In dieser Folge von LOGOS tauchen wir in die faszinierende Geschichte hinter Johann Sebastian Bachs berühmtem „Magnificat“ ein. Christopher Kramp beleuchtet, warum der protestantische Komponist ausgerechnet einen lateinischen Text vertonte und welche tiefere Bedeutung hinter diesem zeitlosen Lobgesang der Maria steckt.
LOGOS: 10. „Magnificat-Das Original“
Christopher Kramp · LOGOS ·Themen: Bibel, Bibelstudium, JesusWeitere Aufnahmen
Serie: LOGOS
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Transkript
[0:03] [Musik]
[0:31] Herzlich willkommen zu einer weiteren Folge von LOGOS, die Geschichte von Jesus neu durchdenken. Kennst du dieses Musikstück?
[0:46] Hier siehst du das Original. Es ist das Magnificat von Johann Sebastian Bach, der wahrscheinlich größte Komponist aller Zeiten. Ein überzeugter Protestant, der in der Regel nur deutschsprachige geistliche Musik verfasst hat, mit Ausnahme der h-Moll-Messe und dieses Magnificats.
[1:15] Ein Text, der von vielen Komponisten durch die Jahrhunderte hindurch vertont worden ist. Auch der Sohn von Johann Sebastian Bach, Carl Philipp Emanuel, der hat sich mit einer ganz großen Vertonung des Magnificats beworben als Nachfolger seines Vaters, ist allerdings dann nicht genommen worden. Dieses Magnificat hat Komponisten zu allen Zeiten angeregt, das irgendwie in Töne zu fassen.
[1:47] Der Text ist ganz beeindruckend: „Magnificat anima mea Dominum et exultavit spiritus meus in Deo salutari meo.“ Vielleicht sagst du: „Es kommt mir etwas lateinisch vor.“ Genau, das ist Latein. Warum hat also Johann Sebastian Bach, der protestantische Musiker und Komponist, einen lateinischen Text aus der Vulgata vertont?
[2:18] Er ist immer wieder vertont worden. Und wir wollen heute das Original kennenlernen. Woher kommt dieser Text und was ist seine Geschichte? Und damit herzlich willkommen hier bei unserem Podcast LOGOS, die Geschichte von Jesus neu entdecken.
[2:40] Letztes Mal haben wir gesehen, wie sie eine Wanderung gemacht hat, die Miriam, die Maria von Nazareth, dem verruchten Kaff in Südgaliläa, das keiner richtig vorher kannte, an einen unbekannten Ort im Bergland von Judäa, um dort durch das Hüpfen eines Babys im sechsten Monat, also im Bauch, zu erfahren, dass sie offensichtlich irgendwann, irgendwie, irgendwo auf der Reise schwanger geworden ist vom Heiligen Geist.
[3:24] Und die Verwandte, die Elisabeth, die auch ein Wunder erlebt hat, dass sie als Unfruchtbare trotz hohen Alters noch ein Baby bekommen wird, die hatte unter Inspiration des Heiligen Geistes, erfüllt vom Heiligen Geist, zu ihr gesagt: „Gesegnet bist du. Du bist die Mutter meines Herrn.“ Sie hat ihr sozusagen prophetisch vorhergesagt, dass all das, was Gott durch den Engel der Maria versprochen hatte, sich alles erfüllen wird. Es wird alles eine Vollendung haben. Dieses Kind, das du im Bauch trägst, das jetzt nur einige Zellen groß ist, das wird einmal der Herrscher über die ganze Welt für alle Ewigkeit.
[4:04] Wie hat Maria auf diese erstaunliche Nachricht reagiert? In Lukas 1, Vers 46 und 47 finden wir diese Worte, die im Lateinischen dann „Magnificat“ bedeuten. „Magnificat“ – erhebt. Ja, meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich über Gott, meinen Retter. Es ist genau dieser Text, der dem Magnificat in all seinen Vertonungen seit dem Mittelalter bis in die heutige Zeit zugrunde liegt. Das ist einfach nur die Vulgata-Übersetzung dieses Lobgesangs der Maria.
[4:45] „Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich über Gott, meinen Retter.“ Sie freut sich, das ist klar. Aber schon beim zweiten Hinsehen merkt man, die Worte, die sie wählt, erinnern sehr stark an Psalmtexte. Hier z. B. Psalm 34: „Meine Seele rühme sich des Herrn. Die Elenden sollen es hören und sich freuen. Erhebt mit mir den Herrn und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen.“ Oder Psalm 35, Vers 9: „Aber meine Seele soll sich freuen am Herrn und frohlocken über seine Rettung.“ Ist das Zufall?
[5:24] Nun, wenn man sich die Zeit kurz vor der Geburt von Jesus anschaut, dann gibt es nicht nur eine allgemeine Erwartung, dass dort der Sohn Davids irgendwie als Messias, als König auftreten wird, das wir schon behandelt haben. Es gibt auch eine sehr auffällige, intensive Beschäftigung mit den Psalmen. Wenn man in Qumran die Schriften sich dort anschaut, die gefunden worden sind, dort gibt es eine Reihe von Schriften und natürlich bekannterweise viele Bibelhandschriften, dann stellt man fest, dass von allen biblischen Büchern, die es in Qumran gibt, keins so oft abgeschrieben worden ist wie die Psalmen.
[6:05] Und auch an anderen Orten findet man etliche Manuskripte, die deutlich machen: Die Psalmen waren sozusagen wirklich ein entscheidendes Buch im alltäglichen Leben der Menschen damals in der Zeit. Die Psalmen haben ihren Glauben geprägt, ihre Worte geformt, wenn sie Gott gepriesen haben. Und das kommt sogar daran zum Ausdruck, dass es eine Reihe von Neukompositionen gab. Also, dass man in diesem ersten Jahrhundert vor Christus neue Psalmen geschrieben hat, so quasi im Stile der biblischen Psalmen. Da gibt es eine berühmte Sammlung, die heißt die „Psalmen Salomos“. Man weiß gar nicht genau warum, ob da einfach der Sammler dieser Psalmen dann irgendwie in ein altes Alter zudichten wollte oder es einfach sagen soll, so wie Salomo. Eine der Psalmen hat tatsächlich eine ziemliche Ähnlichkeit zu Psalm 72, aber jedenfalls sind das Neukompositionen, die aber im Stil der alten Psalmen geschrieben sind, wo man merkt, dass dieser alte Stil das Gebetsleben der Menschen in Judäa, in Galiläa, im Reich des Herodes durchdrungen hat.
[7:21] Z. B. hier in diesen Psalmen Salomos findet man eine ganz ähnliche Aussage, so wie sie auch die Maria in ihrem Magnificat sagt, gleich am Anfang: „Herr Gott, ich preise jubelnd deinen Namen inmitten derer, die deine gerechten Gerichte kennen.“ Oder hier ein Fragment aus Qumran, aus der vierten Höhle. Es sind eigentlich mehrere Fragmente, die dann zusammengehören, wo man dann so einen größeren Text rekonstruieren kann. Und da heißt es gleich am Anfang: „Segne den Herrn, meine Seele, für alle seine Wunden auf ewig und möge sein Name gesegnet sein, denn er hat die Seele des Armen gerettet und den Demütigen nicht verachtet und das Elend des Benachteiligten nicht vergessen.“
[8:04] Also, wenn man das auf den ersten Blick liest, wird man vielleicht sogar schätzen, das klingt doch wie irgendein Psalm aus den 150 Psalmen des Alten Testaments. Das ist allerdings eine Neukomposition. Den gibt es so nicht in den Psalmen, aber man spürt die Sprache, selbst die Struktur des Textes ist sehr eng an den Psalmen, durch die Parallelen und so. Man merkt, diese Dichter haben die Psalmen verinnerlicht und das merkt man bei der Maria auch, aber nicht nur die Psalmen.
[8:36] Ihr Lied speist sich noch aus anderen Quellen aus dem Alten Testament, z. B. hier Habakuk 3,18: „Ich aber will mich freuen in dem Herrn, frohlocken über den Gott meines Heils.“ Oder Jesaja 61, auch ganz berühmt, Vers 10: „Ich freue mich sehr in dem Herrn und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott, denn er hat mir Kleider des Heils angezogen.“ Diese Freude an Gott, die wird immer wieder poetisch im Alten Testament ausgedrückt.
[9:03] Gehen wir zurück zu Maria und versuchen wir ein bisschen nachzuspüren, wie dieses Lied quasi sich aus dem Alten Testament die Motive, die Gedanken, teilweise die Worte zieht, ohne es direkt zu zitieren. Schauen wir Lukas 1,48. Das ist Maria jetzt: „...dass er angesehen hat die Niedrigkeit seiner Magd.“ Ja, sie sieht sich ganz sicher: Ich bin nichts Besonderes. Ich habe keine besondere Stellung. Ich wohne in einem verruchten Dorf, das niemand so richtig, für das sich niemand interessiert. Aber Gott hat mich gesehen dort, wo ich bin. Und lieber Freund, liebe Freundin, das sagt auch uns etwas, auch wenn wir vielleicht nicht in einer bedeutenden Position in der Gesellschaft sind, egal wo wir sind, vielleicht auch unter äußerst widrigen Umständen leben. Gott sieht uns und Gott sieht unsere Treue und er hebt uns aus dem Staub empor.
[10:08] 1. Samuel 1, Vers 11: Sie, die Hanna, legte ein Gelübde ab und sprach: „Herr der Heerscharen, wenn du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken und deine Magd nicht vergessen wirst und deiner Magd einen Sohn geben wirst.“ Ja, da sieht man auch diese Idee, dass im alten Israel Frauen sehr betrübt waren, wenn sie kein Kind hatten. Man sieht das auch bei den Patriarchengeschichten bei Abraham, Isaak und Jakob, wenn da die Frauen unfruchtbar sind, die Rahel, die Rebekka, das sind große Gebetsanliegen, das ist eine Schande, eine Niedrigkeit. Hier die Lea auch, denn sie sprach: „Weil der Herr mein Elend angesehen hat.“ Bei ihr war das Elend nicht, dass sie unfruchtbar war, sondern dass sie mit ihrer Schwester gemeinsam an einen Mann verheiratet worden ist, nämlich dem Jakob, und der die andere mehr liebte als sie. Aber sie sagt, Gott hat mein Elend angesehen. Das ist auch so ein Motiv, das sich durch die Bibel zieht, das hier bei der Maria aufscheint.
[11:09] Und dann sagt sie, die Maria: „Denn von nun an werden mich glücklich preisen alle Geschlechter.“ Das sagt die Lea auch schon in 1. Mose 30 bei einer anderen Geburt eines Sohnes: „Wohl mir, die Töchter werden mich glücklich preisen“ und sie gab ihm den Namen Asser. Oder hier Maleachi 3: „Und alle Heidenvölker werden euch glücklich preisen, denn ihr werdet ein Land des Wohlgefallens sein.“ Ja, wir hatten schon in der anderen Folge diese Idee, dass die Maria Gnade in den Augen Gottes gefunden hatte, war ein Ausdruck, dass Gott Wohlgefallen an ihr gehabt hat.
[11:47] Maria begründet das. Die sagt, warum sie glücklich gepriesen wird, denn Vers 49: „Große Dinge hat der Mächtige“ – man könnte übersetzen: der Starke, der Vermögende, der etwas kann – „hat der Mächtige an mir getan.“ Und die Psalmen überhaupt, die Bibel ist voll von diesem Gedanken, denn hier Psalm 71, Vers 19: „Deine Gerechtigkeit, oh Gott, reicht bis zur Höhe, denn du hast Großes getan. Oh Gott, wer ist dir gleich?“ In der Bibel singen die Menschen nicht, weil jetzt Zeit zum Singen ist und man ein Liederbuch aufschlägt und die richtige Seite findet und jetzt muss man singen. In der Bibel singen Menschen, weil sie erlebt haben, dass Gott etwas in ihrem Leben getan hat. Er hat das, was bewirkt. Das erste Lied der Bibel in 2. Mose 15, das ist aufgeschrieben, weil die Israeliten erlebt haben, wie Gott sie durch das Rote Meer geführt hat, den Pharao und seine Armee im Wasser begraben hat. Gott hat etwas für sie getan. Er hat sich eingesetzt. Er hat Kraft, er kann etwas. Er hat Großes getan.
[12:50] Hier 5. Mose 10, Vers 21: „Er ist dein Ruhm und er ist dein Gott, der bei dir diese großen und furchtgebietenden Dinge getan hat.“ Die Bücher Mose sind ja voll von Dingen, wo Gott eingegriffen hat. Und wenn man da einen Moment drüber nachdenken, dann können wir uns ja die Frage stellen: Warum singen wir eigentlich? Weil uns die Musik gefällt, weil wir den Rhythmus irgendwie toll finden? Singen wir, weil man es halt von uns erwartet, weil das Tradition ist, oder singen wir, weil wir aus Überzeugung sagen können: Gott hat große Dinge, furchtgebietende Dinge getan? Er hat in meinem Leben gewirkt.
[13:29] Sie, die Miriam, die Maria, fügt hinzu: „Und heilig ist sein Name.“ Auch das natürlich an vielen Stellen im Alten Testament belegt. „Heilig und... er hat seinem Volk Erlösung gesandt, auf ewig verordnet seinen Bund. Heilig und furchtgebietend ist sein Name.“ So Psalm 111, Vers 9. Wir sehen also, nirgendwo ist das so ganz wörtlich vielleicht zitiert, also sie zitiert nicht wörtlich Bibelverse, aber das speist sich so aus all diesen Gedanken, die man im Alten Testament überall finden kann.
[14:03] Lukas 1, Vers 50 wiederum Maria: „Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht über die, welche ihn fürchten.“ Klingt fast wie Psalm 103, Vers 11: „So hoch der Himmel über der Erde ist, so groß ist seine Gnade“ – ja, Barmherzigkeit, Gnade – „über denen, die ihn fürchten.“ Oder Vers 17: „Aber die Gnade des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten und seine Gerechtigkeit bis zu den Kindeskindern.“
[14:38] Und dann Vers 51. Maria fährt fort und sagt: „Er tut Mächtiges mit seinem Arm. Er zerstreut, die hochmütig sind in der Gesinnung ihres Herzens.“ Der starke Arm, der kommt vor allem dann vor, wenn es darum geht, dass Gott z. B. den Pharao besiegt hat, die Ägypter im Roten Meer ertränkt hat. Psalm 89, Vers 11: „Du hast Rahab zermalmt wie einen Erschlagenen, deine Feinde zerstreut mit deinem starken Arm.“ Es ist oft im Alten Testament dann die Rechte, weil ja die meisten Menschen Rechtshänder sind und dann ist der rechte Arm, der starke Arm. Ein Bild, das man in der Bibel immer wieder findet. Man könnte viele andere Verse anführen, aber es soll zeigen: Da ist eigentlich kein Gedanke in ihrem Lied, keine Idee, die nicht eigentlich ihre Wurzeln im Alten Testament hat. Und schon jetzt sollte deutlich werden: Diese ganze Geschichte von Jesus, die wurzelt ganz tief im Alten Testament. Wer das Alte Testament nicht kennt, der versteht eigentlich gar nicht, was da wirklich los ist in den Evangelien.
[15:45] Lukas 1,52: „Er stößt die Mächtigen von ihren Thronen und erhöht die Niedrigen.“ Das hat später Jesus selbst aufgegriffen, diesen Gedanken und auf den Punkt gebracht: „Wer sich aber selbst erhöht, der wird erniedrigt werden. Und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Ganz wesentliches Prinzip für die gesamte biblische Botschaft. Ein geradezu kosmisches Prinzip. Selbsterhöhung führt zum Sturz. Selbstaufopferung für andere führt dazu, dass Gott uns erhöhen kann.
[16:16] Und so im Alten Testament immer wieder, hier Hiob 12, Vers 18 und 19: „Die Herrschaft der Könige löst er auf und legt eine Fessel um ihre Lenden. Er führt die Priester beraubt hinweg und stürzt die Festgegründeten um.“ Wer denkt, dass er alles hat und alles kann und Gott nicht anhaben kann, der wird feststellen: Gott sieht das anders. Hesekiel 21,31: „So spricht Gott der Herr: Fort mit dem Kopfbund, herunter mit der Krone. So wird es nicht bleiben. Das Niedrige soll erhöht und das Hohe soll erniedrigt werden.“ Da ist das alles schon im Alten Testament deutlich angesprochen.
[16:52] Oder hier Lukas 1,53: „Hungrige sättigt er mit Gütern und Reiche schickt er leer fort.“ Psalm 107, Vers 9 hat einen ähnlichen Gedanken: „Denn er hat die durstige Seele getränkt und die hungrige Seele mit Gutem erfüllt.“ Lieber Freund, liebe Freundin, übrigens, wenn du geistlich durstig bist, wenn du Hunger hast nach mehr, nach Gerechtigkeit, gibt es nur einen, der diesen Hunger stillen kann, nur einer, der diesen Durst tränken kann. Und das ist Gott. Er verspricht das. Und Menschen seit Generationen, seit Jahrhunderten, seit Zeitaltern bekennen in Liedern und Gedichten und Texten, dass Gott ihren Seelenhunger gestillt hat.
[17:44] Und das Magnificat von Maria drückt genau das aus. Interessanterweise finden sich solche Gedanken auch in diesen neukomponierten Psalmen, die in der Zeit von Zacharias, von Elisabeth, von Maria, vielleicht etwas davor oder ungefähr in der Zeit entstanden sind, wo also deutlich wird, dass Maria jetzt in diesem Stil, in diesem Psalmenstil singt, schreibt, dichtet, inspiriert vom Heiligen Geist. Das ist nicht zufällig so. Psalmen Salomos Kapitel 5, Vers 11 und 12: „Die Könige, Fürsten und Völker nährst du, oh Gott. Und wer ist es am Armen und Dürftigen Hoffnung, wenn nicht du, Herr? Du wirst hören, denn wer ist gütig und freundlich außer dir? Erfreue die Seele des Armen und öffne erbarmend deine Hand.“
[18:42] Und dann sagt sie noch in Lukas 1, Vers 54: „Er, also Gott, nimmt sich seines Knechtes Israel an, um an seine Barmherzigkeit zu gedenken.“ Da haben wir auch diese Idee, dass Gott an seine Barmherzigkeit, seine Gnade, seine Treue denkt. Das heißt natürlich nicht, dass er sie vergessen hat und sagt: „Oh nein, wie konnte ich das vergessen?“, sondern dass er beständig daran denkt. Das ist genau der Punkt. Er vergisst es eben nicht. Wir vergessen oft Gottes Gnade und Gott ist treu. Wir verlieren Jesus aus den Augen, weil wir uns von irgendetwas ablenken lassen, weil Sünde uns verführt. Aber Gott verlässt seine Gnade und Treue nicht. Er hat immer das Evangelium vor Augen. Er gedachte an seine Gnade und Treue gegenüber dem Haus Israel. So Psalm 98, Vers 3.
[19:35] Lukas 1, Vers 55: „Wie es unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinem Samen auf ewig.“ Die Maria hat bei weitem nicht alles verstanden von der Geschichte Jesu, was sich jetzt im Laufe der Jahre und Jahrzehnte entfalten wird, was in den Evangelien dann alles nach und nach erklärt wird. Aber sie hat verstanden, dass dieses Ereignis, dieser Jungfrauengeburt, dieses Ereignis, dass der Retter der Welt geboren wird, dass das die Erfüllung jahrhundertealter, Generationen übergreifender, Zeitalter überspannender Verheißungen und Prophezeiungen ist. Sie wusste: Das ist epochal, was ihr geschieht. Was genau sie erwartet hat, das hat sie noch nicht genau umreißen können, aber sie wusste: Das hier ist genau das, was Gott seit Jahrhunderten, seit Abraham unseren Vätern verheißen hat. So wie Micha sagt: „Du wirst Jakob Treue erweisen und an Abraham Gnade üben, wie du unseren Vätern von den Tagen der Vorzeit her geschworen hast.“
[20:51] Und tatsächlich ist auch dieser Gedanke in diesen Neukompositionen, in diesen Psalmen Salomos zu finden. Hier in den Psalmen Salomos 9, Vers 8 und 9: „Und nun, du bist Gott und wir das Volk, dass du lieb hast. Sieh her und habe Erbarmen, Gott Israels, denn dein sind wir und wende dein Mitleid nicht von uns ab, damit sie nicht auf uns eindringen. Denn du hast den Samen Abrahams vor allen Völkern erwählt und deinen Namen auf uns gelegt, oh Herr, und wirst nicht ewig verstoßen.“ Man merkt also, wie die Menschen, nicht nur die Maria, in vielerlei Hinsicht diese Gedanken des Alten Testaments verinnerlicht haben und hier immer wieder mit neuen Wendungen sozusagen neu zusammengesetzt als quasi eigenen Ausdruck dann aufschreiben, ausdrücken, sagen.
[21:42] Genauso hier: „In einem Bunde hast du unseren Vätern unser Dasein verfügt und wir hoffen auf dich, dass du unserem Herzen Erleichterung schaffst. Des Herrn ist das Erbarmen über das Haus Israel immer und ewig.“ Also die Psalmen und diese Gedanken des Lobpreises Gottes aus dem Alten Testament waren allgemein gegenwärtig. Dass die Maria so reagiert, ist also auch von einer historischen Perspektive aus sehr plausibel und tatsächlich authentisch.
[22:18] Von allen Parallelen zum Alten Testament ist vielleicht keine so stark, so offensichtlich wie das Gebet der Hanna, die ja unfruchtbar war, die um einen Sohn gebeten hat, die versprochen hat, sie wird ihren Sohn Gott weihen. Das hat sie dann auch getan, den Samuel. Und in diesem Zusammenhang dieser Geschichte von der Bitte um Samuel, der Geburt von Samuel, finden wir in 1. Samuel 2 ab Vers 1 ihr Gebet. Und wenn man das vergleicht mit dem, was die Maria in ihrem Magnificat gebetet hat, gesungen hat, gelobt hat, dann sieht man: Das sind im Prinzip dieselben Gedanken und trotzdem ist kein einziger Satz einfach quasi „Copy and Paste“ wiederholt. Es ist auf eine persönliche Weise ausgedrückt.
[23:09] Wir lesen 1. Samuel 2, Vers 1: „Und Hanna betete und sprach: Mein Herz freut sich in dem Herrn. Mein Horn ist erhöht durch den Herrn. Mein Mund hat sich weit aufgetan über meine Feinde, denn ich freue mich in deinem Heil. Niemand ist heilig wie der Herr.“ Wir erinnern uns, wie Maria sagt: „Heilig ist dein Name.“ Ja, es ist kein außer dir und es ist kein Fels wie unser Gott. „Redet nicht viel von hohen Dingen. Vermessenes gehe nicht aus eurem Mund, denn der Herr ist ein Gott, der alles weiß und von ihm werden die Taten gewogen. Der Bogen der Starken ist zerbrochen, aber die Schwachen haben sich mit Kraft umgürtet.“ Genau denselben Gedanken. Ja, die Hohen werden hinabgestoßen und die Schwachen emporgehoben, haben wir auch bei der Maria gesehen. „Die Satten haben sich um Brot verkauft, aber die Hungrigen hungern nicht mehr.“ Ja, das klingt sofort... da fängt eine Seite bei uns an zu klingen, wenn wir die Maria gehört haben. Das ist genau das Gleiche.
[24:06] „Ja, die Unfruchtbare hat sieben geboren und die viele hatte, ist verwelkt. Der Herr tötet und macht lebendig. Er führt ins Totenreich und führt herauf. Der Herr macht arm und macht reich. Er erniedrigt, aber er erhöht auch. Er erhebt den Geringen aus dem Staub. Aus dem Kot erhöht er den Armen, damit er sie sitzen lasse unter den Fürsten und sie den Thron der Herrlichkeit erben lasse. Denn die Grundfesten der Erde gehören dem Herrn und er hat den Erdkreis auf sie gestellt. Er wird die Füße seiner Getreuen behüten, aber die Gottlosen verstummen in der Finsternis, denn der Mensch vermag nichts aus eigener Kraft. Die Widersacher des Herrn werden zerschmettert werden. Er wird über sie donnern im Himmel. Der Herr wird die Enden der Erde richten und wird seinem König Macht verleihen und das Horn seines Gesalbten erhöhen.“
[24:54] Und da berührt sich das wieder mit dem Magnificat von Maria, weil der Gesalbte ist natürlich der Messias. Und während 1. Samuel 2 natürlich noch so allgemein von dem König und dem Gesalbten spricht, ist das schon dort prophetisch, weil zur Zeit von Samuel gibt es noch gar keinen König. Der wird erst... das Königtum wird erst gegen Ende seines Lebens überhaupt auf Wunsch des Volkes eingeführt. Da sieht man schon, dass das Gebet der Hanna eine prophetische Dimension hat und es in gewisser Weise dann mit dem Gebet der Maria so andockt, denn die betet, weil dieser Gesalbte, wenn auch noch ein paar Zellen klein, auf die Welt gekommen ist in ihrem Bauch.
[25:52] Wir sehen, Maria singt, sie betet, sie lobt Gott und quasi jeder Satz, den sie sagt, ist, obwohl er eigenständig – man wird wahrscheinlich von keinem Satz ihres Gebetes ein genaues Zitat finden – doch alles getränkt von den Gedanken, von der Theologie des Alten Testamentes, von dem Lobpreis in den Psalmen. Und es ist kein Einzelphänomen, wie wir gesehen haben. Menschen haben damals Gott gelobt und dabei kam die Sprache dessen, was sie in der Bibel gelesen haben, wieder aus ihrem Mund heraus.
[26:34] Maria singt ein Lied, das auf der Bibel basiert. Das heißt, sie hat das Wort Gottes nicht nur geglaubt, wie wir in einer früheren Folge gesehen haben, wenn Gott etwas gesagt hat, selbst wenn es unwahrscheinlich oder menschlich unmöglich erschien, sie hat das Wort Gottes, auch das geschriebene Wort Gottes, tief verinnerlicht. Das ist ein Aspekt bei der Maria, der oft übersehen wird. Viele haben eine hohe Meinung von der Maria und ich habe das schon in einer anderen Folge gesagt: Ich habe eine extrem hohe Meinung von der Maria, weil sie einen solchen Glauben an das Wort Gottes hat und weil sie das Wort Gottes so verinnerlicht hat. Mögen wir doch alle so einen Glauben haben wie die Maria. Mögen wir doch alle das Wort Gottes so verinnerlichen, dass, wenn wir mit eigenen Worten Gott loben, Menschen, die die Bibel kennen, sagen: „Moment mal, die Gedanken, wenn es auch nicht genaue Zitate sind, aber die Gedanken, die kommen mir bekannt vor.“ Das ist der biblische Gedanke mit eigenen Worten aufgrund einer eigenen individuellen Erfahrung ausgedrückt.
[27:53] Maria blieb bei Elisabeth drei Monate, das heißt bis kurz vor Geburt des Johannes, denn als sie Elisabeth besucht hatte, war sie ja im sechsten Monat, bis kurz vor der Geburt. Und dann kehrte sie wieder in ihr Haus zurück. Die Geschichte fängt erst richtig an, aber sie ist schon wirklich äußerst bemerkenswert. In der nächsten Folge, wenn wir uns hier sehen, dann müssen wir uns natürlich die Frage stellen: Was passiert, als sie nach drei Monaten wieder nach Hause kommt und ihren Verlobten trifft? Nach drei Monaten, da fängt man an, was zu sehen, wenn man da ein geschultes Auge hat. Unser Thema wird sein: „Treuer Mann, was nun?“ Sie ist schwanger und wir werden uns anschauen, wie Gott mit Josef umgeht. Ich freue mich schon darauf und würde mich freuen, wenn ihr dann wieder dabei seid.
[29:08] Für heute haben wir eigentlich nur noch einen kleinen Nachgedanken. Ich weiß nicht, wie es dir geht, wenn du die Bibel liest. Bibellesen sollte hoffentlich für uns keine Routine sein. So im Sinne von einer Formalität, die man so abspult. Ist das so, dass wenn wir die Bibel lesen, wir sie wirklich inhalieren, dass wir wirklich die Gedanken in uns aufnehmen, so dass wir dann nicht einfach nur – was auch sehr wichtig und gut ist – Zitate präsent haben, das Wort Gottes zitieren können, sondern dass wir die Gedanken der Bibel so verinnerlicht haben, dass wir sogar in unserem eigenen Lobpreis, wenn wir Gott danken, das letztlich widerspiegeln, auch wenn man nicht sagen kann: „Das ist jetzt genau ein Zitat aus 5. Mose so und so.“
[30:02] Die Bibel sagt in Matthäus 12, Vers 34: „Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.“ Das wissen wir alle, wenn wir begeistert sind von irgendetwas, dann reden wir darüber. Ist unser Herz voll von diesem Wort? Eins ist sicher: Marias Herz war voll von den Psalmen, von Micha, Habakuk, von all diesen biblischen Texten. Übrigens, die Tatsache, dass Jesus später das Alte Testament so ausgezeichnet kannte, lässt sich kaum anders erklären, als dass Maria, seine Mutter, ihn von Anfang an wirklich sehr, sehr gut mit der Bibel vertraut gemacht hat, mit dem Alten Testament. Sie muss wirklich das Alte Testament in ihrem Herzen gehabt haben, sowie der von ihr Geborene.
[30:51] Psalm 40, Vers 8 bis 10: „Da sprach ich: Siehe, ich komme. In der Buchrolle steht von mir geschrieben.“ Dass diese messianische Prophezeiung, die sagt, da ist jemand, der ist angekündigt im Alten Testament, in den Propheten, in den Schriftrollen und dann kommt er auf die Erde. „Siehe, ich komme. In der Buchrolle steht von mir geschrieben, deinen Willen zu tun, mein Gott, begehre ich und dein Gesetz ist in meinem Herzen.“ Könnte es sein, dass der Hauptgrund, warum Gott die Miriam aus Nazareth, die Maria, ausgewählt hat, um Mutter des Sohnes Gottes zu werden, der ist, dass sie zumindestens bis zu einem gewissen Punkt, so wie ihr Sohn dann – sicherlich nicht so vollkommen wie er, aber doch bis zu einem gewissen Punkt – das Gesetz in ihrem Herzen hatte, dass sie die Bibel geliebt hat, so wie Jesus das Gesetz in seinem Herzen hatte und dann von der Gerechtigkeit als frohe Botschaft, als Evangelium, verkündigt hat in der großen Gemeinde? Er sagt: „Ich will meine Lippen nicht verschließen.“ Wessen das Herz voll ist, dessen geht der Mund über. Wie ist es mit uns?
[32:08] Jeremia 31 sagt, dass Gott mit uns einen neuen Bund machen möchte. Nicht nur Maria, nicht nur Jesus haben das Gesetz Gottes im Herzen. Das ist... Jesus ist eine Kategorie für sich. Wir haben das studiert, wir haben das gesehen, wir haben das angefangen uns anzuschauen. Jesus ist Gott und Mensch. Aber in dieser Hinsicht, dass er das Gesetz Gottes im Herzen hat, das ist nichts, was fern von uns ist. Das ist ein Vorbild. Maria hatte das Gesetz in ihrem Innern. Das Magnificat macht das deutlich und Gott möchte, dass auch in deinem und meinem Herzen sein Wort so präsent ist.
[32:48] Er sagt: „Ich will mein Gesetz in ihr Innerstes hineinlegen und es auf ihre Herzen schreiben. Ich will Gott sein und sie sollen mein Volk sein und sie werden mich alle kennen, vom Kleinsten bis zum Größten unter ihnen, spricht der Herr, denn ich werde ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken.“ Wenn wir die Vergebung Gottes in unserem Leben wirklich erleben, dann wissen wir, dass wir mit ihm zusammenarbeiten und dann kann er sein Gesetz in unser Herz schreiben und dann werden wir, wenn wir freudig sind, unsere Freude so ausdrücken, dass jemand anders sagen wird: „Moment, weil das klingt doch so wie in der Bibel so und so.“ Das Wort wird verinnerlicht sein. Das war die Erfahrung der Maria. Und ich wünsche dir und ich wünsche mir, dass das auch unsere Erfahrung wird. Gott mit dir. Bis zum nächsten Mal.
[33:58] [Musik]
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