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In dieser Folge von LOGOS tauchen wir tief in die Quellen ein, die uns vom Leben Jesu berichten. Christopher Kramp beleuchtet die entscheidende Frage: Woher wissen wir, was Jesus wirklich gesagt und getan hat? Entdecke die faszinierende Welt des Quellenstudiums und erfahre, wie wir die Zuverlässigkeit historischer Berichte beurteilen können.


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Serie: LOGOS

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Transkript

[0:30] Herzlich willkommen zurück zu Logos, die Geschichte von Jesus neu entdecken. Frisches, kühles Wasser direkt aus der Quelle. Gibt es etwas Herrlicheres, etwas Erfrischenderes? Leider kann man nicht immer direkt in der Natur sein, um das zu genießen. Und so kaufen wir dann Wasser aus der Quelle und schauen auch nach, aus welcher Quelle das Wasser kommt. Und wenn es gutes Wasser ist, dann gibt es noch ein paar Angaben über die Inhaltsstoffe und wo genau es herkommt. Und wer sich mit Geschichte befasst, der interessiert sich auch für die Quellen. Jeder, der Geschichte studiert, weiß, Quellenstudium ist eine ganz entscheidende Sache. Man muss wissen, woher die Quellen kommen, was man über die Quellen sagen kann, damit man sie überhaupt richtig auswerten kann. Wir wollen heute anfangen, Gedanken zu machen über die Quellen, die uns über das Leben von Jesus von Nazareth berichten.

[1:40] Geisterfüllte Ghostwriter, so ist das Thema heute in dieser Folge von unserem Podcast und es geht um die Frage, woher wissen wir, was Jesus eigentlich so gesagt und getan hat. Zunächst einmal fangen wir mit einer Definition an. Was ist eigentlich eine Quelle? Die gute alte Definition von Paul Kirn sei auch hier erwähnt. In seiner Einführung in die Geschichtswissenschaft schrieb er, und es wird tausendfach wiederholt in Uni-Sälen und Seminarräumen: "Alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann." All das sind Quellen. Wir haben in der letzten Folge schon solche Quellen kennengelernt. Zum Beispiel dieses Zitat von Tacitus, das wir letztes Mal kurz angeschaut haben, wo über Jesus gesagt wird: "Der Urheber dieses Namens ist Christus, der unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war." Wir können einige Details aus dieser Quelle entnehmen. Sie ist für uns besonders wertvoll, weil, wie wir damals gesagt haben, Tacitus keinerlei Sympathien für die Christen gehabt hat. Dass er diese Dinge trotzdem bestätigt, macht es extrem glaubwürdig, dass diese Dinge tatsächlich so passiert sind. Aber wenn man jetzt ein Leben, eine Lebensbeschreibung von Jesus aufgrund dieser Quelle schreiben wollte, käme nicht viel bei heraus. Das sind wenige Einzelheiten, die erwähnt werden. Wenn wir also wirklich das Leben von Jesus genauer untersuchen wollen, seine Geschichte, dann brauchen wir auch andere Quellen.

[3:17] Die, die da zuallererst ins Auge fallen, sind natürlich die vier Evangelien: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. So finden wir sie in jeder Bibel. In der Reihenfolge berichten sie von dem Leben Jesu. Vielleicht sagt jemand genau jetzt schon: "Moment mal, Moment mal, wait, wait. Gibt's da nicht noch ganz andere Evangelien? Zum Beispiel das Thomas-Evangelium, das Petrus-Evangelium? Uns wird berichtet vom Judas-Evangelium. Es gibt das sogenannte Evangelium der Wahrheit. Das Philippus-Evangelium und all diese Evangelien finden sich nicht in der Bibel. Sollte man die nicht auch hinzuziehen?"

[3:57] Und ja, genau das ist eine berechtigte Frage und ein guter Punkt. Wir werden tatsächlich hier bei Logos uns bemühen, alle zur Verfügung stehenden Quellen, seien sie archäologischer Art, seien sie historischer Art, Inschriften, was immer wir finden können, mit auszuwerten und alles zu berücksichtigen. Man sollte allerdings auch wissen, dass diese sogenannten Evangelien hier ganz anders sind als die vier Evangelien, die wir hier in der Bibel haben. Sie sind nämlich gar nicht umfassende Berichte über das Leben von Jesus. Das Thomas-Evangelium zum Beispiel ist im Grunde genommen eher eine Art Spruchsammlung, genauso wie das Philippus-Evangelium. Das Evangelium der Wahrheit ist sogar gar kein Evangelium, sondern eigentlich nur eine Predigt, die mit diesem Satz beginnt, diesem Wort beginnt "Evangelium der Wahrheit", deswegen diesen Titel trägt. Das Petrus-Evangelium enthält ein paar Berichte, allerdings nur über das Passionsgeschehen und im Judas-Evangelium gibt es nur ein paar Gespräche kurz vor der Passion. Und wir werden tatsächlich all diese Texte und noch viele andere Quellen uns immer dann anschauen, wenn sie im Laufe unserer Serie, ähm, versuchen verschiedene Staffeln dann auch anzubieten. Wann immer sie sozusagen passen, werden wir diese Quellen erläutern, werden darauf zurückgreifen, sie evaluieren und schauen, was wir aus ihnen lernen können.

[5:23] Was die vier Evangelien, die wir in der Bibel haben, aber auszeichnet, ist, dass sie einen umfassenden Bericht im Sinne von vom Beginn des öffentlichen Wirkens bis zum Ende des öffentlichen Wirkens von Jesus uns bieten. Natürlich nicht über jeden Tag, nicht über jedes Detail, aber doch so, dass sich ein Bogen spannen lässt. Sie haben Gemeinsamkeiten, diese vier Evangelien. Wie gesagt, sie umspannen das gesamte öffentliche Wirken Jesu. Alle diese vier Evangelien berichten über die letzten Tage in Jerusalem. Sie berichten alle über die Passion von Jesus. Sie berichten alle über die Auferstehung. Und und das ist besonders bemerkenswert, sie nennen sich alle selbst, also die Autoren nennen sich alle selbst nicht mit Namen, was natürlich zu einer Reihe von Spekulationen geführt hat, die wir vor allem auch in der nächsten Folge dann noch weiter verfolgen wollen: die Frage und stellen wollen, wer hat eigentlich eigentlich diese Evangelien geschrieben?

[6:20] Noch bevor es eine organisierte Kirche gab, haben schon die Schreiber des Neuen Testaments, ähm, deutlich gesagt, was sie auch über die Schriften des Alten Testaments gesagt haben, dass diese Evangelien, dass diese ähm Schriften von Gott eingegeben sind. Sie sind "Theopneustos", so sagt das Griechische. Sind von Gott eingehaucht. Damit ist nicht gemeint, dass Gott die Schriften diktiert hätte. Auch die neutestamentlichen Schreiber, Paulus, Petrus, die merken natürlich und wissen, dass sie unterschiedliche Stile haben, unterschiedliche Grammatiken verwenden, zu, also grammatikalische Phänomene haben. Ähm, Petrus warnt sogar einmal und sagt, Paulus ist ein bisschen schwer zu verstehen, so seinen eigenen Stil. Dennoch gehen die Schreiber des Neuen Testaments als quasi Selbstzeugnis davon aus, dass das, was sie geschrieben haben, durch das Wirken des Heiligen Geistes, durch das Wirken Gottes eine besondere Autorität und Wahrhaftigkeit hat, eine Nützlichkeit auch hat. Das heißt hier: nützlich zur Belehrung, zur Verführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet. Die Evangelien also als von Gott inspiriert und zu einem bestimmten Zweck gegeben.

[7:46] Im Gegensatz dazu hat die moderne Wissenschaft vieles von dem radikal in Frage gestellt. In der Analyse der Evangelien ist sie zu dem Schluss gekommen, oder an vielen Stellen zu dem Schluss gekommen, nicht nur, dass die Evangelien nicht von Gott inspiriert sein, sondern vor allem auch, dass sie, so die Aussage vieler Theologen, gar nicht von Matthäus, Lukas oder Johannes geschrieben worden sein, sondern von uns unbekannten Autoren, möglicherweise verschiedenen Autoren, die dann äh die Dinge zusammengefügt haben, weitergesponnen haben, äh mythologische Gedanken reingebracht haben. Und die Frage stellt sich also, das war die Eingangsfrage und das Thema: "Geist erfüllt oder Ghostwriter oder beides?" Wir wollen uns in dieser und der nächsten Folge ein bisschen dieser Frage nähern. Wir werden diese Frage immer im Hinterkopf behalten, auch in allen weiteren Folgen, denn man kann sie eigentlich erst nach und nach beantworten, je mehr man sich mit den Texten intensiv beschäftigt.

[8:46] Was wir heute zunächst einmal machen wollen, ist etwas ganz Simples. Wir wollen uns einfach mal anschauen, was wir ohne jegliche Theorie und Hypothese einfach nur aus den Evangelien selbst an Informationen über die Evangelien gewinnen können. Mit anderen Worten, so ein Steckbrief, ohne schon etwas vorauszusetzen.

[9:05] Das ist das Matthäus-Evangelium. Das kennen wir schon, zumindestens den ersten Satz aus der letzten Folge: "Des Geschlechtsregister Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrams." Wir haben gesehen, was für eine enorm interessante Botschaft da eigentlich schon drin steckt, dieses Matthäus-Evangelium. Und das ist uns jetzt schon nicht überraschend, wenn wir letztes Mal das uns angeschaut haben: Dieses Matthäus-Evangelium ist für Kenner des Alten Testaments. Es setzt quasi voraus, dass jemand das Alte Testament, äh, wenn schon nicht auf Hebräisch, dann auf jeden Fall in der griechischen Übersetzung der Septuaginta gut kennt. Es gibt immer wieder Zitate, die zurückverweisen auf das Alte Testament. Hier zum Beispiel als ein Beispiel Matthäus 2, Vers 17: "Da wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremia gesagt ist, der spricht..." Und das kommt bei Matthäus ständig vor. Und wenn es keine Zitate sind, sind es Anspielungen. Also, wer das Alte Testament nicht kennt, der versteht bei Matthäus äh nicht all das, was Matthäus sagen möchte. Außerdem enthält dieses Evangelium sehr ausführliche Predigten, die berühmte Bergpredigt zum Beispiel, die Endzeitpredigt, die Seepredigt, die Strafrede gegen die äh Schriftgelehrten. All das ist oft sehr viel ausführlicher vorhanden als in den anderen Evangelien. Man könnte auch sagen, das Matthäus-Evangelium präsentiert Jesus ganz besonders als einen Lehrer, als einen Prediger.

[10:27] Im Gegensatz dazu ist das Markus-Evangelium das kürzeste von allen. Und es erklärt Dinge, die Matthäus niemals erklären müsste. Es erklärt jüdische Gebräuche, zum Beispiel hier: "Denn die Pharisäer und alle Juden essen nicht, was sie sich Verzeihung, wenn sie sich nicht zuvor gründlich die Hände gewaschen haben, weil sie die Überlieferung der Alten halten." Das müsste man einem jüdischen Leserkreis nicht erklären. Ganz offensichtlich richtet sich Markus an eine ganz andere Gruppe von Menschen, an Menschen, die wenig bis gar keinen Kontakt mit jüdischen Gruppen, mit jüdischen Religionsparteien, wie den Pharisäern gehabt haben, die diese ganzen Traditionen nicht kennen. Dazu kommt, dass wenn Markus hin und wieder auch äh aramäische Aussprüche von Jesus zitiert, wie hier: als Jesus ein Kind auferweckt und sagt "Talita Kumi", dann sagt Markus: "Das heißt übersetzt." Er geht also nicht davon aus, dass seine Leser Aramäisch äh verstehen würden. Und äh auch das zeigt, dass seine Leser nicht aus Palästina kommen, denn dort, das werden wir noch immer wieder sehen, war Aramäisch die Sprache, die dort gesprochen worden ist. Deswegen hat Jesus ja auch tatsächlich auf Aramäisch hier geredet.

[11:49] Es ist noch interessanter, nicht nur werden jüdische Gebräuche und zum Teil aramäische äh Rede oder oder Aussagen übersetzt und erklärt. Es gibt sogar vereinzelt lateinische Worte bei Markus. Zum Beispiel hier: "Als aber der Hauptmann, der ihm gegenüber stand, sah, dass er so schrie und verschied, sprach er: 'Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.'" Normalerweise ist das griechische Wort für Hauptmann "Hekatonarchēs", aber Markus verwendet "Kenturion", und das ist eigentlich nichts weiter als das lateinische "Centurio", der Hauptmann in der römischen Armee, ins Griechische quasi mit griechischen Buchstaben geschrieben. Und das zeigt, dass offensichtlich möglicherweise römische Personen im Leserkreis von Markus gewesen sind.

[12:32] Kommen wir zu Lukas. Lukas ist von allen Evangelien das längste Evangelium. Das ist einem vielleicht nicht sofort klar, weil Markus, Verzeihung, Matthäus 28 Kapitel hat und Lukas nur 24. Aber wenn man die Worte anschaut, ist es tatsächlich das Längste. Und es ist trotz alledem Teil 1 eines größeren Werkes, denn die Apostelgeschichte ist sozusagen die Fortsetzung. Beginnt mit den Worten: "Den ersten Bericht habe ich verfasst, oh Theophilus, über alles, was Jesus anfing zu tun und zu lehren." Das Lukas-Evangelium ist also Teil 1 eines Geschichtswerkes und wie wir gerade gesehen haben, an eine Einzelperson gerichtet. Anders als Matthäus und Markus richtet sich das Lukas-Evangelium mal eine einzige Person an einen gewissen Theophilus, der offensichtlich recht vornehm gewesen ist, eine höherstehende Person gewesen. Wörtlich heißt es hier: "Vortrefflichster, vornehmster Theophilos." Und Lukas schreibt auch teilweise einen sehr hohen, klassisch-griechischen Stil. Dazu werden wir in der nächsten Folge noch ein bisschen mehr sagen.

[13:40] Das Johannes-Evangelium wiederum bringt ganz viele neue Geschichten, die man in den ersten drei Evangelien nicht findet. Der Fokus ist bei Johannes auch viel stärker auf die frühe Phase des öffentlichen Wirkens von Jesus gerichtet. Es gibt ganz viele individuelle Begegnungen, wo Jesus mit Einzelpersonen lange Gespräche hat. Deswegen wird immer wieder auch das Johannes-Evangelium besonders zum Lesen empfohlen für Einsteiger, die sich so mit Jesus und seiner Person beschäftigen wollen. Und für unsere Zwecke nicht zu verachten, eigentlich sogar sehr, sehr, sehr wichtig, sind chronologische Marker im Johannes-Evangelium, die uns helfen, das Leben von Jesus zu rekonstruieren. Zum Beispiel hier: Johannes 2, Vers 13 spricht von einem Passah. Dann in einer der nachfolgenden Geschichten in Johannes 4 heißt es, dass die Geschichte vier Monate vor der Ernte stattfindet. Das heißt, das ist dann im neunten Monat des jüdischen Jahres. Danach ist wieder ein Fest, da allerdings alle Feste innerhalb ab dem siebten Monat vorbei sind, muss es sich bei diesem Fest mindestens um das nächste Passah handeln, also das zweite Passah oder sogar ein Fest danach. Und dann in Johannes 6 gibt es noch ein Passah und das ist noch nicht das Passah, wo Jesus dann schlussendlich gekreuzigt wird. Das kommt dann noch später. Das heißt, es gibt in Johannes mindestens also drei Passahfeste. Es gibt drei Passahfeste vor dem, wo er gekreuzigt worden ist. Das heißt, Johannes impliziert vier Passahfeste, die Jesus hier in seinem öffentlichen Wirken erlebt. Und das heißt, dass sein Dienst mindestens drei Jahre gedauert haben muss. Das hätte man aus Matthäus oder Markus gar nicht so direkt herauslesen können.

[15:21] Wenn wir uns mit den Evangelien beschäftigen, dann fällt etwas auf in Bezug auf Matthäus, Markus und Lukas, die deswegen auch die sogenannten Synoptiker genannt werden. Nun, um das zu illustrieren, nehmen wir einfach eine Geschichte, einen Satz und schauen uns ihn in den verschiedenen Evangelien einmal an. Matthäus 8, Vers 2: "Und siehe, ein Aussätziger kam, fiel vor ihm nieder und sprach: 'Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen.'" Bei Markus klingt das so in Markus 1, Vers 40: "Und es kam ein Aussätziger zu ihm, bat ihn, fiel vor ihm auf die Knie und sprach zu ihm: 'Wenn du willst, kannst du mich reinigen.'" Und Lukas schreibt in Kapitel 5, Vers 12: "Und es begab sich, als er in einer der Städte war: 'Siehe, da war ein Mann voll Aussatz.' Und als er Jesus sah, fiel er auf sein Angesicht, bat ihn und sprach: 'Herr, wenn du willst, so kannst du mich reinigen.'" Man sieht sofort auch bei Kleinigkeiten, ähm, die unterschiedlich formuliert sind, sind doch diese drei Passagen sehr, sehr, sehr ähnlich. Man spricht daher von den sogenannten Synoptikern. Es kommt von dem griechischen Wort "Synopsis". "Syn" es zusammen. Wir kennen die "Synthese" zum Beispiel. "Opsis", das ist das Schauen. Ähm, wir kennen den Optiker. Die Zusammenschau. Meines Erachtens ist der Begriff aber nicht glücklich gewählt. Er könnte nämlich den Eindruck erwecken, dass man nur diese drei Evangelien zusammen betrachten kann und das vierte, das Johannes-Evangelium irgendwie nicht dazu passen würde. Denn nur die Tatsache allein, dass Johannes andere Geschichten erzählt, bedeutet ja nicht, dass man ihn auch dazu nehmen kann. Wir haben gerade gesehen, dass er gerade für die chronologische Einteilung des Lebens Jesu von großer Bedeutung ist. Ich würde also vorschlagen, statt von Synoptikern einfach von ähnlichen Evangelien zu sprechen, weil das ähm genau den Befund abdeckt. Sie sind tatsächlich ähnlich. Das heißt aber nicht, dass man nicht auch andere, z.B. das Johannes-Evangelium, andere Texte dort mit zusammenbringen kann. Also das mein Vorschlag an dieser Stelle von ähnlichen Evangelien zu reden.

[17:29] Und die Frage, die wir uns jetzt stellen wollen, ist: Was ist eigentlich ein Evangelium? Und dazu machen wir etwas ähnliches, was wir letztes Mal gemacht haben. Wir schauen uns einen ersten Satz an, nicht von Matthäus, sondern von Markus, von dem wir jetzt schon so ein bisschen den Eindruck gewonnen haben von diesem Evangelium, dass es nicht an Juden gerichtet ist, ähm damals, sondern an Menschen, die den jüdischen Kulturkreis gar nicht richtig kannten. Markus 1, Vers 1: "Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes." Das griechische Wort für Evangelium ist einfach "Euangelion", bedeutet eine gute Botschaft.

[18:10] Homer, der berühmte Dichter der griechischen achäischen Zeit. Seine Werke waren ja Standardwerke in der Antike, der Mythologie und der Literatur. Jeder, der etwas auf sich hielt, hat diese Werke studiert, die Ilias und die Odyssee. Und schon bei ihm gibt es das Wort "Euangelion", Evangelium. Und ähm hier in diesem Zusammenhang in der Odyssee, in dem Buch 14, da heißt es hier über den Odysseus. Der sagt, es heißt hier, dass Odysseus kommt zum Lohn für die fröhliche Botschaft. "Evangelion, sollst du sogleich, wann jener in seine Wohnung zurückkommt, mich mit schönen Gewändern, mit Rock und Mantel bekleiden." Die Idee hier ist, dass jemand gar nicht mehr vermutet, dass Odysseus es überhaupt in seiner Heimat zurückschaffen wird. Aber ähm, wie es hier heißt, er wird kommen. Odysseus kommt und diese fröhliche Botschaft, diese diese frohe Botschaft, jemand hat es geschafft. Das ist hier das Evangelium.

[19:08] Bei Xenophon, einem griechischen Historiker und General, der Schüler des berühmten Sokrates gewesen ist und der das Geschichtswerk von Thukydides weitergeschrieben hat, dann nimmt dieser Begriff "Euangelion", Evangelium, sogar noch eine andere äh Form an. Da gibt es eine Schlacht hier in seinem Werk "Hellenika" und und da wird dann von einem Sieg berichtet und es heißt ganz unten: "Er selbst aber brachte, sobald jene landeten, das Dankopfer für gute Botschafter." Und das ist "Euangelion", das Dankopfer für die gute Botschaft. Also im Griechischen ist das Evangelium nicht nur eine gute Nachricht, es ist auch das, was jemand sozusagen aus Dankbarkeit tut, weil er eine gute Nachricht empfangen hat. Das ist vielleicht ganz interessant im Hinterkopf auch zu behalten.

[20:03] Markus, das Markus-Evangelium beginnt also mit diesen Worten: "Anfang des Evangeliums ist eine gute Nachricht." Das ist etwas Positives, eine Siegesnachricht, wenn man auch so möchte. Und zwar das des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Und jetzt erinnern wir uns, letztes Mal hatten wir den Anfang von Matthäus-Evangelium, da hieß: "Jesus Christus, der Sohn Davids, der Sohn Abrahams." Nun, Menschen, die das jüdische Leben nicht kannten, die das Alte Testament nicht kannten, die haben wahrscheinlich mit David und Abraham nichts anfangen können. Aber der Begriff Sohn Gottes war für Römer in der damaligen Zeit und Griechen allgemein auch nicht unbekannt. Alexander der Große zum Beispiel hatte sich als Sohn Gottes gegeben. Leute mussten dann teilweise vor ihm niederfallen, fußig werden, ihn quasi anbeten, wenn man so möchte. Er meinte, er sei der Sohn des Amun und äh hat sich das auf einer Reise zum Orakel in der in der Wüste in äh Ägypten auch bestätigen lassen. Da gibt's gab es dann so diverse Legenden um ihn. Auch Augustus, der Begründer des römischen Kaisertums, der ja in den Anfangsjahren des Lebens Jesu das römische Reich regierte, der sagt von sich selbst in Inschriften wie hier, er wäre "Divi filius". Er wäre der Sohn des Gottes. In dem Fall meinte natürlich den vergöttlichten Julius Caesar, der ihn ja noch adoptiert hatte. Aber auch dort spielt diese Idee so ein bisschen mit, dass er etwas Höheres ist als nur ein Mensch, Sohn eines vergöttlichten Wesens, Sohn Gottes sozusagen. Also ein Römer oder Grieche, der gelesen hätte: "Sohn David, Sohn Abrahams", hätte damit nicht viel anfangen können, aber "Sohn Gottes", das war etwas, was man konzeptionell verstehen konnte.

[22:04] Aber das bringt uns zu einer anderen Frage, die auch durchaus heftig diskutiert wird, nämlich: Stehen diese Worte "des Sohnes Gottes" überhaupt hier am Anfang des Markus-Evangeliums im Original? Standen die dort? Ähm, warum wird die Frage gestellt? Weil es Bibelmanuskripte gibt, wie hier den Codex Corideti, den man heute in in Georgien in Tiflis aufbewahrt, aus dem 9. Jahrhundert, wo tatsächlich dieser Nachsatz fehlt. Hier das Beweisfoto. Hier ist der Anfang. Oben sieht man "Euangelion" und dann kommt "Iēsou Christou". Das ist also hier rot eingekreist und dann kommt nichts weiter. Die dritte Zeile sagt dann schon "Kathōs gegrapai" und so weiter, wie geschrieben steht. Da kommt Vers 2. Da fehlt "des Sohnes Gottes". Und wenn man sich den Codex Sinaiticus anschaut, aus dem 4. Jahrhundert, der ist ja ganz berühmt, wurde im Katharinenkloster auf der Sinai-Halbinsel gefunden, da sieht man an der entsprechenden Stelle, dass jemand da was noch zwischen die Zeilen geschrieben hat. Auch dort heißt es, steht in der ersten Reinschrift sozusagen so äh: "Anfang des Evangeliums Jesu Christi" und dann zwischen die Zeilen noch mit diesen vier Buchstaben jeweils zwei äh mit einem Strich drüber. Das ist das Abkürzungszeichen äh, ist genauso wie auch davor bei Jesu Christi. Das ist jeweils abgekürzt. Ähm, noch "Sohn Gottes" dazwischen, noch dazu reingeschrieben. Und die Frage stellt sich: Ist das dann eine spätere Ergänzung? Hat das die Kirche sozusagen dann verändert? Oder äh, hat hier jemand äh, ungenau gearbeitet und ein Korrektor hat das dann noch korrigiert? Gab es also Manuskripte, wo das vergessen worden ist und wo das dann wieder korrigiert werden musste? Denn es gibt eine Reihe von genauso alten Manuskripten oder ungefähr genauso alten Manuskripten, die das haben. Hier Codex Alexandrinus zum Beispiel. Dort liest man ganz deutlich: "Anfang des Evangeliums Jesu Christi" und jetzt rot unterstrichen: "des Sohnes Gottes", ganz, ganz deutlich. Oder der Codex Washingtonianus aus dem vierten oder fünften Jahrhundert nach Christus. Wie gesagt, letztes Mal schon erwähnt, die Datierungen sind nicht immer ganz äh eindeutig, aber so ungefähr in diese Zeit fällt auch dieser Codex und dort, wenn auch ein bisschen unsauber geschrieben, muss man zugeben, ist doch deutlich auch hier: "des Sohnes Gottes." Das ist also nicht nur Teil dieser alten Manuskripte, die überwiegende große Mehrzahl aller Manuskripte hat das.

[24:36] Aber was soll man jetzt als einfacher Mensch machen, der kein Griechisch kann, der die Manuskripte nicht alle studiert und jetzt das nicht abwägen kann? Wie soll man das jetzt rauskriegen? Stand das jetzt dort oder stand das nicht dort, wenn sogar alte Manuskripte sich zum Teil hier äh nicht, also zum Teil unterschiedlicher Meinung sind? Schauen wir uns einmal an, was direkt in den Versen danach geschieht. In Markus 1 kommt direkt danach die Geschichte von Johannes dem Täufer, werden wir uns alles mal noch genauer anschauen. Und dann kommt die Geschichte der Taufe von Jesus. Und bei der Taufe von Jesus, wenige Verse nach dem Anfang, steht: "Eine Stimme ertönt aus dem Himmel: 'Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.'" Das heißt, in diesem Anfang von Markus wird sowieso die Idee ganz deutlich, das wird so drauf hin äh komponiert, dieser Text sozusagen, das wird ganz deutlich, dass Jesus als der Sohn Gottes hier beschrieben wird.

[25:36] Ähm, ist ganz ähnlich wie Matthäus-Evangelium, wo auch am ersten Satz gesagt wird: "Ist der Sohn Davids, des Sohnes Abrahams." Und dann kommen, wie ihr letztes Mal schon gesehen, dieses Geschlechtsregister, das von Abraham bis zu David und so weiter geht, wo also die auch dann tatsächlich auch vorkommt. Mit anderen Worten, dass der Titel des Evangeliums wird dann in der nachfolgenden Geschichte, im nachfolgenden Text auch direkt gleich aufgegriffen. Spricht natürlich sehr stark dafür, dass "Sohn Gottes" von Anfang an auch dabei gewesen ist bei Markus, weil natürlich er dann in den nächsten Versen genau diesen Punkt auch beweist sozusagen. Ja, er er er gibt quasi eine Erklärung, warum er das am Anfang gleich schreibt. Es würde keinen Sinn machen zu behaupten, Markus hätte nicht oder das Markus-Evangelium würde nicht davon ausgehen in der Urfassung, dass Jesus der Sohn Gottes wäre, wenn dann aber gleich in den nächsten Versen genau das beschrieben wird. Wir haben etwas ganz ähnliches auch bei Matthäus gesehen, Matthäus 1, wo diese Begriffe David und Abraham, die ja im Titel vorkommen, dann in den nachfolgenden Versen auch prominent zur Sprache kommen in dem Geschlechtsregister. Es macht also wirklich Sinn, davon auszugehen, dass dieser Nachsatz "des Sohnes Gottes" tatsächlich Teil des Textes von Anfang an gewesen ist. Und das ist also durchaus nicht unüblich, dass ab und zu mal auch etwas verloren geht beim Abschreibeprozess. Das ist also keine ungewöhnliche Sache.

[27:05] Wir können also sagen, die Botschaft des Johannes Markus von Anfang an: Das Markusevangelium ist: Jesus ist Gottes Sohn. Und auch das ist natürlich eine sehr herausfordernde, eine sehr weitreichende Behauptung, die wir in dieser Serie immer wieder auch uns neu durchdenken wollen.

[27:27] Der Theologe John Robinson hat vor einiger Zeit beklagt, dass es ein Tabu in der theologischen Wissenschaft gibt, nämlich die Frage: Was hat Jesus über sich selbst gesagt? Er schreibt hier, ähm, in diesem Artikel und ich übersetze nur einige der unteren Zeilen. Er sagt, es gab so in seiner Zeit eine Reihe von Dingen, die so quasi wie Dogmen waren, die man nicht wirklich hinterfragt hat, nämlich zum Beispiel, dass die Evangelien keine Biografien sind und dass es unmöglich ist, ein Leben von Jesus zu schreiben und dass man niemals mehr erfahren kann über Jesus als wie dann die Kirche und der Glaube der Kirche, den Christus präsentiert haben. Und über allem anderen, sagt er, es war allgemein gilt allgemein der Grundsatz über das, was Jesus über sich selbst gesagt hat, wie er sich selbst wahrgenommen hat. Sein Selbstbewusstsein können wir nicht sagen.

[28:35] Nun, ist tatsächlich eine riesige Diskussion in der Forschung, wie Jesus sich selbst gesehen hat. Die allermeisten Historiker, die die Forschung auf dem Gebiet der des historischen Jesus vorantreiben, behaupten, Jesus habe sich selbst nie als göttlich bezeichnet. Dagegen stellen andere Theologen fest, die sich damit beschäftigen, wie Jesus seit frühster Zeit gesehen worden ist, dass Christen von Anfang an ihn als Jesus verehrt haben. Sobald man Christen findet in Inschriften, in Texten, wird er sofort immer auch als Gott verehrt. Und Brand Petre hat in seinem Buch "Jesus and Divine Christology" diese beiden Punkte mal nebeneinander gestellt und gesagt, das ist ja sehr merkwürdig. Wie kann es sein, dass alle seine Nachfolger ihn von Anfang an als Gott verehrt haben, wenn er angeblich sich nie als göttlich bezeichnet hat? Wir müssen also dieser Frage nachgehen auch im Laufe unserer Serie, wie Jesus sich selbst verstanden hat und was uns die Texte, wenn wir sie wirklich durchdenken, darüber sagen. Das werden wir in dieser Serie dann immer weiter verfolgen.

[29:46] Nächstes Mal werden wir uns dann noch mal genauer mit den Evangelien beschäftigen. Wir wollen ja die Quellen genau verstehen. Wir werden versuchen zu verstehen, wie diese drei sogenannten Synoptischen, die ähnlichen Evangelien zueinander stehen und wer sie jetzt eigentlich auch geschrieben hat. Das Thema wird dann sein: Matthäus, Markus, Lukas und Co.

[30:12] Ihr erinnert euch, am Ende von Logos gibt's immer noch den Nachgedanken. Und hier ist er.

[30:17] Das Matthäus-Evangelium berichtet, dass Jesus kurz vor seinem Kreuztod gefragt worden ist, ob er der Christus sei, der Sohn Gottes. Und Jesus hat dies bestätigt. In der Apostelgeschichte wird ein Mann aus Äthiopien von Philippus deswegen getauft, der Kämmerer, weil er sagt: "Ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist." Es scheint so, als ob diese Formulierung eine Art frühchristliches Bekenntnis ist. Wir finden es auch am Ende von Johannes. Dort steht im vorletzten Kapitel: "Diese aber gemeint sind die Geschichten, die Jesus, die Johannes aufgezeichnet hat. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus, der Sohn Gottes ist." Auch Paulus kennt diesen diesen Gedanken: "Gott ist treu, durch den er berufen sei zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus." Matthäus, Markus, ähm, in der Apostelgeschichte, ähm, also bei Lukas und auch bei Paulus findet sich überall dieser Gedanke von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Paulus bringt das Ganze dann in seinem berühmten Römerbrief ganz am Anfang auf den Punkt. Er sagt: "Paulus, Knecht Jesu Christi" und dann spricht er von dem Evangelium von seinem, das heißt von Gottes Sohn, der hervorgegangen ist aus dem Samen Davids, also der Sohn Davids nach dem Fleisch und erwiesen ist als Sohn Gottes in Kraft, genau das, was wir bei durch die Auferstehung, sagt er dann, was wir bei Matthäus und Markus finden, jeweils am Anfang: "der Sohn Davids, der Sohn Gottes." Wenn Markus also Jesus den Sohn Gottes nennt, den Christus, den Sohn Gottes, dann formuliert er ein frühchristliches Bekenntnis und zwar auf die Art und Weise, wie sie auch ein Nichtjude verstehen kann. Ein Bekenntnis, das sich durch das gesamte Neue Testament zieht, ein Beleg dafür, dass das wirklich auch der Originalwortlaut des Evangeliums ist.

[32:21] Es lohnt sich die Quellen genau anzuschauen und äh, sich von ihnen erfrischen zu lassen. Bis zum nächsten Mal.


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