes Verhalten. Wenn ich es gut heißen müsste, würde, dann müsste ich auch nicht vergeben. Ich sage also nicht, das Verhalten des Täters war in Ordnung, sondern ich sage: „Es war nicht in Ordnung. Ich vergebe ihm, aber es war nicht in Ordnung. Und es ist sein negatives Verhalten gewesen.“
[51:15] Vergebung heißt auch nicht, begnadigen. Der Täter muss die Folgen seiner Tat tragen. Wenn jetzt zum Beispiel jemand einen Angehörigen von mir umgebracht hat und er sitzt im Gefängnis, er ist geschnappt worden und er sitzt im Gefängnis und ich gehe zu ihm hin und ich rede mit ihm und ich sage zu ihm: „Gott hat mir vergeben und ich vergebe dir auch.“ Dann wird der Richter bei der Verhandlung nicht sagen: „Herr Schröer hat Ihnen vergeben, deswegen sind Sie frei.“ Nein, er muss trotzdem im Gefängnis seine Strafe absetzen, auch wenn ich ihm vergeben habe. Das heißt also, meine Vergebung hat keinen Einfluss darauf, auf die Folgen seiner Tat. Und wenn jemand mich verletzt hat, dann ist seine Schuld, die er vor Gott hat, immer noch da, auch wenn ich ihm vergebe. Das heißt, er muss das selbst mit Gott ausmachen, ob Gott ihm vergibt und ob er Vergebung von Gott haben möchte. Das heißt, die Folgen meiner Tat werden nicht verändert, wenn ich jemanden vergebe, sondern ich werde frei, frei vom Groll und der Bitterkeit und dem Hass in meinem Herzen.
[52:17] Und vergeben heißt auch nicht, versöhnen. Zur Versöhnung gehören zwei Menschen, dass beide wieder eine Beziehung haben wollen. Vergeben heißt erstmal nur, dass ich dem anderen seine Tat vergebe. Vergeben heißt, dass ich ihm nicht mehr böse sein möchte, dass ich das, was er getan hat, dass ich ihm vergebe, dass ich sage: „Okay, ich möchte dir nicht mehr grollen darüber, ich möchte nicht mehr ärgerlich darüber sein, ich möchte nicht mehr verletzt davon sein.“ Ob ich dem anderen wieder vertraue, ist eine andere Sache. Vergeben heißt nicht, ich muss ihm wieder vertrauen. Vergeben heißt nicht, ich muss wieder eine Beziehung zu ihm aufbauen. Natürlich wäre es schön, wenn es auch dann der Fall wäre, aber es muss nicht in jedem Fall sein. Vergeben heißt erstmal nur, ich vergebe dem anderen und ich werde frei in meinem Herzen. Natürlich, wenn der andere seine Tat einsieht, ist es einfacher zu vergeben. Aber auch dann, und davon spricht die Lektion hier, auch dann, wenn der andere seine Tat nicht einsieht, wenn er meint: „Ich habe doch gar nichts gemacht“, auch dann ist es wichtig zu vergeben. Jesus hat das vorgelebt. Er hat am Kreuz gebetet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Und die anderen haben nicht um Vergebung gebeten. Vergeben, anderen vergeben, dadurch wird man selber frei.
[53:33] Jemand sagte mal zu mir: „Alles, was du sagst, was Vergebung nicht ist, ist genau das, was ich dachte, dass Vergebung ist.“ Deshalb fällt es manchen Menschen schwer zu vergeben, weil sie eine falsche Vorstellung von Vergeben haben. Aber wenn wir wissen, was Vergebung eigentlich ist, dann fällt es uns leichter, weil wir selbst frei werden wollen. Ellen White sagt einmal in dem Buch Christ's Object Lessons, Seite 247: „Unsere Bereitschaft, den Mitmenschen zu vergeben, bedeutet nicht, dass wir auf berechtigte Ansprüche verzichten müssen.“ Das heißt, wenn der andere mir 100 Euro geklaut hat und ich treffe den anderen und ich weiß, dass er mir das gestohlen hat, dann kann ich sagen: „Ich vergebe dir, dass du mir das gestohlen hast, aber die 100 Euro, die brauche ich zurück.“ Das heißt also, die Ansprüche, die sich aus der Tat ergeben, die sind nicht weggewischt durch die Vergebung. Vergebung heißt nur, dass ich ihm die Tat vergebe.
[54:29] Ja, Vergebung, hier ist eine Definition aus dem Vergebungsseminar, die finde ich sehr schön. Vergebung ist der Prozess, Wut und Ärger der Vergangenheit aufzuarbeiten, mit dem Ziel, die eigene Zufriedenheit in der Gegenwart wiederzuerlangen und für die Zukunft die eigene Ziele neu zu beleben. Das heißt also, dass der Wut und der Ärger der Vergangenheit über diese Tat, dass das aufgearbeitet wird, dass ich daran denke und nicht mehr in meinem Herzen die gleichen negativen Gefühle habe, dass ich dem anderen vergeben habe, dass ich dadurch in der Gegenwart inneren Frieden habe und dass ich dadurch auch für die Zukunft frei bin, in die Richtung zu gehen, die ich möchte. Ich vergebe nicht, weil ich vergeben muss, sondern weil ich bereit bin, heilt zu werden. Das ist wichtig. Schmerzhafte Gefühle müssen geheilt werden, nicht wieder aufbereitet. Und die Zeit heilt keine Wunden. Auch wenn eine Verletzung schon 50 Jahre zurückliegt, dann können nach 50 Jahren die Gefühle, wenn ich daran denke, genauso stark sein.
[55:36] wie an dem Tag, wo sie passiert sind. Und von daher, wenn die Gefühle genauso stark sind wie damals, ist es ein Zeichen dafür, dass ich noch nicht verarbeitet habe, dass ich noch nicht vergeben habe.
[55:53] Wenn ich aber mich entscheide, zu vergeben, und das übrigens nicht nur einmal, sondern jeden Tag neu, mich entscheide, diesen Menschen zu vergeben, dann werden meine Gefühle irgendwann meine Entscheidung zu vergeben, akzeptieren und werden dem hinterherkommen und auch ihre Ruhe und ihren Frieden finden.
[56:10] Deswegen, was können wir tun? Ich empfehle immer folgende Schritte. Erstens, erinnere dich an eine bedeutsame Situation aus deiner Vergangenheit, bei welcher du emotional verletzt oder ungerecht behandelt wurdest. Man sollte mit der Sache anfangen, die uns am stärksten verletzt hat. Und das kann man bei jeder Situation, die man erlebt hat, auch immer wiederholen und neu machen.
[56:31] Zweitens, schreibe die Geschichte, soweit du dich erinnern kannst, auf. Notiere auch deine Gefühle. Was ist passiert? Was hat mich verletzt? Welche Gefühle habe ich dabei gehabt? Was habe ich getan und was waren die Umstände dabei?
[56:41] Und drittens, entscheide dich der Person, die dich verletzt hat, zu vergeben. Schreibe unten drunter: Ich entscheide mich zu vergeben.
[56:54] Und dann solltest du an jedem Morgen, wenn du aufwachst, wir sollten an jedem Morgen, wenn wir aufwachen, unser Leben Gott in seine Hand legen, dass wir sagen: Lieber Gott, ich danke dir für das neue Leben, was du mir heute wieder schenkst und ich möchte mein Leben dir wieder übergeben und sei du heute der Herr in meinem Leben.
[57:11] Und wir sollten dann auch in diesem Moment auch sagen: Ich entscheide mich heute auch wieder Person X, Person Y zu vergeben, was er an mir getan hat. Wenn wir uns jeden Tag neu entscheiden zu vergeben, dann wird unser Gefühl darüber zur Ruhe kommen und wir können daran denken und es macht uns nichts mehr aus.
[57:28] Und Gott wird uns dann helfen, dass auch unsere Gefühle heil werden können über diese Dinge, die uns belasten. Jesus möchte, dass wir glückliche, zufriedene Menschen sind und wenn wir im Herzen dem anderen vergeben, dann können wir auch wieder auf den anderen zugehen und dann können Beziehungen auch wieder vertieft werden, gelingen, wie wir auch in unserer Lektion hier gelernt haben, dass es wichtig ist, dass die Beziehungen gestärkt werden in der Ehe, in der Familie, in unserem Umfeld.
[57:50] Deswegen, Jesus liebt dich. Er möchte dich heilen. Er möchte, dass du heil wirst in allen Bereichen, körperlich, seelisch. Deswegen komm zu ihm und bitte ihn um Vergebung deiner Schuld. Wir alle werden schuldig vor Gott und wir dürfen ihn um Vergebung bitten.
[58:09] Aber deswegen auch bitte ihn um Kraft, anderen vergeben zu können. Und das ist so wichtig, dass auch andere, dass ich anderen vergeben kann, dass der Gräuel, der Ärger meines Herzens geheilt wird. Und Jesus will dich frei machen. Und Jesus sagt, wenn der Sohn frei macht, den macht er wirklich frei.
[58:29] Deswegen, Jesus heilt Beziehungen. Jesus heilt zerbrochene Herzen. Jesus möchte auch dich heilen und mich heilen. Lass uns beten. Herr Jesus, wir danken dir von ganzem Herzen. Wir danken dir, dass du uns geschaffen hast, als Menschen, als Wesen, die die Beziehungen brauchen, in der Ehe, in der Familie, im Umfeld.
[58:49] Wir bitten dich, Herr, vergib du uns, wenn wir schuldig geworden sind, aneinander und an dir. Lass uns ganz rein vor dir stehen. Schenk du uns deine Liebe ins Herz, jeden Tag mehr. Und schenk du uns die Kraft, auch anderen zu vergeben, die uns verletzt haben. Hilf, dass unsere Beziehungen jeden Tag stärker werden können untereinander und dass unsere Beziehung zu dir jeden Tag enger werden kann. So segne du uns und bleibe du bei uns. In Jesu Namen. Amen.
[59:17] Herzliche Einladung zur nächsten Lektion, Lektion Nummer 11, Gläubige Familien. Ein spannendes Thema.