Begleite Christopher Kramp in dieser Folge von LOGOS auf einer spannenden Reise zurück zu den Anfängen der Geschichte Jesu. Wir beleuchten die historische Bedeutung der Uhrzeit 15 Uhr und tauchen gemeinsam mit dem Evangelisten Lukas in die Ära von König Herodes ein, um das Leben und Wirken Jesu chronologisch neu zu entdecken.
LOGOS: 6. Treffpunkt Tempel 15 Uhr
Christopher Kramp · LOGOS ·Themen: Bibel, Bibelstudium, Grundlehren der Bibel, JesusWeitere Aufnahmen
Serie: LOGOS
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Transkript
[0:31] Herzlich willkommen zu LOGOS, die Geschichte von Jesus neu durchdenken.
[0:40] Was haben die Kapitulation von General Lee 1865 in Appomattox und die Ankunft von George W. Bush auf der Basis in Nebraska am 11. September 2001, als er evakuiert worden ist, gemeinsam? Nun, abgesehen davon, dass sie beide mit wichtigen Ereignissen der amerikanischen Geschichte in Verbindung stehen, haben sich beide Ereignisse um genau 15 Uhr ereignet. Und das ist die Brücke zu unserem Thema heute. Wir möchten heute, wie letztes Mal angekündigt, beginnen, die Geschichte von Jesus jetzt chronologisch uns Stück für Stück zu erarbeiten. Und wir beginnen ganz vorne, und die allererste Geschichte, die hat was mit dieser Uhrzeit 15 Uhr zu tun. Das Thema heute ist: Treffpunkt Tempel, 15 Uhr. Und damit herzlich willkommen und schön, dass du wieder dabei bist bei unserem Podcast hier über das Leben und Wirken von Jesus Christus.
[2:00] Die allererste Geschichte, die man so tatsächlich als Geschichte in den Evangelien greifen kann, die wird von Lukas erzählt. Wir haben uns ja in früheren Folgen schon mit den Evangelisten ein bisschen beschäftigt, ein bisschen angefangen zu überlegen, wie diese Evangelien auch entstanden sind. Haben festgestellt, dass der Lukas sehr gründlich recherchiert hat und viele Berichte auch gesichtet hat. Und er ist der einzige von allen vier, der weit in der Zeit zurückgeht, wie wir es jetzt hier heute dann sehen werden.
[2:35] Nachdem er dieses Proömium, das wir in der dritten Folge uns mal genauer angeschaut haben, das so in hochgestochenem Griechisch uns zeigt, was er getan hat, nachdem er das gesagt hat und geschrieben hat, beginnt er jetzt in Vers 5 mit der Geschichte und zunächst einmal mit einer zeitlichen Angabe. Er sagt: „In den Tagen des Herodes, des Königs von Judäa.“ Nun, Herodes ist kein Unbekannter. Er war damals sogar ein ziemlich mächtiger Mann. Er war formal ein Klientelkönig der Römer. Das heißt, er hat offiziell sein eigenes Königreich gehabt. Er war also in dem Sinne formal autonom, war nicht unter einem Statthalter. Die Gegend war keine Provinz, aber er war eigentlich nur deswegen König, weil die Römer ihn stützten. Die hatten ihn eingesetzt noch im Zuge der ganzen Bürgerkriege. Nach dem Sturz von Julius Caesar ist er eingesetzt worden, hatte zunächst auch lange auf der Seite von Mark Antonius gestanden, ist dann quasi rechtzeitig noch auf die Seite von Octavian, dem späteren Augustus, gewechselt.
[3:50] Über 30 Jahre hat er dort als König in der Levante, in der Gegend Palästinas und zum Teil auch dann übergreifend auf der östlichen Seite des Jordan bis hin ins heutige Syrien hinein, ein ziemlich bedeutendes Reich gehabt, ein Königreich, eine regionale Mittelmacht auf jeden Fall. Besonders berühmt geworden ist er neben sehr negativen Geschichten in der Bibel, mit denen wir uns auch noch ausführlich hier beschäftigen werden, aufgrund seiner vielen Bauprojekte. Niemand vor ihm in den Jahrzehnten und danach hat in der Gegend so viel und so massiv und so berühmt gebaut, manches von dem noch heute zu bewundern. Zum Beispiel Caesarea Maritima, eine ganz neue antike große Hafenstadt, die zu Ehren des römischen Kaisertums letztlich errichtet worden ist, oder die Neugründung der alten Nordreich-Hauptstadt Samaria als Sebaste. Das war auch eine Anspielung auf den Augustus, mit dem er persönlich eng befreundet gewesen ist, denn Sebastos ist das griechische Äquivalent, also die Übersetzung von lateinisch Augustus. Es war sogar so, dass Herodes aufgrund seiner Nähe zu Augustus zeitweise nach Augustus und Agrippa, dem Feldherrn von Augustus, der drittmächtigste Mann im römischen Reich faktisch gewesen ist.
[5:25] Hier haben wir noch ein anderes großes Bauprojekt von Herodes: Masada. Eine große Festung auf so einem Tafelland, militärisch extrem gut zu verteidigen. Das haben auch die Römer Jahrzehnte später zu spüren bekommen. Oder das Herodium, das große gewaltige Grabmal für ihn, das auch heute noch seine Faszination nicht verloren hat. Am allermeisten allerdings – und das ist jetzt nur eine kleine Auswahl, es gibt noch viel mehr, was man hätte anführen können – am allermeisten ist er berühmt geworden für seine Erneuerung und massive Erweiterung des Tempels in Jerusalem.
[6:09] Der war zur Zeit der persischen Könige unter Darius dem Großen zu Ende gebaut worden. Also ein vergleichsweise kleiner Tempel. Die Erbauer hatten teilweise noch Kenntnisse darüber, wie der erste Tempel unter Salomo ausgesehen hatte, und die Älteren unter ihnen haben sogar geweint, als sie den zweiten Tempel dann, die Fundamente gesehen haben. Aber unter Herodes ist dieser Tempel so erweitert worden, so groß gemacht worden, dass es selbst in Rom oder in anderen großen Zentren des römischen Reiches eigentlich nichts Vergleichbares gab. Es war eine der absoluten Attraktionen in architektonischer Hinsicht des gesamten römischen Reiches, und die Bewohner von Judäa und überhaupt die Untertanen des Herodes, die waren nicht ohne Grund stolz auf diesen tollen Tempel. Dieser Tempel bildet auch den Anfangspunkt der gesamten Geschichte, die wir in diesem Podcast uns jetzt anschauen wollen.
[7:21] Lukas beginnt zunächst einmal ein bisschen die wesentlichen Personen vorzustellen, ein bisschen den Hintergrund zu geben. Er sagt hier: „In den Tagen des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester mit Namen Zacharias.“ Als Priester hat er natürlich seine Aufgaben am Tempel. Zacharias ist die griechische Form von Sacharja. Also wahrscheinlich wird ihn seine Frau nicht Zacharias genannt haben, sondern Sacharja. Und das bedeutet wörtlich: „Der Herr gedenkt“. Interessant ist, dass hier erwähnt wird, dass er aus der Abteilung Abias kommt. Wörtlich steht dort im Griechischen erst einmal nur die „Ephemeria“, das ist wörtlich das, was den Tag betrifft. So wird das auch im klassischen Griechisch verwendet. Aber im Kontext der Priester ist damit der tägliche Dienst gemeint. Also die Priester haben sozusagen tägliche Aufgaben, und weil es so viele Priester gab, hat man sie eingeteilt. Es konnten nicht immer alle gleichzeitig am Tempel arbeiten. Es gab bestimmte Priesterklassen. Jeder wusste, wann er mit der Verrichtung dieser täglichen Pflichten dran ist.
[8:37] Diese Priesterklassen sind auch außerhalb der Bibel ganz gut belegt. Zum Beispiel hier bei Josephus, dem berühmten Historiker, der Jahrzehnte später dann den Untergang Jerusalems und diesen ganzen Krieg der Römer gegen die Juden beschrieben hat. Er schreibt in einem seiner großen Werke, den „Jüdischen Altertümern“, folgendes. Er sagt: „In dieser Zeit wohnte in Modein, einem Dorf Judäas, ein Mann mit Namen Mattatias, ein Sohn des Johannes, des Sohnes Simeons, des Sohnes des Asmonaios. Er war Priester nach der Ordnung des Jojarib.“ Und das bezieht sich auch auf diese Priesterklassen, und er verwendet auch genau das gleiche Wort „Ephemeria“ wie der Lukas.
[9:18] Das Ganze geht zurück auf das Alte Testament, wo in 1. Chronik 24 berichtet wird, dass man die Priester in 24 Abteilungen eingeteilt hat. Man hat das ausgelost. Da hat man den Jojarib zum Beispiel, das war das erste Los, oder den Abia, das war der, wo Zacharias Teil von war, der hatte das achte Los. Und dann war die Idee, dass sozusagen diese Priesterabteilung der Reihe nach immer ihren Dienst haben. Man findet Berichte oder Gedanken über diese Priesterklassen auch in Qumran. Wir haben ja schon über Qumran gesprochen, und da gibt es einige Texte, die „Mischmarot“-Texte, das sind so Kalenderberechnungen, die die Bewohner von Qumran da angestellt haben. Und da sieht man hier zum Beispiel rot unterstrichen auch: „Am dritten Tag in der Ordnung des Abia ist dann das Passafest.“ Da haben die dann mit ihrem eigenen Kalender, den man in Qumran da entwickelt hat, versucht, da Berechnungen anzustellen. Und das ist alles ganz kompliziert, muss uns nicht weiter interessieren, aber es zeigt uns: Wenn der Lukas diese Priesterklasse erwähnt, dann knüpft er an etwas an, was allgemein damals gut bekannt gewesen ist und das noch Jahrhunderte weitergelebt hat. Noch in der Spätantike, als es den Tempeldienst gar nicht mehr gab, hat man noch immer diese Priesterklassen quasi weiter tradiert, wie hier Inschriften uns belegen.
[10:44] Und 1. Chronik macht ganz deutlich, das ist eine Reihenfolge, die sozusagen nach einer gewissen Ordnung stattzufinden hat. 2. Chronik 23 zeigt uns, wie lange jeweils so eine Abteilung Dienst hatte. Da steht nämlich, dass sie am Sabbat antraten und am Sabbat abtraten. Also immer der siebte Tag der Woche, der Samstag, der Schabbat, war der Tag, wo die Priester ihren Dienst gewechselt haben und dann eine Woche gedient haben. So steht es auch bei Josephus in den schon erwähnten „Jüdischen Altertümern“: 8 Tage lang. Also beide Sabbate werden quasi dann mitgezählt, inklusiv von Sabbat zu Sabbat. Und er beschreibt hier den Dienst, wie er in alter Zeit, in alttestamentlichen Zeiten eingeführt worden ist. Er schreibt hier am Ende in diesem Abschnitt: „Diese Einteilung hat sich bis heute erhalten.“ Also er verbürgt, dass das über Jahrhunderte hinweg so praktiziert worden ist.
[11:47] Das ist eine sehr interessante Angabe, die manchen dazu verleitet hat zu überlegen: Könnte man damit nicht vielleicht auch die Geburt von Jesus berechnen? Und das hängt damit zusammen, weil wir dann von dieser Geschichte, die wir jetzt uns gleich noch anschauen werden, dann sehen können, dass so und so viel Monate später dann Jesus geboren worden sein muss. Und wenn man sozusagen die genaue Jahreszeit wüsste, wann jetzt die Ordnung des Abia dran war, dann könnte man ja einfach durch diese Weiterrechnung diese lang diskutierte Frage klären: Wann wurde Jesus jetzt wirklich geboren? Im Dezember oder zu einem anderen Zeitpunkt?
[12:33] Das Problem ist, dass es 24 Priesterklassen gab. Das heißt, die füllen nur 48 Wochen im Jahr aus. Man hat dann noch beim Passa und beim Laubhüttenfest und auch bei dem Wochenfest, dem, was die Christen Pfingsten genannt haben, alle Priester da gehabt. Man hat die quasi noch rausgenommen, aber das hat trotzdem nur 51 Wochen ergeben in etwa, sodass nach 51 Wochen alles wieder von vorne losging. Das ist nach ein, zwei Jahren noch nicht gravierend, aber über Jahrhunderte bedeutet das, dass der Dienst der ersten Abteilung im Laufe der Zeit sich ständig verschiebt und letztlich durch den Kalender komplett hindurchgeht. Und da man jetzt nicht ganz genau weiß, in welchem Jahr das angefangen hat und wie die Verschiebung war – es gab auch keine richtigen Schalttage für dieses System –, kann man eigentlich nicht wirklich sagen, wann jetzt zur Zeit hier in Lukas 1 die Ordnung des Abia an der Reihe war. Es gibt auch kein Dokument, wo man jetzt ein historisches Ereignis in dem Jahr so und so hat und dann gesagt wird, das war die Ordnung von einem dieser 24 Priesterorden. Man kann also nicht wirklich leider diese Priesterklassen für die Datierung der Geschichte heranziehen, also für die Feindatierung.
[14:03] Aber es ist interessant, dass Lukas die achte Klasse erwähnt. Es gibt andere Fälle, wie im Talmud zum Beispiel, der Jahrhunderte später entstanden ist, wo viele Traditionen auch des rabbinischen Judentums gesammelt worden sind. Und da wird behauptet, dass die Zerstörung von Jerusalem während der ersten Klasse, Jojarib, stattfand. Und das hat einige dazu veranlasst, einfach dann zu sagen: „Ah, da haben wir ein Ereignis, da können wir zurückrechnen.“ Aber wer den Talmud genau liest, der stellt fest, das soll konstruiert werden, dass die zweite Zerstörung Jerusalems unter den Römern genau zum gleichen Zeitpunkt stattfand, also nur Jahrhunderte später, wie die erste Zerstörung unter den Babyloniern: am gleichen Tag, gleiches Datum, gleiche Priesterordnung. Und da muss man als Historiker schon sagen, das wirkt ein bisschen konstruiert. Das wirkt so, als ob das jetzt tatsächlich wieder am gleichen Tag sein soll. Wenn der Lukas einfach irgendwas erfunden hätte, hätte er einfach auch die erste Klasse nehmen können. Das hätte sich ja gut gemacht, nicht wahr? Da geht eine neue Geschichte los, ein neues Zeitalter beginnt mit der Geschichte von Jesus. Aber nein, er sagt, das war die achte Klasse, und das ist ein Hinweis für die Glaubhaftigkeit, die Glaubwürdigkeit dieses Berichtes.
[15:14] Wir lesen weiter, dass Zacharias oder Sacharja verheiratet war mit einer Frau von den Töchtern Aarons, die Elisabeth hieß. Das ist auch eine griechische Variante für das hebräische Elisheba, und das ist kurioserweise tatsächlich auch der Name von Aarons Frau gewesen, anderthalb Jahrtausende früher. „Aaron aber nahm Elisheba zur Frau, die Tochter Amminadabs...“, so heißt es in 2. Mose 6, Vers 23. Sie war also nicht nur aus der Familie Aarons, also aus priesterlicher Abstammung. Sie hatte tatsächlich überdies auch noch den Namen, den Aarons Frau Jahrhunderte vorher gehabt hatte. Derselbe Josephus erzählt uns in einem anderen Werk, in „Contra Apionem“, dass es für die Priester absolut unumgänglich war, eine Frau aus Judäa tatsächlich zu heiraten. Er sagt hier: „Denn wer des Priestertums teilhaftig ist, darf nur mit einer Landsmännin Kinder zeugen.“ Da gab es keine Ausnahme. Das wurde sehr genau geprüft. Es musste eine Frau von israelitischer Abstammung sein. Dass der Zacharias, der Sacharja, sogar mit einer priesterlichen Frau, also einer Frau priesterlichen Geschlechts, verheiratet war, das war sozusagen dann der Goldstandard. Das war also besser ging es nicht nach dem Verständnis der damaligen Zeit.
[16:42] Der Lukas beschreibt die beiden auch. Er sagt: „Sie waren beide gerecht vor Gott und wandelten untadelig in allen Geboten und Rechtsbestimmungen des Herrn.“ Und aus der Perspektive der alttestamentlichen Schriften, die ja Aaron als Priester auch zur Grundlage seines Glaubens hatte, heißt das folgendes: In 1. Mose heißt es über Abraham: „Er glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm als Gerechtigkeit an.“ Also gerecht vor Gott zu sein hat auch im Alten Testament etwas mit echtem Glauben zu tun. In 5. Mose Kapitel 6 wird das dann konkretisiert: „Es wird uns zur Gerechtigkeit dienen, wenn wir darauf achten, alle diese Gebote vor dem Herrn, unserem Gott, zu tun, wie er es uns geboten hat.“ Also alttestamentlich spielt dort sowohl der Glaube als auch der Gehorsam eine Rolle. Und so müssen wir uns auch den Sacharja, den Zacharias, und die Elisheba, die Elisabeth, vorstellen.
[17:42] Dieser Gehorsam ist auch alttestamentlich immer ein Gehorsam aus Liebe und aus Vertrauen. Das heißt in 5. Mose 6, nachdem die Zehn Gebote wiederholt worden waren: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft.“ Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du auf dem Herzen tragen. Die Gebote sollten nicht einfach nur äußerlich erfüllt werden, sondern wirklich aus Überzeugung, aus Liebe ausgeführt werden. Was der Lukas also uns hier sagen möchte: Diese beiden waren tatsächlich echt überzeugte, gläubige Menschen. Die haben Gott geliebt und nach bestem Wissen und Gewissen versucht, seine Gebote zu halten.
[18:36] In Hesekiel 36 wird sogar deutlich, dass das Halten der Gebote nichts ist, wo Menschen einfach nur eine Pflicht erfüllen, die ihnen äußerlich aufgetragen wird. Hesekiel 36: Dort sagt Gott: „Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen. Ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch nehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ja, ich will meinen Geist in euer Inneres legen und werde bewirken, dass ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechtsbestimmungen befolgt und tut.“ Gott gibt also im Alten Testament nicht nur Gebote und Satzungen und hofft jetzt, dass die Menschen irgendwie sich anstrengen und es dann umsetzen, sondern er selbst gibt die Kraft, er gibt die Fähigkeit, dass Menschen, die ihm glauben und ihn lieben, diese Gebote tatsächlich auch praktizieren. Das müssen wir uns für Zacharias und Elisabeth vorstellen, dass sie mit echtem Glauben, mit tiefer Liebe zu Gott von ihm die Fähigkeit erhalten haben, tatsächlich auch so zu leben, wie es sein Wort sagt. Und übrigens ist das nicht nur eine alttestamentliche Idee, das ist eine Idee, die zieht sich durch die ganze Bibel und die gilt heute auch noch. Menschen, die aus Liebe und aus Dankbarkeit Gott wirklich ehren möchten, denen schenkt er die Kraft, auch seine Gebote halten zu können.
[20:05] Ach, es gab ein Problem. Es heißt, sie hatten kein Kind, weil Elisabeth unfruchtbar war und beide waren in fortgeschrittenem Alter. Nun, jeder, der das Alte Testament auch nur flüchtig gelesen hat, weiß, das ist so ein Leitmotiv, vor allem in den ersten Büchern der Bibel. Das kommt ständig vor: Isaak und Rebekka – Rebekka kann keine Kinder kriegen. Jakob und Rahel – auch sie ist unfruchtbar. Simsons Eltern konnten keine Kinder kriegen. Elkana und Hanna – immer wieder dieselbe Geschichte. Unfruchtbare Frauen und dann Geschichten, in denen Gott auf wundersame Weise eingreift. Von allen Geschichten in der Bibel im Alten Testament ist allerdings die von Abraham und Sara die deutlichste Parallele. Nicht nur, weil Abraham auch ganz besonders für seinen Gehorsam und seinen Glauben hervorgehoben wird. Er war auch gehorsam und hat Gottes Rechte und Gebote und Satzungen und Gesetze gehalten, so wie es auch von Zacharias und Elisabeth beschrieben wird. Von den beiden, Abraham und Sara, heißt es auch, dass sie recht betagt waren, dass Sara schon über die Wechseljahre hinweg war, dass sie keine Kinder mehr kriegen konnte, biologisch gesehen. Und so wird es auch mit Elisabeth der Fall gewesen sein. Zacharias hatte mit Abraham eine ganze Menge gemeinsam. Wir werden übrigens in der nächsten Folge diesen Gedanken noch weiter durchdenken.
[21:37] Er war an der Reihe. Die achte Priesterordnung, die des Abia, die hatte jetzt Dienst hier in Jerusalem. Das heißt in Vers 8: „Es geschah aber, als er seinen Priesterdienst vor Gott verrichtete.“ Nun, wie muss man sich das vorstellen? Wie haben die Priester damals den Dienst ausgeführt? Ein griechisches Dokument aus der Zeit vor Jesus, der sogenannte Aristeas-Brief, der deswegen so berühmt ist, weil dort auch die ganze Geschichte von der Übersetzung des Alten Testaments in das Griechische, die sogenannte Septuaginta, mit so ein bisschen Legenden erzählt wird und begründet wird und verteidigt wird. In diesem Dokument behauptet der Verfasser, der sich Aristeas nennt – ob das stimmt, ist völlig umstritten –, dass er in Jerusalem gewesen sei schon damals, also lange vor dieser Geschichte hier in Lukas, und den Dienst der Priester am Tempel in Jerusalem beobachtet hat. Und er gibt den jetzt wie folgt hier wieder:
[22:39] „Unvergleichlich“, sagt er, „ist der Dienst der Priester in jeder Hinsicht, was Kraftaufwand und anständige ruhige Haltung betrifft. Alle arbeiten aus freien Stücken mit großer Anstrengung und jeder einzelne hat seine besonderen Obliegenheiten. Die einen besorgen unausgesetzt das Herbeischaffen von Holz, die anderen von Öl, wieder andere von Feinmehl, noch andere von Spezereien, wieder andere bringen die Fleischstücke als Brandopfer dar, wobei sie besondere Kraft zeigen.“ Das erklärt noch ein bisschen, wie die dann diese großen Schenkel da auf den Brandopferaltar ja förmlich hinaufwerfen und da richtig ihre Muskeln ins Spiel kommen. Dann sagt er weiter: „Zum Ruhen ist ihnen ein Platz bestimmt, wo sie sich im Sitzen ausruhen. Geschieht dies, dann erheben sich einige von denen, die inzwischen geruht haben, und zwar aus eigenem Antrieb, ohne dass man ihnen einen Befehl zum Dienstantritt gibt.“ Es braucht also keinen Vorarbeiter, der ständig allen zu sagen hat, was sie zu tun und zu lassen haben. Die arbeiten wie so ein Schweizer Uhrwerk quasi, sagt er, und jeder weiß, wann er dran ist. Jeder hat seine Aufgaben und das mit großer Kraft und großer Präzision. Und dann sagt er: „Dabei herrscht solches Schweigen, dass man glauben könnte, es wäre kein Mensch da. Und doch sind etwa 700 Diensttuende da, dazu eine große Menge solche, die die Opfer darbringen, also die, die anbetenden. Aber alles geschieht voll Ehrfurcht und in einer der großen Gottheit würdigen Weise.“
[24:08] Nun, ob das exakt genauso gewesen ist, kann natürlich niemand nachprüfen. Es könnte sein, dass der Aristeas, so wie auch bei seiner Beschreibung der Entstehung der Septuaginta, vielleicht ein bisschen idealisiert und ein bisschen übertrieben darstellt, aber diese Grundidee dürfte schon zutreffend sein. Das sind Hunderte Priester, die sehr präzise arbeiten, offensichtlich auch ohne großen Lärm, und genau wissen, was sie zu tun haben. Und Zacharias war eigentlich gerufen, einer von diesen Hunderten von Priestern zu sein, der eine Woche dort Aufgaben übernimmt: Mehl bringt, Öl bringt oder Fleischstücke auf den Brandopferaltar wirft, je nachdem, was gerade zugeteilt wurde.
[24:51] Eine ganz besondere Zuteilung, die berichtet der Lukas hier für den Zacharias in diesen Versen. Er sagt: „Da traf ihn nach dem Brauch des Priestertums das Los, dass er in den Tempel des Herrn gehen und räuchern sollte.“ Es gab, wie gesagt, viele Aufgaben, aber das war eine ganz besondere. Sie war so besonders, dass wir in dem Mischna-Traktat Tamid in Kapitel 5, Absatz 2 lesen können: „Der eingesetzte Priester sagt ihnen: Nur jene Priester, für die das Räuchern eine neue Aufgabe wäre, also die das noch nie gemacht haben, dürfen kommen und an der Auslosung für das Räucherwerk teilnehmen.“ Mit anderen Worten: Es gab mehrere Dienste, die ausgelost worden sind, möglicherweise auch, weil es dort sonst Streit gegeben hätte, wer das dann tun darf. Und das Räuchern war was ganz Besonderes. Die anderen Aufgaben waren ja alle im Vorhof, aber einer durfte hinein und das Räucherwerk darbringen im Tempel selbst. Und unter den vielen hunderten Priestern konnte das nur einer machen am Tag. Und die Regel war, damit möglichst viele mal dieses Vorrecht haben können, dass wer das einmal schon gemacht hatte, nicht mehr an der Verlosung teilnehmen durfte. Wir können also sicher sagen: Zacharias hatte das noch nie in seinem Leben gemacht. Er war schon alt. Vielleicht hat er schon nicht mehr damit gerechnet, jemals diese Gelegenheit zu bekommen. Er wurde ausgelost, in den Tempel hineingehen zu dürfen. Das war sein großer Tag.
[26:31] Einmal im Leben in den Tempel hinein. Wenn nichts anderes an diesem Tag passiert wäre, Zacharias wäre allein deswegen mit Begeisterung nach Hause gekommen, hätte gesagt: „Elisabeth, stell dir vor, ich durfte endlich einmal den Tempel betreten. Ich durfte hinein, ich durfte das Räucherwerk darbringen auf dem Räucheraltar.“ Und während er hineinging – er wird bestimmt aufgeregt gewesen sein –, während er den großen Tag seines Lebens hatte, so dachte er, und er wusste ja nicht, was kommt, da war das ganze Volk draußen und betete zur Stunde des Räucherns. Alle anderen draußen, alle anderen beten, und er hat diese Verantwortung und geht hinein und bringt das Räucherwerk dar.
[27:27] Wir wissen, wann diese Stunde des Räucherns gewesen ist. In der Bibel heißt es, dass die neunte Stunde, das heißt, Achtung, 15 Uhr, die Stunde ist, da man zu beten pflegte. Tatsächlich bestätigt das auch Josephus in den „Jüdischen Altertümern“, wo er sagt, dass sowohl in der Morgenfrühe als auch zur neunten Stunde, das heißt um 15 Uhr, das Opfer dargebracht worden ist. Es war 15 Uhr, und Zacharias durfte in den Tempel hinein. Hunderte Priester im Vorhof, wahrscheinlich tausende Menschen, die angebetet haben und zu Gott gebetet haben, und er hatte die Gelegenheit hineinzugehen. Und im Heiligen, nicht ins Allerheiligste, da durfte er nicht, nein, aber im Heiligen am Räucheraltar, der am nächsten zum Allerheiligsten war, das Räucherwerk darzubringen, Symbol für die Gebete, die zu Gott emporsteigen. Er wusste nicht, dass der Tag noch viel dramatischer werden würde, als er sich in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Aber das schauen wir uns in der nächsten Folge an. Dann werden wir diese Geschichte weitererzählen, werden sie weiter unter die Lupe nehmen und das Thema wird dann heißen: „Abraham 2.0“.
[29:06] Wir freuen uns, wenn ihr dann wieder einschaltet und wenn ihr jetzt noch euch einen Moment Zeit nehmt, um noch mal nachzudenken. Es gibt noch eine Geschichte, die um 15 Uhr stattfand. Jahrzehnte später heißt es in Matthäus 27: „Und um die neunte Stunde, um 15 Uhr, rief Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani?“, das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die Geschichte beginnt um 15 Uhr am Tempel in Jerusalem mit einem Priester, der den Tempel hineingeht. Und die Geschichte kommt zu ihrem Höhepunkt, als um 15 Uhr, Jahrzehnte später, Jesus am Kreuz von Golgatha stirbt und in diesem Moment der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzweireißt. Sie beginnt um 15 Uhr beim Tempel und in gewisser Weise endet sie auch um 15 Uhr am Tempel. Nur, dass diese Geschichte dann nicht wirklich endet, sondern einen ganz neuen Anfang hat. Aber das zu seiner Zeit. 15 Uhr, eine besondere Uhrzeit im Heilsplan Gottes. Gott segne dich bei deinem Nachdenken.
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