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Abraham ist eine zentrale Figur in den drei Weltreligionen, doch was bedeutet sein Erbe für das Verständnis der Geschichte Jesu? In dieser Folge von LOGOS beleuchten wir die Bedeutung des Patriarchen an historischen Stätten wie Hebron und Jerusalem, bevor wir den Blick auf die dramatischen Ereignisse im Tempel richten, die den Weg für eine neue Geschichte ebnen. Begleiten Sie uns auf eine spannende Spurensuche, die Abraham in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.


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Serie: LOGOS

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Transkript

[0:32] Herzlich willkommen zu LOGOS, die Geschichte von Jesus neu durchdenken.

[0:40] In allen drei Weltreligionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam, spielt Abraham eine herausragende Rolle. Hier in Hebron, wo einst die Höhle Machpela gewesen ist und wo er nach biblischem Bericht begraben ist. Dann hat Herodes, von dem wir in der letzten Folge gehört haben, der große Baumeister in der Zeit vor Jesus, ein gewaltiges Gebäude hinbauen lassen, das heute sowohl als Synagoge als auch als Ibrahimi-Moschee benutzt wird. Im Andenken an den großen Patriarchen selbst in Mekka, wo jedes Jahr Tausende Muslime eintreffen, gibt es in der Nähe der berühmten Kaaba diesen Ort, wo Abraham gestanden haben soll und der dort auch entsprechend verehrt wird.

[1:41] Auch der Tempelberg in Jerusalem ist mit der Geschichte von Abraham aufs Ängste verbunden, denn 1. Mose 22 berichtet ja, dass dort, wo dann später der Tempel stand und heute die berühmten großen Moscheen zu finden sind, dass dort Abraham seinen Sohn Isaak beinahe geopfert hätte. Ja, die Geschichte geht ja dann gut aus. Er muss ihn nicht opfern.

[2:14] Es geht heute um Abraham, aber wir werden gar nicht die Geschichte von Abraham lesen. Das Thema heute heißt „Abraham 2.0“ und er wird immer so ein bisschen im Hintergrund mitgedacht sein, aber das werden wir dann schon sehen, wenn wir jetzt heute hier in dieser siebten Folge die Geschichte weiter studieren, die wir in der letzten Folge unseres Podcasts begonnen haben. Wir erinnern uns, es war sein großer Tag: Sacharja, oder wie er im griechischen Neuen Testament dann genannt wird, Zacharias, der Mann von Elisabet, von Elisabeth, der war an der Reihe in seiner Priesterordnung, der achten von Abia, und mit Hunderten von Priestern dort im großen, berühmten Tempel von Jerusalem, den Herodes hat großartig erweitern lassen, zu dienen. Und an jenem Tag – wir wissen nicht genau, an welchem Datum das war – hatte er die Aufgabe, durch Loserhalten in den Tempel selbst hineingehen zu dürfen, um dort Räucherwerk darzubringen, während all die tausenden Menschen im Vorhof gebetet haben.

[3:28] Wir haben das letzte Mal gesehen, das durfte man nur einmal im Leben machen als Priester. Entsprechend wird er mit großer Erwartung den Tempel betreten haben, in dem Bewusstsein, dass die gesamte Anbetung Israels sich auch in gewisser Weise jetzt auf seinen Dienst hin konzentriert. Und er betritt den Tempel an diesem großen Tag seines Priesterdienstes und er sieht etwas, womit er im Leben nicht gerechnet hätte. Lukas berichtet uns: Da erschien ihm ein Engel des Herrn, der stand zur Rechten des Räucheraltars.

[4:16] Das ist aus mehreren Gründen interessant. Zum einen, weil die herrschenden Priester, die dort in Jerusalem die Elite bildeten, zu der Überzeugung gekommen waren, dass es gar keine Engel gibt. Die Sadduzäer, das war eine der wichtigsten Religionsparteien in Israel zu der Zeit, und die stellten vor allem die Oberschicht dar. Große, wichtige Priester auch im Sanhedrin, große Leute waren meistens Sadduzäer, und die Sadduzäer haben sich ein bisschen angepasst an die griechische Philosophie, an so das hellenistische Denken, und haben so bestimmte Dinge wie Totenauferstehung oder Engel als nicht philosophisch erklärbar abgelehnt.

[5:04] Es gab aber auch die Pharisäer und die hatten sehr viel mehr Rückhalt im Volk und bei der einfachen Priesterschaft, die vom Lande kam, also nicht den Eliten in Jerusalem, sondern die so überall im Land verstreut lebten, zu denen offensichtlich auch Zacharias gehörte, denn wir werden noch heute sehen, dass er dann Jerusalem wieder verlassen hat. Er gehörte wohl zu jener einfachen Landpriesterschaft, die sich sehr viel mehr an die biblische Botschaft des Alten Testamentes gehalten haben. Auch wenn er vielleicht kein echter Pharisäer im engeren Sinne war, war er auf jeden Fall einer von denen, die es mit der griechischen Philosophie wohl nicht so stark hatten. Dass er jetzt als Priester tatsächlich einen Engel sieht, war natürlich eine spektakuläre Sache. Und dann war es so, dass der Engel nicht irgendwo stand, sondern direkt dort, wo er jetzt eigentlich hingehen wollte, und zwar zur Rechten des Räucheraltars.

[6:01] Und das ist ein oft übersehenes Detail. Der Räucheraltar stand schon in der Stiftshütte zur Zeit von Mose und Aaron im Heiligtum vor dem Vorhang zum Allerheiligsten, ganz nahe in der Nähe des Allerheiligsten. Er sollte eine Elle breit und eine Elle lang sein. Das sind ungefähr – je nachdem, welche Elle man dann nimmt, da gab es verschiedene Maße in der Antike – ungefähr ein halber Meter breit, ein halber Meter lang und ein Meter hoch. Also gar nicht so gewaltig. Der Engel hat sicherlich weit über den Räucheraltar hinausgeschaut in seiner Erscheinung. Dass er zur Rechten stand, das zeigt, dass hier eine positive Nachricht zu erwarten war.

[6:54] Der Jojada, der Priester zur Zeit von König Joas, als es darum ging, den Tempel auszubessern, hat die Lade, die das Geld aufsammeln sollte, wo das Geld eingeworfen worden war, um den Tempel zu restaurieren, die stand auch zur Rechten des Altars, in dem Fall wohl zur Rechten des Opferaltars. Da ging es um den Wiederaufbau, die Wiederherstellung des Tempels. Als der Jakob seine beiden Enkel Ephraim und Manasse segnen wollte, da hat sein Sohn Josef das schon so arrangiert, dass der Ältere mit der rechten Hand gesegnet wird und der Jüngere mit der linken, weil dahinter die Idee stand, der Erstgeborene bekommt einen besonderen Segen. Jakob hat es dann am Ende umgedreht, hat seine Arme überkreuzt, aber der Gedanke dahinter ist, dass die rechte Hand mit einem besonderen Segen, mit einer besonderen Freudigkeit, mit einer guten Nachricht zu verbinden ist. Der Engel kam nicht, um Gericht anzukündigen. So viel ist klar.

[8:04] Doch ist Zacharias natürlich total erschrocken. Er hatte noch nie in seinem Leben vermutlich einen Engel gesehen, und die meisten von uns haben wahrscheinlich auch noch nie einen Engel gesehen. Furcht überfiel ihn. Aber wie so oft schon im Alten Testament ist die Botschaft des Engels: „Fürchte dich nicht.“

[8:31] Er sagt: „Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört worden und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Johannes geben.“ Wir erinnern uns, die Frau war unfruchtbar, sie war schon recht betagt. So wie bei Abraham und Sara. Und der Engel sagt: „Pass auf, ich habe eine gute Nachricht für dich. Du bist Papa. Du wirst Vater werden. Deine Frau Elisabeth, von der du glaubst, sie kann keine Kinder mehr bekommen, sie wird einen Sohn gebären.“ Und jetzt heißt es: „Du sollst ihm den Namen Johannes geben.“

[9:09] Das ist bemerkenswert, denn im Griechischen ist diese Phrase „du sollst ihm den Namen Johannes geben“ quasi ein wörtliches Zitat aus der griechischen Übersetzung von 1. Mose 17. Als Gott zu Abraham gesagt hat, deine Frau Sara soll dir einen Sohn gebären und den sollst du Isaak nennen. Also, wenn man sich in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung, das anschaut, sieht man auch selbst, wenn man kein Griechisch kann, man sieht es: Wort für Wort das gleiche, bis auf den Namen, der anders ist. Also der Zacharias kannte die Bibel natürlich sehr gut und er wird sie wahrscheinlich auch im Griechischen gekannt haben – wir sehen später, dass auch die biblischen Schreiber oft das Alte Testament aus der Septuaginta zitieren. Dem wird dieser Wortlaut bekannt vorgekommen sein. Vor allem in seiner Situation wird er ohnehin eine gewisse Sympathie zu Abraham gehabt haben. Es gibt kein Vertun: Der Engel wollte ihm deutlich machen, du hast nicht nur das Problem von Abraham und Sara, ihr werdet auch die gleiche Lösung, das gleiche Wunder erleben.

[10:26] Der Name selbst ist auch wunderschön. Johannes auf Griechisch ist eigentlich hebräisch „Jochanan“, das heißt, es ist der Herr – und der ist hier in diesem Namen sogar etwas betont – der Herr ist es, der gnädig ist. Wenn man diese Betonung nicht so stark haben möchte, einfach nur sagen möchte „der Herr ist gnädig“, kann man die beiden Elemente des Namens umstellen und dann wird aus Jochanan „Hananja“, der Herr ist gnädig, und wir kennen ja zum Beispiel den Freund von Daniel aus dem Alten Testament, der auch diesen wunderschönen Namen gehabt hat.

[11:03] Also eine gute Nachricht, dargestellt dadurch, dass der Engel zur Rechten des Altars ist, mit einem positiven Inhalt. Der Name selbst drückt die Gnade Gottes aus und zu allem Überfluss sagt der Engel dann auch noch: „Freude und Frohlocken wird er dir bereiten. Viele werden sich über seine Geburt freuen.“ Und Zacharias wird gar nicht anders gekonnt haben, als sich daran zu erinnern, dass auch die Sara nach der Geburt vom Isaak tatsächlich gesagt hat: „Gott hat mir ein Lachen bereitet. Wer es hören wird, der wird mir zulachen.“ Die Parallele zum Leben von Abraham, die kann gar nicht deutlicher sein.

[11:44] Aber der Engel hat noch mehr zu sagen. Er sagt: „Denn er wird groß sein vor dem Herrn. Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken.“ Also dieses Kind, das Zacharias und Elisabeth großziehen sollen, wird nicht nur irgendein Sohn sein, sondern er wird eine bedeutende Aufgabe haben vor dem Angesicht Gottes. Er wird in Gottes Augen eine bedeutende Person sein. Und das klingt ja schon mal sehr interessant.

[12:15] „Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken.“ Auch das wird dem Priester Zacharias bekannt vorgekommen sein. Denn als Priester durfte er während des ganzen Priesterdienstes kein Wein und kein berauschendes Getränk trinken. So steht es schon in 3. Mose 10, wo Gott zu Aaron und seinen Söhnen gesagt hat, sie sollen weder Wein noch berauschendes Getränk trinken. Also, der Sohn des Priesters soll auch priesterlich leben. Man hat den Eindruck, wenn man antike Zeugnisse liest, dass viele Priester das dann so interpretiert haben, dass sie nur während des Dienstes kein Alkohol trinken sollen. Aber hier wird ganz deutlich: Dieser junge Mann soll quasi sein ganzes Leben wie ein Priester leben.

[13:09] Dafür gibt es schon im Alten Testament ein Konzept, das nennt man den sogenannten Nasiräer, von „Nazar“ (weihen), jemand, der sich Gott weiht. Das war auch auf eine gewisse Zeitspanne begrenzt. Ein Mensch konnte sagen: „Ich möchte in diesem Zeitraum als Nasiräer leben“, und er sollte dann unter anderem völlig abstinent sein von Wein und starkem Getränk. Er sollte sogar keinen Traubensaft trinken, nicht einmal getrocknete Trauben, also nicht einmal Rosinen essen, also so ganz klar von allem in dieser Hinsicht sich fernhalten. Und man hat also bei der Analyse dieser Geschichte immer wieder auch an den Nasiräer gedacht. Johannes, also der dieses Priesteramt aufs ganze Leben überträgt sozusagen und dabei als ein Geweihter lebt, und zwar auch nicht nur auf einen bestimmten Zeitpunkt, sondern für sein gesamtes Leben. Man hat den Eindruck, als ob Gott hier quasi ein bisschen das Denken herausfordert der Menschen von damals, dass nämlich ein gottgefälliges Leben nicht auf Zeit und Raum allein beschränkt sein soll, sondern letztlich das gesamte Leben durchziehen soll.

[14:30] Aber warum soll Johannes auf Wein und starkes Getränk verzichten? Gibt es dafür auch physiologische Gründe? Die letzten Jahre haben erneut gezeigt in großen wissenschaftlichen Studien, dass Alkohol selbst in geringen Mengen wirklich schädlich ist. Diese große Metastudie hier, veröffentlicht in „The Lancet“, hat letztlich gezeigt, dass es keine Menge Alkohol gibt, die irgendwie unbedenklich wäre. Tatsächlich ist es ja so, dass man schon oft gehört hat: „Ah, da gibt’s diese Studien, die belegen, ein bisschen ist eigentlich sogar gesundheitsfördernd, nur wenn es zu viel ist, ja, dann ist es natürlich schädlich, aber ein bisschen ist sogar besser als wenn man gar nicht trinkt.“ Solche Studien hat es immer wieder gegeben, aber große Metastudien haben jetzt diese Studien ausgewertet und festgestellt, dass es dabei viele methodische Fehler gab. Man hat zum Beispiel Menschen, die dann abstinent gelebt haben – man hat nicht bedacht, dass viele von denen früher Alkoholiker waren und deswegen aufgrund ihrer Altlasten quasi gestorben sind oder vielleicht dann trotzdem Zigarren geraucht haben oder Zigaretten konsumiert haben.

[15:46] Wenn man diese ganzen methodischen Fehler herausrechnet und allein sich nur auf den Alkohol an sich konzentriert, dann zeigen sämtliche Metastudien der letzten Jahre: Es gibt keine Menge Alkohol, die in irgendeiner Weise in kleinen Mengen gesundheitsförderlich sein würde. Es sind alles methodische Fehler in diesen Studien, die man gemacht hat. Das konnte man sehr deutlich jetzt zeigen und entsprechend hat sogar die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, vor kurzem erneut ein Statement rausgegeben: „Kein Level von Alkoholkonsum ist gesundheitlich unbedenklich, ist sozusagen sicher für unsere Gesundheit.“ Wer wirklich gesund leben möchte, der muss den Alkohol komplett lassen. Da gibt es wissenschaftlich keinen Zweifel dran.

[16:40] Und warum ist das so? Das hat nicht nur mit unserer allgemeinen Gesundheit zu tun. Alkohol hat auch ganz besonders negative Wirkung auf unseren präfrontalen Kortex, also den sogenannten Frontallappen hier vorne hinter der Stirn. Der Teil des Gehirns, der vor allem für moralische Entscheidungen, überhaupt für das Planen und für alles Rationale insbesondere zuständig ist. Selbst in kleinen Mengen bewirkt der Alkohol, dass unsere Impulskontrolle heruntergefahren wird, was dann sich daran zeigt, dass Menschen, die unter Alkoholeinfluss stehen, dann manchmal zu Risikoverhalten neigen und so weiter. Die Kritikfähigkeit lässt nach, das heißt, man ist dann auch nicht mehr so kritisch mit sich selbst, man überschätzt sich leicht, man hat immer mehr Probleme, Konsequenzen des Handelns abzuwägen, Probleme noch zu lösen. Aufmerksamkeit nimmt ab und all das ist grundsätzlich schädlich, nicht nur gesundheitlich, sondern auch für unsere Beziehung zu Gott. Denn in der Beziehung zu Gott geht es ja darum, dass wir auch unsere Impulse kontrollieren, dass wir auch in der Lage sind, unser eigenes Denken und Handeln zu kritisieren, weil der Heilige Geist durch das Wort Gottes uns den Spiegel vorhält. Wir sollen ja Konsequenzen abwägen, in welche Richtung unser Leben sich entwickeln wird, wenn wir Gott folgen oder der Sünde folgen. Wir müssen aufmerksam sein, um die Stimme des Heiligen Geistes zu unserem Denken zu hören. Der Alkohol blockiert in gewisser Weise sozusagen das Wirken des Heiligen Geistes.

[18:14] Ganz abgesehen davon, dass langfristig auch kleine Mengen Alkohol das Gehirnvolumen schrumpfen lassen, also verringern, und auch die Durchblutung einschränken – von den negativen Folgen des massiven Alkoholkonsums ganz abgesehen, die stehen auf einem anderen Blatt. Das heißt, in dieser Geschichte und in dieser Botschaft des Engels an Zacharias über die Erziehung von Johannes steckt auch für uns eine interessante praktische Lehre. Wer wirklich sein Gehirn zur besten Leistung bringen will, wer es optimal nutzen will, der sollte auf Alkohol komplett verzichten. Die gute Nachricht ist: Wenn man viel Alkohol getrunken hat und aufhört, dauert es nur einige Monate, bis zu sieben Monaten. Nach ungefähr sieben Monaten ist das Gehirn oft durch totale Abstinenz langsam wiederhergestellt und kann alte Funktionen auch übernehmen wie früher.

[19:15] Dieser Kontrast zwischen der Wirkung des Alkohols und dem Wirken des Heiligen Geistes, der wird sogar in Lukas hier speziell angesprochen. Das heißt nämlich: „Er wird mit Heiligem Geist erfüllt werden.“ Und das ist der Grund, warum er nicht Alkohol trinken soll, weil das Wirken des Heiligen Geistes durch den Alkohol behindert wird. So sagt es auch übrigens das Neue Testament, der Paulus in Epheser 5, Vers 18: „Berauscht euch nicht mit Wein, was Ausschweifung ist, sondern werdet voll Geistes.“ Das ist der Kontrast.

[19:49] Dieser Johannes, sagt der Engel, wird eine prophetische Aufgabe haben. Nun, woher wissen wir das? Schauen wir uns den Text an in Vers 16: „Und viele von den Kindern Israels wird er zu dem Herrn, ihrem Gott, zurückführen.“ Das heißt also offensichtlich, zu der Zeit, in der Zacharias das hier erlebt, geht es dem Volk geistlich nicht so gut. Sie mögen zwar alle dort am Tempel stehen und beten, aber in ihren Herzen sieht es längst nicht so aus, dass sie wirklich Gott kennen oder ihn lieben. Es heißt sogar, er wird vor ihm hergehen, also vor dem Herrn. Er wird also so eine Art Wegbereiter sein für Gott.

[20:28] Und da wird sich Zacharias an einen anderen Text erinnert haben, an den Text des Propheten Maleachi. Der letzte Prophet, bevor dann ungefähr 400 Jahre die Stimme der Propheten versiegt war. Er war der letzte Prophet, wahrscheinlich um 400 vor Christus. Maleachi hatte durch Gott angekündigt: „Siehe, ich sende meinen Boten, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und plötzlich wird zu seinem Tempel kommen der Herr, den ihr sucht, und der Bote des Bundes, den ihr begehrt, siehe, er kommt, spricht der Herr Zebaoth.“ Da wird jemand kommen, der vor mir den Weg bereitet. Also Maleachi sagt, es wird einen Boten geben, der den Weg Gottes bereitet. Und der Engel sagt Zacharias: „Dein Sohn, der Johannes, der wird vor dem Herrn hergehen. Er wird also das Kommen Gottes vorbereiten.“

[21:30] Das ist keine kleine Aufgabe, das ist eine gewaltige Aufgabe. Er wird groß sein vor dem Herrn. Und plötzlich realisiert Zacharias: Hier geht’s noch um viel mehr, als dass ich mal einen großen Tag habe, dass ich ja mal in den Tempel darf. Das ist ein ganz gewaltiger Moment. Zacharias befindet sich im Tempel, der von Herodes so ausgebaut worden ist. Er ist Priester dort und er hört jetzt im Tempel, dass der Engel ankündigt, dass der Bote, der den Weg bereitet für Gott, damit Gott zu seinem Tempel kommt, dass er der Vater dieses Boten sein sollte. Diese ganze Geschichte beginnt am Tempel und sie ist in gewisser Weise auch auf den Tempel ausgerichtet.

[22:18] Wenn wir im Laufe dieser Geschichte immer und immer wieder sehen: „Er wird dies tun im Geist und in der Kraft Elias, um die Herzen der Väter umzuwenden zu den Kindern und die Ungehorsamen durch die Gesinnung – so wörtlich – der Gerechten, um dem Herrn ein zugerüstetes Volk zu bereiten.“ Das war wieder eine Anspielung auf Maleachi, denn Maleachi hatte gesagt: „Siehe, ich sende euch den Propheten Elia.“ Damals hat man tatsächlich geglaubt – das lässt sich auch nachweisen in Quellen –, dass der Prophet Elia irgendwie persönlich auftreten würde. Der Engel sagt jetzt dem Zacharias: „Dein Sohn wird sozusagen im Geist von Elia und in der Kraft von Elia wie Elia wirken.“ Und diese Formulierung „er wird das Herz der Väter den Kindern, das Herz der Kinder wieder ihren Vätern zuwenden“ – das haben wir gerade bei Lukas gesehen. Der Engel sagt dem Zacharias: „Du wirst der Vater des Sohnes sein, auf den ihr seit Jahrhunderten wartet, der den Weg bereitet für Gott selbst.“

[23:32] Was für ein Tag im Tempel. Er war einem Engel begegnet und der hat ihm gesagt, dass er der Vater des Menschen sein sollte, des Mannes, auf den man seit Jahrhunderten wartet, der den Weg bereitet für Gottes Ankunft am Tempel.

[23:59] Wenn man sich den Zacharias anschaut, dann entdeckt man eine ganze Reihe von Parallelen zu Abraham. Beide waren treu und gerecht. Sie waren beide schon hoch betagt, alt, und sie hatten eine alte, unfruchtbare Frau. Beide hatten besondere Erscheinungen – Abraham sehr oft, Zacharias jetzt zum ersten Mal –, Erscheinungen, die über das hinausgehen, was man natürlich als Mensch erlebt. Und beiden wurde verheißen, dass sie einen Sohn haben werden. Ihnen wurde sogar exakt der Name des Sohnes vorhergesagt, sogar mit derselben Formulierung. Und beiden wurde gesagt, dass ihr Sohn eine bedeutende Rolle im Heilsplan spielen sollte. Der Isaak, der Sohn von Abraham, war der Sohn der Verheißung, über ihn sollte die Heilsgeschichte laufen. Isaak selbst ist ja auch ein Typus auf Jesus, also ein Vorbild in den Geschichten, die von ihm berichtet sind. Die Parallele könnte kaum deutlicher sein. Zacharias muss sich gefühlt haben, als wäre er Abraham 2.0 sozusagen.

[25:06] Und seine Reaktion: Er fragt: „Woran soll ich das erkennen?“ Wie bitte? Woran sollst du das erkennen? Die Bibel, lieber Zacharias, das Alte Testament, das er ja gut kannte, das Alte Testament hat in der Geschichte von Abraham exakt gezeigt, wie Gott mit all diesen Problemen der unfruchtbaren Frau, das eigene hohe Alter, wie mit all dem umgehen kann. Und Zacharias, der die Geschichte genau kennt und plötzlich realisiert, dass dieser Engel ihm sagt, dass in seinem Leben genau das gleiche passieren sollte – er glaubt es nicht. Er fragt sich, wie das möglich sein soll, woran er das erkennen soll. Er hätte es erkennen sollen daran, dass er in der Bibel schon davon gelesen hat. Zacharias fehlt der Glaube, und das, obwohl er die Bibel genau kennt. Er sagt: „Ich bin alt. Wie soll das gehen?“

[26:14] Vielleicht können wir uns an der Stelle ein bisschen mit dem Zacharias identifizieren. Er hat es sogar ganz besonders betont. Im Griechischen heißt es: „Denn ich bin ein alter Mann.“ Ja, „ego“ – ich, das hätte man gar nicht mehr unbedingt ausdrücken müssen, das steckt im „eimi“ schon drinne. Ich bin „eimi“, aber „ego“ ist so: „Ich bin ein alter Mann. Schau doch auf mich.“ Der Engel antwortet mit: „Ich bin Gabriel.“ Und im Griechischen sieht man, wenn man dieses „denn“ gar weglässt, es ist genau die gleiche Formulierung. Der Zacharias sagt: „Schau auf mich, ich bin alt.“ Und der Engel schaut ihn an und sagt: „Aber ich bin Gabriel.“

[27:10] Und er nimmt das Ganze noch mal eine Wendung. Denn plötzlich wird deutlich, dass es nicht nur irgendein Engel ist – das wäre schon spektakulär genug –, sondern es ist der einzige Engel, der in der Bibel mit Namen erwähnt wird, im Alten Testament, im Neuen dann auch. Er sagt: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht.“ Und dieses „vor Gott stehen“ – meint nicht einfach nur, er steht einfach da, um einen Befehl zu halten. Das Griechische schwingt mit, dass er bei Gott steht, in der Nähe von Gott, der bei Gott dabei steht, der nahe bei Gott ist. Er sagt: „Ich bin gesandt, zu dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen.“ Deswegen zur Rechten des Altars. „Ich habe ein Evangelium, eine gute Nachricht für dich. Und siehe, du wirst stumm sein und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit.“

[28:02] Abraham hatte auch seine Glaubenskrise, aber Abraham hatte die Geschichte von Abraham noch nicht. Zacharias hatte die Geschichte von Abraham und hat trotzdem nicht geglaubt. Und der Engel sagt: „Du musst die Konsequenz davon schon spüren. Du wirst jetzt neun Monate nicht reden können.“

[28:25] Gabriel, der Name bedeutet, je nachdem, wie man es grammatisch auffasst, entweder „Gott ist meine Stärke“ oder „Mann Gottes“. Und Gabriel ist derjenige, der dem berühmten Propheten Daniel erschien, um die Vision in Daniel 8 zu erklären. Und dann noch mal in Daniel 9 kam, als Daniel gebetet hat und es noch nicht verstanden hatte und noch mehr wissen wollte. Da heißt es hier: „Ja, während ich noch redete und betete, rührte mich der Mann Gabriel an, den ich anfangs im Gesicht gesehen hatte, als ich völlig erschöpft war. Achtung! Um die Zeit des Abendopfers.“ Das ist 15 Uhr. Dasselbe Engel, der fast sechseinhalb Jahrhunderte vorher, dem Daniel, als es keinen Tempel gab, zur Zeit des Abendopfers erschienen war, um ihm die Visionen zu erklären. Der erscheint jetzt fast über ein halbes Jahrtausend später, als es den Tempel wieder gibt, zur selben Uhrzeit dem Zacharias, um ihm anzukündigen: „Es geht jetzt los.“ 15 Uhr, Gabriel.

[29:38] Damals hatte Gabriel dem Daniel die Ankündigung gemacht, wann der Messias, der Gesalbte, der Fürst kommen würde. Wir können den ganzen Text jetzt nicht lesen, aber Daniel 9 geht es dann um eine Zeitberechnung, die uns hier auch noch ausführlich beschäftigen wird in diesem Podcast, indem angekündigt wird, dass der Gesalbte, der Messias, eintreffen wird, um der Übertretung ein Ende zu machen, um die Sünden abzutun, die Missetat zu sühnen, eine ewige Gerechtigkeit herbeizuführen. Es geht um die Lösung des Sündenproblems. Wir haben in der fünften Folge schon ein bisschen davon gesprochen, dass das, was Augustus nie lösen konnte, Jesus lösen würde. Da gab es eine Zeitprophezeiung. Der Prophet Daniel hatte sie empfangen von Gabriel um 15 Uhr, und ein halbes Jahrtausend später empfängt Zacharias vom selben Gabriel um 15 Uhr im Tempel die Botschaft: „Dein Sohn, den du jetzt zeugen wirst – also mit deiner Frau, natürlich Elisabeth gebären wird –, der wird der Vorläufer sein, den Weg bereiten.“ Die Geschichte geht los.

[30:57] Draußen standen die Menschen und haben gebetet und sich gewundert, was der Zacharias da so lange macht. Das heißt, sie verwunderten sich, dass er so lange im Tempel blieb. Vielleicht ist da noch mehr gesprochen worden. Der Text sagt auch nicht, ob er dann am Ende auch noch geräuchert hat. Es hat gedauert. Und als er rauskam, konnte er nicht reden. Sie merkten, dass er im Tempel eine Erscheinung gesehen hatte. Er hat Handzeichen gemacht, er winkte ihnen und blieb stumm. Ein eindrückliches Ereignis. Der Tempel hat einen Engel gesehen.

[31:46] Er ist noch ein paar Tage dort geblieben. Das heißt dann, er ging heim in sein Haus. Er war also ganz offensichtlich Teil dieser Landpriesterschaft, die nicht zur Elite in Jerusalem gehörte. Und tatsächlich, nach diesen Tagen wurde seine Frau Elisabeth schwanger. Genauso wie in 1. Mose 21. Die Sache. Und sie verbarg sich fünf Monate und sprach: „So hat der Herr an mir gehandelt.“ Und selbst jetzt sind die Worte hier: „So hat der Herr an mir gehandelt“, nicht unähnlich zu den Worten, die in 1. Mose 21 verwendet werden: „Und der Herr handelte an Sara, wie er geredet hatte.“ Ein Wunder. Abraham und Sara 2.0. „Gott hat meine Schmach von mir genommen.“ Das hatte auch Rahel gesagt, als Gott sie erhört hatte und ihr den Josef geschenkt hat.

[32:49] Und diese Geschichte von Zacharias und Elisabeth hat gerade erst begonnen. In der nächsten Folge wollen wir dann uns anschauen, dass der Gabriel noch einen anderen Ort aufsucht. Er hat eine mehrfache Mission. Er kommt nicht nur zum Tempel, um einen Priester zu besuchen. Aber das schauen wir uns das nächste Mal an. Die Folge heißt dann „Hallo“ – und das ist kein Witz, denn das ist genau das, was der Engel sagt: „Chaire“, hallo. Aber zu wem und wie? Das schauen wir uns dann das nächste Mal genauer an.

[33:31] Bleibt uns nur noch ein kurzer Moment zum Nachdenken. Warum lesen wir eigentlich die Bibel? Geht’s uns vielleicht auch so wie dem Zacharias, dass wir manchmal merken: „Moment mal, was dort geschrieben ist, das ist eigentlich meine Situation.“ Ich heiße zwar nicht Petrus, ich wohne zwar nicht in Jerusalem, ich habe zwar nicht mit Assyrern zu tun, aber im Prinzip ist das, was ich hier lebe, genau meine Situation. Echter Glaube zeigt sich darin, dass wir das, was wir in der Bibel lesen, auf unsere Situation anwenden, auch wenn da Jahrhunderte dazwischen liegen. Auch für Zacharias lagen anderthalb Jahrtausende – mehr noch, mehr als anderthalb Jahrtausende – zwischen Abraham und seiner Geschichte. Wenn du also Bibel liest, dann versuch darauf zu achten, ob die Geschichten und die Prinzipien, die du dort erkennst, nicht auch direkt in dein persönliches Leben hineinsprechen. Dann kannst du mit dem Psalmisten sagen: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“ Viel Freude beim Entdecken, wie die Bibel auch direkt in deinen Alltag hineinspricht und dir etwas zu sagen hat. Gott sei mit dir. Bis zum nächsten Mal.


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