Begib dich auf eine spannende Reise, um die Geschichte Jesu neu zu entdecken. In dieser Serie tauchen wir tief in das Leben und Wirken von Jesus von Nazareth ein, beleuchten seine Bedeutung und bereiten uns auf das bevorstehende 2000-jährige Jubiläum vor. Egal, ob du neu im Thema bist oder bereits Vorkenntnisse hast, hier findest du neue Perspektiven und Aha-Erlebnisse.
LOGOS: 1. Jesus und die Historiker
Christopher Kramp · LOGOS ·Themen: Bibel, Bibelstudium, Grundlehren der Bibel, Jesus, TheologieWeitere Aufnahmen
Serie: LOGOS
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Transkript
[0:32] Herzlich willkommen zu Logos, die Geschichte von Jesus neu durchdenken. Mein Name ist Christopher Kramp und du bist genau richtig hier bei diesem neuen Podcast. Um ihn soll es gehen: Jesus von Nazareth. Dies ist eines der ältesten Bilder, die wir überhaupt von ihm haben, aus den Katakomben in Rom aus dem dritten Jahrhundert. Aber bevor wir so richtig einsteigen in unser Thema, müssen wir vielleicht erstmal ein paar Fragen beantworten. Warum gibt es diesen Podcast Logos?
[1:11] In den nächsten Jahren werden wir ein erstaunliches Jubiläum erleben. Das Leben, das öffentliche Wirken von Jesus Christus, seine Predigten, sein Leidenswerk – all das jährt sich zum 2000. Mal. Das heißt, mit anderen Worten: 2000 Jahre Taufe Jesu, 2000 Jahre Bergpredigt, 2000 Jahre Kreuzigung. In den nächsten Jahren werden wir all das überall auf der Welt hören. Und unser Ziel hier mit diesem Podcast ist es, dich und uns alle darauf vorzubereiten, dass wir wissen, worum es wirklich geht, wenn wir von Jesus sprechen.
[1:52] Ganz egal, wer du bist, ob ein völliger Neuling, was Bibel, Religion, Neues Testament betrifft, oder jemand, der sich schon sehr gut auskennt. Wir haben diesen Podcast so konzipiert, dass wir jeden mitnehmen können, der wirklich mit Interesse und mit Neugier sich für Jesus interessiert. Wir werden alles erklären, jeden Begriff, alles, was irgendwie vielleicht unverständlich sein könnte, so, dass man ohne Vorkenntnisse dem gut folgen kann. Und gleichzeitig soll es so sein, dass auch Menschen, die schon seit langer Zeit sich mit Jesus beschäftigen, immer wieder neue Aha-Erlebnisse haben werden.
[2:30] Warum heißt die Serie eigentlich Logos? Es gibt drei Gründe, und die verstecken sich alle im Untertitel: die Geschichte von Jesus neu durchdenken. Es geht zuallererst natürlich um Jesus und Logos ist im Neuen Testament ein Titel, ein Name von Jesus. Er hat dort sehr viele verschiedene Namen und Titel. Einer davon ist Logos. Das Wort. „Im Anfang war das Wort, Logos, und dieses Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Berühmte Worte aus dem Johannesevangelium. Wir werden uns das in späteren Folgen alles genauer anschauen. Auch im letzten Buch der Bibel, in einer apokalyptischen Vision, in der die Rückkehr von Jesus beschrieben wird, wird er genannt: das Wort, Logos Gottes. Und auch seine Schüler, die seine Bewegung weitergetragen haben, werden im Neuen Testament als die Augenzeugen und Diener des Wortes bezeichnet.
[3:29] Es geht hier in dieser Serie auch um das Durchdenken. Das liegt daran, dass Logos nicht nur ein Titel von Jesus ist, sondern natürlich als griechisches Wort zunächst einmal auch ganz allgemein das Wort bedeutet. Und wenn wir nicht gerade völligen Unsinn reden, dann reflektieren unsere Worte ja unsere Gedanken. Wir drücken unsere Gedanken mit Worten aus. Dementsprechend hat das griechische Wort Logos eine große Bandbreite an Bedeutung. Es kann bedeuten z.B. Behauptung, Lehrsatz, Bericht, Schrift, Vernunft und eine ganze Reihe von anderen Dingen. Wir kennen dieses Wort auch im Deutschen von der Logik. Da geht's ja auch um das Denken, das Vermögen klar und scharf zu denken. Wir kennen aus der Schule immer noch die Biologie, die Lehre über das Leben, das Nachdenken über das Leben und damit auch das Reden über das Leben. Genauso gibt's die Geologie, wenn man über die Erde nachdenkt, die Anthropologie, wenn es um den Menschen geht. Es gibt ja auch die Theologie, da denkt man und redet über Gott.
[4:35] In diesem Sinne soll es bei Logos darum gehen, dass wir wirklich mitdenken. Wir wollen nicht einfach alte Traditionen ungefragt, unhinterfragt übernehmen. Ganz egal, ob sie aus der Kirche kommen oder aus der akademischen Wissenschaft. Wir wollen durchdenken, nachfragen, hinterfragen, mit eigenen Gedanken uns mit diesen ganzen verschiedenen Fragen um Jesus herum auseinandersetzen und zu eigenen Schlussfolgerungen kommen. Und das soll ganz dezidiert auch eine Aufforderung an dich sein, lieber Zuschauer, liebe Zuschauerin, dich selbst mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Wir wollen auch die Gelegenheit geben, dass Fragen an uns gerichtet werden können und dann werden wir von Zeit zu Zeit auch die Gelegenheit haben, in besonderen Frage-Antwort-Sessions auf diese Fragen einzugehen. Ihr könnt uns also gerne diese Fragen zu den einzelnen Themen und Folgen dann auch zusenden.
[5:40] Und dann – und das ist für mich als Historiker ein ganz besonders interessanter Punkt – geht es um die Geschichte. Er gilt als der Vater der Geschichtsschreibung, Herodot. Der hat so als erster griechischer Wissenschaftler sozusagen ein Geschichtswerk verfasst und da gibt es verschiedene Bücher und in diesen Büchern auch verschiedene, so abgeschlossene Teile einer historischen Recherche. Z.B. in seinem zweiten Buch, da beschäftigt er sich mit der Geschichte, mit den kulturellen Gegebenheiten, den Sitten von Ägypten. Und so nennt man dieses Buch dann den Ägypten-Logos. In der Geschichtsschreibung in der Antike ist ein Logos sozusagen ein Bericht, ein geschichtlich erforschter, also wo man die Geschichte, die Sitten eines Landes erforscht. Man könnte also, wenn man die Geschichte von Jesus beleuchtet, das auch einen Logos nennen, wenn man so möchte, sozusagen den Logos vom Logos. Aber vielleicht ist das auch ein bisschen zu viel des Guten.
[6:39] Und das bringt uns zur heutigen allerersten Folge: Jesus und die Historiker. Was wir heute zunächst machen wollen, ist vielleicht ungewöhnlich. Wir wollen einfach ohne große Einleitung, ohne lange Vorreden, direkt einmal eintauchen. Was passiert, wenn ich das Neue Testament aufschlage und einfach mal vorne anfange zu lesen? Einfach den ersten Satz. Das ist ein Sprung ins kalte Wasser. Wir werden in den nächsten Folgen uns auch natürlich erstmal Gedanken machen, was sind die Evangelien und was gibt es da überhaupt und was sind historische Hintergründe und so weiter. Aber heute starten wir einfach mal direkt ins Kalte hinein. Wir lesen den allerersten Satz. Wenn man sich also mit Jesus beschäftigen möchte und das Neue Testament aufschlägt, was ist der allererste Satz, den man dort finden kann und was kann man daraus ziehen?
[7:31] Hier ist er. Wenn man einfach vorne anfängt, ohne große Einleitung, ohne lange Vorräte, dann steht im allerersten Satz Matthäus 1, Vers 1: „Geschlechtsregister Jesu Christi des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Wahrscheinlich, wenn du das noch nie gelesen hast, nicht der Anfang, den man erwarten würde von einem Bericht oder von einer Reihe von Büchern, die über Jesus von Nazareth berichten. Geschlechtsregister, also eine Aufzeichnung der Abfolge von Generation. „Der zeugte den, der zeugte den, der zeugte den.“ Das ist das erste Wort im Neuen Testament. So steht's in unseren deutschen Bibeln. Aber manchmal lohnt es sich, wenn man auch das griechische Original zur Hand nimmt und mal schaut, was dort geschrieben steht.
[8:21] Das hier ist der früheste Text, den wir von Matthäus 1 und den ersten Versen dort haben, genannt Papyrus 1. Je nach Forscher, je nachdem, wie man fragt, ungefähr Ende des zweiten Jahrhunderts, Anfang des dritten Jahrhunderts, Mitte des dritten Jahrhunderts – das ist bei diesen Manuskripten immer nicht ganz genau sicher, aber ungefähr kann man es eingrenzen. Äh, geschrieben und gefunden in Ägypten in Oxyrhynchus. Und dort finden wir diese allerersten Worte auf diesem Papyrus auf Griechisch, hier rot unterstrichen die beiden Worte, die im Deutschen mit „Geschlechtsregister“ übersetzt werden: Biblos Geneseos.
[9:01] Nun, was um alles in der Welt heißt das? Biblos, das ist das Buch. Wir alle kennen die Bibliothek, da gibt's ja viele Bücher und auch die Bibel heißt interessanterweise deswegen Bibel, weil man irgendwann gesagt hat, dieses Buch ist das Buch, es ist das Buch der Bücher, deswegen die Bibel. Hier ein kleiner Funf am Rande: Die Griechen nennen beschriebene Dinge Biblos, weil sie das Alphabet, das es schon vor den Griechen gab, das haben sie in Ägypten und im Süden Kanaans erfunden, auf der Sinai-Halbinsel und so weiter. Ist eine andere Geschichte. Als die Griechen das dann bei den Phöniziern kennengelernt haben und aus diesem alle Band ein Alphabet gemacht haben, da haben sie es offensichtlich vor allem in der Hafenstadt Byblos kennengelernt, und die war damals eine bedeutende Handelsstadt im phönizischen Kulturraum. Und deswegen haben die Griechen daran die Dinge, die mit dieser neuartigen Schrift, die sie übernommen haben, beschrieben waren, nach dieser Stadt benannt: Byblos. Aber das nur als kleiner Fun Fact am Rande.
[10:04] Genesius. Biblos Genesius. Genesius ist der Genitiv. Wir nennen uns in der Schule Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Der Genitiv von Genesis. Und Genesis kennt vielleicht der ein oder andere als die Bezeichnung auch für das erste Buch der Bibel, 1. Mose. Heißt allgemein: Ursprung, Entstehung, Zeugung, Geburt, Leben. Das Buch vom Ursprung, das Buch von der Entstehung, das Buch von der Geburt, das Buch vom Leben, irgendwie so etwas. Und die Übersetzer haben jetzt folgendes gemacht. Sie haben geschaut – das ist ja auch sehr klug. Was kommt danach? Danach kommt tatsächlich ein Geschlechtsregister. Abraham zeugt den Isaak, Isaak zeugt den Jakob, der zeugte den, der zeugte den und so weiter. Und so hat man gesagt: Nee, was soll dann Biblos Genesis anderes heißen als Geschlechtsregister? Und haben es dementsprechend so übersetzt. Soweit so gut.
[10:56] Nun geht man also davon aus meistens, dass diese erste Satz eine Art Überschrift ist für die ersten 14 Verse, wo dieses Geschlechtsregister kommt. Manche sagen auch, na ja, da es in den ersten beiden Kapiteln um die Geburt Jesu geht, da gibt's berühmte Geschichte mit den Weisen aus dem Morgenland, werden wir uns auch mal anschauen. Ähm, dann ist das vielleicht eine Überschrift über die gesamte erste, gesamten ersten beiden Kapitel, also die Geschichte, wie Jesus geboren ist. Es gibt aber zwei Probleme. Das erste ist: Im ganzen restlichen Matthäusevangelium gibt es dann nie wieder Überschriften. Und wir alle haben vielleicht diesen einen merkwürdigen Lehrer gehabt, der an die Tafel dann mal in der Schule geschrieben hat: „Heute ist das Thema 1a.“ Dann kam aber nie wieder 1b oder 1c oder geschweige denn 2. Ist doch merkwürdig, wenn der Anfang eine Teilüberschrift haben soll und es dann nie wieder Teilüberschriften gibt.
[11:53] Es wird aber noch kurioser. Im gesamten Neuen Testament wird für das Wort „Geschlechtsregister“ eigentlich ein anderes und zwar ganz konsequent ein anderes griechisches Wort verwendet: Genealogia. Wir kennen heute noch die Genealogie. Das stellt uns dann vor die Frage: Was hat dann dieser Begriff Biblos Geneseos eigentlich wirklich zu bedeuten? Und dazu müssen wir uns der Septuaginta zuwenden. Klingt erstmal kompliziert, ist es aber gar nicht. Die Septuaginta ist einfach die griechische Übersetzung oder besser gesagt Übersetzungen des Alten Testaments. Als zwischen der Zeit des Alten und des Neuen Testaments die Griechen den ganzen Nahen Osten in der Nachfolge von Alexander dem Großen mit ihrer Kultur überschwemmten, hatten viele der besiegten und eroberten Völker den Eindruck, dass sie auch etwas beitragen könnten. Und so gab es überall Menschen, die die Werke ihrer eigenen Kultur ins Griechische übersetzt haben. Es gab den Berossos in Babylon z.B., der die Babyloniaka geschrieben hat, babylonische Geschichte auf Griechisch übersetzt.
[12:57] Auch Juden in Alexandria hatten dieselbe kluge Idee. Sie haben sich gedacht: Das Alte Testament enthält so viele Schätze, das sollte auch griechisch verfügbar sein. Und so hat man Übersetzung zunächst der fünf Bücher Mose und dann später im Laufe der Zeit des gesamten Alten Testaments angefertigt. Das sollen der Legende nach 72 Leute gewesen sein, die in 72 Tagen das abgeschlossen haben. So viel für die Legende. Aber tatsächlich kommt der Begriff Septuaginta daher. Septuaginta heißt 70. Im Original griechischen heißt es „Kata tous Heptomonta“, also gemäß den 70. Deswegen findet man auch in der Fachliteratur die Abkürzung LXX. All das soll nur sagen, das ist sozusagen die griechische Übersetzung des Alten Testaments und der Name basiert auf dieser Legende, dass es um die 70 Übersetzer gewesen sein soll.
[13:47] Und diese Septuaginta ist für uns ganz interessant, weil im Neuen Testament die Schreiber, vor allem auch die Evangelisten, aber auch andere, immer wieder nicht auf das original hebräische Alte Testament zurückgreifen, sondern auf die griechische Übersetzung. Und das hilft ganz oft, Dinge besser zu verstehen. Z.B. mit Biblos Geneseos, denn das kommt tatsächlich zweimal in der Septuaginta vor. Hier z.B. in 1. Mose 5, Vers 1: „Dies ist das Buch der Geschichte von Adam.“ Nun kommt dort in dem Kapitel tatsächlich auch ein Geschlechtsregister dann später vor, aber es ist nicht das Geschlechtsregister von Adam, der, wie wir wahrscheinlich alle wissen, im biblischen Bericht keine Vorfahren hat, sondern er ist ja dort der erste geschaffene Mensch der Welt. Es sind eher oder anders gesagt, es sind seine Nachfahren, die dann also die dann von ihm abstammen, die dort beschrieben werden. Man könnte einfach sagen, es geht darum, wie ging es mit Adam, wie ging es mit der Menschheit weiter? Deswegen oft die Übersetzung im Deutschen: „Das Buch der Geschichte.“ Ähm, das hebräische Wort dort meint auch so die Erzeugung, das was sozusagen daraus entstanden ist.
[14:56] Und so findet es sich ein zweites Mal, schon etwas früher, in 1. Mose 2, Vers 4, wo die LXX Septuaginta ebenfalls Biblos Geneseos hat: „Die Geschichte des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden.“ In beiden Fällen ist es so: Himmel und Erde sind schon da und jetzt kommt sozusagen die Geschichte, wie ging es weiter mit Himmel und Erde? Adam ist schon da. Jetzt kommt Biblos Geneseos, die Geschichte von Adam. Wie ging es weiter mit ihm und seinen Nachfahren?
[15:23] Und ein Leser von Matthäusevangelium, der das Alte Testament gut kannte, vor allem in der Septuaginta, der wird sofort gemerkt haben: Das schließt hier an diese ganz bekannten Stellen ganz am Anfang des Alten Testaments an. Die Geschichte der Welt, die Geschichte der Menschheit. Biblos Geneseos Jesu Christi – die Geschichte von Jesus. Man könnte also durchaus übersetzen: „Das Buch der Geschichte Jesu Christi.“ Und das machen eine Übersetzung z.B. für die Luther 2017 oder auch die Übersetzung, die das Buch genannt wird, weil sie diesen Zusammenhang erkannt haben. Dann ist, und das ist das Interessante, dann ist der erste Vers nicht mehr nur eine Überschrift über 14 Verse, sondern die Einleitung in das gesamte Buch, Überschrift über die gesamten 28 Kapitel. Und es zeigt dann, dieses Matthäusevangelium erhebt den Anspruch, ein Geschichtsbuch zu sein.
[16:22] Und das bringt uns jetzt zu der interessanten Frage: Wie ist das mit Jesus und seiner Historizität? Kann man eine Geschichte im Sinne von moderner historischer Forschung über Jesus schreiben? Zum Glück gibt es heute kaum noch jemanden, der dem Irrtum anhängt, Jesus hätte nie existiert. Wir wissen heute aus außerbiblischen Quellen, die ganz offensichtlich sind, dass es eine Person namens Jesus gegeben haben muss. Tacitus z.B. ist ein gutes Beispiel, ist der wohl bedeutendste Geschichtsschreiber der Antike in Rom. Zwei Werke, die Historien und Annalen, sind besonders berühmt. Und in den Annalen, im Zusammenhang mit der Geschichte von Nero, sagt er folgendes über die, wie er sie nennt, Christianer, also die Christen: „Der Urheber dieses Namens ist Christus, der unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war.“ Nun, Tacitus hatte keinerlei Sympathie für die Christen und belegt aber hier, bestätigt, dass es diesen Christus gegeben haben muss. Hier haben wir sogar eines der Manuskripte, die natürlich dann aus etwas späterer Zeit kommen von Tacitus, und da liest man hier im Lateinischen: „Auctor nominis eius Christus.“ Der Urheber dieses Namens ist Christus.
[17:39] Auch Lukian von Samoseata, ein bedeutender Satiriker aus der Antike, aus dem zweiten Jahrhundert, erwähnt ihn zwar nicht mit Namen, aber wenn man diesen Absatz hier in seinem Buch „De Morte Peregrini“, wo es um einen Philosophen geht, der zeitweise auch bei den Christen gewesen ist und dann die Christen verlassen hat und dann eine sehr tragische Weise aus einem selbstgewählten Feuertod gestorben ist bei den Olympischen Spielen und zeigen, wie sehr das Leben verachtet. Eine ganz merkwürdige Geschichte. In diesem Absatz erwähnt der Lukian offensichtlich Jesus, denn er sagte: „Übrigens verehrten diese Leute den bekannten Magus, der in Palästina deswegen gekreuzigt wurde, weil er diese neuen Mysterien in die Welt eingeführt hatte. Über dies hatte ihnen ihr erster Gesetzgeber beigebracht, dass sie untereinander alle Brüder würden, sobald sie den großen Schritt getan hätten, die griechischen Götter zu verleugnen und ihre Knie vor jenem gekreuzigten Sophisten zu beugen und nach seinen Gesetzen zu leben.“ Also, Jesus hat tatsächlich existiert.
[18:45] Historiker haben sich seit langem gefragt, wie sie diesen historischen Jesus fassen können. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts war die Forschung diesbezüglich ganz geprägt von der Kirche. Man hat im Wesentlichen nicht hinterfragt, was das Neue Testament zu sagen hat. Mit der Aufklärung wurde das anders. Und Historiker fingen an jetzt zu versuchen, den, wie sie es nannten, wahren historischen Jesus von den kirchlichen Dogmen zu befreien. Das ging über 100 Jahre so. Und Albert Schweitzer, der berühmte Tropenarzt und Nobelpreisträger, Friedensnobelpreisträger und Musikforscher und Bachinterpret und auch Theologe, hat in seinem Werk im Englischen „The Quest of the Historical Jesus“ das alles zusammengefasst und am Ende konstatieren müssen: All die Historiker dieser Zeit, vor allem halt im 19. Jahrhundert, haben im Wesentlichen bei dem versucht, den historischen Jesus zu finden, eigentlich so die Gegebenheiten ihrer Zeit in Jesus hineinprojiziert. Und das schloss dann so ein bisschen mit der mit der Schlussfolgerung: Wahrscheinlich kann man den wahren Jesus gar nicht mehr so richtig rekonstruieren.
[19:50] Das führte dazu, dass Jahrzehntelang kaum wirklich in diese Richtung geforscht wurde. Hing auch damit zusammen, dass Rudolf Bultmann, ein ganz einflussreicher Neutestamentler, behauptet hat, man könne über den historischen Jesus im Wesentlichen nichts anderes sagen, außer, dass er gelebt hat. Das änderte sich dann ungefähr ein halbes Jahrhundert später, ausgerechnet mit vielen Schülern von Bultmann, als Ernst Käsemann mit seiner Vorlesung „Das Problem des historischen Jesus“ was man die „Second Quest“ nennt, einleitet. Also eine neue Forschungswelle, Jesus als historische Person irgendwie zu rekonstruieren. Man hat dann neu gesagt: Es gibt historische Aussagen über Jesus, die möglich sind. Man hat dann Kriterien entwickelt, wonach man herausfinden wollte, was jetzt echte Worte von Jesus sind und was ihrer Meinung nach nicht echte Worte sind. Und ab den 70er Jahren gab es dann den „Third Quest“. Ähm, da ging es vor allem darum, die ganzen historischen, kulturellen, sozialen Hintergründe der Evangelien noch mehr aufzuhellen, wo man mit verschiedenen Disziplinen gearbeitet hat, verschiedenen Methoden. Und bis heute läuft diese Forschung immer weiter.
[20:57] Und wir wollen uns in diesem Podcast auch den Fragen, diese Forschung aufwirft, stellen. Wir wollen uns die Frage stellen: Was kann man wirklich über Jesus historisch sagen? Und wir wollen die Geschichte von Jesus hier wirklich neu durchdenken.
[21:14] Nun ist es aber ganz entscheidend, dass wenn man sich wissenschaftlich betätigt, dass man sich ein bisschen über die Grundlagen auch Gedanken macht, die Prämissen, mit denen man arbeitet. Eine der wesentlichsten Grundlagen in der wissenschaftlichen Forschung allgemein ist der sogenannte methodische Zweifel. Man zweifelt erstmal alles grundsätzlich an. Das klingt erstmal auch ganz vernünftig. Es gibt aber ein Problem, und dieser Punkt ist mir sehr wichtig, weil ich glaube, dass er oft übersehen wird. Denn wenn man grundsätzlich alles anzweifelt, man selbst ist ja auch nie wirklich ganz objektiv, kann es schnell passieren, dass man auch Dinge einfach nur deswegen anzweifelt, weil sie schon da sind, weil sie gesagt worden sind und jetzt mal die Aufgabe empfindet, es anzweifeln zu müssen. Und den wenigsten Menschen fällt es leicht, etwas anzuzweifeln und dann doch zu bestätigen. Ein Professor von mir hat mal gesagt: „Es gibt keine Forscher, die schreiben: Meine Vorgänger haben alles richtig gemacht.“ Ähm. Und natürlich kommt es selten vor, dass jemand alles richtig macht. Aber die Frage ist: Wenn bereits etwas Richtiges gesagt worden ist, würden wir es als solches erkennen? Oder zweifeln wir grundsätzlich alles an und zweifeln dann vielleicht auch das an, was bereits richtig erkannt worden ist?
[22:27] In dem Neuen Testament wird der Zweifel so beschrieben: „Denn wer zweifelt, gleicht einer Meereswoge, die vom Wind getrieben und hin und her geworfen wird.“ Auch die Forschung zum Leben Jesu zeigt so ein bisschen, dass da immer wieder das Pendel hin und her schwingt und eine Position als wissenschaftlicher Standard präsentiert wird und dann wird diese Position wieder angezweifelt und dann wieder hin und her. Zweifel hat in seinem tiefsten Kern etwas Destruktives. Deswegen möchte ich ein anderes Prinzip vorschlagen. Möchte vorschlagen, dass man sich der Frage besser nähert, wenn man, was die Bibel nennt, Liebe zur Wahrheit hat. Liebe zur Wahrheit sollte auch bereit sein, alte Traditionen zu hinterfragen, sollte auch bereit sein, Falsches aufzugeben. Aber Liebe zur Wahrheit würde dann sagen: Mein Vorgänger hat das herausgefunden und nachdem ich es wirklich durchdenke, muss ich sagen, es stimmt. Und ich schreibe kein neues Buch, ich stelle keine neue Theorie auf. Es ist die Wahrheit. Liebe zur Wahrheit hat etwas Konstruktives und ich glaube, es ist das bessere Prinzip, auf dem man tatsächlich auch historische Forschung unternehmen sollte.
[23:32] Und damit kann man eine ganze Reihe von interessanten Dingen entdecken. Und wir wollen uns jetzt am Ende noch einmal kurz diesem ersten Satz im Neuen Testament widmen. Das heißt ja „Geschlechtsregister“, wie wir jetzt uns Gedanken gemacht haben, also „Das Buch der Geschichte Jesu Christi“. Nun, Christus ist nicht der Nachname von Jesus, sondern so kann man schon im Neuen Testament ganz deutlich erkennen, die griechische Übersetzung von Messias. Und Messias ist die griechische Aussprache vom hebräischen Maschiach. Und das ist nichts anderes als das hebräische Wort für „der Gesalbte“. Christus, der Gesalbte, Messias – ist eins und dasselbe. Im Alten Testament wurden verschiedene Personengruppen gesalbt, z.B. Priester, ähm, immer wieder Propheten, Elia soll den Propheten Elisa salben, Könige wurden auch gesalbt. Wir denken da z.B. an den berühmten König David.
[24:29] Wenn man sich die Stellen im Neuen Testament dann noch mal genau anschaut, dann geht es aber dort nicht um einen Gesalbten. Es geht um den Gesalbten. Hier kommt jemand zu seinem Bruder Simon und sagt: „Wir haben den Messias gefunden.“ Es geht also um eine ganz besondere, eine spezielle Person, etwas auf jemand, auf den man irgendwie gewartet hat.
[24:51] Was hat es damit auf sich? Wenn wir noch mal auf den ersten Satz zurückkehren, dann sehen wir hier, dass Jesu Christi der Sohn, Jesus Christus der Sohn Davids ist. Und das hat eine besondere Bewandnis. Im Alten Testament gibt es eine Geschichte, wo dem König David versprochen wird, dass aus seinen Nachkommen jemand kommen wird, der das Königtum weiterführen wird. Es wird also sozusagen eine Dynastie geben und der Thron seines Königreichs würde ewig währen. Es wird noch mehr gesagt. Es wird gesagt: „Er soll dann der Sohn Gottes sein. Ich will sein Vater sein, er soll mein Sohn sein.“ Und es heißt ja in Vers 16: „Dein Haus“ – also deine Dynastie – „wenn im alten Orient ein König ein Haus hat, dann hat er sozusagen eine Dynastie.“ – „Und ein Königreich sollen ewig Bestand haben vor deinem Angesicht. Ein Thron soll auf ewig feststehen.“ Wir wissen aus der Archäologie, das ist tatsächlich so ein Haus Davids, eine Dynastie, die sich auf David zurückgeführt hat, gegeben hat. Die Tel-Dan-Stele von 1993/94, also dort entdeckt worden im Norden Israels, auf Aramäisch, hat genau diese Worte hier ganz hell markiert, von rechts nach links zu lesen, auf Aramäisch: „Bet David“, das Haus Davids.
[26:05] Und das damit nicht einfach nur der direkte Sohn Davids gemeint war, der Salomo. Das zeigt deutlich Jeremia, ein Prophet im Alten Testament, der Jahrhunderte später immer noch auf diesen Sohn Davids wartet. In seinem Buch heißt es hier: „Siehe, es kommen Tage, spricht der Herr, da werde ich dem David einen gerechten Spross erwecken. Der wird als König regieren.“ Der Sohn Davids, das ist die Erwartung eines besonderen Königs. Und diese Erwartung war zur Zeit von Jesus und kurz davor ganz allgegenwärtig.
[26:38] Das sieht man, wenn man nach Qumran geht. Qumran ist berühmt natürlich für die vielen Bibelmanuskripte, die dort gefunden worden sind in den Höhlen. Ist heute nicht unser Thema, aber dort sind auch andere Schriften gefunden worden aus der Zeit, die uns Einblick geben in bestimmte religiöse Gruppen und ihre Erwartung. In der berühmten Höhle 4 hier in Qumran, da fand sich unter anderem dieses etwas schon leicht zerfledderte Manuskript, ein „Mishmar“ – also eine jüdische Auslegung, eine Erklärung zur Eschatologie, also zur Endzeit, das was man erwartet, was in der Zukunft passiert. Dieser Text wurde früher in den alten wissenschaftlichen Ausgaben auch das Florilegium genannt. Ist nicht so wichtig. Hier haben wir den Text auf Aramäisch, aber wir lesen lieber natürlich gern auf Deutsch. Da gibt's nämlich diese interessante Passage, Zeile 11 und 12. Da wird auch diese Vorhersage Gottes an den König David aus 2. Samuel 7 zitiert und dann heißt es folgendes über diesen Sohn Davids: „Dies ist der Spross Davids. Ja, wie bei Jeremia, der der Spross Davids, der König, der mit dem Gesetzesforscher auftreten wird in Zion, also in Jerusalem, am Ende der Tage.“
[27:52] Erwartete also allgemein, dass es einen König geben wird, einen Sohn Davids, der in Jerusalem in der Endzeit, am Ende der Tage auftritt. Und der erste Satz des Neuen Testaments, so unscheinbar auf den ersten Blick aussieht, sagt: Das ist das Buch der Geschichte von genau diesem König, auf den alle gewartet haben. Jesus ist dieser Christus. Er ist der Spross Davids. Er ist dieser Sohn Davids, auf den alle so sehr gewartet haben.
[28:23] Aber es hat noch einen Twist, einen richtig interessanten Twist, denn er sagt nicht nur „des Sohnes Davids“, er sagt „des Sohnes Abrahams“. Und das ist interessant, weil im Alten Testament es gar nicht so eine starke Erwartungshaltung gibt und auch nicht in der jüdischen Literatur der Zeit, dass irgendwie ein Sohn Abrahams erscheint. Es ist eine Qualifizierung sozusagen, ein Zusatz zu diesem Begriff „Sohn Davids“, der hier vorgenommen wird, der hochinteressant ist. Warum? Der Sohn Abrahams, damit ist natürlich Isaak gemeint. Isaak ist derjenige, der als Sohn der Verheißung von Abraham, also Sohn Abrahams, einen besonderen Bund von Gott erhält. Das heißt hier: „Sondern nein, sondern Sarah, deine Frau soll dir einen Sohn gebären, den sollst du Isaak nennen, denn ich will mit ihm einen Bund aufrichten als einen ewigen Bund für seinen Samen nach ihm.“ Isaak soll einen Bund, der Sohn Abrahams trägt einen besonderen Bund. Und zwar – und das ist jetzt der interessante Punkt – etwas später heißt es in Mose 22, zu Gott spricht zu Abraham dort: „Und in deinem Namen sollen alle Völker der Erde gesegnet werden.“ In Isaak, in dem Sohn Abrahams, in dem Samen Abrahams, sollen alle Völker, alle Nationen, alle Menschen gesegnet werden. Das ist international.
[29:51] Das heißt, der allererste Satz, der so unscheinbar daherkommt, sagt eigentlich: Jesus ist König für alle Völker. Und das war natürlich hochbrisant in der Zeit, in der es geschrieben worden ist. Es war hochbrisant für die Kultur, in der es geschrieben worden ist. Es ist ein Satz mit enormer Sprengkraft, der uns auch heute noch herausfordert. Und dieser erste Satz sagt: „Dies ist das Buch der Geschichte von jenem Jesus, der König für alle Völker ist.“
[30:23] Wir werden diesen Jesus in diesem Podcast, in dieser Serie von allen möglichen Seiten neu beleuchten wollen. In der nächsten Folge werden wir uns zunächst einmal Gedanken machen, wie versprochen, was sind eigentlich die Grundlagen, wie können wir sagen, was Jesus erlebt hat, worauf basiert das, was sind die Quellen? Viele werden uns natürlich insbesondere mit den Evangelien das nächste Mal, das übernächste Mal beschäftigen. Das Thema wird dann sein: „Geist-erfüllte Ghostwriter“. Und ich freue mich schon, wenn du dann wieder dabei bist.
[30:59] Aber bevor du jetzt ausmachst, möchte ich eine Frage stellen: Magst du gerne Nachtisch? Der Herodot, den wir am Anfang kurz erwähnt haben, der Vater der Geschichtsschreibung, der sagt, dass der Unterschied zwischen den Griechen und den Persern daran bestand, dass die Perser gerne Nachtisch gegessen haben, aber die Griechen den verschmiert haben. Und er war äh, also bei uns zu Hause gibt's immer die Frage: Sind Menschen Perser oder Griechen? Also, ich bin definitiv ein Perser. Ich liebe Nachtisch. Und deswegen gibt es hier bei Logos immer auch noch einen kleinen Nachtisch sozusagen.
[31:31] Nun, da wir keine Pizza oder keine Nudeln gegessen haben, sondern Gedanken gedacht haben, ist auch der Nachtisch dann sozusagen ein Nachgedanke. Nun, du wirst sagen, das Wort gibt's gar nicht, steht nicht im Duden. Das stimmt, aber man kann ja auch mal was Neues erfinden. Und der Nachgedanke soll dir am Ende jeder Folge noch mal so einen Anstoß geben. Na ja, was macht man mit einem Nachgedanken? Richtig nachdenken.
[31:57] Ganz am Ende vom Matthäusevangelium stehen folgende Worte. Wir haben den Anfang heute, den ersten Satz uns angeschaut. Hier ist das Ende. Matthäus 28, Vers 18: „Und Jesus trat, redete mit ihnen und sprach: ‚Mir ist gegeben alle Macht.‘“ So redet ein König, alle Macht zu haben, das ist Königssprache im Himmel und auf Erden. „So geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker.“ Das ist dieser Gedanke von Internationalität. „Tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Weltzeit.“ Das ist sozusagen das Ende der Geschichte. Ist aufgepasst. Alle drei Elemente: das Buch der Geschichte, der Sohn Davids und der Sohn Abrahams kommen sozusagen als Gedanke ganz am Ende wieder vor. Jesus ist der Sohn Davids. Er hat alle Macht im Himmel und auf Erden, ist der König. Er ist der Sohn Abrahams, denn alle Völker sollen von seinem Evangelium hören. Und Matthäus beginnt sozusagen das Buch der Geschichte, wie es weitergeht mit Jesus. Und er sagt am Ende: „Bis ans Ende der Geschichte bin ich bei euch.“ Der Anfang und das Ende greifen sozusagen denselben Gedanken auf. Die Theologen nennen das eine Inklusion. Man könnte also sagen, wie eine Klammer, mit diesem Gedanken umspannt das gesamte Matthäus-Evangelium.
[33:22] Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Freude beim Nachdenken und bis zum nächsten Mal.
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