Begrüßungen können Geschichte schreiben, doch eine ganz bestimmte Begegnung hat die Welt für immer verändert. In dieser Folge von LOGOS beleuchtet Christopher Kramp die wohl bedeutendste Begrüßung der Menschheitsgeschichte und zeigt auf, wie ein simples „Hallo“ den Lauf der Dinge neu definierte. Tauchen Sie ein in die faszinierende Geschichte hinter dem Ereignis, das weit über ein gewöhnliches Treffen hinausging.
LOGOS: 8. „Hallo!“
Christopher Kramp · LOGOS ·Themen: Bibel, Bibelstudium, JesusWeitere Aufnahmen
Serie: LOGOS
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Transkript
[0:31] Servus, Grüß Gott, moin, Grasti oder vielleicht einfach nur Tag. Wir begrüßen uns auf ganz unterschiedliche Art und Weisen, meistens vielleicht einfach nur mit „Hey“ oder einem simplen „Hallo“. Manche Begrüßungen haben Weltgeschichte geschrieben. Zum Beispiel als Henry Morton Stanley nach langer Suche mitten im Urwald Afrikas den lange verschollenen, fast schon todgeglaubten Afrika-Missionar und Forscher Livingstone fand und ihn begrüßte mit: „Dr. Livingstone, I presume.“
[1:10] Heute soll es auch um eine Begrüßung gehen, die noch viel bedeutender gewesen ist. Wahrscheinlich tatsächlich die wichtigste Begrüßung in der gesamten Weltgeschichte, und dabei war sie relativ normal: ein simples „Chaire“. Auf Griechisch heißt das einfach „Hallo“. Damit herzlich willkommen zu einer weiteren Folge unseres Podcasts LOGOS, die Geschichte von Jesus neu durchdenken. Wir wollen heute die Begrüßung schlechthin betrachten. Eine Begrüßung, die unser aller Leben für immer verändert hat. Aber dazu gleich mehr.
[1:55] Letztes Mal haben wir gesehen, wie in Jerusalem im Tempel nach dem Bericht, den Lukas in Lukas 1 und am Anfang seines Evangeliums gibt, ein Mann namens Zacharias dem Engel Gabriel begegnet ist. Der dort am Altar stehend ihm angekündigt hat, dass – obwohl Zacharias schon sehr alt war und seine Frau Elisabeth unfruchtbar – sie ein Kind haben würden, das der Vorläufer des Herrn sein würde. Und wir haben gesehen, wie Zacharias, der diese Geschichte aus der Bibel ja quasi kannte, weil das im Wesentlichen das Gleiche ist, was auch Abraham und Sara widerfahren war, trotzdem Zweifel hatte und gefragt hat: „Wie soll das? Was soll das Zeichen sein? Und ich bin doch viel zu alt.“
[2:46] Der Lukas berichtet uns, dass nach dieser Geschichte, die sich ja dann tatsächlich auch so ereignet hat – die Elisabeth ist schwanger geworden, der Zacharias musste neun Monate stumm bleiben, weil er nicht geglaubt hatte –, dass nach dieser Geschichte der Gabriel noch einmal unterwegs war. Und Lukas stellt diese beiden Geschichten auch am Anfang seines Evangeliums direkt nebeneinander. Wir werden noch sehen, warum er das tut. Wir lesen in Lukas 1, Vers 26: „Im sechsten Monat.“ Das meint also im sechsten Monat der Schwangerschaft von Elisabeth. „Im sechsten Monat aber wurde der Engel Gabriel, den wir aus der Geschichte vorkennen, von Gott in eine Stadt Galiläas namens Nazareth gesandt.“
[3:35] Nun, Galiläa leitet sich ab von dem hebräischen „Hagalil“ und das bedeutet so viel wie „der Bezirk“. Das ist eigentlich eine Abkürzung für „Bezirk der Nationen“, und dahinter verbirgt sich so ein bisschen schon die Idee, dass in Galiläa mehrere Ethnien zusammengekommen sind. Das hatte geschichtliche Hintergründe, die wir jetzt hier nicht ausführlich ausbreiten können, aber das war das Gebiet, was auch als allererstes von den Assyrern gefangen genommen worden ist, schon Jahrhunderte zuvor. Wir hatten das kurz angedeutet in der Folge über Augustus und sein Geburtstagsgeschenk an seine Livia, als es um den Friedenskaiser und den Friedefürst ging. Diese Gegend war also eine, man könnte sagen, vielleicht eine Multikulti-Gegend in gewisser Weise. Auf jeden Fall die nördlichste Gegend von Palästina, der nördlichste Teil des Reiches von Herodes. Herodes der Große hatte ja dieses ganze Königreich, das hier auf der Karte so gelb markiert ist, und dort beim See Gennesaret, dort war die Gegend Galiläa.
[4:47] Die Menschen dort sprachen natürlich wie alle anderen auch im Reiche des Herodes Aramäisch. Das Hebräische der Bibel wurde vor allem eigentlich nur noch im Gottesdienst verwendet, wenn man die Tora, das heilige Buch, die heiligen Schriften gelesen hat. Das Aramäische in Galiläa muss allerdings so ein bisschen besonders gewesen sein. Wir haben natürlich da nicht viele konkrete Beispiele aus der Zeit, natürlich auch keine Tonaufnahmen leider, aber aus späteren Überlieferungen, so aus der Spätantike, erahnen wir, dass die Galiläer so bekannt gewesen sein müssen für eine Art besonderen Dialekt, so ein bisschen wie das heute vielleicht mit dem Schwäbischen oder dem Sächsischen ist. Man hört ziemlich gleich, wo jemand her ist, wenn er so Dialekt spricht. Es scheint so zu sein, dass die Galiläer die typischen Kehllaute des Semitischen, die man zum Beispiel im Arabischen ganz deutlich hört und die uns Europäern immer so Mühe machen, wenn wir das jetzt versuchen nachzusprechen, dass auch die Menschen in Galiläa da so ihre Mühe hatten und die so etwas verschluckt haben und vielleicht undeutlich ausgesprochen haben. Möglicherweise haben also Menschen, die mehr so in Jerusalem gelebt haben, ein bisschen die Sprache der Galiläer belächelt. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass auch Jesus muttersprachlich einen Dialekt gesprochen hat, der von anderen so vielleicht ein bisschen als hinterwäldlerisch abgetan worden ist. Natürlich wurde auch zum Teil Griechisch gesprochen und das Hebräische, wie gesagt, in der Synagoge dann gepflegt.
[6:21] Der Engel kommt an einen ganz interessanten Ort, nämlich in den Ort Nazareth. Das war nicht mal eine Stadt, das war ein kleines Dorf, wahrscheinlich nicht viel mehr als ein paar hundert Einwohner. Und besonders ist an dem Ort, dass man ihn vorher gar nicht kennt. Weder in der Bibel, also im gesamten Alten Testament – da gibt es ja kapitelweise, zum Beispiel im zweiten Teil von Josua, Listen von Ortschaften, viele kleine Ortschaften, Dörfer – nirgendwo wird Nazareth erwähnt. Der Ort ist wirklich unbedeutend, hat keinerlei Beziehung irgendwie zum Alten Testament, irgendwas Wichtiges oder so. Er wird auch außerhalb der Bibel bis dahin gar nicht erwähnt. Das ist übrigens sehr interessant, denn wenn Lukas diese Geschichte erfunden hätte oder wenn seine Quellen diese Geschichte einfach konstruiert hätten, um irgendwie Lücken auszufüllen, weil man nichts wusste über den Anfang von Jesus, dann hätte man sicherlich nicht den Ort Nazareth gewählt. Man hätte sicherlich einen Ort gewählt, der irgendeine Art von historischer Bedeutung hätte, wo man irgendwie was anknüpfen könnte an eine alte Geschichte, an Glaubenshelden.
[7:31] Dazu kommt: Alles, was wir überhaupt aus der Zeit wissen, ist, dass dieser Ort von den Zeitgenossen ziemlich als Abschaum gewertet worden ist. Natanael hier in Johannes 1 sagt: „Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?“ Mit anderen Worten: Da ist nichts los, die sind einfach moralisch verkommen, diese Leute. Kein Mensch, wenn er die Geschichte erfunden hätte, hätte sie in Nazareth spielen lassen. Also die Tatsache, dass Nazareth hier so eine zentrale Rolle spielt, spricht allein von der Überlegung schon auch an sich für die historische Plausibilität dieser Geschichte.
[8:10] Der Engel Gabriel war in Jerusalem einem alten Mann erschienen. Hier in Nazareth begegnet er einer jungen Frau, sogar einer Jungfrau, die noch nicht verheiratet ist. Es heißt: „zu einer Jungfrau, die verlobt war mit einem Mann namens Josef aus dem Haus Davids.“ Und der Name der jungen Frau war Maria. Vielleicht ist es überraschend, aber wenn wir Maria begegnet wären in Nazareth und sie begrüßt hätten mit „Hallo Maria“, sie hätte vielleicht gar nicht richtig reagiert, denn Maria ist nur unsere moderne Variante des griechischen Mariam, was nichts weiter als eine Wiedergabe von Miriam ist. Sie hat also wahrscheinlich eigentlich Miriam geheißen. Und hier steht: „aus dem Haus Davids“, und wenn ihr die ersten Folgen schon dabei gewesen seid, dann seid ihr schon ein bisschen dafür sensibilisiert, dass das natürlich damals das Thema war. Alle warteten auf den Spross Davids, der auftreten wird in Zion am Ende der Tage, wie es hier in diesem Fragment aus Qumran heißt.
[9:20] Die Begrüßung ist eigentlich total simpel. Der Engel sagt „Chaire“ und das heißt auf Griechisch eigentlich nichts weiter als „Hallo“. Aber hinter diesem „Hallo“, was im Deutschen dann in der offiziellen Übersetzung der Schlachter hier als „Sei gegrüßt“ wiedergegeben wird, hinter diesem simplen „Hallo“ steckt eine unfassbare Botschaft. Er sagt nämlich hier wörtlich: „Hallo, mit Wohlwollen beglückte, der Herr mit dir, du Gesegnete unter den Frauen.“
[10:01] Die Miriam, die Maria, die war ganz schön verwirrt. Es heißt hier: „Sie aber, als sie ihn sah, geriet in Verwirrung wegen diesem Wort und sie überlegte, was für eine Art von Begrüßung die sei.“ Und das lag sicherlich nicht am ersten „Hallo“. Chaire, das war jetzt nicht so merkwürdig, aber was danach kam, das hat sie, die offensichtlich – das werden wir in einer späteren Folge sehen – sich relativ gut in der Bibel auskannte, sofort zum Nachdenken gebracht. „Der Herr mit dir“, das klingt doch wie im Buch der Richter, als ein Engel des Herrn dem Gideon erschien und ihn beauftragte, die Midianiter aus dem Land zu vertreiben: „Der Herr ist mit dir, du tapferer Held.“ Und diese Formulierung „Gesegnete unter den Frauen“, das kommt auch im Richterbuch vor, ein Kapitel vorher in Richter 5, da heißt es hier: „Gesegnet sei Jael vor allen Frauen.“ Das ist die Jael, die den Sisera buchstäblich festgenagelt hat. „Gesegnet sei sie vor allen Frauen im Zelt.“ Die Miriam, die Maria wird die Geschichten gekannt haben, wird gedacht haben: Moment mal, das klingt doch wie im Richterbuch. Diese Geschichten weisen eigentlich auf große militärische Erfolge gegen die Feinde Israels hin. Kein Wunder, dass Maria/Miriam verwirrt war. Ein Engel, der mich so begrüßt – was hat das zu bedeuten?
[11:31] Und Gabriel sagt das, was Engel in der Regel dann immer sagen, was er auch bei Zacharias gesagt hat, der ebenfalls ziemlich erschrocken gewesen war: „Fürchte dich nicht.“ Das ist übrigens eine Botschaft, die sich durch die gesamte Bibel hindurchzieht: Wenn Gott uns in seinem Wort begegnet, wir müssen uns nicht vor ihm, wir müssen keine Angst vor ihm haben. „Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Diese Formulierung ist sehr interessant. Dahinter steckt eine Idee, die wir in der Bibel immer wiederfinden können. Zum Beispiel hier in 1. Mose 6, Vers 8: „Noah fand Gnade in den Augen des Herrn.“ Gemeint ist, dass Gott mit Wohlgefallen, mit Wohlwollen auf das Leben von Noah geschaut hat. Er hat natürlich auch Vergebung in Anspruch nehmen müssen, doch Noah hat gesündigt, wie alle Menschen gesündigt haben. Aber die Idee ist hier in diesem Vers nicht, dass Noah gerade die ganze Zeit in Sünde gelebt hat und jetzt zum ersten Mal um Gnade gefleht hat und Gott ihm jetzt Gnade gegeben hat, sondern die Idee ist, dass er mit Gott gelebt hat und deswegen in seinen Augen auch Gnade/Wohlgefallen sozusagen gefunden hat. So wie man das in 2. Mose 33, Vers 16 hier sehen kann, wo Mose sagt: „Denn woran soll denn erkannt werden, dass ich Gnade gefunden habe vor deinen Augen, ich und dein Volk, als daran – jetzt kommt’s – dass du mit uns gehst?“ Gnade vor den Augen Gottes finden bedeutet also sowas wie: mit ihm zusammenleben, dass Gott mit uns geht durch den Alltag, dass er in unserem Leben aktiv sein kann, weil wir ihm Raum dazu geben, dass wir also eine enge, eine echte, eine tiefe Freundschaft und Beziehung zu ihm haben.
[13:22] Diese Miriam, diese junge Frau, diese Jungfrau lebte in einem unbekannten Kaff in Südgaliläa, sprach einen Dialekt in einer Gegend von lauter moralisch verkommenen Menschen und hat offensichtlich mit Gott zusammengelebt. Der Engel begrüßt sie genauso: „Du hast Gnade gefunden.“ Und dann sagt er die Worte, die nicht nur ihr Leben, sondern die ganze Weltgeschichte verändern würden: „Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Jesus geben.“ Und da klingelt es bei uns, wenn wir in der letzten Folge gut aufgepasst haben. Genau dieselbe Formulierung hatte derselbe Engel Gabriel in der Geschichte davor dem Zacharias gesagt: „Und du sollst ihm den Namen – der Name ist anders – du sollst ihm den Namen Johannes geben.“ Und wir hatten damals schon gesehen, dass diese Formulierung im Griechischen quasi ein direktes Zitat ist aus der griechischen Übersetzung von 1. Mose 17, wo Gott dem Abraham sagt, dass er einen Sohn bekommen wird: „Und du sollst ihm den Namen Isaak geben.“ Diese drei Geschichten, Abraham, Zacharias und Maria, hängen offensichtlich miteinander zusammen. Das Wunder bei Abraham, das Wunder bei Zacharias und jetzt die Geschichte mit Maria.
[15:03] „Du sollst ihm den Namen Jesus geben.“ Auch bei Jesus ist es so, dass es eigentlich nur eine griechische Wiedergabe eines hebräisch-aramäischen Namens ist, nämlich Jeschua. Also der Name, den wir im Alten Testament als Josua kennen. Tatsächlich ist es sogar so, dass wenn der Josua aus dem Alten Testament, ja der Nachfolger von Mose, im Neuen Testament zum Beispiel in der Apostelgeschichte erwähnt wird, dass dort quasi er „Jesus“ genannt wird, weil Jesus ist die Wiedergabe von Jeschua, von Josua. Also man könnte eigentlich die Geschichte auch so erzählen, dass Miriam einen Sohn geboren hat, der Josua hieß. Das würde für die Ohren der damaligen Menschen mehr Sinn machen. Aber weil das Evangelium halt auf Griechisch geschrieben ist, haben wir die griechischen Varianten der Namen. Der Name Jeschua heißt „Der Herr rettet“. Ist interessanterweise genau dieselbe Bedeutung wie Jesaja, der berühmte Prophet, der ein so großes Buch im Alten Testament geschrieben hat: „Der Herr rettet“. Wir werden über diesen Namen noch mehr erfahren in einer der späteren Folgen.
[16:19] Und über dieses Kind sagt der Gabriel jetzt auch etwas, was er auch über den Johannes gesagt hat, der im Mutterleib der Elisabeth schon heranwächst, als diese Geschichte in Lukas 1 stattfindet. Er hatte über Johannes gesagt, dass er groß sein wird. Er sagt jetzt auch über diesen Jesus: „Dieser wird groß sein.“ Aber wenn man weiterliest, merkt man, er wird noch viel größer sein als der Johannes, der ein Vorläufer für den Herrn ist, der das Volk vorbereiten soll. Dieser hier ist eine andere Kategorie. Es heißt hier in Vers 32 und 33: „Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden und Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben und er wird regieren über das Haus Jakobs, das heißt also über Israel, in Ewigkeit und sein Reich wird kein Ende haben.“
[17:12] Und das ist natürlich eine Idee, die sich durch das gesamte Alte Testament hindurchzieht. Jeremia 23 hatte in Vers 5 diese Verheißung, dass Gott einen gerechten Spross dem David erwecken wird und der wird als König regieren. Wir hatten in einer der letzten Folgen, als es um den Friedefürst und den Friedenskaiser ging, Jesaja 9 uns etwas genauer angeschaut: „Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.“ Wir nennen uns – da geht es um das Imperium – und man nennt seinen Namen: „Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, ewiger Vater, Friedefürst.“ Und jetzt kommt’s: „Die Mehrung der Herrschaft und der Friede werden kein Ende haben auf dem Thron Davids und über seinem Königreich. Sein Königreich wird ewig sein bis in Ewigkeit.“ Die Miriam, die Maria, kannte diese Prophezeiung und plötzlich fangen die Synapsen in ihrem Kopf an, das zu verbinden: Hier steht ein Engel in meinem Haus und sagt, ich soll den gebären, von dem das hier vorhergesagt ist.
[18:23] Ein ewiges Reich. Hier geht es nicht um eine Dynastie, die zeitweise mal an der Macht ist und dann wieder durch irgendjemand anders ersetzt wird, weil es wieder einen Putsch gibt, so wie das bei menschlichen Königshäusern immer so der Fall ist. Hier geht es um ein ewiges Reich und dieses Reich ist das Thema des Alten Testaments in so vielen verschiedenen Prophezeiungen. Es ist ein ewiges Reich. Das ist der Endpunkt der Geschichte. So wird das ganz deutlich in der berühmten Vision, die – oder den Traum, besser gesagt – Nebukadnezar, der Großkönig von Babylon, gehabt hat und der ihm in Daniel 2 von Daniel erklärt wird, wo am Ende dieser Stein kommt, Symbol für das Reich Gottes, der die gesamte Weltgeschichte, wie wir sie kennen, beendet, so wie es hier steht in Daniel 2, Vers 44: „Aber in den Tagen jener Könige wird der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten, das in Ewigkeit nicht untergehen wird.“ Das ist genau das, was der Gabriel der Miriam, der Maria, sagt. „Und sein Reich wird keinem anderen Volk überlassen werden. Es wird alle jene Königreiche zermalmen und ihnen ein Ende machen. Es selbst aber wird in Ewigkeit bestehen.“ Oder hier Daniel 7: „Ich sah in den Nachtgesichten und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels gleich einem Sohn des Menschen.“ Also ein Mensch, einer der regiert, wie es hier heißt: „Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergeht und sein Königtum wird nie zugrunde gehen.“ All diese großen Prophezeiungen von Daniel, Jesaja, Jeremia von diesem kommenden König, der für alle Ewigkeiten regiert. Der Gabriel bezieht sich genau darauf und sagt: „Dein Sohn wird genau das sein.“
[20:10] Wer das Alte Testament genau liest, dem fällt auf, dass es neben dieser Idee, dass ein Mensch für alle Ewigkeit König sein wird, auch die Idee gibt, wie sie hier in Micha 4, Vers 7 ausgedrückt ist: „Ich will...“ – was heißt am Ende hier? – „Und der Herr wird über sie als König herrschen auf dem Berg Zion und von nun an bis in Ewigkeit.“ Also, wer das Alte Testament sehr gründlich liest, der wird sich vielleicht gefragt haben: Ja, wer herrscht jetzt, ein Mensch oder Gott? Und wir ahnen schon, dass durch Jesus – wir erinnern uns vielleicht an die vierte Folge, als wir über den Anfang des Johannesevangeliums gesprochen haben, wo diese Idee entfaltet wird, dass er Gott ist und Mensch wird – dass in Jesus das dann kein Widerspruch mehr ist, dass tatsächlich Gott dann herrscht, aber als Mensch, weil das Wort Gott wurde Fleisch.
[21:19] Miriam hatte eine Frage und eine sehr berechtigte Frage. Sie sagt: „Wie kann das sein, da ich von keinem Mann weiß?“ Das soll nicht bedeuten natürlich, dass sie keine Männer kannte, sie war ja sogar mit einem verlobt. Das wörtliche Griechisch bringt das ein bisschen klarer zum Ausdruck: „Wie wird dies sein, da ich einen Mann nicht erkenne?“ Und dieses „Erkennen“ im Hebräischen bedeutet eben sehr oft, wie hier in 1. Mose 4,1, Geschlechtsverkehr: „Adam erkannte seine Frau Eva und sie wurde schwanger.“ Sie sagt mit anderen Worten: „Ich habe keinen Geschlechtsverkehr mit keinem einzigen Mann. Wie soll das dann gehen?“ Und die Frage ist wirklich berechtigt.
[22:05] Der Engel antwortete und sprach zu ihr: „Der Heilige Geist wird über dich kommen. Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.“ Ich muss zugeben, dass ich nicht erklären kann, was da hinter sich alles verbirgt. Das sind Gedanken, die uns überfordern, aber wenn wir sie doch zulassen, wenn wir sie annehmen, dann werfen sie ganz viel Licht auf den ganzen Rest des Evangeliums. Das Wort wurde Fleisch, hat Johannes 1 gesagt. Gott wird Mensch. Wir können nicht genau erklären, was im Unterleib jetzt exakt genau biologisch vor sich gegangen ist. Das übersteigt unseren Horizont. Wir müssen es auch nicht erklären, aber er sagt, dass der Geist Gottes über sie kommen würde und dass deswegen, weil Gottes Geist, Kraft des Höchsten, sie überschatten würde, das Kind Gottes Sohn genannt werden würde.
[23:25] Es gibt manchmal die Debatte, ob überhaupt der Heilige Geist eine Person ist. Und das hat mit diesem Vers zu tun, den wir gerade gelesen haben. Dort steht ja: „Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ Und da wird manchmal so draus geschlussfolgert: Ja, das heißt ja dann, dass der Heilige Geist nur eine Kraft ist und eine Kraft ist nicht persönlich, irgendwie etwas Unpersönliches, so eine Wirkmacht oder so. Aber wenn man den Vers genau anschaut und auch ein bisschen nachdenkt, dann merkt man, das macht nicht wirklich Sinn, denn im selben Vers wird auch Jesus grammatisch zumindest als etwas Unpersönliches beschrieben: „das Gezeugte“, „das Heilige“. Aber natürlich wissen wir, dass Jesus nicht nur eine Wirkmacht ist, sondern eine Person, auch wenn er hier grammatikalisch mit einem sächlichen Pronomen, mit sächlichem Artikel angesprochen wird. Übrigens sagt Habakuk 3,19, dass sogar Gott der Herr eine Kraft ist und niemand würde auf die Idee kommen, deswegen zu schlussfolgern, dass Gott keine Person ist.
[24:40] Nun, der Engel hat noch mehr der Maria zu berichten. Er sagt nämlich: „Sieh, Elisabeth, deine Verwandte“ – wird nicht genau gesagt, in welchem exakten Verwandtschaftsverhältnis die hier stehen, aber auf jeden Fall sind sie verwandt – „hat auch einen Sohn empfangen in ihrem Alter und ist jetzt im sechsten Monat, sie, die vorher unfruchtbar genannt wurde.“ Als ob er ihr sagen möchte: Weißt du, du kennst doch die Elisabeth, du weißt doch, alle dachten, die ist unfruchtbar und niemand hätte gedacht, dass sie ein Kind bekommt. Schau mal, sie ist im sechsten Monat. So als ob er sagen möchte: Nimm dieses Wunder als Anlass zu glauben, dass Gott sogar ein noch größeres Wunder tun kann.
[25:22] Und dann sagt der Gabriel diese berühmten Worte: „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Und das stimmt auch genauso. Aber wenn man sich das Griechische anschaut, dann kommt noch eine richtig interessante Feinheit zum Ausdruck, die für das Verständnis ziemlich wichtig ist. Er sagt nämlich: „Denn bei Gott ist keine Äußerung unmöglich.“ Damit ist gemeint: Was immer Gott sagt, kann er auch tun. Also mir ist es schon passiert, ich habe Dinge versprochen und dann hinterher gemerkt: Wow, das kann ich gar nicht, ich habe gar nicht die Ressourcen dazu, ich habe das Geld dazu gar nicht, die Zeit. Ich habe es versprochen, aber ich kann es gar nicht umsetzen. Aber der Engel Gabriel sagt: Wenn Gott etwas verspricht, wenn er etwas äußert, dann kann er es auch tun. Das heißt, die Idee ist: Es geht um Gottes Wort. Wir müssen keine – wie das manchmal irgendwelche Witzbolde philosophieren – keine abstrusen Theorien formulieren von Dingen, die in sich Widersprüche sind. So wie: „Wie kann Gott einen Berg schaffen, den er dann selbst nicht mehr bewegen kann?“ und so weiter. Das ist alles Unsinn. Es geht hier darum: Was immer Gott sagt, kann er auch tun. Übrigens eine Idee, die auch schon Abraham gehört hatte in 1. Mose 18: „Sollte denn dem Herrn etwas zu wunderbar sein?“ Wir sehen, wie diese drei Geschichten, Zacharias, Maria und Abraham, über die Jahrhunderte hinweg miteinander verwoben sind.
[26:49] Nun, der Lukas will offensichtlich, dass wir diese beiden Geschichten von Zacharias und Maria gegeneinander halten. Ja, der Kontrast, der blendet einen fast, so deutlich und so krass ist der. Zacharias ist ein Mann, Miriam/Maria ist eine Frau. Zacharias ist alt, Maria ist jung. Zacharias ist verheiratet wahrscheinlich seit Jahrzehnten, Maria immer noch nicht verheiratet. Zacharias ist ein Priester, ein würdevolles Amt, von Maria wissen wir nicht mal, was sie ist. Zacharias begegnet dem Engel Gabriel in Jerusalem am Tempel in der Hauptstadt. Maria hat ihre Begegnung mit Gabriel in dem verruchten, traditionslosen Kaff Nazareth, dort, wo die Menschen ein bisschen komisch sprechen wahrscheinlich. Zacharias hat seine Begegnung, während tausende Menschen auf ihn warten und dann auch realisieren, dass er eine Erscheinung gehabt hat, während Maria dem Engel dort in der Wohnung ganz allein begegnet. Und Zacharias erhält eine Botschaft, wo er sagen kann: „Das gibt’s schon im Alten Testament, das hat’s schon mal gegeben und eigentlich müsste ich wissen, dass Gott das kann.“ Während ausgerechnet Maria, die junge Frau, unverheiratet, völlig unbedeutend – niemand kannte sie außerhalb dieses Kaffs – sie wird von Gott auf ein Wunder vorbereitet, für das es absolut gar kein Vorbild gibt und auch nie wieder ein solches Wunder existieren wird.
[28:28] Zacharias hatte damals gesagt, trotz seines Wissens über das Alte Testament: „Was soll das Zeichen sein? Ich bin doch viel zu alt.“ Aber Maria sagt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe...“ Und hier kommt’s: Sie sagt wörtlich im Griechischen: „Es geschehe Äußerung.“ Es ist genau dasselbe Wort, was der Engel vorher gesagt hat, als er gesagt hat: „Bei Gott ist keine Äußerung unmöglich.“ Sie bezieht sich also direkt sprachlich auf seinen Satz und sagt damit: „Was du gesagt hast, dass nichts unmöglich ist, genau das glaube ich. Es geschehe Äußerung, weil du gesagt hast, bei Gott ist keine Äußerung, nichts Gesagtes, unmöglich.“ Mit anderen Worten: Trotz der weitaus negativeren Umstände ihres Lebens hat Maria absolutes Vertrauen in das Wort Gottes. Der Engel hatte gesagt: „Bei Gott ist keine Äußerung unmöglich.“ Sie glaubt das. Sie glaubt den Worten Gottes, die der Engel ihr weitergibt. Maria hat echten Glauben. Es gibt viele Menschen, für die steht Maria hoch im Kurs. Ich habe höchsten Respekt vor der Maria aus diesem Grund, weil sie sich völlig auf das Wort Gottes verlässt und glaubt, dass das, was er verspricht – auch wenn man es menschlich nicht erklären kann, sich nicht vorstellen kann, wie das funktionieren soll – sie glaubt, dass er es kann. Und das nennen wir echten, rettenden Glauben.
[30:20] Wir werden in der nächsten Folge sehen, was das für ihr Leben bedeutet. Wir werden sehen, wie sie mit diesem Glauben jetzt umgeht, was das in ihr auslöst und wie es in der Geschichte weitergeht. Wir werden sehen, dass sie eine Reise unternimmt, und die wird uns in der nächsten Folge beschäftigen, wenn das Thema heißt: „Das Embryo-Evangelium“. Ihr könnt euch darauf schon freuen und gespannt sein. Und ich würde mich dann freuen, wenn wir uns hier wiedersehen. Aber zuerst oder zuletzt haben wir noch einen Nachgedanken.
[30:55] Stehst du gerne im Regen? Ah, Regen ist vielleicht nicht immer so das Angenehmste, aber wir wissen alle, Regen ist super notwendig. Kann auch sehr erfrischend sein. Wir alle haben in heißen Sommern gemerkt, wie sehr der Regen fehlt, wenn er nicht da ist. Die Bibel vergleicht das Wort Gottes mit dem Regen: „Denn gleich wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder hin zurückkehrt, bis er die Erde getränkt und befruchtet und zum Grünen gebracht hat.“ Mit anderen Worten: Der Regen bewirkt Wachstum. So sagt Gott hier: Genauso soll auch mein Wort sein, das aus meinem Munde hervorgeht. Es wird nicht leer zu euch zurückkehren. Es wird durchführen, wozu ich es gesandt habe. Wenn wir Gottes Wort auf unser Leben regnen lassen – tust du das? Lässt du Gottes Wort auf dein Herz regnen? Dann erleben wir, wie Dinge wachsen können. Vielleicht sagen wir: „Ah, es ist unmöglich, ich werde niemals geduldig sein, ich werde niemals diese Gewohnheit überwinden, ich werde immer irgendwie...“ Maria hätte sagen können: „Es ist unmöglich“, aber sie hat vertraut, dass das, was Gott sagt, er tun kann. Gott hat in seinem Wort die Kraft, dass das, was er sagt, auch möglich ist. Wenn du dir Zeit nimmst, in der Bibel zu lesen, lies nicht einfach nur, um Informationen zu bekommen, um festzustellen, was damals passiert ist. Bitte Gott, dass die Worte sozusagen auf dein Herz regnen.
[32:32] Ein Mann, dessen Geschichte wir in einer späteren Folge irgendwann mal anschauen werden, so Gott will, der hat Folgendes gesagt zu Jesus: „Sprich nur ein Wort.“ Denselben Glauben wie die Maria. „Wenn du es sagst, wird es geschehen.“ Und ich wünsche mir für mich und auch für dich diesen Glauben: Wenn Gott es sagt, dann kann er das tun. Und wenn es meinen Verstand sprengt, wenn ich es nicht nachvollziehen kann, wenn ich es nicht erklären kann, aber er sagt’s, dann möchte ich ihm glauben. Und so kann etwas in meinem Herzen wachsen. In diesem Sinne: Gott mit dir und bis zum nächsten Mal.
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